Gender: Male
Status: Single
Age: 20
Sign: Libra
City: Wer denkt, ist nicht wütend
State: Nordrhein-Westfalen
Country: DE
Signup Date: 12/27/2005
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November 23, 2009 - Monday
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Antifas als Antisemiten
Wie ein "anti-imperialistisches Zentrum" in Hamburg die Aufführung
eines Israel-Films des "Shoa"-Regisseurs Claude Lanzmann mit Gewalt
verhinderte.
Christiane Peitz
Genauso erschreckend wie der Vorfall selbst ist die
Tatsache, dass er erst jetzt so richtig publik wird. Das Hamburger
Kinokollektiv B-Movie wollte gemeinsam mit der Gruppe
„Kritikmaximierung“ Claude Lanzmanns Debütfilm „Warum Israel“ von 1972
zeigen, eine Reportage über das Lebensgefühl der Israelis und die
Geschichte der Staatsgründung. Die Aufführung am 25. Oktober wurde
jedoch mit Gewalt verhindert, nicht von Alt- oder Neonazis, sondern von
selbst erklärten Antifaschisten. Das benachbarte antiimperialistische
Zentrum B 5 versperrte das Kino, simulierte einen „Checkpoint“ und
wehrte Kinobetreiber wie -besucher mit Holzgewehren und
Schlaghandschuhen ab. Eine Aktion, mit der man die angeblich
„prozionistische Veranstaltung“ verhindern und auf das
„Apartheids“-Schicksal der Palästinenser aufmerksam machen wollte.
Nachdem sich die Veranstalter vergeblich um Gewaltfreiheit bemühten,
zogen sie ab, man prügelte sich, einige Besucher wurden verletzt. Die
Polizei schritt ein, wegen Volksverhetzung wurde nicht ermittelt.
Dass es dabei, wie die „taz-Nord“ berichtete, auch zu Beschimpfungen
wie „ihr Judenschweine“ kam, wird von Vertretern des Zentrums B 5
bestritten. In der Zeitung „Jungle World“ und in Blogs wird seitdem
heftig debattiert, in Frankreich veröffentlichte „Le Monde“ am 13.
November eine Notiz. Der Hamburger Landesverband der Linken hatte das
Rechtfertigungspamphlet der Blockierer kurzzeitig auf seine Homepage
gestellt, sich dann aber doch distanziert. Die beizeiten informierte
bürgerliche Hamburger Lokalpresse berichtete erst jetzt, nachdem
„Spiegel online“ den Vorfall aufgegriffen hatte.
Wild gewordene Antifas als tätige Antisemiten: Claude Lanzmann nennt
die Gewaltaktion „weltweit einmalig“, auch jüdische Gemeinden und
Organisationen sind empört. Zu Recht: Eine Filmaufführung zu
verhindern, Bilder zu verbieten, war eine bewährte Methode der
Nationalsozialisten.
Wer die Statements der Streithähne liest, fühlt sich angesichts des
Jargons in die späten siebziger Jahre zurückversetzt, als die einäugige
Solidarität mit den Palästinensern und die pauschale Verdammung von
Israel Schule machte. Seitdem hat der linke Antisemitismus Tradition.
Und er lebt fort, in Nachbarschaftskriegen zwischen Verbalradikalen,
bei denen der Hass auf die „anderen“ Linken auch mal so blind wird,
dass er sich als Hass auf die Juden artikuliert. Das B-Movie und B 5
sind Mieter im gleichen Haus, in der Brigittenstraße im
Schanzenviertel. Man teilt sich Räumlichkeiten und streitet sich schon
lange.
Claude Lanzmanns Film als Waffe im Kampf um die richtige linke
Gesinnung – ein Missbrauch von beiden Seiten. Justiziabel ist das
nicht, wohl aber die Tatsache, dass Kinobesucher mit Gewalt und
antisemitischem Agitprop davon abgehalten wurden, sich einen Film
anzuschauen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.11.2009)
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November 22, 2009 - Sunday
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Bürger, rechts, Bewegung!
 Manche Dinge kann man einfach nicht erfinden:Bundespräsident
Horst Köhler zeichnete zum 20. Jahrestag des Mauerfalls verdiente
DDR-Bürgerrechtler mit dem Bundesverdienstkreuz [aus]. Zu den
Ausgezeichneten, die am Montag im Bundespräsidialamt eingeladen waren,
gehörten der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem zentralen
ehemaligen Stasi-Gefängnis, Hubertus Knabe, der Schauspieler Jochen
Stern sowie die Frau vom Checkpoint Charlie, Jutta Fleck. Die
Regisseurin und Autorin, Freya Klier, sowie der Liedermacher Stephan
Krawczyk [Foto], beide Mitbegründer und Symbolfiguren der DDR-Friedensbewegung, begleiteten das Programm musikalisch.
Als
Krawczyk vom Bundespräsidenten zum Ende der Veranstaltung gebeten
wurde, die Nationalhymne anzustimmen, vergriff dieser sich im
dreistrophigen Text. „Deutschland, Deutschland über alles...“ sang der
Liedermacher, bis er unterbrochen und darauf aufmerksam gemacht wurde,
dass bei der offiziellen deutschen Nationalhymne nur die dritte Strophe
des „Liedes der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben gesungen wird:
„Einigkeit und Recht und Freiheit...“. Die ersten beiden Strophen sind
zwar nicht verboten, aber – nach den Erfahrungen des
Nationalsozialismus – weitgehend tabuisiert.
Für das,
was die Deutsche Presse-Agentur in ihrer Meldung schamhaft als
Vergreifen zu beschönigen sich bemüßigt fühlte, gibt es mehrere
denkbare Erklärungen. Die unwahrscheinlichste ist, dass Krawczyk
irgendjemandem auf den schwarz-rot-goldenen Schlips treten wollte, denn
am „verordneten Antifaschismus“ in der DDR fand er als
Vorzeigebürgerrechtler nicht nur das Verordnen, sondern auch den
Antifaschismus falsch. Schon näher an der Wahrheit dürfte man mit der
Vermutung liegen, dass die Stasi dem Barden dermaßen auf die Pelle
gerückt ist, dass er seinen Verstand verloren hat. Damit könnte er
immerhin mildernde Umstände geltend machen. Womöglich begreift sich
Krawczyk aber auch weiterhin als oppositionelles Sprach- respektive
Gesangsrohr des Ostens und glaubt, Volkes Stimme besonders
öffentlichkeitswirksam zur Geltung bringen zu müssen. In jedem Fall
darf die „Symbolfigur der DDR-Friedensbewegung“ (dpa) sich glücklich
schätzen, die Erweiterung des deutschen Staatsgebiets in Richtung Maas,
Memel, Etsch und Belt nur in der Bundesrepublik gefordert zu haben.
Dort bekommt man in einem solchen Fall nämlich bloß einen spontanen und
höflichen Kurzlehrgang in Staatsbürgerkunde verabreicht, mehr nicht. Andererseits muss man Stephan Krawczyk schon wieder dankbar sein: Nach den Ehrungen von Felicia Langer und Henning Mankell
hatte sich Horst Köhler eine solche Blamage redlich verdient. Dass sie
ausgerechnet bei der Verdienstkreuzverleihung an prominente „Wir sind
das Volk“-Deutsche vonstatten ging, ist so eine Laune des Weltgeistes,
die passt wie der Arsch auf den Eimer. http://www.lizaswelt.net/2009/11/burger-rechts-bewegung.html
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November 22, 2009 - Sunday
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Mit toten Juden Geld machen
19. November 2009, von Thomas von der Osten-Sacken
Die
Zeiten, als man mit Zahngold und Kopfhaar ermorderter Juden ein nicht
unbeträchtliches Zubrot verdienen konnte, sind glücklicherweise vorbei.
Aber mit toten Juden lässt sich auch dieser Tage gutes Geld verdienen,
wie die Novemberausgabe des Bordmagazines von Easyjet eindrücklich zeigt.
Für peppige Präsentation neuester Mode an Berliner Lokalitäten, die dem
Leser sogar schon auf der Titelseite - unter dem Motto “Reviving the
Bauhaus Zeitgeist” - ans Herz gelegt wird, posen die Models mit
Vorliebe in den Stelen des Holocaust Mahnmals in Berlin.
Auch die in Berlin ansässige Modedesignerin Anuschka Hoevener wäre da zu erwähnen, deren hier präsentiertes Kleid für schlappe 229 Euro zu haben ist.
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November 19, 2009 - Thursday
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Israel ist ein souveräner Staat
von Max Malkus, Vorsitzender DIKA e.V zur BAK Shalom Debatte (link)
Nach dem Aguda–Anschlag in Tel Aviv veröffentlichte der BAK Shalom
eine Presseerklärung, die über den einzelnen Vorgang hinaus eine
innerisraelische Diskussion über die Säkularisierung des Staates
heraufbeschwören wollte. Ohne diese Position bewerten zu wollen, möchte
ich im folgenden das Problem einer Einmischung in innerstaatliche
Diskussionen aus der deutschen Linken über Israel aufzeigen.
