Gender: Female
Status: In a Relationship
Age: 99
Sign: Virgo
City: ruhrstadt
State: Nordrhein-Westfalen
Country: DE
Signup Date: 12/14/2006
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January 7, 2009 - Wednesday
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Current mood:  insubordinate
Winter 1992. Irgendein Busch am Rande einer kleinen Zechenstadt. Hinter dem Busch ein Rockmädchen mit roten, langen Haaren, rabenschwarzen Augen und einem Finger im Hals. „Komm da raus, du kotzt ja sowieso nicht!“, gröhlt seine Freundin, ein braungelocktes Punkschnällchen so laut, dass sich alle drum herum umdrehen. „Doch, doch, warte!“ sagt das Rockmädchen, schämt sich und würgt. Aber alles, was kommt, ist einfurztrockener Husten. Ich werde das nie hinkriegen, denkt es sich verzweifelt, nimmt den Finger aus dem Mund, wischt die Spucke an der Jeans ab, versucht, aus dem Busch zu steigen und reißt sich dabei die Jacke kaputt. Und weil alle die Szene im Busch mitbekommen haben, wird es am Montag in der Schule nicht mal lügen und erzählen können, wie scheiße viel es gekotzt hat, weil es ja so betrunken war. Winter 2008. Ein abgeranzter Club inmitten einer großen Zechenstadt. Davor ein Rockmädchen mit dunkelbraunen, langen Haaren, rabenschwarzen Augen und wackligen Beinen. „Musst du kotzen?“, fragt sein Freund, ein großer, tätowierter Hardcorejunge, der das Häufchen Elend stützt. Statt einer Antwort erbricht das Rockmädchen sein Abendessen auf die Schuhe des Hardcorejungen. „Ey!“, schreit der. „Nicht schon wieder.“ „Tschulljung“,murmelt das Rockmädchen, wischt sich die Kotze vom Mund, schämt sich und hofft,dass niemand sonst die Szene beobachtet hat. Zeiten ändern sich. Was einst ein Irgendwie-Statussymbol für den Kleinstadt-Nachwuchsmob war, an dem sich messen ließ, wie wild man es krachen lassen konnte, ist heute nichts mehr als eine unangenehme Begleiterscheinung ausgelassener Partynächte. Aber weil sich die Menschen eher selten ändern, hat das Matrosenliebchen in der all der Zeit nicht wirklich viel dazugelernt. Nein, ich kotze heute nicht mehr zweimal pro Wochenende.Vielleicht jedes halbe Jahr einmal. Und ich bin auch nicht mehr stolz darauf, im Gegenteil. Kotzende Menschen sehen selten schön aus, mit ihren glasigen Augen, dem grünweißen Gesicht und den Bröckchen im Mundwinkel. Und sie riechen nicht besonders gut. Trotzdem bin ich ein großer Fan von Geschichten mit Kotze drumrum. Kotzen macht stark. Ich erinnere mich an eine Nacht vor einigen Jahren, als ich mit meinem damaligen Macker, seinem besten Freund und dessen bildschöner Liebsten zu einer Party eingeladen war. Weil ich so aufgeregt war, kippte ich den Vodka nur so in mich rein, dazu Bier, Unmengen davon. Auf dem Rückweg wurde mir schlecht. „Nicht in den Golf“, rief mein Freund und: „Warte, ich halt an!“ Ruckartig stoppte er den Wagen, riss die Tür auf und konnte dennoch nicht verhindern, dass der erste Schwall voll den Fußschacht und einen Teil des Fahrersitzes traf. Ich schaffte es irgendwie aus dem Auto, spuckend, stöhnend, kotzend. Alles, woran ich währenddessen denken konnte, war, dass diese drei Menschen, die mir doch so imponierten, das alles mit ansahen. In diesem Moment verlor ich das Gleichgewicht und fiel in den Graben, der sich direkt neben dem Golf befand. Auf dem Rücken, alle Viere von mir gestreckt, versuchte ich, die Luft anzuhalten, weil ich ganz schnell sterben wollte. Zum Glück hat es nicht funktioniert, das mit dem Sterben. Weil: was einen nicht umbringt, macht ja stärker. Sagt man doch so. In dieser Nacht wurde ich zu Hulk. Und: Erbrochenes bringt Menschen näher zusammen. Jaja. Wie damals. Als ich meiner eigentlich-Rivalin Lena die Haare hochhielt, als sie sich auf dieser miesen Kellerparty in der Sauna übergab. Sie mochte mich nicht, ich sie nicht. Kein Wunder, wir hatten unsere wild schlagenden Herzen demselben Typen geschenkt. Aber sie so zu sehen, tat mir leid. Also begleitete ich sie,als ihr Gesicht anfing, sich grün zu verfärben und sie sich krampfhaft die Hand vor den Mund hielt. Als sie fertig war, sagte sie „Danke“ und in ihren Augen, die blutunterlaufenen waren, weil die kleinen Adern darin geplatzt waren, als sie sich erbrach, konnte ich sehen, dass sie es ernst meinte. Wenn mir andere von solchen Dingen erzählen, ehrt mich das. Denn Geschichten dieser Art können ein jahrelang aufgebautes Image in Sekundenbruchteilen zerstören. Deshalb sind sie ein bisschen was wie ein erzähltes Freundschaftsbändchen, der Ritterschlag des Vertrauens. Ein sehr wunderbares Mädchen erzählte mir letztens, dass es ihm während einer Silvestersause nach Unmengen von Schnaps plötzlich furchtbar schlecht ergangen sei. Also ging es an die Luft, übergab sich und… schlief ein. Zauberhaft finde ich so etwas. Oder die Geschichte eines sehr traumhaft tollen jungen Mannes, der einst nach zu viel Glühwein so heftig kotzen musste, dass er dabei den Klositz, über dem er hing und an dem er verzweifelt versuchte, sich festzuhalten, weil sich die Welt um ihn herum immer schneller drehte, abriss. Oder der Junge, der seiner Liebsten, die mal wieder zu viel hatte, das Gesicht wäscht, ihr die Zähne putzt, sie in den Schlafanzug steckt, sie ins Bett bringt, ihr liebevoll einen Eimer hinstellt und sagt „Da, für den Notfall, wenn dir nicht so gut ist.“ Das ist Liebe. Was ich mit dieser Aneinanderreihung von Ekelhaftigkeiten und diesem unsexy Hose-Runterlassen sagen will? Dass man sich für das bisschen Erbrochene nicht schämen muss. Es ist peinlich, es macht keinen Spaß und tut manchmal sogar weh. Trotzdem kann es passieren. Aber Kotze ist Punkrock. Und Punkrock ist nicht immer schön und duftet niemals nach Rosen. Weil Punkrock kein Pop ist. Und Geschichten mit Kotze drumrum nicht Rosamunde Pilcher.
