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Carsten



Last Updated: 6/17/2009

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Tuesday, September 23, 2008 
Das Leben ist gut
In Mindanao, im Süden der Philippinen, herrscht wieder Krieg. Dies ist die Geschichte von Bailyn Mandi, die zwischen die Fronten geriet.

Bailyn stirbt mit Publikum. Auf der Bahre eines namenlosen Krankenhauses, gleich hinter der staubigen Landstraße, die das Dörfchen Datu Piang mit der Welt verbindet. Es scheint, als ob sie schlafen würde, die dürren Arme baumeln schlaff herab. Der linke Oberarm ist zerfetzt, Knochen ragen aus einem Loch, in dem Fliegen schwirren. Der rechte Oberschenkel durchschossen, die Hüfte absurd verrenkt. Blut, überall Blut. Ein Arzt? Der hat sich seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Zu unsicher die Lage – und es heißt, dass die Rebellen Ärzte entführen, um ihre Verwundeten zu behandeln. Medikamente sind nicht zur Hand, auch kein Verbandszeug, um die Wunden zu verschließen; eine Aspirin muss reichen. Neben Bailyn zittert ihr Bruder Jamaluddin auf einer Bank, weniger schwer verletzt und unter Schock. Ein blutverschmierter, blasser, dünner Junge, der an seinen Nägeln kaut und seiner Schwester beim Sterben zuschaut. Orientierungslos, teilnahmslos, gefangen in den Trümmern seines Lebens.

Das Mädchen atmet nicht mehr, die Augen kippen nach hinten, so dass nur noch das Weiße zu sehen ist. Menschen stehen um die Bahre; drängeln, schubsen, recken Hälse, manche schießen Fotos mit ihren Mobiltelefonen. Es wird gelacht und gequasselt, als ginge es auf den Rummel. Blut tropft auf weiße Fliesen, und das Leben fließt aus Bailyn heraus. Bald begreifen auch die Schaulustigen, dass es für den schmächtigen Körper, der vor ihnen auf der Bahre zuckt, keine Rettung gibt. Ein Murren geht durch die Menge; aus Neugierde wird Bestürzung, Wut, Hilflosigkeit. Eine Schwester massiert noch eine Weile den Herzmuskel, dann wendet auch sie sich ab, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht wie die Bitte um Entschuldigung. An der Wand schlägt eine Uhr die Zeit in Splitter. Bailyn wurde zehn Jahre alt, und auf ihrem T-Shirt steht: Das Leben ist gut.

Mindanao, die südlichste Insel der Philippinen, ist Schauplatz von Asiens längstem Konflikt. Eine vierhundert Jahre währende Fehde zwischen den Moros, den moslemischen Ureinwohnern, und zugewanderten Christen. Die Jahrhunderte vergehen wie in einem Raubritterroman. Erst die Spanier, dann die Amerikaner und später, nach der Unabhängigkeit, die Philippiner. Sie alle kolonisierten die Insel, ihre Schiffe spucken christliche Missionare und Siedler aus. Und die Moslems wurden langsam zu einer Minderheit in ihrer Heimat, fühlen sich benachteiligt und unterdrückt. Eine Art philippinisches Tibet, nur ohne Dalai Lama. In diesem Konflikt geht es um Macht, Einfluss, Rechte, Rohstoffe, Unabhängigkeit. Und um Stolz.

Man wolle wieder wer sein, so wie damals, als die Sultane herrschten, fordern die Moros. Aber vor allem es geht darum, das Land der Ahnen zu verwalten und zu besitzen, weil die Moros es als ihr rechtmäßiges Erbe betrachten. Seit den siebziger Jahren kämpft die Moro Islamic Liberation Army (MILF) in einem Guerillakrieg gegen die philippinische Regierung um mehr Autonomie. Keiner will teilen, jeder will alles für sich. Eine Tragödie im Windschatten der Weltöffentlichkeit.

Mehr als dreißig Jahre und 120.000 Tote später schien der Frieden so nah wie nie. Für ein paar kurze Wochen machte sich Hoffnung in Mindanao breit. Anfang August dieses Jahres beschlossen MILF und die philippinische Regierung schließlich, ein Abkommen zu unterzeichnen, das den Moros mehr Autonomie zusichern sollte – und die Menschen in Mindanao begannen von geteerten Straßen, mehr Jobs und besserer Schulbildung zu träumen. Es blieb ein Traum: im letzten Augenblick stoppten christliche Politiker vor einem philippinisches Gericht die Unterzeichnung mit der Begründung, nicht alle betroffenen Bevölkerungsgruppen wären an dem Verhandlungsprozess beteiligt gewesen.

Jahrelang hatten sich die Kriegsparteien aufs Reden konzentriert, anstatt sich umzubringen. Das Urteil des Richters machte alles zunichte. Es war eine Wette gegen Tod und Vernichtung, die nun verloren war. Gewundert haben sich wenige in Mindanao; das Leben besteht hier aus Negativmeldungen und bösen Überraschungen.

Unmittelbar nach dem Ende der Friedensverhandlungen brannten zwei abtrünnige MILF-Kommandeure, Commander Bravo und Commander Kato, aus Wut und Enttäuschung christliche Dörfer nieder, massakrierten die Anwohner und plünderten Häuser. Die Armee schlug zurück. Dutzende starben in diesen ersten Augusttagen.

An dem Morgen, den sie nicht überleben soll, zieht Bailyn Mandi ihr Lieblings T-Shirt an. Es ist rosa, mit einem Herzen auf der Brust. Dazu ein grüner Rock. Hinter ihr steht ihre Mutter Delma Mandi. Bailyn solle sich beeilen, drängt sie, die Soldaten seien schon ganz nah, man müsse schleunigst verschwinden. Wie so oft. Gefechte und Flucht sind die Gezeiten ihres Lebens, so regelmäßig wie Ebbe und Flut. Routine, jeder Handgriff sitzt; Reis und Gemüse für ein paar Tage einpacken, eine Plastikplane gegen den Regen, mit dem Boot übersetzen und den Kopf ausschalten, während sich das Leben auf das Warten reduziert. Warten, dass die Zeit vergeht, die Kämpfe enden und sie wieder in ihre Hütte zurückkehren können.

Schon in der Nacht flüsterten sich die Männer des Dorfes Butilen zu, dass sich hunderte von Regierungstruppen in der Gegend positionieren; sie kämen in Lastwagen und seien schwer bewaffnet. Das konnte nur eines bedeuten: Ein Angriff steht unmittelbar bevor. Ein Gerücht besagte, dass Commander Kato in der Nähe sei, verwundet und in die Enge getrieben. Deshalb seien die Soldaten gekommen, um ihn gefangenzunehmen.

Die Provinz Maguindanao ist das Epizentrum des Krieges, überwiegend moslemisch und arm. Auf den Hügeln gedeiht Marihuana, das macht das Leben erträglicher. Die meisten Menschen beenden nicht die Schule, Hahnenkämpfe und Karaoke lassen die Zeit schneller vergehen, Strom gibt es nur stundenweise. Hier, in den endlosen Sümpfen, sollen sich die Gesuchten Kato und Bravo verstecken; inzwischen mit einem Kopfgeld von jeweils zehn Millionen Pesos ausgestattet, etwa 150.000 Euro – tot oder lebendig.

500.000 Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht, und täglich werden es mehr, die ihren Besitz in Schubkarren oder Motorrikschas transportieren. Sie schlagen ihr Lager entlang der Schotterstraßen auf, in Schulen, in Moscheen und auf Sportplätzen. Ein Lindwurm aus bunten Plastikplanen, Jutesäcken und wackeligen Unterkünften, zusammengeschustert aus Wellblech und dürren Ästen. Ein Flickenteppich des Elends, der ständig größer wird, die Menschen leiden unter Hunger, Denguefieber und Ruhr. Der Ausnahmezustand ist hier Alltag. Öffentliche Schulen bleiben geschlossen, die Felder können weder geerntet noch bestellt werden. Das Leben dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Wo befindet sich die MILF? Gab es neue Kämpfe oder Plünderungen? Fragen, die die Zeit bestimmen, unterbrochen nur durch die Stunden der Mittagzeit, wenn die Sonne alle Lebewesen in den Schatten treibt. Das Leben im Flüchtlingslager ist ein Vakuum, in dem Zeit nicht existiert.

Während Familie Mandi eilig ihre Habseligkeiten packt, rücken mehrere Einheiten der 601. Brigade an die Siedlung Butilen vor, wenige Kilometer von Datu Piang entfernt. Ihr Auftrag lautet, Commander Kato zu töten oder festzunehmen. Außerdem ist da noch eine Rechnung zu begleichen. Drei Wochen zuvor entführten Katos MILF-Rebellen Sergeant Roger Emden, brachten den Mann in ihr Lager und töteten ihn. Das was von ihm übrig ist, will man aus der Erde holen. Die Soldaten müssen vorsichtig sein. Kato hat ein Heimspiel, hier ist er aufgewachsen, kennt jeden Strauch, jedes Versteck, und auf die Loyalität der Dorfbewohner kann er sich verlassen. Langsam, ganz langsam kämpfen sie sich vorwärts durch Sumpf und Gestrüpp. Dann fallen Schüsse.

Um 9.55 Uhr kreisen Hubschrauber und Flugzeuge der philippinischen Armee über Datu Piang und den umliegenden Sümpfen. Maschinengewehre rattern, Granaten explodieren; eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. In den Straßen von Datu Piang drängeln sich die Flüchtenden.

Als die Granaten fallen, sitzt Bailyn schon mit ihrer Familie in einem von zehn Booten, in denen die Flüchtlinge über die Sümpfe nach Datu Piang fliehen. Hinter ihnen Palmen, Bananenstauden, Reisfelder – und in der Ferne schwarzer Rauch. Sie sitzt ganz vorne in dem Kanu, das ihre Familie in Sicherheit bringen soll, damit sie die Fische besser sehen kann, die manchmal aus dem Sumpf hüpfen, wenn sich der Bug durch die Wasserlilien kämpft. Hinter ihr sitzen die Geschwister; die siebenjährigen Zwillinge Kim und Adtaya, die 14-jährige Faiza, die im dritten Monat schwangere Aida, 18, und Jamaluddin, 14. Die Hubschrauber am Himmel und die Flugzeuge, die im Tiefflug über ihre Köpfe brummen, beunruhigen niemanden. Ebenso wenig das Donnern der Granaten, die hinter den Fliehenden im Dschungel niedergehen. Soldaten schießen nicht auf Frauen und Kinder, denken die Flüchtenden. In diesem Augenblick dreht einer der Rebellen, die sich in den Booten verstecken, durch. Mit seinem Maschinengewehr beschießt er die Flugzeuge – und macht die Flüchtenden zu Zielscheiben. Zeugen werden später erzählen, dass Bailyn dem Piloten zuwinkte, als er die Schnauze seiner Maschine senkte und das Boot anvisierte. Eine Rakete trifft es nur einen Augenschlag später.

Oberst Marlou Salazar wollte retten, was er Heimat nennt. Als Offizier der philippinischen Armee soll er für die Sicherheit von Maguindanao sorgen. Er glaubte, endlich die richtige Rolle zu spielen, fühlte sich als Hauptdarsteller in einem Stück, von dem niemand glaubte, dass es jemals aufgeführt werden würde. Seit drei Monaten ist er auf diesem Hügel stationiert, sein Hauptquartier, dreißig Kilometer von Datu Piang entfernt. Von hier oben kann man kilometerweit in alle Richtungen sehen. Eine Festung aus Stacheldraht und Sandsäcken, die nur über einen steilen Feldweg zu erreichen ist. Und eine zeitlang sah es tatsächlich nach Frieden aus. Dann legte jemand einen neuen Film ein; ohne Happy End.

Fünf Stunden, nachdem seine Leute auf Zivilisten schossen, sitzt Oberst Salazar unter einem Tarnnetz und pult das Schwarze unter seinen Fingernägeln heraus. Ständig klingelt das Telefon, Reporter stellen Fragen, auf die er keine Antwort weiß: ... tote Kinder? ... sind Sie sicher? ... Nein, er wisse nicht, wie das passieren konnte ... Ja, er werde diesen Fall gründlich untersuchen ... vielleicht waren es ja Kindersoldaten der MILF... – und nach jedem Gespräch scheint es, als wenn er in sich zusammenfiele. Die Uniform hat er abgelegt, über seinen Bauch spannt sich ein weißes Unterhemd, die Füße stecken in Flip Flops, und er sieht aus, als hätte er Magengrippe. Er raucht, zieht den Rauch tief in die Lunge, die Finger krampfen sich um den Filter. „Tote Kinder, oh mein Gott?", sagt er und zündet sich mit der Glut der Kippe eine neue Zigarette an, als wolle er sich an etwas festhalten.

Dabei hätte Oberst Salazar an diesem Morgen zum Helden werden können – hätte man Kato nur erwischt. Stattdessen muss er nun den Tod von Zivilisten erklären. „Immerhin haben wir die Leiche von Roger Emden bergen können." Es klingt wie eine Entschuldigung.

Am späten Nachmittag dieses Schicksalstages sitzt Delma Mandi, Mutter von zehn Kindern, in dem winzigen Pfahlhaus, wo fünf ihrer Kinder aufgebahrt liegen. Sie blickt hinaus in die Sümpfe, wo sie sie verlor. Nach und nach hatte man sie aus dem Sumpf gezogen. Zwischendrin hat sie alles durchlaufen an diesem Morgen; Hoffnung, ungläubiges Entsetzen, lähmende Verzweiflung. Zuletzt lud ein Krankenwagen Bailyns zerschossenenen Körper vor der Veranda ab.

Delma Mandi fährt sich über das Gesicht, schweigt, versucht zu lächeln. Die Lippen ohne Blut. In einem Raum liegt die 18-jährige Aida, frisch verheiratet und im dritten Monat schwanger. In einem anderen Zimmer liegen die vier Kinder; Kim, Adtaya, Faiza – und Bailyn, die immer noch den Infusionsbeutel im Arm hält. Das Leben ist erstarrt wie eine plastinierte Leiche. Ein Mann beugt sich über die Kinder und schließt ihnen die Augen. Vorhin hielt ein Trupp Soldaten vor ihrer Hütte, und Delma Mandi dachte im ersten Augenblick, dass sie gekommen waren, um auch sie zu töten. Aber die Männer entschuldigten sich bloß für den tragischen Unfall, ließen ein paar Säcke Reis zurück und drückten Mandi fünftausend Pesos in die Hand, als Wiedergutmachung – umgerechnet 75 Euro. Manch ein Soldat soll geweint haben. Sie jappst nach Luft, versucht zu reden, hat keine Stimme mehr. Sie zuckt und zittert, greift nach einem Tuch, das sie tief in die Augen drückt.

Bailyn Mandi, schmal und dünn, mit den Ohrringen, die sie niemals ablegte. Gestorben, bevor das Leben richtig beginnen durfte. Ein Irrtum, ein Unfall. Als man Bailyn und ihre Geschwister in die Erde lässt, regnet es. Ihre Mutter steht vor der Grube, ganz stumm. Und am Himmel kreisen Hubschrauber.
Tuesday, September 23, 2008 
Übersetzen und kein Ende

Tommy lernte die Sprache der Feinde heimlich: Seine Mutter flüsterte ihm Vokabeln beim Linsenkochen zu. Nun arbeitet er als Übersetzer für die US-Soldaten in Afghanistan. Sein Job ist gut bezahlt, aber gefährlich: Die Taliban hassen Kollaborateure wie ihn - und haben bereits seine Mobilnummer.

Es fängt an mit einem Kribbeln in den Zehenspitzen, es wandert die Venen hoch, bis zum Brustkorb. Dort drücken ihm finstere Gedanken wie eine eiserne Hand den Herzmuskel zusammen, lässt den Atem flach und den Kopf leer werden. Für einen Augenblick wird er von der Vorstellung gelähmt, er könnte sterben.
Er möchte sich klein machen, sich verstecken vor dem Tod, der in den Bergen und Tälern seiner Heimat lauert. Tommy sehnt sich nach Frieden, der unerreichbar scheint, nach Alltag, mit Freunden in Teestuben hocken oder Mutters Rosinenreis. Solche Gedanken rasen ihm in den letzten Sekunden vor jedem Einsatz durch den Kopf. Was hat Captain Jon Trowller gerade während der Lagebesprechung gesagt? Dass man die Augen aufhalten solle, weil man bisher immer auf den Patrouillen in den Kharwar Distrikt beschossen wurde. "Da draußen herrscht Krieg, und die wollen uns tot sehen." Er weiß wovon Trowller spricht, erlebt fast täglich die brutale Choreografie des Krieges; Minen, Sprengfallen, Granaten. Dann wackelt er kurz mit den Schultern, als könne er so die Angst abschütteln. „In'Schallah", sagt der Junge. Es wird schon alles gut gehen.

