City: Bremerhaven
State: Bremen
Country: DE
Signup Date: 4/29/2008
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Saturday, December 26, 2009
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ArbeiterInnen fordern Generalstreik
Am 12. Dezember nahmen 200.000 Menschen an einer von den größten
spanischen Gewerkschaften UGT und C.C.O.O. organisierten
Massendemonstration in Madrid teil. Diese Demonstration bot erstmals die
Gelegenheit für die Arbeiterklasse und für Jugendliche in Spanien, einem
von der Krise heimgesuchten Land mit über vier Millionen Arbeitslosen
und stark rückläufigen Lebensstandards, ihrer in der letzten Zeit
angestauten kochenden Wut auf Landesebene Ausdruck zu verleihen.
von Danny Byrne, CWI (Komitee für eine Arbeiterinternationale), 14.
Dezember 2009
Obwohl im Vorfeld von den kapitalistischen Medien so gut wie
totgeschwiegen, zeigte die enorme Teilnehmerzahl bei der Demonstration
mit Delegationen aus allen Regionen Spaniens, die teilweise vierstellige
Größen erreichten, eine enorme Stärke. Und dennoch war ein im Gedächtnis
bleibendes Bild von der Demo die große Kluft, die die TeilnehmerInnen
von den Gewerkschaftsführern trennte, sobald es um Kampfgeist und
Kampfeswillen ging.
Die Gewerkschaftsführer legten ihren Schwerpunkt auf das Thema
„gesellschaftlicher Dialog“ (gemeint ist sozialpartnerschaftliche
Kooperation zwischen Kapitalisten und ArbeiterInnen, A.d.Ü.), um
angesichts der Krise „soziale Sicherheit“ zu erreichen. Für die
DemonstrationsteilnehmerInnen bedeuten die real existierenden Zustände
in Spanien mit Massenarbeitslosigkeit, einer akuten sozialen Krise,
Millionen Menschen, die in die Armut abrutschen, die Früchte eben dieses
Ansatzes der Gewerkschaftsführer vom „gesellschaftlichen Dialog“. In der
momentanen Situation, in der die Konzernoberen und die Regierung weitere
Attacken auf Arbeitnehmerrechte, Arbeitsplätze und den öffentlichen
Dienst vorbereiten, ist die eindeutige Aussage Tausender von
ArbeiterInnen und Jugendlicher am 12. Dezember gewesen, dass die Zeit
für einen gesellschaftlichen Dialog vorüber ist. Jetzt ist es an der
Zeit aufzustehen und zu kämpfen! Die Demonstration war von Parolen und
Sprechchören dominiert, die einen Generalstreik forderten.
Generalstreik
Und dennoch wurde die Frage des Generalstreiks von den
Gewerkschaftsführern der UGT und der C.C.O.O. in ihren Reden noch nicht
einmal erwähnt. In sporadische Gespräche mit Regierung und
Arbeitgebervereinigung (CEOE) eingebunden, haben die Gewerkschaftsführer
bisher dafür gesorgt, dass es zu keinen ernsthaften Aktionen gegen die
Verheerungen durch die Krise gekommen ist. Aufgrund der allgemeinen Lage
und vor dem Hintergrund der Stimmung, die von den TeilnehmerInnen der
Samstagsdemo ausging, ist allerdings klar, dass die Versuche, die Wut
der Arbeiterklasse zu deckeln, nicht ewig weitergeführt werden können.
Aus Sicht der Kapitalistenklasse hat der Ansatz zum Dialog gezeigt, dass
jegliche Maßnahme zur Krisenbewältigung nur auf Grundlage weiterer
Angriffe stattfinden kann. Ihr Ziel ist die Reform der Arbeitsgesetze,
um die Ansprüche organisierter Beschäftigter in Produktion und
öffentlichem Dienst anzugreifen, die Löhne zu drücken und die
Beschäftigten leichter entlassen zu können.
Im Zusammenhang mit der bereits grassierenden Massenarbeitslosigkeit
werden derartige Maßnahmen, die eine weitere Entlassungswelle bewirken
können, von der Arbeiterklasse nicht einfach tatenlos hingenommen. Hinzu
kommt, dass von der Regierung momentan massive Angriffe geplant sind, um
das 60-Milliarden-Haushaltsdefizit zu überbrücken (so haben sie
beispielsweise jüngst angekündigt, dass sie die Anhebung des
Renteneinstiegsalters planen). Die bisher von der Regierung ergriffenen
Notmaßnahmen, wie etwa die Bereitstellung einer Sonderzulage für
Arbeitslose ohne Bezugsanspruch, sind verzweifelte Versuche, den
gesellschaftlichen Kollaps zu verhindern und soziale Explosionen
abzuwehren. Sie stellen keinesfalls einen Linksschwenk dar, wie einige
spanische Linke meinten. Die PSOE-Regierung bleibt grundsätzlich
kapitalistisch und wird an ihren Plänen festhalten, um das Defizit
auszugleichen. Das wird in der kommenden Phase mittels Attacken auf
Lebensstandards, soziale Fürsorge und öffentliche Dienste geschehen.
Diese Situation wird dazu führen, dass die Arbeiterklasse und
Jugendliche ganz entschieden in den Kampf treten werden. In die
allgemeinen Folgen, die die Krise mit sich bringt, ist die Möglichkeit
eines Generalstreiks geradezu inbegriffen. Das CWI griff bei der
Demonstration vom Samstag mit einer internationalen Delegation ein und
erzielte eine gute Resonanz hinsichtlich unserer Forderung nach einem
sofort auszurufenden 24-stündigen Generalstreik.
Würde der Generalstreik ausgerufen, hätte das die enthusiastische
Reaktion seitens der ArbeiterInnen und Jugendlichen in ganz Spanien zur
Folge. Damit würden alle zusammengebracht, die gegen Krise und
Krisenfolgen stehen. Außerdem würde man einen Geschmack davon bekommen,
welche Macht die Arbeiterklasse hat, tritt sie erst einmal in Aktion.
Betriebliche Aktionskomitees sollten einberufen werden ebenso wie in den
Gemeinden, Wohnvierteln, Schulen und Universitäten, um sich auf einen
24-stündigen Streik als Beginn für gemeinsame Kämpfe gegen Konzernchefs
und Regierung vorzubereiten.
Nötig ist eine kämpferische, sozialistische Linke
Die Unfähigkeit des Kapitalismus, die grundlegenden Bedürfnisse der
Mehrheit der Bevölkerung sicherzustellen, tritt in Spanien deutlicher zu
Tage als irgendwo sonst in Westeuropa. Vor allem für die jungen Leute,
die seit dem Zusammenbruch des Bausektors von einer 38-prozentigen
Arbeitslosigkeit betroffen sind und für die kein neuer Motor für
ökonomisches Wachstum in Sicht ist, der genügend neue Arbeitsplätze
kreieren würde, sieht die Zukunft auf kapitalistischer Grundlage düster
aus. Diese Umstände bedeuten für ehrliche SozialistInnen und Linke eine
besondere Verantwortung, die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen, den
Kapitalismus als System an sich zu diskreditieren und Unterstützung für
eine sozialistische Alternative aufzubauen.
Ein Ende des kapitalistischen Systems und der Diktatur des Marktes, auf
dem die Lebensbedingungen von Millionen und die Zukunft der jungen
Menschen dem Profit geopfert werden, und deren Ablösung durch
Sozialismus, in dem sich Wohlstand und Ressourcen in öffentlichem
Eigentum befinden und auf Basis einer demokratisch geplanten Wirtschaft
kontrolliert werden, bietet den einzigen Weg aus der momentanen Lage -
soweit die Mehrheit der Menschen davon betroffen ist. In der
bevorstehenden Periode hat die Linke das Potential, eine Massenkraft zu
werden, die in der Lage sein wird, für eine Arbeiterregierung mit
sozialistischem Programm zu kämpfen und die Gesellschaft zu verändern.
Um allerdings massenhafte Unterstützung zu erreichen, muss die Linke
sich deutlich von den Parteien der Konzerninteressen abgrenzen, indem
sie die Veränderung der Gesellschaft entlang sozialistischer Grundsätze
auf die Agenda setzt.
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Saturday, December 26, 2009
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Italienische SozialistInnen ziehen Bilanz der vergangenen Kämpfe und
diskutieren weiteres Vorgehen.
Über 150 Personen nahmen an dem Diskussionswochenende teil, zu dem die
marxistische Gruppe Controcorrente (Gegenströmung, eine marxistische
Strömung in der Rifondazione Comunista, in der die italienischen
CWI-Mitglieder mitarbeiten) vom 20. bis 22. November ins italienische
Genua eingeladen hatte. Hauptthemen dieses Wochenendes waren die Kämpfe
in Italien und weltweit, sowie der Aufbau einer Arbeiterpartei.
Bericht von CWI-Mitgliedern in Italien vom 8. Dezember 2009
Die Debatte über die Zukunft der Linken, an der VertreterInnen fast
aller wichtigen antikapitalistischen Kräfte Italiens teilnahmen, zog das
Interesse von über 100 TeilnehmerInnen auf sich. CWI-Mitglieder in
Italien nahmen ebenfalls an dem Treffen teil und drei von ihnen waren
auch auf Podien vertreten, darunter der Europaabgeordnete Joe Higgins
und Sean Figg von der englisch-walisischen Jugendkampagne „Youth for
Jobs“ („Jugend für Arbeitsplätze“). Weitere RednerInnen sprachen über
die Kämpfe gegen Privatisierung im Schiffbau und bei der Post, die
Auseinandersetzungen, die die Umweltbewegung im norditalienischen Tal
Val di Susa führt, um den Bau einer Hochgeschwindigkeitstrasse zu
stoppen und die Bewegung im Iran.
Das Wochenende trug dazu bei, das landesweite Profil von Controcorrente
zu schärfen und die Strömung als relevante Kraft auf der italienischen
Linken zu festigen.
Fotos auf der CWI-Webseite hier.
