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Johanna neben dem Magnet



Last Updated: 6/12/2009

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Wednesday, November 26, 2008 

Als ich gestern mit der S-Bahn nach hause fuhr und mir die beleuchtete Stadt betrachtete, über all die Dinge nachdachte, die in der letzten Zeit so passiert waren, fragte ich mich, warum ich nicht irgendwann gegenüber dem Leben und seinen Gemeinheiten abstumpfe. Warum können mir die unsäglichen Begebenheiten, die mich so manches Mal aus der Bahn werfen nicht mal weniger zusetzen, mich weniger ärgern. Aber, wie ich so an einer weihnachtlich beleuchteten Stadt vorbeifuhr und grübelte, da ist es mir völlig klar, dass mich das nicht kalt lassen kann, so sehr ich es mir auch wünsche. Es lässt mich eben nicht kalt, wenn Menschen meine Briefe lesen und mich danach arrogant auf Fehler hinweisen. Es lässt mich nicht kalt, dass es da immer diese eine Frau gibt, die mir das Gefühl gibt dumm zu sein, obwohl ich sie nicht mal kenne. Es lässt mich nicht kalt, dass Menschen über Beerdigungssongs gehässig lachen, auch wenn der Song lächerlich war, aber es ging um meinen Kumpel. Es lässt mich nicht kalt, dass meine Familie sich in den Haaren liegt, wenn auch nur durch die Blume. Es kann mich gar nicht kalt lassen, ich bin viel zu empfindsam dafür, sonst könnte ich weihnachtlich beleuchtete Städte niemals so unwiderstehlich, beinahe romantisch finden, selbst wenn mein Weihnachtsfest nicht das glücklichste werden wird. Aber manchmal überfordert mich dieses Leben mit seinen Menschen und deren Flegelhaftigkeiten und Frechheiten und dann, zumindest dann wünschte ich mir einen Schalter am Haaransatz, der Empfindsamkeit abstellt. Vielleicht hat ihn ja jemand entdeckt?
Wednesday, November 05, 2008 
Seit ich den Großteil meiner freien Zeit nicht mehr in Golm, sondern in Berlin verbringe, bin ich gezwungen mit Tram, Bus und Bahn zu Uni zu gelangen. An sich natürlich keine Problem, bin ich doch Inhaberin eines phänomenalen Semestertickets, welches mir erlaubt durch gesamt Berlin und Brandenburg den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Allerdings fährt man ja auch nicht allein mit den wunderbaren Beförderungsmöglichkeiten der Öffentlichen. Besonders zu früher Stunde sind viel zu viele Menschen unterwegs, zumindest für mein Gefühl. Habe ich doch schon mit zweitausend anderen Menschen auf einem Konzert ein Problem, wie soll ich dann hundert andere Menschen in der Tram ertragen. Und das auch noch zu studentenunfreundlicher Zeit. Aber nicht nur am frühen Morgen prügelt man sich mit Rentnern (warum zum Henker stehen die denn um halb sieben auf? Wenn ich den ganzen Tag frei hätte, würde ich bis in die sprichwörtlichen Puppen schlafen), Komilitionen, pendelnden Geschäftsmännern und -frauen um die raren Sitzplätze, nein auch am Nachmittag, der sich beinahe nahtlos an den Morgen anschließt und dabei völlig den Vormittag, frühen Mittag, Mittag und späten Mittag vernachlässigt. Mir völlig unverständlich, denn wann widmet man sich dann regelrechten Institutionen wie dem Frühstück, zweiten Frühstück, Mittagessen und zweiten Mittagessen, wenn man all diese Tageszeiten auslässt? Von Vesper, nachmittäglicher Zwischenmahlzeit und den beiden Abendessen ganz zu schweigen.

Neben all diesen mir schon unbegreiflichen Dingen, erlebte ich heute Nachmittag auf meiner Fahrt vom Potsdamer Hauptbahnhof nach Berlin das Grauen schlechthin. Ich musste stehen, was mich allerdings nicht weiter aus der Fassung brachte, hatte ich schon damit gerechnet. Gerechnet hatte ich allerdings nicht mit einer Meute Geschäftsleute. Direkt neben mir standen sie mit ihren unzähligen Rollkoffern, Laptoptaschen und Hugo-Boss-Anzügen. Schrecklich. Zu allem Unglück war auch noch die Baterrie meines guten alten Mp3-Players alle und ich war gezwungen dem unsäglichen wenngleich auch amüsanten Gespräch zu lauschen. Am Anfang unterhielten sie sich noch über Einzelheiten der Tagung, die einzige Frau im Gespräch ging ein wenig unter, was fast feministisches Mitgefühl in mir weckte. Nachdem dieses Thema jedoch ausgelutscht war, ging man zum Pendlergefühl über und in jeder Einzelheit besprach man die unterschiedlichen ICE-Strecken durch die Republik. Von Berlin nach Frankfurt am Main (hier sei wohl der sehr schnelle Zug zu empfehlen, denn nach vier Stunden sei man schon vor Ort und aufgrund des gehobneren Preises sei der Zug auch immer sehr leer). Landschaftlich ansprechend sei natürlich die Strecke über Wiesbaden, schön am rhein entlang. Ich versuchte meine Ohren zu verschließen und meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken, jedoch war die Gesprächsrunde viel zu einnehmend. Hatten die vier doch auch einen enormen Spaß an ihrer plakativen Rolle und konnten ihre Stimmen nicht zügeln. Erst nachdem die ersten beiden am Berliner Hauptbahnhof den Zug verließen wurden die Stimmend er verbliebenen zwei zum Lästern gesengt. Ein arrogantes Pack diese Geschäftmänner. Vor allem weil einer dieser Backpflaumen auf den Blättern meiner Günlilie stand, die mit mir nach Berlin fuhr. Und niemand darf auf den Blättern meiner Grünlilie stehen. Nicht mal, wenn es Hugo-Boss-Schuhe sind!
Monday, November 03, 2008 

Neulich erledigte ich mit R. den wöchentlichen Einkauf. Zuvor hatte man lang und breit eine Einkaufsliste erarbeitet, die man nun strikt verfolgte um auch nicht von dem Plan abzuweichen. Und wie auf jeder Wocheneinkaufeinkaufsliste fand sich auch auf unserer die Rubrik "Käse". Denn die liebende Freundin und gleichzeitig vernünftige Studentin in mir, tut vor dem Schlafengehen nichts lieber, als ihrem Geliebten und sich selbst ein paar Brote für den kommenden Tag zu schmieren! Gibt es doch kaum etwas Schöneres als am nächsten Mittag, halb verhungert, da man das Frühstück aufgrund des üblichen Zeitmangels mal wieder ausfallen lassen musste, in der Vorlesung sein Stullenpaket aus der Tasche zu ziehen und die neidischen Blicke der abgebrannten Mensastudenten zu sehen, die wohl Einiges für eine Stulle geben würden. Und auch für R. ist das Brotschmierritual wohl eine wahre Wohltat, kommt sein Appetit doch dem der Raupe Nimmersatt gleich.