"Nenn mich Tommy", sagt der junge Mann. Er trägt Baseballmütze und Bartstoppeln. Seinen richtigen Namen wagt er nicht zu nennen, denn Tommy hat einen der gefährlichsten Berufe im neuen Afghanistan - er ist Übersetzer im Dienste der US-Armee. Jeder, der mit der afghanischen Regierung, Amerikanern oder Koalitionstruppen zusammenarbeitet gilt bei den Extremisten und Fanatikern als Verräter und Kollaborateur. Ein Todgeweihter. Dutzende Soldaten, Polizisten oder Übersetzer wurden ermordet, entführt, ihre Familien bedroht. Seit zwei Jahren arbeitet er als Übersetzer, und in dieser Zeit ist sein Blick hart geworden. Es sind die Augen eines alten Mannes.

Er öffnet die schwere Tür des gepanzerten Jeeps, drückt sich in den Sitz, senkt den Kopf und blickt auf seine Hände, dabei bewegt er die Lippen, als flüstere er ein Gebet. Er wirkt wie ein gefangenes Tier in einem Käfig. Dann rollt der Konvoi aus dem Stützpunkt der Amerikaner, rumpelt den Altimur Pass hoch, in die Berge des afghanischen Hinterlandes. Das Ziel ist der Kharwar Distrikt, dreißig Kilometer nördlich vom Stützpunkt; Talibanland. Hier, in diesem Paralleluniversum zur zivilisierten Welt, kämpfen afghanische, amerikanische, französische und tschechische Soldaten für Freiheit, Frieden, Pluralismus - für diese großen Worte, die so komisch an Orten klingen. wo sich menschliche Bomben zu ihrem Gott sprengen..

Der Konvoi holpert über Feldwege und Gebirgspässe, und währenddessen erzählt Tommy seine Geschichte. Eigentlich möchte er nur fort von hier, raus aus dieser Baracke des amerikanischen Militärlagers Altimur, etwa fünfzig Kilometer südlich von Kabul. Weit weg von Staub und miesem Essen, Granaten und Minen. Zurück nach Kabul, um Journalismus zu studieren. Doch diesen Traum hat er vor einigen Jahren begraben. Zwei Monate lang studierte er an der Universität Kabul, doch das Geld reichte nicht. Die Mutter verdiente zu wenig, um ihn zu unterstützen. Es langte nicht einmal für Kost und Logis; für Bücher und Studiengebühren schon gar nicht. Dann gab es da noch das Problem mit der Korruption. Er kannte doch niemanden in der Regierung, war mit keinem hohen Beamten befreundet oder verwandt. "Ohne Beziehungen oder Geld bekommt man heutzutage keinen Job. Da kannst du die beste Ausbildung haben."

Kabul hat ihm trotzdem gefallen. Dort gab es geteerte Straßen, Bazare, Teestuben, wunderschöne Mädchen, grüne Parkanlagen, in denen man sich heimlich an der Hand halten konnte. "Kabul!", er spricht den Namen der Hauptstadt ganz langsam aus, lässt ihn über die Zunge rollen. Plötzlich zuckt er zusammen, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Die Stadt ist weit weg, wie unerreichbar. Stattdessen ist er an dieses Lager gebunden, das mehrmals die Woche mit Granaten beschossen wird.

"Sieh mich an", sagt er. "Ich bin 21 Jahre alt und sehe aus wie vierzig, ganz dünn und grau." Sieben Jahre ist es her, dass die Amerikaner die Taliban vertrieben. Der Tag, an dem die ersten Bomben fielen, sei der glücklichste Tag seines Lebens gewesen, sagt Tommy. Weil von nun alles besser werden würde; Frieden, Aufschwung, Bildung, Internet und Mobiltelefone würden folgen, so dachte er, damals - ein vierzehnjähriger Junge, der zum ersten Mal von der Zukunft träumte. Seitdem wartet er darauf, dass die Versprechen eingelöst werden.

Tommy sitzt auf der Rückbank des Humvees, knetet nervös seine Hände und blickt durch Panzerglas auf die "Qualas", die fensterlosen Lehmgehöfte der Einheimischen, vor deren Bewohnern er seine Identität hinter Sonnenbrille und Baseballmütze verstecken muss. In seinen Armeehosen, der schusssicheren Weste und dem Helm wirkt er eher wie jemand aus einer Spezialeinheit gegen Terroristen als ein Übersetzer. Die Amerikaner und die Nato würden es ja gut meinen, davon ist Tommy überzeugt. "Es ist richtig, dass sie hier sind. Aber es dauert zu lange, bis sich etwas ändert." Er sagt dies wie jemand, der die perfekte Frau getroffen hat, aber sich doch nicht in sie verliebt.

Unter den Taliban musste er Turban tragen und die Suren des Korans auswendig lernen, alles andere, Englisch, Mathematik, Chemie, Physik, war verboten. Das nannten sie Schule. Die Sprache der Ungläubigen brachte ihm seine Mutter heimlich bei. Früher einmal war sie Lehrerin gewesen, bis die Turbankrieger die Macht über Afghanistan gewannen, Männer hinter Bärte und Frauen unter Burkas zwangen. "Junge", sagte die Mutter. "Wenn du willst, dass es dir einmal besser ergeht, dann musst du die Sprache der Amerikaner lernen." Und so flüsterten sie sich täglich in der Küche englische Vokabeln zu, während die Mutter Linsen und Reis zubereitete.

Tommy ist gläubiger Moslem, aber die Taliban hat er schon immer gehasst - weil sie ihm ihre Weltanschauung aufzwingen wollten. Mit fünfzehn wollte er einmal gemeinsam mit einem Freund nach Pakistan fahren, um einen Onkel in Peschawar zu besuchen. An einem Checkpoint, kurz vor der Grenze, verhaftete man die beiden Halbwüchsigen, weil man bei Tommy zwei Kassetten mit indischen Liebesliedern gefunden hatte. Der Taxifahrer hatte die beiden Jungs an die Taliban verpfiffen. Nach zwei Tagen Knast und zwanzig Stockschlägen auf die Handflächen durften sie weiterreisen. Als sie zehn Tage später aus Pakistan zurückkamen, waren das Gefängnis und die Taliban verschwunden. Die Amerikaner hatten begonnen, Afghanistan zu bombardieren und Tommy fing an, die verbotenen Lieder zu singen.

Achthundert Dollar verdient Tommy im Monat, dafür riskiert er sein Leben sechs Tage die Woche. Immerhin ist es ein Vielfaches des afghanischen Durchschnittsgehalts von knapp 400 Dollar - im Jahr. Sparen kann er trotzdem kaum etwas. Weil er die Familie unterstützen muss, die Mutter ohne Rente und den minderjährigen Bruder, der nach Schweden fliehen musste. "Meine Schuld", sagt Tommy: Als die Taliban erfuhren, dass er für die Amerikaner arbeitet, begannen sie, seine Familie zu bedrohen. Dreimal versuchten sie, den jüngeren Bruder Anayatullah zu ermorden. Einmal traf ihn eine Kugel in den Oberschenkel. Das war zuviel. Tommy ertrug nicht, dass Anayatullah seinetwegen getötet werden könnte, raffte sein gesamtes Erspartes zusammen, zehntausend Dollar, und bezahlte eine Schleuserbande, die den 17-jährigen in Sicherheit bringen sollte. Jetzt sitzt Anayatullah in einem Asylbewerberheim in Stockholm und wartet auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Schweden sei ein gutes Land, mit liberalen Einwanderungsgesetzen, habe er gehört. Ab und zu können die Brüder übers Internet chatten. "Es sieht gut aus", sagt Tommy.

Irgendwer aus seinem Dorf hat ihn an die Taliban verpfiffen. Jetzt haben sie seine Mobiltelefonnummer. Deswegen erhält er ständig Drohanrufe. Wenn er nicht aufhöre, mit dem Feind zu kollaborieren, würde man ihn umbringen, sagen fremde Stimmen. Tommy sagt dann "Fuck you! Ihr seid die Feinde meines Landes, nicht ich", und legt auf. "Ich lass mich doch von diesen ungebildeten Halbaffen nicht einschüchtern." Aber lange halte er dieses Leben nicht mehr aus, "zwei Monate noch, dann höre ich auf und suche mir einen anderen Job." Was? Keine Ahnung.

Station in dem Dörfchen Anger. Es liegt in einem Talkessel, umgeben von staubbraunen Bergen. Ein paar Lehmhütten, Schotterstraßen, auf denen Männer mit weißen Turbanen auf Eseln reiten. An einem Berghang grast eine Kamelherde. Tommy steigt aus, zieht einen Empfänger, der aussieht wie ein Funkgerät, aus der Tasche und beginnt damit, den Funkverkehr der Extremisten abzuhören. Captain Trowller ist sich sicher, dass die Kerle irgendwo dort oben in ihren Bergverstecken hocken, den Konvoi beobachten und einen Angriff planen. Fünf Minuten lang ist nur Rauschen und Knacken zu hören, dann ertönen Stimmen und Tommy übersetzt:
Stimme Eins: "Habt ihr etwas vorbereitet, Bruder?"
Stimme Zwei: "Ja, wir sind bereit. Aber sie sind noch zu weit entfernt."
Stimme Eins: "Sei vorsichtig. Es sind sehr viele."
Stimme Zwei: "Allah-u-Akbar."
Dann rauscht es wieder und der Konvoi rollt in das Dorf, langsam, ganz langsam, schwere Maschinengewehre auf die Hänge und Lehmhütten gerichtet.

Captain Trowller behält Recht. Kurz darauf fährt ein Fahrzeug auf eine Sprengfalle, zwei Granaten schlagen hundert Meter entfernt ein. Amerikanische Mörser feuern in die Richtung, in der sie die Stellungen der Extremisten vermuten und Captain Trawller fordert Luftunterstützung an. Zwanzig Minuten später donnern Kampfjets über das Tal. Nach einer halben Stunde ist der Spuk zu Ende. "In der Regel verziehen sich die Bastarde, wenn ein Kampfjet aufkreuzt", sagt Trowller.

Während sich Amerikaner und Taliban gegenseitig beschießen, liegt Tommy teilnahmslos im Schatten eines Panzerwagens und döst vor sich hin. "Daran habe ich mich gewöhnt. Was soll ich mich aufregen." Angst? Natürlich, aber "ich bin mit dem Krieg aufgewachsen. Wie die meisten Afghanen", sagt er. Auf das Gemetzel der Russen folgten miteinander verfeindete Kriegsfürsten, die den Rest des Landes in Schutt und Asche legten - und nach ihnen kamen die Taliban. Er streichelt die russische Pistole, die in einem Halfter an seiner schusssicheren Weste befestigt ist, schiebt ein Hosenbein bis über das Knie und zeigt eine Narbe, die vom Schienbein bis zum Knöchel verläuft. "Andenken an eine Mine." Zehn Hinterhalte der Taliban hat er bisher überlebt. Sein Leben nennt er einen Schwebezustand, und ständig ermahnt er sich, dass es etwas Besseres geben muss. "Ich bin noch jung. Mein Traum ist es, Journalist zu werden." Irgendwann.

Neun Stunden und einige Schrecksekunden später ist der Konvoi zurück im Lager. Keine Toten oder Verletzen. Ein guter Tag. Es dämmert schon, und Tommy zieht sich in seine Baracke zurück, legt sich auf eine Pritsche und liest politische Biografien, die er so sehr liebt: Gandhi, Clinton oder Ahmed Schah Massoud, der Löwe des Pandschir-Tals. Manchmal schreibt er auch Gedichte, die er in einem Schnellhefter aufbewahrt. "Um meinen Geist frisch zu halten", wie er sagt. Da durchschneidet ein schrilles Pfeifen die Luft, gefolgt von drei Explosionen. Eine Sirene heult. Camp Altimur wird mal wieder mit Granaten beschossen, wirbeln Stab auf, der sich auf die Armeezelte legt - wie ein Leichentuch.
Tuesday, September 23, 2008 
Der Feind im Mohnfeld

US-Marines haben die Taliban aus einer südafghanistanischen Provinz vertrieben. Jetzt lauern die Gotteskrieger darauf, die Region wieder zu erobern, sobald die Amerikaner abgezogen sind


Über der Front steht ein himmelhoher Feuerball. Robert Dawson duckt sich in den Schatten eines Bunkers und putzt die 5.56 Millimeter Patronen seines Sturmgewehrs mit baby wipes, feuchten Taschentüchern, damit sie „im Gefecht mein Gewehr nicht blockieren." Anschließend zerlegt er die Waffe und schrubbt mit einer Zahnbürste die letzten Stäubchen aus allen Winklen. Schon in der Ausbildung wurde ihm eingetrichtert, dass er sein Gewehr lieben solle wie seine Frau – nur, dass ihn nicht die Waffe betrügen wird, wenn er sie gut behandelt. Wüstensand kriecht in jede Pore, setzt sich in den Haaren fest, Staub verklebt die Augen. Dazu diese verdammte Hitze! Schweiß mischt sich mit Staub, wird zu Schlamm, trocknet auf der Haut und macht die Menschen grau.

Sergeant Dawson ist ein kräftiger Mann mit kurz geschorenem , blondem Haar und sonneverbranntem Gesicht, der älter als seine 24 Jahre aussieht. Eigentlich sollten er und der Rest der Kompanie auf einer Fregatte durchs Mittelmeer kreuzen. Das hatten ihm seine Vorgesetzten versprochen, als er nach seinem letzten Einsatz aus Falludscha und Ramadi zurückgekehrt war, den Terrorhochburgen im Irak. Kreuzfahrt gestrichen! Statt nach Griechenland, Israel, Spanien und Zypern hat man seine Einheit nach Afghanistan geschickt, in das Städtchen Garmsir, tief in den Süden der Provinz Helmand, wo die Gotteskrieger Dorf um Dorf besetzt haben und hunderte Kämpfer aus Pakistan eingesickert sind.

In diesem Paralleluniversum zur zivilisierten Welt, kämpfen amerikanische, britische und afghanische Soldaten für Freiheit, Frieden, Pluralismus; diese großen Wörter die so wenig bedeuten, an Orten, an denen sich menschliche Bomben per Express zu ihrem Gott sprengen. Ende April setzten US-Hubschrauber Robert Dawson mit einem Bataillon hinter den feindlichen Linien ab. Der Auftrag lautete, die Taliban zu verjagen und die ausgelaugten britischen Truppen zu unterstützen, die fast täglich in blutige Gefechte verwickelt wurden. „Fünfzehn Tage ballerten „diese Turbantypen aus allen Rohren auf uns, mit Kalaschnikows, Raketen, Mörsern, Panzerfäusten." Er und seine Kameraden schliefen in ausgetrockneten Flussbetten in Lehmhütten, aus denen sie die Bewohner vertrieben hatten, oder verkrochen sich in einem der unzähligen Schlafmohn- und Marihuanafelder. „Wir haben sie überrannt", mit allem, was das Marine Corps zu bieten hat – Artillerie, Kampfhubschrauber, Harrier-Kampfjets. Die Einwohner flohen in die Wüste und warteten darauf, dass die Kämpfe abflauten. Als sie wieder auftauchten, hatten sie die Drohungen der Taliban so eingeschüchtert, dass sie sich nicht trauten, Nahrungsmittel und Geschenke der Amerikaner anzunehmen.

Die Taliban wissen, dass die Marines ihren Stützpunkt Garmsir im September verlassen. Briten und ein paar Dutzend afghanische Soldaten werden nach ihnen die Außenposten besetzen . Inzwischen beschränken sich die Extremisten auf ihre erfolgreiche Guerillataktik; verscharren Minen auf Wegen, auf denen Amerikaner patrouillieren, verstecken Sprengfallen am Straßenrand oder schicken ein paar Selbstmordattentäter los.

Sind die Marines erst mal fort, fällt Garmsir wieder in die Hände der Taliban, glaubt Dawson. Weil die Briten nicht genug Leute haben, um die Stellung zu halten. „Motherfuckers!", schimpft Dawson. „Wahrscheinlich schickt man uns nächstes Jahr wieder hierher zurück, um gegen die gleichen Bastarde zu kämpfen."

