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Last Updated: 11/11/2009

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November 23, 2009 - Monday 

Antifas als Antisemiten

Wie ein "anti-imperialistisches Zentrum" in Hamburg die Aufführung eines Israel-Films des "Shoa"-Regisseurs Claude Lanzmann mit Gewalt verhinderte.

 
Christiane Peitz
Genauso erschreckend wie der Vorfall selbst ist die Tatsache, dass er erst jetzt so richtig publik wird. Das Hamburger Kinokollektiv B-Movie wollte gemeinsam mit der Gruppe „Kritikmaximierung“ Claude Lanzmanns Debütfilm „Warum Israel“ von 1972 zeigen, eine Reportage über das Lebensgefühl der Israelis und die Geschichte der Staatsgründung. Die Aufführung am 25. Oktober wurde jedoch mit Gewalt verhindert, nicht von Alt- oder Neonazis, sondern von selbst erklärten Antifaschisten. Das benachbarte antiimperialistische Zentrum B 5 versperrte das Kino, simulierte einen „Checkpoint“ und wehrte Kinobetreiber wie -besucher mit Holzgewehren und Schlaghandschuhen ab. Eine Aktion, mit der man die angeblich „prozionistische Veranstaltung“ verhindern und auf das „Apartheids“-Schicksal der Palästinenser aufmerksam machen wollte. Nachdem sich die Veranstalter vergeblich um Gewaltfreiheit bemühten, zogen sie ab, man prügelte sich, einige Besucher wurden verletzt. Die Polizei schritt ein, wegen Volksverhetzung wurde nicht ermittelt.

Dass es dabei, wie die „taz-Nord“ berichtete, auch zu Beschimpfungen wie „ihr Judenschweine“ kam, wird von Vertretern des Zentrums B 5 bestritten. In der Zeitung „Jungle World“ und in Blogs wird seitdem heftig debattiert, in Frankreich veröffentlichte „Le Monde“ am 13. November eine Notiz. Der Hamburger Landesverband der Linken hatte das Rechtfertigungspamphlet der Blockierer kurzzeitig auf seine Homepage gestellt, sich dann aber doch distanziert. Die beizeiten informierte bürgerliche Hamburger Lokalpresse berichtete erst jetzt, nachdem „Spiegel online“ den Vorfall aufgegriffen hatte.

Wild gewordene Antifas als tätige Antisemiten: Claude Lanzmann nennt die Gewaltaktion „weltweit einmalig“, auch jüdische Gemeinden und Organisationen sind empört. Zu Recht: Eine Filmaufführung zu verhindern, Bilder zu verbieten, war eine bewährte Methode der Nationalsozialisten.

Wer die Statements der Streithähne liest, fühlt sich angesichts des Jargons in die späten siebziger Jahre zurückversetzt, als die einäugige Solidarität mit den Palästinensern und die pauschale Verdammung von Israel Schule machte. Seitdem hat der linke Antisemitismus Tradition.

Und er lebt fort, in Nachbarschaftskriegen zwischen Verbalradikalen, bei denen der Hass auf die „anderen“ Linken auch mal so blind wird, dass er sich als Hass auf die Juden artikuliert. Das B-Movie und B 5 sind Mieter im gleichen Haus, in der Brigittenstraße im Schanzenviertel. Man teilt sich Räumlichkeiten und streitet sich schon lange.

Claude Lanzmanns Film als Waffe im Kampf um die richtige linke Gesinnung – ein Missbrauch von beiden Seiten. Justiziabel ist das nicht, wohl aber die Tatsache, dass Kinobesucher mit Gewalt und antisemitischem Agitprop davon abgehalten wurden, sich einen Film anzuschauen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.11.2009)
November 22, 2009 - Sunday 

Bürger, rechts, Bewegung!



Manche Dinge kann man einfach nicht erfinden:
Bundespräsident Horst Köhler zeichnete zum 20. Jahrestag des Mauerfalls verdiente DDR-Bürgerrechtler mit dem Bundesverdienstkreuz [aus]. Zu den Ausgezeichneten, die am Montag im Bundespräsidialamt eingeladen waren, gehörten der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem zentralen ehemaligen Stasi-Gefängnis, Hubertus Knabe, der Schauspieler Jochen Stern sowie die Frau vom Checkpoint Charlie, Jutta Fleck. Die Regisseurin und Autorin, Freya Klier, sowie der Liedermacher Stephan Krawczyk [Foto], beide Mitbegründer und Symbolfiguren der DDR-Friedensbewegung, begleiteten das Programm musikalisch.

Als Krawczyk vom Bundespräsidenten zum Ende der Veranstaltung gebeten wurde, die Nationalhymne anzustimmen, vergriff dieser sich im dreistrophigen Text. „Deutschland, Deutschland über alles...“ sang der Liedermacher, bis er unterbrochen und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass bei der offiziellen deutschen Nationalhymne nur die dritte Strophe des „Liedes der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben gesungen wird: „Einigkeit und Recht und Freiheit...“. Die ersten beiden Strophen sind zwar nicht verboten, aber – nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus – weitgehend tabuisiert.
Für das, was die Deutsche Presse-Agentur in ihrer Meldung schamhaft als Vergreifen zu beschönigen sich bemüßigt fühlte, gibt es mehrere denkbare Erklärungen. Die unwahrscheinlichste ist, dass Krawczyk irgendjemandem auf den schwarz-rot-goldenen Schlips treten wollte, denn am „verordneten Antifaschismus“ in der DDR fand er als Vorzeigebürgerrechtler nicht nur das Verordnen, sondern auch den Antifaschismus falsch. Schon näher an der Wahrheit dürfte man mit der Vermutung liegen, dass die Stasi dem Barden dermaßen auf die Pelle gerückt ist, dass er seinen Verstand verloren hat. Damit könnte er immerhin mildernde Umstände geltend machen. Womöglich begreift sich Krawczyk aber auch weiterhin als oppositionelles Sprach- respektive Gesangsrohr des Ostens und glaubt, Volkes Stimme besonders öffentlichkeitswirksam zur Geltung bringen zu müssen. In jedem Fall darf die „Symbolfigur der DDR-Friedensbewegung“ (dpa) sich glücklich schätzen, die Erweiterung des deutschen Staatsgebiets in Richtung Maas, Memel, Etsch und Belt nur in der Bundesrepublik gefordert zu haben. Dort bekommt man in einem solchen Fall nämlich bloß einen spontanen und höflichen Kurzlehrgang in Staatsbürgerkunde verabreicht, mehr nicht.

Andererseits muss man Stephan Krawczyk schon wieder dankbar sein: Nach den Ehrungen von Felicia Langer und Henning Mankell hatte sich Horst Köhler eine solche Blamage redlich verdient. Dass sie ausgerechnet bei der Verdienstkreuzverleihung an prominente „Wir sind das Volk“-Deutsche vonstatten ging, ist so eine Laune des Weltgeistes, die passt wie der Arsch auf den Eimer.

http://www.lizaswelt.net/2009/11/burger-rechts-bewegung.html
November 22, 2009 - Sunday 

Mit toten Juden Geld machen

19. November 2009, von Thomas von der Osten-Sacken
Die Zeiten, als man mit Zahngold und Kopfhaar ermorderter Juden ein nicht unbeträchtliches Zubrot verdienen konnte, sind glücklicherweise vorbei. Aber mit toten Juden lässt sich auch dieser Tage gutes Geld verdienen, wie die Novemberausgabe des Bordmagazines von Easyjet eindrücklich zeigt. Für peppige Präsentation neuester Mode an Berliner Lokalitäten, die dem Leser sogar schon auf der Titelseite - unter dem Motto “Reviving the Bauhaus Zeitgeist”  - ans Herz gelegt wird, posen die Models mit Vorliebe in den Stelen des Holocaust Mahnmals in Berlin.
Offenbar aber hat das bislang keinen der in den Urlaub jettenden Fluggäste der Billigairline weiter gestört. Viele entsprechende emails an Easyjet (Deutsche.Presse@easyJet.com), bzw. die Macher des Magazins easyjet.ads@ink-publishing.com  wären deshalb durchaus angebracht. Und vielleicht lohnte auch bei den Verwaltern des Denkmals die Nachfrage, ob sie derartige Präsentationen generell gestatten.
Auch die in Berlin ansässige Modedesignerin Anuschka Hoevener wäre da zu erwähnen, deren hier präsentiertes Kleid für schlappe 229 Euro zu haben ist.