Und um die Stullenproduktion der kommenden Woche am Laufen zu halten, standen wir nun also vor dem Käseregal des Supermarkts und berieten über die richtige Sorte. Als ich vorschlug doch einen guten alten Harzer Handkäse mal mitzunehmen, wäre dies doch eine schmackhafte Abwechslung zu dem sonst gewohnten alten Gouda. R., noch sehr unbeteiligt, meinte nur, dass er diesen Käse nicht kenne. Entsetzt blieb ich in meiner bückenden Bewegung stehen, schaute ihn erstaunt an und fragte fassungslos: "Du kennst Harzer Roller nicht? Du bist eine Harzer-Käse-Jungfrau?". Nach einer kurzen Schrecksekunde, lachte ich mich halb kugelig, lud einen Harzer Käse in den Wagen und versprach ihm die Käseoffenbarung seines Lebens.

Heute bekommt er nun das erste Mal Eine Harzerkäsestulle mit auf die Arbeit. Ich bin auf seine Reaktion gespannt, gibt es doch nichts Besseres zwischen altem Gouda und Harzer Handkäse.

Saturday, October 25, 2008 
Man findet unter www.con-swing.de mein Interview mit Thees Uhlmann zum neuen Tomtealbum. Lesen!
Saturday, October 18, 2008 
Am letzten Montag war es wieder so weit: das neue Semester stand vor der Tür und mit ihm die obligatorische Einschreibung in die Kurslisten. Als vorbildliche Studentin war ich eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn der Einschreibung vor Ort,dachte ich doch, dass dies für eine entspannte und erfolgreiche Einschreibung reichen würde. Auch meine Erfahrungen aus den vorherigen zwei Semestern hatten diese Annahme bislang bestätigt, war ich im ersten Semester doch noch beinahe anderthalb Stunden zu früh im Institut für Germanistik, aus Angst in keinem meiner erwählten Kurse einen Platz zu kommen, immerhin wäre mein Stundenplandann völlig über den Haufen geworfen worden und das ist für den unerfahrenen Erstsemesterstudenten wohl der Inbegriff des Grauens. Schließlich bastelte ich stundenlang an meinem ersten Stundenplan, unbegreiflich der Gedanke, dass all die Arbeit und kraus gezogenen Stirnen umsonst hätten sein können.Mittlerweile sehe ich das natürlich entspannter. Man wächst als Student mitseinen Aufgaben. Und dem Kampf um die Kurse.

Denn am Montag artete das Einschreiben derartig aus, dass ich mich fragte, ob ich nicht vielleicht aus Versehen für Bananen im Konsum anstand, anstelle von läppischen drei Germanistikkurseinschreiblisten. Eine halbe Stunde vor Beginn stieg ich aus dem Bus und erschrak, denn es hatte sich schon eine Schlange bis auf die Straße angesammelt. Nur Studenten, mir war bis dahin gar nicht bewusst, dass es so viele Germanistikstudenten an der Uni Potsdam gibt. Dem Verzweifeln sehr nahe, versuchte ich meine schon angereisten Freundinnen zu erreichen, jedoch vergeblich. Ich betrat das Haus durch die Seitentüre und schrieb mich problemlos in meine Sprachwissenschaftskurse ein. Gut, auf Sprachwissenschaft lege ich keinen gesteigerten Wert, immerhin begann ich mein Studium mit einem Sprachwissenschaftskurs, der mich beinahe zu Tode langweilte. Aber ich habe nicht vor mein Studium mit einem Kurs aus der gleichen Kategorie zu beenden. Deswegen belege ich so viel Sprachwissenschaft wie möglich, damit der Schmuh endlich als abgehakt betrachtet werden kann. Im Treppenaufgang dann stapelten sich die Leute. Ich weiß nicht wer auf die schlaue Idee kam alle Einschreibelisten für die unzähligen Literaturwissenschaftskurse in einen Raum zu legen, aber glückbringend war es für niemanden der Anwesenden. Die Masse der Studenten tobte vor sich hin, in einer Stimmung zwischen Wut, Ärger und Unverständnis, kurz vor einer Revolte. Verzweifelt versuchte ich wiederum L. und H. zu erreichen, konnten die beiden mir doch vielleicht erklären, in welchem Theater ich mich gerade befand.

Endlich wurde ich dann von L. und H. aufgegriffen, sie hatten sich im oberen Stockwerk in eine Voreinschreibeliste mit Wartenummern eingetragen. 87 und 132. Ich verwarf sofort den Gedanken mich dort einzuschreiben. Gemeinsam, gestärkt durch denGemeinschaftscharakter machten wir uns wiederum auf den Weg ins obere Stockwerk. Überall Menschen. Nach einigem Zögern entschlossen wir uns dann zu radikalen Methoden und drängelten uns gekonnt, trotz wenig Ellenbogenerfahrung durch die wartende Masse. Den wichtigen Kurs bekommen oder bei dem Versuch sterben, lautete wohl insgeheim unsere Devise. Immerhin will man ja kein einziges Semester länger als irgend möglich an der Uni verbringen. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit und schneller als wir erwartet hatten gelangten wir in den heiß ersehnten Raum, auch wenn dies mit üblen Beschimpfungen von anderen Studenten begleitet wurde.

