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matrosenmädchen



Last Updated: 11/20/2009

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October 18, 2009 - Sunday 

Current mood:  numb

Das Draußen vor meinem Fenster sieht dunkelgrau und unsauber aus, so, als hätte jemand ein Glas mit Wasserfarbenbrühe über die Straße und die Häuser gekippt und dann mit dem Ärmel drübergewischt. Das Matrosenmädchen sitzt im Schneidersitz auf seinem Opa-Sofa und fragt sich, ob es wohl normal ist, dass es so oft von sich in der dritten Person denkt. Vermutlich habe ich einfach eine Schraube locker. Denkt es sich. Macht ja nichts, dann wird’s nicht so schnell langweilig. In der Hand die Lieblingsdecke, von der die Rattenjungs, die hier auch wohnen, den größten Teil weggefressen haben, schlurft es rüber zum Regal. Könnte ja mal wieder was lesen. Nicht immer nur TV glotzen und sich die Stunden bei MySpace um die Ohren hauen. Da klingelt es an der Tür. Oh. Besuch. Um diese Uhrzeit? Grummelnd trotte ich zur Tür und linse durch den Türspion.

Ein Mann in Briefträgeruniform steht da mit einem Paket in der Hand und hüpft von einem Bein aufs andere. Wie seltsam. Es ist doch lange schon viel zu spät für den Postboten. Die Sonne ist bereits untergegangen und Herr Schimansky von gegenüber trägt seinen Feierabend-Jogger zum Gute-Nacht-Bierchen auf dem Balkon spazieren. Dennoch kann ich’s nicht lassen. Verflixte Neugierde.


„Ja bitte?“ rufe ich durch die verschlossene Tür.

„Ein Paket für Frau A Punkt Matrosenmädchen. Eilzustellung!“

„Ein Paket? Was ist denn drin?“

„Woher soll ich das denn wissen?!?“ Der Postbote scheint empört.

„Na, wer hat’s denn geschickt?“ Ich werde ungeduldig.

„Kein Absender.“

Ich reiße die Tür auf und dem verdutzten Mann das Paket aus der Hand.

„Verzeihen Sie mir bitte. Aber ich bin so schrecklich ungeduldig“ Er glotzt mich mit müden Kuhaugen an. Dann knalle ich ihm die Tür vor der Nase zu und widme mich dem Paket. Erstmal schütteln und lauschen. Scheint was Kleines drin zu sein, der Karton ist ganz leicht und drinnen rappelt’s. Mit dem Paket in der einen und der Lieblingsdecke in der anderen, laufe ich in die Küche, schlitze mit einem Pittimesser das braune Packband auf und öffne den Karton.


Eine Leckmuschel.


Was soll ich denn mit einer Leckmuschel? Da entdecke ich den Brief, der ganz bescheiden im Karton liegt. „Liebes Matrosenmädchen“, steht da in schnörkeliger Damenhandschrift. „Schon lange beobachte ich, was du so treibst und schreibst. Und ich muss dir gestehen, dass ich mir Sorgen um dich mache. So kann das doch nicht weitergehen mit dir. Eine elende Lügnerin bist du geworden, dein ganzes Leben ist auf wilden Fantastereien aufgebaut.“

Das ist nicht wahr, denke ich und kraule meinen Bart.

„Keine deiner Geschichten ist wahr! Du bist nie im Leben in eine Vagina reinspaziert, niemals hast du den Matrosen, der gar keiner ist, mit einem Schlag in die Kniekehlen von den Beinen geholt. Das Discomädchen mit den grünen Katzenaugen gibt es schon lange nicht mehr, und die Trägheit hast du niemals die Treppe runtergeschubst. Sie wohnt immer noch bei dir, das weiß ich. Du hattest niemals Sexphantasien, in denen Demented Are Go eine Hauptrolle spielten. Und du wünscht dir sehr wohl romantic nights, die unschuldig sind und sich anfühlen wie damals, als alles noch neu und verrucht war. Du findest Kotzen nicht mal annähernd cool und so kaltschnäuzig wie du immer tust, wirst du in 100 Jahren nicht sein. Du willst die Verführung gefickt haben? Dass ich nicht lache. Jeder weiß doch, dass die Verführung DICH fickt, jeden Tag, immer wenn ihr danach ist. Nicht umgekehrt.“


Ich schlucke. Was da geschrieben steht, stimmt. Alles. Dann zerreiße ich den Brief. Interessiert mich nicht, was da noch kommt. Außerdem steht nicht mal ein Name auf dem Papier.


Was soll ich tun? Mich der glanzlosen Realität mit ihren gelbgrauen Raucherfingern und dem schlechten Atem nach zuviel Kaffee und Magensäure stellen? Ha! Von wegen! Nicht mit mir. Wenn ich lügen muss, um meinem Leben und der Welt um mich herum mehr Glam, mehr Sex, mehr Pink zu verleihen, dann mache ich das. Wenn ich auf einer Kanonenkugel durch mein Viertel reiten will, mache ich das, wenn ich den Hirsch mit dem Kirschbaumgeweih abknallen will, um ein Festmahl zuzubereiten, soll es so sein. Entschuldigung, Kirschhirsch. Die Gedanken sind frei. Hieß es nicht so?


Ich greife in den Karton und nehme die Leckmuschel heraus. Wozu die nur gut sein soll? Dann fällt mir ein, dass die Omama mir einst erzählte, dass Muscheln und Perlen die Wahrheit und die Reinheit symbolisieren. Ich drehe das weiße Gebilde hin und betrachte das glänzende, zuckrige Rot in der Mitte. Die Wahrheit sieht verführerisch aus. Riecht auch gut. Ich lecke dran. Schmeckt nach nichts.


Dann schlurfe ich ans Fenster, sehe raus in die Brühe und beobachte die mit Pailletten bestickten Einhörner, die mit den Pennern auf der Straße Hüpfkästchen spielen. Ich wette, die Einhörner gewinnen.

September 9, 2009 - Wednesday 

Current mood:  catalyzed

und weiter geht die wilde fahrt...


Ich trotte ihm nach ins Badezimmer, ein kleiner Raum, der mit Tourplakaten tapeziert ist. Tourplakaten von guten Bands. Und Comics. Und Zetteln, auf denen irgendwelche Sätze geschrieben stehen, die ich nicht lesen kann. Doch. Das Post-It über dem Lichtschalter kann ich entziffern. „Liebe sucks. Wenn ich könnte, würde ich Sex heiraten.“ Ich starre auf das Post-It, dann auf den Typen, dem die Situation unangenehm scheint.

„Auch von deiner Mitbewohnerin?“

„Äh.. ja.“ Sein Kopf ist rot und ich freue mich, dem Möchtegern-Poeten einen verpassen zu können.

„Dachte ich mir. Is’ beides gleich kacke.“ Er sieht wütend aus mit seinen zusammengezogenen Augenbrauen und dem verkniffenen Mund. Die Luft in dem Badezimmer ist stickig, die Heizung bollert volle Kanone. Der Junge zeigt auf die Dusche.

„Bedien dich.“ Dann dreht er sich um, schließt die Tür hinter sich und lässt mich allein.

Ich setze mich aufs Klo, atme tief durch, lasse meinen Kopf auf die Oberschenkel fallen, halte ihn mit den Händen umklammert, als würde er abfallen, wenn ich ihn nicht festhielte. Mir tut alles weh. Dann fange ich an, mich auszuziehen. Erst den Schal, dann die Jacke, die Stiefel, die Wollstrumpfhose, den Slip, dann das Kleid, das ich mir am liebsten vor Ekel vom Leib reißen würde, zum Schluss das Bikini-Oberteil. Obwohl es fast heiß ist hier drin, habe ich eine Gänsehaut. Ich stelle mich vor den Spiegel und muss fast lachen, als ich das nackte, zitternde Elend darin sehe. Was für ein erbärmliches Stück ich sein kann. Und wie hässlich. Ich nehme einen großen Schluck aus der Bierflasche. Noch einen. Die Haare sind struppig und vom Wind verzaust, meine Lippen rau und kalkweiß, die Nase ist dafür umso röter und das, was vor einigen Stunden mal verdorben schöne Smokey Eyes waren, sieht aus wie ein schwarz verschmierter Haufen Scheiße. Noch ein Schluck. Mit der Nivea-Creme, die auf dem Waschbeckenrand steht, und Klopapier versuche ich, das Geschmiere zu entfernen, aber es geht nur schwer und ich muss viel und heftig reiben. Jetzt sind meine Augen gerötet, aber endlich wieder nackt. Sauber. Ungeschminkt mag ich mich sonst nicht, ohne angemalte Wimpern gehe ich nicht mal zum Kippenholen zur Bude, aber die Olle mit dem ausdruckslosen Gesicht im Spiegel gefällt mir. Weil sie hier reinpasst, in dieses Möchtegern-Rock’n’Roll-Badezimmer, das trotz Tourplakat-Armada und doofen Sprüchen an den Wänden so anständig und solide erscheint wie weniges, das ich in den letzten Monaten gesehen habe. Nur, weil du ..nen Parka trägst, biertrinkend durch die Nacht läufst und abgefuckte Mädchen in deine Butze schleppst, bist du noch lange nicht Punkrock, fremder Junge, denke ich und frage mich gleichzeitig, woher plötzlich diese Antihaltung meinem Retter gegenüber kommt. Selbstschutz, würde Meike bestimmt sagen, weil ich ihn ja doch nett finde und er sich bestimmt über mich schlapplacht. Vielleicht ekelt er sich ja sogar vor mir. „Ach. Drauf geschissen“, sage ich laut und „Oh!“, als ich merke, dass ich es nicht nur gedacht habe. „Nochmal drauf geschissen“, grummel ich. Mir doch egal, ob das einer hört. Vorsichtig und auf meinen wackeligen Besoffski-Beinen steige ich in die Dusche, drehe das Wasser an, das ziemlich schnell aufheizt, und stelle mich unter den heißen Strahl, die müden Augen geschlossen, und genieße das Gefühl, in Sicherheit zu sein, die Wärme, alles.