November 19, 2009 - Thursday 
Israel ist ein souveräner Staat
von Max Malkus, Vorsitzender DIKA e.V zur BAK Shalom Debatte (link)

Nach dem Aguda–Anschlag in Tel Aviv veröffentlichte der BAK Shalom eine Presseerklärung, die über den einzelnen Vorgang hinaus eine innerisraelische Diskussion über die Säkularisierung des Staates heraufbeschwören wollte. Ohne diese Position bewerten zu wollen, möchte ich im folgenden das Problem einer Einmischung in innerstaatliche Diskussionen aus der deutschen Linken über Israel aufzeigen.
Natan Sharansky kategorisiert eine illegitime Kritik an Israel in drei Dimensionen: Dämonisierung, Doppelstandards und Deligimation um eine legitime Israel-Kritik von einer antisemitischen Kritik zu trennen. Aber auch jenseits von Antisemitismus müssen wir uns fragen, wo eine israelsolidarische Linke, die Ressentiments aufbrechen möchte, ansetzt und wo sie sich raushält. Genauso wie „die deutsche Linke den Nahostkonflikt nicht lösen wird“ (Grundsatzerklärung BAK Shalom), genauso wenig schätze ich ihr Potential ein, Veränderungen in der israelischen Gesellschaft herbeiführen zu können. Daher ist die eigentliche Frage, was eine Kritik an einer innerisraelischen Debatte bewirkt. Und zwar nicht in Israel, sondern vornehmlich da, wo sie geäußert wird.
In Deutschland versucht der BAK Shalom seit nunmehr zwei Jahren öffentlich gegen Antisemitismus und Antizionismus vorzugehen. Dabei wurden vielen Kritikern antisemitische Züge ihrer Kritik vorgehalten und diese harsch kritisiert. Israel wird in Deutschland nicht wie ein Staat unter vielen behandelt und sein Handeln tendenziell negativ beäugt. Dabei wird, so stellt sich das Gefühl ein, der gesamte Fokus der Linken auf Israel zugespitzt. Menschenrechtsverletzungen werden mit der Lupe gesucht und jedes Vergehen gegen das deutsche Werteprinzip angeprangert.
Kritik die vermeidlich gerechtfertigt ist, muss sich die Frage stellen, warum sie ausgerechnet in Israel ansetzt, wenn die gleichen Vergehen mehrere duzend mal auf der Welt geschehen ohne dass es einen „Aufschrei der Anständigen“ gibt. Der Fingerzeig der Welt manifestiert sich in Israelkritik. Die Juden, die angeblichen Nazis von heute, rechtfertigt für einige die Shoa oder beruhigt zumindest das eigene Gewissen in der Geschichte nicht alles falsch gemacht zu haben. Die Presseerklärung des BAK zu dem Agudah-Anschlag stellt zutreffend fest, dass ein großer Teil der israelischen Gesellschaft den Anschlag verurteilt. Die Tatsache, dass sich Israel kritisch mit dem Problem der Homophobie auseinandersetzt und gesetzt hat, zeigt, unabhängig vom Ergebnis, dass die Zivilgesellschaft durchaus funktioniert. Es liegt in der eigenen Souveränität, die auch wir Israel zugestehen müssen, Lösungen zu finden. Ohne Zweifel gibt es auch in dem jüdischen Staat Probleme, welche durch die religiöse Prägung verursacht werden. Und ohne Zweifel gehört es zu einer emanzipatorischen Position, sich für einen Säkularisierung der Staaten auszusprechen. Aber, es ist nicht Aufgabe der israelsolidarischen Linken eine öffentliche Debatte anzustoßen, in der über dieses innerisraelische Problem in Deutschland debattiert wird. Warum? Weil genau diese Diskussion das Problem nicht lösen wird, sondern genau den Personenkreis unterstützt, der die Widerrechtlichkeit des jüdischen Staates beschwört und nun legitimiert mit dem Finger auf ihn zeigen kann. Egal wie differenziert eine Kritik an Israel ist, beherbergt sie - jedenfalls in Deutschland - das Potential falsch ausgelegt zu werden. Es bleibt festzuhalten, dass sich Israel selbst um seine Säkularisierung oder Nichtsäkularisierung zu kümmern hat. So lange das Judentum, (und dabei sind nicht die radikalen Siedler gemeint) sich keiner Menschenrechtsverletzungen an den Bürgerinnen und Bürgern strafbar macht, ist diese Debatte innerstaatlich zu führen. Es ist nicht unsere Aufgabe Israel zu einem perfekten Staat zu erziehen, sondern lediglich ihn vor unverhältnismäßiger und tendenziös antisemitischer Kritik in Deutschland zu bewahren.

November 17, 2009 - Tuesday 

Geklebt, nicht gesprüht

Selbst die Polizei schaut zu: Tape Art ist eine neue Form von Street Art und neuerdings auch hierzulande populär.