Aber, liebe Kommilitonen, es war und ist mir egal. Klar kann sich nicht jeder vordrängeln, aber diejenigen, die estun kommen nun mal weiter. Und nachdem ich im ersten Semester die Freundlichkeit der Mitstudierenden kennen lernen durfte, nehme ich keinerlei übertrieben freundliche Rücksicht auf andere Studierende mehr. Erst recht nicht auf Menschen, die mich als „Assi-Studentin“ beschimpfen. Der Student ist sich selbst ein Wolf, schrieb ich schon einmal an dieser Stelle und an dieser Annahme hat sich nicht viel geändert. Selbstverständlich gibt es auch herzensgute Ausnahmen, aber die sind selten und mir teuer. Aber der ganze Rest dieser olligen reiszähnigen Studentenmeute kann mir gestohlen bleiben. Nur dass ihr es wist, Wölfe auf dem Campus: Im nächsten Semester wende ich genau die gleicheTaktik an. Und zwar mit größter Freude. Haha!
Thursday, September 18, 2008 

Dinge ändern sich. Je größer und älter ich werde, desto mehr und unveränderlich begreife ich die Erlebnisse und Begebenheiten in meinem Leben als Prozess des Wandel, Fort- oder Rückentwicklung. Nichts ist mehr so, wie es mal war, scheint es mir oft. Das kann zum einen sehr angenehm sein. Neulich besuchte ich nach einem Jahr schulischer Abstinenz das Ehemaligentreffen selbiger Einrichtung. Und etwas verwundert, aber im Hauptteil doch glücklich stellte ich fest, dass man sich mittlerweile auf einer Ebene mit seinen einstigen Mitschülern trifft. Denn gekonnt ignorierte man sich und redete nicht einen einzigen Ton mit einander. Genau dieses Verhältnis wollte ich immer zu all den Backpflaumen in meinem Leben haben, wahr aber nicht ernst und wichtig nehmen. Glücklich kann ich an diesen Abend zurück denken, an dem ich mich nur mit Menschen befasste, die ich schätze und die ich in meiner Lebenswelt haben möchte.

Es gibt aber auch Dinge, auf deren Änderung könnte ich gern verzichten. Besonders, wenn zu Weihnachten keine Pfefferkuchen unter dem Baume liegen. Oder eingelaufene Lieblingspullover, auch noch selbst verschuldet, denn Mutti hatte ja nicht die Waschmaschine zu heiß eingestellt. Das schlimmste widerfuhr mir jedoch heute Nachmittag. Ich fuhr mit meinem Rad aus F. nach T., in Gedanken und Hoffnung auf ein famoses Essen, war ich doch schon nicht mehr recht bei Kräften, da am Morgen die Zeit für ein Frühstück nicht mehr gereicht hatte. Und so trampelte ich hungrig, aber glücklich den Radweg entlang. Unbedarft, wie ich nun mal bin, betrachtete ich mir die Schulkinder und da pfeift mir doch so ein kleiner, gerade den Kinderschuhen entwachsener Junge hinterher. Zunächst dachte ich ja, dass er gar nicht mich, sondern, das zwölfjährige blonde Mädchen auf der anderen Straßenseite meinte, aber eindeutig, blickte er mich nach seinem ungehörigen Pfiff frech ins Gesicht. Der Satz „Herzchen, ich könnte deine Mutter sein, also lass es liebe!" blieb mir im Halse stecken. Er würde ja auch nicht ganz stimmen, denn zum so alten Eisen gehöre ich ja noch nicht. (Aber bald.) Entsetzt und völlig gefangen im Wundern über den Grund seines seltsamen Verhaltens fuhr ich nach hause. Soweit ist es schon. Kleine, zwölfjährige Jungen pfeifen mir hinter her. Irgendwas ist doch im Moment mit dieser Welt kaputt.

Aber dann fiel mir etwas Beruhigendes ein: Nicht alles ändert sich. Denn als ich gestern kurz bei Stern TV vorbeizappte, saß dort, wie jedes Mal, wenn es mich einmal im halben Jahr in diese Sendung verschlägt, Fabian Hanbüchen neben Günter Jauch. Das machte mich glücklich. Denn solange der Turnerfabi neben dem ollen Onkel Jauch sitzt, kann die Welt nicht schlecht sein. Und vor allem ist doch alles mehr im Lot, als es mir scheint. Ein beruhingendes Gefühl. Und so hoffe ich in diesem Jahr auf Pfefferkuchen unter dem Weihnachtsbaum.

Sunday, August 17, 2008 
Als ich neulich eine ziemlich amüsante Chat-Konversation mit R. und seinem Freund, gemeinhin als der Pate bezeichnet, führte, geriet ich in eine missliche Lage. In die Ecke gedrängt durch die äußert faire Zwei-zu-Eins-Konstellation  musste ich meine Lieblingsband Tomte und besonders deren wunderbaren (und von mir heiß verehrten) Sänger Thees Uhlmann bis aufs Blut verteidigen. Die Herren unterstellten ihm musikalisches Unvermögen, Arroganz und Egozentrik, was wohl zum großen Teil auf einen nicht sehr erfreulichen Zusammenstoß zwischen R. und Thees Uhlmann im Jahre 1999 (oder 1998) auf einem Baseler Tocotronickonzert zurück geht. Aber nicht nur das, die Herren erweiterten ihre Kritik sogleich auch auf meine Person. Besonders der Pate, den ich doch eigentlich hoch schätze, nahm kein Blatt vor den Mund. R. konnte sich dies natürlich nicht recht trauen, musste er doch harsche Konsequenzen von meiner Person befürchten. Man legt sich eben nicht mit der Freundin an. Es fielen Sätze wie "Spinnt die?" und, was mich besonders traf, muss sich der Pate aufgrund seiner neun Jahre Erfahrungsvorsprung doch nicht hervortun, "Sie hat einfach keine Erfahrung!". Klar, ich bin erst zarte und unbescholtene zwanzig. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Perücke getragen, ich habe noch nie einen Laden bestohlen und ich habe mich noch nie so sehr betrunken, dass ich mich an nichts mehr erinnern konnte, aber als dies sind noch lange keine Dinge die mich mit weniger Musikerfahrung ausstatten. Lieber Pate (und auch lieber R., die folgenden Zeilen richten sich ebenso an dich, wenn auch der Pate im Vordergrund steht, war er doch viel frecher), an dieser Stelle möchte ich klar stellen, dass es eine Berechtigung hat, dass man eine Band wie Tomte liebt. Sicherlich ist erreichen Tomte nicht die musikalische Qualität, die man sich von perfekt produzierten Platten wünscht, aber genau das wollen die tomtejungens ja auch gar nicht. Das macht die Fünf auch so bewundernswert, dass sie in völliger Authentizität einfach die Musik machen die sie wollen: Wenn sie einfach ein wunderbares Album voller herzergreifender Stücke (zumindest ergreifen sie mein Herz) aufnehmen und es ernst meinen. Wenn ich Bands suche, die wenig bis gar nicht ernst nehmen, was sie tun, dann gucke ich mir Bands an, von denen ich das auch erwarten kann (hier besonders zu erwähnen: Guns'nRoses). Und haltlose Selbstüberschätzung, wöllte man sie Tomte unterstellen, hat schon viel unsympathischere Typen als Tomte zum Erfolg geführt und meines Erachtens gehen gerade Tomte ihren Weg mit dem richtigen Ansporn und der richtigen Intuition.

