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Persepolis



Last Updated: 4/3/2008

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Tuesday, October 02, 2007 

Marjane ist acht Jahre alt, als der Schah aus dem Iran vertrieben wird und die Mullahs die Macht an sich reißen. Fortschritt und Freiheit bleiben auf der Strecke, als im Zuge der Islamischen Revolution Tausende im Gefängnis landen und Frauen gezwungen werden Kopftücher zu tragen. Doch die rebellische Marjane denkt gar nicht daran, sich dem rigiden Regelwerk zu unterwerfen. Viel lieber entdeckt sie Punk, ABBA und Iron Maiden und macht erste Erfahrungen mit Jungs. Sie ahnt nicht, dass ihr spielerischer Protest gefährlich ist – nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familie...

 
PERSEPOLIS ist spannend, lehrreich, humorvoll, radikal, emotional und zutiefst menschlich.
Ein unkonventioneller, aufregender, gezeichneter Film für Erwachsene, eine starke Familienstory und die direkte Übertragung gelebter Erinnerung. Basierend auf den gleichnamigen Kult-Comicromanen handelt der Film von der Lebensgeschichte der jungen Iranerin Marjane Satrapi und wirft eine humorvolle und sehr kritische Betrachtung auf die jüngste Historie Persiens.

Tuesday, October 02, 2007 

Mutter: deutsch, Vater: iranisch, Erziehung: bikulturell. Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai und die Journalistin Mariam Schaghaghi haben denselben Hintergrund: Sie wuchsen in Iran auf, gingen auf die Deutsche Schule Teheran und genossen eine weltoffene und liberale Erziehung. Der politische Umsturz in Iran wurde für beide zur entscheidenden Wende ihres Lebens.

 

Jasmin, was haben Marjane Satrapis Comics in Dir ausgelöst?

Als ich den Comic vor ein paar Jahren entdeckt habe, war das wirklich eklatant. Marjane ist ja 1969 geboren, ich 1967 - viele Bilder von ihr entsprechen den Erinnerungen in mir. Ich habe den Comic schon damals ganz vielen Leuten hier geschenkt, weil ich immer gesagt habe: wenn ihr wirklich etwas über Iran erfahren wollt oder Iraner besser kennen lernen wollt, so wie sie wirklich sind, dann müsst ihr das lesen. Marjane Satrapis Bücher sind für mich auch weiterhin die beste Darstellung des iranischen Volkes und der iranischen Seele, die ich derzeit kenne.

 

Als 1979 die Islamische Revolution stattfand, warst du zwölf Jahre alt, ich vierzehn. Wie viel hast du von dem Umsturz mitbekommen?

 

Ich kann mich an alles sehr gut und sehr lebendig erinnern, weil es eine so intensive Zeit war. Wie erst das Kriegsrecht eingesetzt wurde. Das Versammlungsverbot, was bedeutete, man durfte nicht mehr in Gruppen auf die Straße. Dann die Ausgangssperre - man durfte nicht mehr ab sieben Uhr abends auf die Straße oder überhaupt ausgehen. Nachts hörte man oft Maschinengewehrsalven oder von den Dächern die „Allah-o akbar"-Rufe, „Gott ist groß".

 

Nachts wurden die verbotenen Predigten von Khomeini, der noch in Frankreich im Exil war, über Lautsprecher von den Dächern verbreitet.

 

Nach der Revolution sind die Frauen nach und nach im Fernsehen verschwunden, das weiß ich noch sehr genau, und irgendwann saß da eine Frau mit Kopftuch. Die ganzen amerikanischen Serien, die wir Kinder so gerne gesehen haben, waren plötzlich abgesetzt. Unsere Nachbarin, die ein Jahr davor noch einen Minirock trug, war plötzlich verschleiert, und der Typ mit Koteletten und hohen Stiefeln trug plötzlich Vollbart. Alle waren plötzlich ganz gläubig.

 

Wann habt Ihr Teheran verlassen und unter welchen Umständen?

