Quelle: Wikipedia
In Paris war bereits 1424 die ganze Reihe jener dramatischen Situationen nebst den dazugehörigen Versen an die Kirchhofsmauer des genannten Klosters gemalt, und hieran schlossen sich bald weitere Malereien, Teppich- und Steinbilder in den Kirchen zu Amiens, Angers, Dijon, Rouen etc. sowie seit 1485 auch Holzschnitt- und Druckwerke, welche die Bilder und Inschriften wiedergaben.
Noch erhalten ist der textlose, aber die Dichtung illustrierende Totentanz in der Abteikirche von La Chaise-Dieu in der Auvergne, der nach neuesten ikonographischen Forschungen insbesondere zur Kleidung erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand.
Reime und Bilder des Totentanzes werden durch den englischen Mönch John Lydgate kreativ kopiert und gelangen so von Frankreich aus auch nach England; die mannigfaltigste und eigentümlichste Behandlung aber, wenn man so urteilen darf, wurde ihm in Deutschland zuteil, wo er mit wechselnden Bildern und Versen in die Wand- und Buchmalerei überging. Eine Darstellung in einer Kapelle der Marienkirche zu Lübeck von Bernt Notke, deren niederdeutsche Reime teilweise erhalten sind, zeigte den Totentanz noch in seiner einfachsten Gestalt: 24 menschliche Gestalten, Geistliche und Laien in absteigender Ordnung, von Papst, Kaiser, Kaiserin, Kardinal, König bis hinab zu Klausner, Bauer, Jüngling, Jungfrau, Kind, und zwischen je zweien derselben eine springende oder tanzende Todesgestalt als verschrumpfte Leiche mit umhüllendem Grabtuch; das Ganze durch gegenseitig dargereichte und gefasste Hände zu einem einzigen Reigen verbunden; eine einzelne Todesgestalt springt pfeifend voran (vgl. „Ausführliche Beschreibung und Abbildung des Totentanzes in der Marienkirche zu Lübeck", Lüb. 1831).
Darstellung des Totentanz von 1493Das älteste Zeugnis eines Totentanzes, welches in Deutschland gefunden wurde, ist die Handschrift CPG 314 der Universität Heidelberg. Hier wurde den lateinischen Versen, die wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammen, deutsche Übersetzungen hinzugefügt. In ihrer monumentalen Form waren die an Klostermauern gemalten Totentänze des Wengenklosters in Ulm und der beiden Dominikanerkonvente der Rheinstadt Basel die Vorreiter.
Bekannte Fresken mit Totentanz-Motiv aus dieser Epoche befinden sich in Hrastovlje (Slowenien) und Beram (Kroatien). Auch in der Lombardei ist eine Reihe von Totentänzen erhalten z. B. in Clusone und Bienno. Der typische Bildaufbau weicht jedoch etwas von den in Deutschland und Frankreich üblichen Bildern ab: zweigeteiltes Großfresco: am oberen Teil wird der Triumph des Todes dargestellt im unteren eine Tanzszene ähnlich wie in La Chaise-Dieu.
Einer der größten bekannten Totentänze entstand um 1484 in der St. Marienkirche (Berlin). Es handelt sich darüber hinaus um das älteste überlieferte literarische Werk aus Berlin.
16. JahrhundertSeit Mitte des 16. Jahrhunderts werden die Bilder des Totentanzes immer mehr vervielfältigt, während die Verse wechseln oder ganz weggelassen werden, und zuletzt gestalten sich beide, Bilder und Verse, völlig neu. Zunächst wurde der Totentanz von Kleinbasel nach Großbasel, vom Klingenthal an die Kirchhofsmauer des Basler Predigerklosters (nicht vor der Mitte des 15. Jahrh.) übertragen, wobei Zahl und Anordnung der tanzenden Paare dieselbe blieben.
Aber am Anfang wurden ein Pfarrer und ein Beinhaus und am Ende der Sündenfall hinzugefügt, während die das Ganze beschließende Person des Malers vielleicht erst Hans Hug Kluber anhängte, welcher 1568 das Bild restaurierte. Bei dem Abbruch der Kirchhofsmauer 1805 ist das Original bis auf geringe Fragmente zugrunde gegangen; doch haben sich Nachbildungen nebst den Reimen erhalten, namentlich in den Handzeichnungen Em. Büchels (bei Maßmann a. a. O.). Der zum Volkssprichwort gewordene „Tod von Basel" gab neuen Anstoß zu ähnlichen Darstellungen, obschon die Dichtkunst den Stoff ganz fallen ließ. So ließ Herzog Georg von Sachsen noch 1534 längs der Mauer des dritten Stockwerks des nach ihm benannten Georgentores ein steinernes Relief von 24 lebensgroßen Menschen- und drei Todesgestalten ausführen, ohne Reigen oder tanzende Paare und nach Auffassung wie nach Anordnung durchaus neu und eigentümlich. Dieses Bildwerk wurde bei dem großen Brand von 1701 stark beschädigt, aber wiederhergestellt und auf den Kirchhof von Neustadt-Dresden übertragen, jetzt befindet es sich in der Dresdner Dreikönigskirche (abgebildet bei Nanmann: „Der Tod in allen seinen Beziehungen", Dresden 1844).