Sicherlich ist Thees Uhlmann ein egozentrischer und arroganter Typ, der zu viel von sich und den Brustwarzen in der Mitte seines Körpers redet. Aber er ist eben ehrlich in dem was er tut und wie er sich präsentiert. Und wenn er im Postbahnhof (am Ostbahnhof, das sage/höre/tippe ich einfach zu gern) auf der Bühne steht und Witze über Menschen macht, die nicht wissen was Vinyl ist, dann ist das vielleicht unsensible Kritik am Fan, aber vor allen Dingen auch berechtigt. Und solange Thees mir vermittelt, dass er jede Zeile seiner Songs ernst meint, kann ich ihn nur unbedingt gut finden. Wenn er dann das Ganze zusätzlich noch mit guten Geschichten garniert, bin ich völlig glücklich. Thees und auch Tomte sind einfach pur und konsequent in ihrem künstlerischen Schaffen. Und haben dabei immer noch eine Menge Spaß. Das ist doch die Hauptsache: Spaß.

Wenn all das dich noch nicht überzeugt, lieber Pate, dann lass dir gesagt sein, dass ich bestimmt noch größer werde und irgendwann vielleicht soweit bin, dass ich das System Musik durchblicke. Aber dann finde ich Tomte bestimmt immer noch gut. Schon allein wegen "Korn & Sprite".

Thursday, August 14, 2008 

Schon seit längerer Zeit wohne ich nicht mehr in F. an der Spree, sondern habe diesem Moloch den Rücken gedreht und mich ins beschauliche Golm verschlagen lassen. Wobei man auch bedenken sollte, dass meine Wurzeln eigentlich in T. und nicht in F. liegen und mein Heimatherz auch eher für diesen beschaulichen Fleck Erde denn für das graue F. schlägt. Seitdem ich jedoch nicht mehr jeden Tag in der Spreemetropole durch die Straßen tobe, packt mich bei jedem wochendlichen Heimatbesuch doch ein wenig Heimatliebe, klopft beherzt an meine Herzenstür, erfragt höflich den Eintritt und setzt sich wohlig warm in eine Ecke. (Direkt neben meine Liebe zu meinem Abreisetag gen Golm.)

 

Und auch jetzt, in der vorlesungsfreien Zeit treibt es mich in heimatliche Gefilde. Zum einen schmeckt das nicht selbst gekochte Essen des Muttertiers natürlich viel besser als mein typisch Studentisches und zum anderen sollte ich im elterlichen Auftrag das Haus hüten, während meine Eltern mit meinem Bruder in den Urlaub fuhren. In Hoffnung auf eine Woche kulinarische Köstlichkeiten konnte ich dem natürlich nur zustimmen. Und wann hat man schon mal das Elternhaus ganz für sich allein? In meiner Zeit die ich dort verbrachte, kam es nur einmal vor, dass meine Eltern für mehrere Tage das Haus mir überließen (im letzten Jahr, als ich mich weigerte mit ihnen in den Sommerurlaub zu fahren).

 

In diesem Jahr hatte ich dann auch schon Pläne geschmiedet für meine

unbeaufsichtigte Zeit. Nach der Abreise meiner Altvorderen am Samstag lies ich meinen geliebten R. einfliegen, besser gesagt einradeln, um mit ihm ein fröhliches Wochenende in T. zu verleben. Nachdem R. dann endlich eingetrudelt war und ich den stets ausgehungerten Vielfraß erfolgreich gesättigt hatte, machten wir uns auf den Weg in das Freiluftkino F.s. Vom Film (Born to be wild) erwarteten wir uns nicht besonders viel, aber großen Unterhaltungswert versprachen wir uns von den Rockervätern, die mit Kind und Kegel in der Parkbühne erwartet wurden. Fröhlich schwatzend fuhren wir hoch zu Drahtesel nach F.. An der Parkbühne und am Kassenstand angekommen, konnte R. sich natürlich nicht verkneifen mit der Kassiererin zu schäkern, in boshafter Stimmung könnte man ihm auch durchaus einen Flirt unterstellen. Ich regte mich, ganz typisch Mädchen, ein wenig auf, erinnerte R. an einen unserer Abende, an dem er während meiner zwei minütigen, der Toilette geschuldeten Abwesenheit sofort mit der Barfrau flirtete. Es war (und ist) mir unbegreiflich, wie R. nur jedes Mal in meinem Beisein sich so aufführen kann. Als ich neulich in einer ruhigen Minute mal so über die Angelegenheit nachdachte, kamen mir nur zwei vernünftige Erklärungen in den Sinn. Entweder bin ich einfach durch den rauen Brandenburger Ton geprägt und R. ist einfach in einer umgänglicheren Umgebung aufgewachsen, in der es ganz selbstverständlich ist, dass man flirty – freundlich zu einer Barfrau oder einer Kinokassiererin ist. Oder R. will mir und sich beweisen, dass er ein toller Hecht ist. Ich hoffe an dieser Stelle mal auf ersteres. Aber nicht zuletzt muss angemerkt werden, dass ich natürlich genau diese Art an ihm schätze. Außerdem sollte ich an dem Abend auch noch mein Fett wegbekommen. Aber dazu gleich mehr.