Natan Sharansky kategorisiert eine illegitime Kritik an Israel in
drei Dimensionen: Dämonisierung, Doppelstandards und Deligimation um
eine legitime Israel-Kritik von einer antisemitischen Kritik zu
trennen. Aber auch jenseits von Antisemitismus müssen wir uns fragen,
wo eine israelsolidarische Linke, die Ressentiments aufbrechen möchte,
ansetzt und wo sie sich raushält. Genauso wie „die deutsche Linke den
Nahostkonflikt nicht lösen wird“ (Grundsatzerklärung BAK Shalom),
genauso wenig schätze ich ihr Potential ein, Veränderungen in der
israelischen Gesellschaft herbeiführen zu können. Daher ist die
eigentliche Frage, was eine Kritik an einer innerisraelischen Debatte
bewirkt. Und zwar nicht in Israel, sondern vornehmlich da, wo sie
geäußert wird.
In Deutschland versucht der BAK Shalom seit nunmehr zwei Jahren
öffentlich gegen Antisemitismus und Antizionismus vorzugehen. Dabei
wurden vielen Kritikern antisemitische Züge ihrer Kritik vorgehalten
und diese harsch kritisiert. Israel wird in Deutschland nicht wie ein
Staat unter vielen behandelt und sein Handeln tendenziell negativ
beäugt. Dabei wird, so stellt sich das Gefühl ein, der gesamte Fokus
der Linken auf Israel zugespitzt. Menschenrechtsverletzungen werden mit
der Lupe gesucht und jedes Vergehen gegen das deutsche Werteprinzip
angeprangert.
Kritik die vermeidlich gerechtfertigt ist, muss sich die Frage
stellen, warum sie ausgerechnet in Israel ansetzt, wenn die gleichen
Vergehen mehrere duzend mal auf der Welt geschehen ohne dass es einen
„Aufschrei der Anständigen“ gibt. Der Fingerzeig der Welt manifestiert
sich in Israelkritik. Die Juden, die angeblichen Nazis von heute,
rechtfertigt für einige die Shoa oder beruhigt zumindest das eigene
Gewissen in der Geschichte nicht alles falsch gemacht zu haben. Die
Presseerklärung des BAK zu dem Agudah-Anschlag stellt zutreffend fest,
dass ein großer Teil der israelischen Gesellschaft den Anschlag
verurteilt. Die Tatsache, dass sich Israel kritisch mit dem Problem der
Homophobie auseinandersetzt und gesetzt hat, zeigt, unabhängig vom
Ergebnis, dass die Zivilgesellschaft durchaus funktioniert. Es liegt in
der eigenen Souveränität, die auch wir Israel zugestehen müssen,
Lösungen zu finden. Ohne Zweifel gibt es auch in dem jüdischen Staat
Probleme, welche durch die religiöse Prägung verursacht werden. Und
ohne Zweifel gehört es zu einer emanzipatorischen Position, sich für
einen Säkularisierung der Staaten auszusprechen. Aber, es ist nicht
Aufgabe der israelsolidarischen Linken eine öffentliche Debatte
anzustoßen, in der über dieses innerisraelische Problem in Deutschland
debattiert wird. Warum? Weil genau diese Diskussion das Problem nicht
lösen wird, sondern genau den Personenkreis unterstützt, der die
Widerrechtlichkeit des jüdischen Staates beschwört und nun legitimiert
mit dem Finger auf ihn zeigen kann. Egal wie differenziert eine Kritik
an Israel ist, beherbergt sie - jedenfalls in Deutschland - das
Potential falsch ausgelegt zu werden. Es bleibt festzuhalten, dass sich
Israel selbst um seine Säkularisierung oder Nichtsäkularisierung zu
kümmern hat. So lange das Judentum, (und dabei sind nicht die radikalen
Siedler gemeint) sich keiner Menschenrechtsverletzungen an den
Bürgerinnen und Bürgern strafbar macht, ist diese Debatte
innerstaatlich zu führen. Es ist nicht unsere Aufgabe Israel zu einem
perfekten Staat zu erziehen, sondern lediglich ihn vor
unverhältnismäßiger und tendenziös antisemitischer Kritik in
Deutschland zu bewahren.
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November 17, 2009 - Tuesday
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Selbst die Polizei schaut zu: Tape Art ist eine neue Form von Street Art und neuerdings auch hierzulande populär. von André Tucic
Ein Mann kniet auf der Straße und verewigt mit Klebeband seinen
Namen auf dem Asphalt. Das ist das Prinzip einer neuen Variante von
Street Art, also jener Kunst, die im öffentlichen Raum zu sehen ist,
etwa an Laternen, Stromkästen, Verkehrsschildern oder Wänden. Dazu
zählen Aufkleber, Poster, Fotografien, Kalligrafien, gemalte Bilder,
aber auch Graffiti. Um Tape Art zu produzieren, braucht es nicht viel:
ein Klebeband, ein Messer für die Feinarbeiten und mitunter einen
Handschuh, weil viel Druck mit den Handflächen ausgeübt werden muss,
ehe das Tape auf der Straße haftet. Diese Klebetechnik ist seit diesem
Sommer in Deutschland populär und vor allem auf Berlins Straßen zu
sehen.
 Tape-Art-Weltrekord: Das riesige Frauengesicht am Stadtbad Berlin-Wedding (Foto: PA/dpa/Jens Kalaene)
»Street Art hilft, Kunst zu emanzipieren. Denn Kunst sollte nicht
nur in Galerien zu sehen sein. Eine Demo findet ja auch auf den Straßen
und nicht in einem gläsernen Palast statt«, sagt BRNA. Der 21jährige
Medieninformatik-Student aus Berlin hat vor zwei Jahren mit Tape Art
begonnen und ließ sich dabei von den Größen der Szene, die sich Buff
Diss oder El Bocho nennen, anregen. »Erst habe ich Street Art
fotografiert und auf meinem Blog darüber berichtet. Dann war es an der
Zeit, selber etwas zu machen, sich eine Nische zu suchen und seinen
eigenen Stil zu kreieren«, sagt BRNA. Mittlerweile hat er einen Blick
dafür, die passenden Plätze zu finden, wo er seinen Namen oder seine
Bilder kleben kann. »Ich gehe über die Straße und schaue, wo der Boden
gut beschaffen ist. Ich brauche große, glatte Steine. Dann wird sofort
geklebt«, sagt BRNA. Er findet, dass Kunst auf die Straße gehört und
den öffentlichen Raum gestalten soll. Seine Bilder sind zumeist ein bis
zwei Quadratmeter groß. »Tape Art ist Saisonarbeit. Dreck und Nässe
sind tödlich für meine Arbeiten, denn die Bilder lösen sich sehr
schnell«, sagt BRNA.
Tapes von jeder Beschaffenheit und für jedes Wetter gibt’s bei Timm
Zolpys. Der 30jährige studierte Politikwissenschaftler hat im Februar
das Geschäft »Klebeland« im Berliner Stadtteil Wedding eröffnet. Der
Laden führt über 2 000 verschiedene Klebeprodukte – angefangen bei
Armeepanzer- und Gaffaband über Isolier-, Klett- sowie Paketklebeband
bis zu Vulkanisierband. Die billigste Rolle kostet 50 Cent, die
teuerste über 100 Euro. Zu seinen Kunden zählen Hausfrauen, die ihren
Gartenschlauch flicken wollen, Motorradfahrer, die ihren Sattel
reparieren möchten, oder Werkstätten wie die des Deutschen Historischen
Museums in Berlin. Aber vor allem Street-Art-Künstler haben in dem
Laden ihr neues Eldorado gefunden.
Schon während des Studiums hat Zolpys auf Floh- und Wochenmärkten
Klebebänder verkauft. »Ich war stadtbekannt, man hat mich den Klebemann
genannt. Dann hatte ich die Idee, das zu professionalisieren. Also habe
ich das ›Klebeland‹ eröffnet«, sagt er. Seit Jahren interessiert er
sich für Street Art, insbesondere auch für die Szene in den USA, wo es
einige Arbeiten sogar ins Museum geschafft haben. Also gab er einem
Praktikanten eine Kiste mit Restposten in die Hand und schickte ihn im
Juli zum Berliner Street-Art-Festival »Urban Affairs«. Dort sollten die
Klebebänder an die ausstellenden Künstler verteilt werden – auch an den
weltweit bekannten El Bocho aus Berlin. Schnell ergab sich ein Kontakt
zwischen Zolpys und El Bocho, und die beiden entwickelten eine Idee: El
Bocho hat im Rahmen des Festivals eine riesige Werbebotschaft für
»Klebeland« an die Fassade eines alten Schwimmbads geklebt.