von André Tucic

Ein Mann kniet auf der Straße und verewigt mit Klebeband seinen Namen auf dem Asphalt. Das ist das Prinzip einer neuen Variante von Street Art, also jener Kunst, die im öffentlichen Raum zu sehen ist, etwa an Laternen, Stromkästen, Verkehrsschildern oder Wänden. Dazu zählen Aufkleber, Poster, Fotografien, Kalligrafien, gemalte Bilder, aber auch Graffiti. Um Tape Art zu produzieren, braucht es nicht viel: ein Klebeband, ein Messer für die Feinarbeiten und mitunter einen Handschuh, weil viel Druck mit den Handflächen ausgeübt werden muss, ehe das Tape auf der Straße haftet. Diese Klebetechnik ist seit diesem Sommer in Deutschland populär und vor allem auf Berlins Straßen zu sehen.
Tape-Art-Weltrekord: Das riesige Frauengesicht am Stadtbad Berlin-Wedding
Tape-Art-Weltrekord: Das riesige Frauengesicht am Stadtbad Berlin-Wedding (Foto: PA/dpa/Jens Kalaene)
»Street Art hilft, Kunst zu emanzipieren. Denn Kunst sollte nicht nur in Galerien zu sehen sein. Eine Demo findet ja auch auf den Straßen und nicht in einem gläsernen Palast statt«, sagt BRNA. Der 21jährige Medieninformatik-Student aus Berlin hat vor zwei Jahren mit Tape Art begonnen und ließ sich dabei von den Größen der Szene, die sich Buff Diss oder El Bocho nennen, anregen. »Erst habe ich Street Art fotografiert und auf meinem Blog darüber berichtet. Dann war es an der Zeit, selber etwas zu machen, sich eine Nische zu suchen und seinen eigenen Stil zu kreieren«, sagt BRNA. Mittlerweile hat er einen Blick dafür, die passenden Plätze zu finden, wo er seinen Namen oder seine Bilder kleben kann. »Ich gehe über die Straße und schaue, wo der Boden gut beschaffen ist. Ich brauche große, glatte Steine. Dann wird sofort geklebt«, sagt BRNA. Er findet, dass Kunst auf die Straße gehört und den öffentlichen Raum gestalten soll. Seine Bilder sind zumeist ein bis zwei Quadratmeter groß. »Tape Art ist Saisonarbeit. Dreck und Nässe sind tödlich für meine Arbeiten, denn die Bilder lösen sich sehr schnell«, sagt BRNA.
Tapes von jeder Beschaffenheit und für jedes Wetter gibt’s bei Timm Zolpys. Der 30jährige studierte Politikwissenschaftler hat im Februar das Geschäft »Klebeland« im Berliner Stadtteil Wedding eröffnet. Der Laden führt über 2 000 verschiedene Klebeprodukte – angefangen bei Armeepanzer- und Gaffaband über Isolier-, Klett- sowie Paketklebeband bis zu Vulkanisierband. Die billigste Rolle kostet 50 Cent, die teuerste über 100 Euro. Zu seinen Kunden zählen Hausfrauen, die ihren Gartenschlauch flicken wollen, Motorradfahrer, die ihren Sattel reparieren möchten, oder Werkstätten wie die des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Aber vor allem Street-Art-Künstler haben in dem Laden ihr neues Eldorado gefunden.
Schon während des Studiums hat Zolpys auf Floh- und Wochenmärkten Klebebänder verkauft. »Ich war stadtbekannt, man hat mich den Klebemann genannt. Dann hatte ich die Idee, das zu professionalisieren. Also habe ich das ›Klebeland‹ eröffnet«, sagt er. Seit Jahren interessiert er sich für Street Art, insbesondere auch für die Szene in den USA, wo es einige Arbeiten sogar ins Museum geschafft haben. Also gab er einem Praktikanten eine Kiste mit Restposten in die Hand und schickte ihn im Juli zum Berliner Street-Art-Festival »Urban Affairs«. Dort sollten die Klebebänder an die ausstellenden Künstler verteilt werden – auch an den weltweit bekannten El Bocho aus Berlin. Schnell ergab sich ein Kontakt zwischen Zolpys und El Bocho, und die beiden entwickelten eine Idee: El Bocho hat im Rahmen des Festivals eine riesige Werbebotschaft für »Klebe­land« an die Fassade eines alten Schwimmbads geklebt.
Das Motiv, ein comicartiges Frauengesicht samt Schriftzug »And then we take Berlin«, ist auf einer 1 100 Quadratmeter großen Fassade angebracht und ist das derzeit größte Tape-Art-Bild der Welt. Zwei Wochen hat es gedauert, das Frauengesicht an die Wand zu kleben, 15 Kilometer Klebeband wurden dabei verbraucht. Das war ein gewiefter PR-Gag, denn spätestens seit dem Weltrekord ist das »Klebeland« in aller Munde und Zolpys und El Bocho gelten als Protagonisten der Tape Art in Deutschland.
El Bocho war schon vor dem Weltrekord ein weltweit bekannter Street-Art-Künstler. Der 31jährige Illustrator und Typograph glaubt, dass Tape Art so populär wie Graffiti werden kann. Noch ist Tape Art in Deutschland wenig bekannt. Aber seit El Bochos Weltrekord ist hierzulande, vor allem in Berlin, viel geschehen. Weitere Künstler haben sich ans Kleben gemacht, und Buff Diss, einer der bekanntesten Tape Artists, wohnt seit Anfang November in Berlin. »Ich war mit meiner Freundin in Italien, wir wollten wegziehen, wussten aber nicht, wohin. Dann hat mich Timm Zolpys kontaktiert und von seinem Geschäft erzählt. Also bin ich nach Berlin gezogen«, sagt er. Wie viele Street-Art-Künstler hat der 26jährige Australier früher Graffiti gemalt, sich aber vor vier Jahren der Tape Art verschrieben. »Damals bekam ich den Auftrag, ein Graffito zu malen, doch die Wand war so schlecht, dass meine Farben nicht gehalten haben. Also habe ich Klebeband benutzt, um die Konturen des Bildes aufzutragen. Dann fand ich es cool und habe einfach mit dem Tape weitergearbeitet«, sagt Buff Diss. Das hat ihn neben Aakash Nihalani aus New York und L’Atlas aus Paris zu einem Pionier des Genres gemacht. »Als ich damit angefangen habe, wusste ich nicht, ob das andere auch so machen«, sagt er.
Mittlerweile wird Tape Art zusehends populär. Im Rahmen der MTV European Music Awards wurde Buff Diss beauftragt, in einem Hangar am Flughafen Tempelhof ein Tape-Art-Bild zu kleben. Jugendliche aus ganz Europa haben dabei zugeschaut und werden irgendwann kopieren, was sie gesehen haben.
Vor der Polizei müssen sich Männer wie BRNA, El Bocho oder Buff Diss nur bedingt fürchten. Denn beim Tapen handelt es sich zwar um eine Ordnungswidrigkeit, jedoch nicht um Sachbeschädigung. Tape Art wird also strafrechtlich nicht verfolgt. Schließlich wird die Bausub­stanz nicht beschädigt, sondern nur verunreinigt. Der Künstler wird lediglich aufgefordert, seine Arbeit zu entfernen, mehr passiert nicht. »Die Polizei ist schon oft an mir vorbeigefahren, als ich geklebt habe. Das scheint die nicht zu interessieren. Deren Feind sind Sprayer, die Graffiti auf die Wände bringen«, sagt BRNA. Hausbesitzer können also aufatmen, »da wir die Jugend dazu bringen, die Spraydosen weg­zulegen und Klebeband zu benutzen, um sich auszudrücken. Und dieses Tape lässt sich rückstandslos entfernen«, sagt Zolpys.
Tape Art hat mittlerweile auch den pädagogischen Bereich erreicht. Ein Lehrer des Berliner Friedrich-Engels-Gymnasiums kauft regelmäßig im »Klebeland« ein, um seinen Kunst-Leistungskurs mit dem Band zu versorgen. Ebenso hat die Berliner »Be smart Academy«, eine deutsch-englische Bildungseinrichtung für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, dafür gesorgt, dass im Kinderladen mit Tape Art geklebt wird. Immerhin fördert dies Ausdauer, Konzentration, Kreativität und Feinmotorik. Auch auf der Jugendmesse »You« konnten sich die Jugendlichen im Oktober an einer Wand in der neuen Kunstart ausprobieren. »Wir haben Wände aufgebaut, einige Bilder von Tape-Art-Künstlern mitgebracht und die Kinder ermutigt, selber zu kleben. Sowohl Jungs als auch Mädels haben uns die Bude eingerannt und stundenlang ge­tapet«, sagt der umtriebige Zolpys.
Im nächsten Jahr will er die erste reine Tape-Art-Ausstellung in Berlin initiieren. Ein Partner ist dabei die Berliner ATM Gallery, die sich als Übersetzerin und Vermittlerin von Kunst aus dem öffentlichen Raum versteht. Hier findet die Street-Art-Szene ihren Platz fernab der Straße. Tape Art ist also drauf und dran, eine neue Kunstform zu werden. »Noch vor drei Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich Menschen auf den Boden hocken und teures Klebeband auf die Straßen kleben«, sagt BRNA und geht raus auf die Straße, um geeignete Plätze für sein nächstes Bild zu finden.

November 11, 2009 - Wednesday 

Des Ayatollahs nützliche Idioten

Das Schweigen vieler Linker zu den Protesten im Iran ist die Konsequenz aus ihrer Unterstützung der islamischen Revolution von 1979.