 

Im Kino hatten R. und ich viel Spaß, die Rock – Vater – Koryphäen aus F. hatten wie erwartet an jedem schmutzigen Witz des Filmes einen Heidenspaß. Aber auch für uns war etwas dabei, so sprach jemand im Film von einem „Espresso Latte", woraufhin R. und ich in lautes Gelächter ausbrachen, erinnerten wir uns doch beide an unseren Kinobesuch zum Film „21" (Der regelmäßige Leser meines Blogs erinnert sich vielleicht). Zum Ende des Filmes konnte ich R. an der Kassiererin vorbei lotsen ohne, dass er noch mal das Bedürfnis hatte sich mit ihr zu unterhalten. Da wir den Abend selbstverständlich noch nicht enden lassen wollten, führte ich R. in eines unserer stadtbekannten Lokale ein, in denen man zu späterer Stunde noch ab und an das ein oder andere kühle Bierchen zischt. So kehrten wir im „Red Fox", einer gestandenen und weithin anerkannten Kneipe in F., ein. R. rief mir seinen Getränkewunsch zu und ging kurz auf die Toilette. Ich bestellte beim Barpersonal zwei Gin Tonic (ich frage mich ob es überhaupt ein alkoholisches Getränk gibt, dass sich dem Erfahrungswert R.s entzieht, selbst vor Martini fürchtet er sich nicht) und schaute mich ein wenig im Lokal um. An der Theke stand ein junger Mann, der mich erblickt, kurz irgendwelchen Schnulli bei der Barfrau bestellte und dann flugs, mit breitem Grinsen zu mir herüber kam. Ich gruselte mich ein wenig, waren wir doch erst vor zwei Minuten angekommen und überhaupt wo trieb sich der Freund rum, wenn man man ihn mal wirklich braucht. Denn fremde Herren, mit wenig behaartem Kopfe, sind mir immer ein bisschen unheimlich. Besonders in F.. Der junge Mann unterhielt sich ein wenig mit mir und ich betete inständig, dass R. doch bitte endlich zurück käme. Das tat er dann auch endlich, stutze kein bisschen beim Anblick des fremden Mannes neben mir und setzte sich dazu. In der Annahme, dass ich mit dem mir unbekannten Herren (ich kenne verhältnismäßig wenig Menschen aus F., wenn man bedenkt wie viele Jahre meines Lebens ich dort verbracht habe) redete er einige Worte mit dem Typen, dem das offensichtlich sehr peinlich war, hatte er doch scheinbar gedacht ich säße ganz alleine an der Theke im Rad Fox. Als hätte ich nichts Besseres vor, dachte ich mir gehässig und war froh, als er endlich zurück zu seinem Tisch ging. Nachdem ich R. über die Situation aufgeklärt hatte, war er etwas entsetzt. Hielt mir allerdings auch gleich vor, dass ich mich niemals (niemals, wiederholte er) wieder über seine Plaudereien mit einer Barfrau aufregen sollte. Ich möchte an dieser Stelle nochmals hervorheben, dass R. von sich aus mit der Barfrau geredet hatte und ich von dem jungen Mann angesprochen wurde, völlig gegen meinen Willen. Trotzdem sind wir jetzt wohl quitt.

 

Wenig später kam ein Junggesellenabschied zur Tür hereinspaziert, wen wunderte es, stand doch der 08.08.08te vor der Tür. Die Jungens waren schon gut angeheitert, grölten durch das Lokal. Der Tiger des Abends, der an die Leine kam, so verkündete es zumindest das Schild um seinen Hals, hatte ein Körbchen mit netten Kleinigkeiten dabei, die er uns zum Verkauf anbot. Zum günstigen Preis von einem Euro und fünfzig erwarben R. und ich eine als Kokslöffel getarnte Stuhlprobe, die nun meinen Schreibtisch ziert und mich daran erinnert, dass ich, sollte ich mal unter die Haube kommen, froh sein werde, dass mir solche Peinlichkeiten erspart werden. Eine Stuhlprobe verkaufen... ts. Wer auch immer von diesen Deppen auf diese Idee kam, lustig ist wohl etwas anderes.

 

Bevor R. und ich nach einigen weiteren Getränken die Rechnung bezahlen konnten, musste ich noch mal schnell zur Sparkasse fahren um für genügend Geld im Portmonee zu sorgen, da unser gemeinsames Barvermögen nur zum Zeche prellen gereicht hätte. Auf dem Weg zur Tür fing mich noch einmal mein Verehrer ab. Zum Glück konnte ich Eile vortäuschen und nach seinem Bedauern, dass er mir aufgrund meiner nächtlichen Geldbesorgungsfahrt entgegenbrachte, das Weite suchen. Als ich wiederkam, war R. gerade im Gespräch mit zwei Jungens, die schon den ganzen Abend einen feucht – fröhlichen Geburtstag feierten. Nachdem wir uns noch ein Weilchen unterhalten hatten, machten wir uns auf den Heimweg, lagen doch noch fünf Kilometer Fahrradtour vor uns. Und so fuhren wir, fröhlich plaudernd und schäkernd durch F.. Kurz hinter dem Bahnhof F.s rief es plötzlich in aggressiven Ton hinter uns her. Ich erschrak mich fürchterlich. Aber ordnungsgemäß hielten R. und ich an, gingen auf den anliegenden Parkplatz.

 