 

Es war am 9. Dezember 1978. Die „Deutsche Schule Teheran", auf die wir gingen, hat ja dicht gemacht, weil die Lage so unruhig war. Darum sagten meine Eltern sich, wie viele anderen Eltern auch: „Okay, schicken wir die Kinder mal ein paar Wochen nach Deutschland, dann können sie da in die Schule gehen". Meine älteste Schwester war schon in Deutschland, weil sie studiert hat. Meine andere Schwester, mein Bruder, meine Mutter und ich sind dann nach Deutschland geflogen. Übrigens nur mit einem Koffer, weil wir gedacht haben, wir bleiben nur ein paar Wochen. Der Flughafen war damals so überlastet, wir waren zwei Tage lang dort, bis es endlich losging. Es war eine ganz merkwürdige Atmosphäre. Ich habe das als Kind schon mitbekommen, dass sich da etwas ganz Profundes verändert.

 

In unserer Schule wurde das notgedrungen als „verlängerte Weihnachtsferien" tituliert. Es waren dramatische Zeiten. Im Januar 1979 verließ der Schah Iran, am 1. Februar kehrte Khomeini triumphierend aus dem Exil zurück und rief wenig später die „Islamische Republik" aus. In Deutschland war jeder Tag vom Fernsehen bestimmt, von den Nachrichtensendungen, von denen wir jede Information aufsaugten. - Wie sehr war Dir Deutschland vertraut?

 

Deutschland war mir sehr vertraut, weil ich fast jeden Sommer hier war. Es war immer ein bisschen wie Schlaraffenland: man kam in den Schulferien hierhin und hat alles Mögliche eingekauft. Deutschland war das Ferienland, schön, sauber. Ich kannte es, und beherrschte auch die Sprache. Trotzdem ist mir der Übergang wahnsinnig schwer gefallen.

 

Trotz der bikulturellen Erziehung, trotz einer deutschen Mutter – mit den Mentalitätsunterschieden wurden wir erst wirklich konfrontiert, als wir in Deutschland lebten. Bei Marjane Satrapi bekommt ja auch Europa sein Fett weg – gerade Wien karikiert sie als sehr seltsames Pflaster mit höchst skurrilen Figuren. Wie schwierig war der Übergang für dich?

 

In die Schule zu kommen, war ein ziemlicher Schock. Plötzlich hier zu leben, war ein totaler Schock. Die Kinderfeindlichkeit in Deutschland war ganz grauenhaft für mich. Unser Nachbar in Krailling hat immer einen wahnsinnigen Terror gemacht, wenn man zwischen eins und drei, also in der Mittagszeit, laut gelacht hat. Die Kids in der Schule waren ganz anders drauf. In der Klasse, in die ich kam, waren die Kinder schon am Rauchen oder am Trinken - das war bei uns nicht so. Trotz aller Vorteile, die ich hatte –die deutsche Staatsbürgerschaft, die Sprachbeherrschung – fand ich es extrem schwierig, mich hier einzuleben. Das hatte bestimmt auch mit der Vorpubertät zu tun, in der ich mich gerade befand. Und ich fand es natürlich ganz schlimm, von einem Tag auf den anderen alle meine Freunde zu verlieren.

 

Diese Entwurzelung hat uns sehr geprägt – das Gefühl der Heimatlosigkeit und das Leben zwischen zwei Welten, von denen plötzlich keine mehr vertraut war. War Dir denn auch bewusst, dass das Exil der Preis ist, den Du und Deine Familie für die Freiheit zahlt?

 

Überhaupt nicht. Ich war damals nur total sauer, besonders auf meine deutsche Mutter, dass wir nicht nach Teheran zurückgehen. In den ersten zwei Jahren nach der Revolution war die Islamische Republik ja auch noch nicht so fest im Sattel. Damals machten viele Iraner Sprüche und Witze, nach dem Motto: die Mullahs sind in ein paar Monaten weg. Damals musste man sich ja auch noch nicht verschleiern.

 

Wann ist Dir bewusst geworden, dass Iran sich so verändert, dass es für Dich kein Zurück gibt?

 

Als Saddam Hussein im September 1980 in Iran einmarschiert ist. Der Irak-Krieg war natürlich das willkommene Geschenk für die Mullahs. Ab dann haben sie die Zügel richtig angezogen - da mussten sich die Frauen verschleiern, und die politisch Gefangenen wurden richtig platt gemacht. Der Krieg war der willkommene Anlass – ein Angriff von außen, jetzt festigen wir unsere Macht. Das wird übrigens ganz toll von der Schriftstellerin Azar Nafisi in ihrem Buch „Lolita lesen in Teheran" geschildert, zu dem ich das Hörbuch gesprochen habe. Es beschreibt sehr treffend, wie das Land innerhalb von zwei Jahren ins Mittelalter zurückgeworfen wurde.