Seit vier Monaten haben sich die Amerikaner am Rande der Wüste festgebissen; hausen in einer kleinen Festung aus Stacheldraht, Bunkern und Sandsäcken. „Wir essen aus Tüten, wir kacken in Tüten", sagt ein Soldat. „Ich würde gerne mal wieder richtig duschen! Ist schon ein paar Monate her." Dies ist der Punkt, an dem es brenzlig wird; weil man in Gedanken schon zu Hause in North Carolina oder Tennesse ist „und nicht bei dem Kerl, der mit seiner Panzerfaust hinter einer Mauer lauert", sagt Robert Dawson. Zeit wird zur Gefahr weil sie so langsam vergeht – zwischen Aufwachen im Morgengrauen, Tütenfutter um acht, Gewehr zerlegen, reinigen, zusammenbauen, Kartenspielen, Patrouille gehen, Kopf ausschalten. Mit jeder Sekunde, die man näher an die Heimat rückt, lässt die Konzentration ein Stückchen nach. In Garmsir kann das tödlich enden.

Die Hitze lähmt. Marines dösen auf ihren Feldbetten, starren auf die Unterseite ihres Ponchos, den sie zum Schutz gegen die Sonne aufgespannt haben, die Waffe immer griffbereit: „Ich bin zwanzig Jahre alt, sitze in der Scheiße und schwitze mir die Eier ab. What the fuck!" sagt ein Soldat. Halbe Kinder, die von der Welt nicht viel mehr kennen, als ihr behütetes Elternhaus – und Krieg. Manche hatten noch nie eine feste Freundin, erleben aber schon ihren zweiten oder dritten Kriegseinsatz. Nachts spielen sie Poker oder erzählen immer dieselben Heldentaten, jedes Mal mit ein bisschen mehr Dramatik gepfeffert; in dem sinnlosen Versuch, Einsamkeit und Langeweile auszutricksen. Alle paar Wochen schaut ein Reporter vorbei und möchte wissen, wie viele Feinde und Zivilisten man schon getötet habe. Und ob die Soldaten für oder gegen den Krieg seien.

Einige drehen durch, wenn an ihrer Seite ein Freund getötet oder verstümmelt wird. Man erkennt sie am Tunnelblick. Manchmal reden sie tagelang kein Wort – in dieser Zeit lässt man sie besser in Ruhe; weil sie sich für ein paar Stunden in eine bessere Welt beamen, an Orte ohne miesen Fraß, Sand und Fanatikern im Vorgarten, die meinen, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie Ungläubige töten. Jeder macht diese Phase durch, sagt Dawson, das gibt sich wieder. Ein Mann müsse das aushalten. Immerhin sei man im Marine Corps, 1775 gegründet und somit ein Jahr älter als die Vereinigten Staaten. Das Corps hat in jedem Krieg gekämpft, den die USA geführt hat und ist so etwas wie Amerikas Pitbull: zum Töten abgerichtet. Nur Kameraden, die sich den Gewehrlauf in den Rachen schieben, schickt man besser nach Hause, bevor sie abdrücken.

Routinepatrouille am frühen Abend. Die Soldaten hören auf Nintendo und Poker zu spielen, schalten um auf Autopilot, prüfen ihre Waffen – und sind ab jetzt bereit, zu töten oder zu sterben. Eine Generation, die mit Videospielen wie World of Warcraft aufgewachsen ist, darf nun auf echte Ziele schießen. Die vergangenen Wochen seien relativ ruhig gewesen, doch seit einigen Tagen testen die Taliban mal wieder, wie weit sie gehen können. Je näher der Termin rückt, an dem die Marines abziehen, desto mutiger wird der Feind. Ein paar Kilometer von Bravo Company entfernt, greifen sie Alpha Company an; eine Viertelstunde lang rattern Maschinengewehre und explodieren Granaten; Raketen und Granaten fliegen über das Lager hinweg, eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. Ständig treffen Patrouillen auf Sprengfallen, bald darauf fährt ein Humvee, ein gepanzerter Geländewagen, der Weapons Company auf eine Mine und brennt aus.

Im Westen versinkt die Sonne und taucht die Dünen in rosafarbenes Licht: Nur noch 42 Grad. Zehn Mann marschieren über Melonenfelder und Schotterstraßen, durchsuchen Fahrzeuge nach Sprengstoff oder Waffen, die Insassen müssen ihre Shalwar Kameez lüften, das traditionelle Gewand aus Oberhemd und Pluderhose, für den Fall, dass sich darunter ein Sprengstoffgürtel befindet.

Die Taliban operieren meistens nachts, aus Respekt vor der Feuerkraft der Amerikaner, erklärt Dawson. „Wenn sie uns mit Granaten beschießen, werfen wir ihnen eine 500 Pfund Bombe auf den Kopf oder pflastern sie mit Artillerie zu." Dass die Marines den Feind nicht besiegt haben, ist ihm klar. Sie verstecken sich und warten ab, „bis wir wieder abziehen." Bis dahin vergraben sie ihre Kalaschnikows in irgendwelchen Erdlöchern und bearbeiten in Ruhe ihre Felder. Irgendwann werden die gottlosen Besatzer schon verschwinden – so war's schon mit den Russen.

Der Juni dieses Jahres war der verlustreichste Monat für amerikanische- und Koalitionstruppen seit Beginn des Krieges, 45 Soldaten starben – erstmals mehr als im Irak. Mindestens 25.000 Soldaten fordert General David McKiernan, Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Afghanistan, um in der Provinz Helmand für ein Mindestmaß an Sicherheit zu sorgen – fast ein Drittel aller in Afghanistan stationierten Truppen. „Das wäre nicht schlecht. Sonst wird es nie gelingen die Taliban zu besiegen", fürchtet Robert Dawson – und mit ihnen die Drogenbarone, die den sogenannten Gotteskrieg finanzieren.

Mit ihren schusssicheren Westen, Helmen, Splitterschutzbrillen, den klobigen Funkgeräten auf dem Rücken und den Hightech Waffen über den Schultern, wirken sie in dieser Sandwelt wie Sturmtruppen aus einem Science-Fiction Film. Dennoch laufen barfüßige Kinder lachend auf sie zu und zupfen an den Uniformen. Ein Mädchen will Corporal Christopher Rios sogar einen winzigen Welpen andrehen. „Ein gutes Zeichen", sagt der Corporal, „die Eltern verstecken ihre Kleinen nicht mehr aus Furcht vor uns." Aber Misstrauen gibt es weiterhin auf beiden Seiten. Warum schaut der Ziegenhirte dort drüben so grimmig? Hat er vielleicht eine Kalaschnikow oder ein Satellitentelefon unter seiner Shalwar Kamiz versteckt? Alte Männer fahren sich durch ihre langen weißen Bärte und blicken verwundert den schwerbewaffneten Ausländern hinterher, die ihnen zuwinken und sogar Grüße auf Paschtu zurufen.

An einem verwaisten Bazar stellt Dawson drei Männer zur Rede, die an einem weißen Toyota herumfummeln und versuchen, auffällig unauffällig zu wirken.
„Hey, Salamaleikum, der Bazar ist geschlossen. Was treibt ihr hier?"
„Wollen nur einen Reifen wechseln", sagt einer der Männer ein großer, hagerer Mann, dessen Augen mit Kajal geschminkt sind. Er zündet sich eine Zigarette an und bläst Sergeant Dawson den Rauch ins Gesicht. Sein Mud lächelt, die Augen nicht.

Die Männer duften nach süßem, schwerem Parfum, tragen frischgestutzte Bärte und Haare, die Hände von Henna gefärbt. Ungewöhnlich in dieser Gegend, ein Indiz, dass man es mit potenziellen Selbstmordattentätern zu tun haben könnte. „Sie machen sich zurecht, bevor sie vor Allah treten", sagt Dawson. Er gibt ein Handzeichen und zehn Männer gehen in Gefechtsstellung; drei Marines richten ihre Maschinengewehre auf die Verdächtigen, Finger streicheln Abzüge. Die anderen suchen mit ihren Zielfernrohren die Gegend ab; einer trommelt mit dem Zeigefinger auf den Lauf seiner Waffe und murmelt, dass die Kerle Dreck am Stecken haben, „ich kann das riechen." Ein Junge und ein Mädchen kommen auf einem Esel angetrabt, lassen sich von dem Spektakel nicht beeindrucken. und reiten ohne Eile weiter. Einige Soldaten blicken den Kindern kopfschüttelnd nach.

„Hey Rios, durchsuch die Karre", ruft Robert Dawson dem Corporal zu. Der kriecht unter den Wagen, öffnet die Motorhaube, leuchtet mit einer Taschenlampe den Motorblock ab. Der Bazar ist wie leergefegt, vor den Auslagen hängen rostige Rollläden und Vorhängeschlösser. Kein Mensch weit und breit. Rios öffnet den Kofferraum. „Sarge, die haben das Reserverad nicht angerührt und einen Wagenheber gibt es auch nicht."
„Wieso lügt ihr? Wie heißt ihr?" zischt Sergeant Dawson die Männer an. Eingeschüchtert nennen die Drei ihre Namen: Abdul Walhi, Azmet Ahmed und Noor Mohammed. Dawson funkt die Namen ins Hauptquartier. „Vielleicht stehen die Typen auf unserer Fahndungsliste."

Eine Stunde und unzählige Moskitostiche später krächzt eine Stimme aus dem Funkgerät: Die Männer werden tatsächlich gesucht. „Motherfuckers", sagt Dawson. Die Afghanen atmen schwer und der Hagere spuckt verächtlich in den Staub, als ihm ein Soldat einen Schubser gibt. „Los, Mann, streck die Arme aus!" Seine beiden Kumpane schweigen; kein Maulen oder Jammern, versteinerte Gesichter; zitternde Hände als einzige Gefühlsregung während ihnen Plastikfesseln angelegt werden. Eine halbe Stunde später kommen vier Humvees aus dem Lager angerollt. Die Gefangenen werden hineingestoßen. „Ein paar Schwanzlutscher weniger, die Ärger machen", ruft jemand in die Nacht. Rückzug, Feierabend!

Am nächsten Morgen geht Sergeant Dawson ein bisschen aufrechter als sonst durch das Lager. Die Gefangenen wurden die ganze Nacht verhört. Vor ein paar Minuten kam die Bestätigung. Kein Zweifel; bei den Dreien handelt es sich um Taliban. Der Eine ist ein bekannter Bombenbastler. Der andere schmuggelt Selbstmordattentäter und Sprengstoff aus Pakistan nach Helmand, und der Dritte ist der Assistent eines örtlichen Talibankommandeurs. Unter ihren Kaftanen hatten sie Dollars, pakistanische Rupien und Afghanis versteckt; im Wert von mehreren tausend Euro. Zudem Briefe und Befehle ihrer Kommandeure. Und auf einer vor Tagen entschärften Mine fand man den Fingerabdruck eines der drei Gefangenen. Volltreffer! „Auch eine Art, die Kerle loszuwerden", sagt Dawson, setzt sich in den Schatten des Bunkers und beginnt die Kugeln seines Gewehres zu schrubben.
Tuesday, September 23, 2008 
Das Leben ist gut
In Mindanao, im Süden der Philippinen, herrscht wieder Krieg. Dies ist die Geschichte von Bailyn Mandi, die zwischen die Fronten geriet.

Bailyn stirbt mit Publikum. Auf der Bahre eines namenlosen Krankenhauses, gleich hinter der staubigen Landstraße, die das Dörfchen Datu Piang mit der Welt verbindet. Es scheint, als ob sie schlafen würde, die dürren Arme baumeln schlaff herab. Der linke Oberarm ist zerfetzt, Knochen ragen aus einem Loch, in dem Fliegen schwirren. Der rechte Oberschenkel durchschossen, die Hüfte absurd verrenkt. Blut, überall Blut. Ein Arzt? Der hat sich seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Zu unsicher die Lage – und es heißt, dass die Rebellen Ärzte entführen, um ihre Verwundeten zu behandeln. Medikamente sind nicht zur Hand, auch kein Verbandszeug, um die Wunden zu verschließen; eine Aspirin muss reichen. Neben Bailyn zittert ihr Bruder Jamaluddin auf einer Bank, weniger schwer verletzt und unter Schock. Ein blutverschmierter, blasser, dünner Junge, der an seinen Nägeln kaut und seiner Schwester beim Sterben zuschaut. Orientierungslos, teilnahmslos, gefangen in den Trümmern seines Lebens.

Das Mädchen atmet nicht mehr, die Augen kippen nach hinten, so dass nur noch das Weiße zu sehen ist. Menschen stehen um die Bahre; drängeln, schubsen, recken Hälse, manche schießen Fotos mit ihren Mobiltelefonen. Es wird gelacht und gequasselt, als ginge es auf den Rummel. Blut tropft auf weiße Fliesen, und das Leben fließt aus Bailyn heraus. Bald begreifen auch die Schaulustigen, dass es für den schmächtigen Körper, der vor ihnen auf der Bahre zuckt, keine Rettung gibt. Ein Murren geht durch die Menge; aus Neugierde wird Bestürzung, Wut, Hilflosigkeit. Eine Schwester massiert noch eine Weile den Herzmuskel, dann wendet auch sie sich ab, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht wie die Bitte um Entschuldigung. An der Wand schlägt eine Uhr die Zeit in Splitter. Bailyn wurde zehn Jahre alt, und auf ihrem T-Shirt steht: Das Leben ist gut.

Mindanao, die südlichste Insel der Philippinen, ist Schauplatz von Asiens längstem Konflikt. Eine vierhundert Jahre währende Fehde zwischen den Moros, den moslemischen Ureinwohnern, und zugewanderten Christen. Die Jahrhunderte vergehen wie in einem Raubritterroman. Erst die Spanier, dann die Amerikaner und später, nach der Unabhängigkeit, die Philippiner. Sie alle kolonisierten die Insel, ihre Schiffe spucken christliche Missionare und Siedler aus. Und die Moslems wurden langsam zu einer Minderheit in ihrer Heimat, fühlen sich benachteiligt und unterdrückt. Eine Art philippinisches Tibet, nur ohne Dalai Lama. In diesem Konflikt geht es um Macht, Einfluss, Rechte, Rohstoffe, Unabhängigkeit. Und um Stolz.

Man wolle wieder wer sein, so wie damals, als die Sultane herrschten, fordern die Moros. Aber vor allem es geht darum, das Land der Ahnen zu verwalten und zu besitzen, weil die Moros es als ihr rechtmäßiges Erbe betrachten. Seit den siebziger Jahren kämpft die Moro Islamic Liberation Army (MILF) in einem Guerillakrieg gegen die philippinische Regierung um mehr Autonomie. Keiner will teilen, jeder will alles für sich. Eine Tragödie im Windschatten der Weltöffentlichkeit.

Mehr als dreißig Jahre und 120.000 Tote später schien der Frieden so nah wie nie. Für ein paar kurze Wochen machte sich Hoffnung in Mindanao breit. Anfang August dieses Jahres beschlossen MILF und die philippinische Regierung schließlich, ein Abkommen zu unterzeichnen, das den Moros mehr Autonomie zusichern sollte – und die Menschen in Mindanao begannen von geteerten Straßen, mehr Jobs und besserer Schulbildung zu träumen. Es blieb ein Traum: im letzten Augenblick stoppten christliche Politiker vor einem philippinisches Gericht die Unterzeichnung mit der Begründung, nicht alle betroffenen Bevölkerungsgruppen wären an dem Verhandlungsprozess beteiligt gewesen.

Jahrelang hatten sich die Kriegsparteien aufs Reden konzentriert, anstatt sich umzubringen. Das Urteil des Richters machte alles zunichte. Es war eine Wette gegen Tod und Vernichtung, die nun verloren war. Gewundert haben sich wenige in Mindanao; das Leben besteht hier aus Negativmeldungen und bösen Überraschungen.

Unmittelbar nach dem Ende der Friedensverhandlungen brannten zwei abtrünnige MILF-Kommandeure, Commander Bravo und Commander Kato, aus Wut und Enttäuschung christliche Dörfer nieder, massakrierten die Anwohner und plünderten Häuser. Die Armee schlug zurück. Dutzende starben in diesen ersten Augusttagen.