Das Motiv, ein comicartiges Frauengesicht samt Schriftzug »And then
we take Berlin«, ist auf einer 1 100 Quadratmeter großen Fassade
angebracht und ist das derzeit größte Tape-Art-Bild der Welt. Zwei
Wochen hat es gedauert, das Frauengesicht an die Wand zu kleben, 15
Kilometer Klebeband wurden dabei verbraucht. Das war ein gewiefter
PR-Gag, denn spätestens seit dem Weltrekord ist das »Klebeland« in
aller Munde und Zolpys und El Bocho gelten als Protagonisten der Tape
Art in Deutschland.
El Bocho war schon vor dem Weltrekord ein weltweit bekannter
Street-Art-Künstler. Der 31jährige Illustrator und Typograph glaubt,
dass Tape Art so populär wie Graffiti werden kann. Noch ist Tape Art in
Deutschland wenig bekannt. Aber seit El Bochos Weltrekord ist
hierzulande, vor allem in Berlin, viel geschehen. Weitere Künstler
haben sich ans Kleben gemacht, und Buff Diss, einer der bekanntesten
Tape Artists, wohnt seit Anfang November in Berlin. »Ich war mit meiner
Freundin in Italien, wir wollten wegziehen, wussten aber nicht, wohin.
Dann hat mich Timm Zolpys kontaktiert und von seinem Geschäft erzählt.
Also bin ich nach Berlin gezogen«, sagt er. Wie viele
Street-Art-Künstler hat der 26jährige Australier früher Graffiti
gemalt, sich aber vor vier Jahren der Tape Art verschrieben. »Damals
bekam ich den Auftrag, ein Graffito zu malen, doch die Wand war so
schlecht, dass meine Farben nicht gehalten haben. Also habe ich
Klebeband benutzt, um die Konturen des Bildes aufzutragen. Dann fand
ich es cool und habe einfach mit dem Tape weitergearbeitet«, sagt Buff
Diss. Das hat ihn neben Aakash Nihalani aus New York und L’Atlas aus
Paris zu einem Pionier des Genres gemacht. »Als ich damit angefangen
habe, wusste ich nicht, ob das andere auch so machen«, sagt er.
Mittlerweile wird Tape Art zusehends populär. Im Rahmen der MTV
European Music Awards wurde Buff Diss beauftragt, in einem Hangar am
Flughafen Tempelhof ein Tape-Art-Bild zu kleben. Jugendliche aus ganz
Europa haben dabei zugeschaut und werden irgendwann kopieren, was sie
gesehen haben.
Vor der Polizei müssen sich Männer wie BRNA, El Bocho oder Buff Diss
nur bedingt fürchten. Denn beim Tapen handelt es sich zwar um eine
Ordnungswidrigkeit, jedoch nicht um Sachbeschädigung. Tape Art wird
also strafrechtlich nicht verfolgt. Schließlich wird die Bausubstanz
nicht beschädigt, sondern nur verunreinigt. Der Künstler wird lediglich
aufgefordert, seine Arbeit zu entfernen, mehr passiert nicht. »Die
Polizei ist schon oft an mir vorbeigefahren, als ich geklebt habe. Das
scheint die nicht zu interessieren. Deren Feind sind Sprayer, die
Graffiti auf die Wände bringen«, sagt BRNA. Hausbesitzer können also
aufatmen, »da wir die Jugend dazu bringen, die Spraydosen wegzulegen
und Klebeband zu benutzen, um sich auszudrücken. Und dieses Tape lässt
sich rückstandslos entfernen«, sagt Zolpys.
Tape Art hat mittlerweile auch den pädagogischen Bereich erreicht.
Ein Lehrer des Berliner Friedrich-Engels-Gymnasiums kauft regelmäßig im
»Klebeland« ein, um seinen Kunst-Leistungskurs mit dem Band zu
versorgen. Ebenso hat die Berliner »Be smart Academy«, eine
deutsch-englische Bildungseinrichtung für Kinder im Alter von drei bis
sechs Jahren, dafür gesorgt, dass im Kinderladen mit Tape Art geklebt
wird. Immerhin fördert dies Ausdauer, Konzentration, Kreativität und
Feinmotorik. Auch auf der Jugendmesse »You« konnten sich die
Jugendlichen im Oktober an einer Wand in der neuen Kunstart
ausprobieren. »Wir haben Wände aufgebaut, einige Bilder von
Tape-Art-Künstlern mitgebracht und die Kinder ermutigt, selber zu
kleben. Sowohl Jungs als auch Mädels haben uns die Bude eingerannt und
stundenlang getapet«, sagt der umtriebige Zolpys.
Im nächsten Jahr will er die erste reine Tape-Art-Ausstellung in
Berlin initiieren. Ein Partner ist dabei die Berliner ATM Gallery, die
sich als Übersetzerin und Vermittlerin von Kunst aus dem öffentlichen
Raum versteht. Hier findet die Street-Art-Szene ihren Platz fernab der
Straße. Tape Art ist also drauf und dran, eine neue Kunstform zu
werden. »Noch vor drei Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass
sich Menschen auf den Boden hocken und teures Klebeband auf die Straßen
kleben«, sagt BRNA und geht raus auf die Straße, um geeignete Plätze
für sein nächstes Bild zu finden.
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November 11, 2009 - Wednesday
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Das
Schweigen vieler Linker zu den Protesten im Iran ist die Konsequenz aus
ihrer Unterstützung der islamischen Revolution von 1979. Disko von Tjark Kunstreich
Diese Disko-Tranche zum Iran begann mit der Beschwerde der
»Autonomen Antifa (F)« über das Schweigen der antifaschistischen
Linksradikalen zum Iran (Jungle World 28/2009); doch längst schon
heckte man einen Aktionstag aus, der am 12. August auch stattfand. Die
vorgetragene Klage war also keine, sondern ein Manöver zum Zwecke der
Agitation. Die Behauptung aber, die Linke, die Antifa oder sonstwer
schweige zum Iran und verweigere sich der Solidarität mit der
Protestbewegung, zieht sich wie ein roter Faden durch die Beiträge.
Auch die »Gruppe Morgenthau« empfindet »die Sprachlosigkeit« der
Linken als »nachgerade verabscheuungswürdig« (30/2009). Pedram Shahyar
zieht eine Linie des Schweigens der Linken von »den Verbrechen in
Teheraner Gefängnissen« zum »humanitären Verbrechen«, das die
israelische Armee seiner Ansicht nach im Januar im Gaza-Streifen verübt
habe (33/2009). Was immer der Grund war, diese antizionistische
Duftmarke abzudrucken, mit der klargestellt werden soll, dass, egal was
passiert, immer Israel die schlimmeren, nämlich »humanitären«
Verbrechen begeht: Shahyar jedenfalls weiß, dass »Israel-Kritik« am
besten mit Authentizität des eigenen Sprechorts, sprich: dem
Migrationshintergrund, zu legitimieren ist. Er ist Bahman Nirumands
würdiger Erbe.
Sebastian Voigt schließlich spricht von einer »Indifferenz
gegenüber den Verhältnissen im Iran«, die die linke Haltung in den
vergangenen Jahren prägte (34/2009). Er wagt zudem den Hinweis, dass
die Linke nicht immer so indifferent war, und führt das Beispiel des
Schah-Besuchs vom Juni 1967 an. Er wagt es allerdings nicht, den
Gedanken ganz zu Ende zu denken – denn das hieße auszusprechen, dass
die Linke besser daran täte, den Mund zu halten. Mit dem
fortschrittsfeindlichen Befreiungsnationalismus des von Frantz Fanon
angefixten Nirumand, der aussprach, was sich seine deutschen Genossen
noch nicht zu sagen getrauten, war die Geschichte des Abschieds vom
linken Universalismus nämlich keineswegs zu Ende, sondern nahm ihren
Anfang. Nirumand hatte auf einer Demonstration im Dezember 1978
erklärt: »Wenn der Schleier die Absage an die importierte Scheinwelt
und die Besinnung auf die eigene Geschichte symbolisiert (...), dann
können nicht wir, sondern nur die Imperialisten und anderen Feinde
unseres Volkes darüber Zeter und Mordio schreien.« Shahyar verweist
traditionsbewusst auf die Ausgabe der Zeitschrift Autonomie zur
»Massenautonomie im Iran« von 1979, um seiner Freude über eine mögliche
Reprise der Revolution von 1978/79 Ausdruck zu verleihen. Tatsächlich
war der Kampf gegen den Schah für die europäische Linke ein Projekt des
Dritten Weges jenseits der Blockkonfrontation; man hoffte, wie Joseph
Fischer im Februar 1979 im Pflasterstrand schrieb, auf »die in
politische Revolution sich umsetzende, in langer Tradition sich
erhaltende Glaubenskraft eines Volkes, das Nein sagt zur atheistischen
Kultur des Westens«. Auch Michel Foucault war beeindruckt von dem
Versuch, »der Politik eine spirituelle Dimension zu verleihen«: Sie
haben bekommen, was sie sich gewünscht haben.