Die Polizei, in F. immer mit dabei, führte Verkehrskontrollen durch und scheinbar waren wir zu lautstark unterwegs gewesen. Ich befürchtete schon das Schlimmste, hatte er doch nicht allzu tief in Glas geschaut, aber wenig hatte er auch nicht getrunken. Zusätzlich war er auch noch mit seinem lichtlosen Fahrrad unterwegs. In der ganzen langen Zeit meiner zwanzig Lebensjahre wurde ich nur einmal von der Polizei angehalten. Und das am hellerlichten Tage, als ich verbotenerweise entgegen der Fahrtrichtung auf einem Fahrradweg in F. unterwegs war. Und auch nach Erhalt meines Führerscheins hatte ich noch nie Kontakt zu der Polizei aufnehmen müssen, was aber auch an meiner wenigen Fahrpraxis liegen kann. Ein junger Bodybuildermann mit, einem Polizisten angemessener angesäuerter Laune wartete auf uns. „So was machen wir aber nicht! Und dann auch noch ohne Licht!", moserte er uns entgegen. R., ein wenig auf Krawall gebürstet, entgegnete etwas Freches. Ich hoffte inständig, dass wir das ohne eine Fahrt auf die Wache überleben würden. Schließlich war es schon spät und ich durch den ungewohnten Alkohol in meinem Blut ziemlich ermüdet. Aber Alkohol im Blut, dachte ich weiter, das ist auf dem Fahrrad ja auch verboten. Ich befürchtete schon Schlimmes und rechnete im Kopf nach, was R. wann getrunken hatte. Wenig war es nicht. Aber, so tröstete ich mich, er hatte ja gut gegessen, davon kann man bei ihm ja ausgehen, dass er gut gegessen hat. Außerdem hatte ich höchstpersönlich gut gekocht für ihn. Der Polizist bemerkte ebenfalls R.s alkoholische Aura und bellte: „Aber sie haben doch Alkohol getrunken. Das rieche ich doch. Sie haben doch Alkohol getrunken. Das rieche ich doch." Ich unterdrückte ein Stöhnen. R., immer noch auf Krawall gebürstet, am liebsten hätte ich den Polizisten gesagt, sie sollen mir den Galgenvogel doch einfach mit geben, er hätte auch bestimmt die nächsten zwei Wochen nichts zu lachen. Es war mir schleierhaft wie R. sich auch noch so unmöglich aufführen konnte.

 

Der Polizist klärte uns  auch gleich über die von R. geforderten Rechte auf. Er würde gerne einen Alkoholtest mit R. durchführen, wenn R. sich jedoch weigern würde, müssten wir auf die Wache fahren, wo ihm dann Blut abgenommen werden würde. R., ein ganzer Kerl, lies sich auf das Pusten ein, betonte allerdings mehrmals, dass er das noch nie gemacht hätte und das er zu allen Vorgängen eine genaue Erklärung wünsche. Die erhielt er von dem bodybuildenden Polizisten auch umgehend. Ab einer Promilleanzahl von 1,6 sei es eine Straftat, dann müsste man in jedem Falle auf die Wache fahren um einen Bluttest durchzuführen. Der Ton in seiner Stimme verriet, dass er wohl ein wenig darauf hoffte, um mal etwas anderes zu tun, als den lieben langen Abend auf einem Parkplatz zu stehen und Autos und Fahrradfahrer anzuhalten. Innerlich verfluchte ich mich, dass ich nicht einschätzen konnte ob es bei R. für 1,6 reichen würde oder nicht. Ich hoffte still weiter. Dann bekam R. ein Röhrchen, das er, vielleicht aus hygienischen Gründen selbst auspacken musste. Nach der Aufforderung doch kräftig in das Röhrchen zu blasen, pustete R. etwas kurzatmig in das Gerät. Ein Polizist, der sich inzwischen zu uns gesellt hatte, meinte es würde reichen und die Herren in Grün nahmen R. das Alkoholmessgerät aus der Hand und warteten auf das Ergebnis. Ich hoffte stillschweigend auf irgendeine kleinere Zahl als 1,6. „0,83", verkündete der untersetzte Bodybuilder ein wenig enttäuscht. Er schien schon mit einer Fahrt zum Revier gerechnet zu haben. „Da haben Sie noch mal Glück gehabt!", betonte er nochmals. Ich, völlig erleichtert, wollte mich schon auf den Heimweg machen und auch R. nahm sein Fahrrad zur Hand, der Bodybuilder hatte jedoch noch etwas zu bemängeln: „Na na na. So schnell geht das aber nicht. Sie haben doch gar kein Licht an ihrem Fahrrad. Und dann fahren Sie auf der Straße. Ihre Freundin darf das. Sie haben aber kein Licht." R. antwortete, dass es ja auch ein Sportfahrrad sei. Ich wütete innerlich, dass er jetzt auch noch so anfangen musste, konnte er nicht einfach kurz sagen, dass es ihm Leid täte und bestimmt nie wieder vorkäme. Unglaublich dieser Typ. Der andere Polizist mischte sich nun ebenfalls ein und wies R. fünfmal daraufhin, dass es sich bei seinem Fahrrad ja auch um ein Sportgerät handele. Da, dachte ich mir, ist er bei R. wohl an der falschen Adresse. Das muss er ihm nun nicht sagen. Und R. dachte dies wohl auch, entgegnete er ein wenig schnippisch, dass er ja auch Sportler sei. Dem Bodybuilder reichte es langsam, er ermahnte R. heute nicht mehr mit dem Fahrrad zu fahren. R. erwiderte, dass er hoffe, dass der Polizist wohl nicht glaube, dass er nach T. schieben würde. Der Polizist, der eindeutig die Lust an der Geschichte verloren hatte, meinte nur, dass er sich etwas anderes ausdenken würde, wenn R. noch einmal mit diesem Fahrrad fahrend erwischt werden würde. Dann durften wir endlich gehen, R. durfte sein Röhrchen als Erinnerung behalten. Ordnungsgemäß schoben wir ungefähr einen Kilometer unsere Räder durch F., am Ortsausgang zu T. wurde es uns dann aber zu anstrengend und fuhren den Rest, auch wenn R. von einem gewissen Verfolgungswahn ergriffen war. Im elterlichen Domizil, endlich im Bett, fragte R. mich nur noch, ob ich nicht auch dächte, dass die Polizisten ihn trotz allem nett gefunden hatten. Ich sagt dazu nichts, diese Illusion wollte ich ihm nicht noch ausreden. Aber ich denke nicht das Polizisten aus F. überhaupt jemanden mögen.

Monday, July 07, 2008 

Ich bin wohl in vielerlei Hinsicht keine typische Klischeestudentin: Ich war nur auf zwei offiziellen Studentenpartys. Ich habe noch niemals einen Kommilitonen abgeschleppt. Ich strebe meinem Studiengang unentsprechend viel. Und vor allen Dingen war ich in meinem Studentenleben noch niemals richtig betrunken, schon gar nicht von dem Getränk zum Betrinken schlechthin, denn bevor ein Bier durch meine Kehle rinnt, verdurste ich lieber.