An dem Morgen, den sie nicht überleben soll, zieht Bailyn Mandi ihr Lieblings T-Shirt an. Es ist rosa, mit einem Herzen auf der Brust. Dazu ein grüner Rock. Hinter ihr steht ihre Mutter Delma Mandi. Bailyn solle sich beeilen, drängt sie, die Soldaten seien schon ganz nah, man müsse schleunigst verschwinden. Wie so oft. Gefechte und Flucht sind die Gezeiten ihres Lebens, so regelmäßig wie Ebbe und Flut. Routine, jeder Handgriff sitzt; Reis und Gemüse für ein paar Tage einpacken, eine Plastikplane gegen den Regen, mit dem Boot übersetzen und den Kopf ausschalten, während sich das Leben auf das Warten reduziert. Warten, dass die Zeit vergeht, die Kämpfe enden und sie wieder in ihre Hütte zurückkehren können.

Schon in der Nacht flüsterten sich die Männer des Dorfes Butilen zu, dass sich hunderte von Regierungstruppen in der Gegend positionieren; sie kämen in Lastwagen und seien schwer bewaffnet. Das konnte nur eines bedeuten: Ein Angriff steht unmittelbar bevor. Ein Gerücht besagte, dass Commander Kato in der Nähe sei, verwundet und in die Enge getrieben. Deshalb seien die Soldaten gekommen, um ihn gefangenzunehmen.

Die Provinz Maguindanao ist das Epizentrum des Krieges, überwiegend moslemisch und arm. Auf den Hügeln gedeiht Marihuana, das macht das Leben erträglicher. Die meisten Menschen beenden nicht die Schule, Hahnenkämpfe und Karaoke lassen die Zeit schneller vergehen, Strom gibt es nur stundenweise. Hier, in den endlosen Sümpfen, sollen sich die Gesuchten Kato und Bravo verstecken; inzwischen mit einem Kopfgeld von jeweils zehn Millionen Pesos ausgestattet, etwa 150.000 Euro – tot oder lebendig.

500.000 Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht, und täglich werden es mehr, die ihren Besitz in Schubkarren oder Motorrikschas transportieren. Sie schlagen ihr Lager entlang der Schotterstraßen auf, in Schulen, in Moscheen und auf Sportplätzen. Ein Lindwurm aus bunten Plastikplanen, Jutesäcken und wackeligen Unterkünften, zusammengeschustert aus Wellblech und dürren Ästen. Ein Flickenteppich des Elends, der ständig größer wird, die Menschen leiden unter Hunger, Denguefieber und Ruhr. Der Ausnahmezustand ist hier Alltag. Öffentliche Schulen bleiben geschlossen, die Felder können weder geerntet noch bestellt werden. Das Leben dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Wo befindet sich die MILF? Gab es neue Kämpfe oder Plünderungen? Fragen, die die Zeit bestimmen, unterbrochen nur durch die Stunden der Mittagzeit, wenn die Sonne alle Lebewesen in den Schatten treibt. Das Leben im Flüchtlingslager ist ein Vakuum, in dem Zeit nicht existiert.

Während Familie Mandi eilig ihre Habseligkeiten packt, rücken mehrere Einheiten der 601. Brigade an die Siedlung Butilen vor, wenige Kilometer von Datu Piang entfernt. Ihr Auftrag lautet, Commander Kato zu töten oder festzunehmen. Außerdem ist da noch eine Rechnung zu begleichen. Drei Wochen zuvor entführten Katos MILF-Rebellen Sergeant Roger Emden, brachten den Mann in ihr Lager und töteten ihn. Das was von ihm übrig ist, will man aus der Erde holen. Die Soldaten müssen vorsichtig sein. Kato hat ein Heimspiel, hier ist er aufgewachsen, kennt jeden Strauch, jedes Versteck, und auf die Loyalität der Dorfbewohner kann er sich verlassen. Langsam, ganz langsam kämpfen sie sich vorwärts durch Sumpf und Gestrüpp. Dann fallen Schüsse.

Um 9.55 Uhr kreisen Hubschrauber und Flugzeuge der philippinischen Armee über Datu Piang und den umliegenden Sümpfen. Maschinengewehre rattern, Granaten explodieren; eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. In den Straßen von Datu Piang drängeln sich die Flüchtenden.

Als die Granaten fallen, sitzt Bailyn schon mit ihrer Familie in einem von zehn Booten, in denen die Flüchtlinge über die Sümpfe nach Datu Piang fliehen. Hinter ihnen Palmen, Bananenstauden, Reisfelder – und in der Ferne schwarzer Rauch. Sie sitzt ganz vorne in dem Kanu, das ihre Familie in Sicherheit bringen soll, damit sie die Fische besser sehen kann, die manchmal aus dem Sumpf hüpfen, wenn sich der Bug durch die Wasserlilien kämpft. Hinter ihr sitzen die Geschwister; die siebenjährigen Zwillinge Kim und Adtaya, die 14-jährige Faiza, die im dritten Monat schwangere Aida, 18, und Jamaluddin, 14. Die Hubschrauber am Himmel und die Flugzeuge, die im Tiefflug über ihre Köpfe brummen, beunruhigen niemanden. Ebenso wenig das Donnern der Granaten, die hinter den Fliehenden im Dschungel niedergehen. Soldaten schießen nicht auf Frauen und Kinder, denken die Flüchtenden. In diesem Augenblick dreht einer der Rebellen, die sich in den Booten verstecken, durch. Mit seinem Maschinengewehr beschießt er die Flugzeuge – und macht die Flüchtenden zu Zielscheiben. Zeugen werden später erzählen, dass Bailyn dem Piloten zuwinkte, als er die Schnauze seiner Maschine senkte und das Boot anvisierte. Eine Rakete trifft es nur einen Augenschlag später.

Oberst Marlou Salazar wollte retten, was er Heimat nennt. Als Offizier der philippinischen Armee soll er für die Sicherheit von Maguindanao sorgen. Er glaubte, endlich die richtige Rolle zu spielen, fühlte sich als Hauptdarsteller in einem Stück, von dem niemand glaubte, dass es jemals aufgeführt werden würde. Seit drei Monaten ist er auf diesem Hügel stationiert, sein Hauptquartier, dreißig Kilometer von Datu Piang entfernt. Von hier oben kann man kilometerweit in alle Richtungen sehen. Eine Festung aus Stacheldraht und Sandsäcken, die nur über einen steilen Feldweg zu erreichen ist. Und eine zeitlang sah es tatsächlich nach Frieden aus. Dann legte jemand einen neuen Film ein; ohne Happy End.

Fünf Stunden, nachdem seine Leute auf Zivilisten schossen, sitzt Oberst Salazar unter einem Tarnnetz und pult das Schwarze unter seinen Fingernägeln heraus. Ständig klingelt das Telefon, Reporter stellen Fragen, auf die er keine Antwort weiß: ... tote Kinder? ... sind Sie sicher? ... Nein, er wisse nicht, wie das passieren konnte ... Ja, er werde diesen Fall gründlich untersuchen ... vielleicht waren es ja Kindersoldaten der MILF... – und nach jedem Gespräch scheint es, als wenn er in sich zusammenfiele. Die Uniform hat er abgelegt, über seinen Bauch spannt sich ein weißes Unterhemd, die Füße stecken in Flip Flops, und er sieht aus, als hätte er Magengrippe. Er raucht, zieht den Rauch tief in die Lunge, die Finger krampfen sich um den Filter. „Tote Kinder, oh mein Gott?", sagt er und zündet sich mit der Glut der Kippe eine neue Zigarette an, als wolle er sich an etwas festhalten.

Dabei hätte Oberst Salazar an diesem Morgen zum Helden werden können – hätte man Kato nur erwischt. Stattdessen muss er nun den Tod von Zivilisten erklären. „Immerhin haben wir die Leiche von Roger Emden bergen können." Es klingt wie eine Entschuldigung.

Am späten Nachmittag dieses Schicksalstages sitzt Delma Mandi, Mutter von zehn Kindern, in dem winzigen Pfahlhaus, wo fünf ihrer Kinder aufgebahrt liegen. Sie blickt hinaus in die Sümpfe, wo sie sie verlor. Nach und nach hatte man sie aus dem Sumpf gezogen. Zwischendrin hat sie alles durchlaufen an diesem Morgen; Hoffnung, ungläubiges Entsetzen, lähmende Verzweiflung. Zuletzt lud ein Krankenwagen Bailyns zerschossenenen Körper vor der Veranda ab.

Delma Mandi fährt sich über das Gesicht, schweigt, versucht zu lächeln. Die Lippen ohne Blut. In einem Raum liegt die 18-jährige Aida, frisch verheiratet und im dritten Monat schwanger. In einem anderen Zimmer liegen die vier Kinder; Kim, Adtaya, Faiza – und Bailyn, die immer noch den Infusionsbeutel im Arm hält. Das Leben ist erstarrt wie eine plastinierte Leiche. Ein Mann beugt sich über die Kinder und schließt ihnen die Augen. Vorhin hielt ein Trupp Soldaten vor ihrer Hütte, und Delma Mandi dachte im ersten Augenblick, dass sie gekommen waren, um auch sie zu töten. Aber die Männer entschuldigten sich bloß für den tragischen Unfall, ließen ein paar Säcke Reis zurück und drückten Mandi fünftausend Pesos in die Hand, als Wiedergutmachung – umgerechnet 75 Euro. Manch ein Soldat soll geweint haben. Sie jappst nach Luft, versucht zu reden, hat keine Stimme mehr. Sie zuckt und zittert, greift nach einem Tuch, das sie tief in die Augen drückt.

Bailyn Mandi, schmal und dünn, mit den Ohrringen, die sie niemals ablegte. Gestorben, bevor das Leben richtig beginnen durfte. Ein Irrtum, ein Unfall. Als man Bailyn und ihre Geschwister in die Erde lässt, regnet es. Ihre Mutter steht vor der Grube, ganz stumm. Und am Himmel kreisen Hubschrauber.
Sunday, August 17, 2008 
Hierher kommt man, um zu sterben
erschienen bei stern.de

Die westlichen Truppen gegen Taliban, Al-Kaida-Kämpfer und Selbstmordattentäter: Wer die Provinz Helmand kontrolliert, heißt es, der gewinnt den Krieg in Afghanistan. Doch der Blutzoll ist hoch, allein im Juli starben 45 alliierte Soldaten. Wie gefährlich und wie wichtig der Einsatz in der Region ist, berichtet Carsten Stormer. Er begleitet eine Einheit der US-Marines.

Die Arbeit bloß nicht zur Routine werden lassen! Das da draußen ist immer noch Kriegsgebiet; das Land der Taliban und der Drogenbarone. Tödlich, für jeden Fremden der unachtsam ist oder die Konzentration verliert. Auch wenn man schon Dutzende Male durch die Wüste gefahren ist; "der Feind ist irgendwo dort draußen und beobachtet dich", sagt Sergeant Jolanda Gillen vom 24. Marine Expeditionary Unit (24-MEU), einer Elite-Einheit der US-Streitkräfte, und trommelt dabei mit den Fingern auf den Schaft ihrer )-Millimeter-Pistole. Alle drei bis fünf Tage führt die 27-Jährige einen Konvoi aus zwölf gepanzerten Lastwagen und vier Humvees, geländegängigen US-Armeefahrzeugen, tief ins Innere der afghanischen Provinz Helmand. Beladen mit tonnenweise Trinkwasser in Halbliter Plastikflaschen, so genannten MREs, Meals Ready to Eat, die in Tüten verschweißten Fertigessen der amerikanischen Armee, Munition, Waffen und manchmal Kartons mit Feldpost aus der Heimat für die kämpfenden Truppen in den Außenposten an der Front, wo sich amerikanische Soldaten festgebissen haben und sich Gefechte mit der Turbanarmee der Taliban liefern.

Es ist kurz vor sechs Uhr morgens in Camp Bastion, dem gewaltigen Militärlager, das die Briten in ein menschenfeindliches Nichts gebaut haben; eine Festung aus Stacheldraht und Licht. Eine riesige Zeltstadt, in der Menschen und Material als Nachschub für den Krieg gegen den Terror gelagert werden. Außen herum nichts als Wüste; Sand und Staub. Kein Feind würde es wagen, das Lager anzugreifen. Im Osten steigt ein riesiger Feuerball aus dem Staubnebel, und das Thermometer zeigt schon jetzt 36 Grad. "Angenehm kühl", sagt Sergeant Gillen, grinst, setzt sich eine Skibrille auf und bindet sich ein Tuch um Nase und Mund, um sich vor Staub und Sand zu schützen. Ein Corporal montiert ein Maschinengewehr Kaliber 50 auf die Kanzel eines Humvees, jemand flucht angesichts der bevorstehenden Strapazen.

Dann verteilt Jolanda Gillen Codewörter, Funkfrequenzen und die Koordinaten der heutigen Route. "Roger that, Sir", rufen 25 Männer im Chor, werfen sich in ihre schusssicheren Westen und stülpen Helme auf ihre kahlgeschorenen Köpfe. Ein Kaplan betet, dass Gott sie vor Hinterhalten und Sprengfallen beschützen möge und wünscht den Soldaten eine sichere Reise. Wenige Minuten später ruckelt der Konvoi in die Staub- und Sandwelt Helmands, der Unruheprovinz Afghanistans, in der zurzeit fast kein Tag ohne Opfer vergeht; amerikanische Soldaten, britische, Kanadier, afghanische Zivilisten. Fünf Tage soll die Tour de Force durch feindliches Gebiet dauern und hinter den mit Stacheldraht gesäumten Barrikaden und Minengürteln von Fort Bastion lauern Selbstmordattentäter, die in der einen Hand den Koran halten und um den Bauch einen Sprengstoffgürtel geschnallt haben. Nachts buddeln Taliban und Milizen der Mörderbande al Kaida selbstgebastelte Bomben in den Sand.

Helmand. Wer diese Provinz kontrolliert, gewinnt den Krieg, heißt es. Danach sieht es im Augenblick für die Koalitionstruppen nicht aus. Es mangelt schlicht an Truppen. Bislang versuchten rund 8.500 Briten die Taliban in den Griff zu bekommen, während Militärexperten raten, dass mindestens 25.000 Truppen in der Region nötig sind, um einigermaßen Sicherheit zu schaffen. Deshalb schickte die amerikanische Regierung Anfang April dieses Jahres 2200 Elite-Soldaten des US-Marine Corps, das 24-MEU, in den Süden Afghanistans, um die ausgelaugten und in der gesamten Provinz verteilten britischen Truppen zu unterstützen. Auch, weil sonst kein anderes Land bereit war, die Verbündeten zu unterstützen - denn nach Helmand kommt man, um zu sterben, wie die Afghanen sagen. Der Juni war mit 45 gefallenen alliierten Soldaten der verlustreichste Monat für US- und Nato-Truppen seit Beginn des Krieges

Helmand, mit dem Helmand-Fluss als Lebensader und knapp einer Million Einwohnern, war einst der Brotkorb Afghanistans. Dreißig Jahre, wechselnde Herrscher und über einer Million Tote später ist die Provinz vor allem eines: die Opiumkammer des Landes. Afghanistan liefert 93 Prozent des Opiums für den Weltmarkt. Mehr als zwei Drittel stammt aus Helmand, und der Erlös fließt in die Kriegskasse der Gotteskrieger. Das Uno-Büro für Drogen und Gewalt (UNODC) schätzt, dass die Taliban allein im vergangenen Jahr 200 bis 400 Millionen Dollar durch die Besteuerung der Drogenschmuggler und Opiumbauern einnahmen. Im Niemandsland des Terrors nutzen die Gotteskrieger und ihre Verbündeten die unzugänglichen und abgeschiedenen Täler im gebirgigen Norden der Provinz als Transitrouten für Drogen, Waffen und Verstärkung für die Turbanarmee. Ungehindert und in Massen sickern sie aus Pakistan in Afghanistan ein.

In einem sind sich Experten der Alliierten, Hilfsorganisationen und der afghanischen Regierung einig: Wer die Taliban besiegen will, muss zuerst den Krieg um das Opium gewinnen. Weil man so die frommen Männer mit ihren Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln von ihren Einkommensquellen abschneidet. Catch 22, wie die Amerikaner sagen - eine ausweglose Situation. Was man auch macht, es ist falsch. Verbrennt man die Mohnfelder, nimmt man den Bauern die Existenzgrundlage und treibt sie in die Arme der Taliban, die ihnen als Paschtunen ohnehin näher stehen als die ungläubigen Krieger aus dem Ausland oder die weit entfernte und schwache Regierung in Kabul. Lässt man sie gewähren, kaufen die Taliban weiterhin fröhlich Waffen und Sprengstoff ein, um den Traum ihres Gottesstaates zu verwirklichen.

