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des rues de sucre

Straßen aus Zucker Zeitung


Last Updated: 11/18/2009

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November 25, 2009 - Wednesday 

Category: News and Politics
Hallo Welt!
Etwas mehr als ein halbes Jahr ist es nun her, dass wir die erste „Straßen aus Zucker“ rausgehauen haben und eigentlich war das Ganze gar nicht als Fortsetzungsgeschichte geplant – es sollte also keine zweite Ausgabe geben. Wir wollten „nur“ dieses blöde deutsche „Superjubiläumsjahr“ (60 Jahre Grundgesetz, 2000 Jahre Varusschlacht, 20 Jahre Wiedervereinigung...) denunzieren und zwar mit einer grundsätzlichen Kritik an Staat, Nation und Kapital sowie einigen Dingen, die damit zusammenhängen. Dass Ihr nun die zweite Nummer in den Händen haltet, liegt in erster Linie an Euch selbst. Wir waren sehr überrascht von dem ganzen Feedback und vielen Bestellungen, haben uns von der Welle der Euphorie mitreißen und für eine zweite Ausgabe begeistern lassen. Ja, selbst eine dritte ist nun schon in Planung. Aber ganz soweit sind wir noch nicht.
Für diese Nummer wollen wir erstmal eine neue Gruppe im großen Redaktionskollektiv begrüßen. Neben der Antifaschistischen Jugendaktion Kreuzberg (AJAK), der Antifaschistischen Schüler_innen Vernetzung (ASV) sowie der Gruppe T.O.P. B3rlin ist nun auch communisme sucré dabei – eine Gruppe, die sich aus einem offenen Treffen des „Straßen aus Zucker“-Bündnisses heraus gegründet hat! So einiges ist also passiert. Komisch, aber trotzdem ist auch vieles so geblieben, wie es war.
Leider hat noch niemand die Nation erschossen, den Staat umgewuppt oder den Kapitalismus niedergedingst. Deutschland ist folglich noch da. Auf Hochtouren. Das Superjubeljahr 2009 geht weiter: Da werden die „Friedliche Revolution“ und die „Wiedervereinigung“ der beiden deutschen Staaten mit Riesentamtam so richtig abgefeiert. Wir feiern nicht mit. Vielmehr haben wir uns gefragt, wie hier Geschichte eigentlich gemacht wird. Dann haben wir lang darüber diskutiert, was aus unserer Sicht am Realsozialismus zu kritisieren ist. Denn uns geht es dabei nicht darum, den Kapitalismus als das bessere Gesellschaftssystem zu propagieren. Und was verbirgt sich eigentlich hinter dem großen Begriff „Kommunismus“? Wir nehmen in dieser Ausgabe den 20. Jahrestag der „Wende“ zum Anlass, uns mit diesen und ähnlichen Fragen zu beschäftigen. Außerdem geht es auch um Graffiti, es gibt ein schickes Plakat, das auch als Sprühschablone taugt und wir haben für Euch ein Interview mit Frittenbude geführt. Diverse Rezensionen von spannenden Büchern und viele, viele Termine gibt‘s noch obendrauf.

Ab kommender Woche sollte es die „Straßen aus Zucker“ #2 im Infoladen eures Vertrauens geben - in Berlin liegt sie z.B. schon in den Buchläden „Schwarze Risse“ aus. Natürlich könnt ihr sie aber auch wieder online bestellen. Das gleiche gilt für die neuen Aufkleber.
Oder ihr nehmt eure alte „Straßen aus Zucker“, zerknüllt sie, murmelt „Communismus, Communismus, Communismus“, wartet kurz und entknüllt sie dann wieder:
1zu2
Vielen dank an den Blogger Bauhaustapete für die witzige animierte Grafik!
November 12, 2009 - Thursday 

Category: News and Politics
Frittenbude ist aktuell auf Tour und da sie uns für die aktuelle Ausgabe ein kleines Interview gegeben haben, gibts auf dieser Tour auch die "Straßen aus Zucker" auf dem Merchandise-Tisch. Neben einigen Ausgaben der ersten Nummer, gibts natürlich v.a. die zweite und damit noch einen Grund mehr auf die Konzerte zu gehen...

Anstehende Konzerte von Frittenbude:
12. Nov.  im Festsaal Kreuzberg in Berlin
13. Nov.  im     Chekov in Cottbus
14. Nov.     im Glanz & Gloria in Osnabrück
14. Nov. im Indiego Glocksee in Hannover
16. Nov. im Ex - Haus in Trier
17. Nov. im BAU 46 in Kaiserslautern
18. Nov. im Hotel Shanghai in Essen
19. Nov. im Molotov in Hamburg
20. Nov. im Treibsand Lübeck
21. Nov. im Komplex in Schwerin
24. Nov. im Ostpol in Dresden
25. Nov. im Rosenkeller Jena
26. Nov. in der Alte Mälzerei in Regensburg
27. Nov. im Schlachthaus in Dornbirn (Austria)
28. Nov. im Feierwerk in München
04. Dez. im Jugi in Taufkirchen (Bayern)
05. Dez. in der halle 03 in Heidelberg
11. Dez. in der Posthalle in Würzburg
12. Dez. im Stall 6 in Zürich
17. Dez. in der Moritzbastei in Leipzig
18. Dez. im 603 qm in Darmstadt
19. Dez. im Unikum in Erfurt
31. Dez. im Riders Palace in Laax (Schweiz)
November 9, 2009 - Monday 

Category: News and Politics
Montag um sieben klingelt bei Franziska der Wecker. Seit einigen Wochen mag Franziska Montage noch weniger. Weswegen es ihr sehr schwer fällt, aufzustehen. Denn heute gibt es wieder das Fach „Politik und Wirtschaft“. Seit herausgekommen ist, dass die deutschlandkritischen Aufkleber in der Schule von ihr stammen, wurde das auch in „Politik und Wirtschaft“ thematisiert.

Dann kamen die ganzen Argumente, die sie schon so oft gehört hat. Jede_r brauche eine nationale Identität. Deutschland hätte schon so viel geleistet. Goethe, Schiller, Luther, Einstein. Andere Nationen seien auch stolz, das sei total normal. Und auch in Polen gebe es Nazis. Am Ende wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte und auch nicht so richtig, was sie denken sollte. Und heute will Herr Hoffmann mit den Schüler_innen auch noch zu dieser Veranstaltung „20 Jahre Wiedervereinigung“ gehen.

Franziska zieht das Frühstück in die Länge, ohne es zu merken, und dann ist es schon acht Uhr. Eigentlich müsste sie jetzt rennen und würde trotzdem zu spät kommen. Stattdessen entscheidet sie sich, Bauchschmerzen zu haben. Das ist eine von den Krankheiten, die erstmal nicht geprüft werden können. „Bauchschmerzen, O.K., ich gebe es weiter“. Die Lehrerin, die sie am Telefon im Sekretariat erwischt, wirkt gestresst und stellt keine weiteren Fragen. Jetzt sitzt Franziska zu Hause und ihr gehen die ganzen Diskussionen, die sie in den vergangenen Schulwochen hatte, nicht aus dem Kopf. Also beschließt sie, sich das mal näher anzusehen: Deutschland, was ist das eigentlich? Warum wurde es wiedervereinigt? Auf Wikipedia klingt erstmal alles total harmlos: 16 Bundesländer, Grundgesetz, 82 Millionen Einwohner_innen, Regierungsform Parlamentarische Demokratie. Hier findet sie auf die Schnelle nur viel Positives über Deutschland. Nichts, was ihrem Unbehagen entspricht, das fest in ihrer Magengrube sitzt.