Disko von Tjark Kunstreich

Diese Disko-Tranche zum Iran begann mit der Beschwerde der »Autonomen Antifa (F)« über das Schweigen der antifaschistischen Linksradikalen zum Iran (Jungle World 28/2009); doch längst schon heckte man einen Aktionstag aus, der am 12. August auch stattfand. Die vorgetragene Klage war also keine, sondern ein Manöver zum Zwecke der Agitation. Die Behauptung aber, die Linke, die Antifa oder sonstwer schweige zum Iran und verweigere sich der Solidarität mit der Protestbewegung, zieht sich wie ein roter Faden durch die Beiträge. Auch die »Gruppe Morgen­thau« empfindet »die Sprachlosigkeit« der Linken als »nachgerade verabscheuungswürdig« (30/2009). Pedram Shahyar zieht eine Linie des Schweigens der Linken von »den Verbrechen in Teheraner Gefängnissen« zum »humanitären Verbrechen«, das die israelische Armee seiner Ansicht nach im Januar im Gaza-Streifen verübt habe (33/2009). Was immer der Grund war, diese antizionistische Duftmarke abzudrucken, mit der klargestellt werden soll, dass, egal was passiert, immer Israel die schlimmeren, nämlich »humanitären« Verbrechen begeht: Shahyar jedenfalls weiß, dass »Israel-Kritik« am besten mit Authentizität des ei­genen Sprechorts, sprich: dem Migrationshintergrund, zu legitimieren ist. Er ist Bahman Nirumands würdiger Erbe.
Sebastian Voigt schließlich spricht von einer »In­differenz gegenüber den Verhältnissen im Iran«, die die linke Haltung in den vergangenen Jahren prägte (34/2009). Er wagt zudem den Hinweis, dass die Linke nicht immer so indifferent war, und führt das Beispiel des Schah-Besuchs vom Juni 1967 an. Er wagt es allerdings nicht, den Gedanken ganz zu Ende zu denken – denn das hieße auszusprechen, dass die Linke besser daran täte, den Mund zu halten. Mit dem fortschrittsfeindlichen Befreiungsnationalismus des von Frantz Fanon angefixten Nirumand, der aussprach, was sich seine deutschen Genossen noch nicht zu sagen ge­trauten, war die Geschichte des Abschieds vom linken Universalismus nämlich keineswegs zu En­de, sondern nahm ihren Anfang. Nirumand hatte auf einer Demonstration im Dezember 1978 erklärt: »Wenn der Schleier die Absage an die importierte Scheinwelt und die Besinnung auf die ei­gene Geschichte symbolisiert (...), dann können nicht wir, sondern nur die Imperialisten und anderen Feinde unseres Volkes darüber Zeter und Mordio schreien.« Shahyar verweist traditionsbewusst auf die Ausgabe der Zeitschrift Autonomie zur »Massenautonomie im Iran« von 1979, um seiner Freude über eine mögliche Reprise der Revolution von 1978/79 Ausdruck zu verleihen. Tatsächlich war der Kampf gegen den Schah für die europäische Linke ein Projekt des Dritten Weges jenseits der Blockkonfrontation; man hoffte, wie Joseph Fischer im Februar 1979 im Pflaster­strand schrieb, auf »die in politische Revolution sich umsetzende, in langer Tradition sich erhaltende Glaubenskraft eines Volkes, das Nein sagt zur atheistischen Kultur des Westens«. Auch Michel Foucault war beeindruckt von dem Versuch, »der Politik eine spirituelle Dimension zu verleihen«: Sie haben bekommen, was sie sich gewünscht haben.
Die Freude über die Bewegung von unten wurde im Frühjahr 1979 getrübt vom rabiaten Ausschluss der iranischen Linken, deren Großteil wirk­lich alles getan hatte, um dabei sein zu dürfen. Zunächst deckte dieser Teil 1978 die Gräueltaten der Anhänger der Partei Allahs, das Anzünden von Kinos zum Beispiel, und behauptete, diese An­schläge seien vom Geheimdienst des Schahs begangen worden; dann begrüßte er den Tschador als Ausdruck der kulturellen Identität gegen den US-Imperialismus sowie des Pragmatismus: Frauen würden darunter Waffen und Flugblätter schmuggeln – eine Reminiszenz an die »Frau an der Seite der Arbeiterklasse« bzw. eine frühe Form von »queering identities«; schließlich insze­nierte er gemeinsam mit den Islamisten die Darstellung des Massakers vom 8. September 1978 und behaup­tete unisono die Beteiligung israelischer Soldaten an der Ermordung Tausender Menschen: Es waren weder Tausende umgebracht worden noch israelische Soldaten beteiligt. Man hatte die Demonstrierenden als Staffage einer be­waffneten Auseinandersetzung benutzt; Heckenschützen hatten das Feuer auf das iranische Militär eröffnet. Kurz zuvor war der Ausnahmezustand verhängt worden, und die Revolutionäre erhofften sich eine schnelle Radikalisierung der Massen, indem man ihren Hass auf Amerika und Israel schürte.
Der Tugendterror begann nicht erst mit der Macht­übernahme Khomeinis, sondern schon lan­ge vorher: Linke im Westen und im Iran begrüß­ten ihn mit dem Hinweis auf die fällige Abgrenzung von der westlichen Kultur. Als am 10. Februar 1979 die Entscheidung bewaffnet herbeigeführt wurde, brauchte Khomeini noch die bewaffneten Gruppen der Linken, um die noch vom Schah, der Mitte Januar 1979 das Land verlassen hatte, eingesetzte Übergangsregierung zu stürzen; sie waren des Ayatollahs nützliche Idioten, aber sie waren es sehenden Auges.
Dann wurden die iranischen Linken gewaltsam verfolgt, und das Schweigen vieler westlicher Lin­ker begann. »Heute wissen wir, wie die Linke damals innerhalb und außerhalb des Iran die Gefah­ren des Islamismus unterschätzt hat. Der Preis, den sie dafür zahlen musste, war die Tragödie einer ganzen Generation«, schreibt Shahyar. Die Un­ter­schätzung des Islamismus war keineswegs Zu­fall, sondern die Konsequenz aus der linken Verachtung der Freiheit, zum Beispiel der Freiheit der Frauen.
Als Khomeini am Vorabend des 8. März 1979 den Schleierzwang verkündete und in den darauf folgenden Tagen Zehntausende Frauen auf die Straße gingen, waren es Linke, die den Frauen rie­ten, ihre Proteste einzustellen, um den prekären Status quo zwischen revolutionärer Regierung und islamischer Führung nicht zu gefährden. Befangen in Lehren von Strategie und Taktik, übte man den Verrat an der Freiheit. Schon in den Wochen zuvor, nach der Rückkehr Khomeinis am 1. Februar 1979, waren so genannte Imam-Komitees, die Vorläufer der Revolutionsgarden, auf die Jagd nach unverschleierten Frauen, Homosexuellen und anderen moralischen Abweichlern gegangen. Die Partei Allahs wusste, dass die Linken sich nicht mit denen solidarisieren würden, deren Emanzipationsbestrebungen auch für diese nach westlicher Dekadenz rochen. Schülerinnen denunzierten Lehrerinnen, die keinen Schleier tra­gen wollten; Nachbarn denunzierten Männer, die sie für homosexuell hielten.
Die Frage ist also, warum sich irgendjemand wun­dert, dass die Linke schweigt, und mehr noch, wie man sich darüber beschweren kann. Die Verachtung für die Freiheit setzt sich nahtlos fort, von ihr ist nämlich nur in den seltensten Fällen die Rede, obwohl es gerade die Freiheit ist, die gro­ße Teile der Protestbewegung im Iran zu motivieren scheint – zu allererst die Frauen, die das Bild dieser Bewegung so offensichtlich prägen. Stattdessen wird darüber sinniert, warum ein reiches Land wie der Iran, in dem alle von der Öl-Rente gut leben könnten, so viel Armut und Elend produziert. Als habe es je einen Rentiersstaat gegeben, der die Einnahmen aus dem Rohstoff-Handel an die Bevölkerung weitergegeben hätte.
Dass es der Wunsch nach Freiheit von moralischer Bevormundung und Tugendterror, von Mafia-Herrschaft und Clan-Strukturen sein könnte, was die Leute bewegt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, reicht diesen Linken nicht aus: Sie hätten dann auch keinen Vorwand mehr, die Freiheit im Namen der Notwendigkeit zu verraten. Sie schei­nen den »Menschen im Süden« nicht mehr zu gönnen als ausreichend Nahrung und Alphabetisierung. Diese rassistische Festlegung darauf, was die Massen zu wollen haben, sagt wenig darüber aus, was diese Einzelnen, die da verheizt werden sollen, wirklich wollen, aber eine Menge darüber, was sich »Metropolenlinke« wünschen.
Der Selbsthass des Westens kristallisiert sich in seiner Linken. Die Unzufriedenheit darüber, dass die Freiheit nicht die ganze Freiheit, sondern lediglich Mittel zum marktwirtschaftlichen Zweck ist, verleitet sie zu der Annahme, diese Freiheit sei nur Schein. Sie schweigen zum Iran, zum Teil sehr beredt, weil sie diesen Wunsch nach Freiheit, die sie mit dem verhassten Westen in Verbin­dung bringen, nicht verstehen können. Sie können nicht verstehen, warum es Frauen gibt, die nicht gern das Kopftuch tragen, oder Schwule, die gern schwul sind, oder warum junge Leute Spaß haben wollen. Sie glauben, es handle sich um die Resultate perfider westlicher Manipulation, wenn Menschen auf Authentizität und Kultur schei­ßen. Eben auf die Fetische, um die sich das Sehnen und Trachten derjenigen dreht, die sich in der Freiheit der westlichen Gesellschaften entwurzelt und entfremdet vorkommen.
Dass sich der Wunsch nach Entwurzelung von ar­chaischen Strukturen personaler Herrschaft und nach Entfremdung von den Zwängen der islamischen Moral, der Wunsch nach Individualität also, nur in den Formen ausdrücken kann, die die Einzelnen vorfinden – und das sind eben Symbole der westlichen Freiheit, von Arschgeweih bis Zungenpiercing –, sollte zu allerletzt jene Linken wundern, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass von der Freiheit nur der Westen übrig blieb.