Die Freude über die Bewegung von unten wurde im Frühjahr 1979
getrübt vom rabiaten Ausschluss der iranischen Linken, deren Großteil
wirklich alles getan hatte, um dabei sein zu dürfen. Zunächst deckte
dieser Teil 1978 die Gräueltaten der Anhänger der Partei Allahs, das
Anzünden von Kinos zum Beispiel, und behauptete, diese Anschläge seien
vom Geheimdienst des Schahs begangen worden; dann begrüßte er den
Tschador als Ausdruck der kulturellen Identität gegen den
US-Imperialismus sowie des Pragmatismus: Frauen würden darunter Waffen
und Flugblätter schmuggeln – eine Reminiszenz an die »Frau an der Seite
der Arbeiterklasse« bzw. eine frühe Form von »queering identities«;
schließlich inszenierte er gemeinsam mit den Islamisten die
Darstellung des Massakers vom 8. September 1978 und behauptete unisono
die Beteiligung israelischer Soldaten an der Ermordung Tausender
Menschen: Es waren weder Tausende umgebracht worden noch israelische
Soldaten beteiligt. Man hatte die Demonstrierenden als Staffage einer
bewaffneten Auseinandersetzung benutzt; Heckenschützen hatten das
Feuer auf das iranische Militär eröffnet. Kurz zuvor war der
Ausnahmezustand verhängt worden, und die Revolutionäre erhofften sich
eine schnelle Radikalisierung der Massen, indem man ihren Hass auf
Amerika und Israel schürte.
Der Tugendterror begann nicht erst mit der Machtübernahme
Khomeinis, sondern schon lange vorher: Linke im Westen und im Iran
begrüßten ihn mit dem Hinweis auf die fällige Abgrenzung von der
westlichen Kultur. Als am 10. Februar 1979 die Entscheidung bewaffnet
herbeigeführt wurde, brauchte Khomeini noch die bewaffneten Gruppen der
Linken, um die noch vom Schah, der Mitte Januar 1979 das Land verlassen
hatte, eingesetzte Übergangsregierung zu stürzen; sie waren des
Ayatollahs nützliche Idioten, aber sie waren es sehenden Auges.
Dann wurden die iranischen Linken gewaltsam verfolgt, und das
Schweigen vieler westlicher Linker begann. »Heute wissen wir, wie die
Linke damals innerhalb und außerhalb des Iran die Gefahren des
Islamismus unterschätzt hat. Der Preis, den sie dafür zahlen musste,
war die Tragödie einer ganzen Generation«, schreibt Shahyar. Die
Unterschätzung des Islamismus war keineswegs Zufall, sondern die
Konsequenz aus der linken Verachtung der Freiheit, zum Beispiel der
Freiheit der Frauen.
Als Khomeini am Vorabend des 8. März 1979 den Schleierzwang verkündete
und in den darauf folgenden Tagen Zehntausende Frauen auf die Straße
gingen, waren es Linke, die den Frauen rieten, ihre Proteste
einzustellen, um den prekären Status quo zwischen revolutionärer
Regierung und islamischer Führung nicht zu gefährden. Befangen in
Lehren von Strategie und Taktik, übte man den Verrat an der Freiheit.
Schon in den Wochen zuvor, nach der Rückkehr Khomeinis am 1. Februar
1979, waren so genannte Imam-Komitees, die Vorläufer der
Revolutionsgarden, auf die Jagd nach unverschleierten Frauen,
Homosexuellen und anderen moralischen Abweichlern gegangen. Die Partei
Allahs wusste, dass die Linken sich nicht mit denen solidarisieren
würden, deren Emanzipationsbestrebungen auch für diese nach westlicher
Dekadenz rochen. Schülerinnen denunzierten Lehrerinnen, die keinen
Schleier tragen wollten; Nachbarn denunzierten Männer, die sie für
homosexuell hielten.
Die Frage ist also, warum sich irgendjemand wundert, dass die Linke
schweigt, und mehr noch, wie man sich darüber beschweren kann. Die
Verachtung für die Freiheit setzt sich nahtlos fort, von ihr ist
nämlich nur in den seltensten Fällen die Rede, obwohl es gerade die
Freiheit ist, die große Teile der Protestbewegung im Iran zu
motivieren scheint – zu allererst die Frauen, die das Bild dieser
Bewegung so offensichtlich prägen. Stattdessen wird darüber sinniert,
warum ein reiches Land wie der Iran, in dem alle von der Öl-Rente gut
leben könnten, so viel Armut und Elend produziert. Als habe es je einen
Rentiersstaat gegeben, der die Einnahmen aus dem Rohstoff-Handel an die
Bevölkerung weitergegeben hätte.
Dass es der Wunsch nach Freiheit von moralischer Bevormundung und
Tugendterror, von Mafia-Herrschaft und Clan-Strukturen sein könnte, was
die Leute bewegt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, reicht diesen Linken
nicht aus: Sie hätten dann auch keinen Vorwand mehr, die Freiheit im
Namen der Notwendigkeit zu verraten. Sie scheinen den »Menschen im
Süden« nicht mehr zu gönnen als ausreichend Nahrung und
Alphabetisierung. Diese rassistische Festlegung darauf, was die Massen
zu wollen haben, sagt wenig darüber aus, was diese Einzelnen, die da
verheizt werden sollen, wirklich wollen, aber eine Menge darüber, was
sich »Metropolenlinke« wünschen.
Der Selbsthass des Westens kristallisiert sich in seiner Linken. Die
Unzufriedenheit darüber, dass die Freiheit nicht die ganze Freiheit,
sondern lediglich Mittel zum marktwirtschaftlichen Zweck ist, verleitet
sie zu der Annahme, diese Freiheit sei nur Schein. Sie schweigen zum
Iran, zum Teil sehr beredt, weil sie diesen Wunsch nach Freiheit, die
sie mit dem verhassten Westen in Verbindung bringen, nicht verstehen
können. Sie können nicht verstehen, warum es Frauen gibt, die nicht
gern das Kopftuch tragen, oder Schwule, die gern schwul sind, oder
warum junge Leute Spaß haben wollen. Sie glauben, es handle sich um die
Resultate perfider westlicher Manipulation, wenn Menschen auf
Authentizität und Kultur scheißen. Eben auf die Fetische, um die sich
das Sehnen und Trachten derjenigen dreht, die sich in der Freiheit der
westlichen Gesellschaften entwurzelt und entfremdet vorkommen.
Dass sich der Wunsch nach Entwurzelung von archaischen Strukturen
personaler Herrschaft und nach Entfremdung von den Zwängen der
islamischen Moral, der Wunsch nach Individualität also, nur in den
Formen ausdrücken kann, die die Einzelnen vorfinden – und das sind eben
Symbole der westlichen Freiheit, von Arschgeweih bis Zungenpiercing –,
sollte zu allerletzt jene Linken wundern, die ihren Teil dazu
beigetragen haben, dass von der Freiheit nur der Westen übrig blieb.
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November 10, 2009 - Tuesday
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Der Dresdner Prozess gegen den Mörder von Marwa al-Sherbini erregt Aufmerksamkeit vor allem in der muslimischen Welt. von Alex Feuerherdt
Bereits der Auftakt des Prozesses um den Mord an Marwa al-Sherbini
machte deutlich, dass das zuständige Dresdner Landgericht unter
besonderer Beobachtung steht. Im Zuschauerraum hatten sich am Montag
vergangener Woche unter anderem der ägyptische Botschafter in
Deutschland, der Präsident der von Sympathisanten der
Muslimbruderschaft dominierten ägyptischen Rechtsanwaltskammer und der
Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland eingefunden. Der
arabische Fernsehsender al-Jazeera war an Ort und Stelle, mehrere
ägyptische Journalisten hatten sich akkreditieren lassen, und auch aus
dem Iran waren Beobachter erschienen. Sie alle verfolgten mit
besonderem Interesse, wie die deutsche Justiz mit dem Fall des
28jährigen Alex W. verfährt, der die drei Jahre ältere ägyptische
Pharmazeutin Marwa al-Sherbini, die ebenso wie er in der sächsischen
Hauptstadt lebte, vor knapp vier Monaten mit 16 Messerstichen getötet
hatte – im selben Gerichtsgebäude, in dem nun die Verhandlung
stattfindet.
