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TourtagebuchTeil I: Spielboden Dornbirn und Bierstindl Innsbruck, am 3. und 4. April 2009 Kurz: diese Tour war natürlich ein voller Wahnsinn!
Es ist also wieder einmal Richtung Westen gegangen. Spielboden Dornbirn stand am Programm für Freitagabend und Bierstindl Innsbruck sollte es am Samstag werden. Ist es aber nicht, aber das kommt später.
Wir trafen uns am Freitag so um halb 10 Uhr morgens beim GAK-Trainingszentrum am Stadtrand von Graz um unseren Schlagzeuger, den Karl (Sturmfan), einzupacken. Und der Karl hatte als einziger auch eine Jause eingepackt. Wir anderen, also Albi der Bassist, Joe, der Mischer und Fahrer und ich, Norbert, Sängergitarrist, waren schon vor der Autobahnauffahrt hungrig wie die Saubären. Die nächste Shell-Tanke versorgte uns dann mit dem Notwendigsten, also Twix, Snickers, KitKat, Schokovo und ein Gatorade mit Zitronengeschmack. Auf Ö1 lief Johannes Brahms „Ungarischer Tanz, Nr.2 d-moll für Klavier zu vier Händen“, aber nicht lange, weil wir bandintern ja nicht so tun müssen, als ob uns klassische Musik besonders schärfen würde. Also legt Joe das neue Album von The Bad Plus „For All I Care“ auf. Auch ein bisschen anstrengend.
Die blödeste Band der Welt Ab dem Gleinalmtunnel wurden uns die Ärsche wässrig und die Köpfe fad, also spielten wir wieder blödeste Band der Welt. Die Spielregeln sind leicht, aber schwer zu beschreiben, und haben u. a. mit Gesprächen zu tun, wie sie unter verhaltensauffälligen Kindergartenkindern oder hinter den Türen geschlossener Anstalten für demente Geriatriker geführt werden. Teilweise auch mit infantilen Verhaltensweisen, wie dem lauten Vorlesen von Texten auf Straßenschildern und Plakaten, gegenseitigem In-den-Bauch-pieksen (der Zeigefinder ist der Zauberstab, ich bin Harry Potter und Albi ist der böse Lord Voldemort), mit-leeren-Gatorade-Flaschen-auf-den-Hinterkopf-des-Vordermanns-dreschen (vor mir saß Karl), mit Lippen simulierten Furzen und anderen für um-die-40-jährige Erwachsene durchaus bedenklichen und entbehrlichen Zeitvertreiben.
Man fragt sich zwischendurch, ob sich andere Bands auch so aufführen, wenn sie sich unbeobachtet wähnen. Obwohl wir uns zwischendurch schon auch zusammengerissen und halbwegs normal verhalten haben. In diesen ernsteren Phasen richteten wir befreundete Musikgruppen aus, enthüllten intime Details aus dem Privatleben guter Bekannter – die uns unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut worden waren –, streckten blöden Autofahrern die Zunge raus und führten mehr oder weniger sinnlose Telefonate mit anderen Menschen, um nicht komplett zu verdummen.
„Ziel erreicht!“ Ca. sechseinhalb Stunden nach Aufbruch, also kurz nach 16 Uhr, sagte Joes GPs dann „Ziel erreicht!“. Der Spielboden Dornbirn ist unterm Strich die vielleicht lässigste Live-Location Österreichs und das schreibe ich jetzt nicht, weil ich glaube, dass irgendwer vom Spielboden diesen blog liest, sondern weil es wahr ist: Da ist Platz ohne Ende, da helfen die Stagehands beim Ausladen mit, und auch wenn es nur eine ist (die Robert heißt und natürlich hat Robert ZWEI Hände), ist das ganze Zeug schneller auf der Bühne, an die Stromkabeln angesteckt und eingeleuchtet, als irgendwo sonst. Außerdem gibt es dort Holzkisten, auf die man seine Amps draufstellen kann. Während Robert die Mikros verkabelt hat, gaben wir dem Ulrich von Vorarlberg Online Live ein Interview und das lief eigentlich auch recht lässig und entspannt. Der Soundcheck auch, weil die Anlage und der Raum einfach super klingen und der Joe ja auch nicht ganz deppert ist.
