Die blonden Haare kleben Pelle im verschwitzten Gesicht, das
Nietenarmband sitzt fest am Handgelenk. Er röhrt mit seiner
Whiskey-Stimme im vorpubertären Stadium ins Mikrophon. Hinter ihm
spielt Ben, er kann gerade so übers Schlagzeug gucken. Neben ihm
hauen Leo und Manu in die Saiten. Obwohl sie etwas verloren auf der
weiten Bühne wirken, springt der Funke über: das Publikum rockt.
SCHÜLERBAND "SPEED": DIE JUNGROCKER AUS WIESBADEN
Pelle, Manu, Leo und Ben
beherrschen bereits die Posen der Großen. Die regionale
Tageszeitung bezeichnete die Zwölfjährigen als "eine der wohl
jüngsten Rockbands der gesamten Republik". Sie schreiben ihre
Lieder selbst, drehten schon ein Musikvideo und treten im September
zusammen mit den
Killerpilzen
auf, die bereits Charterfolge feierten.
Auf der Bühne stehen und angejubelt werden - davon träumen
viele Teenager. Sie proben mit dem Kamm vor dem Spiegel oder kleiden
sich wie ihre Vorbilder. Einige versuchen ihren Traum zu erfüllen:
Sie gründen eine Band, proben unermüdlich, bestreiten Auftritte,
stellen ihre Songs online.
Musikalische Vorbilder wie die Eltern
Nach und nach weiter kommen, besser werden, auf größeren Bühnen
spielen, das treibt auch "Speed" an. Ihren Fortschritt
testen sie bei Talentwettbewerben. Beim
"Schooljam",
bei dem die beste Schülerband Deutschlands gesucht wird, schieden
sie in der Vorrunde aus. Doch schon ihre nächste Bewerbung wurde
ein Erfolg: Beim Wettbewerb "Nazis aus dem Takt bringen"
kamen sie unter die besten zehn. Ihr Stück "Nazis raus"
wird im August auf einem Sampler erscheinen, von dem 100.000 Stück
an Schulen verteilt werden.
Manu will auch sehen wie weit er es allein schafft. Solo
bewarb er sich mit seinem Lied "Hate War" beim Wettbewerb
"Dein Song" vom Kinderkanal. Er war einer unter über 1000
Nachwuchsmusikern - und hat es unter die letzten 16 geschafft. Ob er
auch in die Finalshow kommt, entscheidet sich in den nächsten
Wochen. Trotz des Solo-Erfolgs ist für ihn "Speed" das
wichtigste. "Ich möchte mit der Band weitermachen wie bisher",
sagt er.
Den Plan "Speed" zu gründen fassten die vier Jungs
Anfang 2006, da waren sie erst 9 Jahre alt. Ihre musikalischen
Vorbilder würde man eher ihren Eltern zuordnen. Zu Tocotronic
gesellen sich AC/DC, ZZ Top oder Deep Purple.
Anfangs gab es Streit: Alle wollten die Gitarre
Sie kommen aus einem Vorort von Wiesbaden. Sie
kennen sich fast ihr ganzes Leben: Pelle, Manu, Leo und Ben gingen
in denselben Kindergarten, waren in einer Grundschulklasse und
fingen vor drei Jahren zusammen mit dem Gitarrenunterricht an.
Natürlich besuchen sie alle derzeit auch das gleiche Gymnasium.
Als der Plan mit der Band stand, ergriff Pelle sofort das
Mikrophon. "Bei den anderen Jungs gab es ein wenig Streit",
sagt er. Alle wollten an die Gitarre. Doch ihr Wille war größer.
Ben rang sich durch und setzte sich ans Schlagzeug.
Sie probten in den Kellern ihrer Elternhäuser bis ihnen Leos
Vater einen richtigen Proberaum besorgte. Dort spielt sonst er
selbst mit seiner Band. Leo schnappte sich einen herumstehenden Bass
und die Rockband war komplett. Inzwischen üben sie regelmäßig
alle 14 Tage. Öfter schaffen sie es nicht, es gibt ja noch andere
Hobbys im Leben von Zwölfjährigen, Fußball zum Beispiel. Nur wenn
ein Auftritt bevorsteht, treffen sie sich bis zu zwei Mal in der
Woche. Nach ihrem ersten Konzert Mitte 2007 spielten sie unter
anderem auf dem Biebricher Höfefest oder auf Folklore 008, dem
Kulturfestival in Wiesbaden.
Die vier machen alles eigenständig vom Schreiben der Lieder bis
hin zum Myspace-Auftritt. "Auch unser erstes Musikvideo zum
Lied 'Scheiß Tag' drehten wir selbst", erzählt Leo Back.
Unterstützung nehmen sie trotzdem gerne an, sei es beim
Gitarrenunterricht oder beim Transport ihrer Instrumente. Mit ihren
Eltern reden sie viel über die Ursprünge von Musikstilen wie Punk
oder Folk. Ab und zu werden die Jungs von ihnen zu Konzerten
mitgenommen. "Früher wäre man wohl zum Angeln mit den Söhnen
gegangen", sagt Christoph Schuch, Vater vom Gitarristen Manu.
Mit den Problemen ändern sich die Lieder
Sie stehen am Anfang ihrer Pubertät, doch anders als viele
Gleichaltrige verwenden sie Musik um sich über Alltagsstress und
Probleme aufzuregen. Ihre Liedideen entstehen meistens mit einem
Riff oder Textstück, erklärt Manu. "Zusammen entwickeln wir
dann das ganze Lied." Ihre ersten drei Songs nahmen sie bereits
im Studio auf. Ein Album ist in Planung.
Alltagsprobleme von Zwölfjährigen ändern sich schnell -
entsprechend überarbeiten sie auch schon mal ihre alten Lieder. Sie
seien zu kindisch, sagt Manu. "Damals erzählten wir
Geschichten, jetzt singen wir über Gefühle und was uns nervt."
In "Verbieten verboten" schildern sie was ihre Eltern
ihnen nicht erlauben und liefern gleichzeitig ihren Zuhörern
Durchhalteparolen. "Wir müssen auf die Zähne beißen / wir
müssen das machen / ja dann können wir wieder lachen", singt
Pelle.
Aus "Polarexpress" wurde "Nazis raus"
Überarbeitet haben sie auch das Stück "Polarexpress".
Daraus wurde Anfang des Jahres "Nazis raus". Obwohl sie in
Wiesbaden selten mit Rechtsextremismus in Kontakt kommen,
beschäftigt sie das Thema. Ausschlaggebend waren die Berichte über
die Messerattacke auf den Passauer Polizeichef im Dezember.
"In dem Lied wollten wir all das schildern, was Nazis
verachten oder nicht glauben wollen", sagt Schlagzeuger Ben. Ihre Botschaft: "Sushi oder Kuskus / Döner macht
schöner / nur Sauerkraut / ist doch beschissen."
Im Moment sei alles noch ein Hobby,
sagt Pelle. "Aber wir würden es gerne weiterführen, große
Auftritte spielen und Geld damit verdienen." Das Konzert mit
den Killerpilzen ist ein weiterer Schritt dorthin. Auf dem
"Kids4Rock"-Festival werden Speed im September mit ihren
Idolen auf einer Bühne stehen. Erstmal stehen aber die Sommerferien
an. Danach werden die vier ihren Traum vom Rockband-Dasein
weiterverfolgen.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,634954,00.html