Aber nicht nur in meinem beinahe einjährigen Studentenleben war ich noch niemals so richtig schlimm, dem Ende nahe betrunken, sondern auch in meinem Schüler- und dem Zwischen-dem-Abitur-Leben habe ich mir kaum die Kante gegeben. Ich kann mich auch nur an einen einzigen Kater am nächsten Morgen erinnern, der vielleicht auch auf den übermäßigen Shishakonsum zurückzuführen ist. Ich betrinke mich jedenfalls nicht, weil ich gar kein Interesse habe die Realität hinter mir zu lassen und sie auf rohen Eiern durch die Gegend zu taumeln. Das kann auch nicht mehr Reiz haben, als die Wirklichkeit in vollen Zügen unbeeinflusst und komplett bewusst wahrzunehmen.

Trotzdem habe auch ich zuweilen das Bedürfnis mich mal so richtig abzuschießen, mir so richtig Öl auf die Lampe zu gießen, die Haubitze so richtig voll laufen zu lassen (mein einziges Alkoholinteresse rührt wohl von den wunderbaren Beschreibungen des Trunkenseins, wann kann man schon mal sagen, dass man zu tief ins Glas geschaut hat?). Gerade in meiner derzeitigen Lebensphase wächst ab und an der Wunsch, die Realität einfach mal Realität sein zu lassen und kurzfristig einen anderen Weg einzuschlagen. Und am letzten Freitag war es dann auch endlich soweit, ich hatte (sehr zur Freude meiner Freunde K. und S.) beschlossen mich nach allen Regeln der Kunst zu betrinken. Die Realität hatte sich nicht von ihrer freundlichsten Seite gezeigt und ich hatte schlicht und ergreifend keine Lust mehr mich damit zu beschäftigen. Also machte ich mich daran meinen Alkoholpegel auszubauen, was mir, dank meiner alkoholischen Ungeübtheit auch ziemlich schnell gelang. Nach nur zwei Drinks war ich an einem Punkt angelangt, der sich wohl treffend als ziemlich angetrunken charakterisieren lässt. Nach zwei weiteren Schnäpsen erreichte ich dann mein zuvor erklärtes Ziel. An sich hatte ich natürlich überhaupt nichts davon, da die Realität sich mir trotzdem aufdrängte (danke R.).

Also nichts gekonnt. Und nicht, dass dies schlimm genug war, nein, am nächsten Morgen bekam ich dann die Rechnung für mein ungebührliches Alkoholverhalten. Mein Kopf hätte wohl nur quer durch die Tür gepasst. Unglaublich, dachte ich, da will man sich nur einmal in seinem Leben bewusst abschießen und dann wird man gleich mit einem Kater bestraft. Immerhin war ich nicht allein, R. und S. hatten mit ähnlichen Raubkatzen zu kämpfen. Und wenn ich mir das Bild, dass wir drei abgegeben haben müssen, im Nachhinein so betrachte, so bin ich doch schwer amüsiert. Drei mehr oder weniger junge Menschen an einem Frühstückstisch, mit elektrolytehaltigem Rührei auf dem Teller und brummenden Köpfen. Wunderbar. Besonders, da ich meinen letzten (und bislang einzigen) Kater als nicht so hartnäckig erinnere. Der aktuelle hielt sich über den gesamten Samstag, bis zum Abend und erst mit einer ordentlichen Prise frischer Luft auf meinem Fahrrad lies sich das Biest wieder vertreiben.

S. und R.  verfolgten unterschiedliche Taktiken sich auszukurieren. S. rannte zwei Stunden durch die Gegend und kam danach frisch und mit gesunder Gesichtsfarbe zurück. Beeindruckt zog ich diese Therapie in Erwägung, nachdem S. dann jedoch einen essensbedingten Rückfall erlitt, war ich froh den Gedanken an sportliche Betätigung wieder verbannen zu dürfen. Viel lieber schloss ich mich der Taktik R.s an und hing nur rum. Das Katerchen pflegen hat auch seinen Reiz, wie ich begeistert feststellte. Wiederholen möchte ich das Ganze jedoch trotzdem nicht. Denn nützen tut es ja doch nichts, die Realität holt einen immer wieder ein, spätestens wenn sie am nächsten Morgen immer wieder gegen den Schädel hämmert.

Sunday, July 06, 2008 
K. und ich gucken ein Youtubefilmchen in dem ein Mann in schwarzer Kutte einen The-Smiths-Song in Gebärdensprache nachempfindet.

J.: Interessant auch, was der Kuttenmann da macht.

K.: Na ist doch nett, er übersetzt das in Blindensprache.
Sunday, July 06, 2008 
K.: Beweg dich doch bitte von der Waagerechten in die Horizontale!
Sunday, June 29, 2008 

Ich bin alles andere als eine Freundin des Sports, im Grunde meines Herzens verabscheue ich jegliche körperliche Aktivität zutiefst. Sicherlich lässt sich körperliche Anstrengung nicht immer vermeiden, auch wenn ich den festen Plan in meinem Leben verfolge mich so früh wie möglich nicht mehr zu bewegen. Seltene Ausnahmen sind Schwimmen und natürlich Fahrrad fahren, dies verfolge ich doch mit einer gewissen Passion.

Eine besonders große Abneigung verspüre ich jedoch gegen Mannschaftssport, ob nun gegen Volleyball (eine Erfindung des Teufels), Basketball (die Hölle auf Erden) oder das zur Zeit so öffentlich zelebrierte Fußball (direkt aus dem Fegefeuer auf den weltlichen Rasen). Wobei gerade letzteres mich zur Zeit, gelinde gesagt, komplett entnervt. An der Uni höre ich nur noch Fragen wie: "Und wo guckst du das Finale?" und Sätze wie: "Mensch, das war ein Spiel gestern, was? Dieses Tor - ganz großes Fussi-Kino!" und hoffe inständig, dass mich niemand damit meint. Denn zum einen interessieren mich diese zweiundzwanzig Männer auf dem grünen Rasen mit diesem einen Ball überhaupt nicht und zum anderen muss ich auch nicht so tun, als verstünde ich auch nur eine Sache, die die Herren auf dem Feld dort fabrizieren. Als mein Kommilitone in der Mensa mir neulich eröffnete, dass man beim Fußball tatsächlich eine Strategie verfolgt, war ich doch ein wenig erstaunt. Immerhin weiß ich seit diesem Jahr dann auch, was eine Ecke ist, meiner Fussballfreundin V. sei an dieser Stelle Dank ausgesprochen.

