Gender: Male
Status: Single
Age: 36
Sign: Libra
City: Manila, Munich
State: Bayern
Country: DE
Signup Date: 7/16/2006
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Tuesday, April 22, 2008
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Lane Xang – Im Land der Millionen Elefanten. Der asiatische Elefant ist vom Aussterben bedroht. Grund: Der Mensch. Seine letzte Hoffnung: Ebenfalls der Mensch. Eine Reise durch Laos.
Am Himmel standen Schäfchenwolken, als Herr Peng den kleinen Mond weinen sah. Der war gefesselt, die Beine mit Rattanschlingen verknotet. Man hatte ihn in einen Käfig aus Bambus gesperrt und von seiner Mutter getrennt. Die wurde von zwei Elefanten in Schach gehalten, brüllte und verfiel in Panik. Sie schlug aus nach den Männern, die ihr das Kind weggenommen hatten. Das ganze Dorf war gekommen, um zu sehen, wie der Mond gebändigt wird. Wie der Schamane auf seinem Rücken ein Huhn fliegen ließ, um die bösen Geister und Dämonen und damit seine Wildheit zu vertreiben. Alle klatschten begeistert, jubelten während der Zeremonie und lachten, wenn der Mond sich wehrte. Nur Herr Peng, damals zwölf Jahre alt, sah die Tränen, die aus den kleinen Augen flossen. Das Junge, das in dem Käfig strampelte, erhielt den Namen Chang, was auf laotisch Mond bedeutet. Es war Herrn Pengs erstes Arbeitstier, denn Herr Peng ist Mahout, ein Elefantenmann. Sein ganzes Leben hat er mit den Tieren verbracht. Und wenn er die Geschichte von Mond erzählt, gibt sich seine Stimme Mühe, nicht auszurutschen – 43 Jahre später.
Die Traurigkeit kommt nicht von ungefähr. Lane Xang hieß Laos einst – das Land der Million Elefanten. Elephas maximus, der asiatische Elefant: Das ist der mit den putzigen Ohren, ein bisschen kleiner, als sein afrikanischer Verwandter. Ein Vielfraß, der am Tag 250 Kilo Pflanzen verdrückt und bis zu fünf Tonnen schwer wird. Ein kräftiges Tier kostet bis zu 12.000 Euro und bringt dem Besitzer bis zu drei Millionen Baht jährlich ein, etwa 60.000 Euro.
Doch die Menschen verdrängen mit ihren Häusern den Urwald, die Zuflucht der Tiere. Heute leben nicht mehr eine Million, sondern kaum noch1500 Elefanten in Laos, davon weniger als tausend in freier Wildbahn. Der Rest ist in Gefangenschaft, verdonnert zum Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten. Draußen in den Wäldern, wo edle Hölzer wachsen wie anderswo Unkraut; Rosenholz und Teak. Holzabbau bringt gutes Geld in einem Land in dem die Menschen bettelarm sind. Und so zerstören die mächtigen Arbeitstiere den Lebensraum, den ihre wilden Artgenossen zum Überleben brauchen. Ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Mitleid hat noch keinen satt gemacht. „Wir haben den Respekt vor den Tieren verloren", sagt Herr Peng. Man betrachte sie nur noch als riesige Geldautomaten, die arbeiten sollen. „Alles andere zählt nicht." Wenn das so weiter geht, kann man heute die letzte Generation der Dickhäuter in Laos beobachten. Damit wäre das größte auf Erden wandelnde Säugetier in diesem Land in wenigen Jahrzehnten ausgestorben.
Herr Peng lebt in dem Dorf Hongsa, zwei Tagesreisen und unzählige Schlaglöcher von der Hauptstadt Vientiane entfernt, in der Provinz Sayabouri, im Nordosten des Landes. Hier sollen die meisten Arbeitselefanten leben – die wenigen Herden frei lebender Tiere verteilen sich auf ein paar Refugien in ganz Laos. Man findet sie meistens nur noch dort, wo sich der Mensch noch nicht ausgebreitet hat – mit viel Glück. Als Duftmarke eines Asiens, dass hier noch seine Existenz behauptet. Und wenn mal eine wilde Herde durch die Felder armer Reisbauern trampelt, heißt das nicht, dass die Tiere den Menschen zu nahe kommen, eher umgekehrt. Weil die Dickhäuter nicht wissen, wo sie noch hinsollen.
Auf dem Weg nach Sayanbouri rollt ein Asien am Fenster vorbei, das man nur aus Spielfilmen kennt. Viele wunderbare Stunden lang: Dschungel, Reisfelder, Wasserbüffel. Hütten auf Stelzen, Bambuswälder. Kleine Dörfer mit schiefen Zäunen und aufgeweichten Straßen. Hübsche Mädchen reichen Gebratenes am Stock durchs Fenster: Huhn, Fisch oder Ratte. Ein Gruß aus einer anderen, fernen Welt, die anderswo längst untergegangen ist, aber hierdurch Krieg und Kommunismus konserviert wurde. Gnadenlos schön. Grund genug, sich hier mal umzusehen. Manchmal sieht man Mahouts auf ihren Elefanten reiten. Und der falang, wie Ausländer in Laos gerufen werden, drückt sich gemeinsam mit den Einheimischen die Nase platt and den Scheiben des altersschwachen Geländewagens, der sich die steilen Hänge hoch müht. Auf stille Weise aufgeregt wie das Publikum einer Theaterpremiere. Respekt und Neugierde in den Gesichtern – wegen eines Tieres, das einst das Königswappen schmückte und das jedes laotische Kind aus Sagen und Geschichten kennt.