 Der
maskierte Rassist. Im Mordprozess verweigert der Angeklagte Alex W. die
Aussage und unterbricht mit Gewaltausbrüchen die Verhandlung (Foto: PA/dpa/Matthias Rietschel)
Die Vorgeschichte reicht länger als ein Jahr zurück. Alex W. hatte
al-Sherbini im August 2008 als »Schlampe«, »Islamistin« und
»Terroristin« beschimpft, als sie ihn auf einem Dresdner Spielplatz
gebeten hatte, eine Schaukel für ihr Kind freizugeben. Das Amtsgericht
Dresden verurteilte W. deshalb zu einer Geldbuße, gegen die er
Widerspruch einlegte. Es kam zur Hauptverhandlung, bei der W. seine
Verbalinjurien nicht nur zugab, sondern sogar noch ergänzte. »Solche
Leute« könne man gar nicht beleidigen, weil sie »keine richtigen
Menschen« seien, fand er. Die daraufhin verdoppelte Geldstrafe genügte
der Staatsanwaltschaft nicht; sie wollte eine Freiheitsstrafe für den
Angeklagten erwirken und ging in Berufung. Der Berufungsprozess fand am
1. Juli vor dem Landgericht statt.
Dort gab Alex W. weitere Einblicke in sein Weltbild. Er finde es falsch, dass Ausländer in
Deutschland leben dürften, sagte er dem Richter. Man müsse Menschen
nach ihrer »Rasse« unterscheiden, und für ihn gebe es nur die
europäische »Rasse« und nicht-europäische »Rassen«. Er habe die NPD
gewählt und bedaure, dass sie nicht an der Regierung sei. Nachdem Marwa
al-Sherbini als Zeugin ausgesagt hatte und den Gerichtssaal
anschließend verlassen wollte, eskalierte der Prozess zum tödlichen
Drama. Alex W. stürzte sich auf sie und stach mit einem Messer 16mal
auf sie ein. Vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes verblutete
al-Sherbini noch am Tatort. Ihren Ehemann Elwi Ali O., der seiner Frau
zu Hilfe geeilt war, verletzte W. mit weiteren 16 Stichen in den
Unterkiefer, den Hals, die Brust und den Bauch lebensgefährlich. Zudem
wurde O. von einem aus dem Nachbarraum herbeigeeilten Polizisten, der
ihn für den Angreifer hielt, in den Oberschenkel geschossen. Ob gegen
den Beamten ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, ist derzeit noch
offen.
Der Mord löste vor allem in der muslimischen Welt ein vernehmliches
Echo aus. Ägyptische Zeitungen erklärten al-Sherbini zur »Märtyrerin im
Hijab« und beklagten eine wachsende »Islamophobie« in Europa; in Kairo
und Teheran gab es Protestkundgebungen vor der jeweiligen deutschen
Botschaft. Teilnehmer einer Demonstration in Istanbul machten deutlich,
welche Kräfte sie hinter der Tat vermuteten, indem sie eine deutsche
Fahne zeigten, auf die ein Hakenkreuz und ein Davidstern gemalt worden
waren. In ihrer Herkunftsstadt Alexandria wurde die Ermordete als
»Märtyrerin« in einem »Ehrengrab« beigesetzt; mehrere tausend Menschen
forderten den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Sprechchören
auf, die Beziehungen zu Deutschland abzubrechen. Zudem gab es Rufe wie
»O Deutschland, ägyptisches Blut ist nicht billig« und »Es gibt keinen
Gott außer Gott – nieder mit Deutschland«. Zwei Konzerte, die die
Dresdner Staatskapelle zum Gedenken an al-Sherbini in Kairo und
Alexandria geben wollte, wurden vom ägyptischen Kulturministerium
vorläufig abgesagt.
Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad nannte die Tat »vorprogrammiert« und
forderte von den Vereinten Nationen eine Sanktionierung Deutschlands.
Axel Ayyub Köhler, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in
Deutschland, behauptete, eine »wachsende Islamfeindschaft« – die sich
vor allem gegen jene »Schwestern« richte, die wie al-Sherbini ein
Kopftuch tragen – habe den Boden für den Mord bereitet. Dieser
Einschätzung des zum Islam konvertierten Köhler schlossen sich unter
anderem die Taz, das Neue Deutschland und die Junge Welt sowie das
Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung an.
Die Vorsitzende Richterin der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts
Dresden, Birgit Wiegand, steht nun vor einer schwierigen Aufgabe.
Gleich beim Prozessauftakt im streng bewachten Gerichtsgebäude sah sie
sich dem Antrag eines Anwalts von Alex W. gegenüber, der die
Befangenheit des Gerichts feststellen lassen wollte, weil der Tatort
das Dresdner Landgericht und die Tatzeugen Richterkollegen seien. Ein
anderer Verteidiger bat allen Ernstes darum, zugunsten des Angeklagten
zu berücksichtigen, dass der Islam »nicht gerade ein Bild der
Barmherzigkeit« biete. Eine Reporterin des ägyptischen Staatsfernsehens
wiederum sagte in der ARD-Nachrichtensendung Tagesthemen, ein möglicher
lebenslänglicher Freiheitsentzug für Alex W. sei unzureichend: »Dieser
Mann hat zwei Menschen getötet, nicht nur einen Menschen, denn die Frau
war schwanger. Ich glaube, diese Strafe ist nicht genug.« Und dann ist
da noch der Angeklagte selbst, der jegliche Kooperation mit dem Gericht
verweigert, sich gegen seine Vorführung mit Händen und Füßen wehrt und
lieber eine Geldstrafe in Kauf nimmt, als seine Vermummung abzulegen.
Mehrere Gerichtszeugen beschrieben ihn als einsamen Außenseiter, der zu
unkontrollierten Aggressionen neige und bereits früher Mitschüler mit
einem Messer bedroht habe.
Es ist nicht auszuschließen, dass der Gerichtspsychiater in seinem Gutachten
zu dem Schluss kommt, dass die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten
aufgrund eines psychischen Defekts erheblich eingeschränkt ist. Doch
selbst wenn Alex W. für voll schuldfähig befunden und verurteilt werden
sollte: Ihn als Vollstrecker einer angeblich grassierenden
»Islamophobie« zu betrachten, geht an der Sache vorbei. Marwa
al-Sherbinis Mörder ist vielmehr ein ordinärer Rassist, ein Neonazi,
der ausweislich seiner Einlassungen vor Gericht einen ausgeprägten Hass
auf jeden pflegt, den er nicht zur »europäischen Rasse« zählt. Dazu
gehören in seinem kruden Weltbild auch – aber nicht ausschließlich –
Muslime. Mit dieser Einstellung ist er vor allem im Osten der Republik
mit seinen »national befreiten Zonen« bei weitem nicht alleine. Dass
nun aber insbesondere seine Tat auf solche Aufmerksamkeit stößt –
national wie international –, liegt vor allem daran, dass die Ermordete
eine gläubige Muslima war und nicht eine säkulare Migrantin aus Ägypten
oder gar eine Asylbewerberin aus Vietnam. Denn wenn diese hierzulande
von Rassisten abgestochen werden, rührt sich nachweislich kaum eine
Hand – weder in den deutschen Medien noch in Kairo oder Teheran.
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November 10, 2009 - Tuesday
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Kauft nicht beim Siedler!