Deutschland sei schon uralt, hatte ihr Mitschüler gesagt, Tausende von Jahren. Es ging dabei um die Varusschlacht im Teutoburger Wald im Jahre neun und um die Germanen. Auf dem Weg in die Bibliothek sammelt Franziska nochmal die ganzen Argumente, die ihr entgegengebracht wurden. Und dann fängt sie an, sich verschiedene Bücher anzusehen, die sie mit der Schlagwortsuche gefunden hat. Deutschland ist eine Nation oder auch Nationalstaat, steht dort. Und diese Nationen sind entstanden, als sich der Kapitalismus herausgebildet hat. Wann passierte das mit Deutschland? 1871. Vorher, steht da, gab es Preußen, Bayern und ganz viele andere Kleinstaaten, die sich zusammengeschlossen haben. Aber...1871! Dann ist Deutschland nur...Scheiße, Mathematik mag sie eigentlich auch nicht so gern...138 Jahre alt. Das sind ja gerade mal vier Generationen. Doch Franziskas Mitschüler_innen und Herr Hoffmann haben ja immer von den Germanen und dem deutschen Volk gesprochen. Dann müsste es ja das deutsche Volk schon vor 1871 gegeben haben, was damals nur durch Grenzen getrennt war. Gab es damals auch eine Vereinigung, so wie 1989? Aber in den Geschichtsbüchern der Bibliothek wird so etwas nicht erwähnt. Im 19. Jahrhundert hat der Handel aufgrund des Kapitalismus stark zugenommen und die vielen Zölle, die an jeder Grenze entrichtet werden mussten, waren hierbei ein großes Hindernis. Vor allem der Vergleich mit dem fortschrittlichen Frankreich führte dies den Deutschen vor Augen. Erst vor diesem Hintergrund bildete sich im aufstrebenden Bürgertum ein gemeinsames deutsches Nationalbestreben heraus. Einige der Kleinstaaten haben sich sogar gegen die Reichsgründung 1871 gewehrt. Die wurden dann mit militärischer Gewalt gezwungen. Also gab es zuvor kein deutsches Volk?!

Warum reden Franziskas Mitschüler_innen nun die ganze Zeit von Volk und tausendjähriger Geschichte? Besonders interessant findet Franziska, dass in Berlin und Brandenburg früher ein Drittel der Bevölkerung französisch gesprochen hat, wie kann das sein? Sie entdeckt ein wissenschaftliches Buch, das ein paar Antworten parat zu haben scheint. Es ist furchtbar unverständlich geschrieben und Franziska überfliegt nur ein paar Seiten. Dort steht, dass sich erst durch die Entstehung der Nation eine einheitliche Sprache durchgesetzt hat. Auch die Vorstellungen, dass es eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Zusammengehörigkeit gebe, sind erst mit dieser Nationenbildung aufgekommen. Jetzt fängt es langsam an, für Franziska Sinn zu ergeben. Sie notiert sich, um das nicht zu vergessen: Deutschland wurde im 19. Jahrhundert erfunden.

Dann klingen wieder die Worte von Herrn Hoffmann in Franziska Ohren: Deutschland habe so viel Gutes geleistet. Im Geschichtsunterricht ist sie immer dazu gedrängt worden, sehr genau zu sein. Sie konnte sich die ganzen Jahreszahlen nie merken und musste sie trotzdem auswendig lernen. Also, denkt sie sich, bin ich jetzt auch einmal ganz genau: Wenn es Deutschland erst seit 1871 gibt, dann fallen Bach, Goethe und Luther raus. Dann notiert sie sich die herausragenden Ereignisse der Geschichte der deutschen Nation aus dem großen Lexikon um ihren Mitschüler_innen davon berichten zu können: 1884 bis 1919 deutscher Kolonialismus (Deutschland hatte zahlreiche Kolonien in Afrika und Asien.) 1904 Genozid an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, zweiter Weltkrieg, Holocaust. Deutschland ist ein Gruselkabinett, denkt sich Franziska und versteht langsam, warum sie dieses starke Unbehagen hat, das sich nicht verabschieden wollte. Jetzt wird ihr auch klar, weswegen sie heute nicht zu der Gedenkveranstaltung zur Wiedervereinigung gehen wollte. Sie wäre auf die Gedenkveranstaltung zur Wiedervereinigung des Gruselkabinetts gegangen.

Beim nächsten Treffen der Schulzeitung liegt ihr eifrig geschriebener Artikel auf dem Tisch. Er ist schon viel zu lang geworden und sie weiß nicht, wo sie noch kürzen soll. Franziska ist ein bisschen aufgeregt und unsicher. Dann blicken nacheinander alle auf, nachdem sie fertig mit Lesen sind. „Dein Text ist ganz gut. Ist ja eigentlich interessant. Aber so Geschichtsstunde...in der Schulzeitung, ist das nicht ein bisschen zu dröge?“ Stimmt, denkt sich Franziska. Eigentlich müsste sich auch gefragt werden, was das eigentlich mit uns zu tun hat. Was ist eigentlich heute das Problem damit, dass alle den Blödsinn kaufen?

Nach der längeren Diskussion in der Redaktion der Schulzeitung setzt sie sich hin und schreibt ihren Artikel weiter. Sie fängt damit an, dass nach der Wiedervereinigung sichtbar wurde, dass die Vorstellung von einem „deutschen Volk“ vor allem Gewalt bedeutet. Wie nie zuvor seit dem Nationalsozialismus gibt es rechte und rassistische Attacken, Pogrome und Morde. Bei der Wiedervereinigung haben sich nicht einfach nur zwei Gebilde zusammen geschlossen, sondern etwas ziemlich Gewaltvolles.

Aber vielleicht sammle ich erstmal die ganzen Sachen, die an so einer Nation unerträglich sind, bevor ich hier einfach drauflos schreibe, denkt sich Franziska und beginnt eine Liste. Es werden fast täglich Leute abgeschoben. Das gehört rein, denn eigentlich sollten alle dort wohnen können, wo sie wollen. Und diese Pogromstimmung aus den 1990ern gibt heute immer noch. Eine Freundin, die nicht weiß ist, hat ihr erzählt, dass sie nie nach Brandenburg fährt, weil das zu gefährlich ist. Seit dem Nationalsozialismus leben nur noch sehr wenige Jüdinnen und Juden in Deutschland wegen der nach wie vor starken Judenfeindschaft. Es treffen sich immer noch Vertriebenengruppen, die fordern, dass die Gebiete, die 1945 an Polen abgetreten wurden, wieder zu Deutschland dazugehören sollten... Oh je, das wird eine lange Liste. Franziska beschließt, daraus eine ganze Reihe in der Schulzeitung zu machen.

Mehr: http://strassenauszucker.blogsport.de/

ganze Zeitung (1 und 2): http://strassenauszucker.blogsport.de/zeitung/
September 8, 2009 - Tuesday 
Seit dem erscheinen der ersten Ausgabe sind einige Monate vergangen und es ist an der Zeit eine kleine Bilanz zu ziehen. Wir haben bundesweit und auch darüber hinaus fast alle 40.000 Zeitungen und insgesamt über 75.000 Aufkleber verteilt und verschickt. Wir  waren und sind immernoch positiv überrascht von den vielen Rückmeldungen und Bestellungen und wollen uns an dieser Stelle für das überwältigende Feedback bedanken und alle anderen auffordern uns auch ihre Gedanken, Kritik, Verbesserungsvorschläge, usw. mitzuteilen. Besonders bedanken wollen wir uns auch nochmal bei der Band Frittenbude, die uns mit ihrem Song "Mindestens In 1000 Jahren" für den Titel der Zeitung inspiriert hat: "Wir wollen die Freiheit der Welt und Straßen aus Zucker..."