Der Dschungel lebt. Es raschelt, kreischt, brummt, pfeift und surrt. Es ist schwül. Die Luft klebt am Körper. Schweißperlen stehen Herrn Peng auf der Stirn und dunkle Flecken zeichnen sich auf seinem khakifarbenen Hemd ab. Und dann stehen sie plötzlich vor uns: Buaban, Serth und Bunthom. Die Elefanten sind in Ketten gelegt und ziehen Teakholzstämme den Hang hinauf, so zuverlässig wie die Kolben von Qualitätsmotoren. Sie murren und stöhnen, Bambusstöcke knallen auf ihre fünf Zentimeter dicke Haut. „Pai, pai. Tchoo, tchoo", die Mahouts bellen Befehle – „Stopp, Stopp, zieh, zieh!".
Herr Peng, 55, begrüßt die Mahouts. Man kennt sich. Zigaretten werden ausgetauscht, Witze erzählt. Wir setzen uns in die Schneise, die die Rüsseltiere und ihre Last in den Dschungel gepflügt haben und Herr Peng kramt in der Vergangenheit, als der Elefant noch den Stolz der Nation repräsentierte und das Dorfleben vom Rhythmus der Dickhäuter geprägt war. Er ahmt das Rasseln von Ketten nach. Klänk, klänk. Klänk, klänk. So hörte es sich an, wenn sie die langen Baumstämme über die Staubpisten zogen, die man Straßen nannte. Der Soundtrack seiner Kindheit. Damals fingen Mahouts noch wilde Elefanten im Dschungel, der an das Dorf grenzte; zähmten sie und richteten sie geduldig zu Arbeitstieren ab.
Früher gab es Hunderte Elefanten in den Wäldern um Hongsa. „Einen Elefanten im Garten zu haben, war nichts Besonderes." Man wachte auf, blickt zum Fenster hinaus, und was sah man? „Elefanten, richtig." Doch das ist Vergangenheit. Die Dorfidylle seiner Kindheit gibt es nicht mehr. Die grauen Riesen sind verschwunden. Heute sind nur noch rund siebzig Elefanten weit draußen im Dschungel, zum Arbeiten verdammt. Die meisten Kinder haben noch nie in ihrem Leben einen gesehen.
Sie sollten es aber, denn sie sind uns so ähnlich, sagt Herr Peng. Wenn Elefanten einen Menschen, den sie mögen, nach langer Zeit wieder sehen, dann freuen sie sich. Jeder tue das auf seine Art. Einer schnalzt, der andere schlackert mit den Ohren, sie trompeten, pfeifen – oder halten einen mit dem Rüssel fest. Nur wenn sie liebestoll sind und diesen hormonellen Schub bekommen, der Musth genannt wird, dann sollte man sich ihnen nicht nähern. Sie könnten bösartig und unbeherrscht reagieren. „Wie ein Mensch." Herr Peng muss es wissen. Er hat im Wald zwischen Elefantenbeinen geschlafen, hat Wunden behandelt, Rüssel gekrault, geschmust, die Sohlen abgeschabt, Fußnägel geschnitten – und nie Angst gehabt vor vier Tonnen Fleisch, Muskeln und Knochen.
Trotzdem, ein Elefant kann auch gefährlich werden. „Da kann man trainieren, wie man will. Ein Rest Wildheit bleibt." Etwa zwanzig Menschen werden von Elefanten im Jahr getötet – weil sie unachtsam waren, leichtsinnig. Anfang Februar griff ein Tier den Cousin eines Mahouts in Sayabouri an und trampelte ihn nieder, er war sofort tot.
Eigentlich hat der laotische Elefant viel bessere Voraussetzungen als seine Artgenossen in Thailand, Vietnam, Birma oder Indien: Es gibt noch genügend Wald. 14 Prozent des Landes sind so genannte National Protected Areas (NPA), geschützte Gebiete. Nur Wildhüter gibt es nicht, sondern verschiedene kleine Ethnien, die ihren Lebensunterhalt mit Jagd und Holzeinschlag verdienen und in ferkeldurchgrunzten Siedlungen leben. Der Regierung fehlt es an Geld für Alternativen – und ein bisschen vielleicht auch am politischen Willen. Mehr und mehr verschwindet deshalb der Lebensraum der Elefanten. Wilderer, denen das Fleisch als Delikatesse gilt und Elfenbein als Goldgrube, haben leichtes Spiel. Die Speisekarten der Einheimischen lesen sich wie die Artenschutzliste von Washington, über Schlange und Leopard bis hin zum asiatischen Schwarzbär.