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June 27, 2008 - Friday
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Current mood:  adventurous
Es gibt einige Talente, auf die ich ganz schön stolz bin. Ich kann mir gut Songtexte merken, zum Beispiel. Ich habe keine Angst vor Gewitter, schließe schnell Freundschaft mit Insekten und kann bei Fußballspielen gröhlen, bis meinem Gegenüber das Blut aus Nase und Ohren tröpfelt. Ich tanze gern bis in die Morgenstunden und wenn ich etwas unbedingt will, weiß ich meine körperlichen Vorzüge geschickt einzusetzen – mein Augenaufschlag ist super. Eigentlich kommen meine Fähigkeiten ganz gut an. Jungs schätzen meine Furchtlosigkeit, mein Brüllaffenorgan und meinen Augenaufschlag, Mädchen meine Gesellschaft beim Discodancing und dass ich sie vor bösen Spinnen rette. Und auch meinen Augenaufschlag. Aber es gibt ein Talent, das alle doof finden. Und auf das ich stolz wie Oskar bin: Ich bin ganz groß an der Kraftausdrücke-Front. Wenn es etwas gibt, das ich richtig gut kann, dann ist das schimpfen, ob ich mich nun über Menschen oder Situationen echauffiere, ob ich jemanden, der es verdient hat, anpöbel oder aber nur so vor mich hinfluche, weil mal wieder alles doof ist. Leider ist das Feedback selten positiv. Woran das liegt? Ich weiß es nicht, ich finde es ja toll. Vielleicht liegt es daran, dass mein Äußeres nicht direkt auf meine ausgeprägte Bierkutschermentalität schließen lässt. Jemand hat mal zu mir gesagt, dass dieses vulgäre Vokabular wie auch meine Art, es durch die Gegend zu kotzen, gar nicht zu mir passen würde, dass es nicht angemessen sei und viel zu übertrieben. Weil ich so süß sei, mit meinen Sommersprossen und der Matrosenmütze. Und dem Augenaufschlag. Soso. Danke. Und jetzt? Heißt das, ich sollte mich gar nicht mehr aufregen? Das geht nicht. Ich würde platzen. Oder vielleicht, dass ich mich anders aufregen sollte? „Angemessener"? Aber wie regt man sich „angemessen" auf? Indem ich eine Schnute ziehe und drollig vor mich hinschmolle? Sollte ich beim Schimpfen mädchenhaftere Worte wählen? „He Girl, kuck meinem Freund nicht so auf den Popo!" Das bringt doch nichts. Anders ein halblaut geflüstertes „Verpiss dich, Fotze." Das klärt ohne viel Federlesen, wo die Glocken hängen und beruhigt. Mich jedenfalls. Auch sehr zu empfehlen ist saftiges Gefluche an Tagen, an denen alles schief läuft. An denen einem die neue Liebe des Ex über den Weg läuft, man feststellt, dass man soeben die Sprechstunde beim Prof verpasst hat und das Handy ins Klo fällt. Je kreativer die Wortwahl, desto schneller entspannt sich das Gemüt. Kraftwort-Kombinationen wie „Verkackte Dreckspissekacke" oder „Beschissenes Scheißdreckarschlochhandy" lassen sich zudem fabelhaft mit Schlägen gegen die Klowand oder ähnlichen Wutabbautechniken kombinieren. Schimpfen fördert also die Kreativität. Und dient nachweislich dem Abbau von Aggressionen. Wenn mich auf der Autobahn mal wieder ein Opa mit Hut in den Wahnsinn zu treiben droht, weil er mit 60 kmh die linke Spur blockiert, hilft es ungemein, lautstark vor sich hin zu pöbeln. In diesem speziellen Fall sollte man sich allerdings die Untermalung mit expliziten Gesten schenken, weil - alte Männer mit Hut zeigen einen immer direkt an, da muss man aufpassen. Aber die sind auch gar nicht so wichtig, die Gesten. Es ist der verbale Freilauf für all den Frust und den Zorn, der zählt, ein Kanal für die Wut, die laut und unzensiert und roh, durch die Zähne gepresst, auf den Asphalt gerotzt wird. Besser, effektiver als jeder Sandsack. Ein weiteres Argument pro Kraftausdrücke: Beleidigungen können sexy sein. Mal ehrlich, alle Welt redet von Dirty Talk – und was macht man, wenn man dirty talkt? Man beleidigt und ist unhöflich: Die Jungs nennen ihre Mädchen „Hure", „Schlampe", „Drecksau", die Mädchen sagen „Ficker", „Wichser" und auch „Drecksau". Hauptsache, es klingt halbwegs obszön. Plötzlich sorgen Kraftausdrücke, die in solchen Momenten gar nicht mehr doof und niveaulos sind, sondern so schön vulgär und dreckig, nicht mehr für entrüstete Gesichter, dafür für feuchte Bettlaken und verschwitzte Körper, die sich gegenseitig in den siebten Himmel knallen. Weil Aggression zum Sex und vielleicht auch zum Leben dazugehört, wie wir alle wissen, und allein deshalb irgendwie legitim ist. Und weil Aggressionen ohne Kraftausdrücke nur heiße Luft und Bauchschmerzen sind, ist auch mein Pöbeltalent irgendwie legitim. Kommt damit klar. Bitches.