 

Wann warst Du das letzte Mal in Iran?

 

1987.

 

Wie sieht Deine Sehnsucht aus?

 

Ich glaube, es ist einfach eine Melancholie, die alle Exiliraner gemein haben. Eine ganz große Trauer darüber, was mit diesem Land passiert. Ich distanziere mich von einer Verklärung, nach dem Motto „früher war alles besser". Das ist auch lächerlich. Aber ich bin traurig darüber, dass ich nicht hinfahren kann.

 

Du hast auch gerade auf Deiner neuen CD wieder einen Bezug zu Iran hergestellt. Hast Du manchmal eine Art Vermittlerrolle inne? Das Iran-Bild, das in der Öffentlichkeit vorherrscht, ist ja oftmals nachrichtlich geprägt, von Drei-Minuten-Einspielern, die natürlich nicht alle Seiten Irans darstellen kann. Das Bild, das sich die Leute machen, ist daher oft undifferenziert, manchmal geradezu absurd verzerrt...

 

Ja. Ich leide, wie wohl alle Exiliraner, sehr unter diesem extrem schlechten Image, das Iran gerade in den letzten Jahren hat. Das tut uns natürlich allen weh, dass beim Stichwort Iran grundsätzlich die Atombombendiskussion losgeht, dann die Fundamentalismus-Debatte, bis es heißt: „Ach, Euer Präsident, der will Israel von der Landkarte wischen." Und man selbst steht die ganze Zeit da und sagt: „Ja, aber weißt du, das Volk selbst ist total nett, freundlich, offen und kultiviert. Das Land ist auch total schön." Und alle gucken einen an und tun so, als sei man geistesgestört.

 

Du sagtest vorhin, PERSEPOLIS biete ein Bild der persischen Seele.

Der Film kommt frech, leichtfüßig und komisch daher - damit demonstriert Marjane Satrapi etwas anderes, was ebenfalls kaum bekannt sein dürfte: den persischen Humor.

 

Mein Lieblingscomic ist ja Teil 3, „Sticheleien". Da unterhalten sich die iranischen Frauen über die Männer. Das ist so unglaublich lustig, gerade, wenn man Iraner kennt. Den Humor haben übrigens alle Iraner, ein - was die wenigsten wissen -  unglaublich lustiges Volk.

 

Satrapi nimmt dem Polit-Gespenst Iran seine Fratze und ersetzt es durch das Gesicht eines kleinen, aufmüpfigen Mädchens auf der Suche nach Freiheit. In Cannes, bei Welturaufführung, sagte sie: PERSEPOLIS soll daran erinnern, dass Iraner wie alle anderen Menschen sind: sie haben Eltern, sie erleben Liebe, sie haben Träume und sie haben Geschichten zu erzählen."

 

Schöner kann man es kaum sagen.

Tuesday, October 02, 2007 


Haben Sie ihren Comic auf die Leinwand bringen müssen, weil Sie das Gefühl hatten, mit dieser Geschichte noch nicht abgeschlossen zu haben?

 

Ich denke, die Dinge sind durch meine Zusammenarbeit mit Vincent Paronnaud überhaupt erst möglich geworden. Als die Comics erstmals veröffentlicht wurden, waren sie sofort erfolgreich und ich bekam mehrere Angebote, PERSEPOLIS auch für die Leinwand zu adaptieren, insbesondere, nachdem die Bücher auch in den USA erschienen waren. Mir wurden sogar Projekte wie eine Fernsehshow im Stil von „Beverly Hills 90210" angeboten, schließlich ein Film mit Jennifer Lopez als meiner Mutter und Brad Pitt als meinem Vater- solche Dinge! Das war schon verrückt! Wenn ich ehrlich bin, hatte ich – vier Jahre, nachdem ich PERSEPOLIS geschrieben und gezeichnet hatte – das Gefühl, dass das Werk beendet war. Erst als ich mit Vincent über das Filmprojekt zu reden begann, wurde mir klar, dass das nicht nur eine Gelegenheit bedeutete, mit ihm zusammenzuarbeiten, sondern auch eine Möglichkeit, etwas völlig Neues zu erfahren. Nachdem ich Comics, Kinderbücher, Comic-Strips für Zeitungen gezeichnet und sogar Wände bemalt hatte, merkte ich, dass ich in eine Übergangsphase getreten war. Ich wollte auf keinen Fall alleine einen Film machen und wusste, dass ich, wenn ich ihn mit irgendjemandem zu machen hätte, ihn mit Vincent und nur mit Vincent machen würde.