Herr Peng möchte jemanden vorstellen. Der 83-jährige Noy Lao ist Schamane und Elefantendoktor im Ruhestand, mehr lustiger Kobold als Greis, graue Haare und Furchen im Gesicht, so tief wie Schluchten. Und wenn er lacht, wackelt der Stuhl unter seinem Hintern. Elefanten haben sein Leben bestimmt. Wenn einer von einer Schlange gebissen wurde, „haben sie mich gerufen." Oder wenn ein Fuß von Baumstämmen zerquetscht wurde. Bei eitrigen Geschwüren, bei komplizierten Schwangerschaften, gebrochenen Gliedmaßen - immer rief man nach Noy Lao. Einmal hatte er sogar einen Patienten, der auf eine Mine getreten war. Der Schamane hatte für jedes Wehwehchen das passende Mittel, zusammengepanscht aus Kräutern und Rinden aus dem Wald; geheime Rezepte, weitergegeben vom Vater an den Sohn. Meistens hat es geholfen. Heute wird sein Wissen nicht mehr nachgefragt. „Es gibt ja kaum noch welche, die ich behandeln kann." Außerdem sei er ohnehin zu alt und trinke lieber lao-lao, den scharfen Reiswhisky, oder sitzt auf seiner Terrasse und raucht die Stunden weg. Allerdings sei er ein bisschen enttäuscht, dass sein Enkel lieber in Vientiane ein College besucht, als die alten Rezepte zu studieren.
„Ein Schlückchen Reiswein für den Gast?" Dann schlägt er ein Buch auf, mit Zeichnungen von Elefanten. Unter den Bildern stehen die alten Rituale, geschrieben, in Tam, einer Sprache die so alt ist, dass die jungen sie nicht mehr verstehen. Dann reicht er zwei braune Pillen, die wie Lehmkugeln aussehen und streng riechen. „Gut für die Potenz", sagt der Kobold. Ich spüle sie mit einem kräftigen Schluck lao-lao hinunter. „Das geben wir auch den Elefanten", sagt Noy Lao und kriegt sich kaum noch ein vor Lachen.
Es gibt eine Geschichte, die jeder Mahout in Laos zu erzählen weiß. Sie zeigt, dass der Mensch dem Elefanten nicht immer seinen Willen aufzwingen kann. Sie handelt von einem Dorf unten im Süden, das die Bauern Ban Na nennen. Dorthin kam vor einigen Jahren der Vertreter einer Zuckerfabrik und erklärte den Bauern, die bis dahin nur Reis und Gemüse auf ihren Feldern anbauten, dass mit Zucker viel mehr zu verdienen sei. Die Bauern nahmen sich das zu Herzen, bauten Zuckerrohr an und bald darauf standen Fernseher in den Wohnzimmer und Mopeds statt Schubkarren vor der Tür. Nur hatte keiner mit der Herde Elefanten gerechnet, die wild und frei im umliegenden Dschungel lebte. Denen schmeckte das Zuckerrohr so gut, dass sie über die Felder herfielen und den neu gewonnenen Reichtum der Bauern bedrohten. Und da standen sie nun vor einem Dilemma. Sollten sie wieder Gemüse anbauen und den Fernseher verhökern? Nein. Oder die Tiere töten? Auch das ging nicht. Das wäre nicht gut fürs Karma. In einem tief buddhistischen Land ist das ein starkes Argument. Was also tun, um Buddhas Willen? Ökotourismus hieß das Zauberwort.
Krieg und Kommunismus haben Laos Jahrzehnte lang von der Außenwelt abgeschnitten. Doch langsam beginnt sich der internationale Tourismus auch für das kleine südostasiatische Land zu interessieren. „So wie Thailand vor dreißig Jahren", werben Reiseführer, wild und ursprünglich. Tempel, Klöster und Wasserfälle Mönche, die orange leuchten. Exotik pur. Und ein paar Elefanten gibt es auch. Reiseveranstalter haben gemerkt, dass mit den Tieren Geld zu verdienen ist. Zwei Stunden Mahout spielen? Auf ihren Rücken durch Flüsse und Wälder waten? Kein Problem. „Kommen Sie unseren neuen Baby-Elefanten besuchen", steht auf Schildern. Andere bieten Exkursionen in Elefantencamps an, wo man Dumbo dabei beobachten kann, wie er Fußball spielt, Männchen macht oder mit dem Rüssel einen Basketball im Korb versenkt. Touristenspaß und Abenteuerprogramm für Besucher mit wenig Zeit und viel Geld. Nur Tiere in freier Wildbahn bekommt man nicht zu sehen, dafür gibt es zu wenige. Tourismus als letzte Rettung zum Artenerhalt?
„Qui, aber doch bitte nicht so", sagt Gilles Maurer von der französischen Hilfsorganisation ElefantAsia und schlägt die Hände vor sein Gesicht. „Wann lernen die Leute endlich, dass gut gemeint das Gegenteil von gut ist?" Er sitzt in einem kleinen Büro am Stadtrand von Vientiane, das voll gestopft ist mit Broschüren, Katalogen und Postern, Medikamenten, Pillen und Spritzen. Er bereitet das jährliche Elefantenfestival Mitte Februar vor. Es soll der Bevölkerung ihr Wappentier wieder näher bringen. Zehntausende Besucher werden erwartet. Der Tourismus ist die letzte Chance für den asiatischen Elefanten. Aber bitte nicht mit Zirkusnummern, meint Maurer. Man müsse den Mahouts und den Besitzern klarmachen, dass Zeugungsprogramme Sinn machen. Erwähnt man, dass der laotische Elefant am Aussterben ist, erntet man ungläubige Blicke und Spott. So ein großes Tier? Unmöglich. „Die meisten Menschen sind so mit dem Überleben beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekommen, was hier vor sich geht."