November 10, 2009 - Tuesday 

Vollstrecker des Rassismus

Der Dresdner Prozess gegen den Mörder von Marwa al-Sherbini erregt Aufmerksamkeit vor allem in der muslimischen Welt.

von Alex Feuerherdt
Bereits der Auftakt des Prozesses um den Mord an Marwa al-Sherbini machte deutlich, dass das zuständige Dresdner Landgericht unter besonderer Beobachtung steht. Im Zuschauerraum hatten sich am Montag vergangener Woche unter anderem der ägyptische Botschafter in Deutschland, der Präsident der von Sympathisanten der Muslimbruderschaft dominierten ägyptischen Rechtsanwaltskammer und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland eingefunden. Der arabische Fernsehsender al-Jazeera war an Ort und Stelle, mehrere ägyptische Journalisten hatten sich akkreditieren lassen, und auch aus dem Iran waren Beobachter erschienen. Sie alle verfolgten mit besonderem Interesse, wie die deutsche Justiz mit dem Fall des 28jährigen Alex W. verfährt, der die drei Jahre ältere ägyptische Pharmazeutin Marwa al-Sherbini, die ebenso wie er in der sächsischen Hauptstadt lebte, vor knapp vier Monaten mit 16 Messerstichen getötet hatte – im selben Gerichtsgebäude, in dem nun die Verhandlung stattfindet.
Der maskierte Rassist. Im Mordprozess verweigert der Angeklagte Alex W. die Aussage und unterbricht mit Gewaltausbrüchen die Verhandlung
Der maskierte Rassist. Im Mordprozess verweigert der Angeklagte Alex W. die Aussage und unterbricht mit Gewaltausbrüchen die Verhandlung (Foto: PA/dpa/Matthias Rietschel)
Die Vorgeschichte reicht länger als ein Jahr zurück. Alex W. hatte al-Sherbini im August 2008 als »Schlampe«, »Islamistin« und »Terroristin« beschimpft, als sie ihn auf einem Dresdner Spielplatz gebeten hatte, eine Schaukel für ihr Kind freizugeben. Das Amtsgericht Dresden verurteilte W. deshalb zu einer Geldbuße, gegen die er Widerspruch einlegte. Es kam zur Hauptverhandlung, bei der W. seine Verbalinjurien nicht nur zugab, sondern sogar noch ergänzte. »Solche Leute« könne man gar nicht beleidigen, weil sie »keine rich­tigen Menschen« seien, fand er. Die daraufhin verdoppelte Geldstrafe genügte der Staatsanwaltschaft nicht; sie wollte eine Freiheitsstrafe für den Angeklagten erwirken und ging in Berufung. Der Berufungsprozess fand am 1. Juli vor dem Landgericht statt.
Dort gab Alex W. weitere Einblicke in sein Weltbild. Er finde es falsch, dass Ausländer in Deutschland leben dürften, sagte er dem Richter. Man müsse Menschen nach ihrer »Rasse« unterscheiden, und für ihn gebe es nur die europäische »Rasse« und nicht-europäische »Rassen«. Er habe die NPD gewählt und bedaure, dass sie nicht an der Regierung sei. Nachdem Marwa al-Sherbini als Zeugin ausgesagt hatte und den Gerichtssaal anschließend verlassen wollte, eskalierte der Prozess zum tödlichen Drama. Alex W. stürzte sich auf sie und stach mit einem Messer 16mal auf sie ein. Vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes verblutete al-Sherbini noch am Tatort. Ihren Ehemann Elwi Ali O., der seiner Frau zu Hilfe geeilt war, verletzte W. mit weiteren 16 Stichen in den Unterkiefer, den Hals, die Brust und den Bauch lebensgefährlich. Zudem wurde O. von einem aus dem Nachbarraum herbeigeeilten Polizisten, der ihn für den Angreifer hielt, in den Oberschenkel geschossen. Ob gegen den Beamten ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, ist derzeit noch offen.
Der Mord löste vor allem in der muslimischen Welt ein vernehmliches Echo aus. Ägyptische Zeitungen erklärten al-Sherbini zur »Märtyrerin im Hijab« und beklagten eine wachsende »Islamophobie« in Europa; in Kairo und Teheran gab es Protestkundgebungen vor der jeweiligen deutschen Botschaft. Teilnehmer einer Demonstration in Istanbul machten deutlich, welche Kräfte sie hinter der Tat vermuteten, indem sie eine deutsche Fahne zeigten, auf die ein Hakenkreuz und ein Davidstern gemalt worden waren. In ihrer Herkunftsstadt Alexandria wurde die Ermordete als »Märtyrerin« in einem »Ehrengrab« beigesetzt; mehrere tausend Menschen forderten den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Sprechchören auf, die Beziehungen zu Deutschland abzubrechen. Zudem gab es Rufe wie »O Deutschland, ägyptisches Blut ist nicht billig« und »Es gibt keinen Gott außer Gott – nieder mit Deutschland«. Zwei Konzerte, die die Dresdner Staatskapelle zum Gedenken an al-Sherbini in Kairo und Alexandria geben wollte, wurden vom ägyptischen Kulturministerium vorläufig abgesagt.
Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad nannte die Tat »vorprogrammiert« und forderte von den Vereinten Nationen eine Sanktionierung Deutschlands. Axel Ayyub Köhler, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, behauptete, eine »wachsende Islamfeindschaft« – die sich vor allem gegen jene »Schwestern« richte, die wie al-Sherbini ein Kopftuch tragen – habe den Boden für den Mord bereitet. Dieser Einschätzung des zum Islam konvertierten Köhler schlossen sich unter anderem die Taz, das Neue Deutschland und die Junge Welt sowie das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung an.
Die Vorsitzende Richterin der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Dresden, Birgit Wiegand, steht nun vor einer schwierigen Aufgabe. Gleich beim Prozessauftakt im streng bewachten Gerichtsgebäude sah sie sich dem Antrag eines Anwalts von Alex W. gegenüber, der die Befangenheit des Gerichts feststellen lassen wollte, weil der Tatort das Dresdner Landgericht und die Tatzeugen Richterkollegen seien. Ein anderer Verteidiger bat allen Ernstes darum, zugunsten des Angeklagten zu berücksichtigen, dass der Islam »nicht gerade ein Bild der Barmherzigkeit« biete. Eine Reporterin des ägyptischen Staatsfernsehens wiederum sagte in der ARD-Nachrichtensendung Tagesthemen, ein möglicher lebenslänglicher Freiheitsentzug für Alex W. sei unzureichend: »Dieser Mann hat zwei Menschen getötet, nicht nur einen Menschen, denn die Frau war schwanger. Ich glaube, diese Strafe ist nicht genug.« Und dann ist da noch der Angeklagte selbst, der jegliche Kooperation mit dem Gericht verweigert, sich gegen seine Vorführung mit Händen und Füßen wehrt und lieber eine Geldstrafe in Kauf nimmt, als seine Vermummung abzulegen. Mehrere Gerichtszeugen beschrieben ihn als einsamen Außenseiter, der zu unkontrollierten Aggressionen neige und bereits früher Mitschüler mit einem Messer bedroht habe.
Es ist nicht auszuschließen, dass der Gerichtspsychiater in seinem Gutachten zu dem Schluss kommt, dass die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten aufgrund eines psychischen Defekts erheblich eingeschränkt ist. Doch selbst wenn Alex W. für voll schuldfähig befunden und verurteilt werden sollte: Ihn als Vollstrecker einer angeblich grassierenden »Islamophobie« zu betrachten, geht an der Sache vorbei. Marwa al-Sherbinis Mörder ist vielmehr ein ordinärer Rassist, ein Neonazi, der ausweislich seiner Einlassungen vor Gericht einen ausgeprägten Hass auf jeden pflegt, den er nicht zur »europäischen Rasse« zählt. Dazu gehören in seinem kruden Weltbild auch – aber nicht ausschließlich – Muslime. Mit dieser Einstellung ist er vor allem im Osten der Republik mit seinen »national befreiten Zonen« bei weitem nicht alleine. Dass nun aber insbesondere seine Tat auf solche Aufmerksamkeit stößt – national wie international –, liegt vor allem daran, dass die Ermordete eine gläubige Muslima war und nicht eine säkulare Migrantin aus Ägypten oder gar eine Asylbewerberin aus Vietnam. Denn wenn diese hierzulande von Rassisten abgestochen werden, rührt sich nachweislich kaum eine Hand – weder in den deutschen Medien noch in Kairo oder Teheran.
November 10, 2009 - Tuesday 

Kauft nicht beim Siedler!



Wenn keine Überraschung mehr geschieht, wird der Europäische Gerichtshof (EuGH) auf Antrag einer deutschen Behörde in Kürze eine explizit politische Entscheidung treffen und durch ein Urteil die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten für illegal erklären sowie de facto Sanktionen gegen Israel verhängen.

Anlass für den bevorstehenden Entschluss des EuGH ist ein Antrag der deutschen Firma Brita GmbH auf Erstattung von Einfuhrgebühren in Höhe von 19.155,46 Euro. Diese Summe hatte der Hamburger Zoll kassiert, als das Unternehmen eine Ladung Sprudelgeräte des israelischen Herstellers Soda Club importiert hatte. Darüber wunderte man sich bei Brita, denn die Einfuhr israelischer Güter in die Europäische Union ist nach einem Abkommen zwischen der Europäischen Gemeinschaft und dem jüdischen Staat vom November 1995 zollfrei. Das Hauptzollamt Hamburg-Hafen wollte dennoch von der zuständigen israelischen Zollbehörde ganz genau wissen, wo die Waren produziert wurden, und begnügte sich nicht mit der wahrheitsgemäßen Antwort, sie stammten aus einem „Gebiet unter israelischer Zollverwaltung“. Da Soda Club seine Erzeugnisse in der östlich von Jerusalem gelegenen israelischen Siedlung Ma’ale Adumim herstellen lässt, befanden die deutschen Beamten schließlich kraft souveräner Willkür, die Deklaration „Made in Israel“ sei unzutreffend, und belegten den Import mit einem Zoll.

