Lady Bitch Ray - Bitch with Attitude
Mit einem sehr expliziten Track, auf dem sie es verbal mit Frauenarzt, King Orgasmus One und Bass Sultan Hengzt machte, stellte sich Lady Bitch Ray einer breiteren Öffentlichkeit vor. Nun konnte man hinter einem derart pornographischen Text ein willenloses Groupie, eine hirnlose Schlampe vermuten. Doch weit gefehlt. Ja, Lady Bitch Ray hat sehr wohl ein starkes Interesse an Sex und ja, sie äußert dies auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlich. Aber ja, sie hat auch Linguistik studiert und schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „Semiotik der Kleidung". Als schlaue, selbstbestimmte und sexuell selbstbewusste Frau ist sie somit keineswegs die endgültige Erfüllung aller Männerphantasien vom stets gefügigen Weibchen, sondern vielmehr das weibliche Gegenstück eines Pimps. Alles weitere über ihre Vergangenheit, Ansichten und Pläne erfahrt ihr in folgendem Interview mit Ray. Nur für Erwachsene.
Du bist in Bremen aufgewachsen.
Geboren und aufgewachsen.
Als Tochter türkischer Eltern?
Ach so, der Ansatz wird das. Der Multikulti-Ansatz. (lacht)
Nein, eher der erzähl-mal-ganz-von-vorne-Ansatz.
Also: Ich war auf dem Gymnasium. Nach dem Abi habe ich an der Uni Linguistik studiert. Mit Germanistik und Sexualpädagogik im Nebenfach.
Warum denn Sexualpädagogik?
Nein, das ist die falsche Frage. (lacht) Du musst fragen: Warum Linguistik? Weil ich gerappt habe. Und ich habe gehört, dass der Linguist von Advanced Chemistry Linguistik studiert hat, weil er rappt. Das fand ich cool. Sexualpädagogik, weil ich sexuelle Neigungen habe, ein bisschen extremer als andere Menschen. Und Germanistik weil ich auf deutsche Männer stehe.
Wann hat denn dein sexuelles Interesse eingesetzt?
Schon mit fünf Jahren, da habe ich angefangen, zu masturbieren. Ich war Frühaufsteherin (lacht). Ich habe damals angefangen, wusste aber gar nicht, dass das masturbieren ist. Ich dachte, ich verrichte eine Tätigkeit, die halt irgendwie zum Leben dazugehört.
Hattest du auch schon bestimmte Phantasien?
Zuerst nicht. Zwei Jahre später kamen die dann dazu. Die haben sich natürlich entwickelt. Einmal wurde ich von meinem Vater dabei erwischt, aber ich glaube, der hat gar nicht gerafft, was ich da mache. Ich war im Bett und habe mir unter der Bettdecke einen, äh, runtergeholt. Mein Vater hat die Decke hochgehoben, mir einen Klaps auf den Po gegeben und ist weggegangen.
Waren deine Eltern sehr streng?
Das ist die nächste wichtige Frage. Ja, meine Eltern waren schon kanakenmäßig streng. Die sind eigentlich auch heute noch streng, aber die sind cool. Ich habe die erzogen. Das wichtigste für meinen Vater war Bildung, mein Vater ist nicht so ein Mensch, der dies und das verbietet, in der Hinsicht war er ziemlich cool.
Wir sind Alleviten, wenn dir das was sagt. Das ist eine Abzweigung von den Schiiten, die sind liberaler. Das sind eher Denker, wir glauben an Philosophie. Auch Musik spielt eine große Rolle.
Wann hat dein persönliches Interesse an Musik eingesetzt?
Mit zwölf habe ich angefangen, zu rappen. Zunächst auf französisch, weil ich die französische Sexpraktik bevorzuge. Und MC Solaars Lippen fand ich auch geil.
Waren deine Texte von Anfang so explizit?
Ich hatte immer schon, vom ersten Song an, diese erotische Linie. Die deutschen Rapper damals fand ich megalangweilig. Die Richtung, die ich schon immer machen wollte, ist das krass bitchige. Die Amischeiße war schon immer so, ich wollte es aber auf Deutsch haben. Ich finde meine Sachen hören sich nicht amerikanisch an. Bei vielen deutschen Rappern klingt der ganze Slang, die Betonung, die Intonation amimäßig. Dadurch hören sich alle gleich an. Ich wusste, ich bin in Deutschland geboren, und bin hier aufgewachsen, ich will hier representen und hier fehlt ne Bitch.