The Base vs. Dornbirner Messe In jeder Location, in der wir spielen, erklärt uns der Veranstalter so zwei Stunden vor dem Konzert, warum ausgerechnet heute nicht viele Menschen kommen werden. „Sieben haben im Vorverkauf Karten checkt und viele werdns nimma werden“, erklärte uns der Andi, Chef vom Spielboden. „S'isch immer so, wenn der erste warme Frühlingstag im Jahr isch, da bleiben d'Lüt lieber länger draußen. Außerdem isch heut Dornbirner Messe …“ Uns schrecken solche Prognosen zwar längst nicht mehr, aber sie geben uns zu denken. Also verbrachten wir die letzten eineinhalb Stunden vor dem Konzert damit, darüber zu reden, warum wir es nie zu etwas bringen werden. Weil wir faule Schweine sind, weil unsere Musik keine Sau interessiert, weil uns keiner kennt, weil die Schrift auf unseren Flyern zu klein ist und so weiter. Ich bin dann irgendwann duschen gegangen, weil einen solche Gespräche unmittelbar vor dem Auftritt ganz schön ziemlich deprimieren können.
„Du klingscht wie der John Wayne!“ Über den Auftritt selber zu schreiben, ist fad, weil wenn ich jetzt behaupte, dass er gut war, glaubt mir das eh kein Mensch. Aber er war gut, behaupte ich und die 40 „Lüt“, die schließlich doch aufgetaucht sind, haben brav zugehorcht, geklatscht, getanzt, Zugabe gerufen, ein paar Mädchen hätten sicher gerne ihre BHs auf die Bühne geworfen (wenn sie etwas betrunkener oder auf Ecstasy gewesen wären) und fast jede(r) zweite hat dann eine CD gekauft. Nach dem Konzert hat mir dann eine Frau gesagt, dass sie meine Stimme unglaublich gut findet: „Du klingscht wie der John Wayne!“ hat sie gesagt. Ich sagte, dass ich John Wayne zwar noch nie sprechen oder singen gehört hätte, aber das mich der Vergleich auf jeden Fall sehr ehrt. Ich hoffe ja noch immer, dass sie in Wahrheit Johnny Cash gemeint hat. Der Ulrich von Vorarlberg Online hat wiederum gemeint, dass ich phasenweise wie Bono klinge. Ich versteh' das alles nicht. Aber wir waren frohgesonnen und uns einig, dass die Dornbirnerinnen und Dornbirner noch ihren Enkelkindern von diesem Gig erzählen werden. Ein paar von den älteren Zuhörern haben ihren Enkeln wahrscheinlich schon am nächsten Tag davon erzählt.
„Bitte noch einen Pfiff!“ In der Kantine des Spielbodens waren nach dem Konzert mindestens doppelt so viele Menschen wie WÄHREND des Konzerts (offensichtlich war es draußen nicht mehr so warm und die Höhepunkte der Dornbirner Messe vorbei), also haben wir uns nach dem Abbau unters Volk gemischt, noch ein paar weitere CDs verscherbelt, Putengeschnetzteltes auf Reis gegessen und unzählige Mohrenbräubiere getrunken. Die kleinen Biere (0,33) heißen in Vorarlberg „Pfiffs“ und deswegen kann man doppelt so viele davon trinken wie daheim. Unser alter Spezi Gernot, Ex-Bandkollege von Albi und jahrelanger Vorarlberg-Korrespondent, wollte uns so um halb 2 noch in den alten Spielboden verschleppen. Aber weil wir professionelle Musiker sind, die ja auch am nächsten Abend ein Konzert spielen sollten, wollten wir nicht allzu spät ins Bett kommen und haben deshalb abgelehnt. Stattdessen haben wir vom Backstage-Raum noch Mohrenbräu-Pfiffe eingepackt, sind ins Hotel Bischof gezischt und haben in meinem Zimmer noch bis halb fünf gesoffen und unserer verlorenen Jugend nachgeweint.