Er war wie gemacht dafür und so begeistert von der Herausforderung wie ich. Ich dachte, wir würden einfach Spaß haben… Manchmal sind es Kleinigkeiten, die Entscheidungen herbeiführen. Und weil ich den Produzenten Marc-Antoine Robert bereits kannte, begannen wir zusammen zu arbeiten. So einfach war das.

 

Wussten Sie von Anfang an, dass es sich eher um einen Animationsfilm handeln würde als um einen Realfilm?

 

Ja, ansonsten hätten wir wohl den universellen Anspruch der Geschichte verloren. Als Realfilm wäre eine Geschichte über Menschen herausgekommen, die in einem entfernten Land leben und anders aussehen als wir. Im besten Falle eine exotische Geschichte also, im schlechtesten ein „Dritte Welt"-Film. Die Bücher waren deswegen auf der ganzen Welt ein Erfolg, weil die Zeichnungen abstrakt sind, schwarz und weiß. Ich glaube, dass das jedem dabei geholfen hat, sich damit identifizieren zu können. Egal ob in China, Israel, Chile oder Korea, die Geschichte ist universell. PERSEPOLIS hat traumartige Momente und die Zeichnungen helfen uns dabei, Kontinuität zu wahren, während auch das Schwarz-und-Weiß (ich habe immer Angst davor, dass Farben sich als zu gewöhnlich herausstellen) in dieser Hinsicht sehr half, genauso wie die Abstraktion von Szenerie und Ort. Vincent und ich dachten, dass die filmische Herausforderung vom künstlerischen und ästhetischen Standpunkt noch viel interessanter sein würde.

 

Wie kamen Sie vor sechs Jahren dazu, ihr Studio mit Vincent zu teilen?

 

Bis dahin hatte ich ihn nie getroffen. Ich hatte seine Zeichnungen bei einem Freund gesehen und dachte nur: „Dem müsstest Du schon die Finger abschneiden, um ihn vom Zeichnen abzuhalten". Seine Arbeit war einfach fantastisch. Irgendetwas daran ist total verrückt und übertrieben und trotzdem bewahrt sie Würde und Anstand. Ich hatte auch zwei Kurzfilme gesehen, die er mit Cizo (Lyonnel Mathieu) gemacht hatte: `O Boy What Nice Legs´ und `Raging Blues´, die ich sehr gerne mochte.

 

Wie ergänzen Sie beide sich?

 

Als wir uns das Studio teilten, zeichneten wir gemeinsam. Wir haben zwar verschiedene Stile, aber sie passen sehr gut zueinander. Obwohl wir aus total verschiedenen Ländern und Kulturen mit anderem Hintergrund kommen, waren wir immer auf einer Wellenlänge. Man könnte sagen, dass wir gemeinsam den Begriff des „Culture Clash" zertrümmert haben. Ich bin eine sehr nach außen gewandte Persönlichkeit, er hingegen introvertiert, aber wenn es ums Zeichnen geht, um die Zusammenarbeit, dann ist es genau umgekehrt. Als wir wie die Verrückten über drei Jahre arbeiteten, hatten wir keine einzige Auseinandersetzung, und das, obwohl wir immer völlig ehrlich miteinander waren.

 

War es schwierig für Sie, das Material aus den beiden Bänden auszuwählen, das Sie im Film behalten wollten? 

 

Als ich die Bücher verfasste, musste ich mich an 16 Jahre meines Lebens erinnern, eingeschlossen jener Dinge, die ich eigentlich definitiv vergessen wollte. Das war ein sehr schmerzhafter Prozess. Deshalb fürchtete ich mich auch davor, mit dem Drehbuch anzufangen und alleine hätte ich das wohl auch nicht geschafft.

Am schwierigsten war es, damit anzufangen und mich erst einmal von der existierenden Erzählung zu lösen. Wir mussten bei Null anfangen, um mit dem gleichen Material etwas völlig anderes zu schaffen. Es ist etwas Einzigartiges. Da kann man nicht einfach eine Folge von Bildern abfilmen. Die Leute denken in der Regel, dass ein Comic wie das Storyboard für einen Film funktioniert, aber das ist natürlich nicht der Fall. Bei Graphic Novels basiert das Verhältnis zwischen Autor und Leser auf einer Art gegenseitiger Teilhabe. Beim Film ist das Publikum passiv. Er beinhaltet Bewegung, Sound und Musik, also sind das Design und der Inhalt der Erzählung ganz anders.