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Friday, December 25, 2009
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Berichte aus Bremen, NRW und zur Mitgliederentwicklung
NRW-Landesparteitag: Ein Schritt nach links
Die Delegierten der nordrhein-westfälischen LINKEN haben trotz des
Drucks der bürgerlichen Parteien und ihrer Presse ein Wahlprogramm
beschlossen, das sich für die Überführung der Energie- und anderer
Schlüsselkonzerne in Gemeineigentum ausspricht. Das gilt auch für Opel,
wo ohne eine Änderung der Eigentumsverhältnisse weder die Verteidigung
der Arbeitsplätze, noch eine ökologische Umgestaltung möglich ist.
Eine Regierungsbeteiligung in NRW hat der Landesverband an die Bedingung
geknüpft, dass es keine Privatisierungen, Stellenstreichungen und
Verschlechterungen für die arbeitende Bevölkerung geben darf. Mit großer
Mehrheit wurde auch eine Kritik am Koalitionsvertrag in Brandenburg
verabschiedet, in dem kein Politikwechsel, sondern im Gegenteil die
Fortsetzung des Sozial- und Stellenabbaus vereinbart wurde. Die
Forderung von SAV-Mitgliedern unter den Delegierten nach einer
sofortigen Beendigung dieser unsozialen Koalition fand jedoch auf dem
Parteitag keine Mehrheit.
Bremer Parteitag verurteilt Beitragsboykott der Fraktion
Die Bremer Linksfraktion verweigert der Partei den Teil ihrer
Abgeordnetenbezüge, den sie ihr satzungsgemäß zur Verfügung stellen
muss. Durch die Einzahlung auf ein Sperrkonto wollen die Abgeordneten
dafür sorgen, dass diese Gelder für ihre Wiederwahl bei der
Bürgerschaftswahl verwendet werden. Immerhin geht es um etwa ein Drittel
der Finanzen des Landesverbandes. Der 5. Landesparteitag hat diesen
Satzungsbruch scharf verurteilt, weil die politische Verselbständigung
der Parlamentsfraktion, die kürzlich dem Haushaltsentwurf des rot-grünen
Senats zugestimmt hatte, damit auf die Spitze getrieben wird.
Die Debatte darüber, ob die Bremer LINKE bereits vor der nächsten
Bürgerschaftswahl eine Beteiligung am rot-grünen Senat ablehnen und sich
auf außerparlamentarische Oppositionsbündnisse konzentrieren sollte,
wurde allerdings schon nach zwei Wortmeldungen mit knapper Mehrheit
abgebrochen. Auch ein Antrag zur Verurteilung des rot-roten
Koalitionsvertrages in Brandenburg fand unter den Delegierten keine
Mehrheit.
Mitgliederentwicklung: Unterschiede zwischen Ost und West
Die Mitgliederzahl der LINKEN hat sich vom 1. Januar 2008 bis zum 30.
September 2009 um 5.962 (acht Prozent) auf 77.637 erhöht. Die Dynamik
dieses Wachstums lässt jedoch nach und ist in den letzten neun Monaten,
die von der tiefsten Krise des Kapitalismus seit den dreißiger Jahren
gekennzeichnet waren, auf nur noch +2,2 Prozent zurückgegangen.
Auffällig ist die gegenläufige Entwicklung in den westlichen und den
östlichen Landesverbänden: Während im Osten ein Minus von 2.000
Mitgliedern verzeichnet wurde, stieg die Zahl im Westen um ein Drittel
(7.692) an, so dass diese Landesverbände inzwischen 37 Prozent aller
Mitglieder ausmachen. Den stärksten Zuwachs hat mit 45 Prozent der am
weitesten links stehende Landesverband NRW, dicht gefolgt von
Schleswig-Holstein (40 Prozent) und Hamburg (38 Prozent). Die
deutlichsten Verluste fanden in Sachsen-Anhalt (8,8 Prozent) und Sachsen
(6,9 Prozent) statt. Berlin verzeichnet eine bescheidene Zunahme um 2,5
Prozent auf insgesamt 9.300 Mitglieder.
Diese Gesamtentwicklung weist darauf hin, dass DIE LINKE vor allem als
oppositionelle Kraft zusätzliche Mitglieder gewinnen kann. Der so
genannte „Realo-Flügel“ in der LINKEN versucht, durch einen verschärften
Kurs auf Regierungsbeteiligungen eine dominante Stellung in der Partei
zu erhalten. Unter ihrem Einfluss war DIE LINKE bisher leider nur sehr
begrenzt dazu in der Lage, die Krise des Kapitalismus für ihren Aufbau
und die Stärkung außerparlamentarischen Widerstands zu nutzen.
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Thursday, December 24, 2009
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Aktiv werden für Ausbildung, Übernahme und Arbeit!
Die Krise trifft vor allem die Jugendlichen, das können auch die
bürgerlichen Medien nicht verschweigen. Die Folgen lassen sich langsam
erahnen. Ein Großteil der Unternehmen wird die Kurzarbeit im ersten
Quartal 2010 nicht verlängern und so genannte „Kapazitätsanpassungen“
vornehmen, also massenhaft Leute auf die Straße setzen. Das
Ausbildungsplatzangebot wird noch knapper und insbesondere
Übernahmechancen sind sehr gering. Wie können wir dagegen halten?
von Linda Fischer, Hamburg
Schon jetzt ist die Jugendarbeitslosigkeit von August 2008 bis August
2009 um 16,8 Prozent gestiegen, dreimal so stark wie die
Arbeitslosigkeit insgesamt.
Wir kriegen die Krise
Nach einer DGB-Studie sind 1,1 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 24
Jahren arbeitslos und/oder auf Hartz IV angewiesen. Auch eine gute
Ausbildung schützt nicht vor Arbeitslosigkeit. Die Erwerbslosenzahl der
Menschen mit Abitur hat sich gegenüber dem Vorjahr um fast ein Viertel
erhöht.
„Generation Krise“ ist international. In Spanien ist die Lage für
Jugendliche besonders dramatisch: 41,7 Prozent der Jugendlichen sind
arbeitslos. Die Situation war ähnlich wie heute in Deutschland. Vor
allem junge Leute bekamen fast nie feste Anstellungen und die
Unternehmen konnten somit die Arbeitsverhältnisse einfach auslaufen
lassen. Das lässt erahnen, welche Entwicklungen auch in Deutschland
möglich sind.
Häufig kann man von „prekärer Ausbildung“ sprechen: Jeder fünfte
Auszubildende fühlt sich durch Überstunden, ungerechte Bezahlung und
ausbildungsfremde Tätigkeiten ausgenutzt. Ein Drittel der Jugendlichen
ist prekär beschäftigt. Auch im „richtigen“ Berufsleben wird weniger
geboten: Zwei Drittel der jungen Vollzeitbeschäftigten beziehen ein
Bruttoeinkommen von unter 2.000 Euro monatlich.
Ausbildungsplätze weiterhin Mangelware
Die Ausbildungsplatzlücke hat sich im Krisenjahr 2009 weiter vergrößert.
Es standen insgesamt nur 408.439 betriebliche Ausbildungsplätze zur
Verfügung und es wurden 9,2 Prozent weniger Ausbildungsverträge
abgeschlossen. Trotzdem wird der 2004 geschlossene Ausbildungspakt als
Erfolg dargestellt. So heißt es in der Presseerklärung von Arbeitgeber
und Bundesregierung: „Die Paktpartner stehen auch in diesen
schwierigeren Zeiten zu ihrer Paktzusage, jedem ausbildungswilligen und
-fähigen Jugendlichen ein Ausbildungsangebot zu machen.“ Dem steht
gegenüber, dass 25 Prozent der Unternehmen weniger Ausbildungsplätze
anbieten wollen (viele auf Grund der wirtschaftlichen Lage).
Der Ausbildungspakt verschweigt zusätzlich, dass Altbewerber in der
Statistik nicht auftauchen und in Berufsvorbereitungen Befindliche oder
Praktikanten als „versorgt“ gelten. Welche Ausmaße diese
„Übergangsmaßnahmen“ annehmen, zeigt die von der
Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte Studie: 2007 standen den
625.885 Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz gefunden haben, 668.227
gegenüber, die in so genannten „Qualifizierungs- und
Förderungsmaßnahmen“ platziert wurden.
So bleibt die Lage trotz rückgängiger Bewerberzahlen katastrophal; die
Konkurrenz um Ausbildungsplätze wird sich bei zunehmenden
Betriebsschließungen und Entlassungen erhöhen.
Übernahme extrem gefährdet
Die Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung des Landes
Nordrhein-Westfalen sieht insbesondere die Ausbildungsabsolventen in
einer schlechten Lage. Die Übernahmechancen sind in Folge der Krise
drastisch gesunken. In einer Unternehmensumfrage des Bundesinstituts für
Berufsbildung meinten 36 Prozent, dass eine Übernahme nach der
Ausbildung nicht möglich sei.
Fest steht, dass die Anzahl der „Insolvenzlehrlinge“ bereits jetzt
zugenommen hat. Die Politik reagiert darauf mit weiteren Fördermaßnahmen
für Unternehmer, die diese Lehrlinge dann aufnehmen. Bei der
Quelle-Insolvenz geht es zum Beispiel um mehr als 200 Azubis. Bei einer
Azubi-Informationsveranstaltung, die die Arge durchführte, wurde gleich
über Arbeitslosengeld und Hartz IV informiert. Die Otto-Group hat jetzt
zugesagt, 40 der Azubis zu übernehmen, natürlich staatlich
subventioniert. Bei den Hamburger Werften wurde die Übernahme der Azubis
bereits abgelehnt, auch Daimler möchte 20 Prozent der Azubis nicht
übernehmen, beziehungsweise mit deutlichem Lohnverlust und befristeten
Verträgen abspeisen.
Programm für Arbeit, Ausbildung und Übernahme
Die Aussichten für Jugendliche verdeutlichen – der Kapitalismus bietet
ihnen keine Zukunft. Gerade Jugendliche sollen für die von Unternehmern
und Managern verursachte Krise zahlen. Sie kriegen keine Arbeit, da sie
bei sinkendem Umsatz aus Sicht der Kapitalisten eine Art Überkapazität
darstellen, die am leichtesten abgebaut werden kann, um wieder
profitables Wirtschaften zu ermöglichen, oder bei Insolvenzen den Markt
grundlegend zu bereinigen, also Werte zu vernichten.