Nach gefühlten zwei Stunden, tatsächlich vielleicht 15 Minuten, bin ich geduscht, meine Haare sind gewaschen. Ich dufte jetzt männlich-herb und schön frisch, sagt die Flasche mit dem Waschgel drin. Stimmt. Ich schnuppere an meinem Arm und bin begeistert. Das grüne Handtuch ist hart, aber ich mag das. Dann versuche ich, meine Haare mit dem einzigen Kamm, den ich finden kann, zu entwirren, haue mir Deo unter die Achseln und ziehe das schwarze Shirt an, das glücklicherweise lang genug ist, um meine Unterhose darunter verschwinden zu lassen. Das Kleid wasche ich in der Dusche aus, bis der letzte Rest Kotze im Abfluss verschwindet, seife es mit dem männlich-herben Duschgeltraum ein, spüle den Seifenschaum gründlich ab, wringe alles aus und hänge es zum Trocknen über die Heizung. Mit einem Zug leere ich die Bierflasche, rülpse mein Spiegelbild so laut ich kann an und packe meine Klamotten zusammen. Zeit, meinem Helden zu danken. Zeit, endlich schlafen zu gehen.

Der Junge sitzt noch immer in der Küche, rauchend, vor sich die halbleere Flasche Bier. Er liest in einem Buch. Natürlich. Solche Typen lesen immer Bücher. Oder Zeitung oder politische Flugschriften. Typen wie ich schalten, sobald sie nach Hause kommen, den Fernseher ein, lassen sich von irgendeinem x-beliebigen Trash-TV-Mist berieseln und freuen sich ein Loch in den Bauch, wenn Frauke Ludowik mit Mitleidsmiene erzählt, dass Sarah Connor Schweißfüße hat.

„Hallo“, sage ich leise.


so. jetzt erstmal nachdenken, wie's weitergehen soll... ideen, anyone?

September 1, 2009 - Tuesday 

Current mood:  groggy

will mir ja nicht nachsagen lassen, ich würde meine geschichtchen nicht fortsetzen... teil 2 der story fehlt aber. also.. ich hab ihn hier, zeig ihn euch aber nicht. ätschibätsch. könnt ihr euch selbst ausdenken, was in der zwischenzeit passiert ist. go for gold, bitches.


Wir reden nicht viel, während wir durch die Nacht streifen, die plötzlich gar nicht mehr mein Feind ist, ich immer zwei Schritte hinter ihm, weil meine Beine viel kürzer sind als seine und mit seinem Tempo nicht mithalten können. Das Bier schmeckt schal, aber ich trinke es trotzdem. Der Alkohol tut gut und ich merke, wie die Kopfschmerzen nachlassen. Ich beobachte ihn heimlich und frage mich, ob diese Nacht eine gute Nacht für ihn war. Glücklich wirkt er nicht, nachdenklich eher. Manchmal bleibt er stehen, fährt sich mit einer nachlässigen Geste durchs Haar, dreht sich zu mir um und sagt so was wie „Na los.“ Er versucht, es freundlich klingen zu lassen, aber ich merke, dass es ihn nervt, auf mich zu warten. Also gebe ich mir Mühe und treibe meine müden Beine an, jetzt nur nicht schlappzumachen. Vielleicht hatte er Streit mit seiner Liebsten. Oder er hat versucht, ein Mädchen abzuschleppen, das ihm eine Abfuhr erteilt hat und nun lastet der verletzte Männerstolz schwer auf seinen schmalen Jungsschultern.

Als wir vor dem Haus ankommen, in dem er wohnt, werde ich doch etwas nervös. Während er versucht, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, sieht er mich noch einmal an, etwas zu eindringlich, wie ich finde, etwas zu prüfend.

„Nur übernachten“, sage ich noch einmal. Mir ist die Situation unangenehm.

„Haste schon gesagt."

Verlegen beiße ich mir auf die Unterlippe. Der Typ muss mich für eine Idiotin halten. Was ist denn schon dabei? Ich werde die Nacht hier in der Wohnung dieses Jungen verbringen, der sich seit einer Stunde mehr als aufmerksam um mich kümmert und dem es anscheinend egal ist, wie ich aussehe. Der vielleicht einfach ein guter Mensch ist. Außerdem ist es ja nicht das erste Mal, dass ich jemanden, den ich erst wenige Stunden kenne, von dem ich normalerweise gerade einmal weiß, wie er schmeckt und wie sich seine Hände auf meinen Hüften anfühlen, nach Hause begleite.Als ich sehe, dass meine Hände zittern, stecke ich sie schnell in die Taschen meiner Jacke. Da höre ich, wie der Schüssel im Schloss einrastet.

„Hereinspaziert“, sagt der Junge und hält mir die schwere alte Haustür auf. Wir schleichen durch den Flur, dessen Wände beschmiert sind, der dunkel ist und nach nassem Hund riecht.

„Wo is’n hier Licht?“

„Ist kaputt.“

Müde schlurfe ich hinter ihm die Treppe hinauf. Einmal stolpere ich über meine eigenen Füße und haue mir den rechten großen Zeh an den steinernen Stufen an. „Aua! Scheiße….“ Meine Stimme hallt unangenehm laut durch das Treppenhaus.

„Sei leise, verdammt“, zischt er und wirft mir einen strafenden Blick zu, der mich sofort die Schnauze halten lässt. „Das hat weh getan“, murmle ich und ärgere mich, dass der Schmerz nicht zum Humpeln reicht. Dann würde diesem Blödmann vor mir sein Getue schon leid tun. Also ziehe ich mein Bein extra nach und stöhne leise, während ich mich in den vierten Stock schleppe. Da wohnt der Junge, der so böse gucken kann und der auf mein kleines Schauspiel nicht mal mit einem Wimpernzucken reagiert. Als wir vor seiner Wohnung angekommen, schlägt mein Herz trotz der Erschöpfung wie verrückt und ich habe Angst, dass er es in der Stille des Hausflurs hört.

„Sei nicht so nervös“, sagt er und lächelt. „Nur übernachten.“ Er hat es gehört. Ich beiße mir auf die Unterlippe und würde mein Herz gern in einen Eimer mit Watte packen, um das verräterische Gewummere zu ersticken.

„Ich bin nicht nervös, Mann.“

„Bist du wohl. Und hör auf, dir auf der Lippe rumzukauen, das nervt.“ Als er nach meiner Hand greift, zucke ich kurz zurück, dann sehe ich die schwarzen Schatten unter seinen Augen, die sein Gesicht alt erscheinen lassen, und habe sofort wieder Vertrauen. Er zieht mich hinter sich her in die Wohnung. Mit einem routinierten Griff und ohne Vorwarnung knipst er die Flurleuchte an. Ich kneife die Augen zusammen, weil die Helligkeit mich blendet und während ich noch da stehe, in diesem fremden Flur und versuche, mich ans Licht zu gewöhnen, während sich die Wärme der Wohnung in meine eiskalten Beine frisst, verschwindet er in irgendeinem Raum. Weil ich keine Ahnung habe, was ich machen soll, ihm wie ein Hündchen folgen, selbst losziehen oder warten, bis er mich abholt, sehe ich mich erst einmal um. Das Nachdenken fällt mir schwer. Lieber bleibenlassen. Nur gucken. Die Wohnung ist hell, die Decken sind hoch, der Boden ist mit diesem schäbigen hellen Laminat belegt, auf das alle so abfahren und das ich so fürchterlich nichtssagend finde. An den Wänden hängen Poster von den Toten Hosen und Rihanna und ich frage mich, wo ich hier nur gelandet bin.

„Die gehören meiner Mitbewohnerin“, sagt der Junge da, als hätte er meine Gedanken gelesen.