 

 

Waren Sie sich beide von Beginn an über den Look des Filmes einig?

 

Ja, ich denke, man könnte das als stilisierten Realismus bezeichnen, weil wir von den Zeichnungen wollten, dass sie Lebenswirklichkeit abbildeten und nicht wie ein Cartoon wirkten. Deshalb gab es, anders als beim Cartoon, auch keine große Bandbreite in Sachen Gesichtsausdrücke und Bewegungen. Das war die Botschaft, von der ich entschlossen war, sie an die Designer und Animatoren weiterzugeben. Ich war schon immer vom italienischen Neo-Realismus und dem deutschen Expressionismus begeistert und bald verstand ich auch warum: Das sind Nachkriegs-Filmschulen. Nach dem 1. Weltkrieg war die Wirtschaft in Deutschland derartig am Boden, dass sie es sich nicht leisten konnten, Filme „on location" zu drehen, also wurden sie im Studio unter Verwendung von Stimmungen und aufregenden geometrischen Figuren gefilmt. In Italien passierte nach dem 2. Weltkrieg das gleiche, aber die Dinge entwickelten sich genau andersherum – sie filmten auf der Straße mit unbekannten Darstellern, weil sie kein Geld hatten. In beiden Schulen aber findet man die Art von Hoffnung eines Volkes, das durch einen Krieg gegangen war und Verzweiflung erlebt hatte. Auch ich bin ein Nachkriegsmensch, der die acht Jahre Krieg zwischen dem Iran und dem Irak erlebt hat. Der Film ist in gewisser Hinsicht also eine Kombination des deutschen Expressionismus und des italienischen Neorealismus. Er beinhaltet sehr bodenständige und realistische Szenen genauso, wie eine extrem designorientierte Herangehensweise, mit Bildern, die fast schon an Abstraktion grenzen. Außerdem wurden wir beide von Elementen aus Filmen beeinflusst, die wir sehr lieben, zum Beispiel dem schnellen Tempo in Scorseses „Goodfellas".

 

Als es ans Filmen ging, wie teilten Sie sich die Arbeit mit Vincent und dem künstlerischen Leiter Marc Jousset auf?

 

Wir brauchten jemanden mit Überblick, jemanden, der alle Stufen des filmischen Entstehungsprozesses überwachen konnte. Vincent schlug Marc Jousset vor, da er mit ihm an „Raging Blues" gearbeitet hatte. Marc war auch der einzige, der verstanden hatte, was wir tun wollten. Ich schrieb den Plot und Vincent schrieb und diskutierte mit mir die Verfilmung des Drehbuchs. Dann kümmerte sich Vincent um das Produktionsdesign, das tatsächliche Shooting, die Requisiten, die Charaktere und das, was innerhalb jeder Szene passierte. Wie auch immer: Wir alle hatten in jeder Phase des Prozesses etwas zu sagen. Mittlerweile kann ich kaum noch sagen, wo sein Job beginnt und meiner aufhört und umgekehrt. Wir vervollständigten uns gewissermaßen.

 

PERSEPOLIS ist ein animierter Film mit vielen Charakteren…

 

600 verschiedene Charaktere sogar! Und das ist sehr ungewöhnlich. Ich habe alle davon gezeichnet, ihre Frontansicht und ihr Profil. Danach zeichneten sie die Designer und Animatoren aus jedem Winkel, um ihnen Ausdruck und Bewegung zu verleihen. Um ihnen dabei zu helfen, wurde ich dabei gefilmt, wie ich Szenen spielte. Das war der Schlüssel, um die Emotionen wahrhaftig rüberzubringen, um die richtige Balance zwischen Fantasie und Ernsthaftigkeit zu finden. Ich hatte auch den aufreibenden Job, die „Eye Of The Tiger"-Sequenz zu choreografieren…

 

 

War es schwer für Sie, zuzusehen, wie andere Designer ihre Zeichnungen neu interpretierten und permanent ihr Gesicht zeichneten?