Wie wurdest du den von der damaligen HipHop-Szene aufgenommen?
Auf den Jams, Boogie Down Bremen und so, war ich immer ein Exot. Erst mal vom Aussehen her, ich habe mich megaheftig gekleidet, immer sehr übertrieben. Und dann halt mit meinen Texten: Muschi, Fotze und so weiter. In Bremen sind immer alle gekommen, nicht weil sie mich so toll fanden, sondern weil sie dachte, was bringt sie dieses Mal auf der Bühne? Ich habe auf der Bühne meine Titten gezeigt, hatte geile Tänzerinnen, nicht im Tanga und BH, sondern wirklich nur mit ein paar Steinen auf der Möse. Dazu kamen meine Outfits, ich mache ja auch schon sehr lange Klamotten. Mein Phallus-Anzug zum Beispiel, mein Rap-Unzel-Anzug in Gold – freakige, fantasievolle Dinger.
Haben die Leute dich damals als Rapperin ernst genommen?
Was heißt damals, das ist ja immer noch die Frage. Das ist immer verschieden. Für manche Menschen ist es Freakism, für manche Bitchism und für manche kapieren, dass HipHop auch Kunst ist und Kreativität, Phantasie und nicht alle eine Uniform tragen und das gleiche rappen müssen.
Wie setzen sich deine Fans zusammen?
Meine Fans sind zu 95 Prozent gutaussehende Männer mit steifen Schwänzen. Wenn mich Frauen cool finden, sind das coole Frauen, aber es gibt schon welche. Früher waren es weniger. Aber lieber Männer als Fans als Kinder, wie bei Aggro und Bushido.
Zwei Rapperinnen fallen einem ein, wenn man deine Musik hört:Lil Kim und Princess Superstar. Welche von beiden findest du cooler?
Beide sind cool. Das freche, sich nicht Ernst nehmende von Princess Superstar und auch das fotzige von Lil Kim. Das waren immer meine Vorbilder. Ich habe auch versucht, das auf meine Probleme anzuwenden. Ich weiß, das Lil Kim keine Muslimin ist, die nicht die Probleme hatte, wie ich, als ich hier aufgewachsen bin. Ich meine grundsätzliche Probleme, die nicht türkische Männer haben, sondern türkische Frauen. Mit der Familie, mit der Identität. Ich bin gegen jede Form von Spießigkeit, sei es konservativ-religiöse oder spießig-deutsche. Dieses Prüde, Engstirnige kann ich nicht ab, weil mich diese Doppelmoral dermaßen ankotzt. Ich bin tagtäglich damit konfrontiert, zuletzt bei Radio Bremen.
Denen du ja auch einen Song gewidmet hast.
Ich habe da gearbeitet und mir den Arsch aufgerissen. Ich war gut, ich bin eine gute Journalistin. Ich habe mich zur Moderatorin hochgearbeitet, ohne Schwänze zu lutschen. Nicht, dass ich das nicht gerne machen würde, aber da gab es keinen Typen, der mir gefiel. Die haben mich wegen meinem Song „Ich hasse dich" (ein Disstrack an Sarah Connor, Jeanette Biedermann und Melbeatz – Anm. d. Verf.) gefeuert. Auch meinen ersten Song (eingangs erwähnten Track an Arzt, Orgi und Hengzt – Anm. d. Verf.) haben die entdeckt und sind zu meiner Chefin gegangen. Sie meinte so, mein Gott, das musst du sofort raus nehmen. Ich sollte mich entweder dafür entscheiden oder für meine journalistische Karriere. Will die mich ficken?
Also hast du es durchgezogen und bist gegangen.