Wie dramatisch sich die Situation auch anhören mag, Afghanistan geht es ungleich besser als vor einigen Jahren. Immer mehr Mädchen besuchen eine Schule, das Gesundheitswesen verbessert sich ständig in den Städten, die Wirtschaft boomt, und Flüchtlinge kehren zurück. Doch der Taliban-Widerstand im Süden und Osten Afghanistans, mit Helmand als Epizentrum, gefährdet die zarten Fortschritte und den Aufschwung in anderen Teilen Afghanistans. Schlimmer noch, er droht auf sie überzugreifen, wie die gestiegene Zahl an Selbstmordanschlägen in Kabul oder im relativ sicheren Norden beweisen

Mit militärischen Mitteln können die Taliban den Krieg gegen die technologisch überlegenen Nato Truppen und der inzwischen gut ausgebildeten afghanische Armee ohnehin nicht gewinnen. Müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie den Krieg in die Länge ziehen, ihn aussitzen; ein Scharmützel hier, ein Selbstmordattentäter dort. Mit dieser Taktik hoffen sie, dass Nato und Amerikaner irgendwann entnervt und entkräftet Afghanistan verlassen. Die meisten Afghanen sind inzwischen ohnehin davon überzeugt, dass die Gotteskrieger länger durchhalten werden. Das große Gemetzel steht noch bevor, befürchten sie. Amerikaner oder Briten gewinnen zwar jede Schlacht - aber nur für ein paar Stunden oder Tage. Dann kehren sie in ihre sicheren Festungen und die Taliban in die Dörfer und Widerstandsnester zurück. Es fehlt an Truppen, um die Gegend langfristig zu befrieden, damit Hilfsorganisationen folgen können; Ärzte, Lehrer, Polizisten, die nicht korrupt sind. Ohne Sicherheit kein Aufbau - das Gleiche gilt auch umgekehrt.

Sergeant Sergeant Jolanda Gillen hat andere Sorgen. Nach fünf Stunden erreicht der Konvoi das erste Etappenziel, Fort Dwyer. Immer wieder musste man anhalten, weil Fahrzeuge oder Motorräder entgegen kamen. Die Fahrer mussten aussteigen, während Maschinengewehre auf sie gerichtet waren und Soldaten Insassen und Fahrzeuge nach Sprengstoff und Waffen durchsuchten. Bloß kein Risiko eingehen! Das Thermometer zeigt 49 Grad, und Gillen wischt sich Schweiß und Staub aus dem Gesicht. "Ich will nur unsere Jungs versorgen und meine Männer heil nach Hause bringen", sagt sie.

Schon mehrfach fuhr einer der Wagen auf eine Mine oder eine IED (Improvised Explosive Device), eine in den Sand gegrabene Sprengfalle. "Bisher ist alles gut gegangen. Ein paar Kratzer, das war alles", sagt sie und ihr Mund lächelt; die Augen nicht. Zwei Tage später rollt ein Humvee auf eine IED - dem Fahrer werden die Beine abgerissen.


Wer sind die Marines?
Mitglieder des United States Marine Corps (USMC) werden als Marines bezeichnet. Das Korps der Marineinfanteristen stellt eine von insgesamt fünf Teilstreitkräften der US-Streitkräfte. 2007 umfasste das Korps rund 186.000 aktive Mitglieder und rund 40.000 Reservisten. Bei einer Marine Expeditionary Unit (MEU), einer Expeditionseinheit, handelt es sich um den kleinsten unabhängig operierenden Verband in der Organisationsstruktur der Marines. Die 24. Marine Expeditionary Unit, die seit Ende April 2008 in der Provinz Helmand in Afghanistan im Einsatz ist, umfasst 2400 Soldaten. Nachdem die Einheit zunächst einen Aufstand niederschlug, ist es jetzt ihre wichtigste Aufgabe, gemeinsam mit britischen Soldaten mittels Patrouillen die Wiederkehr der Widerständler zu verhindern.

Was ist die ISAF?
ISAF ist die Abkürzung für International Security Assistance Force, was mit Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe übersetzt werden kann. Die Truppe, die aus Soldaten aus rund 40 Ländern besteht und seit August 2003 unter Führung der Nato steht, soll in Afghanistan für Sicherheit sorgen und den Wiederaufbau des Landes unterstützen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (Uno) beschloss die Entsendung der Truppen im Dezember 2001 als Reaktion auf eine Bitte der damals neuen afghanischen Regierung. Die Bundeswehr beteiligt sich seit dem Jahr 2002, mittlerweile mit rund 3500 Soldaten. Insgesamt ist die Truppe auf mehr als 50.000 Soldaten angewachsen. Besonders prekär ist die Sicherheitslage im Süden des Landes. Immer wieder haben vor allem Amerikaner, Briten und Kanadier, die dort die Hauptlast tragen, an die Bundesregierung appelliert, Truppen auch in diese heiß umkämpfte Region zu schicken. Allerdings ist das politisch brisant, weil damit gerechnet werden muss, dass dann auch mehr Soldaten sterben. Insgesamt starben in Afghanistan nach einer Berechnung des US-Fernsehsenders CNN bislang insgesamt 907 Soldaten, davon 567 Amerikaner. Allerdings beinhalten diese Berechnungen auch jene Soldaten, die im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) gefallen sind. Insgesamt starben bislang 26 Bundeswehr-Soldaten.
Tuesday, July 15, 2008 
Tod eines Freundes

Als ich die DC-9 der ‚African Express' verlasse, erwarten mich am Mogadischu International Airport eine Hitze, die mir wie ein Faustschlag ins Gesicht schlägt. Sowie bärtige und grimmig blickende junge Männer in den Tarnfarben der Islamisten Miliz mit einem Allah U Akbar – Gott ist der Größte. „Was willst Du hier, Christ?", fragen sie mich. „Bist Du ein Spion, CIA?" Nein. Nur ein Journalist aus Deutschland. „Aha, also ein Spion." Ehe ich antworten kann, kommt mir ein hagerer Mann mit hennagefärbtem Haar zu Hilfe, hinter ihm stehen sechs Kalaschnikow tragenden Leibwächter. „Ah, Mr Carsten. Ich habe Sie schon gesucht." Dann schiebt er mich in einen Geländewagen und der Fahrer braust davon, als hätte er einen Skorpion im Schuh. „Nenn mich MMK", sagt Mohamed Muhamoud Keyre, stellvertretender Leiter der einheimischen Hilfsorganisation Daryeel Bulsho Guud (DBG). „Willkommen in Mogadischu." Das war im Oktober 2006, während einer kurzen Periode relativen Friedens..

20 Monate, eine Invasion und verschiedene Machthaber später ist der Mann mit dem rotgefärbten Haar tot. Ermordet von somalischen Gangstern, weil er anderen Somaliern half – Flüchtlingen und Kriegskrüppeln, die in den Lagern am Stadtrand langsam verhungern. Für ihn spielte es keine Rolle, welchem Clan oder Sippe sie gehörten. Jemand brauchte Hilfe, MMK half. Basta! Zudem vermittelte er zwischen den Bürgerkriegsparteien; islamistischen Milizen, mächtigen Geschäftsmännern, Clanchefs und Kriegsfürsten. Er galt als unparteiisch und im gesamten Land als Respektsperson; blieb im Land, während Hunderttausende flohen. Drohungen, seine Arbeit einzustellen, ignorierte er regelmäßig. Sie kamen von Leuten die er zutiefst verachtete. Von jenen, die für das Chaos in seinem Land verantwortlich waren – und davon profitieren. Verbrecher, die nach Lust und Laune plündern und morden – aus dem banalen Grund, weil sie niemand daran hindert.

Auch ich, wie so viele andere Journalisten, hätte ohne MMKs Hilfe in Mogadischu weder arbeiten und wahrscheinlich auch nicht überleben können. Er gab mir Unterkunft und Essen, organisierte sicheres Geleit in einer unberechenbaren Stadt, überredete Interviewpartner, nahm mich mit in die Flüchtlingslager. Und in langen Gesprächen erzählte er vom Schicksal seines Landes, das die Welt vergessen hat. Er hätte das nicht machen müssen, es war einfach sein Charakter. „Wir müssen unseren Freunden in der Welt helfen", pflegte er immer zu sagen. „Auch wenn die Welt uns nicht hilft." Und immer wunderte er sich darüber, dass Journalisten freiwillig in sein Land kamen. Wenn man ihn danach fragte, wie es ihm geht, pflegte er zu sagen: „Manche Tage sind gut, manche schlecht." Seit der äthiopischen Invasion Ende 2006 häuften sich die schlechten Tage.

Anfang Mai dieses Jahres sah ich MMK zum letzten Mal. Wieder am Flughafen von Mogadischu. Er brachte mich durch das für Ausländer unüberwindbare Chaos des Flughafens, wir teilten uns eine Cola. Bevor ich in die russische Schrottkiste stieg, die mich ausfliegen sollte, umarmte MMK mich und ich scherzte, dass er doch bis zu unserem nächsten Treffen bitteschön am Leben bleiben soll. Er lachte und sagte: „Mr. Carsten, keine Sorge. Manche Tage sind gut, andere schlecht. In'schallah." So Gott will.

Vergangenen Freitag lauerten ihm seine Mörder auf, schossen ihm dreimal in den Kopf und in die Brust – und der Frieden in Somalia scheint weiter entfernt denn je. Ein weiteres Kapitel der somalischen Tragödie im toten Winkel der Weltöffentlichkeit.
Friday, June 06, 2008 
Spiel mir das Lied vom Tod
Äthiopische Besatzer, eine handlungsunfähige Regierung, islamistische Milizen, Piraten und hunderttausende Flüchtlinge, die zu verhungern drohen. Somalia ist außer Kontrolle.

Am Tag, als ihr Ehemann Abdi von einer Granate getötet wurde, wollte ihm Amina Hassan Ali sein Lieblingsessen zubereiten; gekochtes Lammfleisch mit Rosinenreis. Es gab etwas zu feiern. Abdi hatte endlich Arbeit gefunden, nach wochenlanger Suche. Den Dachstuhl eines wohlhabenden Nachbars sollte er reparieren und dafür sogar mit Dollars bezahlt werden nicht mit Reis oder Speiseöl aus geklauten Beständen der Hilfslieferungen, wie üblich. Abdi, der Zimmermann, träumte davon, ein schönes Haus für seine Familie zu bauen, spätestens dann wenn der Bürgerkrieg nur noch eine schlimme Erinnerung ist.

Alles kam anders. Am 20. April verließ er das Haus um das Dach des Nachbarn zu richten und zur gleichen Zeit feuerten äthiopische Soldaten am anderen Ende von Mogadischu eine Mörsergranate in das Wohnviertel ab.

Amina hörte die Explosion, so nah, so laut. Keine Panik, dachte sie. Abdi ist sicher, redete sie sich ein. Ihr Gefühl sagte etwas anderes. Es darf ihm nichts passiert sein, bitte. Wer soll dann die beiden Kinder ernähren? Die neunjährige Maryan und den neugeborenen Ali. Über dem Viertel lag dichter Qualm, Granaten explodierten, Leute schrieen. Sie hielt die Ungewissheit nicht aus, rannte auf die Straße. Dort lag Abdi und Amina sammelte ein, was von ihm übrig war.

Seit siebzehn Jahren geht das so in dieser Stadt und in dieser Zeit hatte das Land am Horn von Afrika weder eine handlungsfähige Regierung, noch eine funktionierende Polizei, oder Armee, Schulwesen, Verwaltung. Willkommen in Somalia. Mogadischu ist eine Geisterstadt. Der Bürgerkrieg pumpt die Menschen aus der Stadt; 750.000. Wer konnte, der floh ins Ausland – nach Puntland, Dschibuti, Dubai, Kenia. Zehntausende durchqueren in Fischerbooten den Golf von Aden, um die Flüchtlingslager im Jemen zu erreichen. Ein 40-stündiger Wahnsinn, den jeder Vierte nicht überlebt. Dutzende von Toten spült das Meer wöchentlich an die Küste des Jemen. Diejenigen, die zum Bleiben in Somalia verdammt sind, versammeln sich an der Straße nach Afgoye. Die schlaglochgesäumte Straße gilt als das größte Binnenflüchtlingslager der Welt – 250.000 Menschen. Täglich kommen neue hinzu, die ihren Besitz in weißen Minibussen oder auf Eselskarren transportieren. Ein Lindwurm aus bunten Plastikplanen, Jutesäcken und wackeligen Unterkünften, zusammengeschustert aus Plastikplanen und dürren Ästen. Ein Flickenteppich des Elends, der ständig größer wird, dreißig Kilometer lang, wo die Menschen inzwischen an Cholera, Malaria und Hunger krepieren.

Wir treffen Amina Hassan Ali vier Tage nach Abdis Tod unter einer Plastikplane im Flüchtlingslager Arbis, dreißig Kilometer von Mogadischu entfernt. Die 32-jährige ist schmal wie eine Birke, hat Haut wie rissige braune Seide und papyrusdürre Arme. Während sie erzählt, saugt Söhnchen Ali an einer Brust, die keine Milch mehr gibt. Hätte Abdi doch auf sie gehört, sagt sie. Wie oft hatten sie nachts diskutiert in den vergangenen Monaten, als die Kämpfe in Mogadischu immer heftiger wurden. Warum bleiben? Warum nicht fliehen? Der Kinder wegen. „Wir werden alle dabei umkommen", hatte sie gewarnt. Der Schwager lebte doch auch schon längst in einem der unzähligen Vertriebenenlager am Stadtrand. Zu ihm könnte man ziehen, bis sich die Lage beruhigt hat – irgendwie, irgendwann. „Abdi lachte dann immer", erzählt seine Witwe und wischt sich über ihr Gesicht. Der kleine Ali schreit, Fliegen kleben ihm im Gesicht, krabbeln in Nase, Ohren, Mund. Im Zelt nebenan stöhnt eine Frau, die eine Bluttransfusion bekam. Leider war es die falsche Blutgruppe, eine andere war nicht auf Lager. Auf solche Details kann in Somalia keine Rücksicht genommen werden. Am Morgen starb der alte Omar an Entkräftung. Die Nachbarin begrub ein Kind. Der 20-jährige Abukar hebt sein Hemd und zeigt eine frische Schussverletzung. Es sind die üblichen Lebensläufe in diesem Lager. Nein, ein Leben in Abhängigkeit kam für Abdi nicht in Frage, zu stolz sei er gewesen. Jemand wie er, flieht nicht, sagte er immer. Ein Zimmermann, der die Realität aus dem Leben wischte wie einen Schmutzfleck.

Mogadischu unterscheidet sich nicht viel von den Lagern. Es ist eine Hauptstadt ohne Stromnetz, Abwassersystem, Müllabfuhr. Mit dem Ende der Sowjetunion kam auch der Fall des Diktators Siad Barre, 1991. Danach legten Warlords, mächtige Geschäftsmänner mit ihren Privatarmeen und rivalisierende Clans, Mogadischu in Schutt und Asche. Als 1992 die Bilder von somalischen Hungerskeletten um die Welt gingen entschlossen sich die Vereinten Nationen und die USA zu helfen. Sie schickten Truppen und Hilfsgüter, um die hungernden Flüchtlinge zu ernähren und dem Treiben der Warlords ein Ende zu bereiten. Man nannte die Aktion „Restore Hope" – Hoffnung erneuern. Sie wurde zum Alptraum für Amerika und die UNO.

Am 3. Oktober 1993 starben18 amerikanische Soldaten in einem Hinterhalt, der Mob schleifte ihre Leichen durch die Straßen Mogadischus. Die Supermacht USA zog gedemütigt ab und die Welt überließ Somalia von da an sich selbst. 2006 vertrieb eine Islamistenbewegung mit ihren Milizen die Kriegsfürsten aus der Stadt. Für einige Monate herrschte in Mogadischu und weiten Teilen Somalias ein Mindestmaß an Recht und Ordnung. Union of Islamic Courts (UIC) nannten sich die neuen Herrscher, Vereinigung islamischer Gerichte. Eine Allianz aus extremistischen und gemäßigten Islamisten, sowie einigen Geschäftsleuten. Ihre Ziele waren nicht klar definiert aber sie schicken sich an, Somalia in einen gemäßigten Gottesstaat zu verwandeln. Ende 2006 marschierten äthiopische Verbände, mit dem Segen der USA, gemeinsam mit Milizen der schwachen aber international anerkannten Übergangsregierung Somalias, in Mogadischu ein, da sie eine Talibanisierung der Region befürchteten. Sechzehn Monate und siebentausend Tote später ist alles noch schlimmer geworden.