Seit Jahren wurde die Hoffnung verbreitet, dass sich Aufopferung, Fleiß,
hohe Bildungsabschlüsse und so weiter auszahlen. Die Krise verdeutlicht,
dass Praktika, Leiharbeit, Überstunden, befristete Übernahmen,
Lohnverzicht und ABM-Maßnahmen nichts gebracht haben. Ganz im Gegenteil.
Für die Unternehmer ist es durch die Zunahme der prekären Beschäftigung
deutlich leichter geworden, Leute auf die Straße zu setzen.
Doch die Wut steigt und das Bewusstsein dafür, dass dieses System nur
nach den Profitinteressen der Kapitalisten funktioniert, auch. Erste
größere Widerstände gegen diese Zustände regen sich auch in Deutschland,
so mit den riesigen Bildungsstreiks. Auszubildende, junge Beschäftigte
und arbeitslose Jugendliche sind bisher allerdings nur vereinzelt an
Protesten beteiligt.
Um erfolgreich zu kämpfen, müssen wir in die Offensive kommen. Wir
brauchen ein Programm, dass sich nicht an den vermeintlichen
„Sachzwängen“, sondern an den Bedürfnissen der Arbeitslosen, jungen
Beschäftigten und Auszubildenden orientiert.
Erhalt aller Arbeits- und Ausbildungsplätze
Diese Forderung wird gerade in Zeiten, wo Massen entlassen werden
sollen, wichtiger denn je. Die Parole muss heißen: „Wir zahlen nicht für
Eure Krise“. Beim Hamburger Betrieb Kolbenschmidt haben die Azubis
weitergearbeitet, nachdem der Rest der Belegschaft schon ausgesperrt
wurde und Mahnwachen abhielt. Doch gegen Betriebsschließung muss die
Antwort lauten: Arbeit stoppen, Ausbildungsstätte besetzen und die
gesamte Berufsschule zu Solidaritätsaktionen zum Betrieb mobilisieren.
Wenn die Unternehmer den Betrieb nicht weiterführen wollen, sollen sie
gehen. Gegen die kapitalistische Krise setzen wir die Forderung nach
Verstaatlichung der Betriebe, gegebenenfalls Umstellung der Produktion
und Kontrolle sowie Verwaltung durch Belegschaft und Vertreter der
arbeitenden Bevölkerung.
Erhöhung der Ausbildungsvergütung auf 1.400 Euro brutto
Die derzeitigen Ausbildungsvergütungen schwanken je nach Berufsgruppe
stark. Ganz unten stehen MalerInnen, FloristInnen, Friseure und
BäckerInnen, die in den alten Ländern 2008 eine tarifliche
Ausbildungsvergütung von maximal 478 Euro im Monat bekamen.
Friseur-Auszubildende in den neuen Bundesländern bekamen nach Tarif
gerade einmal läppische 269 Euro. Davon kann niemand leben.
Durchschnittlich erhielten Auszubildende in den alten Ländern 2008 eine
Ausbildungsvergütung von 650 Euro monatlich, in den neuen Ländern 570
Euro. Auch davon kann man sich noch keine Wohnung leisten und ist häufig
gezwungen, bei den Eltern zu wohnen. Als Auszubildender muss man
selbstständig und unabhängig leben können. Deshalb brauchen wir eine
Ausbildungsvergütung von mindestens 1.400 Euro brutto.
Für jeden eine qualifizierte Ausbildung im gewünschten Beruf
Nur 23 Prozent der Unternehmen bilden überhaupt aus. Eine Studie aus der
Schweiz von 2000 belegte, dass nur die Betriebe ausbilden, die einen
Nutzen, also Profit aus der Ausbildung ziehen. Ob ein Betrieb ausbildet
oder nicht, darf jedoch nicht von erhofften Renditemöglichkeiten
abhängen. Deswegen fordern wir eine Ausbildungsquote von zehn Prozent.
Damit wäre gesichert, dass jeder eine Ausbildung nach Wahl bekommt.
Wer nicht ausbildet, muss dafür zahlen. Die SAV tritt für eine
Ausbildungsplatzabgabe ein. Das bedeutet, dass all diejenigen Betriebe,
die nicht oder weniger als zehn Prozent (gemessen an der
Beschäftigungszahl von 2008) ausbilden, 25.000 Euro für jeden nicht
eingestellten Azubi pro Jahr für neue Ausbildungsplätze im Öffentlichen
Dienst zahlen müssen. Im Öffentlichen Dienst ließen sich verbunden mit
Investitionen in Bildung, Umwelt und Soziales Ausbildungsplätze vom
Krankenpfleger über den Anlagenmechaniker bis zum Zweiradmechaniker
schaffen. 25.000 Euro sind mit 18.000 Euro für Lohn und 5.000 Euro für
Meister und Material eine erste Orientierung.
Die Gewerkschaften fordern derzeit hingegen eine Ausbildungsumlage. Auch
wenn diese Begriffe häufig identisch verwendet werden, sind sie in ihrer
Bedeutung doch sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zur Abgabe fordert die
Umlage, dass Betriebe, die nicht ausbilden, in einen Ausbildungsfonds
(bevorzugt der jeweiligen Berufsgenossenschaft) einzahlen. Aus diesem
Fonds werden dann vor allem die ausbildenden Unternehmen unterstützt.
Ingrid Sehrbrock, DGB Vorstandsmitglied meint dazu: „Eine
Ausbildungsumlage hat nicht mit Strafe zu tun, sondern damit, Anreize
für mehr Ausbildung zu schaffen und für mehr Gerechtigkeit zwischen
ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben zu sorgen.“ Als gutes
Beispiel wird das Baugewerbe angegeben, wo Betriebe die ausbilden, durch
andere circa ein Drittel der Kosten erstattet bekommen, die ein Lehrling
verursacht. Diese Einstellung ist fatal. Statt auf der Seite der
Beschäftigten dafür zu argumentieren, dass die Unternehmen die
Ausbildung finanzieren müssen, versuchen sie sie mit Reduzierung der
Ausbildungskosten zu locken. Dies ist doppelt fragwürdig, da vor allem
Betriebe ausbilden, die Profit aus den Ausbildenden ziehen, und diese
mit der Umlage dafür auch noch belohnt werden. Direkt werden durch die
Umlage keine neuen Ausbildungsplätze geschaffen und das in Zeiten der
Krise!
Garantierte und unbefristete Übernahme im erlernten Beruf
Wie erläutert sinken in besonders großem Umfang die Übernahmechancen von
Auszubildenden, schon jetzt wird nur ein Drittel übernommen. Dem müssen
wir die garantierte Übernahme entgegensetzen. Es ist wichtig zu betonen,
dass diese unbefristet sein muss. Viele Auszubildenden erhalten nur
zeitlich befristete Verträge. Danach droht weiterhin Arbeitslosigkeit.
Übernahmeregelungen können im einzelnen Betrieb erkämpft werden; doch
werden einzelne Belegschaften immer wieder mit Standortkonkurrenz
erpresst. Deshalb brauchen wir die garantierte Übernahme im
Tarifvertrag. ver.di hat den Tarifvertrag Öffentlicher Dienst (TVÖD)
ohne eine entsprechende Regelung unterschrieben. Die garantierte
Übernahme in den erlernten Beruf muss in der anstehenden Tarifrunde
verbunden mit Lohnsteigerung und Arbeitszeitverkürzung durchgesetzt
werden.
Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden bei vollem Lohn- und
Personalausgleich
Der Kampf für unbefristete Übernahme muss mit Arbeitszeitverkürzung
einhergehen. Wir sind mit Massenarbeitslosigkeit konfrontiert.
Hunderttausende finden keine Ausbildungsstelle oder werden nach ihrer
Ausbildung nicht übernommen – gleichzeitig schufften sich andere tot.
Schon in der Ausbildung sind Überstunden und Arbeitshetze häufig
Normalität. Laut „DGB-Index 2009 Gute Arbeit“ erwartet nur jeder zweite
Beschäftigte, unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen seinen Beruf bis
zum Rentenalter ausüben zu können. Die Forderung nach einer Verkürzung
der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche als erster Schritt zu weiterer
Verkürzung ist daher essenziell, um die Arbeit gerecht auf alle zu
verteilen und Arbeitsstress zu minimieren.
Der nachfolgende, vielleicht nicht sofort verständliche Halbsatz „bei
vollem Lohn- und Personalausgleich“ ist entscheidend. Voller
Lohnausgleich bedeutet, dass für die Verkürzung der Arbeitszeit keine
Lohneinbußen hingenommen werden dürfen. In der Krise propagieren
Unternehmen teilweise selbst Arbeitszeitverkürzung, aber eben nur, um
ihre Kosten zu senken. Beispielsweise will Daimler die Auszubildenden
nur unter der Bedingung eines 28-Stunden-Vertrags mit großen
Lohneinbußen übernehmen. Das derzeit wohl am weitesten verbreitete
Modell ist die „Kurzarbeit“, die von der Gewerkschaftsführung als Erfolg
verkauft wird. Sie führt zu einer Umverteilung der Lohnkosten von
Unternehmen hin zum Steuerzahler, die Beschäftigten müssen zusätzlich
Lohnverzicht hinnehmen.
Die Forderung nach vollem Personalausgleich ist ebenso wichtig. Eine
Reduktion der Arbeitszeit führt nämlich leider nicht automatisch zu
entsprechend höheren Beschäftigungszahlen. Findet kein Personalausgleich
statt, so wird die Arbeitslast nur intensiver, da nun von den
Beschäftigten in weniger Zeit die gleiche Arbeit geleistet werden soll.
In Zeiten der Krise, in der Leute entlassen und nicht eingestellt
werden, erscheint dies Forderung erstmal weit weg. Grundsätzlich ist
jedoch genügend gesellschaftlicher Reichtum vorhanden, um perspektivisch
auch weniger als 30 Stunden zu arbeiten. Derzeit wird sich dieser
Reichtum jedoch von einer kleinen Minderheit angeeignet.