Auf ins Heilige Land! Die pre-senile Bettflucht ließ mich vier Stunden später im Hotelzimmer erwachen. Eigentlich fühlte ich mich nicht schlecht, der Puls war ob der zwar kleinen aber zahlreichen Biere und vielen Tschick leicht erhöht, die Stimme etwas belegt, der Rücken steif von der Autofahrt aber sonst alles ok. Ich war der erste beim Frühstück, verdrückte drei Semmeln (sogar die sehen in Vorarlberg anders aus als bei uns), erkundigte mich nach den Befindlichkeit der nach und nach eintreffenden Bandmitglieder und ging dann wieder aufs Zimmer um eine zu tschicken und zu duschen.
Um 11 ging es weiter Richtung Innsbruck. Die sich zwischen den tausenden Tunnels eröffnenden Aussichten auf die kleinen, schattigen Tiroler Täler entlockten uns ein paar „Bäähs“ und „Pfuis“. Wirklich schlafen konnte ich nicht, deswegen ließ ich mir von Albi aus einem mitgebrachten GEO den Lebenslauf von Mohammed vorlesen. Zwischendurch stoppte ich mit meinem Handy mit, wie lange ich mit einem Kater die Luft anhalten kann, wurde dabei aber meistens durch irgendeine blöde Frage von einem Bandmitglied unterbrochen.
Kurz nach 13 Uhr waren wir vor dem Hotel Zillertal, wo wir einmal eincheckten und uns dann auf die Suche nach einem Kaffeehaus begaben, von denen es in Innsbruck insgesamt fünf gibt. Eins davon ist ein Segafredo in der Nähe der Tschamlerstraße. Ein Kaffee vor dem Mittagsschlaf sei Blödsinn, fand Joe und bestellte sich ein großes Bier. Albi, Karl und ich lobten Joe für seinen spontanen und originellen Einfall und bestellten auch eines. Der Kaffee wäre wahrscheinlich eh nicht gut gewesen, die Erdnüsse waren es auch nicht.
Leider nicht im Programmheft Vor dem Soundcheck ist sich dann tatsächlich noch ein einstündiges Nachmittagsschläfchen im Hotel ausgegangen. Wir hätten auch noch länger pennen können, weil im Bierstindl war um 17 Uhr kein Mensch anzutreffen, außer einem Schauspieler von einem Kindertheater (das dort um 16 Uhr in einem kleineren Raum stattgefunden hatte), der gerade dabei war, eine weinende Schauspielerkollegin zu trösten: „So schlimm wars net“, sagte er zu ihr. Ich entschuldigte mich für die Störung und erkundigte mich nach irgendwelchen für den Spielbetrieb verantwortlichen Menschen. „Im 2. Stock“, schluchzte die Schauspielerin und ich stornierte mich. Warum sie geheult hat, weiß ich nicht, aber spätestens zu dem Zeitpunkt beschlich mich ein ungutes Gefühl. Ein paar Minuten später trudelten dann zwei Kellnerinen, zwei Stagehands und Koschuh ein, der in Vertretung von Alex, dem Chef, die Leitung für den Abend hatte. Pünktlich zwei Stunden vor dem Konzert begann er zu erklären, warum ausgerechnet heute nicht viele Menschen kommen würden: „Konzerte sind bei uns generell net sooo gut besucht in letzter Zeit. Und irgendwas ist mit unserem Programmheft passiert diesmal. Jedenfalls seid ihr im Programm nicht angekündigt, da ist irgendwas schief gelaufen.“ Außerdem war an dem Tag Zimtsternabverkauf in Innsbruck (minus 50 Prozent!) wie wir dem Veranstaltungsguide „Innsider“ entnahmen, also mords eine Konkurrenz auch noch. Egal, der Soundcheck verlief jedenfalls bestens, alles super hörbar und fett und zum ersten Mal an diesem Tag bekam ich richtig Lust auf das Konzert.