Dagegen klagte Brita vor dem Finanzgericht Hamburg, das seinerseits – da die Angelegenheit unter das Europarecht fällt – den EuGH um eine so genannte Vorabentscheidung bat. Diese Entscheidung ist zwar noch nicht getroffen worden; am vergangenen Donnerstag veröffentlichte der EuGH-Generalanwalt Yves Bot jedoch seinen Schlussantrag, und diesen Plädoyers folgen die Luxemburger Richter in aller Regel. Bot bestätigte in seinen Ausführungen dem deutschen Zoll, richtig gehandelt zu haben, als er Abgaben für die Einfuhr der Sodageräte nahm. Er wolle daran erinnern, verlautbarte Bot, „dass die Grenzen Israels durch den Teilungsplan für Palästina festgelegt wurden, der am 29. November 1947 von den Vereinten Nationen angenommen wurde“. Nach diesem Plan seien „die Gebiete Westjordanland und Gazastreifen kein Teil des Gebiets Israels“; dort erzeugte Güter fielen daher nicht unter das Freihandelsabkommen zwischen der EG und dem jüdischen Staat. Auch auf das europäische Abkommen mit der PLO aus dem Jahr 1997 könne sich Brita nicht berufen, denn dazu hätten die palästinensischen Behörden den Ursprungsnachweis unterzeichnen müssen.

Sollte der EuGH erwartungsgemäß seinem Generalanwalt folgen, träfe er damit auf den Antrag einer deutschen Behörde hin eine originär politische und für alle EU-Staaten verbindliche Entscheidung: Er würde israelische Siedlungen in den umstrittenen Gebieten durchweg für illegal erklären, durch die Zollerhebung faktisch Sanktionsmaßnahmen gegen Israel ergreifen und damit ein Exempel statuieren, das für Israel weit reichende Folgen hätte – sowohl in politischer als auch in ökonomischer Hinsicht; schließlich ist die EU für den jüdischen Staat nach den USA der zweitgrößte Absatzmarkt. Die vormalige schwarz-rote Bundesregierung hatte das Vorgehen des Hamburger Zollamts ausdrücklich begrüßt: Eine Zollbefreiung für „Waren aus den besetzten Gebieten“ könne es nicht geben, hieß es Anfang Juni in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag. An dieser Sichtweise dürfte sich auch unter der schwarz-gelben Koalition nichts ändern. „Während die US-Regierung bislang nur rhetorisch Druck auf die israelische Siedlungspolitik ausübt, traut sich die EU bereits einen Schritt weiter“, frohlockte denn auch Christoph Schult auf Spiegel-Online.

Dass der EuGH-Generalanwalt den Teilungsbeschluss der Uno aus dem Jahr 1947 zur Grundlage seines Antrags machte, entbehrt übrigens nicht einer gewissen Pikanterie – und das nicht nur deshalb, weil die arabischen Staaten ihn bekanntlich rundweg ablehnten. Vielmehr könnten auf dieser Basis künftig auch Produkte aus anderen Orten des heutigen Israel nicht mehr zollfrei nach Europa eingeführt werden, beispielsweise wenn sie aus Akko, Nahariya oder dem Süden von Tel Aviv stammen, die im Teilungsplan einem prospektiven arabischen Staat zugerechnet worden waren. Womöglich sollte man den Generalanwalt auch an die Konferenz von Khartum aus dem Jahr 1967 erinnern, auf der die arabischen Staaten nicht nur das israelische Angebot ausschlugen, über die Rückgabe der im Sechstagekrieg von Israel eroberten Gebiete zu verhandeln – die zuvor von Jordanien (Westjordanland) respektive Ägypten (Gazastreifen) widerrechtlich besetzt waren –, sondern darüber hinaus ihr berühmt gewordenes „dreifachen Nein“ verkündeten: Nein zum Frieden mit Israel, nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel.

Und schließlich ist es bemerkenswert, dass sowohl das Hauptzollamt Hamburg-Hafen als auch der EuGH-Generalanwalt mit der Entscheidung, Produkten aus den umstrittenen Gebieten die Zollfreiheit zu verweigern, sich faktisch die alte Position des berüchtigten Muftis von Jerusalem zu Eigen machten: Keinen Quadratzentimeter des heiligen muslimischen Bodens für einen souveränen jüdischen Staat. Denn die inzwischen rund 40.000 Einwohner zählende Stadt Ma’ale Adumim, der Sitz des Unternehmens Soda Club, gehört zu den wenigen israelischen Siedlungen, die sowohl nach dem Friedensplan des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton vom Dezember 2000 als auch nach den Vorstellungen der nicht nur hierzulande so euphorisch begrüßten Genfer Initiative bestehen bleiben und dem israelischen Kernland angegliedert werden sollten – im Austausch gegen den Palästinensern zu überantwortende israelische Ländereien nahe dem Gazastreifen und im südlichen Westjordanland. Dass es zu diesem Tausch bis heute nicht kam, liegt daran, dass die palästinensische Seite noch jede Friedensverhandlung torpedierte und neuerlich zum Terror griff – nötigenfalls im allerletzten Moment.

Das wird nun auch noch belohnt – von einer deutschen Zollbehörde (mit Billigung der Bundesregierung) und aller Voraussicht nach zudem vom Europäischen Gerichtshof. Wenn es nicht so schrecklich hilflos wäre, müsste man glatt geneigt sein, diesen „Kauft nicht beim Juden aus den Siedlungen“-Aufruf mit einem massenhaften Erwerb von Sprudelgeräten der Firma Soda Club zu beantworten und dem Mineralwasser europäischer Provenienz vollständig zu entsagen. In jedem Fall braucht’s aber ein Gläschen Yarden-Wein vom israelischen Golan zur Beruhigung der Nerven. Le chaim!

http://www.lizaswelt.net/2009/11/kauft-nicht-beim-siedler.html
November 10, 2009 - Tuesday 

9.11.09

Richard Wagners Negerküsse



Daniel Barenboim dirigiert zum 9. November den „Lohengrin“ am Brandenburger Tor, und ein Herr namens Wagner findet das so toll wie sonst nur Negerküsse.

VON CHRISTIAN J. HEINRICH

Vorspiel
Jubel, Trubel, Heiterkeit
Seid zu Heiterkeit bereit
Mein Name ist Hase, ich weiß Bescheid
Wer eine schöne Stunde verschenkt
Weil er an Ärger von gestern denkt
Oder an Sorgen von morgen
Der tut mir leid
Mein Name ist Hase, ich weiß Bescheid

Trauerspiel

Allenthalben begegnet einem die Forderung, doch nicht alles gar so negativ zu sehen. Und sie hat etwas Richtiges: Das Gute an den Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls ist beispielsweise, dass sie in wenigen Stunden vorbei sind. Und auch historisch gesehen ist das größte anzunehmende Unglück nicht eingetreten: Das Vierte Reich ist nämlich ausgeblieben.

Das real existierende Deutschland 2009 genügt aber schon. Der Schutzwall, der kein antifaschistischer war, sondern Zonenbewohner zuvörderst von kapitalismusinduziertem Konsum und demokratischen Mindeststandards abhielt, ist perdu, und mit ihm – das ist noch keine große Dialektik – auch die Versicherung gegen eine Wiederkehr deutscher Normalität. Nicht der blanke Wahn des Nationalsozialismus, sondern seine in demokratischen Jargon verpackte Fassung wurde nach 1989 restauriert: Was dem Antisemiten früher der Jude war, ist ihm nun der Judenstaat, und beim Blick zum „Bündnispartner“ tief im Westen verstaubt nicht die Sonne, sondern der Verstand, und es grönemeyert in nunmehr gesamtdeutschem Konsens: „Du kommst als Retter in jeder Not, zeigst der Welt deinen Sheriffstern, schickst Sattelschlepper in die Nacht, bringst dich in Stellung: Oh, Amerika, du hast viel für uns getan. Oh, Amerika, tu uns das nicht an.“ Die einstige Teilung Deutschlands zwischen Ost und West ist aufgehoben; ihr folgte die zwischen Stadt und Land. Während in den Metropolen tonangebend Linke, Liberale und selbsterklärte Alternative den Islamofaschismus vor der eigenen Haustür (geografisch genauer: meist „nur“ im benachbarten Stadtbezirk) als zu respektierende kulturelle Eigenart salvieren, geht es in den Provinzen, die oft nicht allein im Osten ausländerfrei geprügelt wurden, mit der NPD sowie ihren Kamerad- und Anhängerschaften noch sehr konventionell respektive führerkompatibel zu.