Drei Tage dauerten die Kämpfe Ende April in der Hauptstadt und in den Straßen lagen die Leichen von Zivilisten, äthiopischen Soldaten und den Kalaschnikow schwingenden Jugendlichen, die sich den islamistischen Milizen der al-Shabab angeschlossen hatten, um gegen die äthiopischen Besatzer zu kämpfen. Ein weiteres Kapitel der somalischen Tragödie im toten Winkel der Weltöffentlichkeit.

In den Krankenhäusern der Stadt treffen drei Tage nach den jüngsten Kämpfen noch immer Opfer ein. Wie die Frau, die ihren toten Mann auf einer Schubkarre ankarrt und einen der Ärzte fragt, was sie mit der Leiche machen soll. Wenig später deponieren Jugendliche den von Kugeln durchsiebten Körper eines Mannes am Tor, die Pupillen gekippt, der Mund ein Riss im Gesicht, klaffend vor Schmerz. Äthiopische Soldaten haben ihn erschossen, als er zur falschen Zeit eine Straße überquerte. In der Leichenhalle spült ein Pfleger Blut vom Boden. Im Keyseney Krankenhaus amputieren Chirurgen das Bein eines Jungen, dem Grantsplitter den Oberschenkeknochen zertrümmerten. Im Frauentrakt liegt ein Mädchen, das von einer verirrten Kugel in den Kopf getroffen wurde. Die rechte Körperhälfte ist seitdem gelähmt, aus ihrer Nase ragen Schläuche und ihre Mutter vertreibt stoisch mit einem Wedel die Fliegen von den blutigen Verbänden. Es ist heiß, stickig; es riecht nach mitgebrachtem Essen, Schweiß, Eiter und Blut. Betten für alle gibt es nicht. Nur die schweren Fälle bekamen eins, die leichten drängeln sich auf dem Fußboden. Mehr als zweihundert Patienten behandelten die Ärzte des Keyseney Krankenhauses in den vergangenen drei Tagen, ununterbrochen pulen sie Kugeln und Granatsplitter aus Gliedmaßen, sägen, nähen und flicken zusammen, was zu retten ist. Und täglich kommt Nachschub.

Auch Polizeihauptmann Sheikh Mohammed Olad* wollte retten, was er Heimat nennt. Als Polizeihauptmann einer international anerkannten Regierung in Mogadischu für die Sicherheit der Stadt sorgen – nach so vielen Jahren. Er glaubte, endlich die richtige Rolle zu spielen, fühlte sich als Hauptdarsteller in einem Stück, von dem niemand glaubte, dass es jemals aufgeführt werden würde. Es dauerte nicht lange, da legte jemand einen neuen Film ein; ohne Happy End.

Sechzig Leute hat Mohammed Olad unter sich, sie tragen schnieke Uniformen, aber nur jeder dritte eine Waffe. Er tippt sich mit dem Finger an die Stirn. „Meine Leute müssen ihre eigenen Waffen auf dem Schwarzmarkt besorgen, für 400 Dollar das Stück. Wie bitteschön soll ich so Ordnung schaffen?", sagt er in fließendem italienisch und dabei spannt sich die Uniform über seinen Bauch. Seit Monaten kam kein Gehalt mehr. Die somalische Regierung hat kein Geld. Deshalb müsse man sich eben selbst bedienen in den wenigen Läden, die noch etwas zu verkaufen haben. Oder Wegezölle erpressen. Das macht unbeliebt – „aber was soll man machen?"

Über Mogadischu liegt friedlose Ruhe. Wir laufen durch die Altstadt, der verblassten „Perle am indischen Ozean". So nannten einst die Italiener diese Stadt. Links und rechts Mauerreste voller Einschusslöcher, rostige Autowracks, Panzerschrott, metertiefe Schlaglöcher, Schuttberge. Hie und da ein Konvoi der schlecht ausgerüsteten und unmotivierten Friedenstruppe der Afrikanischen Union, die strategische Ziele wie den internationalen Flughafen, den Hafen und die „Villa Somalia" genannte Gegend um den Präsidentensitz bewachen soll. Äthiopische Soldaten lauern im Schatten von Hauseingängen und verfallenen Geschäften, den Finger am Abzug. Misstrauisch mustern sie die wenigen Passanten, die sich auf die Straße trauen. Wie viele Truppen Äthiopien im Land hat, ist nicht bekannt. 55.000 heißt es. Und die gehen äußerst brutal vor, schießen auf alles und jeden und gerne auch mit Panzern und Artillerie in Wohnviertel. Menschenrechtsorganisationen werfen ihnen Massenexekutionen und Vergewaltigungen vor, Oppositionelle und unliebsame Journalisten verschwinden. Ihre Gegner sind ein loser Zusammenschluss aus Warlords und Islamisten. Ein unsichtbarer Feind, der keine Uniformen trägt, keinen Stadtteil kontrolliert, mal hier mal dort zuschlägt und keinem Clan oder Sippe angehört. Das Ziel ist klar: Die ungläubigen äthiopischen Besatzer und die Kollaborateure der aktuellen Regierung zu vertreiben.

Armenfütterung vor einer Ruine, Hirseschleim solange der Vorrat reicht. Kinder drängeln, Erwachsene schieben, Frauen klopfen mit Kellen auf eiserne Töpfe, jemand schießt in die Luft. „Zurück, zurück", schreit ein uniformierter Aufseher und drischt mit einem Stock auf die Hungernden ein, die Menge stiebt kreischend auseinander. Bloß nicht zu lange an einem Ort weilen, die Uniformen der Regierung fallen auf und könnten Extremisten anlocken. Wir huschen weiter durch eine zerstörte Stadt, die an Bilder von Sarajewo, Grosny oder Stalingrad erinnert aber deren Schönheit noch nicht ganz verblasst ist. Mohammed Olad drängt. Ruinen italienischer Villen und der Garessa, der alten Festung, die der Sultan von Oman erbauen ließ, dem Wahrzeichen Mogadischus, das jetzt als öffentliche Toilette dient. Vorbei am Fischereihafen und dem zerstörten Arubahotel, wo einst die High Society der Stadt ihre Feste feierte. Dem stillgelegten Nationaltheater und dem Triumphbogen, der dem italienischen König Umberto di Savoia gewidmet ist und zurück zur Polizeistation. Eine halbe Stunde Patrouille, das war's. „No, no, Signore, länger bleiben wir nicht draußen. Zu gefährlich", sagt der Hauptmann.

„Hit and run" nennt sich die Taktik der Milizen – zuschlagen und wegrennen. Meistens läuft es so ab, dass eine Gruppe Jugendliche mit Maschinengewehren aus den Ruinen stürmt, ein paar Handgranaten wirft und im Gefechtsqualm wieder verschwindet. Ab und an jagt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, manchmal explodieren ferngezündete Bomben. No, no, Signore. Dann doch lieber die Zeit in den sicheren Mauern der Wache absitzen, sagt er und grinst. Bei seiner Rückkehr warten dort schon ein Toter, sein 16-jähriger Mörder und ein Mann, der erwischt wurde, als er eine Mine legte. „Zwei neue Gefangene, darüber wird sich der General nicht freuen", sagt der Hauptmann.

General Abdullahi Maalin Ali hat ein Problem: 850 Häftlinge, die er nicht versorgen kann. Ticktock, ticktock, ticktock, seine Finger trommeln auf den Holztisch. Er kippt eine Tasse Tee nach der anderen, als wolle er sich an etwas festhalten. Seine Augen huschen hin und her.

Er spricht leise von seinen Sorgen, den Rücken durchgedrückt: Keine medizinische Versorgung der Häftlinge, kaum Trinkwasser, zu wenig Platz, miserables Essen, falls es welches gibt. Seit Monaten keine Gehälter. Die neuen Zellen? Bauruinen. Stattdessen zwanzig oder mehr Personen auf zwanzig Quadratmetern. Im Gefängnishof flimmert die Luft, nur eine Akazie spendet Schatten. Gewaschen wird sich mit Meerwasser. Prozesse? Er lacht. Ob man mit den Gefangenen reden dürfe? Natürlich nicht. „Dies ist unser kleines Guantanamo", sagt er, sein Mund lächelt dabei, die Augen nicht.

Was in der Stadt passiert, interessiert Amina Hassan Ali nicht mehr. Was zählt ist, dass sie ihre Kinder durchbringt, In'schallah, so Gott will – und wenn sie die Hungernot im Sommer übersteht. Um viel mehr geht es nicht. Maryan hat die Krätze, Ali Malaria. Sein Kopf wackelt haltlos; links, rechts, links, rechts. Hoffnung? Die wurde von einer äthiopischen Granate ausgelöscht. Nur der Zorn ist ihr geblieben. Das Leben im Flüchtlingslager ist ein Vakuum in dem Zeit nicht existiert. Das Dasein reduziert sich auf warten: Warten, dass die Zeit vergeht, ein Tag gleicht dem nächsten, in diesem verfluchten Flecken Erde, ohne Mann und mit zwei Kindern. Warten auf Hilfslieferungen, die nicht kommen. Morgen, übermorgen, nächste Woche schafft jemand vielleicht ein bisschen Hirse, Speiseöl, Bohnen auf Lastwagen heran. Hilfslieferungen sind selten in einem Land, in das sich internationale Helfer nicht mehr trauen, weil es keine Sicherheit gibt. Vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen explodierten Bomben, UNO Mitarbeiter dürfen keine Nacht in Somalia verbringen, im April erschossen Extremisten zwei britische Lehrer, ein französischer Journalist wurde entführt, Ausländer können sich nur mit einer bewaffneten Eskorte bewegen, die meisten Stadtteile Mogadischus sind Sperrgebiet und Piraten kapern regelmäßig Schiffe vor der somalischen Küste. Und dann stellt Amina die Frage, die man in diesen Tagen oft in Somalia hört: „Warum hilft uns niemand?" In dünnen Schwaden schwebt Staub über das Lager, legt sich auf Zelte und Menschen, wie ein Leichentuch.

*Name geändert

Text: Carsten Stormer
Fotos: Guy Calaf
Thursday, May 29, 2008 
Sexual Terrorism

The abused women from Kivu-Lake

Peace was supposed to have been restored to the Eastern part of the Democratic Republic of Congo. Yet, in the past year alone, 17,000 girls and women in the province of South Kivu were raped – because nobody stops the perpetrators.

The men who used Francoise Mwaburafano's body as a battlefield arrived one late afternoon. She was sitting in front of her hut peeling maniok with her two children, eight year old Leopold and six year old Francine. Her husband Jean Bosco was dozing in the shade of a banana tree.

She never thought that the war would be coming to her village. There was nothing to gain there. A dozen mud huts in the middle of the jungle two kilometers outside of the tiny village of Kabare. A couple of pigs and chickens, fields where people grew vegetables. That is all. Yet, all of sudden, Francoise Mwaburafano was facing four men dressed in ragged uniforms. They smelled of alcohol and talked to each other in Kinyaranda, the language of Rwandans, which she could not understand. "We want women", said one in Suaheli and pressed the barrel of his Kalaschnikov against her forehead. "We want you."

Francoise Mwaburafano had an uneasy sense of what was going to happen next. She had heard the stories about murder, sex slaves and kidnapping, that the women whispered to one another on the market. She started praying that all that was not true. Nothing but rumors, exaggerations and chatter to make the day pass faster. Francoise watched how the men hit Jean Bosco with their rifle butt until he was bleeding and tied him to a tree and right then she knew that the women had told the truth.

Officially, peace had been declared in Congo following general elections two years ago. However, it never reached the province of South Kivu. According to the UN the number of rapes here stood at 16,869 for the past year alone. The estimated number of unreported cases is most likely many times higher. Women, who keep silent out of fear and shame. Victims, who are too weak or too poor to get to a hospital. According to human rights organizations, 1 in 3 women in South Kivu have been the victim of rape at least once. The reasons are as trivial as they are simple. Nobody hinders the perpetrators. They have neither prosecution nor punishment to fear. 548 charges have been filed over the past two years but it is not known how many defendants have been sentenced.

South Kivu is a region with an inept government and no functioning legal system or administration. The powerful takes from the weak and the powerful usually wear uniforms and carry Kalaschnikov. Thousands of armed and poorly paid soldiers, militias and paramilitary groups live in the bush, roam the forests and violently grab whatever they want: livestock, food, money – and above all women. Dehumanized by endless years of war. Sexual terrorism around Africa's big lakes and people in South Kivu have surrendered in the face of raw and rampant violence.

We meet Francoise Mwaburafano on the day of her release from Panzi Hospital, the only facility in South Kivu that treats women like her. At 31 years old, she is as slender as a birch, with brown dry silk-like skin and reed-thin arms. She is sitting under a corrugated sheet roof together with hundreds of women who have suffered the same fate. While she is talking, UN Blue Berets from Pakistan distribute fried rice. One woman starts to tremble at the sight of the uniforms: some children run away, screaming. Francoise Mwaburafano wears a shirt featuring a slogan that sounds like a calling: Get involved.

If only she could get rid of her torturers' smell. Their sweat, and foul breath. Why can't she erase these images from her mind? This horror movie playing in an endless loop that keeps her from sleeping at night. Two men held down her arms, another her head, a fourth slid her wrapped skirt over her hips. And then they took turns. For three hours they raped her again and again. And when they got tired they used sticks or their rifle butts. She closed her eyes and prayed that they would spare her life. Her husband Jean Bosco who was tied to a tree watched his wife being raped. When the men were finished with her they shot Jean Bosco and both children. One of the men took Francoise with him back to the jungle and while in captivity, Francoise learned to smile whenever life hurt the most. For whoever smiles gets fewer beatings. She had to endure her captor for three months until she wasn't of any use to him any longer. "I did everything to you I wanted." Then, he left her behind in the forest, naked.

Panzi Hospital is a transit camp for battered bodies and souls. As if trying to hide itself and its patients, it cowers in a basin on the outskirts of Bukavu. A fig leaf for the region's shame. Already early in the morning, a dozen newcomers gather outside the hospital's fence. There are not enough beds for everyone. Chief physician Denis Mukwege has a problem: 250 beds for 319 patients, every single one of whom has been abused and tortured – and a fresh supply keeps coming day after day.

Denis Mukwege has the stature of a boxer and dark circles under his eyes. It is 8 am, time for the daily rounds in the ward for women treated for fistulae. Those holes between the bladder and vagina are the result of forced penetration with foreign objects like sticks, knives, branches, machetes, and guns. Forty-four women who suffer from incontinence lie here with another thirty-three in the ward next door. It smells of disinfectants, urine, sweat, and feces. Tubes and catheters protrude from abdomens. Blood and excrement are collected in plastic bowls. Nine out of ten rape victims are turned out by their husbands. A woman who looks intact at least from her outward appearance can continue to hope for some degree of normalcy but not a woman that smells of feces and urine.

In the operating rooms next door, surgeons stitch together what can be saved of the battered abdomens. Doctor Yung removes a cyst from a uterus, doctor Justin repairs a bladder, Doctor Nanga fills holes in rectums and urethras. Doctor Alain delivers the fruit of rape, a girl weighing 3200g. Fifteen surgeries are scheduled for today, five of which will be performed by Doctor Mukwege. Just another normal day.

The madness started in 1994, after the Rwandan genociders had fled to Congo where they continued to murder, loot and rape. A society entered no man's land and started to establish its own rules. The victims of the new pecking order ended on operating tables in hospitals and in morgues refrigerators. In 1996, troops from Rwanda, Uganda, and Burundi invaded Congo to topple the cleptocrat Mobutu and to plunder Congo's natural resources – gold, diamonds and tropical woods. 1998 saw a repeat. During all that time, rebels, warlords, bandits and renegade generals have engaged in guerilla warfare to gain power and control the country's natural resources. Fourteen years and more than five million dead later, barely anything has changed. Nobody seems to be interested in restoring stability. Anarchy and chaos raging outside of the glare of international publicity guarantees huge profits for every party involved in exploiting the country, from warlords to international corporations. And right in the middle, a 17,000 men strong UN mission attempts to restore law and order with moderate success. Indian soldiers trade weapons for gold with Rwandan war criminals, blue berets from Morocco abuse underage prostitutes and Pakistanis spend their time playing cricket and basketball on their bases since their mandate is not sufficient enough to protect the civilian population.