Wenn
keine Überraschung mehr geschieht, wird der Europäische Gerichtshof
(EuGH) auf Antrag einer deutschen Behörde in Kürze eine explizit
politische Entscheidung treffen und durch ein Urteil die israelischen
Siedlungen in den umstrittenen Gebieten für illegal erklären sowie de
facto Sanktionen gegen Israel verhängen.Anlass für den bevorstehenden Entschluss des EuGH ist ein Antrag der deutschen Firma Brita GmbH
auf Erstattung von Einfuhrgebühren in Höhe von 19.155,46 Euro. Diese
Summe hatte der Hamburger Zoll kassiert, als das Unternehmen eine
Ladung Sprudelgeräte des israelischen Herstellers Soda Club importiert hatte. Darüber wunderte man sich bei Brita, denn die Einfuhr israelischer Güter in die Europäische Union ist nach einem Abkommen zwischen der Europäischen Gemeinschaft und dem jüdischen Staat
vom November 1995 zollfrei. Das Hauptzollamt Hamburg-Hafen wollte
dennoch von der zuständigen israelischen Zollbehörde ganz genau wissen,
wo die Waren produziert wurden, und begnügte sich nicht mit der
wahrheitsgemäßen Antwort, sie stammten aus einem „Gebiet unter
israelischer Zollverwaltung“. Da Soda Club seine Erzeugnisse in
der östlich von Jerusalem gelegenen israelischen Siedlung Ma’ale Adumim
herstellen lässt, befanden die deutschen Beamten schließlich kraft
souveräner Willkür, die Deklaration „Made in Israel“ sei unzutreffend,
und belegten den Import mit einem Zoll. Dagegen klagte Brita vor
dem Finanzgericht Hamburg, das seinerseits – da die Angelegenheit unter
das Europarecht fällt – den EuGH um eine so genannte Vorabentscheidung
bat. Diese Entscheidung ist zwar noch nicht getroffen worden; am
vergangenen Donnerstag veröffentlichte der EuGH-Generalanwalt Yves Bot jedoch seinen Schlussantrag,
und diesen Plädoyers folgen die Luxemburger Richter in aller Regel. Bot
bestätigte in seinen Ausführungen dem deutschen Zoll, richtig gehandelt
zu haben, als er Abgaben für die Einfuhr der Sodageräte nahm. Er wolle
daran erinnern, verlautbarte Bot, „dass die Grenzen Israels durch den
Teilungsplan für Palästina festgelegt wurden, der am 29. November 1947
von den Vereinten Nationen angenommen wurde“. Nach diesem Plan seien
„die Gebiete Westjordanland und Gazastreifen kein Teil des Gebiets
Israels“; dort erzeugte Güter fielen daher nicht unter das
Freihandelsabkommen zwischen der EG und dem jüdischen Staat. Auch auf
das europäische Abkommen mit der PLO aus dem Jahr 1997 könne sich Brita nicht berufen, denn dazu hätten die palästinensischen Behörden den Ursprungsnachweis unterzeichnen müssen. Sollte
der EuGH erwartungsgemäß seinem Generalanwalt folgen, träfe er damit
auf den Antrag einer deutschen Behörde hin eine originär politische und
für alle EU-Staaten verbindliche Entscheidung: Er würde israelische
Siedlungen in den umstrittenen Gebieten durchweg für illegal erklären,
durch die Zollerhebung faktisch Sanktionsmaßnahmen gegen Israel
ergreifen und damit ein Exempel statuieren, das für Israel weit
reichende Folgen hätte – sowohl in politischer als auch in ökonomischer
Hinsicht; schließlich ist die EU für den jüdischen Staat nach den USA
der zweitgrößte Absatzmarkt. Die vormalige schwarz-rote Bundesregierung
hatte das Vorgehen des Hamburger Zollamts ausdrücklich begrüßt: Eine
Zollbefreiung für „Waren aus den besetzten Gebieten“ könne es nicht
geben, hieß es Anfang Juni in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen
im Bundestag. An dieser Sichtweise dürfte sich auch unter der
schwarz-gelben Koalition nichts ändern. „Während die US-Regierung
bislang nur rhetorisch Druck auf die israelische Siedlungspolitik
ausübt, traut sich die EU bereits einen Schritt weiter“, frohlockte denn auch Christoph Schult auf Spiegel-Online.Dass
der EuGH-Generalanwalt den Teilungsbeschluss der Uno aus dem Jahr 1947
zur Grundlage seines Antrags machte, entbehrt übrigens nicht einer
gewissen Pikanterie – und das nicht nur deshalb, weil die arabischen
Staaten ihn bekanntlich rundweg ablehnten. Vielmehr könnten auf dieser
Basis künftig auch Produkte aus anderen Orten des heutigen Israel nicht
mehr zollfrei nach Europa eingeführt werden, beispielsweise wenn sie
aus Akko, Nahariya oder dem Süden von Tel Aviv stammen, die im
Teilungsplan einem prospektiven arabischen Staat zugerechnet worden
waren. Womöglich sollte man den Generalanwalt auch an die Konferenz von Khartum aus dem Jahr 1967 erinnern,
auf der die arabischen Staaten nicht nur das israelische Angebot
ausschlugen, über die Rückgabe der im Sechstagekrieg von Israel
eroberten Gebiete zu verhandeln – die zuvor von Jordanien
(Westjordanland) respektive Ägypten (Gazastreifen) widerrechtlich
besetzt waren –, sondern darüber hinaus ihr berühmt gewordenes
„dreifachen Nein“ verkündeten: Nein zum Frieden mit Israel, nein zur
Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel. Und
schließlich ist es bemerkenswert, dass sowohl das Hauptzollamt
Hamburg-Hafen als auch der EuGH-Generalanwalt mit der Entscheidung,
Produkten aus den umstrittenen Gebieten die Zollfreiheit zu verweigern,
sich faktisch die alte Position des berüchtigten Muftis von Jerusalem
zu Eigen machten: Keinen Quadratzentimeter des heiligen muslimischen
Bodens für einen souveränen jüdischen Staat. Denn die inzwischen rund
40.000 Einwohner zählende Stadt Ma’ale Adumim, der Sitz des
Unternehmens Soda Club, gehört zu den wenigen israelischen Siedlungen, die sowohl nach dem Friedensplan des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton vom Dezember 2000 als auch nach den Vorstellungen der nicht nur hierzulande so euphorisch begrüßten Genfer Initiative
bestehen bleiben und dem israelischen Kernland angegliedert werden
sollten – im Austausch gegen den Palästinensern zu überantwortende
israelische Ländereien nahe dem Gazastreifen und im südlichen
Westjordanland. Dass es zu diesem Tausch bis heute nicht kam, liegt
daran, dass die palästinensische Seite noch jede Friedensverhandlung
torpedierte und neuerlich zum Terror griff – nötigenfalls im
allerletzten Moment. Das wird nun auch noch belohnt – von einer
deutschen Zollbehörde (mit Billigung der Bundesregierung) und aller
Voraussicht nach zudem vom Europäischen Gerichtshof. Wenn es nicht so
schrecklich hilflos wäre, müsste man glatt geneigt sein, diesen „Kauft
nicht beim Juden aus den Siedlungen“-Aufruf mit einem massenhaften
Erwerb von Sprudelgeräten der Firma Soda Club zu
beantworten und dem Mineralwasser europäischer Provenienz vollständig
zu entsagen. In jedem Fall braucht’s aber ein Gläschen Yarden-Wein vom
israelischen Golan zur Beruhigung der Nerven. Le chaim! http://www.lizaswelt.net/2009/11/kauft-nicht-beim-siedler.html
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November 10, 2009 - Tuesday
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Richard Wagners Negerküsse
 Daniel
Barenboim dirigiert zum 9. November den „Lohengrin“ am Brandenburger
Tor, und ein Herr namens Wagner findet das so toll wie sonst nur
Negerküsse.
VON CHRISTIAN J. HEINRICH VorspielJubel, Trubel, Heiterkeit Seid zu Heiterkeit bereit Mein Name ist Hase, ich weiß Bescheid Wer eine schöne Stunde verschenkt Weil er an Ärger von gestern denkt Oder an Sorgen von morgen Der tut mir leid Mein Name ist Hase, ich weiß Bescheid
TrauerspielAllenthalben
begegnet einem die Forderung, doch nicht alles gar so negativ zu sehen.