Sorry, no show tonight! Aber das Konzert fand nie statt. Kurz nach dem Soundcheck fragte uns Koschuh, ab wie vielen Besuchern wir bereit wären zu spielen, weil es sähe nicht besonders gut aus (genau, „Über-30-Party“ war auch im Innsbrucker Hafen, also echt schlechte Karten für einen guten Kartenverkauf!). Wir witzelten noch herum und ich sagte: „Sobald mehr Zuschauer im Saal, als wir auf der Bühne sind, spielen wir!“
Zehn Minuten nach offiziellem Konzertbeginn, 20 Uhr, warteten exakt drei Menschen vor dem Einlass. Koschuh meinte, dass es wohl besser wäre, abzusagen und wir meinten das zu dem Zeitpunkt auch. Es war traurig, zumal die drei Menschen sehr nett zu sein schienen, wirklich wegen uns gekommen wären und wahrscheinlich eine wahnsinnig tolle Stimmung gemacht hätten (so viel halt geht zu dritt). Wir stillten unseren Frust mit zwei Runden Bier, einer Fritattensuppe, ziemlich sättigenden aber sehr guten Gnocchi und ein bisschen Birnenschnaps. Mittlerweile waren so an die 30 Menschen im Bierstindl, die ganz gerne ein Konzert gesehen hätten, nicht einmal im Traum daran gedacht hätten, dass selbiges zur angekündigten Zeit von 20 Uhr pünktlich beginnen würde und deshalb einfach später gekommen sind. „Fuck it, let's Rock and Roll!“, dachte ich und ging in den Saal, um zu checken, ob Joe und die Stagehands prinzipiell bereit wären, doch noch eine Show zu fahren. Aber die hatten ihren Part schon erledigt und sämtliche Mics, Kabeln und Multichord abgesteckt und verpackt.
Fair Trade & Oralsex Man kommt sich nicht besonders gut vor, wenn man von einem Veranstalter Kohle (und nicht mal wenig) für ein Konzert kassiert, das nicht stattgefunden hat. Aber sicher noch besser, als wenn man von einem Veranstalter KEINE Kohle (oder wenig) für ein Konzert kassiert, das nicht stattgefunden hat. Und wenn die anwesenden 30 Menschen aus Frust wegen dem abgesagten Gig nur annähernd so viel konsumiert hätten, wie Joe, Albi, Karl und ich und dafür im Gegensatz zu uns auch bezahlt hätten, dann wäre zumindest die Hälfte der Ausgaben eh wieder reingekommen. Obwohl ich bezweifle, dass man so viel trinken kann, ohne ein Musiker zu sein, der gerade kein Konzert spielt. Wir tranken also und diskutierten über den Einfluss des Internets auf den Musikgeschmack junger Musikkonsumenten, erörterten moderne Bildungssysteme und Unterrichtsmodelle und beendeten den Abend im Bierstindl mit einem offenen Tisch zum Thema „Global Fair Trade und Transparenz im Welthandel“. Auf dem Weg zum Weekenderclub redeten wir dann über Oralsex. Unter der Brücke, die wir auf dem Weg in die Stadt überquerten, gab ein Mädl einem Typen in einem Auto gerade einen Blowjob. Wir konnten sie von oben sehen aber sie uns von unten auch, deswegen blieben wir nicht lange stehen um zu schauen. Aber wir redeten wie gesagt drüber.
„Aachen 229/J13, Aalen 229/K15, Aalst 228/J12, Äanekoski 221/D21 …“ Sieben Stunden später saßen wir wieder in Joes Voyager. Albi las mir aus dem Inhaltsverzeichnis des ÖMV-Straßenatlas für Österreich und Europa vor. Ich drosch Karl mit einer leeren O2-mit-Limettengeschmack-Flasche auf den Hinterkopf. Karl schlief und Albi nahm wieder das GEO zur Hand. Diesmal las er einen Artikel über eine weitere geplante Mondlandung im Jahr 2019 vor, die so um die 100 Milliarden Euro kosten würde. Joe schlug vor, mit The Base eine Mondfahrt zu machen und dort eine The-Base-Mondbasis zu errichten mit einem großen Logo drauf. Und ob wir nicht beim Kulturreferat Steiermark um die ca. 200 Milliarden Euro, die so was kosten würde (also Mondlandung UND die Basis) ansuchen könnte und dafür dürften die dann auch mit einem Logo rauf. Es war ein schöner Tag und wir waren froh, dass wir heute nicht spielen mussten.
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