Auch sei an dieser Stelle aus gegebenem Anlaß nochmal explizit darauf hingewiesen, dass die Texte der "Straßen aus Zucker" keinem copyright unterliegen, sondern im Sinne der Creative Commons-Lizenz weiter verbreitet werden dürfen und sollen. Und um euch einen kleinen Überblick zu geben was andere so zu uns zu sagen/schreiben haben und wer uns so verlinkt, gibt es nun auch eine neue Kategorie: "andere zu uns"
Außerdem wollen wir euch nicht vorenthalten, dass eine nächste Ausgabe im Entstehen ist. Seid gespannt und schaut ab und zu vorbei...

http://strassenauszucker.blogsport.de/

klopapier

bildungsstreik
August 25, 2009 - Tuesday 
Wir haben einen neuen Straßen-aus-Zucker-Newsletter eingerichtet! Darüber gibt's in moderater Menge und garantiert nicht spammig: Termine, SaZ-News und sonstigen Gossip.
Einfach eine Mail an info@strassenauszucker.tk
Betreff: zuckerpost
April 27, 2009 - Monday 

Maxim von der Berliner Rap-Combo stand der „Straßen aus Zucker“-Redaktion Rede und Antwort.

Wann bist du heute aufgestanden?
9 Uhr.

Wolltest du eigentlich früher auch mal Feuerwehrmann oder Polizist werden? Oder was stellst du dir für deine Lohnarbeiterkarriere vor?
Ich wollte erst Mathematiker werden, dann Profiturner oder Kampfsportler, jetzt fände ich Fremdenlegionär und Surflehrer eine gute Sache. Wahrscheinlich werde ich irgendwann meinen eigenen Kindergarten machen und mit 105 will ich beim Sandburgenbauen zusammenklappen, Herzinfarkt oder so, das wär schön!

Ihr habt ja dieses tolle Lied „Frei sein“ gemacht. Das ist bei uns ein großer Hit – war das auch ein politischer Ruf oder habt ihr da nur eure persönlichen Alltagserfahrungen „verarbeitet“?
Diese ganze Freiheitsscheisse ist immer sehr zum Kotzen, „Freiheit ist die einzige die zählt und jetzt alle..!“ Die könnten auch von „Eeeiisbeeiin“ oder so singen, das wär dasselbe. Wir wollten da was Konkretes machen und ich denke wirklich konkrete Texte haben immer was politisches, ob das jetzt beabsichtigt ist oder nicht. Bei uns war das natürlich eiskaltes Kalkül.

Was bedeutet für euch Bildung und erfüllt sich diese Vorstellung im aktuellen Schulsystem?
Bildung sollte uns mündig, kritisch, solidarisch, mitfühlend und anziehend für das andere Geschlecht machen. Das alles macht unser Schulsystem ab und zu mal. Die Zeit, die man auf die Grundschule geht, soll hier verkürzt werden, das heisst eine frühere Trennung von Pennern und Bankern. Ich könnte jetzt schön schwafeln, aber ich denke, das Problem ist, dass unser System nur eine sehr geringe Anzahl an mündigen, kritischen, solidarisch mitfühlenden Menschen braucht. Wenn sowas zum Strassenkehren nötig wär, würden wir ein spitzenmässiges Schulsystem haben!

Ward ihr bei der Bundeswehr?
Neeinnn!

Für wen warst du bei der Fussballweltmeisterschaft – oder bist du der total aus dem Weg gegangen?
Für den Vatikan. Ich hab eine ärztlich attestierte Fahnenphobie, deswegen kann ich an diesen grossartigen Momenten kultureller Ekstase nicht teilhaben.

Sido hat ja zugegeben nicht sooo gut bestückt zu sein, wie er immer behauptet: Wie sieht es eigentlich mit euch aus?
Denkt ihr etwa, wir lügen in unseren Texten? pff…

Was sagt ihr zu den Vorwürfen, ihr würdet in euren Texten schwulen- und frauenfeindliche Vorurteile benutzen?
Ihr habt total Recht, das tun wir, „benutzen“ ist auch das richtige Wort. Wenn wir zum Beispiel brutalen Sex beschreiben, gehts hart zur Sache für beide Parteien, wir lassen uns auch anpissen und fressen Schlüpfer, Standard halt. Wenn wir sagen „es ist Zeit, sich auch unter Männern an die Schwänze zu greifen“, dann macht das Spaß, weil es homophobe Menschen gibt, die dann traurig sind.

Checkt das auch euer Publikum?
Das ist minderjährig und voll besoffen, das will nur noch gefickt werden. Spaß. Das Publikum checkt das auf jeden Fall, einige Homophobe sind sehr sauer auf uns, die haben das verstanden.
Man darf die jungen Dinger nicht unterschätzen, ich geb zum Beispiel Rapworkshops für 14-18jährige bei mir in Kreuzberg, und für die ist zwischen uns und ernstgemeinter menschenverachtender Musik – wie zum Beispiel Revolverheld – ein großer Graben.

Ist Deutschland für euch ein Opfer?
Die Gretchenfrage!
Ihr meint jetzt von wegen Deutschland ist Scheisse? Aber die ham doch gesagt ich bin Deutschland oder du bist Deutschland?!
Es ist schon kompliziert genug man selbst zu sein, Deutschland besteht aus Grenzen und das wars für mich. Ich kann weder stolz drauf sein noch mich schämen für den Ort, an dem ich geboren bin.

Hast du noch abschließende Worte für unsere Leser_innen?
Nein, ich bin komplett leer, mein Körper ist eine Hülle, die den Dunst meiner Seele ab und zu Gassi führt.

Danke für das Interview!


April 23, 2009 - Thursday 

n diesen beiden Artikeln beschäftigen wir uns mit Staat und Nation.
Stopp, weiter lesen! Das klingt zwar erst mal trocken und unverständlich, ist aber hochaktuell und nie langweilig. Und Anlässe, sich darüber mal zu verständigen, gibt es in diesem Jahr einige.
Einerseits die Krise, die viele Fragen aufwirft: Wie kam es dazu? Wie funktioniert der Kapitalismus? Und was hat der Staat damit zu tun? Was macht er? Und wieso?

Andererseits das Jahr der Jubiläen und nationalen Feiertage. 2000 Jahre Varusschlacht / 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland / 20 Jahre Mauerfall / … und noch so einiges mehr, was zum Nachdenken über Deutschland, so was wie nationale Identität und die Entstehung von Nation und Nationalismus anregt. Darüber, wieso wir glauben, dass der Staat notwendig gegen die Menschen steht. Wie und wieso Nation und Nationalismus die Gesellschaft zusammenkitten. Und wieso wir diese ganze Scheiße abschaffen wollen.

