Wollen wir geläutert werden?
Notizen zu Crazy Bitch in a Cave [live: fluc, 29. Dez. 2007]
Weil wir altklug und aufgeklärt sind, wissen wir, was Performance heißt. Wir wissen, dass da etwas getan und ausagiert wird, ohne dass über das, was getan wird, drübergesprochen wird, ohne dass das, was getan wird, mit dem Zeigefinger noch mal gesagt, mit der Brechtschen Schrifttafel (uralt) noch mal gezeigt wird, zum Beispiel, oder mit der Powerpoint-Präsentation (noch älter). All das wissen wir. Been there, done that, oder?
Wir hatten mal eine Ahnung davon, wie gut und genau gezogen, wie bedacht und überwacht die Linie ist, zwischen dem schnoddrigen, langweiligen, neoliberalen, hochgepimpten „Chartsscheiß" (wie die Presse sagt, über CBC aka CBIAC) und dem, was wir wollen, mögen & begehren. Ein schmaler Grat, wie man sagt, eine schwierige Angelegenheit, um die eine ganze sogenannte Sub- oder Gegenkultur bedacht ist oder war; sprich eine Maschinerie, die es doch (so) gar nicht mehr gibt, weil zwischen Himmel und Hölle noch andere was mitzureden haben und zurecht ihre Reklamationen anmelden, ihre Subtilität einfordern, und ihre Präsenz. Wie langweilig die ollen Dialektiken (geworden) sind, auch das zeigt uns CBC, wenn sie die Bühne betritt: ein Eindruck, der zwischen nonnenhafter Eleganz und Kuckucksclan-Chique hin und her schwankt, und uns sofort jeder Glaubensgemeinschaft beitreten, jedem Fan-tum anheim fallen lässt, weil wir geläutert, ja erlöst werden wollen, und nicht immer abgewiesen: weil wir aufgenommen werden wollen, in den Club der toten Sub-irgendwas-Maschine, und einschlafen, in deinem Schoß, crazy bitch: do the lactation!
Dass die Sache mit Heiliger und/oder Hure nicht mehr so klar zu entscheiden ist, das wissen die antiquierten Bibelfiguren (Maria Magdalena und Konsorten, ein Pop-Papst Jesus), Alice Schwarzer aber zum Beispiel, die weiß es nicht, glotzt aber trotzdem dauernd von den Werbeplakaten, hält die Fresse ins Fernsehen und damit etwas am Laufen, das uns müde macht, taub und abgestumpft. Dabei wollen wir doch affiziert werden! – Wie kommen wir da raus?
CBC lässt ihre Mähne tanzen: ganz kurz vermuten wir, das Haar wäre das (politisch) korrekte Pendant zur nach oben gereckten Faust, zum Statement, das zum Himmel schreit, weil es etwas will, etwas einfordert, obwohl sich unser „Diskussionsverlangen" doch aufgelöst hat (wie Schorsch Kamerun einmal sagt), obwohl wir doch nur mehr die schönen Sätze sprechen wollen, und nicht mehr die neunmalklugen, die abgeschriebenen... Kurz waren wir also versucht, wieder die alte Leier runterzubuchstabieren: dass es etwas zu entscheiden gebe, eine Wahl zu treffen, zwischen dem heißen Scheiß (der uns tanzen und die Mucke abnicken macht) und dem harmlosen Lexikoneintrag, der uns vermittelt, was etwa Zitat-Pop einmal war, oder queer oder camp, oder was... Aber wir haben uns im Griff, weil wir immerhin auch auf sowas wie Madonna hin-sozialisiert worden sind, oder auf einen King of Pop, der die Markierungen durcheinanderwirbelt: being black in a white town, being white trash in a pop-universe... Die Stile sind doch schon immer ge-staubsaugt, geklittert worden, das ist doch nichts Neues, dass wir JA sagen, zur modernen Welt, und die Spreu vom Weizen nur mehr peu à peu trennen und dabei nie so genau wissen, wie und warum. Schließlich wollen wir eine andere Geschichte, ein anderes Erlebnis, eines, das nicht alles vor-entscheidet: keine fein angerichtete myspace-Welt, sondern ein eigenes Erlebnis, ein privates Glück, etwas, das so live ist, wie nur wir selber.
Auf der Bühne ist inzwischen Halbzeit. CBC macht den Kostümwechsel: wir staunen! Ein Kleid taucht auf, unter der Toga, unterm Talar, und noch mal sprechen wir sie selig, kommen auf unsre Kosten. Die langsame Nummer zwischendurch ist Labsal für unsre Affektmaschine: wir wollen alles wollen und kriegen doch so viel! – ON STAGE ist eben das, was wir nicht sind: Gwen Stefani, mit dem Geld, das wir nicht haben; Beyoncé, mit dem Sex, den wir nicht wollen; CBC, mit dem Talent, das ich nicht habe. Wenn Pop nicht mehr als Projektionsfläche funktioniert, dann bin ich raus. Wenn da oben, auf der Bühne, nicht alles tausendmal geiler ist, als danach, beim Nachhausefahrn in der S-Bahn, dann danken wir ab: und schicken unsren schnöden Text an die Spex.
Kerstin Putz
Wien, am 31.12.07