Das Wichtigste sei, den Bestand zu erhalten und nach Möglichkeit zu vergrößern. „Das kann Geld bedeuten, und das verstehen sie." Denn die meisten wollen auch noch in zwanzig, dreißig Jahren mit und von den Elfanten leben. Aber eben auch jetzt, und eine trächtige Elefantenkuh ist zwei Jahre lang arbeitsunfähig. Kurzfristig ist das für Besitzer und Mahout ein Verdienstausfall. Aber langfristig gesehen bekommen sie einen Elefanten dazu. „Und in der Zwischenzeit könnten Mutter und Kind im Tourismus eingesetzt werden, voila." Aber das geht nur, „wenn man einen Bullen auch mal eine Kuh bespringen lässt." Aber bislang ist es so, dass nur etwa zwanzig Elefanten im Tourismus „angestellt" sind – in Thailand sind es 1200.
Doch so einfach ist es nicht. Gilles Maurer kramt in einer Schublade und zieht eine dicke Akte hervor. Er blättert, bis er die Seiten gefunden hat, die er zeigen will: Eine Statistik des Schreckens. Im vergangenen Jahr gab es zehn Todesfälle aber nur zwei Geburten. Im ganzen Land soll es nur noch 46 gefangene Kühe im gebärfähigen Alter geben, „ein Drama, wenn nicht bald etwas geschieht, ist der letzte laotische Elefant in fünfzig Jahren gestorben." Wie es bei den wilden Tieren aussieht? „Keine Ahnung. Das kontrolliert noch keiner." Nur eines ist sicher: Auch ihr Bestand schwindet.
Herr Peng und sein Mond sind inzwischen im verdienten Ruhestand. Vor sechs Jahren sind sie noch mal, gemeinsam mit drei anderen Elefanten, auf Tournee gegangen, um auf die Situation der Dickhäuter aufmerksam zu machen. Sie sind durchs ganze Land gezogen, von Süden nach Norden. 1300 Kilometer in drei Monaten. Irgendwann, sagt er, sah er eine Dokumentation im Fernsehen. „Wussten Sie, dass es in Afrika auch Elefanten gibt?" Und dass es denen dort viel besser ergeht als ihren Verwandten in Laos? Sie leben in riesigen Reservaten und werden geschützt. So etwas brauche es hier auch: Schutzzonen, in denen der Mensch nichts zu suchen hat. Pengs Blick wandert ins Leere, hinauf in die Berge. Am Himmel stehen Schäfchenwolken. So wie damals, als Herr Peng sah, wie der Mond weinte.
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Monday, March 03, 2008
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Illegal auf Omas Grabplatte Auf Manilas Nordfriedhof wohnen mehre tausend Menschen, zusammen mit zwei Millionen Toten. – Sie leben in Mausoleen, schlafen auf oder zwischen Gräbern. Die Toten haben es meistens besser als die Lebenden.
Es ist halb sechs Uhr morgens als Manuel Fortunato aus seinem Grab torkelt. Er fröstelt, schüttelt den Schlaf aus seinen Gliedern. Dann begrüßt er das Leben mit einer Zigarette. Dabei legt er den Kopf auf die Granitplatte, die ihm als Bett und Tisch dient und plaudert mit Eduardo Seguro. So beginnt er seine Tage. Meistens geht es bei diesen Gesprächen darum, wie er solche Tage herumbringen kann, was es zu tun gibt. Die Nordwand des Mausoleums verputzen? Das Eisengitter neu lackieren? Oder Unkraut jäten? Eduardo Seguro antwortet ihm nicht. Er starb am 23. Februar 1993, 59 Jahre alt. Woran? Das kann Manuel Fortunato nicht beantworten. „Ich habe den Mann nicht gekannt." Trotzdem teilen sich der Obdachlose und der Tote seit fast fünfzehn Jahren ein paar Quadratmeter in der 21. Straße auf dem Nordfriedhof von Manila, dem größten öffentlichen Friedhof der Megapolis.
Manuel Fortunato, 60, ist Herr über einen Sarkophag und ein Mausoleum, das eher an eine kleine Villa erinnert als an ein Grab. Allerdings: Er besitzt sein Reich nicht, er hat es sich einfach genommen und der Eigentümer lässt ihn gewähren „unter der Bedingung, dass ich verschwinde, wenn er die Parzelle benötigt." Er hat das Feuer und den Schneid eines jungen Mannes und den Händedruck eines Hufschmieds. Glück nicht als selbstverständlich zu nehmen, war die wichtigste Lektion, die er in seinem Leben lernte, bevor er hierher zog.
Willkommen in Manila, willkommen auf dem Nordfriedhof. 59 Hektar Parkanlage, grün, ruhig – ein Ort des Friedens in der sonst recht lebensfeindlichen Zwölfmillionen-Metropole der Philippinen. Manuel Fortunato ist nur einer von vielen, die illegal schiefe Bretterbuden an die Friedhofsmauer gequetscht haben, die zwischen Gräbern, in Mausoleen oder in Grüften wohnen; dort schlafen, essen, arbeiten, Wäsche waschen. Mehr als zwei Millionen Menschen ruhen hier unter Granit- und Marmorplatten, darunter ehemalige Präsidenten, Generäle, berühmte Schauspieler. Dazwischen Besucher, die Blumen und Kerzen auf Gräber legen, als zögen sie Tagesdecken über ihre Couchgarnitur. Im Schnitt vierzig bis fünfzig Beerdigungen pro Tag – außer montags und freitags.