Und doch, ob linker Metropolenbürger oder sein rechtes Pendant in der Provinz: Es gibt sie, die „innere Einheit“ zwischen Stadt und Land; sie entspringt dem gemeinsamen Wunsch nach Normalität, nach der Möglichkeit, sich mit Deutschland vorbehaltlos identifizieren zu können. Was zu diesem Behufe dem gemeinen Volk die Fußball-Nationalmannschaft und die schwarzrotgoldene Gesichtsbemalung, das ist dem Kulturmenschen – und für einen solchen hält sich der Deutsche gern – die klassische Musik, in concreto die romantische. Denn in ihr kann man sich so herrlich vergessen und mit sich selbst auch die Vergangenheit; die Kunst wird zum Instrument der Erlösung. Schon der deutsche Tonsetzer Richard Wagner sah die Erlösung „im sinnlich gegenwärtigen Kunstwerke“ (siehe: „Die kunstwidrige Gestaltung des Lebens der Gegenwart“). Aus diesen programmatischen Gründen darf sein „Lohengrin“ nicht fehlen, wenn am 9. November 2009 zum „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle aufspielt.

Gottfried Wagner, Urenkel des Komponisten und ob seiner kritischen Haltung gegenüber den wagnerschen Verstrickungen in Antisemitismus und Nationalsozialismus der Paria der Familie, findet es dagegen „absolut unpassend“, wenn „diese chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten Antisemiten Wagner“ mit seinen „Blut-und-Boden-Reminiszenzen“ dort erklingt. Und er hat gute Gründe. Im „Lohengrin“ nämlich ruft König Heinrich die Deutschen zur Schlacht: „Soll ich euch erst der Drangsal Kunde sagen, die deutsches Land so oft aus Osten traf? ... Nun ist es Zeit, des Reiches Ehr’ zu wahren; ob Ost, ob West, das gelte Allen gleich! Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesschaaren, dann schmäht wohl Niemand mehr das deutsche Reich!“ So geht es durch alle Akte: „Wie fühl’ ich stolz mein Herz entbrannt, find’ ich in jedem deutschen Land so kräftig reichen Heerverband! Nun soll des Reiches Feind sich nah’n, wir wollen tapfer ihn empfah’n: aus seinem öden Ost daher soll er sich nimmer wagen mehr! Für deutsches Land das deutsche Schwert! So sei des Reiches Kraft bewährt!“ Und noch bevor Lohengrin sich von seinem Schwan wieder zum Heiligen Gral auf Burg Monsalvat führen lässt, stellt er klar: „Doch, großer König, laß mich dir weissagen: dir Reinem ist ein großer Sieg verlieh’n. Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich niemals zieh’n!“ (Hier irrte Lohengrin – zum Glück.)

Dass der militante Nationalismus Richard Wagners nun ausgerechnet zum „Freiheitsfest“ am Brandenburger Tor erklingen soll, findet ein Zeitgenosse gleichen Namens gänzlich unproblematisch. Wagner Junior ist Namensvetter, Schriftsteller, Journalist und jüngst ein klein wenig bekannt geworden als der Ex-Ehemann der Frau Müller, die vor ein paar Wochen auch noch kaum jemand kannte, bis der Literaturnobelpreis das änderte. Auf der Achse des Guten hat Richard Wagner in starker Konkurrenz zu Vera Lengsfeld bereits tatkräftig zum Sonderbeauftragten für Deutschnationales sich qualifiziert und seine affirmativen Tugenden auch dieser Tage wieder unter Beweis gestellt. Denn wenn es vorm Brandenburger Tor um ein „Fest der Freiheit“ geht, dann geht es „um sie, um die Freiheit ... um die alles berührende Freiheit“ – so dichtet der Exmann der Dichterfrau seine Redundanzen. Wenn in Deutschland so von „Freiheit“ die Rede ist, meint das aber leider etwas anderes als beispielsweise in Amerika; das stellen Wagnerrichard Senior wie Junior unter Beweis. Es geht ihnen nämlich um die Freiheit, ganz deutsch sein zu dürfen, mithin nicht von Vernunft und Zweifel angekränkelt zu werden. Und deswegen passt der alte zum jungen Wagner, und beide passen zum originär deutschen Freiheitsfest.

Gottfried Wagner, für Richard Junior nur der „K-Gruppen-Wagner“ und also wegen der eigenen Geschichte wohl für eine geschichtskritische Intervention disqualifiziert, gibt mit seinem Einspruch dem Opponenten bei der Achse des Guten Gelegenheit zur publizistischen Geschichtsentsorgung: „Da das Datum mit dem der Reichspogromnacht zusammenfällt, fühlen sich die Selbsternannten von der FSK, der freiwilligen Selbstkontrolle, wieder einmal zur Mahnung aufgerufen.“ Wer heute noch wegen gestern mahnt, gilt dem Junior wohl als Ewiggestriger. Wenn im „Lohengrin“ von deutschem Land und deutschem Schwert gesungen wird, ist das nämlich kein Anlass, unruhig zu werden, und bringt allenfalls „den Kreislauf des Verfassungsmützenpatrioten in Gang“. Soll heißen: Verfassungspatrioten gelten hierzulande nicht als rechte Patrioten. Und jede Mahnung, so Richard Wagner der Jüngere, ist natürlich unsinnig. Denn „bei nüchterner Betrachtung“ vermittle dieser Schlachtgesang „nichts anderes als die Bereitschaft zur Landesverteidigung, was letzten Endes auch Auftrag der Bundeswehr ist.“ Oder der Wehrmacht, wie man es damals gesehen und auch so gesagt hat. Allein das altwagnersche Vokabular ist, so der Junior, „unserem kollektiven Ohr entfremdet wie der Negerkuss“. Drum neues Vokabular und alte Füllung: Zäh und süßlich wird die Nation heut’ noch gern genossen.

Den Wagnerrichards ging und geht es nicht um das, was Freiheit im liberalen Sinne heißen könnte: nicht um Zivilisiertheit durch Recht und bürgerliche Freiheit, nicht um republikanische Verfassung und demokratische Verfasstheit, sondern um Deutschland, diese Sache um ihrer selbst willen. Und darum tönt der Junior: „Gottfried, lass die Paulskirche im Dorf! Es geht um die Freiheit!“ Genauer: um das, was die Deutschen eben Freiheit dünkt. Dass die Partitur des „Lohengrin“ 1848, im Jahr der Revolution, abgeschlossen wurde, dient zwar als Vorwand, diese Oper als Freiheitsstück zu deklarieren. Doch wirft dies allenfalls ein Schlaglicht auf die nationalistischen Tendenzen der Revolution, die die bürgerlich-demokratischen begleiteten und in der späteren Geschichte ganz in den Schatten stellten. Es gehört eben zur intergenerationellen wagnerschen Logik, die Paulskirche aufs Dorf zu verbannen.

Und dabei ist Daniel Barenboim behilflich. Der nämlich ist noch für jede politische Dummheit dumm genug (und darum der gute Jude der Deutschen) – ob er zum Sommer der Staatsantifa 2001 den Soundtrack des „besseren Deutschlands“ lieferte, ob er mit seinem West-Eastern-Divan-Orchester den Frieden gegen Israel herbeimusizieren will oder ob er nun mit reichsdeutschem Getöse am Brandenburger Tor reüssiert. Neben Wagner Senior wird es dort noch etwas Beethoven geben und – so viel Zugeständnis an die gedenkpolitische Konvention gibt es dann doch noch – den zu solchen Anlässen obligatorischen Arnold Schoenberg. Letzterer wird wie bei Barenboim gewohnt sehr kommensurabel mit viel Vibrato und Emphase zurechtdirigiert, so dass auch der „Survivor from Warsaw“ neben dem Tonsetzer Wagner nicht allzu verstörend wirkt. Das wird dann auch der Richard Junior ertragen können. Und nächstes Jahr, wenn zum 3. Oktober wieder ein rundes Jubeldatum ansteht, wird dann vielleicht auch Schoenberg entsorgt. Dann gibt’s Hans Pfitzners „Von deutscher Seele“, dann soll endlich Schluss sein mit geschichtspolitischer Zerknirschtheit und undeutscher Kakophonie.