Und sie hat etwas Richtiges: Das Gute an den Feierlichkeiten zum
zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls ist beispielsweise, dass sie in
wenigen Stunden vorbei sind. Und auch historisch gesehen ist das größte
anzunehmende Unglück nicht eingetreten: Das Vierte Reich ist nämlich
ausgeblieben. Das real existierende Deutschland 2009 genügt aber
schon. Der Schutzwall, der kein antifaschistischer war, sondern
Zonenbewohner zuvörderst von kapitalismusinduziertem Konsum und
demokratischen Mindeststandards abhielt, ist perdu, und mit ihm – das
ist noch keine große Dialektik – auch die Versicherung gegen eine
Wiederkehr deutscher Normalität. Nicht der blanke Wahn des
Nationalsozialismus, sondern seine in demokratischen Jargon verpackte
Fassung wurde nach 1989 restauriert: Was dem Antisemiten früher der
Jude war, ist ihm nun der Judenstaat, und beim Blick zum
„Bündnispartner“ tief im Westen verstaubt nicht die Sonne, sondern der
Verstand, und es grönemeyert in nunmehr gesamtdeutschem Konsens: „Du
kommst als Retter in jeder Not, zeigst der Welt deinen Sheriffstern,
schickst Sattelschlepper in die Nacht, bringst dich in Stellung: Oh,
Amerika, du hast viel für uns getan. Oh, Amerika, tu uns das nicht an.“
Die einstige Teilung Deutschlands zwischen Ost und West ist aufgehoben;
ihr folgte die zwischen Stadt und Land. Während in den Metropolen
tonangebend Linke, Liberale und selbsterklärte Alternative den
Islamofaschismus vor der eigenen Haustür (geografisch genauer: meist
„nur“ im benachbarten Stadtbezirk) als zu respektierende kulturelle
Eigenart salvieren, geht es in den Provinzen, die oft nicht allein im
Osten ausländerfrei geprügelt wurden, mit der NPD sowie ihren Kamerad-
und Anhängerschaften noch sehr konventionell respektive
führerkompatibel zu. Und doch, ob linker Metropolenbürger oder
sein rechtes Pendant in der Provinz: Es gibt sie, die „innere Einheit“
zwischen Stadt und Land; sie entspringt dem gemeinsamen Wunsch nach
Normalität, nach der Möglichkeit, sich mit Deutschland vorbehaltlos
identifizieren zu können. Was zu diesem Behufe dem gemeinen Volk die
Fußball-Nationalmannschaft und die schwarzrotgoldene Gesichtsbemalung,
das ist dem Kulturmenschen – und für einen solchen hält sich der
Deutsche gern – die klassische Musik, in concreto die romantische. Denn
in ihr kann man sich so herrlich vergessen und mit sich selbst auch die
Vergangenheit; die Kunst wird zum Instrument der Erlösung. Schon der
deutsche Tonsetzer Richard Wagner sah die Erlösung „im sinnlich
gegenwärtigen Kunstwerke“ (siehe: „Die kunstwidrige Gestaltung des
Lebens der Gegenwart“). Aus diesen programmatischen Gründen darf sein
„Lohengrin“ nicht fehlen, wenn am 9. November 2009 zum „Fest der
Freiheit“ am Brandenburger Tor Daniel Barenboim mit seiner
Staatskapelle aufspielt. Gottfried Wagner, Urenkel des
Komponisten und ob seiner kritischen Haltung gegenüber den wagnerschen
Verstrickungen in Antisemitismus und Nationalsozialismus der Paria der
Familie, findet es dagegen „absolut unpassend“,
wenn „diese chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten
Antisemiten Wagner“ mit seinen „Blut-und-Boden-Reminiszenzen“ dort
erklingt. Und er hat gute Gründe. Im „Lohengrin“ nämlich ruft König
Heinrich die Deutschen zur Schlacht: „Soll ich euch erst der Drangsal
Kunde sagen, die deutsches Land so oft aus Osten traf? ... Nun ist es
Zeit, des Reiches Ehr’ zu wahren; ob Ost, ob West, das gelte Allen
gleich! Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesschaaren, dann schmäht
wohl Niemand mehr das deutsche Reich!“ So geht es durch alle Akte: „Wie
fühl’ ich stolz mein Herz entbrannt, find’ ich in jedem deutschen Land
so kräftig reichen Heerverband! Nun soll des Reiches Feind sich nah’n,
wir wollen tapfer ihn empfah’n: aus seinem öden Ost daher soll er sich
nimmer wagen mehr! Für deutsches Land das deutsche Schwert! So sei des
Reiches Kraft bewährt!“ Und noch bevor Lohengrin sich von seinem Schwan
wieder zum Heiligen Gral auf Burg Monsalvat führen lässt, stellt er
klar: „Doch, großer König, laß mich dir weissagen: dir Reinem ist ein
großer Sieg verlieh’n. Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen
des Ostens Horden siegreich niemals zieh’n!“ (Hier irrte Lohengrin –
zum Glück.) Dass der militante Nationalismus Richard Wagners nun
ausgerechnet zum „Freiheitsfest“ am Brandenburger Tor erklingen soll,
findet ein Zeitgenosse gleichen Namens gänzlich unproblematisch. Wagner
Junior ist Namensvetter, Schriftsteller, Journalist und jüngst ein
klein wenig bekannt geworden als der Ex-Ehemann der Frau Müller, die
vor ein paar Wochen auch noch kaum jemand kannte, bis der
Literaturnobelpreis das änderte. Auf der Achse des Guten hat
Richard Wagner in starker Konkurrenz zu Vera Lengsfeld bereits
tatkräftig zum Sonderbeauftragten für Deutschnationales sich
qualifiziert und seine affirmativen Tugenden auch dieser Tage wieder unter Beweis gestellt.
Denn wenn es vorm Brandenburger Tor um ein „Fest der Freiheit“ geht,
dann geht es „um sie, um die Freiheit ... um die alles berührende
Freiheit“ – so dichtet der Exmann der Dichterfrau seine Redundanzen.
Wenn in Deutschland so von „Freiheit“ die Rede ist, meint das aber
leider etwas anderes als beispielsweise in Amerika; das stellen
Wagnerrichard Senior wie Junior unter Beweis. Es geht ihnen nämlich um
die Freiheit, ganz deutsch sein zu dürfen, mithin nicht von Vernunft
und Zweifel angekränkelt zu werden. Und deswegen passt der alte zum
jungen Wagner, und beide passen zum originär deutschen Freiheitsfest. Gottfried
Wagner, für Richard Junior nur der „K-Gruppen-Wagner“ und also wegen
der eigenen Geschichte wohl für eine geschichtskritische Intervention
disqualifiziert, gibt mit seinem Einspruch dem Opponenten bei der Achse des Guten
Gelegenheit zur publizistischen Geschichtsentsorgung: „Da das Datum mit
dem der Reichspogromnacht zusammenfällt, fühlen sich die
Selbsternannten von der FSK, der freiwilligen Selbstkontrolle, wieder
einmal zur Mahnung aufgerufen.“ Wer heute noch wegen gestern mahnt,
gilt dem Junior wohl als Ewiggestriger. Wenn im „Lohengrin“ von
deutschem Land und deutschem Schwert gesungen wird, ist das nämlich
kein Anlass, unruhig zu werden, und bringt allenfalls „den Kreislauf
des Verfassungsmützenpatrioten in Gang“. Soll heißen:
Verfassungspatrioten gelten hierzulande nicht als rechte Patrioten. Und
jede Mahnung, so Richard Wagner der Jüngere, ist natürlich unsinnig.
Denn „bei nüchterner Betrachtung“ vermittle dieser Schlachtgesang
„nichts anderes als die Bereitschaft zur Landesverteidigung, was
letzten Endes auch Auftrag der Bundeswehr ist.“ Oder der Wehrmacht, wie
man es damals gesehen und auch so gesagt hat. Allein das altwagnersche
Vokabular ist, so der Junior, „unserem kollektiven Ohr entfremdet wie
der Negerkuss“. Drum neues Vokabular und alte Füllung: Zäh und süßlich
wird die Nation heut’ noch gern genossen. Den Wagnerrichards
ging und geht es nicht um das, was Freiheit im liberalen Sinne heißen
könnte: nicht um Zivilisiertheit durch Recht und bürgerliche Freiheit,
nicht um republikanische Verfassung und demokratische Verfasstheit,
sondern um Deutschland, diese Sache um ihrer selbst willen. Und darum
tönt der Junior: „Gottfried, lass die Paulskirche im Dorf! Es geht um
die Freiheit!“ Genauer: um das, was die Deutschen eben Freiheit dünkt.
Dass die Partitur des „Lohengrin“ 1848, im Jahr der Revolution,
abgeschlossen wurde, dient zwar als Vorwand, diese Oper als
Freiheitsstück zu deklarieren. Doch wirft dies allenfalls ein
Schlaglicht auf die nationalistischen Tendenzen der Revolution, die die
bürgerlich-demokratischen begleiteten und in der späteren Geschichte
ganz in den Schatten stellten. Es gehört eben zur intergenerationellen
wagnerschen Logik, die Paulskirche aufs Dorf zu verbannen. Und
dabei ist Daniel Barenboim behilflich. Der nämlich ist noch für jede
politische Dummheit dumm genug (und darum der gute Jude der Deutschen)
– ob er zum Sommer der Staatsantifa 2001 den Soundtrack des „besseren
Deutschlands“ lieferte, ob er mit seinem West-Eastern-Divan-Orchester
den Frieden gegen Israel herbeimusizieren will oder ob er nun mit
reichsdeutschem Getöse am Brandenburger Tor reüssiert. Neben Wagner
Senior wird es dort noch etwas Beethoven geben und – so viel
Zugeständnis an die gedenkpolitische Konvention gibt es dann doch noch
– den zu solchen Anlässen obligatorischen Arnold Schoenberg. Letzterer
wird wie bei Barenboim gewohnt sehr kommensurabel mit viel Vibrato und
Emphase zurechtdirigiert, so dass auch der „Survivor from Warsaw“ neben
dem Tonsetzer Wagner nicht allzu verstörend wirkt. Das wird dann auch
der Richard Junior ertragen können. Und nächstes Jahr, wenn zum 3.