 

Das ist schon ein eigenartiges Gefühl. Deine Zeichnung ist eigentlich wie ein Baby und ganz plötzlich gehört es jedem! Sie haben schließlich nicht nur meine Zeichnungen und Charaktere reinterpretiert, sondern auch mein Gesicht und meine Lebensgeschichte. Anders als Vincent hatte ich immer alleine gearbeitet. Ich hatte sogar im Studio meine eigene Ecke, also können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlte, mein Gesicht überall zu sehen. In klein, mittel und groß, als kleines Mädchen, Teenager, junge Frau und Erwachsene, von vorne, hinten, im Profil, lachend, sich übergebend, weinend, etc. Es war unerträglich! Ich musste mir immer wieder sagen: Es ist nur eine Figur! Aber genauso war es auch mit all den anderen Figuren, deren Geschichten sind ja auch real. Meine Großmutter hat natürlich existiert, gelebt und ist gestorben, genauso wie mein Onkel. Ich musste meine Emotionen da heraus halten, sonst wäre das Ganze für alle Beteiligten unerträglich geworden. Hätten sie mich mit Tränen in den Augen gesehen, hätten sie ihre Arbeit wohl nicht gewissenhaft fortsetzen können. Sie mussten sich absolut frei fühlen, um ihr Bestes geben zu können, deshalb hatte ich gar keine andere Wahl, als über mich selbst und die Leute in meinem Leben als fiktionale Charaktere zu sprechen: „Marjane tut dies, ihre Großmutter ist so…", anders wäre das unmöglich gewesen. Was nicht bedeutet, dass mich die Emotionen nicht manchmal doch übermannt hätten. Speziell, als die Designer meine Eltern zeichneten. Erst, nachdem das Drehbuch geschrieben war, wurde diese Geschichte zur Fiktion und öffentlich. Dann war das nicht mehr ich und paradoxerweise immer noch ich….

 

Was war der denkwürdigste Moment während dieser ganzen Erfahrung?

 

Das erste Screening für das ganze Team in einem Kino am Champs-Elysees. An dessen Ende ich geweint habe wie übrigens das ganze Publikum.

 

Der Iran ist immer wieder Schlagzeilenthema. Obwohl Sie den Film universell verstanden wissen wollen, können Sie die Leute nicht davon abhalten, ihn auch vor dem aktuellen politischen Hintergrund zu sehen…

 

Das ist richtig. Obwohl in meinen Augen der exotischste Teil der ist, der sich in Wien abspielt. Der Film urteilt nicht, er sagt nicht „das ist richtig und das ist falsch", er zeigt nur, dass die Situation viele Ebenen hat. Das ist kein politischer Film, der eine Botschaft  verkaufen will. In allererster Linie ist das ein Film über meine Liebe zu meiner Familie. Trotzdem: Wenn ein westliches Publikum Iraner nach dem Film als die gleichen menschlichen Wesen ansieht wie den Rest von uns und nicht mit abstrakten Begriffen wie „Islamische Fundamentalisten", „Terroristen" oder der „Achse des Bösen" bekleidet, dann habe ich das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Vergessen Sie nicht, dass die ersten Opfer des Fundamentalismus die Iraner selbst sind.

 

Fehlt Ihnen der Iran?

 

Natürlich. Er ist meine Heimat und wird das auch immer bleiben. Wäre ich ein Mann, dann könnte ich sagen, dass der Iran meine Mutter ist und Frankreich meine Frau. Selbstverständlich kann ich all diese Jahre nicht vergessen, in denen ich mit Blick auf einen gut 6000 Meter hohen schneebedeckten Berg aufwachte, der Teheran und mein Leben dominierte… Es ist hart, sich vorzustellen, dass ich das vielleicht nie wieder sehe. Das fehlt mir. Andererseits lebe ich das Leben, das ich wollte. Ich lebe in Paris, einer der schönsten Städte der Welt, mit dem Mann, den ich liebe, einem Job, den ich mag und außerdem werde ich für das, was ich gerne tue, auch noch bezahlt. Aus Respekt für jene, die im Iran geblieben sind, die meine Ideale teilen, aber nicht ausdrücken dürfen, fände ich es unangemessen und geschmacklos, mich auch noch zu beschweren. Hätte ich der Verzweiflung nachgegeben, dann wäre all das verloren gegangen. Deshalb werde ich bis zum letzten Moment meinen Kopf oben behalten und lachen, denn meine besten Seiten kriegen sie nicht. So lange man lebt, kann man protestieren und schreien, aber Gelächter ist immer noch die subversivste Waffe von allen.