Nachspiel
Das Publikum war heute wieder wundervoll
Und traurig klingt der Schlussakkord in Moll
Wir sagen Dankeschön
Und auf Wiederseh’n
Schau’n sie bald wieder rein
Denn etwas Schau muss sein
Und heißt es Bühne frei
Dann sind Sie mit dabei
Die Schau muss weitergeh’n
Auf Wiederseh’n

Zum Foto: „Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesschaaren, dann schmäht wohl Niemand mehr das deutsche Reich!“ Premiere von „Lohengrin“ unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, April 2009.

http://www.lizaswelt.net/2009/11/richard-wagners-negerkusse.html
November 1, 2009 - Sunday 

Brothers in Crime



Vor einigen Tagen erschien im Online-Magazin Telepolis ein Beitrag mit dem Titel „Boykott, Desinvestment und Sanktionen“, für den die Verfasserin Petra Wild akribisch recherchiert hatte, welche politischen, akademischen und ökonomischen Kampagnen derzeit auf der Welt gegen Israel laufen, wer sie trägt und welche Auswirkungen sie zeitigen. Telepolis ist pro-israelischer Neigungen allerdings gänzlich unverdächtig, und so geht es auch in diesem Text nicht darum, die gegen den jüdischen Staat gerichteten Boykottaufrufe und -initiativen einer Kritik zu unterziehen. Im Gegenteil begrüßt die Autorin sie und billigt den sie tragenden Organisationen ausschließlich lautere Motive zu – wie etwa jenes, mit den Kampagnen gegen die „Brutalität der israelischen Kriegsführung“ oder gegen das „israelische akademische Establishment“ zu protestieren, das „tief in die zionistische Kolonialpolitik verstrickt“ sei. Dennoch – oder gerade deswegen – ist Wilds Zusammenstellung so aufschlussreich wie nützlich, denn sie ist nachgerade ein Panoptikum des globalen antiisraelischen Wahns.

„Im Vereinigten Königreich“, so heißt es im Artikel beispielsweise, „erreichte die der britischen Presse zufolge ‚größte Studentenbewegung seit 20 Jahren’, die aus Protest gegen den Krieg 34 Universitäten besetzt hatte, dass an einigen Universitäten Produkte aus israelischen Kolonien boykottiert werden“. In Südafrika und Australien hätten sich die Hafenarbeiter im Februar geweigert, israelische Schiffe zu entladen; die südafrikanische Hafenarbeitergewerkschaft habe darüber hinaus zum Boykott israelischer Waren aufgerufen und von der Regierung gefordert, die ökonomischen und politischen Beziehungen zu Israel abzubrechen. In Norwegen, so Wild, „begannen die Gewerkschaften bereits im Januar mit einer Kampagne zum Abzug aller staatlichen Investitionen aus Israel“. In Frankreich sei „die kollektive Begehung von Supermärkten zwecks Entfernung israelischer Waren aus den Regalen“ eine „beliebte Aktion“. Die israelische Presse habe gemeldet, dass der Verkauf israelischer Waren infolge der Boykotte um 21 Prozent zurückgegangen ist. „Als direkte Reaktion auf den Krieg gegen Gaza“, schreibt Wild, „brach vor allem im Vereinigten Königreich und den skandinavischen Ländern der Verkauf israelischer Waren ein“. Und so weiter und so fort.

Man muss sich das noch einmal in Ruhe vergegenwärtigen: Britische Hochschüler legen fast drei Dutzend Unis lahm, wenn sie in der Mensa Avocados und Oliven aus Israel aufgetischt bekommen statt Fish & Chips. Südafrikanische Hafenarbeiter investieren ihre Energie in die Weigerung, die Ladung von Schiffen aus dem jüdischen Staat zu löschen, statt sie für den Kampf zur Aufbesserung ihres Lohns einzusetzen. In Frankreich räumt der gleiche Mob, der unablässig eine „Hungerkatastrophe“ im Gazastreifen beschwört, gezielt israelische Lebensmittel aus den Läden. Schon die unvergleichliche, unschwer als Besessenheit zu identifizierende Verve, mit der all das geschieht, verrät die Motivation dieser Leute – eine Motivation, die sie für Darfur oder Sri Lanka selbstverständlich niemals aufbringen würden, obwohl es dazu weitaus mehr Anlass gäbe. Es geht ihnen auch nicht um das Wohlergehen der Palästinenser, denn wenn deren repressive Regimes die Bevölkerung knechten, hört man nie auch nur die leiseste Rüge. Die Botschaft lautet vielmehr: Kauft nicht beim Juden!

Es sind vor allem im weitesten Sinne linke Organisationen und Gruppierungen, die derlei Boykottkampagnen initiieren und tragen. Den klassischen rechten Antisemitismus gibt es zwar noch, aber er ist demgegenüber inzwischen geradezu marginal geworden, nicht zuletzt deshalb, weil er nach Auschwitz gar zu anrüchig ist. Wenn Neonazis auf die Straße gehen, findet sich garantiert ein „zivilgesellschaftliches“ Bündnis, das dagegen demonstriert. Die gleiche „Zivilgesellschaft“ ist allerdings jederzeit bereit und in der Lage, selbst gegen Israel mobil zu machen – mit Argumenten, die von denen der Neonazis kaum bis gar nicht zu unterscheiden sind. Und sie schweigt entweder oder läuft gleich mit, wenn Islamisten zu Zehntausenden von einem „Holocaust im Gazastreifen“ schwadronieren, wie es während der israelischen Militärschläge gegen die Hamas zu Beginn dieses Jahres geschehen ist. Sie bleibt stumm oder findet es sogar irgendwo verständlich, wenn jüdische Schüler in Berlin von muslimischen Mitschülern drangsaliert, beleidigt und geschlagen werden; schließlich ist das ja immer noch ein – bloß etwas verunglückter – Protest gegen Israel.

Insbesondere die Kombination aus islamischem und linkem Antisemitismus hat es in sich – eine Kombination, die auch auf institutioneller Ebene ihre Entsprechung findet, wie zuletzt der vom UN-Menschenrechtsrat in Auftrag gegebene Goldstone-Bericht zeigte: Im Rat dominieren die Autokratien, vor allem die islamischen – und genau die hatten eine Untersuchung in Auftrag gegeben, deren Ausarbeitung de facto auf das Konto linker NGOs ging. Und was im Makrokosmos funktioniert, glückt im Mikrokosmos erst recht, beispielsweise, wenn in Hamburg eine Abordnung von „Internationalisten“ und „Antiimperialisten“ mit Gewalt die Aufführung eines pro-israelischen Films verhindert. Es ist nicht nur die Maxime „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, die dabei das linke Handeln bestimmt, sondern ein originärer Judenhass, der in der obsessiven Abneigung gegenüber Israel und in der damit verbundenen Unterstützung vernichtungswütiger Islamisten seinen, sagen wir, zeitgemäßen Ausdruck findet. Dem Hautgout der nationalsozialistischen Vernichtungslager weichen die Adepten dieses Judenhasses dabei unter Berufung auf ihre „antirassistische“ Gesinnung aus, die gleichwohl nicht mehr ist als ein erbärmlicher Kulturrelativismus, im dem die Juden genauso das „Anti-Volk“ sind wie im Rassenantisemitismus der Alt- und Neonazis.

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass in den deutschen Medien so gut wie nichts über die Rede zu lesen war, die der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Gabi Ashkenazi, vorgestern am Holocaustmahnmal auf dem Bahnhof Berlin-Grunewald hielt. Ashkenazi sagte unter anderem: „An diesem Ort – von dem unsere Brüder und Schwestern zu den Gaskammern deportiert wurden, einzig aus dem Grund, dass sie Juden waren – rufen wir aufrechten Hauptes allen Hassern, Leugnern und Böswilligen zu: Wir sind da! Das israelische Volk ist in seinem Land wieder auferstanden und hat sich regeneriert. Es verlangt nach Unabhängigkeit und Sicherheit.“ Als Konsequenz aus der Shoa den jüdischen Staat zu verteidigen – das fällt der „Zivilgesellschaft“ hierzulande bei allen treuherzigen Solidaritätsschwüren gegenüber Israel dann doch nicht ein. Lieber packelt sie verständnisinnig mit dessen Feinden und schleudert den Israelis ein beherztes „Nie wieder Krieg!“ entgegen, ermahnt sie also fürsorglich, aus Auschwitz doch bitte die richtigen, das heißt deutschen Lehren zu ziehen. Die nächste Gelegenheit dazu, den Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November, wird diesbezüglich garantiert nicht ungenutzt verstreichen.

Zum Foto: „Israel ist der Krebs, der Djihad ist die Antwort“. Antisemitische Demonstration in London, Januar 2009.
Verfasst von Liza um 18:45 Uhr – FeedbackPermalink

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