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March 10, 2008 - Monday
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Vor kurzem war ich zu einem Geburtstag eingeladen. Die Gastgeberin wurde 30 und wollte das gebührend feiern. Toll, dachte ich mir, ne Party, juchhu. In einer gemütlich-verrauchten Minibutze Bier trinken, leckere Sachen in sich reinschaufeln, schöne Musik hören, tanzen vielleicht, betrunken Konversation mit netten, ebenfalls betrunkenen Menschen machen und sich amüsieren. Party halt. War aber anders. Niemand außer mir war auch nur annähernd betrunken, die Gespräche der Mädchen drehten sich um Katzenscheiße („Ach, macht euer Maunzi auch immer daneben?") und die perfekte Zubereitung von Crème brûlée, die der Jungs um den letzten Surfurlaub. Die Minibutze war eine 3,5-Zimmer-Wohnung mit einem Garten, der gerne ein Park geworden wäre, rauchen strengstens verboten. „Das Laminat haben wir ganz neu verlegen lassen, nicht, dass mir da was drankommt", wurden die rauchenden Gäste aufgeklärt und mit einem Lächeln, das keine Widerrede duldete, gebeten, doch auf dem Balkon zu rauchen. Na gut. Biertrinken war aber erlaubt und ich hätte erleichtert sein müssen. War ich aber nicht. Angst hatte ich. Weil... was soll ich sagen? Kein Drumherumgerede, keine Schönfärberei. 2008 ist das Jahr, in dem ich 30 werde. Muss ich dann so werden wie die Katzenscheiße-Mädchen? Bin ich dann schon groß? Muss ich dann die ollen Chucks gegen schicke High Heels tauschen und meine voll superen Kapuzenpullis gegen elegante Damenoberbekleidung in Pastellfarben? Ein bisschen beunruhigt bin ich schon, wenn ich mir die Mädchen so ansehe, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Es wird geheiratet, geworfen und fleißig fürs Eigenheim gespart, die berufliche Karriere, bisher 1a und mit Sternchen durchgezogen, ist durchgeplant bis ins Detail, Mutterschaftsurlaub eingeplant, klar, der Liebste hat einen gut bezahlten Job bei der Bank, mindestens einmal im Jahr fährt man in Urlaub und überhaupt ist alles dufte und voll toll. Sagen so Mädchen. Klingt nach Albtraum, sage ich. Es klingt, als würden all diese Menschen mit dem Eintritt in den Club 30 ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und sich nur zu bereitwillig neuen Vereinsregeln unterwerfen, die aus Rock'n'Roll-Nächten „Pärchenabende" machen, aus wilden Mädchen Muddis, aus derben Jungs smarte Businesshengste, aus der dramatischsten amour fou Menschen, die voneinander sagen, dass „sie sich schon noch mögen und sich wirklich gut verstehen". Die Träume von einst werden bitter und schal, zu den Platten im Regal gesellen sich keine neuen mehr hinzu, läuft ja doch nur Kacke und so groß wie die Ramones wird eh keiner mehr. Das alles irritiert mich. Warum diese Gleichgültigkeit, diese „Im Gleichschritt Marsch"-Attitüde, diese Bequemlichkeit, woher der Missmut? Ich finde mein Alter großartig und noch dazu bin ich gerne ich. Was manche Leute nicht davon abhält, mich mit mitleidigen Blicken zu bedenken oder mein „unstetes" Leben zu kommentieren. „Echt, du studierst immer noch?"/„Du bist noch nicht verheiratet?"/„Wie, du willst jetzt noch keine Kinder?"/„Du hast nicht mal nen Bausparvertrag?!?" Nein, nein, nein und nochmals nein! Dafür hab ich das schönste Leben. Keine Reichtümer, nein, keine Sicherheit. Nicht mal eine Katze, die nebens Miezeklo scheißt. Aber Liebe und Rock'n'Roll und Flausen im Kopf habe ich. Nicht falsch verstehen bitte: Ich möchte keine 16 mehr sein oder 20 oder 23. Ich gehöre nicht der Peter-Pan-Front an, die nie erwachsen werden will. Irgendwann will ich bestimmt eine Mama sein, eine Wohnung haben, in der ich nicht wie ein Schneider friere und so viel Geld mein Eigen nennen, dass ich mir Chucks kaufen kann, bis mir schwindelig wird. Irgendwann will ich ein bisschen groß sein. Aber ich will's auf meine Art machen, lieber Club 30. Nicht auf eure. Und das mit uns... wär doch eh nie was geworden.