Denis Mukwege's eyes flit back and forth, left, right, left, right, and when he talks his voice grows quieter until finally it is nothing more than a whisper. Over the past year, 10,354 women knocked on his office door. He has heard the same story tens of thousands of times, the same suffering only the faces have changed. He talks about raped infants who died in his arms and tortured girls some not older than two years whose abdomens had been shot away. He treated women who had hot plastic poured in their vaginas and pregnant women whose abdomens and fetuses had been lacerated by bayonets. Grandmothers as old as 85 years. They all came to Dennis Mukwege for help and, at one point he decided to turn a deaf ear. The truth was giving him nightmares. He had to keep his sanity. "A woman's intact body is the first step to a life in dignity", he says. Dennis can repair their bodies but not always their souls.

Many souls bear searing brands. Such as Adale Vumilia's. For hours, she was raped and then forced to watch as her tormentors hacked her husband and four children to death and later cooked and ate them. It happened last March. Since then, she has lived in the Karale Hospital, an institution for the mentally ill, and keeps asking herself why she was not allowed to die. Below her stretches the Kivu Lake, as if poured in the valley between the soft hills of Bukavu. She sits on a stool and stares into space. Her upper body sways uncontrollably back and forth until evening comes. She murmurs, her pupils dilated, her mouth a cleft in her face. A monotonous singsong, as if each word could relieve the pain in her soul just a little bit. A message from the prison of her body. Only her faith forbids her to end her life prematurely. Otherwise, she would end up in hell, she says, which is where she already is.

Adale Vumilia is not the only case. In Bukavu, people deride Lubala Neema, a woman, who carries her children's bones in plastic bags across town and who hides behind a lunatic smile. And at Panzi Hospital, twelve year old Elisa Lwiro roams the corridors. She is too young to have the wreckage of her body repaired. She doesn't talk to anyone. It is as if she is determined to isolate herself from the world around her. A life that has been destroyed before it began.

People in South Kivu call raped women 'Kabukas' which is Suaheli for violence. The victims themselves call one another survivors. They are from towns and villages: Urina, Karana, Kaniola, Bunjakiri or Minova. Deep in the jungle where militias, rebels, and soldiers roam and where UN peace-keeping forces don't venture to go and where priests spread the Gospel like distributing soup for the poor.

One of those places is Katana, a congregation of crooked shacks, 65 kilometers and countless potholes outside of Bukavu. For hours, Sevy Kabala has palpated abdominal walls, felt pelvises and examined inflamed vaginas in an abandoned brick building that serves as a community center. Four times a month, the 32-year-old gynecologist from Bukavu visits Katana to treat patients who cannot come to Panzi Hospital because they are too poor or live in such remote areas. Today, she is going to see 43 patients. Almost all of them have been raped. Some will try to get their hands on drugs to treat tuberculosis, malaria, ulcer or AIDS. Small groups clad in bright dresses are waiting under banana trees. Colorful spots in the endless green of the jungle.

For five hours, Sevy Kabala has soothed raped bodies and dented souls. With every minute and every patient her anger rises. Anger toward a society that does not protect its women and a government that does not act and whose own soldiers are guilty of countless acts of rape. Outrage over the international peace-keeping troops who sit on their hands and watch without intervening. It is that anger, she says, that keeps her from going mad. Patient No. 38 is cowering in front of her with an ashen face and flickering eyes. Diagnosis: inflamed vagina. Lay down, undress, get up – next patient. Every five minutes. On the loamy soil, used gloves grow into a hill of latex.

Francoise Mwaburafano has already finished her treatment. Her fistula is cured, her urethra patched and now she is standing somewhat lost at the entrance to Panzi Hospital about to be released. It sounds as if she has been in prison, although for the first time in a long time she felt safe again. Among all those women, who have suffered the same fate. Here, she was one of many. A place, where she did not have to be ashamed and where she found dignity. Back at her village, people will whisper behind her back and point a finger at her.

Francoise, you are allowed to leave, Doctor Mukwege told her a few days ago. Allowed? No, actually she does not want to leave. Yet, the doctor told her that they needed her place for somebody new. In front of her feet lies a bundle, a starter kit provided by the hospital. Soap, detergent, an aluminum pot, plastic plates and twenty dollar. That should be enough to start a new life and suppress memories of the old one. Where am I supposed to go now, she asks. Only a dilapidated hut and reminders of her dead family await her back home. Her shoulders tremble and she takes a couple of deep breaths to calm herself. What if once again men will pass by, hunting for women? "Are they going to kill me then?" She looks at the piece of paper in her hand, the results of her blood test. Francoise Mwaburafano, 33 years old, raped, mother of two dead children, widow, her husband murdered, is HIV positive.
Friday, May 23, 2008 
Somalia, on the edge

Ethiopian occupiers, an inept government, Islamic militias, pirates and hundreds of thousands of refugees on the brink of starvation. Somalia is beyond control.

The day a grenade killed her husband Abdi, Amina Hassan Ali had planned to prepare his favorite dish: boiled lamb with raisin rice. There was reason to celebrate. After weeks of looking for a job Abdi had finally been asked by a wealthy neighbor to repair the attic and was to get paid in dollars instead of rice or cooking oil taken from stolen aid deliveries, as was usually the case. Abdi the carpenter dreamed of building a nice house for his family in a time when the civil war would be nothing more than a bad memory.

However, things were about to take a different turn. On April 20th, as Abdi left the house to repair his neighbor's roof, Ethiopian soldiers on the city's opposite end fired off a grenade that landed in the area where Abdi and Amina lived.

Amina heard the explosion. It was so close, so loud. Don't panic, she told herself. Abdi is safe, she tried to convince herself. Her feelings told her otherwise. Please. Let nothing have happened to him. Who would care for their two children, nine year old Maryan and newborn Ali? A dense cloud of smoke hung over the area. Grenades exploded, people were screaming. She could no longer stand the uncertainty and ran into the street where she found Abdi lying. Amina collected his remains.

This city on the Horn of Africa has looked like this for the past 17 years and during all that time, it has not seen a functioning government or army, a school system, public administration. Welcome to Somalia. Mogadishu is a ghost town. The civil war is driving people out of the city: 750,000. Whoever had the opportunity, escaped and went abroad – to Puntland, Djibouti, Dubai, Kenya. Tens of thousands of refugees crossed the Gulf of Aden in fishing-boats to reach the refugee camps in Yemen. A 40-hour-long ordeal that 1 in 4 does not survive. Dozens of bodies are washed ashore on the Yemenite coast. Those doomed to stay in Somalia, gather along the road leading to Afgoye. The pothole covered road is considered the world's largest internal refugee camp – 250,000 people. Every day, new refugees arrive, who transport their belongings in white minivans or on donkey carts. A hodgepodge of varicolored plastic tarpaulins, jute bags, and ramshackle dwellings, cobbled together from canvas and thin tree limbs. A patchwork of despair that keeps on growing, 30 kilometers long, where people die of cholera, malaria and hunger.

We meet Amina Hassan Ali four days after Abdi's death. We find her under a plastic canvas at the Arbis refugee camp 30 kilometers outside of Mogadishu. At 32 years old, she is as slender as a birch, with brown dry silk-like skin and reed-thin arms. While telling us her story her little son Ali is sucking one of her milkless breasts. Abdi should have listened to her. How many times had they argued over the past few months, with the fighting getting ever more intense? Why stay? Why not leave? Because of the kids. "We will all get killed", she had warned. One brother-in-law had long ago fled to one of the countless refugee camps. They could move in with him until the situation improved – somehow, sometime. "Then, Abdi would laugh," his widow tells us and wipes her face. Little Ali screams, flies are stuck to his face, crawling into his nose, ears and mouth. In the tent next to Amina's, a woman is moaning. She needed a blood transfusion, but unfortunately her blood type was not available. Such details don't matter. That morning, old Omar had died of exhaustion. The neighbor buried a young child. Twenty year old Abukar lifts his shirt to show a fresh shot wound. Usual occurrences in this camp. No, a life of dependency was out of question for Abdi. He was much too proud for that. Someone like him does not flee, he would always say. A carpenter who wiped away life's reality like it was some kind of smudge.

Mogadishu is not all that different from the many camps. It is a capital with no power grid, sewage system or garbage collection. The end of the Soviet Union meant the fall of dictator Siad Barre in 1991, in the wake of which warlords and powerful businessmen with their private armies and rivaling clans laid waste to Mogadishu. When in 1992, pictures of starving Somalis were broadcast around the world the UN and the United States decided to help. They sent troops and aid to feed the starving refugees and to put an end to the warlords' actions. The operation was named "Restore Hope". It turned out to be nightmare for America and the UN.

On October 3, 1993, 18 US soldiers were killed in an ambush. A mob dragged their bodies through Mogadishu's streets. The superpower retreated in humiliation and the world left Somalia to its own devices. In 2006, an Islamist organization and their militias expelled the city's warlords. For a couple of months, order was somewhat restored in Mogadishu and large parts of Somalia. The new rulers called themselves Union of Islamic Courts (UIC). An alliance formed between extremists and moderate Islamists and a number of businessmen. They did not have clearly defined goals, yet they aimed at transforming the country into a moderate theocracy. In late 2006, fearing a talibanization in the region, Ethiopian troops, with the understanding with the US and supported by the weak but internationally recognized Somali government, rolled into Mogadishu. Sixteen months later and with seven thousand dead the situation has deteriorated.

In late April, fighting in the capital raged for three days. The streets were littered with dead civilians, soldiers and Kalashnikov-toting youths who had joined the Islamists' Militia of al-Shabab to battle the Ethiopian occupiers. One more chapter in the Somalian tragedy, which is unfolding outside the glare of international publicity.

Three days after the most recent fighting ended, victims are still being brought to the capital's hospitals. Like the woman who had dragged along her husband's dead body on a wheelbarrow, asking one of the doctors what to do with it. A short while later, a group of young people drops off the bullet-riddled body of a man, his pupils dilated and his mouth a cleft in his face contorted with pain.

Ethiopian soldiers had shot him when he was about to cross a street at the wrong time. In the morgue, a male-nurse is mopping blood from the floor. At the Keyseney Hospital, surgeons amputate a boy's leg, which has been shattered by shrapnel. A young girl who was hit in the head by a stray bullet lies in the woman's ward. Her right side is paralyzed. Tubes protrude from her nose and her mother uses a frond to stoically chase away flies from the blood-soaked dressings. It is hot and stifling. It smells of food brought from home, sweat, pus and blood. There are not enough beds for everyone, only for the serious cases. Others sit and lie on the crowded floors. Over the last three days, doctors at Keyseney hospital have treated more than 200 patients, incessantly removing shrapnel and bullets from limbs, sawing, sowing and stitching back together whatever can be saved. And a fresh supply keeps coming day after day.

Police Captain Sheikh Mohammed was one of those who wanted to save and protect what he calls home. As a police officer serving an internationally recognized government in Mogadishu, he wanted to provide security to the city – for the first time in so many years. He thought he finally played the right part, and felt like the main character in a play nobody thought would ever make it on stage. It wasn't before long that a new movie was shown, with no happy ending.

Mohammed Olad commands a group of sixty people all dressed in spiffy uniforms, but only one third of them carries a weapon. He taps his forehead with his finger. "My guys have to get their weapons from the black market, for 400.00 each." "How am I supposed to restore and keep order under these conditions", he says in fluent Italian. Salaries have not been paid in months. The Somali government has no money. This is why they have to help themselves in the few stores that still carry merchandise. Or by extorting tolls. Not the kind of thing to enhance one's popularity – ' but what is one supposed to do?"

A peaceless calm surrounds Mogadishu. We walk through the old city, the faded 'perl on the Indian Ocean'. This is what the Italians once named the city. We pass the remains of bullet-riddled walls on both sides of the street. Rusty car wrecks, armor scrap, potholes several feet deep, hills of debris. Once in a while a convoy from the poorly equipped and unmotivated peace-keeping force of the African Union, which has orders to protect such strategic places as the international airport and the area around "Villa Somalia" the seat of the president. Ethiopian soldiers are squatting in the shade of building entrances and dilapidated stores, their fingers on the trigger. They suspiciously watch the few people who venture out on the street. It is not known how many Ethiopian troops are in Somalia. Their number is said to be about 55,000. And they act with extreme violence, shooting at everything and everyone, sometimes even firing tank shells into residential areas.
Human rights organizations accuse them of mass executions and rape. Members of the opposition and disagreeable journalists disappear. Their enemy is a loose alliance of warlords and Islamists. An invincible enemy, who doesn't wear a uniform, is not holed up in one neighborhood, strikes randomly here and there and does not belong to a single clan or tribe. The goal is clear: to oust the infidel Ethiopian occupiers and the collaborators of the current government.

Feeding the poor in front of ruins, millet gruel while supplies last. Children are pushing, adults are shoving, women are hitting on iron pots with ladles, somebody shoots in the air. 'Move back, move back' a uniformed guard yells and flails away at the hungry with his baton. The screaming crowd disperses. Never stay in one place for too long. The government uniforms stand out and could attract the attention of extremists. We scurry on through a destroyed city that is reminiscent of Sarajevo, Grosny or Stalingrad but the beauty of which has not yet completely faded. Mohammed Olad is urging us to move on. Remains of Italian mansions and Mogadishu's landmark, the Garessa, an ancient fortress built by the Sultan of Oman, which nowadays is used as a public toilet. We walk past the fishing harbor and the destroyed Hotel Aruba, where the high society used to hold their parties. The shut down national theater and the triumphal arc dedicated to the Italian king Umberto di Savoia and back to the police station. A patrol of half an hour. That was it. "No, no Signore. It is too dangerous to stay outside for much longer", the captain tells us.

The militias engage in hit and run attacks with a group of young people carrying machine guns, who storm from ruins, and throw a couple of hand grenades before they disappear in the smoke. Once in a while a suicide bomber blows himself up, sometime remotely controlled bombs explode. "No, no Signore. It is much better to stay inside and sit it out", the captain says with a grin. Upon his return he finds a dead body, a 16 year-old murderer and a man who was caught planting a mine. "Two new captives. The General will not be happy about that", says the captain.

General Abdullahi Maalin Ali has a problem. 850 prisoners he cannot feed. Tap tap, tap tap, his fingers are drumming on the wooden table. He pours himself one cup of tea after another as if trying to hold on to something. His eyes are flitting back and forth.

He speaks in a low voice, his back straightened. No medical care for the prisoners, only a little drinking water, not enough room, lousy food, if any at all. No salaries in months. The new cells? Unfinished. Instead, twenty or more people on twenty square meters. The air in the prison yard scintillates. A lone acacia provides shade. Saltwater is used for washing. Trials? He laughs. Is it allowed to talk to the prisoners? Of course not. "That is our little Guantanamo", he says, his mouth smiling, but not his eyes.

Amina Hassan Ali is no longer interested in what is going on in the city. The only thing that counts is her children's survival, in'shallah –God willing - and that she survives the summer's famine. It is not about much more. Maryan has scabbies, Ali has malaria. His head sways uncontrollably, Left, right, left, right. Hope? Hope was destroyed by an Ethiopian grenade. Only the anger remained. Life in the refugee camp is a vacuum, which does not know time. The whole existence is reduced to waiting. Waiting for the day to pass, one day resembles the other in this cursed part of the Earth, with no husband and two children. Waiting for aid deliveries that never arrive. Maybe tomorrow, the day after tomorrow or next week someone will bring a truckload of some millet, cooking oil or beans. Aid deliveries are rare in a country that no foreign aid worker dares to enter for lack of security. Bombs explode in front of the UN headquarters. Aid workers are not allowed to stay overnight in Somalia. In April, extremists killed two British tourists and kidnapped a French journalist. Foreigners can only move around with an armed escort. Most of the city's neighborhoods are restricted areas. Pirates frequently capture ships off the Somali coast. And then Amina asks the question, which can be often heard these days: 'Why doesn't anybody help us?' In thin swaths, dust hovers over the camp, enshrouding the tents and people, like a pall.
Tuesday, April 22, 2008 
Bei den Fledermausmenschen
In Manila wohnen 150.000 Familien an den Kanälen und Flussarmen der philippinischen Hauptstadt. Jährlich werden es mehr. Ihre Behausungen haben sie unter Brücken geklebt, wie Flattertiere, deshalb bekamen sie den Namen Fledermausmenschen.