Deswegen befassen wir uns im ersten Teil mit dem Staat. Was sind seine Aufgaben? Wie erfüllt er sie? Und wo ist da die Verbindung zur Nation?
Im zweiten Teil geht es um die Entstehung von Nation und Nationalismus, um ihre Funktionsweisen und Spielarten.
Hier soll versucht werden zu erklären, wieso wir Staat und Nation als unmittelbares Herrschaftsverhältnis und als eine der letzten großen Hürden der Menschheit auf ihrem Weg zu einer freien und gleichen Gesellschaft begreifen.

Vorbemerkung: Wir reden hier über Staat und Nation, so wie sie in ihrer idealtypischen Form aussehen. Es wird hier davon ausgegangen, dass Staat, Nation und alle anderen gesellschaftlichen Kategorien als Resultate historischer Prozesse verstanden werden müssen.
Uns ist klar, dass es von Nation zu Nation viele grundlegende Unterschiede gibt. Die können in diesem Text allerdings nicht behandelt werden, deswegen reden wir hier vor allem von Staat und Nation in ihrer Idealform. Das meiste lässt sich auf Deutschland übertragen.

Erste Halbzeit: Der Staat

Der bürgerliche Staat ist die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir leben. Ihre Verwaltung und Reproduktion ist sein Zweck.
Das heißt: Im Kapitalismus hat der Staat eine ganz bestimmte Aufgabe – die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Besitz- und Produktionsverhältnisse.
Der Staat soll die Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft durchsetzen, ihre Wirkmächtigkeit garantieren und dafür sorgen, dass der Laden gemäß seinen eigenen Gesetzen ohne größere Brüche immer weiterläuft und sich immer wieder selbst neu erfindet und weiterentwickelt.
Zweck des Staates ist es deshalb, einen politischen, rechtlichen und strukturellen Rahmen für eine Gesellschaft des Verwertungszwanges zur Verfügung zu stellen und die Akkumulation, also die Anhäufung von Kapital zu gewährleisten.
Daraus ergeben sich bestimmte Kernaufgaben, die notwendigerweise Sache des Staates sind.

Gewährleistung von Privateigentum
In einer Gesellschaft, in der das private Eigentum an Produktionsmitteln und an Waren die entscheidende Grundlage bildet, muss eben dieses mit allen Mitteln verteidigt werden. Das Privateigentum ist der Scheideweg der Individuen im gesellschaftlichen Werdegang: Man besitzt Kapital und damit Zugang zu Produktionsmitteln und Investitionsmöglichkeiten und man wird sein Bestes dazu geben, dieses Kapital anzulegen und mehr werden zu lassen, oder man wird gnadenlos untergehen in der Konkurrenz der Besitzenden um den Erhalt des eigenen Standes. Oder man besitzt nichts außer seiner eigenen Arbeitskraft und man wird sein Bestes dazu geben, diese möglichst erfolgreich an eine_n Inhaber_in von Produktionsmitteln zu verkaufen, oder man wird gnadenlos untergehen in der Konkurrenz der Besitzlosen um Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum, um Gehalt, Lohn und volle Teller.
Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist das entscheidende Grundprinzip kapitalistischer Vergesellschaftung: es zu schützen und zu pflegen, ist die erste Pflicht des Staates.

Falsche Freiheit und falsche Gleichheit
Freiheit. Der Staat garantiert die Freiheit des_r Einzelnen, sich seine_ihre Arbeitgeber_in und damit das individuelle Ausbeutungsverhältnis selbst zu wählen. Er gewährt die Freiheit, sich dem Zwang zu beugen.
Des Weiteren gewährleistet er die Freiheit, an ausgewählten gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu partizipieren und sich für oder gegen ausgewählte Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zu positionieren und sich im Rahmen des Möglichen für das Selbe in Grün auszusprechen.
Gleichheit. Der Staat garantiert die Gegenübertretung von Besitzenden (Produktionsmittel und Kapital) und Besitzlosen (nichts als der eigenen Arbeitskraft) als freie und gleiche Vertragspartner_innen. In dem der Staat gewährleistet, dass sich tatsächlich Ungleiche auf einer gesetzlichen Ebene als juristisch Gleichberechtigte begegnen, reproduziert er das paradoxe Verhältnis von allgemein legitimierter und juristisch abgesicherter Ausbeutung und realer Ungleichheit. Nur so kann das Ausbeutungsverhältnis auf Basis von Rechtmäßigkeit (im juristischen Sinne) und formaler Gerechtigkeit funktionieren.

Aus diesen Annahmen folgt eine weitere: Aufgabe des Staates ist die Organisierung eines formalen Rahmens, um einen freien und gleichen Markt zu gewährleisten. Dieser ist das entscheidende und grundlegende Medium und Forum einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, ihre Basis und ihr Dreh- und Angelpunkt. Und damit auch ein Aufgabenbereich des Staates.

Infrastruktur und Wirtschaftsrecht
Des Weiteren hat der Staat einige Aspekte der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion zur Verfügung zu stellen, die die Wirtschaft nicht übernehmen kann. Zur Absicherung und Verwaltung der bürgerlichen Gesellschaft stellt der Staat eine komplexe soziale, ökonomische und eigentliche Infrastruktur bereit. Verkehrs-, Gesundheits-, Sozial- und Rechtswesen müssen so weit entwickelt und gefestigt sein, dass der Kapital- und Warenverkehr und das gesellschaftliche Verhältnis Lohnarbeit unbeschränkt praktiziert werden können. Nur so läuft der Laden und nur so kann auch der Staat davon profitieren. Die soziale Absicherung ist zwar immer auch das Resultat gesellschaftlicher und historischer Kämpfe, dient aber in ihrer Bereitstellung in erster Linie dem Zweck, die Bürger_innen eines Staates bei der Stange zu halten und ihre Unzufriedenheit durch die Ermöglichung eines gewissen materiellen Wohlstands gering zu halten.
Der soziale Frieden ist das Ergebnis von einer sozialen Absicherung, um Lohnarbeiter_innen die Arbeitsfähigkeit zu erhalten und ihren totalen (und damit geschäftsschädigenden) Verschleiß im Automatismus des Verwertungszwangs zu verhindern und um die bedarfsabhängige Reintegration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Zu betonen ist auch, dass der Staat nicht – wie von manchen behauptet – etwa ein Instrument der „herrschenden Klasse“ ist.

Dies würde ja bedeuten, dass es einerseits so etwas wie eine einheitlich denkende herrschende Klasse mit identischen Interessen gibt und andererseits der Staat ein Objekt ohne eigene Intentionen und Interessen ist, welches sich nach Belieben durch „die Mächtigen“ steuern und lenken lässt. Beides lässt sich aber widerlegen.
Die „herrschende Klasse“ existiert nicht. Zumindest nicht in dem Sinne eines Zusammenschlusses von Akteuren, die gemeinsame Interessen verfolgen und für ihre Durchsetzung den Staat benutzen. Vielmehr ist mit diesem ungenauen Begriff die Gruppe derer gemeint, die Produktionsmittel und Kapital besitzen. Sie haben allerdings kein gemeinsames Interesse, sondern stehen sich auf dem Markt in unversöhnlicher Konkurrenz gegenüber. Sie sind in ihren Interessen zwar einig in ihrer Position gegen die Lohnabhängigen (sie wollen möglichst viel Arbeit für wenig Geld) und gegen den Staat (solang er nicht gebraucht wird, wird ihm Freiheit, Nichteinmischung und Fressehalten abgefordert), andererseits aber sind die Interessen der Mitglieder dieser Klasse direkt gegeneinander gerichtet.
Sie wollen sich gegenseitig wirtschaftlich ausbooten und ruinieren, um ihre eigenen Waren möglichst gewinnbringend auf dem Markt zu verkaufen. Der Staat nützt ihnen da nicht viel.
Andererseits ist der Staat nicht etwa willenloses Objekt, sondern ein Gebilde und gesellschaftliches Verhältnis mit eigenen Regeln, Interessen und Zielsetzungen. Der Staat hat als grundlegendes Ziel und als elementare Aufgabe, die bürgerliche Gesellschaft und ihre Produktionsweise aufrecht zu erhalten.