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January 9, 2008 - Wednesday
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Streiten ist doof. Es tut weh, weil es Bauchschmerzen macht und Herzbluten. Es ist immer viel zu laut, wenn man sich anschreit und viel zu leise, wenn man beginnt, sich anzuschweigen, wenn man sich nichts mehr sagen mag. Oder kann. Wer streitet, ist wütend, und Wut macht aus dem schönsten Menschen ein Monster, mit Flecken im verzerrten Gesicht und einer schrillen Stimme, die niemand mag. Nicht mal man selbst. Die nichts anderes kann als schreien und fauchen und Vorwürfe rauskotzen. Manchmal fängt man an zu heulen. Weil man verletzt ist, weil die Bauchschmerzen einen aufzufressen scheinen, weil man müde ist und durch. Angeblich gibt es Leute, die das können. Streiten. Ich bin darin nicht gut. Erst finde ich keine Worte, um einen Anfang zu machen, dann kann ich nicht mehr aufhören. Das Schlimmste ist, wenn der andere mich irgendwann stehen lässt, weil es keinen Sinn mehr macht, zu reden, zu diskutieren, sich gegenseitig anzubrüllen mit allem, was schon immer gestört hat. Weil keine Lösung in Sicht ist. Selbst, wenn ich die Nähe dieses Menschen keine Sekunde mehr ertragen kann, will ich nicht allein gelassen werden mit dem Herzbluten und meiner verheulten Rotznase. Festgehalten werden will ich, ich will hören, dass alles gut wird. Und dass ich Recht hab. Aber ich hab nicht immer Recht, niemand hat das. Das weiß ich. Aber ich kann nicht aufhören. Ich bin nicht gut im Streiten. Trotzdem will ich streiten, ich will meine Meinung sagen, ich will hören, was der andere denkt, auch wenn's wehtut, voll auf die Zwölf, mir egal. Weil streiten besser ist als nichts zu sagen, als zu schlucken und so zu tun, als wäre alles gut und cool. Weil Reden schon immer Gold war. Und Schweigen ein Loser.
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January 4, 2008 - Friday
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Ein fauler Sonntagnachmittag im Haus meiner Eltern. Ein fürstliches Mittagessen wurde verspeist, heißer Kakao in rauen Mengen konsumiert. Der Himmel ist grau, die Luft klirrekalt. Ich liege auf dem Flokatiteppich in dem Zimmer, das früher mal mir gehörte, und döse vor mich hin. Im Radio läuft „Soundso" von den Helden. „Und Mutter ist froh, weil sie weiß, du bist soundso! Dein Haustier ist froh, weil es weiß, du bist soundso!" Ach, immer diese Judith Holofernes, denke ich. Mit ihrem Kleinmädchen-Augenaufschlag und diesen Ohren, die auf jedem Foto aus ihren Haaren rausragen. Die ist doch bestimmt so eine ganz Neunmalkluge, die ausschließlich die „richtigen" Bücher liest, nur „voll innovative" Klänge an ihre vorwitzigen Ohren lässt und nur die „echt derbe korrekten" Leute kennt. Langweilig wie Knäckebrot stelle ich mir Frau Holofernes vor. Man macht sich ja so seine Vorstellung von den Menschen. Hm. Ich beginne, nachzudenken. Obwohl es Sonntag ist und sämtliche meiner intellektuellen Fähigkeiten auf Standby laufen. Ich erinnere mich an das entsetzte Gesicht meines Freundes, als ich ihm von meiner Liebe zum gemeinen Trash-TV erzählte, von meinem Hang zu Gerichtsshows und Doku-Soaps. „Ich dachte, du würdest dich für andere Dinge interessieren, für... naja, ernsthaftere Themen." „Wieso?" „Weil du so aussiehst." Soso. Danke für die Blumen. Aber... ist das Aussehen also daran Schuld, dass man seine Mitmenschen in diese hübschen, kleinen Schubladen steckt, aus der sie ohne eine mittlere Revolte anzuzetteln, niemals wieder herauskommen? Mag sein. Siehe Frau Holofernes und ihre lustigen Ohren. Oder aber dieses Mädchen, das mir gestern im Supermarkt mit seinem Einkaufswagen über die Füße fuhr. Groß war es und braungebrannt, die langen Nägel waren perfekt manikürt, der Lippenstift etwas zu viel des Guten. Tussi, dachte ich uncharmant, als ich die hübsche Dame irgendwo zwischen fettarmer Milch und Geflügelaufschnitt erspähte. Als sie mir zwei Minuten später über die Füße rollte, hätte ich mich am liebsten für meine gemeinen Gedanken selbst auf die Nase geboxt, denn selten hat sich ein Mensch bei mir so liebreizend und aufrichtig entschuldigt. Und wie eine Tussi wirkte sie plötzlich gar nicht mehr, eher wie ein nettes Mädchen, mit dem man gerne mal über Jungs quatschen würde. Aber nicht nur das Aussehen sorgt für Vorurteile. Auch Erinnerungen fördern das Denken in Schubladen. Denn Bilder und Eindrücke, die sich einmal ins Gedächtnis gebrannt haben, sind nur schwerlich wieder aus selbigem zu vertreiben. Ich denke an das Mittagessen zurück. „Aber du magst doch gar keinen Rosenkohl", hatte meine Mama die Frage, warum ich denn bitteschön als Einzige keinen Rosenkohl auf dem Teller hätte, verwundert beantwortet. Stimmt. Als ich fünf war, war das grüne Gemüse mein erklärter Todfeind, heute finde ich es supergut. Der ungläubige Blick meiner Freundin Ines fällt mir ein, als sie in meinem Auto eine Deichkind-CD entdeckte. „Aber du magst doch so Elektro-Kram gar nicht!" Mag ich wohl! Ich mag Rock'n'Roll und Elektro. Ich mag olle Jeans und schicke Kleider, obwohl mein Alltagsoutfit nicht gerade auf eine Liebe zum Glamourösen schließen lässt. Ich mag heute Dinge, die mir noch vor wenigen Jahren höchst suspekt waren. So wie Rosenkohl. Oder „Das perfekte Dinner". Menschen, denen mein Herz gehört, müssen nicht zwangsläufig tätowiert sein. Und... ach, Pustekuchen. Alles bewegt sich, die Welt ändert sich, wir ändern uns täglich. Und Schubladen sind eh immer viel zu klein. Ich kämme mir jetzt die Haare über meine Ohren, die, zugegeben, ähnlich größenwahnsinnig sind wie die der Helden-Sängerin und mache meinen Frieden mit Frau Holofernes. Weil „soundso"-sein nämlich scheiße ist.