„Was?“

„Die Poster. Willst du nicht langsam mal reinkommen?“

„Ja, klar“, antworte ich und frage mich, wann ich mich zum letzten Mal sotrottelig gefühlt habe. Ich folge ihm in den Raum, in dem er vorhin verschwunden ist. Die Küche, klar. Er steht an einen Schrank gelehnt, rauchend. Seinen Parka hat er über einen Stuhl geworfen, seine Schuhe liegen achtlos weggeworfen unter der Heizung. Wie bestellt und nicht abgeholt stehe ich im Türrahmen und glotze ins Leere. Mein Gesicht fühlt sich an wie eingefroren. Während ich meinen Unterkiefer hin- und herschiebe, um zu überprüfen, ob noch alles funktioniert, geht er zum Kühlschrank, nimmt zwei Flaschen Bier raus und fragt: „Auch noch eins? Schmeckt diesmal auch.“

„Ja“, sage ich und räuspere mich. Ich nehme die Flasche, die er mit seinem Feuerzeug geöffnet hat, drehe den Kopf zur Seite, schaue zu Boden und versuche, den Jungen nicht anzusehen. Das alles ist mir peinlich, mein verheultes und verschmiertes Gesicht, mein ganzer Aufzug. Betrunken bin ich auch wieder. Und ich kann Björns Kotze riechen. Mir ist schlecht.

„Willst du duschen?“

„Ich hab nichts zum anziehen.“

„Kannst ja zum Schlafen was von mir nehmen. Soll ich das Kleid waschen?“

Er will mein Kleid waschen? Der hat sie doch nicht alle, denke ich mir. Ich würde das nie für einen Fremden machen. Wahrscheinlich nicht mal für einen Freund.

„Nee, lass mal. Mach ich schon. Aber ein T-Shirt wäre cool.“

„Ich hol dir eins. Warte.“

Noch bevor ich drei Schlucke getrunken habe, steht er schon wieder vor mir, in der rechten Hand ein schwarzes Shirt, in der linken ein grünes Handtuch.

„Hier.“

„Du bist aber schnell“, sage ich, klemme mir beides unter den Arm und denke: Wohl Angst, dass ich was klauen könnte, was? Lalle ich etwa?....

„Nur gut organisiert“, sagt er, checkt mich wie vorhin schon mal von oben bis unten ab und grinst belustigt. Ich lalle.

„Willst du dein Bier hierlassen, wenn du duschst?“

„Nein. Ich will’s mitnehmen.“ Meine Stimme klingt trotzig, dabei will ich das gar nicht. So klingen. Nett will ich klingen und höflich. Aber sein fürsorgliches Getue, das mich da draußen, in der rabenschwarzen Nacht, so beruhigt hat, macht mich rasend. In dieser warmen, hellen Wohnung mit dem Rihanna-Poster an der Flurwand lauern keine Gefahren, hier brauche ich keinen Beschützer. Der Alkohol macht mich vorlaut. Und träge. Meine Augenlider fühlen sich tonnenschwer an.

„Okay. Komm mit.“


............

... uuuuund in der nächsten folge von "kotze - der film": das matrosenmädchen schminkt sich ab und duscht sich! und palavert drei stunden am stück da drüber! unglaublich! menschen, tiere, sensationen!!!


....

August 28, 2009 - Friday 

Current mood:  pissed off

das wird wohl zu lang für einen blog. also nur ein häppchen. zum kosten.


Käthe war eine hübsche junge Dame. Alles andere als ein Fotomodell oder ein Mannequin, das wohl, aber mit so viel kleinen charmanten Makeln auf einem Haufen, dass man sie hinreißend finden musste. Ging gar nicht anders. Das süße Käthchen, das neben den hochgewachsenen Schönheiten aus dem Viertel viel zu kurz geraten wirkte, dessen Ohren ein bisschen zu weit abstanden, dessen Augen zu groß waren für das winzige Gesicht und das durch die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen „La Paloma“ pfeifen konnte. Aber das mit 15 schon so kokett war wie die übertrieben geschminkten Damen in der verruchten Bar „Zur roten Laterne“, in deren Fenstern des Nachts immer die roten Blinkeherzen so einladend leuchteten. Zu schade war Käthe sich selten, etepetete wie ihre Cousine, die feine Jette, wollte sie nie sein, das verabscheute sie, und so machte sie sich gern die Hände schmutzig, wenn alle anderen „Igittigitt!“ schrien. Und sie verschenkte ihr Herz, wann immer ihr danach war. Einmal schenkte sie es dem Bauernjungen Paul mit den roten Haaren, der ihr immer so sehnsüchtig nachglotzte, wenn sie auf dem Weg in die Stadt am Hof seines Vaters vorbei radelte. Paul war es schrecklich peinlich, dass stets ein Hauch Kuhscheiße und Hühnerfurz in der Luft lag, wenn er seiner Angebeteten begegnete. Aber Käthe küsste seine Bedenken einfach so weg. „Scheiß auf die Kuhkacke und die Eierdinger“, hauchte sie und sagte ihm dann, er habe die schönsten braunen Augen, die sie je gesehen habe. Das war nicht mal gelogen. Auch wenn sie dem schönen Heinz gestern noch etwas ähnliches gesagt hatte. Aber der hatte nun mal die schönsten grünen Augen, die Käthe je gesehen hatte.

Die Mädchen im Viertel zerrissen sich die Mäulchen über das Mädchen mit den Segelohren, das so anders war als sie. So unanständig und liederlich. Flittchen nannten sie sie manchmal und sahen sich dann verschämt um, ob sie auch ja niemand gehört hatte. Flittchen sagt man nicht laut.

Käthe wusste das, sie war ja nicht aus Dummsdorf, und eigentlich war es ihr egal. Aber da war gestern dieser Junge gewesen, der Neffe von Metzger Franz, ein Matrose, fast zu schön, um wahr zu sein, und er hatte sie so seltsam angesehen, als der Schlachter ihr ein Stück Fleischwurst geschenkt und dabei ihre Hand eine Sekunde zu lang festgehalten hatte. So, als wüsste er von all dem Gerede und ein bisschen so, als würde er sich vor ihr ekeln. Käthe hatte verlegen auf ihre Schuhspitzen gestarrt und sich geschämt. Dann hatte sie sich die Fleischwurst in den Mund gestopft und war davon gerannt. Geheult hatte sie nicht, nein, das war nicht ihr Metier, wie Mama immer sagte. Nein, das war es wirklich nicht und lieber hätte sie sich den großen Zeh abgehackt, als vor anderen Leuten salzige Suppe aus ihren Augen tropfen zu lassen. Aber durcheinander war sie. Nicht schön durcheinander, sondern dumm. Die Blicke des Matrosen hatten sie verunsichert. Zuerst. Jetzt machten sie sie wütend.

„Was bildet der sich eigentlich ein!“ schimpfte Käthe laut und stampfte mit beiden Füßen auf dem Boden auf. Dann schwang sie sich auf ihren grünen Drahtesel und sauste mit scharlachroter Rübe in die Stadt. Den Matrosen zur Rede stellen wollte sie, jawolljaja.

„Guten Tag, Herr Franz“, sagte sie mit fester Stimme, als sie die Metzgerei betrat.

„Guten Tag, Fräulein Käthe. Was kann ich für Sie tun?“ Der Metzger musterte Käthe unverhohlen, in seinen stumpfen Schweinsaugen blitzte es.

„Ich möchte bitte Ihren Neffen sprechen. Diesen Matrosen.“

„Soso. Jaaaaaaakob!“, schrie Herr Franz da. Seine Wangen glänzten rosig von Fett und Schweiß.

Wäh, dachte Käthe angeekelt. Wie konnte ich nur?

„Ja?“ Der schönste Kopf der Welt lugte hinter der Tür, die zur Schlachterei führte, hervor.


fortsetzung folgt... vielleicht.