Vor zwei Wochen jedoch lies ich mich von meiner Freundin überreden das Spiel Deutschland gegen Österreich zu gucken. Zum einen hatte ich das Bedürfnis sie mal wieder zu sehen und die Studentenzeit ist ja bekanntlich eng bemessen und zum anderen dachte ich, könne es meiner angeschlagenen Stimmung auch nicht noch weiter schaden.

Also machte ich mich auf den Weg nach Berlin, wir wollten ursprünglich im Lido gucken. Dort standen jedoch schon so viele Menschen an, dass wir den Plan verschoben und nach einer Alternative suchten. Kurz vor dem Spiel wurden die übrigen Menschen nervös, schließlich wollte niemand den Anstoß verpassen. Wie die aufgescheuchten Hühner suchte man krampfhaft nach einer Lokation. Schließlich landeten wir bei einem kleinen Italiener, direkt vor der Leinwand.

Pünktlich mit unserem Platznehmen wurden die deutsche Nationalhymne angestimmt. Drei fanatische Fans am Nachbartisch standen auf und sangen mit der Hand auf dem Herzen mit. Ich, in einem Gemütszustand zwischen Entsetzen und Belustigung, betrachtete mir die drei fasziniert. Diese Ablenkung nutze meine Freundin und schmierte mir die Nationalfarben auf die Wange. Dann wurden die Glücksbringer gezückt und auf dem Tisch verteilt. Ich fühlte mich wie in einem anderen Universum. Nicht nur, dass mich Fußball wirklich so peripher wie nur irgendwas tangiert, auch dieses Gewese darum ist mir völlig unbegreiflich. 

Während des Spiels passierte nicht sonderlich viel, die Fussifans fieberten bei jeder noch so abstrusen Torchance bis zum Platzen mit. Ich war eher etwas gelangweilt, denn obwohl ich von diesem Spiel wirklich nichts (abgesehen von der Ecke) verstehe, muss man doch sagen, dass es sich nicht besonders energisch anlies. Trauriger Höhepunkt war dann, neben Ballacks Freistoß in der neunundvierzigsten Minute, auch der Verweis des deutschen Trainers auf die Tribüne. Sein Co-Trainer fasste ihm an den Hintern und das Publikum im Italiener johlte.

An sich hatte ich einen netten Abend im Kreis meiner Freunde und meine Stimmung wurde immerhin für neunzig Minuten aufgeheitert, aber unter normalen Umständen wäre ich auch wohl kaum zum Fussi gucken gefahren. Bislang war dies auch erst das zweite Fußballspiel, dass ich je in meinem Leben zu Ende geschaut habe. Aus Verzweiflung tut man eben manchmal seltsame Dinge.

Allerdings bin ich dem Herren Ballack sehr dankbar für sein Tor, wer weiß mit welch frustrierten Fans ich sonst zurück nach Potsdam hätte fahren müssen. An sich kann ich die allgemeine Fussballbegeisterung ja auch nachvollziehen, man kann sich endlich mit dem gehassten Nachbarn in den Armen liegen, wenn Deutschland haushoch gewinnt (wobei man das beim Fußball ja eher selten tut, welch ein unproduktives Spiel, wenn im Schnitt vielleicht drei Tore pro Spiel fallen), nicht umsonst sagte meine Dozentin für Modelle und Methoden der empirischen Sozialforschung: "Fußball ist Stuhlgang für die Seele". Nur für meine wohl nicht.

Friday, June 27, 2008 

Ich habe ja schon viele seltsame Dinge erlebt, besonders in und mit der Deutschen Bahn. Ob sich nun andere Fahrgäste seltsam verhielten (ich gedenke immer noch voller Liebe an den coolen Typen der seinem Handy gegenüber obszöne Gesten machte), der halbe Zug für eine Drittligafussballmanschaft gerumt wird oder das aktuelle Halbzeitergebnis des EM-Spiels zwischen Spanien und Holland über die Ansage des Zugbegleiters verbreitet wird.

Neulich erwartete mich jedoch wieder mal ein ganz besonderes Ereignis. Die Bahnen in Richtung Berlin hatten immense Verspätung und so stieg ich in unplanmäßig in den Berlin-Warschau-Express, der beinahe eine geschlagene Stunde für die sonst üblicherweise halbstündige Reise nach Berlin benötigte. Kaum in Berlin aus dem Zug gesprungen, sprintete ich schnellstens in die S-Bahn nach Potsdam, in der Hoffnung nun in Ruhe nach Potsdam fahren zu können.

Dies ging auch weitestgehend in Erfüllung, trübe klebte ich im S-Bahn-Sessel, hing meinen Gedanken nach und bewachte mein Gepäck aus dem Augenwinkel. Am Berliner Hauptbahnhof stieg dann eine wohl vierzigjährige Frau ein, die für die erbetenen Spenden weder den Straßenfeger verkaufte, noch ihre Gitarre zückt, sondern ein selbstgedichtetes Verschen darbot. An sich fand ich die Idee ganz wunderbar, dies schulde ich ja schon allein der Germanistikstudentin in mir. Als sie mir allerdings mit Sätzen wie: "Die Hoffnung im Herzen erhellt das Leben und solange man die Hoffnung dort behellt, ist noch nichts verloren" kam, konnte ich das nicht mehr gut finden. Sie rezitierte zwar in Versform (die mir mein schwaches Hirn verwehrt zu erinnern), aber trotzdem wäre ich der armen Frau gern an die Gurgel gegangen.


Natürlich gibt es Situationen, in denen man die Hoffnung verliert. Und wenn mir hier auch nur einer damit kommt, dass ich ja erst zwanzig Jahre alt bin, dann springe ich durch die Tastatur! Natürlich ist das Leben eine gemeine Hexe, auch zu mir und ja, meine Probleme sind ernst zunehmend, ob nun Liebeskummer, Unistress oder haltlose Enttäuschung über die Gemeinheit des Lebens. Manchmal denke ich, dass es nie mehr gut wird, aber als haltlose Optimistin, die ich mal war, will ich manchmal doch noch auf mein Glück vertrauen. Und deswegen olle Hexe Leben: ich hätte gern einen Trank für dieses eine Problem, du weißt schon: Ich will wieder hoffen können!