Mit einem sanften Plopp tauchte Luna am Abend des dritten Tages wieder auf. Direkt vor den Augen ihrer Mutter. Drei Tage hatte sie gemeinsam mit der gesamten Nachbarschaft die Gegend abgesucht, den Fischereihafen abgeklappert, die Müllberge durchkämmt, gesucht, gerufen, und geweint. Nichts. Mit jeder verflossenen Stunde sank die Hoffnung. Gerüchte machten die Runde; das Mädchen sei nur weggelaufen, sagten die einen, um sie zu beruhigen. „Keine Panik, Corazon, bald kommt deine Tochter zurück." Andere wollen fremde Männer herumlungern gesehen haben. Organmafia? Alles schien möglich.

„Und plötzlich war Luna wieder da", erzählt Corazon de Jesus. Plopp. Ein fahles Gesicht, knapp unterhalb der Wasseroberfläche, ein lebloser Körper, mit der Flut nach oben gespült. Ein Fuß noch immer verharkt in dem Drahtgestell, das sie am Grund des Flusses festhielt. „Luna war beim Spielen durch ein Loch im Boden gefallen." So banal, so tragisch. Das war vor drei Jahren, und die Tragödie schaffte es sogar in die Hauptstadtgazetten. Corazon de Jesus, 34, sitzt in ihrer acht Quadratmetern kleinen Nische unter der Brücke, die sie ihr Zuhause nennt und starrt auf das Loch, durch das ihre Tochter fiel, ein Ventilator verquirlt heiße Luft. Sie spult zurück in ihre Vergangenheit, ihre Augen blitzen wie Opale und sie weint stumm in sich hinein.

Über den Navotas, in Metro Manila, spannt sich eine hundert Meter lange Brücke. Auf der Oberfläche des Flusses schwappt eine wabbelige Masse, die an glänzend schwarze Müllsäcke erinnert. Es stinkt, im Wasser treiben Unrat, Plastik, Essensreste, Fäkalien. Manilas Flüsse sind der Dickdarm der Hauptstadt, darin wird alles verdaut, was niemand mehr braucht. Unter der Brücke wohnen etwa dreihundert Familien; in Verschlägen aus Plastikplanen und Sperrholz, übereinander, nebeneinander. Wellblech an Wellblech, Pappe an Pappe; die de Jesus, die de la Costas, die Salvacioles, die Gaquits, die Santos, die Zapatas haben dahinter ihre Schlafplätze und Kochnischen. Eine illegale Siedlung nur wenige Zentimeter oberhalb der stinkenden Brühe. Behausungen, die sich wie Fledermäuse in den Beton gekrallt haben. So bekamen die Bewohner ihren Namen: bat people, Fledermausmenschen.

Ginge es nach der Regierung, hätte man sie schon längst aus der Stadt geworfen. Weggewischt wie einen Schmutzfleck.150.000 Familien sollen so unter den Brücken leben, die sich über die Kanäle und Flussarme der philippinischen Megapole ziehen. Ein Dasein hinter Wellblech und Pappe. Adressen oder gar Briefkästen gibt es nicht. Eigentlich fehlt alles, welches die Identität eines Menschen nachverfolgen lässt. Ein Netz in der Gesellschaft, das Leute wie sie auffängt, gibt es nicht.
Was zählt ist, dass sie hier überleben können. Um viel mehr geht es nicht. Denn Manila hat ein Problem, ein sehr großes, schnell wachsendes: Platzmangel. Ein Geschwür, das sich so schnell ausbreitet wie Magenkrebs – und ebenso schlecht heilbar ist. Elf Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt, die erste und dritte Welt in einem ist. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt unterhalb der Armutsgrenze. So wie die Familie de Jesus.

Ein Name wie eine Prophezeiung: Corazon de Jesus, das Herz Jesu. Während sie in ihrer Vergangenheit kramt, brausen auf der Brücke Sattelschlepper und Überlandbusse über den Asphalt, Autos hupen im Akkord. Sie bringen die Brücke zum Beben, der Beton erzittert und die Verschläge wackeln. Ihre Geschichte klingt wie die vieler unter der Brücke über den Navotas. Deren Suche nach einem besseren Leben irgendwo in den Provinzen der 7100 Inseln des philippinischen Archipels begann, so weit entfernt von den Glaspalästen Manilas, seinen Einkaufspassagen und Luxusboutiquen wie die Rückseite des Mondes. Sie kamen in klapprigen Bussen und rostigen Fähren in die Hauptstadt – und ihr Weg endete unter einer Brücke. Als Referenz nur Armut im Gepäck, und Überlebenswillen. Damit lässt sich in Manila keine anständig bezahlte Arbeit finden. Sie schleppen Steine in den Baugruben oder Kisten mit Fischen im Hafen, arbeiten als Tagelöhner, verkaufen Obst oder Gemüse, schuften in Fabriken. Was es gerade zu tun gibt.

Corazon de Jesus' Ehemann Carlos hat Augen wie Tollkirschen und einen sprießendem Fünftagesbart. Er trägt ein himmelblaues Unterhemd mit einem Aufdruck, der wie ein Versprechen klingt: USA. Von sechs Uhr abends bis vier Uhr morgens verdingt er sich als Billiglöhner im nahen Fischereihafen. Tagsüber fährt er Jeepney, die bunt angemalten philippinischen Sammeltaxis. Sechzehn bis zwanzig Stunden Arbeit täglich – und wenn er Glück hat, kratzt er die 250 Pesos zusammen, die die Familie zum Überleben braucht. Umgerechnet vier Euro. Und manchmal, wenn ihm der Sinn seines Daseins rätselhaft vorkommt, flüchtet sich Carlos in die Nebelwelt, in die ihn eine billige Flasche Tanduay Rum schickt. Am Abend ist das Geld aufgebraucht, und der nächste Tag beginnt mit neuen 250 Pesos. Reis, Gemüse, ein bisschen Fisch. Seife, Gas für den Kocher, Trinkwasser; für mehr reicht es nicht. Den staatlich verordneten Mindestlohn von dreihundert Pesos zahlt kein Arbeitgeber. Warum auch? Es muckt ja keiner auf, es gibt genügend Arme, die Jobs suchen.

Wenn die Sonne aufgeht, sich die Nische unter der Brücke noch nicht in einen Backofen verwandelt hat und der Gestank des Flusses noch halbwegs erträglich ist, legt sich Carlos hin und Corazon übernimmt, wäscht den dreijährigen Marvin, putzt, hängt Wäsche auf, kocht; begleitet vom Gurgeln des Flusses, dem Soundtrack ihres Lebens. Seit zwölf Jahren hausen sie unter der Brücke, man hat sich eingerichtet. Einen Weg nach oben haben sie bislang nicht gefunden.

Es ist ein Leben in der Hocke. Nur der dreijährige Marvin kann aufrecht stehen, so niedrig ist die Decke. Und wenn es stark regnet oder eine heftige Flut kommt, schwappt die giftige Kloake schon mal in die Wohnung. An den Betonwänden kleben Zeitungen, um die Feuchtigkeit aufzusaugen. Auf einem Regal stehen ein paar Töpfe, eine Dose mit Speiseöl und eine Marienstatue, am Boden liegt ein Jutesack mit frischer Wäsche; der ganze Besitz der Familie passt in eine Plastiktüte. „Wir haben das teuerste Dach Manilas", scherzt Carlos. „Fünf Millionen Dollar plus Korruption." Dann legt er sich wieder Schlafen. „Immerhin müssen wir keine Miete zahlen", sagt Corazon de Jesus und zieht die Mundwinkel hoch. Ein Loch im Fußboden dient als Abwasser-, Müll- und Kloloch. Was hier durchfällt, schluckt der Fluss, manchmal auch Kinder. Den Tod ihrer Tochter haben die de Jesus nie verwunden, erzählt sie. Marvin krabbelt auf der Holzplatte, die als Fußboden dient. Corazon de Jesus hält ihn am T-Shirt fest, damit er nicht ins Wasser fällt. Bloß nicht noch ein Kind verlieren. Deshalb darf Marvin auch nicht mit den Nachbarskindern im Wasser planschen.

Das faulige Wasser, mit seinen Keimen und Krankheitserregern ist Müllhalde und Spielplatz zugleich. Kinder stört der Gestank nicht – und irgendwo müssen sie sich austoben. „Nein, Marvin, du darfst im Wasser nicht spielen. Davon wirst du krank", sagt de Jesus, und der Junge weint.

„Ja ja, heul nur, Marvin. Im Krankenhaus machen sie Dich dann gesund und ich sterbe anschließend an einem Herzinfarkt, wenn ich die Rechnung bezahlen muss." Als sie das sagt, hört Marvin für einen kurzen Moment auf zu schluchzen, kuckt seine Mutter erschrocken an, um dann noch lauter zu brüllen. So denken sie alle hier: Bloß nicht krank werden, denn Medikamente oder einen Arztbesuch kann sich keiner leisten.

Es ist nicht leicht, in diesem Slum Leid zu messen. Ausgelassenheit liegt über der Atmosphäre des Elends. Kinder werfen mit alten Sandalen auf Plastikflaschen, Frauen hängen Wäsche zum Trocknen auf, Gesichter lachen, Sari-Sari-Läden, die philippinischen Kiosks, bieten kalte Cola und Zigaretten feil, Radios dudeln philippinischen Pop. Die Slumbewohner wirken wie aus dem Ei gepellt. Kein Schmutzfleck auf Hose, Rock oder Hemd. Als gebe ihnen ein bisschen Eleganz die Würde, die sie zum Leben benötigen. Verbrechen und Gewalt sind selten. Mord und Totschlag gibt es nicht. Elend schweißt zusammen. Eine Schlägerei im Suff, manchmal. Es gab auch schon Vergewaltigungen. Einige Jugendliche flüchten in Drogen und Alkohol, wenn sie begreifen, dass ihnen das Leben ihrer Eltern blüht; von der Hand in den Mund zu leben und einer Zukunft, die nicht weiter entfernt ist als der nächste Tag.

Der Abend gehört dem Ungeziefer. Moskitos torkeln aus stinkenden Pfützen, Legionen von Kakerlaken krabbeln aus ihren Löchern, fallen über alles her. Damit sie die Menschen in Ruhe lassen, haben die Brückenbewohner Bananen vor dem Boden verteilt, wie Opfergaben an einen unbarmherzigen Gott. In der Dunkelheit liegen Jugendliche auf der Lauer und machen mit Steinschleudern Jagd auf Ratten.

Die Regierung der Philippinen hat sich ein ehrgeiziges Projekt in den Kopf gesetzt. Manila soll schöner werden. Slums und Fledermausmenschen stören dabei. Sie müssen weg. Basta. Es soll Platz geschafft werden für Einkaufszentren, McDonalds-Filialen und Wohnprojekte für die Reichen der Stadt. Des Problems Lösung sind Umsiedlungsprojekte. Und so kann es geschehen, dass plötzlich Planierraupen und Bauarbeitertrupps, geschützt von Polizei und Militär, vor den illegalen Siedlungen auftauchen. So auch vor vier Jahren an der Brücke über dem Navotas. Innerhalb eines Tages war alles niedergewalzt, eine Kläranlage sollte an der Stelle des Slums gebaut werden. „Nach wenigen Wochen kehrten wir wieder zurück und bauten alles so auf, wie es vorher war", sagt Corazon de Jesus und versucht ein Lächeln. Manchmal brennt ein Slum auch aus ungeklärten Umständen nieder. Problemlösung à la Philippinen. Dass das Elend in den Provinzen jedes Jahr 150.000 bis 200.000 neue Migranten, Glücksritter und Wanderarbeiter nach Manila schwappt, scheint die Regierung zu ignorieren.

Elisabeth Hermosade lebte einst unter Brücken, bis sich ein Umsiedlungsprojekt der Regierung für sie fand. Towerville, drei Sammeltaxistunden von Metro Manila entfernt, ist ein Dorf der Frauen und Kinder. Kleine Häuser aus unverputztem Stein, umgeben von grünen Hügeln und sauberer Luft. Vögel zwitschern und bunte Falter taumeln von Baum zu Baum. Hierhin hat die Regierung mehr als sechstausend Fledermausmenschen ausgelagert. Gebessert hat sich ihre Situation dadurch nur optisch. „Die Regierung löst Probleme nicht, sondern verlagert nur die Armut", sagt Hermosade und ballt ihre Hände zu Fäusten, dass die Knöchel weiß hervortreten. „Ein schöner Ausblick macht nicht satt." Unter Bougainvilles lungern vier Halbstarke, rauchen und pfeifen einem Mädchen hinterher. Männer haben hier Seltenheitswert. „Die kommen nur an den Wochenenden", sagt Elisabeth Hermosade. Die restliche Zeit verbringen sie in Manila auf der Suche nach Gelegenheitsarbeiten und wohnen unter Brücken.
„Sehen sie sich um, es gibt keine Arbeit hier, keine Fabriken, keine Kunden, keine Ärzte. Nicht einmal einen Marktplatz zum Einkaufen. Was sollen wir hier tun?" Außerdem sei es hier nicht sicher, keine Polizei, kein Sicherheitsdienst beschützt Towerville. Erst letzten Donnerstag fand man die Leiche eines Kindes am Straßenrand – ohne Augen und Organe. „Total ausgeweidet." Und am Wochenende verschwanden wieder zwei Jungen nach der Schule. Seitdem patrouillieren besorgte Mütter die Siedlung.

Elisabeth Hermosade hat geschafft, wovon viele Fledermausmenschen nur träumen: Sie ist vom Karussell der Armut abgesprungen. Heute ist sie Sprecherin der Fledermausmenschen, eine zierliche Frau mit dem Händedruck eines Kirmesboxers. Sie arbeitet für die Hilfsorganisation ZOTO. Die Organisation ist so etwas wie eine Selbsthilfegruppe der Armen. ZOTO hat etwa 10.000 Mitglieder, unterhält Kindertagesstätten und Krankenstationen, bildet Sozialarbeiter aus, gibt Jugendlichen Computerkurse, organisiert Theateraufführungen oder Konzerte. Das Prinzip ist einfach: Wenn sich die Armen in Gruppen organisieren, hören Behörden besser hin. Die ZOTO-Mitarbeiter bieten Schulungen an, fördern die Gleichberechtigung von Mann und Frau und ermöglichen Minikredite. Dadurch konnte bereits 1600 Familien bei der Existenzgründung geholfen werden. Und wenn nötig, veranstaltet man Sitzblockaden, wenn die Regierung mal wieder beschließt, eine illegale Siedlung zu räumen. „Wir sind organisiert", sagt Hermosade. „Und wir lassen uns nicht mehr alles gefallen. Wir haben auch Rechte."

Hermosade weiß, wovon sie spricht. Ihre Eltern stammen aus der Zuckerprovinz Negros, eine der ärmsten des Landes. Um dem Elend zu entkommen, floh die Familie in den Achtzigern nach Manila. Kurz darauf verließ der Vater die Familie wegen einer anderen Frau, die Mutter trank sich um den Verstand. Mit ihrer Schwester lebte Hermosade bei Verwandten, bis diese sie nicht mehr mit ernähren konnten. Elisabeth Hermosade verbrachte Kindheit und Jugend im Slum. Viel tiefer kann man nicht fallen, dachte sie und landete unter Brücke von Navotas.

So oft es geht, besucht sie die Fledermausmenschen. Wer über die Brücken fährt, sieht die Slumsiedlungen nicht. Elisabeth Hermosade, 37, schwingt sich über eine Leitplanke, klettert eine wackelige Holzleiter hinunter, an der einige Sprossen fehlen, dann steht sie vor den Behausungen der bat people. Sie schüttelt Hände, erzählt Witze, tauscht Klatsch aus; man kennt sich. Um zu den de Jesus zu gelangen, muss sie sich ganz klein machen und auf einem kleinen Styroporfloß unter die Brücke gleiten. Carlos schnarcht, auf seinem Bauch döst Marvin. Corazon weint.
„Selamat, Corazon. Was ist los?"
„Carlos' Jeepney hat einen Motorschaden, und der Besitzer weiß nicht, wann er den Wagen repariert. Wir haben heute nichts verdient."
Elisabeth Hermosade nimmt die weinende Frau in den Arm, streicht ihr über das Haar. Dann macht sie sich Notizen und sagt, dass de Jesus sich keine Sorgen machen müsse.
„Wir werden eine Lösung finden."
Corazon de Jesus nickt stumm und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann deckt sie vier Teller mit ein bisschen Reis und Gemüse auf die Holzplatte, die als Fußboden, Bett und Esstisch dient. Je eine Portion für sich, Carlos und Marvin – und einen Teller für ihre Tochter, die der Fluss geschluckt hat.