Die Toten teilen sich den Platz mit tausenden Lebenden. Wie viele es genau sind, kann man nur schätzen. Fünftausend, oder gar Zehntausend? Egal, es sind viele. Menschen, die aus allen Teilen des Landes kamen, mit der Hoffnung, in der Hauptstadt ein besseres Leben zu finden. Und die dann doch auf einem Friedhof endeten, lebendig.
Die Gründe, warum sie hier herkamen, schnurren zur Bedeutungslosigkeit zusammen. Ein Netz in der Gesellschaft, das Leute wie sie auffängt, gibt es nicht. Was zählt ist, dass sie hier überleben können. Um viel mehr geht es nicht. Denn die Philippinen haben ein Problem, ein sehr großes, schnell wachsendes. Ein Geschwür, dass sich so schnell ausbreitet wie Magenkrebs – und ebenso schlecht heilbar ist: Platzmangel. Das Land hat eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten Asiens – 2,36 Prozent. 5400 Neugeborene pro Tag. 86 Millionen Menschen leben heute auf den Philippinen – im Jahre 2040 werden es schon 142 Millionen sein, schätzt man.
Ein Name wie ein Versprechen: Fortunato – der Glückliche. Aber Glück haben andere gehabt. Sein Gesicht ist voller Lebensspuren, graubraun, die Augen hinter den Brauen versunken. Die Geschichte, die Manuel Fortunato erzählt, hat sich dort eingegraben. Früher, da war er einmal Vizepräsident einer Baufirma gewesen. Er hatte geheiratet, war in die Innenstadt gezogen, hatte schöne, große Wohnung, ein Auto. Dann machte die Firma von heute auf morgen pleite. Einer der Besitzer hatte die Konten geplündert und sich mit einem Koffer voller Geld ins Ausland abgesetzt. Fortunato stürzte ins Bodenlose, verlor alles, Besitz, Haus, Auto, Frau – in dieser Reihenfolge.
Anfang der neunziger Jahre las er in der Zeitung, dass auf Manilas Nordfriedhof Leute gesucht wurden, die Erfahrung auf dem Bau haben. Seitdem erledigt er kleinere und größere Arbeiten in der Totenstadt. Und er fing an, sich einzurichten. „Ich hasse den Verkehr von Manila. Ich habe zwei Stunden gebraucht, um zur Arbeit zu kommen." Und da dachte er sich, „dann kann ich auch gleich hier wohnen." Dabei lächelt er verlegen und ein bisschen unglücklich. Er hatte seine Chance – „und es macht einen traurig, wenn man daran denkt, wie sie verloren ging." Der Mann ist inzwischen mit sich und seiner aus den Fugen geratenen Welt im Reinen. Das Leben ist eben eine Knochenmühle, die unablässig mahlt. Seine Sehnsucht beschränkt sich auf das Bisschen, das er hat: zwei Mahlzeiten am Tag und sein kleines Transistorradio, das ihn mit der Welt da draußen verbindet. Er hat Freunde, bei denen er Fernsehen darf. Und Gefühle von Glück, wenn er abends mit seinen Nachbarn unter einem Mangobaum sitzt und Schach spielt. Darin ist er ein Meister. Es hilft, sagt er, ein gottesfürchtiger Mann zu sein auf den streng katholischen Philippinen. Nur manchmal, wenn alles zu viel wird, gestattet er sich einen Fluch, „aber nur, wenn Gott nicht hinhört." Vielleicht, sagt er, wäre es an der Zeit, dass der Allmächtige mal genauer hinsieht. Nur ein bisschen. Dann schaut er erschrocken in den Himmel, ob der Lästerung an seinem Gott – und wirft schnell ein Vaterunser hinterher.
Der Tag: Das ist die Arbeit auf den Gräbern und in den Gärten, Straßenfegen, Unkraut jäten, verputzen, streichen, Inschriften in Grabplatten meißeln. Ab und zu mal jemanden zu Grabe tragen, für Angehörige, die vor Trauer und Gram zu schwach sind. Arbeit eben, unterbrochen von den Stunden der Mittagszeit und des frühen Nachmittags, wenn die Sonne so erbarmungslos brennt, dass die Lebenden in die Schatten der Mausoleen eilen und die Stunden wegrauchen. Dann erstarrt die Betriebsamkeit, die Zeit scheint aufgehoben und die Menschen bewegen sich wie in Trance.
Hygiene? Ja, das sei so eine verzwickte Sache. Öffentliche Toiletten gibt es nicht. Wasser kommt aus einem der drei Brunnen – ein Peso pro Eimer, 0,02 Cent, zuviel für viele, die hier wohnen. Manchmal wäscht sich Manuel Fortunato bei seinem Kumpel Amadeo Gerardo, zwanzig Jahre Jünger als er. Der passt auf die letzte Ruhestätte einer entfernten Verwandten auf. Ein Mausoleum mit Marmorsäulen. „Das hat sogar ein WC mit Spülung."
Es ist nicht leicht, auf diesem Friedhof Leid zu messen. Ausgelassenheit liegt über der Atmosphäre des Elends. Kinder spielen auf den Gräbern, Frauen hängen Wäsche auf, legen sie zu Trocknen auf die Grabplatten, Gesichter lachen, Sari-Sari-Läden, die philippinischen Kiosks, bieten kalte Cola und Zigaretten feil, Radios dudeln philippinischen Pop, ein Hund nagt an einem Kieferknochen, den er aus einem verfallenen Grab gezogen hat. Die Friedhofsbewohner wirken wie aus dem Ei gepellt. Kein Schmutzfleck auf Hose, Rock oder Hemd. Als gebe ihnen ein bisschen Eleganz die Würde, die sie zu Leben benötigen.