Weltmarkt
Dies ist die letzte große Aufgabe des Staates nach der Organisierung seiner Bürger_innen und der Verwaltung seiner Nationalökonomie: die möglichst effektive und bestmögliche Positionierung seiner nationalen Wirtschaft auf dem Weltmarkt zu gewährleisten.
Gerade in den Zeiten der Globalisierung spielt der Weltmarkt eine unermesslich große und immer weiter wachsende Rolle – für jede_n Einzelne_n, für Unternehmen und auch für den Staat. Hier materialisiert sich der ökonomische Wettstreit der Nationen.

Denn die eigentliche ökonomische Intention des Staates ist die optimale Aufstellung seiner Nationalökonomie, das heißt seiner heimischen Unternehmen, und der eigenen Nation als Wirtschaftsstandort auf dem Weltmarkt. Nur bei einer erfolgreichen Abwicklung der Geschäfte der „eigenen“ Unternehmen auf dem Weltmarkt und dem Erfolg des Wirtschaftsstandortes (und damit auch der Attraktivität für Investitionen durch ausländisches Kapital) erhält der Staat Einnahmen durch Steuern.

Zweite Halbzeit: Die Nation

So weit, so gut. Oder schlecht. Immerhin: Bis hierhin bist du bereits gekommen.
Es bleibt die Frage, was mit diesem Text gesagt werden soll. Was das mit dir zu tun hat.
Und wo die Verbindung von Staat, Kapital und Nation sein soll, die in dieser Zeitung vielleicht schon mal erwähnt wurde.

German Zustände
Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, was Deutsch ist? Was typisch deutsche Werte und Eigenschaften sind? Und wie sie entstanden sind?
Jetzt denkst du vielleicht an Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin. Oder auch nicht. Vielleicht verbindest du mit Deutsch prinzipiell etwas Schönes. Schließlich steht es doch für deine Herkunft und dein Leben, so wie es bis jetzt seinen Weg gegangen ist. Deutsch sind gutes Brot, Mülltrennung und die mehr oder weniger sicheren Verhältnisse, in denen wir leben.
Vielleicht verbindest du mit Deutsch auch eher die vielen negativen Erfahrungen und Erlebnisse, die du mit Deutschland bisher gemacht hast. Ausgrenzung, Diskriminierung und – nennen wir sie mal so – stereotype Denkweisen. Kein Pass. Kein Geld. Keine Arbeit. Scheißdeutsche, die dich so behandeln, als wärst du weniger wert und würdest nicht dazu gehören.
Vielleicht denkst du auch einfach an Oma und Opa, ihr Weltbild und daran, dass du Deutsch schon mit der Muttermilch aufgesogen hast. Daran, dass Deutsch etwas Unveränderliches ist, was dich schon immer begleitet hat und was dich immer begleiten wird. Etwas, was lange vor dir da war und allem Hoffen zum Trotz auch noch lange nach dir da sein wird.
Aber was ist dieses „Deutsch“?
Wieso verbinden wir alle, wenn wir an bestimmte Nationen denken, mit ihnen bestimmte Eigenschaften und Gefühle? Wieso begreifen wir die Menschen eines bestimmten Staatsgebietes als einheitliche Gemeinschaft? Wieso denke ich bei „Wir“ eher an Deutschland als an meine Freundinnen und Freunde, meine Verwandten oder an die Gemeinschaft der Brillenträger_innen?
Wieso in aller Welt hat die Nation so eine Wirkmächtigkeit?

Digging deep and getting dirty
Vielleicht hast du es beim Lesen schon so ein bisschen bemerkt, wir lehnen die Nation ab.
Für die Autor_innen dieses Geschreibsels steht sie exempla-risch für die Scheisse der Welt. Sie repräsentiert Ungleichheit, Unfreiheit, Destruktion und Verblendung.
Sie betont Gemeinsamkeit, wo Unterschiede existieren, und sie beharrt auf Unterschieden, wo eigentlich Gemeinsamkeiten gegeben sind.
Wir begreifen die Nation als ideologische Konstruktion.
Das heisst: In der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir leben, in der nichts sicher ist, in der Krisen im System inbegriffen sind, in der jede_r einzelne tagtäglich den Kampf ums Dasein neu ausfechten muss, in der die Gesetze des Staates und des Marktes einen immerwährenden Angriff auf das eigene Leben bedeuten, ist die Nation eine willkommene Identifikationsfigur, eine Institution der Sinnstiftung und Heilsversprechen.
In jeder Gesellschaft gibt es eine materielle Grundlage: Ihre Produktionsweise und die Art ihrer politischen Organisierung. In diesem Fall ist es der bürgerliche Staat, dem die politische Verwaltung innewohnt, und die Gesetze der Konkurrenz in der Marktwirtschaft, denen jede_r einzelne unterworfen ist. Das hat zur Folge, dass bei vielen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit entsteht. Fragen nach dem Sinn des Ganzen, nach der Zukunft und nach Sicherheit und ein Gefühl der Abneigung gegenüber allen Faktoren, die das eigene Selbst und seine Existenzgrundlage bedrohen, sind in einer kapitalistischen Gesellschaft allgegenwärtig. Die Vereinzelung und Bedrohung der Subjekte lässt sie verzweifelt nach Erklärungsmustern suchen und in Scharen in Kirchen rennen und die Nation als die entscheidende Kategorie ihres Daseins begreifen.

„Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Versager…“

Die verzweifelte ökonomische Situation, in der die meisten aufgrund der Verfassung unserer Gesellschaft stecken, lässt in den Menschen mitunter trotz Widerwillen oder besserem Wissen die Einsicht keimen, dass der Erfolg ihres Arbeitgebers maßgebend für ihre eigene Situation – das Einkommen, die Sicherheit des Arbeitsplatzes – ist. Dieses ewige furchtbar nervige „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“ ist aber keine dumme Phrase oder blödes Geschwätz, sondern reales Abbild der ungeschriebenen Gesetze, nach denen wir leben. Nur wenn man sich für seinen Betrieb zurückstellt und aufopfert, ist das eigene Leben unter halbwegs sicheren, aber anspruchslosen Verhältnissen garantiert. Es gilt die Einsicht, dass die Hingabe zu seinem Arbeitgeber und die unbedingte Identifikation mit ihm von jedem Einzelnen gefordert sind, um den Erhalt des Betriebs in der Konkurrenz zu sichern.
Der zweite Schritt dieser Logik ist ein einfacher: Nur wenn der Standort des Unternehmens – also das Land, in dem es produziert – auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist und bleibt, wirkt sich diese ganze Hingabe positiv auf die eigene Situation aus. Alle Mühe, die man in seine Arbeit steckt, verpufft, wenn sich die_der Arbeitgeber_in mit ihren_seinen Produkten auf dem Weltmarkt nicht durchzusetzen vermag.
Und wenn das Land, in dem man arbeitet, als Wirtschaftsstandort auf dem Weltmarkt schlecht aufgestellt ist, ist alle Mühe für die Katz, denn dann wird in das Land nicht oder nur gering investiert, und dann gehen die Arbeitsplätze halt flöten.
Neben der Identifizierung mit dem eigenen Unternehmen ist also von den Subjekten die Unterstützung des eigenen Staates und der Nation gefordert, um als Individuum und als Gemeinschaft durchsetzungsfähig zu bleiben.
Es ist allerdings ja nicht so, dass der bürgerliche Nationalismus etwas ist, was rein „von oben“ auferlegt wurde, sondern etwas Dynamisches, was von jeder_m Einzelnen immer wieder produziert und reproduziert wird, um Sinn, Trost und Gemeinschaft zu erfahren.