Ausbildung statt Billigarbeitskraft!
Georg Benz, langjähriges Vorstandsmitglied der IG Metall, meinte vor 30
Jahren: „Ob und welche Berufsausbildung etwa 75 Prozent der Jugendlichen
in der Bundesrepublik erhalten, richtet sich nach kapitalistischen
Marktgesetzen. Konjunktur- und Kostengründe beeinflussen die Zahl der
Ausbildungsplätze – solange die Ausbildung profitabel ist, können die
Jugendlichen also mit Ausbildungsplätzen rechnen.“ Die Aussage hat
nichts an ihrer Realität verloren.
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist für die Konzerne von Vorteil. Sie
haben kein Interesse daran, dass jeder eine Ausbildung im gewünschten
Beruf erhält. Stattdessen führt eine verschärfte Konkurrenzsituation
dazu, dass sie die Ausbildung für sich profitabler gestalten können: Sie
ist Druckmittel, um Ausbildungsbedingungen und -vergütung weiter
verschlechtern zu können, sowie weitere staatliche Subventionen zu
kassieren. Nicht ohne Grund kommt das Bundesinstitut für Berufsbildung
in seiner Untersuchung zu Kosten der betrieblichen Berufsausbildung zu
dem Schluss: „Ausbildung rechnet sich für die Betriebe – und ist eine
lohnende Investition in die Zukunft.“
Es sind vor allem kleinere Betriebe, die ausbilden. Das ist kein Zufall
oder dem besonderen „sozialen Verantwortungsbewusstsein“ geschuldet.
Horst Haenisch, der in der Lehrlingsbewegung 1969 aktiv war, schreibt in
seiner aktuellen Broschüre „Hauptsache eine Lehrstelle?“: „Je geringer
der Kapitaleinsatz in Form von Maschinerie in einem Betrieb oder
Betriebsteil oder je lohnintensiver eine Produktion, desto höher ist die
Einsatzmöglichkeit von Lehrlingen, weil sie hier besonders einfach als
produktive Arbeitskräfte verwendet werden können. Und da es einen
Zusammenhang zwischen Mechanisierungsgrad und Betriebsgröße gibt, gilt
auch: je kleiner der Betrieb, desto mehr Lehrlinge werden in den
Ausbildungsbetrieben beschäftigt.“ Auszubildende dienen also vor allem
als billige, profitable Arbeitskräfte. Auszubildende in kleineren und
mittleren Betrieben müssen am häufigsten ausbildungsferne Tätigkeiten
ausüben und werden am schnellsten als volle Arbeitskräfte eingesetzt.
Auch wenn es staatliche Ausbildungsberufe gibt, ist die Berufsbildung
weitestgehend privatisiert. Art, Inhalt, Umfang und Qualität werden von
den Unternehmern und ihren Verbänden bestimmt. Dementsprechend steht die
Profitabilität im Vordergrund, und nicht die Ausbildung beziehungsweise
das Lernen neuer Fähigkeiten.
Ausbildung raus aus Unternehmerhand
Das Wissen und Können darf nicht nach den Erfordernissen eines einzigen
Betriebes ausgerichtet sein und auf Ausbeutungsverhältnissen beruhen.
Deshalb ist eine Ausbildung nach den Bedürfnissen und Interessen der
Auszubildenden und Beschäftigten, nicht der Unternehmer, notwendig. Die
Betriebe im Öffentlichen Dienst sollten eine vorbildliche Ausbildung
gewährleisten. Privatisierte Betriebe müssen reverstaatlicht werden.
Auszubildende sollten nur ausbildungsrelevanten Tätigkeiten nachgehen.
Die Ausbeutung von Azubis als günstige Arbeitskräfte muss beendet
werden. In Großbetrieben brauchen wir kämpferische
Jugendauszubildendenvertretungen (JAVen), die sich mit dem Arbeitgeber
anlegen und die Beschränkung auf ausbildungsrelevante Tätigkeiten
durchsetzen können. Gewerkschaftliche Vertretungen müssen das Recht
haben, dies auch in Kleinbetrieben durchzusetzen.
Damit die Ausbildung den gesellschaftlichen Bedürfnissen Rechnung tragen
kann, muss gesamtgesellschaftlich darüber entschieden werden – statt
diese Aufgabe dem einzelnen Privatunternehmer zu überlassen. Das könnte
in staatlichen Ausbildungszentren passieren, in denen Lernende, Lehrende
und GewerkschaftsvertreterInnen demokratisch die Berufsausbildung
organisieren. Wenn LehrerInnen an Unis und Kita-ErzieherInnen an Schulen
ausgebildet werden, warum sollen dann nicht Mechatroniker, deren
Ausbildung länger als eine Bachelorregelstudienzeit geht, staatlich
ausgebildet werden? Ähnlich wie bei Krankenpflegern könnten Schulen
eingerichtet werden, die praxisnah und fachbereichsübergreifend
ausbilden. Im Gegensatz zu heute würden die Azubis aber nicht in den
Stellenplan einbezogen werden.
Inhalte, Gestaltung und Durchführung der Ausbildung sollten demokratisch
durch Komitees der Azubis, AusbilderInnen und
GewerkschaftsvertreterInnen festgelegt werden.
Eine strikte Trennung zwischen schulischer, universitärer und
beruflicher Ausbildung ist grundsätzlich nicht sinnvoll. Auch als
Auszubildender kann es von Interesse sein, sich über allgemeine Themen
zu informieren; und umgekehrt als Schüler oder Student, sich mit
praktischen, beruflichen Themen auseinanderzusetzen.
Wissenschaft, Praxis und Forschung müssen miteinander kombiniert werden.
Das ist möglich, wenn alle gesellschaftlichen Bereiche von der
Produktion über die Forschung bis zur Universität der Mehrheit der
Bevölkerung offenstehen. Dafür muss die Konkurrenz der Unternehmen und
die Herrschaft der Unternehmer über sie gebrochen werden. Deshalb tritt
die SAV für die Überführung der Banken und Konzerne in Gemeineigentum
und die demokratische Kontrolle und Verwaltung der arbeitenden
Bevölkerung ein.
Karl Marx schrieb vor 140 Jahren dazu: „Der aufgeklärtere Teil der
Arbeiterklasse begreift sehr gut, dass die Zukunft seiner Klasse und
damit die Zukunft der Menschheit völlig von der Erziehung der
heranwachsenden Arbeitergeneration abhängt. Er weiß, dass vor allem die
Kinder und jugendlichen Arbeiter von den verderblichen Folgen des
gegenwärtigen Systems bewahrt werden müssen. Das kann nur erreicht
werden durch die Verwandlung gesellschaftlicher Einsicht in
gesellschaftliche Gewalt.“
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Thursday, December 24, 2009
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Stellungnahme von Joe Higgins, MdEP der Socialist Party zum irischen
Haushaltsplan vom 11. Dezember 2009
Wir veröffentlichen hier eine Stellungnahme des sozialistischen
Abgeordneten des Europaparlaments Joe Higgins zu den massiven Kürungen,
die der Haushaltsplan der irischen Regierung vorsieht. Im Dezember
hatten hunderttausende Irinnen und Iren gegen diese Pläne gestreikt und
demonstriert.
“Was für eine vernichtende Anklage gegen den gestern vorgestellten
Haushaltsentwurf ist es, wenn darin Alkohol als einziges Moment
angeführt wird, das in der Vorstellungswelt von Finanzminister Lenihan
belebende Wirkung haben kann? Es geht um die Steuersenkung auf Alkohol.
Vielleicht glaubt der Minister, dass die NiedriglohnempfängerInnen, die
Armen und die Arbeitslosen, deren Lebensstandard er brutal angreift,
hingehen und ihre Wut und ökonomisches Leid in geringfügig billiger
gewordenem Schnaps ertränken werden anstatt zurückzuschlagen und sich
organisieren, um seine Regierung aus dem Amt zu jagen.
„Das Schlimmste ist überstanden“, verkündete der Minister bei
Bekanntgabe des Haushaltsentwurfs für 2010. Gleich darauf ging er dann
dazu über, den niedrigen und mittleren Einkommensgruppen des
öffentlichen Dienstes sowie den Arbeitslosen die grausamsten Kürzungen
auf deren Lebensstandards aufzuerlegen. Sämtliche Erwerbstätige werden
betroffen sein von erhöhten Kraftstoffabgaben und Kürzungen beim
Kindergeld.
„Wir müssen das Haushaltsdefizit halten“, sagte er weiter, „aber wir tun
dies auf faire Art und Weise.“ - Das war eine weitere unverhohlene Lüge.
Die ganze Schlagkraft der bekanntgegebenen Maßnahmen wird die
ArbeiterInnen und die BezieherInnen von Sozialleistungen treffen. Der
Trick dabei war so zu tun, als attackiere die Regierung auch die Reichen
durch eine geringfügige Strafabgabe für steuerflüchtige Multimillionäre.
Mit unverschämter Arroganz jedoch erklärte Minister Lenihan im Laufe
seiner Rede wie nebenbei, dass die 12,5-prozentige Steuer auf
Unternehmensprofite unangetastet bleiben würde. Damit zeigte die
Regierung ein weiteres Mal, dass sie zu allererst Erfüllungsgehilfin der
Großkonzerne ist.
Von den 39 Ländern des europäischen Kontinents weisen nur vier
niedrigere Unternehmenssteuern auf als Irland: Serbien, Bulgarien,
Montenegro und Zypern. Schwedens Steuersatz ist doppelt so hoch wie der
irische, während Belgien nahezu dreimal so viel erhebt.
Zöge Irland eine ähnlich hohe Unternehmenssteuer ein wie Schweden, wären
allein im letzten Jahr sechs Milliarden Euro zusätzlich an Steuern auf
Gewinne realisiert worden. Die gestern bekanntgegebenen Kürzungen und
zusätzlichen Abgaben, von denen in erster Linie Erwerbstätige und Arme
betroffen sein werden, belaufen sich auf vier Milliarden Euro. Das ist
die wohldurchdachte politische Entscheidung einer rechts-konservativen
Regierung.