Und es gibt Leute, denen das Schicksal der Friedhofsbewohner nicht egal ist. Jemand berichtet, eine Hilfsorganisation habe Speiseöl und Schulhefte gespendet. Eine Fremde hat Fertignudeln und Salate gebracht, einfach so. Die Menschen hier sind es gewohnt, wenig zu essen. Manchmal nur ein oder zwei Mahlzeiten am Tag, ein bisschen Reis mit Gemüse. Ab und zu wird ein Huhn geschlachtet. Das ist wenig. Aber Hunger leiden sie nicht. Sie wissen, dass es ihnen an jedem anderen Ort in Manila, an dem Leute wie sie leben dürfen, schlechter ergehen würde. Auch unter Obdachlosen besteht eine Klassengesellschaft. Ganz unten stehen die, die entlang der Gleise vegetieren und denen oft von vorbeifahrenden Zügen Gliedmaßen abgerissen werden: die Gleismenschen. Oder jene, die auf den Müllbergen der Stadt wohnen: die Müllmenschen. Oder die, deren Bruchbuden unter Brücken geklemmt sind: die Fledermausmenschen. Nicht auszudenken so zu leben. „Das sind die wirklich armen Schweine", sagt Fortunato. Ein wenig besser haben es diejenigen, die in den unzähligen Slums der Megacity Manila hausen, vielleicht sogar einen Job haben, sich als Tagelöhner verdingen. Und ganz oben stehen jene, die wie Manuel Fortuanto auf öffentlichen Friedhöfen leben.
„Ich gehe hier auf keinen Fall fort. Da müssen sie mich schon umbringen." Auf dem Friedhof ist es ruhig, kein Lärm. Es ist grün, die Vögel zwitschern. Bunte Falter taumeln von Baum zu Baum. Und vor allem: Es ist sauber und man muss keine Miete zahlen. Zudem ist die Nachbarschaft gut. Man hilft sich, wo man kann. Armut verbindet. Probleme? Eigentlich keine. Hin und wieder ein Diebstahl, Kleinigkeiten. Aber sonst? Außerhalb der Mauern lebt es sich gefährlicher, da herrsche Neid, Mord und Totschlag. Ein Friedhof als Utopia - ein Paradies für die Toten und die Lebenden?
Die Nacht: Das ist vor allem Dunkelheit und Ruhe. Nur die Geister, die manchmal erscheinen, stören ein bisschen, erzählen einige Friedhofsbewohner. Als er hier herzog, sagt Kumpel Amadeo Gerardo, habe er nachts niemals sein Mausoleum verlassen. „Nicht mal in Begleitung." Manuel Fortunato lacht, er glaubt nicht an böse Geister – nur an böse Menschen. „Ehrlich, Mano", sagt Amadeo. „Ich habe zwar keine Angst mehr, aber in meinen Träumen besucht mich regelmäßig eine weiße Frau. Die ist so durchsichtig wie ein Gespenst." Aber zum Glück gewöhne er sich an alles. „Lass mal gut sein, Ricardo. Spielen wir lieber Schach."
Sheryl Ann Muros hat andere Sorgen als Gespenster. Sie wurde hier auf dem Friedhof geboren. Sie trägt ein blitzsauberes weißes Kleid und steht ein bisschen orientierungslos in ihrem 21-jährigen Leben. Manchmal fährt das schöne Mädchen hinüber ins Nobelviertel Makati, in die Shopping Paradiese des Rockwell Centers oder des Green Belt. Eine Welt, die sie ab und zu betritt – und von der sie deshalb weiß: „Sie ist allemal besser als mein Zuhause." Dort drückt sie sich die Nase an den Schaufenstern platt. Projektionsflächen für unerfüllte Wünsche. Mit Freundinnen Eis essen gehen, in Bars herumhängen, den Lärm der Welt hören, das alles gibt es im Leben von Sheryl Ann Muros nicht. Sie würde am liebsten Kunst studieren. Doch allein für die Fahrkarte im öffentlichen Bus zur Universität fehlt das Geld. Von Studiengebühren ganz zu schweigen. Stattdessen unterrichtet sie jeden Tag von elf bis zwei im Verteranenmausoleum Friedhofskinder bis zu fünf Jahren in Lesen, Schreiben und Englisch – und bekommt dafür von koreanischen Wiedergeborenen Christen 400 Pesos, knappe zehn Euro. Nicht viel, aber etwas – außerdem tue sie es ja nicht für das Geld. Die Kleinen sollen einen Vorsprung haben vor anderen Kindern, wenn sie eingeschult werden. „Vielleicht hilft das, dass sie es einmal besser haben als wir." Und eben nicht als Kolateralschaden der Bevölkerungsexplosion enden. Ihr Lebensmotto besagt: Ich will immer glücklich sein. Und wenn sie das sagt, schaut sie wie ein angeschossenes Reh.
