„Meine Depression macht mich froh“
03.03.2009 | 18:32 |
SAMIR H.KÖCK (Die Presse)
Pop-Schwermut aus Österreich, Fall zwei: „A Life, A Song, A Cigarette“ singen über die schwarze Luft...........Der
lange Arm der Beatles erreicht auch die mageren Schultern der – von
ihren Fans als „ALASAC“ abgekürzten Wiener Band „A Life, A Song, A
Cigarette“: Fantasievoll instrumentierte Songs, abwechslungsreiche
Harmonien und ganz viel Sehnsucht im Gesang erlauben Assoziationen mit
den Fab Four. Mitschuld trägt das Elternhaus. Fahrig rauchend erzählt
Sänger Stefan Stanzel: „Meine Eltern hatten fast alle Beatles-Alben auf
Vinyl. Mein Vater spielte in einer Folk-Band, er hat mir die ersten
Griffe auf der Gitarre beigebracht. Er ist 1996 gestorben, und mir war
klar, ich muss diesen Weg weitergehen.“Stanzels Favorit ist Paul
McCartney, der Naive, Melodiensatte. Aber bei aller Unschuld à la
Beatles, die das zweite ALASAC-Album „Black Air“ ausstrahlt – Stanzels
Liedkunst hat einen entschlossenen Zug ins Düstere. Er nimmt sich, wie
es Gustav Flaubert formulierte, „das Recht, mit verbrannter Hand über
die Natur des Feuers zu schreiben“.
„Die Kunst ist keine Therapie“
„Meine Depressionen machen mich froh“, sagt er trotzig, „ich mag
kein oberflächlicher Mensch sein, der einfach dumm glücklich ist. Und
ich sage nicht, dass mich meine Musik befreit. Wenn ich einen traurigen
Song schreibe, kann es gut sein, dass es mir dann noch dreckiger geht.
Die Kunst ist keine Therapie für mich.“
Sich mit Unernst zu betäuben, käme für Stanzel nie infrage. Lieber
trägt er seine Verletzlichkeit wie ein Banner vor sich her. Und
manchmal riskiert er sogar den Griff in den Topf des Pathos. Etwa in
der an John Cales „Paris 1919“ gemahnenden Powerballade „Tears“, in der
es trefflich heißt: „Never smile when you feel low – always try to show
your broken heart“.
Das tut Stanzel derzeit bravourös, ist ihm doch seine Freundin
Marilies Jagsch abhandengekommen. Die beiden galten lange als das
heimische Indie-Pop-Traumpaar. Es bleibt „Fever“, ein herzerweichendes
Duett. Als Präludium hört man zwitschernde Vögel, dann umtanzen
einander Stanzels weiche Stimme und Jagschs virtuos-kratziges Organ.
Auf dem Beton von Simmering
Doch nicht alles auf „Black Air“ schwimmt in Nebel des
Missvergnügens. Das munter schaukelnde „Devil“ oder das unorthodox
groovende „Simmering“ geben ALASAC letztlich doch die Lizenz, ihre
Konzerte stehend zu spielen. In der Ode an den Heimatbezirk erwacht der
Erzähler mit dem Gesicht am Beton und wundert sich: „It really is
strange, I am only in bloom in the dark of the night.“
Das Simmeringer Konzertlokal Szene Wien war für Stanzel und seine
Freunde wichtig, dort durften sie früh vor renommierten Acts wie
„Magnolia Electric Co.“ auftreten. Stanzel: „Ohne die Szene Wien wären
wir nicht, wo wir jetzt sind. Schade, dass sie sich der Monopolist Muff
Sopper unter den Nagel gerissen hat. Der engagiert zwei
Alibi-Indie-Bands pro Monat und macht sonst seine Walpurgisnachtfeiern.“
Über mangelnde Unterstützung durch FM4 können sich ALASAC nicht
beklagen. Eher über ihre Erlebnisse als Nominierte für den „Amadeus
Alternative Award“: „Die absolut lächerlichste Preisverleihung! Die
haben die sogenannten Stars mit Limousinen von der U-Bahn abgeholt und
sie 200 Meter weiter am roten Teppich abgesetzt. Und bei der
After-Show-Party hörst du die Granden, die gleichzeitig die Totengräber
der österreichischen Musikzsene sind, sagen: ,Wen interessiert dieser
FM4-Alternative-Award? Die verkaufen ja eh nichts.‘ Dann nippst du noch
einmal am Gratiswodka und haust dich dann schnell über die Häuser.“
Kein Wunder, dass ALASAC nicht zu einer großen Plattenfirma wollen.
Beim kleinen Label „Siluh Records“ haben sie „totalen Freiraum“ – und
nicht einmal einen Vertrag: „Wir wissen, wo sie wohnen, sie wissen, wo
wir wohnen, falls mal was unklar sein sollte.“
Geplant wird derzeit eine Osteuropatour. Dass dort die Gagen noch
niedriger sind, schreckt niemanden. Man definiert sich ohnehin als
Leidensgemeinschaft. Stanzel: „Wir können uns aufeinander verlassen.
Egal, was passiert. Mal leiden wir mächtig, dann freuen wir uns ein
bisschen.“ Etwa darüber, dass Ken Stringfellow, immerhin auch Gitarrist
für R.E.M., ihr Album „Black Air“ produziert hat. Oder über dessen
wienerisch-englischen Titel. „Black Air“, schmunzelt Stanzel, „das
kommt aus meiner Zivildienstzeit bei den Sanitätern. In der Dämmerung
sagten die Krankenwagenfahrer oft: ,Jetzt kommt wieder die schwarze
Luft, da werden die Leut narrisch oder sterben...‘“
Live am 5. März, 20 Uhr, im WUK, Währinger Straße 59, Wien 9....("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2009)
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