Ja. Denn das ist meine Identität. Das ist mein Style, das war schon immer so. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, ich habe mein Studium mit eins abgeschlossen, ich bin Sprachwissenschaftlerin und Rapperin – und das seit fast dreizehn Jahren. Was ist Kunst? Andere Leute spielen Theater, die gehen nackt auf die Bühne, die haben ein steifes Glied, wieso dürfen die das? Weil sie schwul sind oder weil sie Typen sind? Das ist ungerecht. Als ich das meinem Vater erzählt habe, wollte er nicht glauben, dass ich deswegen geflogen bin, er sagte zu mir: Sag mir die Wahrheit, was hast du dort angestellt? (lacht)
Was, glaubst du, halten radikale Feministinnen eigentlich von deinem Kram?
Der Hauptaspekt, der Hauptgrund, warum ich das mache, ist der emanzipatorische Aspekt. Das wirst du mir bestimmt nicht glauben. Also klar, in erster Linie ist es Freakness, einfach die Wahrheit, und meine Identität. Ich bin so und war immer so. Ich kann mich aber nicht damit anfreunden, wenn Kampflesben und hässliche Frauen Frauenrechtlerinnen sind und andere Frauen nicht lassen wollen. Ich muss von mir gar nicht behaupten, dass ich eine Feministin bin, weil jede normale vernünftige Frau, die etwas in der Birne hat, sich in dieser Gesellschaft wehren muss, denn wir sind automatisch sozial benachteiligt.
Bist du ein weiblicher Pimp?
Viele Typen spielen den Pimp. Manche sind es, die meisten spielen es nur. Dann müssen die aber auch eine Nutte akzeptieren. Eine Bitch ist für mich nicht das, was viele denken. Sondern eine selbstbewusste Frau, die sich nimmt, was sie will. Die freizügig ihre Sexualität ausleben kann. Und Stil hat, nicht dieses Groupieding. Das verstehen viele nicht.
Mögen dich Frauen für solche Statements?
Ich krieg von Frauen viele Drohungen. Ich habe die Bedeutung von Bitch umgemodelt, habe den Begriff positiver gemacht, emanzipierter. Die echten Nutten sind solche Frauen, die mir das vorwerfen und auf mich projizieren. Für mich sind Nutten die, die irgendwo arbeiten und zehn Schwänze lutschen, um aufsteigen zu können. Die sich normal anziehen und mich blöd angucken, weil auf meinem Gürtel „Fotze" und auf meinem Arsch „Penis Power" steht. Aber ich bin gerne die Bitch, das ist meine Rolle. In Deutschland hat das keine Frau so ausgeprägt gemacht.
Dein Durchbruch war ja der Song für Hengzt, Orgi und Arzt. Wie kam es eigentlich dazu?
Der war meine geilste Idee! Ich war bei meinen Produzenten, Bugati und die haben mir die Pornos von Orgi in die Hand gedrückt. Meine feministische Ader war am kochen, weil die Frauen die ganze Zeit am Blasen waren, aber die Typen nicht geleckt haben. Die Frauen hatten eine unterwürfige Rolle und sahen aus wie billige Nutten. Abgesehen davon finde ich Arzt, Orgi und Hengzt geil, zu fünfzig Prozent übrigens wegen deren Namen. Als ich noch studiert habe, habe ich eine kurze Studie über Rapnamen gemacht. Jedenfalls wollte ich einen Rapsong machen, in dem ich die drei Rapper mit den komischsten Namen verwöhne. Ich wollte sie ficken, und ich finde, in dem Song ficke ich die. Ich disse sie nicht, aber ich ficke sie.
Hast du die drei auch mal persönlich getroffen.
Arzt habe ich getroffen, wir haben einen Song gemacht, und rumgeknutscht. Er hat schöne, weiche Lippen. Mit Hengzt habe ich Emails geschrieben, der Einzige, den ich nicht getroffen habe, aber sehr gerne ficken würde, ist King Orgasmus One.
Ist dir beim Rappen noch etwas anderes wichtig außer Sex?
Ja, das Migrantische. Mir geht es nicht darum, dass man den Megakanaken schiebt, sondern dass Migrantenkinder durch ihren Rap ernst genommen werden. Ich habe meine Sprache absichtlich sehr krass gemacht in meinen Songs. Ich kann linguistisch sprechen, Fachsprache, ich kann aber auch sehr erotisch sprechen. Ich spiele mit Sprache, denn ich möchte weder als dumme Kanakin abgestempelt werden noch intellektuellen Rap machen, weil das nicht zum Rap passt. Ich finde es einfach cool, mit Extremen zu spielen.