May 23, 2009 - Saturday 

Current mood:  pugnacious

Der Boden, auf dem es sitzt, stinkt nach Ei. Mit einem Messer versucht es, die weißen Klumpen und den gelben Glibber aus den Holzritzen zu pulen. Aber es ist schwieriger als gedacht. Stattdessen jagt es sich bei seinen tollpatschigen Aufräumversuchen einen Splitter in den Mittelfinger der linken Hand. Ungeschicktes Ding. Aber es weint nicht oder zetert. Ganz ruhig sieht es sich die Bescherung an, dann steht es auf, geht zur Kramschublade und sucht nach diesem Nähset-für-ungeschickte-Dinger, das die Frau Mama ihm mal geschenkt hat, zieht die größte der Nadeln aus dem Stoff und setzt sich wieder auf den Fußboden, der nach Ei stinkt. Mit der Nadel versucht es, den Splitter aus dem Finger zu operieren. Aua. Gestochen. Wenn ich nur hinter den Splitter komme, dann vielleicht… Auch gar nicht so einfach. Es legt die Nadel beiseite, nimmt den störrischen Patienten zwischen Daumen und Zeigefinger der guten Hand und quetscht, bis das Blut kommt. Platsch. Es ist kein Fingerblut, das da auf den Boden vor ihm geklackst ist, wäre ja zu schön. Stattdessen ein dicker Tropfen Rotze. Ein weiterer hängt aus seiner Nase, ready for Absprung. Es wischt den Schnodder weg. Toll, Matrosenmädchen. Das war doch die splitterige Bluthand, wie du jetzt nur wieder aussiehst. Aus seiner Tasche, die neben ihm liegt, kramt es die Puderdose hervor und glotzt in den Spiegel. Die Haare sind zerrauft, die Lippen rau und kalkweiß, die Nase ist dafür umso röter und das, was noch vor einer Stunde verdorben schöne Katzenaugen waren, sieht jetzt aus wie ein schwarz verschmierter Haufen Scheiße aus Wimperntusche, Kajal und Lidschatten. Quer über die Wangen zieht sich eine blassrote Blutspur. Wie hässlich du aussehen kannst, Matrosenmädchen, sagt es zu sich selbst und macht sich dann wieder daran, die Überreste des Frühstückseis aus den Holzritzen zu kratzen.

 

Eigentlich war das, was er sagte, gar nicht so schlimm. Es war nicht nett, aber es war kein Weltuntergang. Normalerweise hätte es ihm für seine Worte höchstens einen Tag Kajütenverbot erteilt oder ihm in Gedanken eine Kopfnuss gegeben oder ihn mit nacktem Arsch an den Fahnenmast gehängt, und in echt gesagt: „Ja. Genau, du kleiner Racker.“ Schließlich ist so ein Beef unter heißblütigen Matrosen nichts Schlimmes. Kräftemessen und auf einander mit Gebrüll und so. Stattdessen hatte es gemerkt, wie ihm die salzige Brühe in die Augen stieg und es hatte sich maßlos darüber geärgert und das hatte alles nur noch schlimmer gemacht.

„Verpiss dich, du.. du.. DU!“

„Mach ich auch!!!“

„Ja, mach auch!!!“

„Ich muss hier raus, ich halte dich keine Sekunde länger aus!“

Es spürte die Wut in sich so hohe Wellen schlagen wie lange schon nicht mehr, und ein Teil von ihm, der mit all dem Gezanke und Geschrei nichts am Hut hatte, weil er weit weg in Unterbewusstseinshausen wohnte, dachte sich: Na, und wenn wir jetzt noch auf und ab hüpfen, schwappt uns die Raserei gleich zu den Ohren raus.

„Meld dich, wenn du wieder klarkommst“, sagte der Matrose, knallte die Haustür hinter sich zu und ließ das Mädchen, auf dessen Stirn in blinkender Schrift „Geh nicht!“ geschrieben stand, mit seiner zittrigen Unterlippe und den Puddingknien stehen.

„Aaaaaaaaaah!!!“, schrie es da und griff blind nach irgendetwas, das es mit voller Wucht zerschmeißen konnte. Zu seinem Unglück war es das Fünf-Minuten-Frühstücksei des Freundes. Klatsch. Das Eigelb spritzte in klebrigen Schlieren an die Wand, das Eiweiß verteilte sich zu seinen Füßen. Es wusste nicht warum, aber mit einem Mal quoll die Suppe aus seinen Augen, der Schnodder lief ihm aus der Nase und seine Wangen brannten, als hätte man sie stundenlang mit der Nagelbürste bearbeitet. Oder mit Eisenwolle. Aua aua. Wie ein kleines Gör hockte es da nun und weinte und weinte und fragte sich, wann seine Augen von all den salzigen Tränen endlich verkrusten und für immer zuschwellen würden. Dann würde es der Junge finden und er würde schreien vor Schmerz und sein Herz würde brechen.

Und es fragte sich, ob es vielleicht doch gar nicht so anders sei als die anderen, über die es manchmal heimlich lachte. Die mit den sensiblen Seelen und dem vernarbten Inneren, mit denen es so herzlich wenig anfangen konnte, weil es sich mit fremdem Schmerz nicht abgeben wollte. Hat man selbst schließlich genug von, und wer weiß, ob so etwas nicht ansteckend ist. Es fragte sich, ob es sich selbst nicht etwas vormachte, wenn es immer und immer wieder betonte, wie wenig verletzlich es sei. Und wie unsensibel, haha. Und wie anders als der Emotion-Mob. So ein Etikettenschwindel, dachte es sich da. Und dass sich Weinen und Auf-dem-Küchenboden-zusammenbrechen eigentlich ganz schön anfühlte. Musste es sich wenigstens mal nicht zusammenreißen und die harte Drecksau spielen, sondern konnte einfach mal… nun… schwach sein. Weich. Wie ein weicher Keks.

Buhuhuhuhu, schluchzte das Keksmädchen da und während es seine Knie fest umklammert hielt, ging ihm ein Gedanke durch das zerrupfte Köpfchen. Dass Schwachsein, in Maßen genossen, nämlich gar nicht so schlimm sei. Dass es vielmehr tröstete und beruhigte. Und dass ein wenig Weakness zeigen seiner Seele ganz gut täte. Weil es sich wie Schmiere über alles legte, wie ein Film, der alles glitschig und geschmeidig macht. Und weil die große Fresse in Wirklichkeit manchmal eben doch nicht mehr ist als ein bisschen Schluckauf.

 

Es wird den Boden wischen müssen. Der Eigeruch will einfach nicht verschwinden. Und jetzt tut ihm auch noch der Finger weh. Die Stelle, an der sich der Splitter ins Fleisch gebohrt hat, ist knallerot und pulsiert wie blöd. Aua aua aua. Hm. Da reicht es dem Matrosendings. Es nimmt die Nadel und stochert und drückt und piekst. Und als es denkt, dass alle Versuche vergebens waren, bekommt es den Splitter zu fassen und entfernt den Störenfried vorsichtig aus der jetzt nicht mehr splittrigen Bluthand. Hurra. Nur wie es diesen Text beenden soll, weiß es nicht. Es überlegt hin und her, aber nichts Gescheites will ihm einfallen. Vielleicht sollte es jetzt doch noch mal betonen, dass es eigentlich ein sehr starkes Persönchen ist. Sein Schwimmerkreuz erwähnen oder wie es sich mal fast mit diesem besoffenen Typen geprügelt hätte. Immerhin hat es einen Ruf zu verteidigen.

„Ach nein, das gefällt mir alles nicht.“

Aber was hast du denn nur, Matrosengirl?

„Ich weiß nicht recht.“ Es sitzt noch immer da, schrecklich dérangiert, mit seiner rabenschwarz verschmierten Visage und sieht traurig und mit großen Augen vor sich hin. „Ich kann gerade einfach an nichts denken. Es ist nur…“ Pause. „… ein kleiner Schwächeanfall.“

Dann leckt es sich einen letzten Rest Blut vom Finger und lacht.

 

 

May 13, 2009 - Wednesday 

Current mood:  excited




Neulich in der Damenumkleide der Muckibude. Während ich mich an meiner flauschigen Armbehaarung erfreue, die nach dem Duschen immer so schön vom Arm absteht, wird die Tür aufgerissen. „Halloooo!“ flötet ein Trupp ausgelassner Nymphchen und hüpft beschwingt an mir vorbei.

„Hallooo!“ flöte ich zurück und kraule den Kunstrasen auf meinem Unterarm. Die Pilatesgirls. Zeit lassen mit dem Anziehen. Die sind lustig.

Schneller als ich „piep“ sagen kann, haben sich die Damen ihrer multifunktionalen Sportbekleidung entledigt und bevölkern nackig den engen Raum der Umkleide. Ich stelle fest, dass es große physische Unterschiede innerhalb der Gruppe gibt: auf der einen Seite die Fitness-Studio-Herrenrasse, hochgewachsene, durchtrainierte Amazonen mit schimmernder, babyglatter Karamellhaut, auf der anderen Seite der Mob: gnomige Muddis, käsig weiß, mit ordentlichem Mumubusch. Au backe. Ich riskiere einen Blick in meine U-Hose. Mist. Muschi hat Dreitagebart. Und klein und weiß bin ich auch. Nicht mal Pilates mache ich. Keine Herrenrasse also. Sondern pumpender Pöbel.

Was die Girls jedoch eint, sind ihre lauten Stimmen, die kichern und Blödsinn schwallern, als gebe es kein morgen.

„Der Sören ist ja sooo ein guter Trainer“, stellt da eine Amazone mit Nippeln so groß wie Pizzatellern fest. „Der ist so toll braun und hat so einen süßen Knackarsch… hihi… mit dem würde ich aber auch gerne mal… na, ihr wisst schon!“ Die Amazone zwinkert den anderen verschmitzt zu. Dir würde ich gerne mal, hihi, na, du weißt schon… die Nippel zwirbeln! Ha, das wäre ein Spaß.