Der Angriff auf die Höhe der Arbeitslosenhilfe ist verwerflich. Es wird
auf eine eklatante Diskriminierung gegenüber jungen ArbeiterInnen
hinauslaufen, deren Bezüge halbiert werden.
Doch die Kürzung von 70,- € pro Woche für eine arbeitslose Person egal
welchen Alters, die ein Jobangebot ablehnt, ist ein Freibrief für
Sklavenlöhne. Diese Regelung wurde geschmiedet, um ArbeiterInnen in Jobs
mit miserablen Löhnen zu zwingen. Das ist Teil der Strategie,
Lohnkürzungen in allen Bereichen durchzusetzen.
ArbeiterInnen des öffentlichen und privaten Sektors müssen sich
zusammenschließen und eine kraftvolle Gegenkampagne zu dieser grausamen
Attacke einleiten, diese Regierung zum Rücktritt zwingen und eine
Debatte darüber eröffnen, welche grundlegenden und radikalen
Alternativen es gibt, um unsere Gesellschaft ganz anders zu organisieren
als es dieses kaputte, kapitalistische System tun kann.”
Weitere Infos auf der Webseite von Joe
Higgins.
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Wednesday, December 23, 2009
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(Nicht nur) Sarrazin läuft Amok
Niemand außer Silvio Berlusconi bringt den Rassen- und Klassenhass
von oben so offen auf den Punkt wie der Berliner Ex-Finanzsenator und
jetzige Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin. Unvergessen seine
Ernährungsratschläge für Hartz IV–EmpfängerInnen. Oder seine Empfehlung
an frierende Erwerbslose, denen das Amt die höheren Heizkosten nicht
zahlt, einfach einen Pullover mehr anzuziehen. Dabei kann der
„Sparkommissar“ durchaus spendabel sein, zum Beispiel bei der
Senats-Unterstützung des Golfclubs im noblen Berliner Villenvorort
Wannsee.
von Michael Schilwa, Sputendorf
In einem Interview mit dem renommierten Kulturmagazin Lettre
International wünscht sich Sarrazin nun eine Entwicklung Berlins „von
der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten“. Bei so
was stören Türken und Araber natürlich nur, haben sie doch „keine
produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“. Wenn die
Türken und Araber nicht mit Obst und Gemüse handeln, „produzieren sie
ständig neue kleine Kopftuchmädchen“. Und das macht sie so gefährlich:
„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo
erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen,
wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ
als dem der deutschen Bevölkerung.“
Zuviel Energie aufzuwenden für die Empörung über diese
rassistisch-chauvinistischen Rülpsereien lohnt nicht. Belassen wir es
bei dem Hinweis, dass die wahren „Sozialschmarotzer“ nicht die vom
Kapital gefeuerten und von der Politik zur Armut per Gesetz verdammten
Erwerbslosen (egal ob deutscher oder migrantischer Herkunft) sind,
sondern die mit den „leistungslosen“ Millionen und Milliarden Einkommen
und Vermögen – also die Bosse und die Bonzen oder eben
Frühstücksdirektoren wie Sarrazin, bei dem zu Hause der Trend eher zum
Zweit-Schnitzel gehen dürfte. Bei einem (laut
Bundesbank-Geschäftsbericht) Monatseinkommen von 18.933 Euro wird er
sich nämlich kaum an seine eigenen „Unterschicht-Ernährungstipps“ halten.
Die neue Unverschämtheit
Interessanter ist die Frage, ob wir es hier mit einer individuellen
Entgleisung zu tun haben oder mit den deutlichen Anzeichen eines
gesellschaftlichen „Klimawandels“. Für Letzteres spricht die Tatsache,
dass Sarrazin auch mit diesen unsäglichen Thesen keineswegs alleine
steht. Die Linie seiner Verteidiger war so schlicht wie vorhersehbar:
Meinungsfreiheit versus „politische Korrektheit“ – ein mutiger
Querdenker soll von der Meute der Gutmenschen mundtot gemacht werden. In
vorderster Front selbstverständlich alle professionellen Islam-Hasser
und Reaktionäre der Republik: von Hendryk M. Broder und Ralph Giordano
bis zu Hans-Olaf Henkel und Arnulf Baring. Aber es gibt auch
ernsthaftere Indikatoren für eine verschärfte Gangart von oben – auch
SPIEGEL Online stellte sich unverblümt auf Sarrazins Seite.
Teile und Herrsche: Solange der (noch) gut verdienende Facharbeiter auf
den „Hartzie“ herabblickt oder der deutsche Arbeiter auf „die Ausländer“
schimpft, brauchen sich Kapital und Regierung keine Sorgen zu machen.
Lohndumping, Entlassungen, Betriebsschließungen, Kopfpauschale,
Kündigungsschutz – am Besten lässt sich „durchregieren“, wenn „die da
unten“ sich selbst für ihre eigene Lage verantwortlich machen. Je härter
der Klassenkampf, desto schärfer auch die ideologische
Auseinandersetzung, der Kampf um Deutungshoheiten. Die (noch längst
nicht überwundene) ökonomische Krise und der damit verbundene
Legitimationsverlust kapitalistischer Herrschaft führen also keineswegs
zu einer „neuen Demut“ der blamierten Eliten, sondern im Gegenteil zu
einer „neuen Unverschämtheit“.
Die sieht man überdeutlich zum Beispiel bei den so genannten
„Wirtschaftsweisen“. Professor Hans-Werner Sinn, in den vergangenen
Jahren Hauptstichwortgeber aller Turbo-Deregulierer, erklärt heute,
eigentlich schon immer vor dem „Casino-Kapitalismus“ gewarnt zu haben.
Und wer für die Krise verantwortlich ist, weiß er natürlich auch: „Der
Sozialstaat hat die Unterschicht überhaupt erst hervorgebracht.“ Wer
solche „Wissenschaftler“ hat, braucht keine Glaskugeln mehr!
Wohin die Reise gehen soll
Aber kommen wir zu den weniger üblichen Verdächtigen. Zu den
lautstärksten Verteidigern Sarrazins zählte der Mode-Philosoph Peter
Sloterdiijk. Der geistige Guru sowohl für an die Fleischtöpfe gelangte
Alt-68er als auch für bourgeoise Jung-Zyniker warf sich mit Inbrunst der
„ganzen Szene der Berufsempörer“ entgegen. Darüber kann sich nur
wundern, wer Sloterdijks im Juni in der FAZ vorgestelltes Konzept einer
„Ethik der Gabe“ noch nicht kennt: Die öffentlichen Ausgaben sollen
künftig nicht mehr aus staatlichen Steuereinnahmen, sondern aus
freiwilligen Spenden der Wohlhabenden bestritten werden! Statt diesen
unverschämten Unsinn im Kuriositäten-Kabinett abzulegen, diskutierte die
„geistige Elite“ Deutschlands den Vorschlag ernsthaft wochenlang, zum
Beispiel auf den Feuilleton-Seiten der Frankfurter Rundschau.
Natürlich wird auch eine schwarz-gelbe Bundesregierung so etwas jetzt
nicht umsetzen. Gefährlich ist dieses Geschwätz trotzdem, „denn
Philosophen arbeiten nicht an Gesetzen, sondern an der ihnen zugrunde
liegenden Ideologie“ (Thomas Wagner in der jungen Welt vom 27. Oktober).
Es wird also höchste Zeit, dass der „Pöbel“ die Dinge selbst in die Hand
nimmt, und sei es nur, um diese Heerscharen von Kopflangern und
Lohnschreibern des Kapitals einer sinnvollen und produktiven
Beschäftigung zuzuführen.
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Tuesday, December 22, 2009
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Jetzt mobilisieren gegen Faschisten und Sozialabbau
Am 13. Februar 2010 wollen die Nazis wieder zum Jahrestag der
Bombardierung Dresdens aufmarschieren. Dass die Rechtsextremen erneut
ungestört eine Großdemonstration durchführen, muss verhindert werden.
von Michael Koschitzki, Berlin
Nach den Verboten der Hess-Gedenkmärsche hat die faschistische Szene
ihre Anstrengungen auf ihren Aufmarsch in Dresden konzentriert. Das
fällt zusammen mit einer stärkeren Militanz der Neonazis. So hat die
Zahl der Waffenfunde bei Razzien zugenommen. Im Anschluss an den
Nazi-Aufmarsch in Dresden 2009 war es zu rechten Angriffe auf linke
GegendemonstrantInnen gekommen.
Blockaden
Mit ihren Demonstrationen legen die Nazis die Grundlage für Angriffe auf
Linke, GewerkschafterInnen und Andersdenkende. Deshalb müssen die
Nazi-Aufmärsche verhindert werden.
Um das durchzusetzen, müssen wir selbst aktiv werden. Auf einer
Konferenz Anfang November wurde beschlossen, auf das Mittel von
Massenblockaden zu setzen, die im Vorfeld trainiert und angekündigt
werden sollen.
Mobilisierung
Für Massenblockaden braucht man eine Massenmobilisierung. Dafür sind die
Gewerkschaften und DIE LINKE zentral. Ralf Hron vom DGB sagte auf der
Konferenz: „Auch Gewerkschafter wissen, wie man sich hinsetzt.“ Aber
über die Blockadeabsicht hinaus ist entscheidend, ob die Gewerkschaften
über ihre Vertrauensleute- und andere Strukturen die Beschäftigten
mobilisieren.
Das muss mit dem Kampf gegen Entlassungen und Kürzungen, für Ausbildung,
Übernahme und Arbeit verbunden werden. Die NPD behauptet, auch eine
Kampagne gegen die Wirtschaftskrise begonnen zu haben, und schreibt auf
ihrer Webseite: „Auf die Straße! Vor die Werkstore!“ Die Rechtextremen
bieten jedoch nur Scheinantworten und helfen mit ihrer rassistischen
Hetze letztlich den Unternehmern, die auf Spaltungspolitik setzen – weil
sie es so leichter haben, Ausbildungsplätze und Stellen zu streichen.