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November 30, 2007 - Friday
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Current mood:  flirty
Als moderne, konsumbewusste Matrosin von Welt verbringe ich meine Samstage, sofern ich nicht die sieben Weltmeere beschipper oder mich in verruchten Hafenkaschemmen rumtreibe, gern in einschlägig bekannten Shoppingtempeln, klare Sache. So auch gestern vor einer Woche. Nach gefühlten 23 Stunden gründlichsten Stöberns, bahnte ich mir mit meinen Errungenschaften einen Weg zur Kasse. Abgekämpft, aber glücklich, reihte ich mich in die Schlange der Wartenden ein. Vor mir eine adrett gekleidete Dame, die ich auf Anfang Vierzig schätzte, und die gemeinsam mit ihrem, so vermutete ich, Fräulein Tochter, den weiteren Verlauf des Tages plante. Ein nettes Paar, dachte ich mir, und betrachtete die beiden aufmerksam. Hübsch sahen sie aus, und ähnelten sich zudem sehr, mit ihrem haselnussbraunen Haar, den großen, schönen Augen und dem leichten, dafür aber zauberhaft kecken Überbiss.
In diesem Moment wurde ich unsanft aus meiner Betrachtung gerissen: „Sach ma, hast du die hässliche Olle vorhin gesehen? Wie scheiße sah die denn bitte mal aus?" fauchte die Frau Mama ihrem Töchterlein entgegen. „Altaaa, jau, war die schäbbich!", antwortete dieses und stimmte mit ihrer vermeintlich Erziehungsberechtigten ein grunzendes Gelächter an. Ich kratzte mich am Kopf. Eine erwachsene Frau, die in aller Öffentlichkeit und im Beisein ihres Kindes die unflätigsten Kraftausdrücke von sich gibt. Eine Tochter, die ihre Mutter mit „Altaaa" anspricht (müsste es nicht ohnehin „Alteee" heißen?). Und eine hemmungslos zur Schau gestellte Missgunst, die allen Anwesenden die Schamesröte ins Gesicht trieb. Haben die denn gar keine Manieren?, fragte ich mich empört und beobachtete das noch immer amüsiert grunzende Duo. Da fiel mir auf, dass die zwei Weibsbilder bei weitem nicht so nett aussahen, wie ich es noch vor einer Minute empfunden hatte. Die Augen der Frau waren gar nicht groß und schön, sondern blickten klein und verkniffen um sich. Ihre Lippen hatten sich zu einer dünnen Linie verzogen, das Lachen war von einem trockenen Raucherhusten abgelöst worden. Das Gesicht des Mädchens war vom lautstarken Feixen noch knallerot, das Haselnusshaar hing ihm wirr in die Stirn und in seine Stimme hatte sich eine Spur von Hysterie gemischt: „Sah die scheiße aus, Altaaa…"
Igitt. Ich schüttelte mich und dankte still meinen Eltern dafür, dass sie mich eine gute Kinderstube hatten genießen lassen. Für die Manieren, die sie mir in jahrelanger, harter Arbeit beigebracht haben. Dafür, dass ich niemals in Gegenwart von Kindern oder älteren Herrschaften fluchen würde, obwohl ein reichhaltiges Flüche- und Schimpfworterepertoire in Matrosenkreisen irre schick ist. Dafür, dass ich in der Lage bin, meinen Mitmenschen höflich einen „Guten Tag" zu wünschen, selbst wenn ich Herrn oder Frau Mitmensch aus einer spontanen Laune heraus am liebsten auf den Mond schießen würde. Dankbar für das Wissen, dass ein respektvolles Verhalten kombiniert mit einem liebreizenden Lächeln Tür und Tor öffnen kann und negative Gefühle wie Neid, Missgunst oder Hass nicht in die Öffentlichkeit gehören. Vor allem aber dankbar für das Bewusstsein, dass schlechtes Benehmen hässlich macht. Danke Mama, danke Papa.
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July 2, 2007 - Monday
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Montag morgen. Sechs Uhr dreißig. Vor mir auf dem Fußboden steht dieses kleine Monster – flach, weiß und gemein. Mit Digitalanzeige. Und diesem irre bösen Blick. Meine Waage. Okay, vielleicht muss es wirklich mal wieder sein, denke ich, vom Schlaf noch leicht benebelt. Man soll ja doch von Zeit zu Zeit mal sein Gewicht kontrollieren. Sagen zumindest die vielen schönen, dünnen Menschen im Fernsehen. Einen Moment später stehe ich da, mit schlotternden Knien, nur noch spärlich mit ollem Schlafunterhemd und einer noch olleren grellpinken Hello-Kitty-Buxe bekleidet. So aufmerksam wie es mir um diese Uhrzeit möglich ist, beobachte ich das Auf und Ab der blinkenden Zahlen auf dem Display. Spannend ey. Wie viel wiege ich denn jetzt und wann kann ich endlich unter die heiße Dusche kriechen? Ah ja. Jetzt. Was??? Das ist doch viel zu viel, so viel kann ein Mensch, der gerade mal stattliche 1,58m misst, doch gar nicht wiegen. Frechheit! Vor lauter Empörung bin ich auf der Stelle hellwach. Ich schmolle. Und wiederhole die ganze, demütigende Prozedur. Drei Mal. Doch vergebens, das Ergebnis bleibt gleich. Und wenn ich... nur mal angenommen... tatsächlich so viel wiege? Vielleicht haben die ledergesichtigen Fitness-Experten in Funk und TV doch recht, wenn sie uns, den undisziplinierten Pöbel, mit erhobenem Zeigefinger zu gesunder Ernährung mahnen: Viel Obst, noch mehr Gemüse, wenig Zucker und noch weniger Fett, dafür aber möglichst 24 Liter Wasser pro Tag trinken. Weil