„… Genital-Samba tanzen!!! Hahahaaaa!!!“ War ja klar, dass diese derbe Schote von der Proletarierfront kommen musste. Man kennt das. Während sich die Elite in vornehmer Zurückhaltung übt, kloppt das Pack eine Obszönität nach der nächsten raus. … Genital-Samba. Geil.

Unter hysterischem Gegacker und mit wogenden Arschbacken watscheln die Pilatesgirls Kolonne zur Dusche. Warum binden die sich eigentlich keine Handtücher um? Einen Moment lang denke ich, oooh, hoffentlich werde ich nicht blind!, dann finde ich den Gedanken albern und beschließe, mich nicht so anzustellen und zu gehen. Ich knalle die Tür meines Spindes zu und will mich gerade verdrücken, als ich es aus dem Vorraum der Dusche raunen höre: „Die ist so komisch. Ich hab die noch nie in einem Kurs oder im Bistro gesehen. Die trainiert immer nur an den Geräten und dann haut die ab.“

„Ja, stimmt. Die ist ’ne ganz Komische. Die hat auch so’n breites Kreuz.“

Ach herrjemine. Die meinen mich.

Draußen angekommen, setze ich mich ins Auto, und während Alkaline Trio davon singen, dass sie es jetzt sofort unter der Straßenlaterne treiben wollen, fange ich an, nachzudenken.

Die Pilatesgirls mögen doof sein, aber sie sind echte Frauen. So richtige Weibsbilder, wie sie im Bilderbuch stehen. Durch und durch gesellig, immer auf dem neuesten Stand, was Klatsch und Tratsch über die Bitches aus der Nachbarschaft betrifft, laut, gehässig, zickig, öhm… körperbetont, glitzerig und schweinepink – Frauen halt. Ich sehe an mir runter. Optisch bin ich auch eine, keine Frage. Eine ganz ordentliche sogar. Aber so innen drin… da ist nichts mit Glitzer und Schweinepink – da ist alles aus Dreck und Stahl und blutigem Gedönse.

„Du bist auch haarscharf dran vorbeigeschrammt, ein Typ zu werden!“ sagte mir erst kürzlich ein Freund, mit dem ich mich sehr gerne betrinke, und klopfte mir dabei anerkennend auf die Schulter. Vor Stolz wurde mir ganz schwummerig. Jetzt erscheint mir die Äußerung zweifelhaft. Dabei ist es nicht so, dass ich ein Mannsweib wäre. Mitnichten.

Ich bin zu zwei Drittel Girl und zu einem Drittel Typ. Ich habe keine Ahnung von Fußball, dafür aber vom Liebesleben der A- bis Z-Prominenz. Ich liebe es, mich zu schminken, feine Kleider zu tragen und mich hübsch zu machen, nicht nur, wenn ich tanzen gehe. Damen, die sich nicht schminken, finde ich unheimlich. Wann ich mit meinem kleinen Matrosenmädchenpopo wackeln muss, um dem Nachbarsjungen die Tränen in die Augen zu treiben, hatte ich schon mit 14 drauf. Ich quieke, wenn ich Tierbabys sehe, liebe es, über doofe Schnallen zu lästern, schmolle, wenn ich nicht sofort meinen Willen kriege, überfrachte Mails gerne mit Lachdingern und Herzen, und nach Gruselfilmen traue ich mich nicht allein aufs Klo. Mädchen halt.

Meine jungenhaften Features: Bier trinken kann ich wie ein Weltmeister, ich ergreife schreiend die Flucht, sobald jemand auch nur das Wort „Liebeskomödie“ erwähnt, bin draufgängerisch, könnte Stunden damit zubringen, mir eklige Wunden aus der Nähe anzusehen, bin blechgeil und mein Steak sollte möglichst noch aus allen Poren bluten, wenn es neben den Pommes und der völlig überflüssigen Salatgarnitur auf meinem Teller Platz nimmt.

So weit, so geil. Aber dieses ganze Frauenzeug… ein Nest bauen, mit einem Weidenkörbchen auf dem Wochenmarkt Biomöhren und angstfrei aufgewachsene Kartoffeln shoppen, über Schleimklumpen im Menstruationsblut diskutieren, meine Hochzeit planen, über die Freizeitgestaltung meiner ungeborenen Kinder nachdenken, Tupperpartys veranstalten, meine Weiblichkeit zelebrieren, indem ich mich mit anderen Uschis in zweifelhaften Etablissements besaufe („Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack zack! Hahaha!“) und anschließend irgendwelchen Dorf-Vollhorsten unter ordinärem Gegröhle meine Möpse unter die Nase reibe… das kann ich einfach nicht. Nicht, dass ich das alles schlecht finde. Das mit den Möpsen und den blutigen Schleimklumpen finde ich ganz gut. Aber es ist nicht… ich. Ich bin das mit dem Steak, dem Bier und dem dezenten Arschwackeln. Laut bin ich nun mal nicht und irgendwie gehört Lautsein zum Frausein dazu.

„Ach Matrosendings. Du kannst doch nicht ewig ein Mädchen bleiben. Oder dich wie ein ungezogener Junge aufführen.“ Hallo kritische Stimmen in meinem Kopf. Lange nicht gehört.

„Doch. Kann ich wohl.“

„Aber irgendwann wird das albern!“

„Mir egal.“

„Vielleicht bist du ja nicht selbstbewusst genug, dich deiner fraulichen Seite zu stellen.“

„Bin ich wohooohl.“

„Du bist so voller Vorurteile! Frausein bedeutet doch nicht zwangsläufig zu Tupperpartys zu gehen oder die Vorstadtschlampe zu geben. Es bedeutet stark zu sein.“

„Lalalalalaaaa!“ Ich halte mir die Ohren zu und tu so, als würde ich die Stimmen nicht mehr hören. Mache ich aber nur, weil ich weiß, dass sie recht haben und mir das peinlich ist. Manchmal beneide ich die Ladies um mich rum schon sehr dafür, dass sie so selbstverständlich in ihren High Heels durch die Gegend stöckeln, im Restaurant mit fester Business-Stimme das Schamhaar im Salat reklamieren und mit ihren akkurat gesträhnten Mähnen so unverschämt aufgeräumt aussehen. Kann ich nicht, hab ich nicht.

Und nu? Was mache ich denn jetzt? Vielleicht sollte ich klein anfangen. Ich krame mein Handy aus der Tasche und rufe meinen besten Freund an. Tuuut. Tuuut. Klick. „Ja bitte?“

„Hallo bester Freund!“, brülle ich ins Mobiltelefon.

„Hallo Matrosenherzblatt! Was gibt’s?“

„Lieber bester Freund. Ich muss dir ganz dringend was erzählen. Von meiner Muschi, einem Riiiiesenschleimklumpen und ganz viel Blut!“

Und während ich meinen besten Freund am anderen Ende der Leitung leise würgen höre, freue ich mich gar sehr. Gar nicht so übel, so Frausein.

April 13, 2009 - Monday 

Current mood:  blah
................