Von der Basler Darstellung abhängig ist das aus dem 15. Jahrh. herrührende Gemälde in der Predigerkirche zu Straßburg, welches verschiedene Gruppen zeigt, aus deren jeder der Tod seine Opfer zum Tanz holt; abgebildet bei Edel: „Die Neue Kirche in Straßburg", Straßburg 1825. Aus den Jahren 1470 bis 1490 stammt der Totentanz in der Turmhalle der Marienkirche zu Berlin (herausgegeben von W. Lübke, Berlin 1861, und von Th. Prüfer, daselbst 1876). Einen wirklichen Totentanz malte von 1514 bis 1522 Niklaus Manuel an die Kirchhofsmauer des Predigerklosters zu Bern, dessen 46 Bilder, die jetzt nur noch in Nachbildungen vorhanden sind, bei aller Selbständigkeit ebensowohl an den Basler Totentanz wie an den erwähnten „doten dantz mit figuren" erinnern.

Ausschnitt aus dem Holzstich „Totentanz" (Hans Holbein der Jüngere 1538). Holbein verdeutlichte, dass die Pest weder Stand noch Klasse kannte.
Eine neue und künstlerische Gestalt erhielt der Totentanz dann durch Hans Holbein den Jüngeren. Indem dieser nicht nur veranschaulichen wollte, wie der Tod kein Alter und keinen Stand verschont, sondern auch vielmehr, wie er mitten hereintritt in den Beruf und die Lust des Erdenlebens, musste er von Reigen und tanzenden Paaren absehen und dafür in sich abgeschlossene Bilder mit dem nötigen Beiwerk liefern, wahre „Imagines mortis", wie seine für den Holzschnitt bestimmten Zeichnungen genannt wurden. Diese erschienen seit 1530 und als Buch seit 1538 in großer Menge und unter verschiedenen Titeln und Kopien unter anderem bearbeitet von Wenzel Hollar ( Kurzfassung mit 30 Kupferstichen ) bis (neue Ausgabe von F. Lippmann, Berlin 1879). Holbeins „Initialbuchstaben mit dem Totentanz" wurden in Nachschnitten von Lödel neu herausgegeben von Adolf Ellissen (1849). Daraus, dass Hulderich Frölich in seinem 1588 erschienenen Buch „Zween Todtentäntz, deren der eine zu Bern, der andre zu Basel etc." dem Totentanz am Predigerkirchhof größtenteils Bilder aus Holbeins Holzschnitten unterschob und Christian von Mechel sie als ersten Band seiner 1780 erschienenen Repruoduktionen der Werke Holbeins als „Le Triomphe de la mort" ( 47 Radierungen nach den Holzschnitten Holbeins ) aufnahm, entstand der doppelte Irrtum, dass man auch den älteren wirklichen Totentanz im Predigerkloster für ein Werk Holbeins hielt und des letzteren „Imagines" ebenfalls Totentanz benannte.
Spätere JahrhunderteIm Lauf des 16., 17. und 18. Jahrhunderts entstanden noch andere Totentänze unter anderem in Chur (erzbischöflicher Palast mit Benutzung der Holbeinschen Kompositionen), Füssen (Füssener Totentanz), Konstanz, Luzern (Spreuerbrücke), Freiburg im Üchtland, Bleibach (Schwarzwald) und Erfurt, und Holzschneide- wie Kupferstecherkunst nahmen den Stoff wieder auf, dessen sich auch die Dichtkunst wieder bemächtigte, z. B. Bechstein („Der Totentanz", Leipz. 1831). Auch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete man wieder Totentänze, so namentlich Alfred Rethel und Wilhelm von Kaulbach.
Die beiden Weltkriege veranlassten im 20. Jahrhundert zahlreiche Künstler, Motive aus dem Totentanz wieder aufzunehmen, oder eigene Werke entsprechend zu benennen. Zu den bekanntesten Beispielen gehören:
Otto Dix: Totentanz, Anno 17, aus der Mappe Der Krieg
Lovis Corinth: Totentanz, Mappe mit sechs Kaltnadelradierungen, 1921
Edmund Kesting: Totentanz Dresden (Fotomontagen)
Alfred Hrdlicka: Plötzenseer Totentanz
Harald Naegeli: Der Triumph des Todes (Kölner Totentanz), Köln, Zugemauerter Eingang zu St. Cäcilien, Teil des Museum Schnütgen, 1981.