Dennoch: Die Auswirkungen der Krise, die soziale Situation gerade in
Ostdeutschland legen die Basis, auf der die Faschisten versuchen,
zuzulegen. Hier müssen Gewerkschaften und LINKE Antworten geben. Ein
Motto sollte sein: „Wir zahlen nicht für Eure Krise: Ausbildungs- und
Arbeitsplätze statt Ausländerhetze.“
........


www.sozialismus.infoDresden calling: Nazi-Aufmarsch am 13. Februar blockieren
Alle Jahre wieder? Seit den Neunzigern ziehen Nazis anlässlich der
Bombardierung im Zweiten Weltkrieg jeden Februar durch Dresden. Damit
gibt es an der Elbe einen der größten, regelmäßig stattfindenden
Nazi-Aufmärsche Europas.
Eine Stadt im Ausnahmezustand: Straßenbahnen, die nicht fahren;
unterbrochene Buslinien; 7.000 Polizisten; schwer verletzte und
kriminalisierte AntifaschistInnen und eine Stadtverwaltung, die all das
als Erfolg verkauft – so sieht die Bilanz des Nazi-Aufmarsches vom
Februar 2009 in Dresden aus. Das darf sich 2010 nicht wiederholen. Darum
muss in Dresden und bundesweit dieses Mal massenhaft gegen Rechts
mobilisiert werden. Gerade Gewerkschaften und Linkspartei sind
gefordert, weil sie über ihre Mitgliedschaft und ihre Positionen in
Betrieben und Parlamenten Millionen erreichen können.
Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise tun die Neonazis so, als stünden
sie auf der Seite von ArbeitnehmerInnen und Jugendlichen. Auf ihre
Demo-Schilder schreiben sie scheinbar antikapitalistische Parolen. Die
Wirklichkeit sieht anders aus: In Wurzen stimmte die NPD mit der CDU
2004 für ein Kürzungsprogramm, soziale Verbesserungen hat die
NPD-Fraktion in Sachsen nie ernsthaft eingefordert. Stattdessen
versuchen sie mit ihrer rassistischen Propaganda, uns in unserem Kampf
um soziale Verbesserungen zu spalten.
Wer Linke und Gewerkschaftsaktive angreift, wer uns gegen unsere
ausländischen KollegInnen aufhetzen will, ist unser Gegner im Kampf
gegen Bildungs- und Arbeitsplatzabbau. Nur wenn wir alle – Jugendliche,
Beschäftigte und Arbeitslose, unabhängig von der Hautfarbe – gemeinsam
kämpfen, können wir erfolgreich sein.
Dabei müssen wir unseren Kampf gegen Nazis mit dem Widerstand gegen
Sozialkürzungen verbinden. 2010 droht ein Jahr der Massenentlassungen zu
werden. Zudem gilt für die Regierenden: Schulden = weniger Mittel für
Bildung und Soziales. Deshalb sollten wir bei dem antifaschistischen
Protest in Dresden auch fordern: Arbeitszeitverkürzung ohne Lohneinbußen
statt Massenarbeitslosigkeit! Geld für Bildung statt für Banken!
Die Bürgerlichen lassen die Nazis gewähren. Während der Montagsdemos
2004 setzte die Polizei in Dresden die Teilnahme von Nazis gegen den
Willen der DemonstrantInnen gewaltsam durch. Danach behauptete der
damalige Kanzler Gerhard Schröder, die Demonstranten seien von Nazis
aufgehetzt worden. So sollen unsere Proteste diskreditiert werden.
Schluss damit! Auf nach Dresden! Am 13. Februar den Nazi-Aufmarsch
verhindern!
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Monday, December 21, 2009
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Arbeitszeitdebatte in der IG Metall
Die deutsche Meall- und Elektroindustrie gehört zu den Branchen, die
am härtesten von der Wirtschaftskrise betroffen sind. Von den fast 3,5
Millionen Beschäftigten befanden sich im zweiten Quartal dieses Jahres
durchschnittlich 950.000 in Kurzarbeit. Die Produktion liegt fast ein
Viertel unter der des Vorjahres. Nach Berechnungen der IG Metall wird
erst 2013 das Produktionsniveau von 2007 wieder erreicht werden. Wenn
man bedenkt, dass die Produktivität weiterhin steigen wird (für 2010
werden 2,4 Prozent vorhergesagt), wird eines ganz deutlich:
Hunderttausende Industriearbeitsplätze sind in Gefahr.
von Johannes Burczyk, Berlin
Die Führung der IG Metall propagiert weiterhin, dass Kurzarbeit das
beste Mittel sei, um Beschäftigung zu sichern. Gemeinsam mit dem
Unternehmerverband Gesamtmetall fordert sie die Regierung auf, die Ende
des Jahres auslaufende Regelung zum Kurzarbeitergeld zu verlängern.
Diese Regelung weitet die Bezugsdauer auf 24 Monate aus. Kurzarbeit
bedeutet, dass die Bundesagentur für Arbeit bis zu 67 Prozent des
Nettolohns für die ausgefallene Arbeitszeit bezahlt. Dadurch wird es den
Unternehmen ermöglicht, ihre Personalkosten drastisch zu reduzieren.
Bezahlt wird das letztlich von den Lohnabhängigen durch ihre
Sozialversicherungsbeiträge selbst: Die Bundesagentur für Arbeit rechnet
mit bis zu fünf Milliarden Euro zusätzlichen Kosten. Selbst einigen
Kapitalvertretern geht das zu weit. So bezeichnet der
CDU-Mittelstandspolitiker Peter Rauen die Regelung zur Kurzarbeit als
„Ausplünderung der Sozialkassen zu Gunsten der Konzerne“.
Verkürzte Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich
Neben der Kurzarbeit verabredeten IG Metall Führung und Konzerne weitere
Formen der Arbeitszeitverkürzung. Der „Tarifvertrag
Beschäftigungssicherung“ ermöglicht es den Unternehmen, die Arbeitszeit
von 35 auf 30 Stunden pro Woche zu reduzieren. Ohne Lohnausgleich.
Betroffene KollegInnen verlieren da-durch 14 Prozent ihres Einkommens.
Der Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, Jörg Hofmann, schlug
auf einer Strategiekonferenz Anfang November vor, darüber hinaus die
Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden senken zu können. Er forderte einen
„Teillohnausgleich“, der steuerbefreit bleiben müsse. Der Boss von
Gesamtmetall Kannegießer begrüßte diesen Vorstoß: „Wir halten diesen
Vorschlag für erwägenswert – er würde vermutlich Einsparungen bringen.“
All diese Arten der Arbeitszeitverkürzung – die auch Gegenstand der
Metall-Tarifrunde im Frühjahr 2010 werden könnten – haben eines gemein:
Sie gehen voll auf Kosten der Beschäftigten. Die Konzernprofite bleiben
unangetastet. Die Generallinie vom deutschen Kapital und seinem Staat,
dass „Deutschland“ (gemeint sind die Konzerne) gestärkt aus dieser Krise
hervorgehen müsse, wird von der Führung der IG Metall geteilt und
unterstützt.
Kritik am jetzigen Gewerkschaftskurs
Notwendig ist aber eine drastische Arbeitszeitverkürzung, die den
Bedürfnissen der Beschäftigten und der Arbeitslosen entspricht. Die
„Initiative zur Vernetzung der Gewerkschaftslinken“ (IVG) forderte auf
ihrer Konferenz im Oktober: „Angesichts der Reallohnverluste der letzten
Jahre ist ein voller Lohnausgleich notwendig. Um Arbeitsverdichtungen zu
verhindern, braucht es Personalausgleich und die Kontrolle der
Belegschaft über die Personalplanung.“
Auch die Delegiertenversammlung der IG Metall Frankfurt fordert einen
Bruch mit der bisherigen Verzichtspolitik: „Arbeitszeitverkürzung
sichert und schafft Arbeitsplätze. Das sind Fakten, die nicht weg zu
diskutieren sind. Die Verzichtspolitik der letzten Jahre hat dagegen
keinen einzigen Arbeitsplatz gesichert. Nach jeder Verzichtsrunde sind
weniger Arbeitsplätze übrig geblieben. (...) Diese Politik ist auf
ganzer Linie gescheitert.“ Einstimmig forderten die Delegierten vom IG
Metall Vorstand; „kurzfristig eine Debatte und eine öffentliche Kampagne
zum Thema Arbeitszeitverkürzung zu organisieren“. Im Mittelpunkt soll
dabei die tarifliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf deutlich unter
35 Stunden stehen – bei vollem Lohnausgleich. www.sozialismus.info
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Friday, December 18, 2009
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In den USA reifen die „Früchte des Zorns“. Neue Aktivenschicht beginnt
zu entstehen
In seinem neuen Buch „Sieben Krisen – ein Crash“ konstatiert Winfried
Wolf: „Die USA sind im Krisengeschehen auf allen Gebieten einen Schritt
weiter.“ Damit hält Nordamerika der Bundesrepublik in Vielem den Spiegel
der eigenen Zukunft vor. Nicht gerade gute Aussichten. Denn in der
US-Krise, die für Ex-Notenbankchef Alan Greenspan wie ein
„Jahrhundert-Tsunami“ wütete, wurden schon über acht Millionen
Beschäftigte entlassen. Alle 7,5 Sekunden verliert eine Familie ihr
Eigenheim. Mit seinem Wahlkampfslogan „Change“, „Wandel“ traf Barak
Obama vor einem Jahr den Nerv. Heute, zwölf Monate später, fragen sich
viele: Wandel? Was für ein Wandel?
von Aron Amm, Berlin
Mitte Oktober übertraf der Dow-Jones-Aktienindex wieder die 10.000er
Marke. Ein Unternehmen nach dem anderen korrigierte seine
Gewinnerwartungen nach oben. Also wieder alles in Butter?
Eine Geschichte zweier Ökonomien?
Während die Großaktionäre von einem „goldenen Oktober“ schwärmten, waren
im November zum ersten Mal seit 26 Jahren über zehn Prozent arbeitslos
gemeldet, doppelt so viele wie zu Beginn der Rezession im Dezember 2007.
Allein zwischen Juli und September wurden 944.000 Hausbesitzern ihre
Hypothek gekündigt. Millionen stehen über Nacht ohne Arbeit, Eigenheim
und jegliche soziale Absicherung da. Selbst in Kalifornien sprießen
Suppenküchen wie Pilze aus dem Boden. In Los Angeles sind 100.000
Menschen obdachlos. Zeltdörfer entstehen.