Sie lebt mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern in einer wackeligen Holzbude, die sich an die Friedhofmauer drückt. An der Decke hängt eine nackte nutzlose Glühbirne. Es gibt wieder einmal keinen Strom, seitdem die Stadtverwaltung vor einigen Tagen viele der illegalen Stromleitungen gekappt hat. Und auch heute laufen Angestellte der Stadt auf den Friedhofmauern entlang, begleitet von Soldaten, denen Maschinengewehre von der Schulter baumeln. Sie glauben, dass die Leute unter ihnen gefährlich sind. Sie rütteln an Stromkabeln, bis diese aus dem Putz brechen, kappen Leitungen.
Der natürliche Feind der „squatter" ist Peter Tamandong, 59, Fiedhofsverwalter im Dienste der Stadtverwaltung. Ein Mann vom Typ Gangsterboss in indischen Bollywood Schinken: offenes Hemd, dicke Goldkette, Brillis an den Ringen, Föhnfrisur. Ja, sagt er, „ich habe ein Problem." Die Siedler müssten weg. Basta! „Je schneller, desto besser." Im Juli 2007 kam er zu Amt und Würden. Seitdem, brüstet er sich, habe er 568 illegale Bretterbuden abreißen lassen. Während der Weihnachtstage ließ er siebzig Familien aus dem Friedhof werfen. „Nicht schlecht, oder?" Natürlich dürften die Leute das Baumaterial behalten, er sei ja kein Unmensch. „Aber die haben hier nichts zu suchen. Auf einem Friedhof muss Ruhe herrschen." Was wollten die überhaupt hier? Es gibt weder öffentliche Toiletten noch fließendes Wasser oder Strom – den gibt es nur illegal abgezapft. Außerdem würden manche Jugendlichen mit Drogen handeln, andere welche nehmen. Friedhofsbesucher fühlten sich bedroht oder belästigt.
An manchen Tagen hagelt es Beschwerden. Etwa wenn wieder einer Geld dafür verlangt, dass er monatelang ein Grab oder Mausoleum in Schuss gehalten hat, ohne dass er darum gebeten wurde. Oder wenn Jugendliche ungefragt den Sarg zu Grabe getragen haben und dafür ein paar Pesos wollen. Auf einem anderen Friedhof, in Laloma, fand man eine tote Amerikanerin, ermordet. Deshalb sind auf dem Nordfriedhof nun neun Wachmänner rund um die Uhr im Einsatz – und Ausländer dürfen ihn nur mit Genehmigung der Stadtverwaltung betreten. Hin und wieder komme es auch zu Diebstählen, sagt Peter Tamandong. Oder zu Revierkämpfen unter den Drogendealern. „Also sage ich zu den Leuten: Wenn ihr hier bleiben wollt, gebt mir die Namen der Täter. So machen wir das hier." Und siehe da, seitdem gebe es keine Beschwerden mehr.
Natürlich, es wird nicht so heiß gegessen wie man kocht, und nicht alles an den Illegalen sei schlecht. Ein bisschen Verständnis für ihre Situation habe sogar er. Manchmal lasse er Gnade vor Recht walten und schaue zur Seite, wenn eine Familie sich wieder weigere den Friedhof zu verlassen. Immerhin halten sie ihn sauber, räumen den Müll weg, bewachen die Gräber vor Grabräubern, renovieren die Mausoleen, verkaufen Getränke und Snacks an Besucher. So schön das sei, ab und an müsse eben einer daran erinnern, dass die Welt, die sie sich hier aufgebaut haben, eine verbotene ist. „Und derjenige, der daran erinnert, bin nun mal ich." Menschen, die ihre toten Verwandten besuchen, wollten keine Obdachlosen auf Omas Grabplatte sehen. „Was soll ich machen, dafür werde ich bezahlt."
Vor Tamandongs Büro haben sich zwei Dutzend Menschen versammelt, hauptsächlich Frauen und Kinder. Er stöhnt leise vor sich hin, als er ihnen entgegentritt. Sie gehören zu denjenigen, die den Friedhof verlassen sollen. „Wohin sollen wir denn gehen?", schreit eine Frau. Tamandong zuckt mit den Schultern, versucht ein Lächeln, das ihm misslingt. „Ihr habt zwei Wochen, um zu verschwinden", sagt er. „Na gut, von mir aus einen Monat – aber keinen Tag länger", fügt er hinzu und zeigt in Richtung Ausgang. Vor den Friedhofsmauern beginnt die andere Welt, die schlechtere. Dort warten Bettler und Krüppel, das Manila der ausgestreckten Hand.
Trotzdem, die Politik der Stadtverwaltung lautet: Null Toleranz. Friedhöfe sind für die Toten und ihre Angehörigen. Punkt. Außerdem gebe es Umsiedlungs- und Wohnungsprogramme der Regierung. Dass es viel zu viele Menschen für viel zu wenige Wohnungen gibt, das verschweigt Tamandong. Erst vor einigen Tagen brannte eine Slumsiedlung neben Makati, dem Reichenviertel. Schwarze Rauchwolken verdeckten stundenlang den Blick auf die funkelnden Glasfassaden der Hochhäuser. Vermutlich war es Brandstiftung, die einfachste Lösung, um unerwünschte Nachbarn loszuwerden und neues Bauland zu schaffen – für Shoppingmalls und Restaurants, für Leute mit Geld. „Zum Glück", sagt Manuel Fortunato „können sie den Friedhof nicht abfackeln."
Text und Fotos: Carsten Stormer
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Tuesday, February 19, 2008
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Wissen, wie man es besser macht In Osttimor lernen junge Landfrauen auf eigenen Beinen zu stehen.