Auf dem Boden ein Berg aus alter Wäsche, neuen Kleidern,
Strümpfen, die nicht zusammenpassen, Staubflocken und Magazinen. Vor mir auf
dem Tisch noch mehr Magazine, Bierflaschen, ein leerer Pizzakarton, Bilder von
Tätowierungen, eine Vase mit Tulpen darin, die ihre Farbe verlieren. Neben mir
auf dem Sofa zwei Wolldecken, CDs, die ich mir anhören wollte, ein altes
Mad-Heft, die GEZ-Mahnung. Ich sollte aufräumen. Aber ich kann nicht. Die
Trägheit hat ihren Kopf auf meinen Schoß gelegt und sieht mich an. „Ist es
nicht schön so?“ fragt sie und ich möchte ihr in die hässliche Visage spucken.
Nein, denke ich und balle meine Hände zu Fäusten. Verpiss dich endlich. „Ja. Ist
gemütlich.“, sage ich. Und während ich über ihre pockennarbige Stirn streiche,
schließe ich die Augen und denke an dich. An das Chaos, das du wieder mal in
mir hinterlassen hast. Ich sehe das Gebirge von vollgeschnodderten Rotzfahnen
auf dem Boden und finde es schrecklich eklig. Ich werde es später wegräumen. Ich
höre mich schreien und zetern und heulen und Sachen sagen, die ich sonst nie
sage. Die ich bisher nicht mal gedacht habe. Dass eine Freundschaft doch viel
mehr ist, als gemeinsam shoppen zu gehen und nachts um fünf mit verschmiertem
Fuckface Burger zu fressen. Dass ich deine Zeit will, viel mehr als du mir
geben kannst, und dass du dich für mich interessierst. Dass du mir mitfühlend durchs
Haar streichelst, wenn du siehst, dass ich mir mal wieder die Nase blutig
geschlagen habe, als ich gegen die Wand gelaufen bin. Mal wieder. Vielleicht will
ich, dass du mich vor der Wand warnst und sie einreißt für mich. Oder
wenigstens mir zu Ehren ein Graffiti mit meinem Namen darauf malst. Ich will so
viel und ich werde nicht müde, es dir in deine hinreißenden Ohren zu brüllen.
Aber du hörst mich nicht. Du siehst mich an und lächelst und weißt, dass ich
dir verfallen bin. Dann bringst du mich zum Lachen und ich hasse dich dafür.
Weil wir wieder nicht geredet haben, weil du mich wieder rumgekriegt hast, ohne
dich dem Gewitter stellen zu müssen, das seit Monaten in mir tobt und das mich
immer wieder zu Fall bringt. Bam. Schon wieder die Fresse poliert, na, schönen
Dank, wieder ein Pflaster mehr, das ich mir auf die Backe kleben kann. Aber
anstatt mich zu retten, mir Asyl zu bieten oder gemeinsam mit mir gegen Wind
und Wetter zu kämpfen, stehst du weit weg, wartest, dort, wo Blitz und Donner
dich nicht erreichen können, und winkst mir aus der Ferne zu. Und ich liege da
im Dreck mit meinen aufgeschrammten Knien und den zerkratzten Ellbogen, und
während ich versuche, mich an einen Baum zu klammern, um nicht vom Sturm in
Nachbars Garten gepustet zu werden, wird mir klar, dass ich dich nicht
erreichen kann. Und dass du mir auch diesmal wieder nicht helfen wirst, das
Chaos und den Müll, den das Unwetter zurückgelassen hat, aufzuräumen. Nachher,
wenn alles wieder hübsch und adrett aussieht, wirst du kommen und mich
besuchen. Wir werden eine Tasse Tee trinken und du wirst mich mit deinen grünen
Discomädchenaugen ansehen und fragen, wie es mir geht. Und ich werde mir wünschen,
du würdest dort im Matsch liegen und auf meine Hilfe warten.

Mit nackten Füßen stochere ich im Meer aus Rotzfahnen herum.
Igitt, die sind ja noch nass. Ich muss aufräumen. Den alten Scheiß
rausschmeißen, Platz machen für die Leere, die sich gut anfühlt, die still ist
und das Herz leicht macht, das olle Dingen. Und dann durchatmen. Und obwohl die
Trägheit herzzerreißend quengelnd protestiert und Krokodilstränen aus ihren
müden Augen tropfen, ziehe ich sie an den Ohren hinter mir her, öffne die Tür und
schubse sie die Treppe runter.

February 26, 2009 - Thursday 

Current mood:  inspired


Ein wild wogendes Meer, Möwen, die schreien wie am Spieß, Luft, die rau ist und macht, dass alles salzig schmeckt und nach Abenteuer. An den Mast gefesselt
steht ein junges Mädchen, wunderschön, in einem Kleid aus Taft und Seide,
prunkvoll einst, jetzt verdreckt und zerrissen. Haselnussbraune Locken
umspielen sein blasses Gesicht, voll Furcht hebt und senkt sich die weiße
Brust. Den Blick hält es gesenkt, doch unter seinen langen schwarzen Wimpern
beobachtet es die feixenden Gesellen, die es so unverhohlen anstarren. „Macht
Platz für den Kapitän!“ schreit da wer und die Menge lichtet sich. Ein Mann, so
schön wie ein Sonnenuntergang, groß, stattlich, kommt schnellen Schrittes auf
das Mädchen zu. „Wer mag das nur sein?“ denkt es sich und spürt, wie es
errötet. Als könne er Gedanken lesen, sagt da der Fremde: „Ich bin Captain
Flynn. Errol Flynn. Ich habe euch entführen lassen, Melady. Ihr seid nun meine
Gefangene. Auf dass euer Vater einen majestätischen Preis für euch zahlen möge!
Hohoho!“ Hohoho, du Affenarsch, äfft das Mädchen seinen Entführer in Gedanken
nach und verdreht die Augen. „Ihr macht euch über mich lustig?“ Seine Hand
umschließt den zarten Hals, seine Lippen berühren beinahe den rosigen
Jungfrauenmund. „N-n-n-nein“, stottert das Mächen und würde am liebsten in den
starken Mörderhänden zerfließen. „Soso…“ Seine Stimme ist nur mehr ein
Flüstern, während er mit seinem Dolch das zierliche Figürchen entlang fährt,
vom Rock an über den keuschen Schoß, hinauf zum Dekoltee, das fest im Mieder verschnürt
ist. „Oh, Captain Flynn…“ seufzt das Mädchen heiser vor Begierde, „küsst
mich!“. Dann drückt der schöne Pirat ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange
und trägt es unter dem tosenden Beifall der johlenden Seeräubermeute in seine
Koje. Ende.



Meine erste sexuelle Phantasie ever. Ich war acht. Aber obwohl Errol Flynn
inzwischen ziemlich raus ist, krame ich sie immer wieder gern raus, meine
kleine semierotische Piratenpistole. Gut… das Ende variiert dann und wann.
Unzählige Male wurde ich bis heute entführt, unter anderem von Elvis Presley,
Charles Bukowski, Chuck Ragan, Dita von Teese, Bettie Page und Demented Are Go.
Manchmal bin auch ich die verruchte Piratenbraut, die raubt, mordet und sich an
ihren wehlosen Gefangenen verlustiert. Am liebsten entführe ich den Dalai Lama.
Oder auch Demented Are Go. Die sind so vielseitig.



I <3 erotische Phantasien. Weil sie mir dieses verdorbene Funkeln in die
Augen zaubern, wenn ich während der schrecklich langweiligen Vorlesung daran
denke, wie Herr Professor mir im gediegenen Salon-Ambiente seines Büros für die
verpatzte Hausarbeit den Popo versohlt. Oder daran, wie der hübsche
Erstsemesterjunge in der Reihe vor mir seinen Iced White Caffè Mocha To Go aus
meinem Bauchnabel schlürft und dann ganz emsig und mit Zuckerblick fragt, was
er jetzt für mich tun darf. Zauberhaft. Wenn ich in der Supermarktschlange
darüber nachdenke, was mein  Liebster wohl alles mit mir anstellen wird,
wenn ich ihm nur mit einem Hauch von gar nichts und meinem Matrosenhütchen
bekleidet die Tür öffne. Oh. La la…



Dabei ist kinky Gedankengut ein bisschen wie die Sache mit Weihnachten:
aufregend, dunkelrot mit Glitzer und 'ner Schleife drumrum und voller
Erwartungen im Vorfeld, eher unspektakulär bis
Könnte-mich-bitte-genau-JETZT-jemand-erschießen-?!? in der Umsetzung.Wie oft
habe ich schon… nun, das würde zu weit führen. Das Matrosenmädchen möchte sich
heute ein wenig damenhafter als sonst geben, ist ja doch ein sehr intimes
Sujet. Also halte ich mein kleines Plapperschnäuzchen und sage nur so viel:
Maßlose  Selbstüberschätzung killed the cat. Realistische
Selbsteinschätzung – das sind die Zauberworte. Besonders dann, wenn es nicht um
die eigenen Phantasien geht, sondern man dem Menschen, mit dem da durch die
Laken turnt, imponieren möchte, indem man die hemmungslose Sexfee gibt oder den
wilden Hengst, der dringend… oh, wie herrlich schmutzig… zugeritten werden
müsste. Was soll ich sagen. Alles schon gehört. Man sollte sich darüber bewusst
sein, was man mag. Und was man kann. Und wozu man sich eher überwinden müsste.
Würgend, naserümpfend und mit Verzweiflung im Blick wird einem niemand die
Göttin inside abkaufen. Seid mal schön ehrlich, liebe Damen. Und ihr, Matrosen…
nicht zu übereifrig.



Ihr seid der Meinung, ein ordentlicher GangBang gehört in die Vita eines jeden
Sex Addicts, nur leider spürt ihr allein bei der bloßen Vorstellung an das
viele Geschrubbe allerhöchstens staubtrockene Wüstenwinde durch eure Beine
pfeifen? Na und? Dafür seid ihr vielleicht unschlagbar bei dirty Doktorspielchen.
Oder seht auf allen Vieren und von hinten unfassbar wunderschön aus. Was weiß
denn ich. Kenn euch ja nicht. Aber mich kenn ich ganz gut und weiß daher 
Folgendes: Wer auf zärtliches Gevögel bei Kerzenschein steht, musikalisch
untermalt von Tomte, Roots Reggae oder Barry White, auf unschuldige Dessous in
Blütenweiß und Seufzer so sanft wie das Streicheln einer Pfauenfeder, der… soll
mal schön seine Ex anrufen. Oder die Olle aus dem zweiten Stock in ihr nach
Vanille duftendes Groschenroman-Romantik-Universum knallen. Alle anderen dürfen
mich gern mal auf einen Martini mit Deko-Olive ausführen. Oder halt von der
Matrosenbraut in Unschuldsweiß träumen.