das sehr wichtig ist für das körperliche Wohlbefinden und außerdem wunderschön und strahlend macht. Und schlank. Machen wir es kurz: Ich habe es versucht. Matrosenmädchenehrenwort. Habe versucht, meine morgendlichen Nutella-Toasts durch gesundes Müsli zu ersetzen. Das mit echten Körnern und schrumpligen Rosinen, ohne Schokostückchen und knusprige Nuss-Flakes. Hardcore-Müsli. Scheußliche Angelegenheit. Natürlich hat es mir nicht geschmeckt. Vielleicht liegt es daran, dass ich Rosinen an sich relativ unsympathisch finde und spätestens gegen Mittag mehr als genervt war vom Körner-ausse-Zähne-Gepule. Trotz gründlichstem Zähneputzen übrigens. Vielleicht bin ich einfach nicht besonders talentiert im Müsli-Essen, weiß nich so genau. Trotzdem gab ich nicht auf. Ganze fünf Wochen ernährte ich mich beispielhaft. Viele Vitamine, Proteine, wenig Kohlenhydrate. Kein Döner mehr, keine Pizza, keine Pommes, kein Bier, kein Zitroneneis mit Sahne. Und wirklich – obwohl es so eine irre Schinderei war, fühlte ich mich ausgeruhter, fitter, unternehmungslustiger und – Obacht – sooo fucking zauberhaft! Selbst mein kleiner, aber dennoch prächtig gewachsener Bierbauch schien zu schrumpfen. Holla die Waldfee. Gelegentliche Hungerattacken ertränkte ich eisern in einer Riesenschüssel Salat mit ohne alles und einer kleinen Träne im Knopfloch. Bis er kam – der Tag meiner Niederlage. In Form einer doppelten Portion Pommes Schranke. Was soll ich sagen? Ich wurde rückfällig. Darauf ein fröhliches Halleluja und ein dreifaches Ahoij! Meine Waage habe ich inzwischen übrigens verschenkt. Wir wären ja doch nie Freunde geworden...
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June 11, 2007 - Monday
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Current mood:  hungry
Manchmal wäre ich gerne cool. So cool wie Charlotte Roche zum Beispiel. Oder Amy Winehouse. Oder so cool wie die Mädchen, die immer die richtige Musik hören, deren Lieblingsnietenhose selbstverständlich an den geeigneten Stellen einreißt, die rülpsen können wie ein ganzer Trupp Bauarbeiter und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, unverschämt charmant wirken. Mädchencool halt. Manchmal aber wäre ich auch gerne jungscool. Dann würde ich als Bassist einer undergroundigen Indieband sowieso den halben Rock'n'Roll-Stall der Gegend höchstpersönlich kennen, natürlich würden meine abgefuckten Jeans stets auf Kniehöhe hängen, was mir aber herzlich egal wäre, und rülpsen würde ich nicht, weil es so herrlich verrucht daherkommt, sondern weil Jungs das nun einmal so machen. Aber leider bin ich weder Charlotte Roche noch ein Junge noch sonstwie cool geartet. Im Gegenteil. Gut, mein Äußeres lässt auf anderes schließen. Meine Chucks sind dreckig und schön oll, wie es sich gehört, ich trage einen hinreißenden Pony, bin fein tätowiert, kann fluchen wie hundert Matrosen und niemand, den ich kenne, sieht in Lederjacken so verwegen aus wie ich. Abgesehen davon kann ich ganze Szenen aus "Bang Boom Bang" auswendig rezitieren, erkenne den "Crank"-Klingelton hundert Meter gegen den Wind, trinke meinen Kaffee ohne Milch und mein Bier ohne Limo und sonstiges Gedönse. Ich kann Blut sehen und kenne Punkbands mit den unflätigsten Namen, die ich aussprechen kann, ohne rot zu werden. So weit, so cool. Allerdings überwiegen leider meine... nun ja... dunklen Seiten, die so unfassbar uncool sind, dass es mir fast ein wenig unangenehm ist, über sie zu sprechen. Aber weil ich wenigstens mutig sein will, verrate ich sie. Zum Beispiel, dass ich gerne "Sissi"-Filme sehe und anschließend immer wieder versuche, diesen hübschen Wiener-Dialekt möglichst unauffällig in meine Alltagssprache einzubauen (was mir allerdings noch nie gelungen ist, wenn ich an die leicht verstörten bis panischen Blicke meiner Umweltmenschen denke). Ich gestehe, dass ich "Germany's Next Topmodel" liebe. Dass ich nicht mal ungeschminkt Brötchen holen gehe, weil ein einziger kritischer Blick der hübschen Bäckersfrau ausreicht, um mein Selbstbewusstsein einen ganzen Tag lang in den Keller zu schicken. Dass ich Klatschgazetten verschlinge, Sülze mag und Sugarplum Fairy viel toller finde als Mando Diao. Ich habe weiland zu "My Heart Will Go On" weiche Knie bekommen, meine Jeans reißen nie am Knie oder sexy am Po auf, sondern nur schrottreif im Schritt, und mein Rülpstalent ist mehr als kläglich. Jaja, das Matrosenmädchen, kokettiert hier mit seiner angeblichen Uncoolness herum, dabei findet es das alles doch total stylisch und besonders, denkt sich jetzt vielleicht so mancher. Ja, mag sein. Zuzugeben, dass man gerne Sülze isst, erfordert Stärke. Und Mut. Und das ist cool. Aber ein letztes, tiefschwarzes Geheimnis habe ich. Ich habe eine Schwäche. Für... oh man, ist mir das peinlich... Detlef Dee! Soost. Jawohl. Ich finde ihn toll und irgendwie so... nett. Und das kann nun wirklich niemand schönreden. Was soll's, drauf geschissen. Uncool ist das neue Cool.