Der Aussage, dass Erotik mehr aus Andeutung besteht, stimmst du eher nicht zu, oder?
Nee. Es muss eine Mischung sein. Wir sind im Rapgeschäft, alles ist plakativ. Wenn es um die Fotze geht, sagt man Fotze und wenn’s um ficken geht, dann sagt man ficken. Dadurch klingt es auch geil. Was sprechen Rapper? Die Sprache der Straße. Ich komme von der Straße und habe studiert. Ist eben eine Varietät, war ja Zeit, dass mal was Neues kommt.
Bist du auch privat so drauf?
Schon. Diese Bitch, dieses Perverse, diese Neigung zum Erotischen hatte ich schon immer. Das muss man auch fühlen, sonst klappt es nicht.
Was hältst du von deutschen Rappern im allgemeinen?
Bushido kann meine Muschi lecken. D-Bo sieht auch richtig geil aus. Mein Traum wäre: Bushido, Samy Deluxe, Kool Savas, ich, Erdbeeren und ganz viel Sahne...
Welche Ziele verfolgst du in deinem Leben sonst noch?
Noch vor dem Sex kommt dieses Künstlerische, was man an meinen Fotos und meinen Klamotten sieht. Ich will meine Doktorarbeit schreiben, „Semiotik der Kleidung", auch wenn ich nächstes Jahr berühmt werde. Ich möchte mich Dr. Bitch Ray nennen können. Und ich will auf jeden Fall etwas Politisches erreichen, was ich mache ist politisch. Wenn man mich kennt und sich mit meinem Stuff beschäftigt, versteht man das schon. Ich könnte auch lauter solche Songs machen. Mir ist egal, ob die merken dass ich schlau bin.
Was fasziniert dich gerade an Rap als Mitteilungsform?
Beim Rap versteckt man sich ja oft hinter bestimmten Sachen, auch hinter Rap an sich, dazu gehört auch Kleidung und Sprache. Ich muss mich nicht hinter dieser HipHop-Fassade verstecken, da spreize ich lieber meine Beine und zeige meine triefende Vagina, das ist mein Style und das bin ich. Ich nutze HipHop, es ist ein super Medium, es klingt geil, man kann sich artikulieren, man kann sich cool fühlen, es ist was für Profilneurotiker wie mich.
Wird es auch Platten von dir geben?
Natürlich. Aber CDs, ja? Vinyl ist out (lacht). Ich möchte ein Album rausbringen, aber ich möchte damit was bewegen, ich will Frauen ermutigen, sich nicht unterdrücken zu lassen. Damit sie nicht denken, es gäbe keine Frau, die das, was Typen sexuell machen, umdrehen kann.
Suchst du noch ein Label?
Ich habe mein eigenes, Vagina Records, aber ich brauche noch einen Major, der mir Geld gibt, damit ich das Label richtig gründen kann. Ich will Klamotten verticken, Schlüpfer, Oberteile, ich will Schmuck machen. Ich brauche viel Geld für meine Ideen. Das soll eine richtige kleine Bewegung sein, hinter der auch was steckt, wo Leute nicht nur dazu animiert werden, auf die Haupt- oder Sonderschule zu gehen.
Kannst du dir auch vorstellen, irgendwann eine Familie zu gründen?
Klar. Ich werde mit Sido eine gründen. Irgendwann will ich eine Familie haben, meinen Song Cunnilingus nennen und meine Tochter Fellatia (lacht).
Kommt es vor, dass Männer aufgrund deiner direkten Art Angst vor dir haben?
Angst doch nicht. Männer wollen mich ficken. So viele würden mit mir eine Beziehung führen und wie ein Hund alles tun was ich will, aber das will ich nicht, ich will ja noch mehr Männer kennen lernen – alle in Deutschland.
Sonst noch was?
Bitchism ist geboren. Pussy Deluxe. Und das klassische HipHop-Schlusswort: Word (lacht).
Interview: Oliver Marquart