Oktober wieder ein rundes Jubeldatum ansteht, wird dann vielleicht auch
Schoenberg entsorgt. Dann gibt’s Hans Pfitzners „Von deutscher Seele“,
dann soll endlich Schluss sein mit geschichtspolitischer
Zerknirschtheit und undeutscher Kakophonie. NachspielDas Publikum war heute wieder wundervoll Und traurig klingt der Schlussakkord in Moll Wir sagen Dankeschön Und auf Wiederseh’n Schau’n sie bald wieder rein Denn etwas Schau muss sein Und heißt es Bühne frei Dann sind Sie mit dabei Die Schau muss weitergeh’n Auf Wiederseh’n
Zum Foto:
„Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesschaaren, dann schmäht wohl
Niemand mehr das deutsche Reich!“ Premiere von „Lohengrin“ unter der
musikalischen Leitung von Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper
Unter den Linden, April 2009.
http://www.lizaswelt.net/2009/11/richard-wagners-negerkusse.html
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November 1, 2009 - Sunday
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Brothers in Crime
 Vor einigen Tagen erschien im Online-Magazin Telepolis ein Beitrag mit dem Titel „Boykott, Desinvestment und Sanktionen“,
für den die Verfasserin Petra Wild akribisch recherchiert hatte, welche
politischen, akademischen und ökonomischen Kampagnen derzeit auf der
Welt gegen Israel laufen, wer sie trägt und welche Auswirkungen sie
zeitigen. Telepolis ist pro-israelischer Neigungen allerdings
gänzlich unverdächtig, und so geht es auch in diesem Text nicht darum,
die gegen den jüdischen Staat gerichteten Boykottaufrufe und
-initiativen einer Kritik zu unterziehen. Im Gegenteil begrüßt die
Autorin sie und billigt den sie tragenden Organisationen ausschließlich
lautere Motive zu – wie etwa jenes, mit den Kampagnen gegen die
„Brutalität der israelischen Kriegsführung“ oder gegen das „israelische
akademische Establishment“ zu protestieren, das „tief in die
zionistische Kolonialpolitik verstrickt“ sei. Dennoch – oder gerade
deswegen – ist Wilds Zusammenstellung so aufschlussreich wie nützlich,
denn sie ist nachgerade ein Panoptikum des globalen antiisraelischen
Wahns. „Im Vereinigten Königreich“, so heißt es im Artikel
beispielsweise, „erreichte die der britischen Presse zufolge ‚größte
Studentenbewegung seit 20 Jahren’, die aus Protest gegen den Krieg 34
Universitäten besetzt hatte, dass an einigen Universitäten Produkte aus
israelischen Kolonien boykottiert werden“. In Südafrika und Australien
hätten sich die Hafenarbeiter im Februar geweigert, israelische Schiffe
zu entladen; die südafrikanische Hafenarbeitergewerkschaft habe darüber
hinaus zum Boykott israelischer Waren aufgerufen und von der Regierung
gefordert, die ökonomischen und politischen Beziehungen zu Israel
abzubrechen. In Norwegen, so Wild, „begannen die Gewerkschaften bereits
im Januar mit einer Kampagne zum Abzug aller staatlichen Investitionen
aus Israel“. In Frankreich sei „die kollektive Begehung von
Supermärkten zwecks Entfernung israelischer Waren aus den Regalen“ eine
„beliebte Aktion“. Die israelische Presse habe gemeldet, dass der
Verkauf israelischer Waren infolge der Boykotte um 21 Prozent
zurückgegangen ist. „Als direkte Reaktion auf den Krieg gegen Gaza“,
schreibt Wild, „brach vor allem im Vereinigten Königreich und den
skandinavischen Ländern der Verkauf israelischer Waren ein“. Und so
weiter und so fort. Man muss sich das noch einmal in Ruhe
vergegenwärtigen: Britische Hochschüler legen fast drei Dutzend Unis
lahm, wenn sie in der Mensa Avocados und Oliven aus Israel aufgetischt
bekommen statt Fish & Chips. Südafrikanische Hafenarbeiter
investieren ihre Energie in die Weigerung, die Ladung von Schiffen aus
dem jüdischen Staat zu löschen, statt sie für den Kampf zur
Aufbesserung ihres Lohns einzusetzen. In Frankreich räumt der gleiche
Mob, der unablässig eine „Hungerkatastrophe“ im Gazastreifen beschwört,
gezielt israelische Lebensmittel aus den Läden. Schon die
unvergleichliche, unschwer als Besessenheit zu identifizierende Verve,
mit der all das geschieht, verrät die Motivation dieser Leute – eine
Motivation, die sie für Darfur oder Sri Lanka selbstverständlich
niemals aufbringen würden, obwohl es dazu weitaus mehr Anlass gäbe. Es
geht ihnen auch nicht um das Wohlergehen der Palästinenser, denn wenn
deren repressive Regimes die Bevölkerung knechten, hört man nie auch
nur die leiseste Rüge. Die Botschaft lautet vielmehr: Kauft nicht beim
Juden! Es sind vor allem im weitesten Sinne linke Organisationen
und Gruppierungen, die derlei Boykottkampagnen initiieren und tragen.
Den klassischen rechten Antisemitismus gibt es zwar noch, aber er ist
demgegenüber inzwischen geradezu marginal geworden, nicht zuletzt
deshalb, weil er nach Auschwitz gar zu anrüchig ist. Wenn Neonazis auf
die Straße gehen, findet sich garantiert ein „zivilgesellschaftliches“
Bündnis, das dagegen demonstriert. Die gleiche „Zivilgesellschaft“ ist
allerdings jederzeit bereit und in der Lage, selbst gegen Israel mobil
zu machen – mit Argumenten, die von denen der Neonazis kaum bis gar
nicht zu unterscheiden sind. Und sie schweigt entweder oder läuft
gleich mit, wenn Islamisten zu Zehntausenden von einem „Holocaust im
Gazastreifen“ schwadronieren, wie es während der israelischen
Militärschläge gegen die Hamas zu Beginn dieses Jahres geschehen ist.
Sie bleibt stumm oder findet es sogar irgendwo verständlich, wenn
jüdische Schüler in Berlin von muslimischen Mitschülern drangsaliert,
beleidigt und geschlagen werden; schließlich ist das ja immer noch ein
– bloß etwas verunglückter – Protest gegen Israel. Insbesondere
die Kombination aus islamischem und linkem Antisemitismus hat es in
sich – eine Kombination, die auch auf institutioneller Ebene ihre
Entsprechung findet, wie zuletzt der vom UN-Menschenrechtsrat in
Auftrag gegebene Goldstone-Bericht zeigte: Im Rat dominieren die
Autokratien, vor allem die islamischen – und genau die hatten eine
Untersuchung in Auftrag gegeben, deren Ausarbeitung de facto auf das Konto linker NGOs ging.
Und was im Makrokosmos funktioniert, glückt im Mikrokosmos erst recht,
beispielsweise, wenn in Hamburg eine Abordnung von „Internationalisten“
und „Antiimperialisten“ mit Gewalt die Aufführung eines pro-israelischen Films verhindert.
Es ist nicht nur die Maxime „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“,
die dabei das linke Handeln bestimmt, sondern ein originärer Judenhass,
der in der obsessiven Abneigung gegenüber Israel und in der damit
verbundenen Unterstützung vernichtungswütiger Islamisten seinen, sagen
wir, zeitgemäßen Ausdruck findet. Dem Hautgout der
nationalsozialistischen Vernichtungslager weichen die Adepten dieses
Judenhasses dabei unter Berufung auf ihre „antirassistische“ Gesinnung
aus, die gleichwohl nicht mehr ist als ein erbärmlicher
Kulturrelativismus, im dem die Juden genauso das „Anti-Volk“ sind wie
im Rassenantisemitismus der Alt- und Neonazis. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass in den deutschen Medien so gut wie nichts über die Rede zu lesen war,
die der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Gabi Ashkenazi,
vorgestern am Holocaustmahnmal auf dem Bahnhof Berlin-Grunewald hielt. Ashkenazi sagte unter anderem:
„An diesem Ort – von dem unsere Brüder und Schwestern zu den Gaskammern
deportiert wurden, einzig aus dem Grund, dass sie Juden waren – rufen
wir aufrechten Hauptes allen Hassern, Leugnern und Böswilligen zu: Wir
sind da! Das israelische Volk ist in seinem Land wieder auferstanden
und hat sich regeneriert. Es verlangt nach Unabhängigkeit und
Sicherheit.“ Als Konsequenz aus der Shoa den jüdischen Staat zu
verteidigen – das fällt der „Zivilgesellschaft“ hierzulande bei allen
treuherzigen Solidaritätsschwüren gegenüber Israel dann doch nicht ein.
Lieber packelt sie verständnisinnig mit dessen Feinden und schleudert
den Israelis ein beherztes „Nie wieder Krieg!“ entgegen, ermahnt sie
also fürsorglich, aus Auschwitz doch bitte die richtigen, das heißt
deutschen Lehren zu ziehen. Die nächste Gelegenheit dazu, den Jahrestag
der Reichspogromnacht am 9. November, wird diesbezüglich garantiert
nicht ungenutzt verstreichen. Zum Foto: „Israel ist der Krebs, der Djihad ist die Antwort“. Antisemitische Demonstration in London, Januar 2009.
Verfasst von Liza um 18:45 Uhr – Feedback – Permalink

http://www.lizaswelt.net/2009/10/brothers-in-crime.html
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