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June 10, 2007 - Sunday
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Current mood:  determined
Ich geb's zu. Ich bin ein bisschen verknallt. In eine schicke Dame. Sie ist vielleicht nicht ganz perfekt, aber ich find' sie wunderbar. Jaja, die olle Liebe, macht immer noch blind, mag sich manch verbitterte Seele nun denken. Aber das stimmt nicht, ihr verbitterten Seelen. Mag sein, dass mein wildes Matrosenmädchenherz leicht entflammbar ist, aber mit meiner Sehkraft ist alles in bester Ordnung, schönen Dank. Klar, die Gute hat so ihre Macken und an manchen Stellen splittert der Lack. Das finde ich aber gar nicht so schlimm, schließlich ist sie ja nicht mehr die Jüngste, meine neue Liebe. Dafür hat sie diesen ganz besonderen Charme: Ein wenig altmodisch und schrullig ist sie, aber zugleich zu allen Schandtaten bereit und höchst modern. Außerdem ist sie elegant und außerordentlich kultiviert und putzt sich gern mal fein heraus. Wovon ich hier verflixt nochmal rede? Vom schönen Recklinghausen, „meiner" schicken Dame, die mich nun seit über zwei Jahren beherbergt. Man muss wissen: Meine Heimat ist das gute, alte Zechenstädtchen Oer-Erkenschwick. Hier habe ich mir zum ersten Mal die Knie aufgeschrammt, die besten Baumbuden ever gebaut und bin zum aller ersten mal in Papas Karre durch den „Kreisi" (Kreisverkehr) am „Berli" (Berliner Platz") geprollt, stolz wie Bolle und cool wie zehn nackte Matrosen. In Erkenschwick macht man das nämlich so. Weil aber Kreisiprollen und Schrammelknie mit zunehmendem Alter an Attraktivität verlieren und ein großes Mädchen eines Tages nun mal in die weite Welt hinaus muss, bin ich vor einiger Zeit ins benachbarte Recklinghausen gezogen. Und doch – trotz Traumbutze und Katzensprung-Entfernung zur Stadtmitte – habe ich es meiner neuen Wohn-Stadt am Anfang nicht leicht gemacht. Im Gegenteil. Böse und knatschig und zickig war ich. Die Döner waren nicht scharf genug, die Busse zu vollgestopft und ordentliche Kreisverkehre gibt's hier auch nicht. Toll. Natürlich war das nicht fair von mir. Das wirklich Schlimme und eigentlicher Grund für meinen Unmut war dickes, fettes Heimweh. Jawohl. Das Matrosenmädchen hatte Heimweh und gibt es auch noch zu. Weil sentimentale Sehnsuchtsgefühle jeglicher Art aber eher etwas für melancholische Gemüter sind und so gar nicht zu meinem bodenständigen Erkenschwicker Naturell passen, sagte ich mir eines Tages: So, liebes Matrosenmädchen, jetzt reiß dich aber mal zusammen. Du Memme. Ich beschloss, mich mit Recklinghausen auszusöhnen und der Lady eine Chance zu geben. Keine einfache Mission, denn ich bin nicht nur sehr bodenständig, was sehr toll ist, sondern zudem auch sehr dickköpfig, was mitunter sehr schwierig sein kann. Und doch... irgendwann hat's gefunkt. Der Moment der Erkenntnis traf mich während eines Besuchs meiner zauberhaften Freundin Ines, ihres Zeichens Essener Urgestein und ausgesprochene Lokalpatriotin mit Verständnis für meine Sehnsucht nach der Heimat. „Na denn, Matrosenfreundin, was solln wa unternehmen?" fragte Ines. „Och", sagte ich, „wir könnten uns im Stadtgarten auf die Hansa-Wiese fläzen. Da ist alles so schön grün und idyllisch. Und einen Tierpark haben die da auch, sogar mit Schweinen!" „Toll", rief Ines, „Schweine sind super. Und danach?" „Zeig ich dir die Altstadt und wir trinken Bier!" „Toll", sagte Ines, „Bier ist fast noch besser als Schweine. Und danach?" „Kannste dir aussuchen", erwiderte ich stolz, „Cocktails schlürfen, Biergarten-Pommes essen oder Tanzbeinschwingen in der Rock-Kaschemme." „Tanzbeinschwingen!" beschloss mein Besuch, schenkte mir ein kleines, dreckiges Ines-Lächeln und fügte hinzu: „Also, ich weiß gar nicht, was du hast. Recklinghausen ist doch toll, es gibt hier Schweine und Bier und Rock-Kaschemmen, was braucht ein Mädchen mehr?" „Stimmt", seufzte ich und dachte, dass die Ines wohl mal wieder Recht hatte. Und als wir eine Stunde später auf meiner Lieblingsdecke im Stadtgarten lagen, den Bauch vom vielen Bier ganz warm, umgeben von echten Recklinghäuser Bäumen und sonstiger ortsansässiger Flora, und uns die Sonne auf die Nasen scheinen ließen, überkam mich zum ersten mal seit Langem dieses feine „Zuhause"-Gefühl, das ich so lange vermisst hatte. „Ach Ines" sagte ich da, „ich glaub', ich bin verknallt..." Wenn ich an dieser Stelle ein Fazit ziehen müsste, würde es wie folgt lauten: Auch, wenn meine Heimat immer das schöne Oer-Erkenschwick mit seinen vertrauten Zechensiedlungen, Dönerbuden und Sonnenstudios sein wird, habe ich Recklinghausen, meine schicke Dame, mittlerweile ziemlich lieb. Sogar einen ganz passablen Kreisverkehr konnte ich inzwischen ausmachen. Aber genug geredet, ich muss los – ne Runde durch den Kreisi prollen. In Recklinghausen macht man das jetzt nämlich so.