Fuck me, I..m famous
Im rauhen Wind der Konkurrenz ist die Einreihung in die nationale Gemeinschaft eine feste Burg.
In einer Gesellschaft, die nicht für die Menschen, sondern für das Kapital produziert, ist der_die Einzelne in der Konkurrenz so isoliert, dass sie_er nach Integration in eine Gemeinschaft und Abgrenzung gegenüber Anderen bedarf. Was gibt es da besseres als die Nation?
Sie ist optimal dazu in der Lage, den Leuten eine Identifizierung mit einer Gemeinschaft zu bieten, eine Vielzahl an möglichen Erklärungsmustern zu liefern und eine passgenaue Abgrenzung nach aussen zu liefern. In der wohligen Wärme der nationalen Gemeinschaft können wunderbar einfach die Unterschiede in der Gesellschaft (Besitzende und Besitzlose / Lohnabhängige und Produzent_innen) und die Gegensätze der Gesellschaft in Gemeinschaft und Gemeinsamkeit überführt werden.
Die Gesellschaft mit ihren gegensätzlichen Interessen und Widersprüchen wird durch eine mythische Überhöhung und eine Interpretation der Vergangenheit zu einer gemeinsamen Nationalgeschichte, zu einem „Wir“ gekittet.

Bisher wurde in diesem Text vor allem von Standortnationalismus und bürgerlichem (Verfassungs-)Patriotismus gesprochen. Sie sind nicht die einzigen Spielarten des Nationalismus. Vielmehr leben wir in einer Gesellschaft, die sich als höchst komplexes Geflecht von verschiedenen Ideologien darstellt. Bei weitem nicht alles lässt sich über die Wirtschaftsform einer Gesellschaft erklären. Völkischer Blut-und-Boden-Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus müssen immer im historischen Kontext gesehen werden und entwickelten sich aus einer Vielzahl an politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren. Doch alles, was sich zwischen konservativem und liberalem Glauben an die Nation bewegt, ist so wirkmächtig, dass es getrost als die grundlegende Gedankenform der bürgerlichen Gesellschaft gelten kann.

Happy Nation
Die Nation ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft, sie fungiert als entscheidende und zentrale Kategorie aller Beziehungen und Vorgänge in sozialer, politischer und ökonomischer Hinsicht. Nicht umsonst ist die erste Frage noch vor der nach dem Beruf die nach der Herkunft. „Wo kommst du her? Was machst du?“ Im Gesprächsanfang aller Bekanntschaften zeigt sich, wie eine Gesellschaft tickt. Beruf, gesellschaftliches Standing und Herkunft – na danke. Da scheiss‘ ich doch auf die Nation. Aber letztendlich liegt die Gefahr in der Nation, weil sie aller Kritik zum Trotz so fest in den Köpfen steckt – sie ist eine in sich geschlossene, unglaublich effektive Ideologie mit der Wucht einer Bombe und der Zerbrechlichkeit eines Stahlklotzes. Sie erfüllt ihre Aufgabe mit beängstigender Routine und Souveränität. Sie verschleiert die Klassenunterschiede so weit, dass der Laden ohne jegliche Knirschgeräusche weiterläuft, sie konstruiert Unterschiede und Abgrenzungen dort, wo eher Brücken gebraucht würden im Bestreben nach einer befreiten Gesellschaft, und sie fickt die Leute dermaßen in den Kopf, dass sie die Scheisse, in der sie sitzen, für Gold halten, solange sie nur Deutsche sind.

Dritte Halbzeit

Am 23. Mai 2009 wird das 60-jährige Jubiläum der Grundgesetzunterzeichnung gefeiert und am 9. November 2009 als zentrale Gedenkfeierlichkeit die deutsche Wiedervereinigung und der Fall der Mauer, der sich zum 20. Mal jährt.
Zwei unterschiedliche Anlässe selben Zwecks: die Selbstvergewisserung als nationale Schicksalsgemeinschaft.
Die Gegensätze dieser Gesellschaft – die Lohnabhängigen, die Kapitalfraktion, der Staat – machen sich hier mit Hilfe der ideologischen Stütze Nation zu einer Gemeinschaft, die mit sich selbst versöhnt ist.
Angesichts der Schrecken, die der Nationalismus hervorbrachte, des Leids, dass er verursachte, und der Ausbeutung, Unterdrückung und Unfreiheit, die seine Grundlage und die der Nation sind, ist es an uns, mobil zu machen gegen Staat, Kapital und Nation. Ihre Abschaffung ist die Voraussetzung für eine Gesellschaft, in der die Menschen gemäß ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten konsumieren, produzieren und leben können.
Wir rufen dazu auf, bei der antinationalen Demonstration am 23. Mai und bei den zentralen Feierlichkeiten am 9. November einen kleinen Teil zu leisten im Engagement und Kampf um eine Gesellschaft von Freien und Gleichen: Die Absage an die Nation.

April 23, 2009 - Thursday 

Endlich wird die Arbeit knapp? Gehts noch?
Wer die Überschrift liest, wird sich wohl erstmal denken „Jetzt spinnen die total!“. Arbeit ist in dieser Gesellschaft schließlich mit das Wichtigste überhaupt. In regelmäßigen Abständen werden die Arbeitslosenzahlen veröffentlicht und jeder Prozentpunkt weniger wird abgefeiert. Wenn irgendwo eine neue Fabrik entstehen soll und es gibt Proteste, etwa wegen Umweltschutz oder so, heisst es immer: „Hey, da entstehen doch Arbeitsplätze.“ Und es scheint fast so, als sei das ein Wert an sich. Viele arbeiten offensichtlich nicht, um Geld und ein einigermaßen erträgliches Leben zu haben, sondern sie leben, um zu arbeiten.