In New York werben Restaurants heute mit „recession dinners“: Hot Dog
und Bier für fünf Dollar. Jeder Siebte reiht sich in das Heer der Armen
ein. Und arm sein bedeutet in den USA oft nicht nur, auf Schnäppchenjagd
gehen zu müssen, sondern bereits in der zweiten oder dritten Woche eines
Monats kein Geld mehr für eine Mahlzeit aufbringen zu können. „Millionen
Amerikaner hungern“, schlagzeilte die FAZ am 18. November. 49 Millionen
sollen von Hunger bedroht sein. Und das nicht nach Gewerkschaftsangaben,
sondern laut einer Studie des Landwirtschaftsministeriums!
Zur gleichen Zeit zeigen sich die Großaktionäre in Kauflaune. Das
verheißt aber keinen neuen Aufschwung. Vielmehr bilden sich erneut
spekulative Blasen. Mit Kaufkraftschwund und dem Auslaufen der
Abwrackprämie sind weitere ökonomische Einbrüche programmiert.
Gesundheitslüge
Da von 308 Millionen in den Vereinigten Staaten heute 47 Millionen nicht
krankenversichert sind, setzten viele ihre Hoffnung in Obamas
Versprechen einer umfassenden Gesundheitsreform. Jahrzehntelang hatten
betriebliche Versicherungen das staatliche Sozialsystem weitgehend
ersetzt. Doch längst ist nicht nur eine kleine Minderheit von prekär
Beschäftigten davon ausgeschlossen, sondern auch Millionen weiterer
Lohnabhängiger. Wer sich mit Diabetes oder Übergewicht herumschlagen
muss, hat kaum eine Chance, eine Police zu ergattern. Auch das ist
möglich im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
Obama repräsentiert den Teil der Herrschenden, der nicht zuletzt
angesichts der grassierenden Entlassungen nur einen Absturz ins
Bodenlose vereiteln und damit Massenprotesten den Nährboden entziehen
wollte. So schwebte Obama vor, über eine staatliche Regulierung
Maßnahmen der Versicherungskonzerne wie die Aufkündigung des Vertrags im
Fall längerer oder chronischer Erkrankung zu unterbinden. Private und
bereits existierende staatliche Versicherungen wie Medicare (primär für
RentnerInnen) und Medicaid (für Verarmte) sollten nebeneinander
fortbestehen.
Der Berg kreißte monatelang und gebar eine Maus. Der Gesetzesentwurf
sieht einen sanften Druck auf die Konzerne vor, die Beschäftigten die
Versicherung vorenthalten möchten. Zudem sollen Nichtversicherte eine
Strafe zahlen respektive einen staatlichen Zuschuss für eine
Versicherung erhalten. Die Pharmakonzerne, die insgesamt mit 60
Milliarden Dollar jährlich doppelt so viel für Werbung wie für Forschung
ausgeben, werden geschont. Das Congressional Budget Office (CBO)
schätzt, dass auch zehn Jahre nach Inkrafttreten dieser Reform noch rund
25 Millionen US-AmerikanerInnen ohne Schutz einer Krankenversicherung
sein werden.
Und noch mehr Enttäuschungen
Mit dem „Employee Free Choice Act“ sollte die gewerkschaftliche
Organisierung in Betrieben erleichtert werden. Dieses Vorhaben ist
geblieben, was es vor Obamas Amtseinführung war: lediglich ein Vorhaben
– von einer Realisierung weiter denn je entfernt.
Zum Entsetzen wachsender Teile der Bevölkerung führt der neue
Friedensnobelpreisträger auch weiter Krieg. Nachdem Obama die
US-Truppenstärke in Afghanistan zu Beginn seiner Amtszeit schon um
21.000 Soldaten auf 68.000 erhöht hatte, könnten nun nochmal 30.000 GIs
entsandt werden. Zwischen März und September ging die Unterstützung für
den Afghanistan-Einsatz in den USA laut CNN von 67 auf 49 Prozent
zurück. Nach dem Amoklauf des Armeepsychaters Nidal Malik Hasan in Texas
wird der Rückhalt dafür weiter geschwunden sein.
Obama – der Lack ist ab
Als Obama ins Weiße Haus einzog, schnellten seine Sympathiewerte rasant
in die Höhe. Über 70 Prozent der Bevölkerung standen hinter ihm.
Francesca, New Yorker Lehrerin und CWI-Mitglied, meinte: „Wenn du Kritik
an Obama äußerst, wirst du oft erst mal als Rassist eingestuft. So war
das jedenfalls bis Sommer.“ Mittlerweile ist die Unterstützung für Obama
auf knapp 50 Prozent gesunken. Bei den Gouverneurswahlen in Virginia und
New Jersey Anfang November halfen Obamas zahlreiche Wahlkampfauftritte
nicht. Die Demokraten mussten ihre Sitze an die Republikaner abgeben.
Allerdings unterscheiden die meisten trotz der Enttäuschung über Obamas
Resultate noch immer zwischen ihm und seiner Partei. Viele machen nicht
ihn, sondern die Abgeordneten der Demokraten im Kongress verantwortlich.
Nach dem Wahldebakel vor einem Jahr ging in den Reihen der Republikaner
die Sorge um, dass sie bis auf Texas und eine Handvoll weiterer
Bundesstaaten massiv an Einfluss verlieren könnten. Während sich
langjährige Parteigänger abwenden, tummeln sich vermehrt erzkonservative
und extrem reaktionäre Kräfte im Republikaner-Lager. Militante rechte
Anhänger haben, aufgestachelt vom TV-Sender Fox News, eine Vielzahl von
öffentlichen Diskussionsveranstaltungen zur Gesundheitsreform gestört
und nicht selten sogar gesprengt. „Das trägt dazu bei, dass die
Hauptströmungen der Bürgerlichen sich nicht mehr wie früher zwischen
ihren beiden Parteien aufteilen, sondern sich zunehmend auf die
Demokraten konzentrieren – und mit divergierenden Positionen im Kongress
Obamas Politik blockieren“, so Alan Jones von der
SAV-Schwesterorganisation.
Die Erben von Tom Joad
Michael Moore stellt gegen Ende seines neuen Films „ Kapitalismus: Eine
Liebesgeschichte“ fest, dass dieses System bösartig ist und wie ein
Geschwür beseitigt werden muss. Das merken und meinen immer mehr
Menschen in den USA. Ein dramatischer Stimmungswandel hat eingesetzt.
Nur noch 50 Prozent stellten sich jüngst in einer Umfrage hinter die
Marktwirtschaft, 20 Prozent ziehen eine sozialistische Gesellschaft vor;
unter Jugendlichen sind es sogar 33 Prozent (obgleich viel Verwirrung
vorherrscht, was unter Sozialismus zu verstehen ist). CWI-Mitglieder
treten deshalb mit der Parole auf: „Mach mit bei den Sozialisten – für
echten Wandel.“
Nicht zuletzt wegen dem Fehlen einer Arbeiterpartei und der fatalen
Rolle der Gewerkschaftsbürokratie (die sich bei Chrysler
Belegschaftsanteile mit dem Verzicht auf das Streikrecht erkaufte), gibt
es noch wenig Arbeitskämpfe. Trotzdem tut sich bereits was. Nach den
Großdemonstrationen von MigrantInnen vor wenigen Jahren forderten nun am
11. Oktober 100.000 Menschen in Washington gleiche Rechte für Schwule,
Lesben, Bi- und Transsexuelle. Dieser weitgehend von einer neuen
Generation von AktivistInnen organisierte Protestmarsch war der größte
gegen sexuelle Diskriminierung seit über einem Jahrzehnt. Auch hier
schwang Frust über Obama mit.
Vor exakt 70 Jahren schrieb John Steinbeck seinen Roman „Früchte des
Zorns“ über Tom Joad und seine Familie, die während der Großen
Depression ihre Schuldzinsen nicht bezahlen kann und von ihrem
bewirtschafteten Land vertrieben wird. Tom Joads Angehörige werden in
Streiks hineingezogen und in Kämpfe für Migrantenrechte getrieben. Damit
schuf Steinbeck den verarmten Massen, die sich in den Dreißigern gegen
das Big Business erhoben, ein literarisches Denkmal. „Der Geist von Tom
Joad“, wie Bruce Springsteen vor 14 Jahren textete, wird heute langsam
wieder lebendig. Ob bei der sechstägigen Betriebsbesetzung letzten
Dezember von „Republic Windows & Doors“ in Chicago, die den 260
Streikenden klar machte, dass „es sich lohnt zu kämpfen“, wie Melvin
Maclin, einer der Streikführer, ausrief. Oder der Protest von Rosemary
Williams in Minneapolis, die sich am 11. September mit hundert
UnterstützerInnen gegen die Räumung ihres Hauses zur Wehr setzte und die
Solidarität von Mieterinitiativen bis hin zu Antikriegsorganisationen
gewann. Oder aber die Ablehnung des von der Spitze der
Autoarbeitergewerkschaft UAW ausgehandelten sechsjährigen Verzichts auf
Lohnerhöhungen durch 41.000 Ford-Beschäftigte.
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Wednesday, December 16, 2009
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Ein Erlebnisbericht aus Kopenhagen
Wir kamen am Samstag Vormittag um 10 Uhr mit neun Mitgliedern der
Berliner SAV und von Linksjugend["solid] in Kopenhagen an. Um halb zwei
in der Nacht waren wir aus Berlin mit dem Bus gestartet und bis auf eine
Routinekontrolle der Polizei in Rostock, die uns für eine Weile
aufhielt, erreichten wir Kopenhagen ungestört.
von René Kiesel, Berlin
Direkt nachdem wir unsere Sachen in der Lagerhalle, in der wir
schliefen, abgelegt hatten, machten wir uns auf den Weg ins Zentrum der
Stadt, um auf die GenossInnen der schwedischen und belgischen Sektionen
des Komitees für eine Arbeiterinternationale (CWI, die internationale
sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen ist) zu treffen.