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March 22, 2007 - Thursday
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Jana kenne ich aus der Uni. Als ich als Studi-I-Männchen vor gefühlten 78,7 Jahren hilflos und verloren zwischen vielen fremden Menschen im Hörsaal saß und auf den Beginn meiner ersten Linguistik-Vorlesung ever wartete, erklang plötzlich eine zuckersüße Stimme aus dem Off: „Hi, ist der Platz hier noch frei?" Lovely. Meine erste Begegnung mit Jana. Zunächst war ich ein wenig skeptisch – trotz spontaner Sympathieattacke meinerseits beim Anblick der hübschen Dame. Denn Janas Haupt erstrahlte in einem leuchtenden Blond. Ich hingegen trage seit jeher voller Stolz meinen dunklen Schopf durch die Weltgeschichte. Während Jana neben mir Platz nahm, grübelte ich darüber nach, ob ein blondes und ein dunkelhaariges Mädchen tatsächlich Freunde sein können. Allen, die sich gerade am Kopf kratzen und sich dabei fragen, wo bitte, liebes Matrosenmädchen, liegt denn nun wieder dein Problem?, sei gesagt, dass es um die B-Frage geht: Blond oder brünett. Darum, wer die Nase vorn hat im ewigen Kampf der Eitelkeiten. Der sexy-naive Schwedenhappen oder doch die melancholische Intellektuellenbraut? Weitere Klischees: Blondinen tragen Pastellfarben, pinseln sich Kirschgloss auf den Schmollmund und trinken in schicken Bars Martini, Cocktails mit schlüpfrigen Namen oder Prosecco. Dabei kichern sie dann und alle finden das sehr zauberhaft. Brünette Mädchen hingegen kleiden sich schwarz oder, total wild, in „Erdfarben", tragen traurige Lippenstiftnuancen und saufen auf abgefuckten Kellerpartys schnödes Pils, bis sie sich in einer Zimmerecke erbrechen. Dann schämen sie sich und alle finden das irre nervig. Ja, ich bin ein wenig verbittert und das nicht zu Unrecht. Denn es geht um viel mehr als nur um Haarfarben und Vorurteile. Es geht hier ums Prinzip, jawohl. Ich gestehe: Wir brünetten Mädchen haben ein Problem mit euch, ihr lieben blonden Frauen. Woran das nur liegt, fragt ihr euch? An jahrelanger Diskriminierung liegt das. Beispiel Kino: Während sich sämtliche goldgelockte Filmheldinnen der letzten Jahre in zahllosen Komödien und Romantikstreifen unbeschwert ins Leben stürzen, leicht wie eine Sommerbrise in kurzen Leinenkleidchen durch Kornfelder hüpfen und dabei niedlich-hysterisch mit ihren Kulleraugen rollen, sind uns Dunkelhaarigen seit Jahr und Tag die fiesen Parts zugedacht, sei es die Rolle der fiesen Intrigantin, der karrieregeilen Businesstrine oder die der manisch-depressiven Psychopathin. Im besten Fall reicht es gerade noch zum verruchten Vamp, der Männer zum Frühstück verspeist und dabei die ganze Zeit streng aus der Wäsche schaut. Zugegeben: Es mag ja sein, dass Jungs sich nach „rassigen" Frauen, die Dinge sagen wie „Ey Kleiner, warste denn auch brav?" alle zehn Finger lecken, aber wir nun mal nicht. Im Gegenteil. Wir wollen auch mal unschuldig-sexy sein. Und unbeschwert und süß. Immer streng gucken ist nämlich anstrengend. Wir wollen nicht ewig die doofen Problemfälle sein, mit denen niemand spielen will. Und genauso wenig wollen wir ständig auf unseren Intellekt reduziert werden. Is' doch wahr. Gut, die einfachste Lösung für dieses Problem wäre vermutlich, sich das Haar zu bleichen. Das geht aber nicht. Weil es Verrat wäre. Und doch – einmal Sonnenschein statt Regenwolke sein, ach, das wäre schön. Leider ist die Umsetzung eines solchen Wunsches gar nicht so einfach. Nehmen wir zum Beispiel meine letzte Shoppingtour mit Jana, die sich übrigens trotz meines anfänglichen Widerstandes einen Für-immer-und-ewig-Stammplatz in meinem wild pochenden Matrosenmädchenherzen erkämpft hat. Ich gab mir die größte Mühe, möglichst drollig dreinzuschaun, hübsch zu lächeln und lauter so blöde Sachen. Nützte leider nichts. Die Jungs stierten ausschließlich meiner skandinavisch anmutenden Freundin nach, was mich sehr traurig machte. Irgendwann bemerkte ich, dass Jana nachdenklich vor sich hin starrte. „Was issn los?", fragte ich, ernsthaft besorgt. „Ach", sagte Jana, „ich will mich verändern. Ich wäre so gerne mal brünett, das wirkt so mysteriös und gebildet und verrucht. Meinste, das steht mir?" Vor Schreck klappte mir buchstäblich der Unterkiefer runter. Sah mal gar nicht niedlich aus. Mittlerweile ist Jana ins Reich der dunkelhaarigen Schönheiten übergewechselt und ich... nun ja, ich überlege. Blond oder nicht blond ist die Frage, die ich mir seit einigen Tagen stelle, Verrat hin oder er. Weil ich mich auch verändern möchte, so wie meine zauberhafte Freundin. Vielleicht könnten wir ja dann im Sommer leichtfüßig wie Rehe durch die Kornfelder joggen, uns an den Händen halten und uns schön fühlen. Jana in Lederkluft mit verwegen wallendem Haar, cool wie weiland Lara Croft, ich mit sanft gezwirbelten Goldlocken im kurzen Leinenkleidchen und Kirschgloss auf den Lippen. Oje, was soll ich denn nur tun? So eine verflixt schwierige Entscheidung aber auch. Jetzt gönne ich mir aber erstmal ein entspannendes Feierabendbier. Und sag was Nettes zu diesem liebreizenden Kellner, der schon die ganze Zeit um mich herumflitzt. So etwas wie „Ey Kleiner, warste denn auch brav?". Funktioniert immer. Ahoij.
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