Das geht sogar soweit, dass neue Jobs quasi erfunden werden. Seien es die vielen Arbeitsplätze im Dienstleistungsektor oder die berühmt-berüchtigten Ein-Euro-Jobs, zu denen Arbeitslose zwangsverpflichtet werden, damit sie auch was tun für ihr Geld vom Staat. Einfach so seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, ohne arbeiten zu gehen, ist zutiefst verpönt. Besonders deutlich wird das bei einem Blick in die unzähligen Nachmittags-Talkshows, wo regelmäßig Menschen eingeladen und vorgeführt werden, die von sich selber offen zugeben, keinen Bock auf Arbeit zu haben. Da kocht die Volksseele und es ist nicht schwer sich vorzustellen, was passieren würde, wenn die Kamera aus wäre und es die Möglichkeit gäbe, ungestraft die „Asozialen“ zur Verantwortung zu ziehen.
Und auch die dutzenden Morde an Obdachlosen in den vergangenen Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Bei den Tätern handelt sich dabei nicht zwangsläufig um waschechte Neonazis. Hinter solch menschenverachtenden Taten steckt auch eine Logik, die eine der Grundlagen unserer Gesellschaft darstellt – sicher nicht auf diese Art und Weise, aber dafür um so weiter verbreitet. Selbst der amtierende SPD-Vorsitzende Franz Müntefering ließ schonmal ganz öffentlich verlauten: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Arbeit, du alte Scheisse!
Doch warum werden Menschen, die nicht arbeiten können oder wollen, beschimpft, bedroht und ermordet? Warum wird Arbeit nicht als ein notwendiges Übel erkannt, sondern abgefeiert und immer „Arbeitsplätze für alle!“ gefordert? Warum freut sich keine_r, wenn es weniger zu tun gibt?
Denn es ist eigentlich ein gutes Zeichen, dass die Arbeit knapp wird. Das hängt mit der gestiegenen Produktivität der Gesellschaft insgesamt zusammen. Seit der industriellen Revolution ist es den Menschen möglich, durch Arbeitsteilung, Einsatz von Maschinen und anderer Technik viel mehr in viel kürzerer Zeit zu produzieren. Es müsste also viel weniger gearbeitet werden, um den gleichen Standard zu halten. Wenn, ja wenn es bei Lohnarbeit überhaupt darum ginge, die Sachen herzustellen, die alle Menschen brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Doch die Sachen, die hergestellt werden, haben einfach nicht diesen Zweck – es werden nur zahlungskräftige Bedürfnisse befriedigt. So ist es z.B. scheissegal ob ich Hunger habe und was zu essen brauche. Wenn ich nicht dafür bezahlen kann, ist spätestens bei Kaisers an der Kasse Schluss mit lustig und ich gehe ohne Essen nach Hause. Ganz zu schweigen von der neuesten Playstation oder dem Konzertbesuch.
Mit der Lohnarbeit sieht es entsprechend ähnlich aus – wir arbeiten eben nicht jede_r nach seinen_ihren Bedürfnissen, jede_r nach seinen_ihren Fähigkeiten und für ein gutes Leben für alle. Wir werden gezwungen zu arbeiten. Gezwungen? Klar gehe ich einerseits zwar ein freies Vertragsverhältnis mit meinem Arbeitgeber ein, andererseits aber auch ein unfreies und ungerechtes. Unfrei deswegen, weil ich ja gezwungen bin, meine Arbeitskraft zu verkaufen, um über die Runden zu kommen, um Kohle zum Überleben zu haben – ich bin abhängig vom Lohn. Ungerecht deshalb, weil durch die staatliche Garantie des Privateigentums den unmittelbaren Produzenten (Lohnarbeiter_innen) der Zugriff auf den von ihnen selbst produzierten gesellschaftlichen Reichtum verwehrt wird, der statt dessen eben bei den Besitzer_innen der Unternehmen, der Fabriken und Produktionsmittel ankommt. Und ich hab den Arbeitsvertrag auch noch freiwillig und glücklich unterschrieben…
Doch die ganze Sache ist noch absurder: Die Betriebe, in denen die Lohnabhängigen arbeiten, kooperieren nicht nach sachlichen Erwägungen – z.B. was wird gebraucht und kann wie und wo am einfachsten hergestellt werden. Sie folgen nicht gesellschaftlichen Bedürfnissen und technisch-praktischen Erfordernissen des Arbeitsprozesses, sondern begegnen sich zuallererst als Konkurrenten, die jeweils für sich selbst ein Maximum herausholen müssen.

Konkurrenz nervt!

Der Unternehmer muß sich also gegen seinen Konkurrent_innen durchsetzen, wie du dich auch gegen die Anderen durchsetzen mußt, wenns z.B. um einen der knapper werdenden Arbeitsplätze geht. „Konkurrenz belebt das Geschäft“ heißt es dann oft zur Begründung. Nur geht es uns nicht ums Geschäft, sondern um ein gutes Leben für alle. „Aber der Mensch ist nunmal egoistisch“ wird dann als „Argument“ vorgebracht, warum alles so bleiben muß wie es ist. Schließlich würde keine_r freiwillig arbeiten gehen, wenn er_sie nicht müßte, und alle würden alles haben wollen und zu Hause die MP3-Player und Bananen nur so horten. Damit wird aber die egoistische Verhaltensweise, die man in einer auf Konkurrenz beruhenden Gesellschaft an den Tag legen muss, um klarzukommen, in eine angebliche „Natur des Menschen“ verlagert. Und witzigerweise nehmen sich die Vertreter_innen dieser „Egoismus“-Begründung oft selber davon aus und müssten selbstverständlich auch Gegenbeispiele anerkennen. Doch damit ist schon bewiesen, dass dieser Egoismus nichts Natürliches ist. Auch warum man Dinge horten sollte, wenn die keinen Wert im kapitalistischen Sinne mehr haben, sondern schlicht zur Bedürfnisbefriedigung aller Menschen da sind, können sie nicht erklären.
Die Lohnarbeit, das Gerangel um Arbeitszeiten, Arbeitszwang und Gehalt sind gute Beispiele für die Absurdität des kapitalistischen Hauens und Stechens und des Rechts des Stärkeren in demokratischen Bahnen. Nun gibt es Menschen, die fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen, also eine Standardsumme, die jedem Bürger dieses Staates zustehen soll, egal ob er arbeiten geht oder nicht. Und es gibt etwa die Gewerkschaften, die regelmäßig fordern, dass man nicht „arm trotz Arbeit“ sein dürfe und deshalb einen grundsätzlichen Mindestlohn einführen wollen. Und natürlich wären solche Reformen nicht schlecht für Menschen, die darauf angewiesen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um über die Runden zu kommen, weil sie eben keine Produktionsmittel haben. Nur ändert dieses bisschen „Umverteilen“ nichts an den grundlegenden Problemen. In dieser Welt wird nicht für die Bedürfnisse der Menschen produziert, sondern um aus Geld mehr Geld zu machen und zwar, unter Bedingungen knallharter Konkurrenz. Das muss geändert werden und das geht nicht mit Reformen im Kapitalismus, sondern nur mit einer Überwindung der bestehenden Verhältnisse.


...ein Artikel aus der neu erschienenen Zeitung "Strassen aus Zucker" 

April 20, 2009 - Monday 
2009 ist das Superjubiläumsjahr.
Vor 20 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen und vor 60 Jahren wurde das Grundgesetz verabschiedet. Genug Gründe also für Deutschland, dieses Jahr zu feiern. Die von der Bundesregierung initiierten Feierlichkeiten stehen passender Weise unter den Schlagwörtern „Freiheit und Einheit“. Was ist dagegen einzuwenden? Eine ganze Menge!