Weil… die Phantasien gehören euch, nur bei der Ausführung gebt euch doch bitte
ein bisschen Mühe, zumindest dann, wenn noch andere Kinder mitspielen.



Ach. Nun hat das Matrosengal doch die Hose runtergelassen und schämt sich ein
bisschen. Wie gut, dass es mit scheu niedergeschlagenen Augen so hübsch und
liebreizend aussieht. Bestimmt würde es sich auch gut an einen Mast gefesselt
machen…



Stay kokett. xoxo...





February 24, 2009 - Tuesday 

Current mood:  intense

... und dit schreibt das matrosengirl, wenns grad nicht kolumnen schreibt oder sich platten anhört oder mit bands plaudert oder sich den kopf für die uni zermatert...

Im Club war es heiß, stickig, voll, laut. Viele wunderschöne Nachtmenschen waren da, androgyne Jungs, männliche Jungs, Mädchen mit rosigen, unschuldigen Gesichtern unter verlaufener Schminke und Mädchen, denen man die Unschuld einfach nicht mehr abnehmen wollte, die das aber nur umso unwiderstehlicher machte, Meike und ich mitten unter ihnen. Auch nicht mehr unschuldig. Dafür umso hungriger. Die Vorband war nicht spektakulär, also stellten wir uns an die Bar und bestellten ein Bier nach dem anderen. Manchmal schloss ich die Augen, um die Atmosphäre einzusaugen, die Magie dieses abgefuckten Ladens zu genießen mit seinen niedrigen Decken, den mit alten Tourplakaten beklebten und zugetaggten Wänden, dem schummrigen roten Licht und der verrauchten Luft, die
man in kleine Stücke hätte schneiden und auf einem Teller hätte servieren können. Wir sprachen weder über Björn noch über Muschi noch darüber, dass wieder ein Kapitel Leben vorüber war. Nur einmal sagte Meike, dass Björn diesen
Schuppen gehasst habe. Er sei ihm nicht gut genug gewesen. „Scheiß auf Björn“, antwortete ich. „Ich geb dir jetzt einen Tequila aus!“ Ich drehte mich zur Theke um, quetschte mich arschwackelnd zwischen zwei Jungs, die auf ihre
Bestellung warten, warf Meike eine Kusshand zu, die kokett die Augen niederschlug, und genoss die Blicke der beiden Typen. Die Thekenbedienung war ein Mann, und vielleicht bekam ich die Drinks aus diesem Grund eher serviert als die Jungs, die immer noch warteten. Ich zahlte, fragte zuckersüß lächelnd „Darf ich mal?“ und schlängelte mich erneut zwischen ihnen durch. „Hier“, sagte ich und überreichte Meike das Schnapspinnchen, das Zitronenviertel und ein Tütchen mit Salz. Saugen, lecken, schlucken, beißen. Instant-Verruchtheit. Und Möchtegern-Sex.

Als die Band endlich die Bühne betrat, waren Meike und ich schon jenseits von Gut und Böse. Wir tanzten, hielten uns an den Händen, gröhlten laut mit und ich wette, dem Mädchen, das während der Show neben mir stand, habe ich mit meiner Zigarette mindestens drei Löcher ins Kleid gebrannt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal so viel Spaß gehabt hatte. Die Nacht war wie geschaffen, um Geschichte zu schreiben, Rock’n’Rollgeschichte. „We could run all night and dance upon the architecture, come and take my hand, I’ll do the very best I can…“ Der Song von The Gaslight Anthem kam mir in den Sinn und ich dachte: Alles passt. Ich lächelte, ein geheimes Lächeln, das nur mir gehörte, und stellte fest, dass ich dringend pinkeln musste. „Meike?“ Suchend drehte ich mich um. Meike stand etwas abseits an einen Wandvorsprung gelehnt und sprach mit einem gutaussehenden Jungen, der in seinem weißen Hemd, der dunkelblauen Jeans und den schicken Schuhen zwar
großartig aussah, aber so gar nicht in diesen abgeranzten Laden passte. Er redete auf meine Freundin ein, die ihn mit großen, traurigen Augen ansah. Erst, als er ihre Hand nehmen wollte und Meike ihn von sich stieß, bemerkte ich, dass der Junge stockbetrunken war. Den Stoß hatte er nicht kommen sehen. Auf seinen wackeligen Beinen stolperte er und wäre beinahe gestürzt, wenn Meike ihn nicht  aufgefangen hätte. Sie stützte ihn, half ihm, sich an die Wand zu lehnen und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Ich fühlte mich wie ein Voyeur und konnte doch nicht aufhören, die Szene zu beobachten, zu aufregend war die Aussicht, zu groß die Neugier, wer der Junge war. Ein Fremder konnte es nicht sein, dazu waren die Gesten, die Blicke zu vertraut. Ein alter Freund vielleicht, reimte sich mein Duselkopf zusammen. Als ich sah, dass beide weinten, wusste ich, dass es Björn war. Und war plötzlich ganz klar. Der Björn, den ich von genau sieben Fotos in genau drei Online-Communitys kenne. Der Björn, der mir meine liebste Freundin weggenommen und nach Hamburg entführt hat. Und der Björn, der ihr das Herz gebrochen hat. Ich konnte fühlen, wie Wut in mir hochstieg, so viel, so stark, dass sie den Rausch verdrängte, und umklammerte die Bierflasche in meiner Hand so fest ich konnte. Jetzt war es Meike, die auf Björn einredete. Er hielt seinen Kopf gesenkt, reumütig, ließ Meikes verletzten  Monolog schweigend auf sich einprasseln. Aus seiner Nase tropfte Rotz, den er sich von Zeit zu Zeit mit dem Ärmel abwischte. Ich stand inzwischen keine zwei Meter mehr von ihnen entfernt, ich konnte nicht anders, es war, als würde ich
von einem riesengroßen Magneten angezogen, hinein in die Katastrophe. Aber Meike war zu betrunken, um mich zu bemerken. Sie war auch zu betrunken, um zu bemerken, dass sie mittlerweile hemmungslos vor sich hinschluchzte. Als Björn erneut nach ihrer Hand griff, zog sie sie nicht zurück. Sie stieß Björn auch nicht von sich, als er sie an sich zog. Und als er seine Lippen auf ihre presste, erwiderte sie den Kuss unter Tränen.


„Das reicht!“ zischte ich.

„Hä?“ fragte der Hardcorejunge mit dem Tunnel im linken Ohr und den zutätowierten Armen, hinter dessen Schrankrücken ich mich während der letzten Minuten ein wenig versteckt  hatte.

„Nicht du!“ giftete ich ihn an und stürmte mit meiner Bierflasche bewaffnet das dramatische Tête à tête. Das wieder vereinte Liebespaar bemerkte mich erst, als ich Björn mit voller Wucht von Meike stieß. Er taumelte, versuchte noch, sich am Mauervorsprung festzuhalten, was aber misslang, und stürzte zu Boden. Die Nachtmenschen, die die Szene beobachtet hatten, starrten uns an.

„Janne! Hast du sie noch alle? Was soll das?“ schrie Meike mich an.

„Der Wichser hat dich betrogen, hast du das schon  vergessen?“ keifte ich zurück. „Wie kannst du so dumm sein und dich wieder von ihm einwickeln lassen? Wie kannst du hier stehen und mit ihm rumknutschen, als wäre nie etwas passiert?"

„Aber es tut ihm leid“. Meikes Stimme war leise geworden und es fiel mir schwer, sie in dem Lärm zu verstehen. „Bitte, Janne. Vertrau mir doch.“ Ich glaube, das war der Moment, in dem mein Kopf anfing, zu schmerzen.

„Es tut mir echt leid“, lallte Björn und sah zu mir rauf.   Erbärmlich sah er aus, gar nicht mehr schön, und fast hätte ich Mitleid mit ihm gehabt. Meike half ihm auf.

„Sei mir doch nicht böse“, bat sie, „kannst du dich nicht für mich freuen?“

„Er wird dich wieder verarschen, wie soll ich mich da für dich freuen?“

Björn glotzte mich aus glasigen Augen an. „Wer bist du eigentlich? Und warum mischst du dich…“ Der Rest des Satzes ging in einem Schwall von Kotze unter, den er auf mein grünes Minikleid erbrach.

„Oh… fuck!“ Meike sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Janne, das… es tut mir leid!“

„Mir auch“, murmelte Björn. Von seinem Kinn tropfte ein Rest Kotze, in seinem Mundwinkel klebte ein kleiner Brocken Irgendwas, sein Atem stank so sauer und faul, dass ich einen Schritt zurück wich und den Kopf zur Seite drehte, um mich
nicht auch noch zu übergeben. Meike, die ihren Wieder-Freund noch immer stützte, streckte die Hand nach mir aus und wäre am liebsten im Erdboden versunken, das konnte ich ihr ansehen. Ich hörte die ersten Leute kichern. „Lass mich“, sagte ich und schaffte es irgendwie, meine Stimme kalt und
gleichgültig klingen zu lassen, obwohl ich am liebsten losgeheult hätte. „Das Schwein ist dir ja doch wichtiger als ich.“


„Björn ist kein Schwein!“ entgegnete Meike mir. Das viele Bier, der Rotwein und der Tequila waren ihr anzuhören. „Er hat dich nicht mit Absicht vollgekotzt. Er hat sich doch entschuldigt.“

„Ich hab mich doch entschuldigt!“ schrie Björn.