Diese hatten vor dem Klimazentrum einen Infotisch aufgebaut, an dem wir
uns mit Informationen und Material versorgten, um aktiv an der Demo
teilzunehmen.
Es gab noch einen kurzen Austausch über bereits gelaufene Aktionen und
eine Vorstellung der Unterschriftenlisten, mit der wir Unterstützung für
eine alternative Wirtschaft sammelten, bis wir uns in den Zug von
Demonstrierenden einreihten, der an uns vorbeizog.
Am Auftaktort des Umzuges, an dem 100.000 Menschen teilnahmen,
angekommen, trafen wir auf weitere Mitglieder des CWI.
Um etwa 14 Uhr ging der Zug los und zog in Richtung Congresscenter, in
dem tausende Politiker, Lobbyisten und Vertreter der UNO tagten. Wir als
Internationale bildeten einen eigenen Block mit Bannern, Fahnen und
eigenen Slogans, die wir skandierten. Dabei stellten wir die Systemfrage
in den Mittelpunkt und erklärten, dass die Rettung des Klimas nur durch
eine Abschaffung des kapitalistischen Profitsystems zu erreichen ist.
Hinter uns formierte sich dann nach dem Losgehen schnell ein schwarzer
Block, der uns immer wieder überholte. Als wir uns das letzte Mal vor
dem Block absetzten, rannten einige aus dem Block unvermittelt los und
bahnten sich einen Weg durch die Demonstrierenden.
Plötzlich fuhren aus der Seitenstraße vor und hinter uns
Mannschaftswagen der dänischen Polizei vor uns sperrten die Straße
komplett ab und uns damit ein.
Der Kessel
Innerhalb kürzester Zeit standen wir einer dichten Reihe von PolistInnen
und Hundestaffeln gegenüber, die uns gewaltsam zurückdrängten. Wir
bildeten schnell Ketten und setzten uns auf die Straße, um zu
verhindern, dass sie vereinzelt Leute aus unseren Reihen herausziehen
und verprügeln oder verhaften konnten.
Als dann eine Linie auf beiden Seiten gebildet wurde, fingen die
dänischen Staatsbeamten an, langsam auf uns zuzugehen, so dass wir immer
enger zusammenrücken mussten, solange bis hinter uns ein großer Raum
zwischen der Polizei und den Wagen, die die Straße absperrten entstand.
Es wurden laut Sprüche von uns gerufen wie „This is what democracy looks
like“ oder „Let us go“, die von den DemonstrantInnen außerhalb des
Kessels aufgegriffen wurden und den Hall durch die Straßen verstärkten.
In der Zwischenzeit rückte immer mehr Verstärkung der Uniformierten an
und als sie genügend Platz hinter uns geschaffen hatten, fingen sie an,
zu zweit einen Demonstranten oder eine Demonstrantin heraus zu greifen
und führten ihn bzw. sie rabiat aus der Gruppe von mehreren hundert
Menschen in den rückwärtigen Teil des Kessels. Dort wurden uns dann in
einer unnatürlich schmerzhaften Position die Hände mit Kabelbindern aus
Plastik hinter dem Rücken gefesselt. So bewegungsunfähig und wehrlos
gemacht, wurden wir in enge Reihen platziert und dort von den Polizisten
zu Boden gedrängt, die Finger am Schritt der Person hinter uns und
unsere Ellenbogen, die einen üblen Druck ausübten, auf den
Oberschenkelarterien. Die Beine mussten wir in einem offenen "V"
positionieren, damit noch eine Person vor uns die gleiche Stellung
einnehmen konnte.
Die Errichtung des Kessels geschah etwa um 15 Uhr und bis alle
„aufgereiht“ waren, verging circa eine Stunde. Die gesamte Zeit über
herrschte Unklarheit darüber, was als nächstes passieren würde.
Nach der Festnahme
Viele hundert Menschen saßen auf dem gefrorenem Boden, während die
Beamten ständig darauf achteten, dass niemand seine Stellung änderte
oder seine Hände lösen konnte. Bei vielen Gefangenen waren die Fesseln
so fest angebracht, dass sie tief ins Fleisch schnitten und Verletzungen
hinterließen. Den meisten blieb es verweigert, auf die Toilette zu gehen
und so mussten sich manche in die Hose machen und weiter verharren.
Andere hielten die äußerst erniedrigende Situation nicht aus und
begannen unkontrolliert zu zittern; wenn sie aufsprangen und weg
rannten, wurden sie brutal zu Boden geworfen und abgeführt.
Auf die Frage, was der Grund unserer Festnahme wäre, wurde die Antwort
verweigert. Es fehlte an medizinischer Versorgung, es gab nichts zu
Essen und auch nichts zu Trinken. Durch die Kälte, der man schutzlos
ausgeliefert war, kühlten alle Verhafteten aus und konnten nach einiger
Zeit ihre Hände nicht mehr spüren.
Gleichzeitig hatte man keine Ahnung, was mit denen passiert war, mit
denen man vorher in einer Gruppe war, da die Polizei Gruppen trennte und
die Personen in unterschiedliche Reihen platzierte. Es war eine
unheimliche physische und psychische Belastung. Ein junger Mann wurde
ohnmächtig und bekam Muskelkrämpfe, viele weinten.
Nur nach und nach kamen vereinzelt Busse, die uns an einen unbekannten
Ort brachten, der eigens für die Internierung der Festgenommenen
eingerichtet worden war. Die gesamte Zeit auf dem kalten Boden betrug
über drei Stunden.
Der Abtransport
Da nicht genügend Busse vorhanden waren, um alle Gefangenen gleichzeitig
abzutransportieren, wurden wir zum Schluss in die Mannschaftswagen der
Polizei gesetzt und fortgebracht. Wir mussten uns dort zwischen zwei
Sitzreihen auf den Boden setzen, immer noch mit den Händen auf dem
Rücken gefesselt. Mittlerweile schmerzten die Schultergelenke wegen
dieser Haltung auf unerträgliche Weise.
Die Fahrt führte außerhalb der Stadt zu einer Lagerhalle, in der wir
wieder in diese Position zurückkehren mussten. Völlig willkürlich wurden
einige von uns bereits dort nach Aufnahme ihrer Personalien direkt aus
den Bussen freigelassen, andere wurden weiter in der Lagerhalle
festgehalten. Im Hintergrund waren Käfige für die politischen Häftlinge
aufgebaut, die man vom vorderen Teil der Gefangenensammelstelle nicht
sehen, aber sehr deutlich hören konnte. Es waren über 500 in diesen
„Hühnerkäfigen“ zusammengepfercht.
Zu unterschiedlichsten Zeiten wurden wir frei gelassen, einige ziemlich
bald, andere wurden noch bis zum Ablauf der zwölfstündigen, gesetzlich
legitimierten, Zeit der Festsetzung dort behalten. In diesem Lager gab
es ebenfalls keine medizinische Versorgung, der Gang auf die Toilette
und Versorgung wurde den Menschen weiterhin verwehrt und in regelmäßigen
Abständen konnte man beobachten, wie Gefangene zusammenbrachen.
Die Freilassung
Bevor man endgültig freigelassen wurde, wurde man in einen Teil der
Halle gebracht, in dem Beamte die Personendaten aufnahmen. Erst dann
wurde über das weitere Verfahren entschieden, ob man den Ausgang
benutzte oder weiter nach hinten in einen Käfig gebracht wurde. Die
gesamte Zeit wurde man in Ungewissheit gelassen, was als nächstes
passiert, ohne dass jemand bereit war, Informationen zu geben.
Die, die herausgelassen wurden, führte man unter Polizeibegleitung in
einen Bus, in dem uns Plätze zugeteilt wurden und der dann zu
verschiedenen Orten in Kopenhagen fuhr, um uns abzusetzen. Ohne weitere
Angabe, an welcher Stelle der Stadt wir uns befanden.
Fazit
Der Klimagipfel ist eine Farce. Kein Vertreter einer bürgerlichen
Regierung dieser Welt wird dort effektive Schritte unternehmen und sich
verpflichten, den absolut notwendigen Umweltschutz durchzusetzen. Die
westlichen imperialistischen Staaten verteidigen dort die
Profitinteressen der multinationalen Konzerne gegen die Weltbevölkerung
und gegen die Länder der halbkolonialen Welt.
Die Gegendemonstration war von ihrer politischen Zusammensetzung her
enorm vielfältig, es waren Grüne dort, die Jugendorganisationen der
Sozialdemokraten verschiedenster Ländern und viele
UmweltschutzaktivistInnen.
Von der Kampagne „Hopenhagen“, die auf Plakaten das Gesicht Obamas mit
sich trugen, über Mitglieder der Sekte Hare Krishna bis zu
verschiedensten sozialistischen Organisationen waren viele vertreten.
Die Stimmung der meisten TeilnehmerInnen war offen für sozialistische
Ideen und für eine antikapitalistische Alternative zur Umweltzerstörung,
die durch den Kapitalismus verursacht wird.
Mitglieder unserer Internationale konnten mit vielen DemonstrantInnen
ins Gespräch kommen und über sozialistische Ideen diskutieren. Es wurden
viele Unterschriften für unsere Forderungen gesammelt.
Das CWI stieß mit einem sozialistischen Programm für eine demokratisch
geplante Wirtschaft in Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen und
der Natur auf breites Interesse und Zustimmung. Insgesamt konnten über
700 Exemplare davon an die TeilnehmerInnen verkauft werden.
Das Vorgehen der dänischen Polizei hat allen, die dort beteiligt waren
und den Menschen auf der Welt noch einmal vor Augen geführt, wie der
bürgerliche Staat auf politische Gegner reagiert. Eine Präventivhaft von
SystemkritikerInnen kennt man sonst nur aus Staaten mit einem
diktatorischen Regime, doch das zeigt auch das wahre Gesicht der viel
gelobten bürgerlichen Demokratie.
Die Schlussfolgerung, die unsere GenossInnen aus diesen Geschehnissen
zogen war einig - für eine sozialistische Demokratie weltweit. Jetzt
erst recht!
Artikel auf der Webseite des CWI hier.
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