Melodien für Millionen


Die heutige Bundesrepublik ist der demokratischste Staat, den es bisher auf „deutschem Boden“ gegeben hat. Doch was heisst das eigentlich? Der deutsche Staat garantiert zwar die persönliche Freiheit und Gleichheit seiner Bürger, legt aber genau damit den Grundstein für ihre schlechte Situation. Wie passt das zusammen? Als Staatsbürger_in in der bürgerlichen Gesellschaft hat man zwar die Garantie, persönlich frei zu sein, das heisst zum Beispiel von Niemandem versklavt zu werden oder Ähnliches. Gleichzeitig aber setzt der Staat die Unfreiheit der Menschen durch. Dadurch, dass er mit seiner Gewalt das Eigentum schützt und somit alles immer jemandem gehören muss, müssen die Menschen im Kapitalismus sich ihr Leben lang gegen andere durchsetzen. Sie sind gezwungen, mit ihren Mitmenschen zu konkurrieren, um zu überleben. Mit Ausnahme von ein paar Glückspilzen, die einen kleinen Schatz von ihren lieben Alten erben oder zufällig einen Geldkoffer finden, müssen alle arbeiten und Angst um ihre Existenz haben. Hiervon sind sowohl Lohnarbeiter_innen betroffen, die um Arbeitsplätze konkurrieren müssen, als auch Unternehmer_innen, die in Konkurrenz mit anderen Unternehmern stehen und bei schlecht laufenden Geschäften um ihr berufliches Überleben bangen.
Die Menschen sind darin frei, einen Vertrag bei welchem Arbeitgeber auch immer zu unterschreiben, gezwungen aber ein Leben lang zu ackern. Bedeutet der Verlust der Lohnarbeit oder Niedergang der eigenen Firma in Deutschland „nur“ einen rapiden Verlust der Lebensqualität, geht es im größten Teil der Welt aber tatsächlich um das nackte Überleben.
Wie irrational diese Verhältnisse sind, zeigt sich gerade dadurch, dass es in der heutigen Zeit problemlos möglich wäre, alle Menschen zu versorgen und das bei viel geringerer Arbeit. Warum also der ganze Scheiß?


“Auf das Notwendige kann ich verzichten, man überschütte mich mit Luxus.“


Im Kapitalismus geht es nicht um die Bedürfnisse des Menschen, die in ihm leben, sondern um das Verkaufen von Waren und um das Vermehren von Geld. Die Versorgung der Menschen ist hierbei immer nur das Nebenprodukt, nicht das Hauptanliegen. Die Menschen kriegen nicht automatisch die Sachen, die sie zum Leben brauchen, sondern die Waren gelangen nur zu denjenigen, die sie auch bezahlen können. Das kann so weit gehen, dass Menschen Hunger leiden müssen, obwohl sich nebenan der Reichtum türmt. Dieses Verhältnis wird geschützt durch das Eigentumsprinzip, was wiederum vom Staat garantiert wird.
Bei der Gleichheit, die der Staat garantiert, verhält es sich ähnlich: Die Gleichheit aller Bürger_innen sorgt für die Ungleichheit der Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft. Vor dem Gesetz haben Obdachloser und Großaktio-när_in die gleichen Rechte: Ihr Eigentum wird gleichermaßen beschützt. Es bringt dem Obdachlosen aber herzlich wenig, dass seine sieben Sachen als sein Eigentum gelten und beschützt werden, denn der Weg zum gesellschaftlichen Reichtum ist für ihn versperrt und ein besseres Leben somit auch. Er zieht in diesem Fall die Arschkarte.
Die Gleichheit im Staat bedeutet lediglich die Gleichbehandlung von Ungleichen.

Trotz allem einen kühlen Kopf bewahren


Wichtig bei all dem ist, dass es keinen Sinn macht, einzelne Personen für diese Verhältnisse verantwortlich zu machen. Krisen und Katastrophen, die der Kapitalismus immer wieder hervorbringt, sind nicht die Schuld von schlechten oder korrupten Politiker_innen, gierigen Manager_innen oder betrunkenen Beamten, sie sind das Resultat der falschen Gesellschaftsordnung und eben diese gilt es zu kritisieren.

Wer ist eigentlich diese „Nation“?


Der einzige Sinn und Zweck, den die Nation dabei hat, ist der Zusammenhalt, der in ihr lebenden Menschen.
Sie ist allerdings nicht nur eine konstruierte, also unechte Idee oder falsches Bewusstsein, sondern ein realer Zusammenhang, der die Leute einerseits zwar an sich bindet und ihnen ein gewisses „Schicksal“ aufbürdet, andererseits ihnen auch eine materielle Zuwendung bietet und sie vor den negativen Auswirkungen des globalen Kapitalismus schützt. Indem der Status der jeweiligen nationalen Wirtschaft im Weltmarkt sich direkt auf die Lebenssituation der in ihr lebenden Bürger_innen auswirkt, wird also eine tatsächliche Grundlage für eine Identifikation mit dem nationalen Ganzen geschaffen.
Dies bewirkt, dass die Menschen statt die Ursachen ihrer Probleme in den Verhältnissen zu suchen, lieber mit ihrem Land mitfiebern mit der kläglichen Hoffnung, dass wenn es Deutschland gut geht, auch sie etwas vom Kuchen abbekommen. Der Staat allerdings hat ganz andere Sorgen, als die einzelnen Schicksale seiner Bürger_innen aufzupolieren. Er muss schauen, dass das wirtschaftliche Wachstum stimmt und somit auch die Steuern, von denen sein Handlungsspielraum abhängt.
Dieser nationale Zusammenhalt wird mit allem Möglichen begründet und gefüttert: Gemeinsame Kultur, Geschichte, Mentalität bis zur gemeinsamen Fußballmannschaft. Es läuft immer darauf hinaus, dass Menschen in Deutschland anders sein sollen als Menschen in anderen Ländern, dass alle Deutschen in einem Team sind und für eine gemeinsame Sache einstehen. Dies kann auch so weit gehen, dass man für sein Land in den Krieg ziehen muss.
Der gesunde Menschenverstand müsste einem eigentlich sagen, dass es reiner Zufall ist, wo Mensch geboren wurde und dass es keinen, aber auch gar keinen Unterschied zwischen Menschen mit verschiedener Herkunft gibt. Der einzige Sinn und Zweck der ganzen Deutschlandfeierei ist also, den Deutschen das Gefühl zu geben, dass sie in einem Team sind, obwohl sie sich in Wirklichkeit als Konkurrent_innen gegenüberstehen und nur überleben, wenn sie sich gegen den oder die Andere_n durchsetzen. Die Nation ist zwar etwas Vorgestelltes, eine Imagination, aber eine mit realer Wirkkraft. Wenn man sich schon die Köpfe nicht einschlagen kann und darf, dann tut man sich halt zusammen, um als Gemeinschaft die anderen auszustechen.

Warum ins „eigene Nest“ scheissen?


Wir haben diese Zeitung gemacht, um dem ganzen Deutschlandgedudel etwas entgegenzusetzen. Die Angebote, die uns Staat und Kapitalismus machen können, kosten uns nur ein müdes Lächeln. Wir sind Deutschland nicht dankbar und schon gar nichts schuldig. Für unsere Zukunft hoffen wir nicht darauf, viel und ganz flexibel arbeiten zu können, sondern ein geiles Leben zu haben.
Zu allen staatstreuen Deutschen, die einen dann gerne belächeln und herumschwafeln, sie fänden es ja lobenswert, dass Jugendliche ein moralisches Bewusstsein hätten, früher oder später würde man dann aber doch merken, dass eine andere Welt nicht möglich sei usw. lässt sich nur eins sagen: Es braucht weder große Moral noch Idealismus, um Staat und Kapitalismus falsch zu finden.
Allein die Vernunft sagt schon, dass es Blödsinn ist, eine gesellschaftliche Ordnung gut zu finden, die sich nicht nach den eigenen Interessen richtet.
Deswegen fordern wir nicht mehr und nicht weniger als die befreite Gesellschaft:

Eine Gesellschaft ohne die Herrschaft von Staat, Nation und Kapital.