Und obwohl ich wusste, dass es falsch war, weil Meike nichts dafür konnte, sagte ich: „Ihr seid doch beide gleich scheiße.“

Meine Freundin sah mich an, traurig erst, dann wütend. „Du bist der egoistischste Mensch, den ich kenne. Und ich bin froh, dass ich weggegangen bin.“

Ich konnte fühlen, wie der Kloß in meinem Hals immer dicker wurde, wie die Tränen und die Enttäuschung sich ihren Weg bahnten und sah zu Boden. Hier würde mich niemand heulen sehen. Ich drehte mich um, boxte mich durch die feixende
Menschenmenge, die sich um uns versammelt hatte, und ging. Erst rannte ich fast, weil Wut und Scham mich antrieben, dann wurde mein Gang langsamer. Niemand folgte mir, niemand rief meinen Namen. An der Garderobe ließ ich mir meine Jacke geben, zog die Wollmütze aus der Tasche und setzte sie auf, bevor ich an der Kasse am Ausgang die Verzehrkarte bezahlte. Die Türsteher wünschten mir einen schönen Abend. „Danke“, sagte ich und trat auf die Straße.




February 16, 2009 - Monday 

Current mood:  pensive


„Püppi, wat soll’n dit?“ fragt der schwitzende Tanzbär und kuckt das zarte blonde Ding, das so gern ein Popstar wäre, mit aufgerissenen Augen an. „Weeßte denn nich, worum et
hier jeht,?“ „Hmmm… nee. Aber ich will das hier wirklich…“ flüstert Püppi und senkt den Blick. In ihren Augen ein  Minimeer aus Mädchentränen.„Mann. Sei du selbst, Alta! Lass die Maske fallen!”,  beschwört der Lehrer die Schülerin, und legt nach: „Et real keepen, darum jeht’s.“

Soso. Es geht also darum, es real zu keepen? Die Maske abzusetzen und man selbst zu sein? Das ist doch gelogen. Die Welt interessiert es nicht, ob Püppi eine gute Freundin ist oder ob sie sich nachts heimlich den Bauch mit Bergen von Nutellatoasts vollschlägt und sich dann schuldig und fett fühlt. Das, wonach die Meute giert, liegt nicht verborgen hinter der Fassade. Es beginnt davor. Wie oft vergeigt Püppi ihre  Performance? Hat sie tatsächlich mit diesem Soap-Star rumgeknutscht? Und wie zauberhaft ihre Tränen im Scheinwerferlicht glitzern… Der Unterhaltungswert zählt. Nicht die Person dahinter.

Ich kritisiere das nicht. Im Gegenteil. Es lebe das Entertainment, es leben die Masken, die all die langweiligen „wahren ichs“ zu Recht vor der Welt verbergen! Am liebsten würde ich das Fenster aufreißen und allen, die ob meines Geständnisses im letzten Satz empört die Nase rümpfen, zurufen: Für mehr Oberflächlichkeit, ihr Knalltüten! Wie ihr wirklich seid, interessiert doch keine Sau! „Du bist armselig, Matrosenmädchen!“, würde das möchtegern-deepe Pack zurückbrüllen. „Wenn Fassade alles ist, was dich interessiert, tust du uns recht herzlich leid.“ „Schert euch zum Teufel!“ würde ich der Menge zuschreien, irgendwem aus purer Boshaftigkeit auf den Kopf rotzen und schnell das Fenster schließen. Und obwohl ich wüsste, dass die Schreihälse nichts als eine Bande Heuchler sind, würde ich mich fragen, ob meine Kritiker nicht recht hätten. Weil meine Haltung ja tatsächlich oberflächlich ist. Aber ich schätze es nun mal, wenn die Menschen um mich rum ihre Rollen spielen. Es verleiht allem eine gewisse Vertrautheit.

Natürlich weiß ich, dass der Typ aus der Unibibliothek, der von mir regelmäßig die Strafgebühr für vergessene Bücher kassiert, nicht immer so ein Riesenarsch ist. Vermutlich ist
er sogar ein netter junger Mann. Aber wenn wir uns gegenüber stehen und uns durch unsere Masken anglotzen, der Typ mit diesem verächtlichen Lächeln, aus dem ich am liebsten jeden Zahn einzeln rausprügeln würde, ich mit trotzig vorgeschobener Unterlippe, hat die Situation fast etwas Familiäres. Was für ein Mensch er dahinter ist, will ich nicht wissen. Genauso wenig, wie es ihn interessieren wird, wer oder was sich hinter der Nervensäge im Kapuzenpullover verbirgt. Warum auch? Ich kann mich mit schönster Regelmäßigkeit über seine Überheblichkeit echauffieren, er sich über mich amüsieren. That’s Entertainment.

Was ich an Masken außerdem schätze, ist, dass sie die Welt ein wenig eleganter erscheinen lassen, als sie eigentlich ist. Sie verleihen dem Alltagsgrau eine Ahnung von Glamour. Nie
würde mich mein Matrose No. 1 ungeschminkt und in Gammelmontur zu Gesicht bekommen, und meine krüppeligen Füße hat er bis heute nicht gesehen. Die peinlichen Details, die mich zwar nicht cool oder sexy, dafür aber liebenswert und einzigartig machen und mit denen ich beizeiten sein Herz gewonnen habe, waren wohl überlegt und keinesfalls zufällig in sein Ohr geflüstert. Denn die Masken, die man so trägt, sind nicht nur Schutz, sondern auch Waffen, die man sich hervorragend zunutze machen kann.

„Du oberflächliches Ding“, höre ich die Meute schimpfen, „Wie soll denn Intimität entstehen, wenn du deinem Liebsten nicht mal deine Füße zeigst?“ Gar nicht, antworte ich. Zu viel Nähe ist nie gut. Und Distanz hält die Liebe frisch. Da kommt mein Macker aus der Koje geschlurft, das Gröhlen des Mobs hat ihn geweckt. „Liebchen“, sagt er zerknirscht, „heißt das, du verstellst dich, wenn wir zusammen sind?“ „Mitnichten, Baby. Aber es gibt Seiten an mir, die ich dir nicht zeigen werde.“ „Welche denn?“ „Wenn ich mir in der Nase bohre zum Beispiel. Das sieht wirklich nicht schön aus. Oder wenn ich wütend werde und austicke – ich weiß, dass du das nicht magst. Deshalb zerschlage ich Gegenstände nur, wenn du nicht dabei bist.“ „Dann ist ja gut“, murmelt er erleichtert, küsst mich aufs rechte Ohr und schlurft zurück ins Bett.

Ich denke an die Frauen, die vor sie-selbst-sein ganz vergessen, dass ihr Typ sich einst nicht in die träge Schlampe mit Wampe und Fettfrise verliebt hat, sondern in ein abenteuerlustiges Geschöpf mit Flausen im zauberhaften Köpfchen, und die sich dann wundern, wenn ihr Stecher sie sitzenlässt. Und ich denke daran, dass ich niemals so enden will. Ich denke an einen Freund,der mir mal sagte, wie viel es ihm bedeute, dass er in meiner Gegenwart ganz er selbst sein könne. Am liebsten hätte ich ihm für diesen Satz eine reingehauen. Weil es nicht stimmt. Oder… nun ja… nur zum Teil. Ich will, dass meine Freunde mit mir trinken und lachen, dass der Typ, den ich liebe, ein Mann ist, stark, unerschrocken, ein Freibeuter, ein Pirat. Dass meine Eltern niemals altern, dass sie es mich wenigstens nicht merken lassen, wenn es sich schon nicht vermeiden lässt. Umso kostbarer sind doch so die Momente, in denen diese
Menschen offenbaren, dass sie sich hinter ihrer Maske manchmal wie der letzte Vollhorst unter lauter Superhelden fühlen. Genau wie ich. Aber gerade, weil diese Momente so kostbar sind, darf man sie nicht überstrapazieren. Sie würden gewöhnlich werden und schal.

Auf dem Bildschirm hat sich Püppi inzwischen die Verzagtheit aus dem Leib gesungen und strahlt blöde vor sich hin. Und ich hoffe, dass sie, wenn sie ihr schon die Kleinmädchenmaske vom Gesicht reißen, wenigstens eine neue finden, die zum Leben im Rampenlicht besser passt als die alte. Remember Sido. Der war mit Maske auch cooler.