Zuerst ist es nur ein leises Dröhnen. Mädchenfinger, die auf Tierhaut treffen. Es folgt Gesang und das Trommeln schwillt an zu einem Crescendo. Tamtam, tam, tamtamm. „Oh Timor, oh Timor. O nia suasar, o nia terus sura la bele. Ohnin ami mak lori bodan", singen fünfzig Mädchen in Tetum, der Landessprache Osttimors. Uralte Worte, überliefert über Generationen. Und so aktuell, als wären sie in diesem Jahrzehnt geschrieben worden. „Oh Timor, oh Timor. Dein Leid kann nicht gezählt werden. Heute tragen wir schwer, an den Problemen unserer Reichtümer."
Fünfzig Mädchen, aus allen Provinzen der kleinen Pazifiknation. Aus Dili oder Baucau, Suai oder Aileo. Aus dem Westen und Osten, deren Bewohner sich nicht mögen und sich hin und wieder mit Macheten bekämpfen oder sich gegenseitig die Häuser anzünden. Sie tragen tais, die traditionellen bunten Tücher Osttimors um ihre Hüften gewickelt. Sie singen und lachen und hören gespannt den Überlieferungen ihrer Ahnen zu. Und wenn eine ins Stocken gerät, springt eine andere ein. „Hier lernen sie, dass es keine Unterschiede zwischen ihnen gibt. Es spielt keine Rolle, woher man stammt", sagt Inge Lempp und ein Leuchten fliegt über ihr Gesicht. Traditionelle Tänze und kulturelle Riten stärken Selbstbewusstsein und Identität.
Inge Lempp, 42, ist Direktorin des Centro Treino e Desenvolvimento (CTID) in Baucau, 130 Kilometer von der Hauptstadt Dili entfernt. Einem Projekt, das junge Landfrauen aus den verschiedenen Regionen und Kulturen Osttimors zusammenbringt, um „eine neue, friedliche Kultur des konstruktiven Umgangs miteinander zu üben." So drücken es Entwicklungshelfer aus. Im Klartext bedeutet es, dass hier junge Frauen in einer Art Berufschule darauf vorbereitet werden, auf eigenen Beinen zu stehen. In zehnmonatigen Kursen lernen sie Kochen, Restaurantmanagement, mit Computern umzugehen und ein Musikinstrument zu spielen, Schneidern, Englisch oder Portugiesisch. Doch das Wichtigste, sagt Inge Lempp, seien die Kurse, wie man ein Kleingewerbe aufbaut, um davon leben zu können, eine Familie zu ernähren, von ihren Männern unabhängig zu sein. „Sie kehren als moderne Frauen in ihre Dörfer zurück. Nebenbei bauen sie Vorurteile ab und Selbstvertrauen auf." Etwas, das in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft Osttimors eher ungewöhnlich ist. Konfliktabbau, nennt Inge Lempp dies.
Und Konflikte kennt Osttimor zu Genüge. Erst die 450 Jahre unter portugiesischer Kolonialherrschaft. Dann die Militärinvasion Indonesiens, der 25 Jahre Besatzung mit Folter, Gefangennahmen, Vergewaltigungen und Verschwinden folgten. Später Bürgerkrieg und Freiheitskampf. Im Jahre 2002 dann endlich die Unabhängigkeit. Eigentlich könnte jetzt alles gut sein, denn das kleine Land besitzt Öl und Gas. Doch wie der Reichtum im Land verteilt wird, darüber zanken sich nun die verschiedenen Parteien mit den Global Players der Weltwirtschaft. In einem Land ohne Rechtssystem und funktionierender Wirtschaft ist das ein langwieriger und schmerzhafter Prozess.
Seit 1999 lebt Lempp in Osttimor. Als Wahlbeobachterin hat sie die Massaker und Morde vor der Unabhängigkeit erlebt, wurde 1999 im letzten Augenblick von der UNO nach Australien evakuiert. Sie kehrte als Entwicklungshelferin zurück und heiratete einen Timoresen. Seit Oktober 2004 arbeitet die Sozialpädagogin und Theologin als Friedensfachkraft der AGEH am CTID. Als Beraterin für „Erwachsenenbildung und einkommensschaffende Maßnahmen." Alles lief gut, bis im April 2006 erneut Unruhen in Osttimor ausbrachen. Nachbarn zündeten in Dili ihr Haus an und Inge Lempp beschloss in Baucau zu bleiben, fern der Gewalt. Denn von Gewalt hat sie genug gesehen, zuviel für ein Menschenleben. Das Erlebte hat ihre Haare früh ergrauen lassen, die sie zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden hat. Ihren Mut und die Liebe zu Osttimor und seinen Menschen aber hat sie nicht verloren. Im August 2007, nach vorgezogenen Wahlen, brennt schließlich auch Baucao. Ein aufgebrachter Mob, Anhänger der Verliererpartei, plündert und brandschatzt drei Tage lang. „Da denkt man, dass man alles überstanden hat und plötzlich muss man Angst haben, wieder von vorne anzufangen."
Nicht gerade die besten Bedingungen, um junge Frauen in die Gegenwart zu katapultieren. Inge Lempp lächelt, als ob sie sagen möchte, dass an etwas zu glauben, schon die Hälfte des Erfolges ausmacht. Und Erfolg gibt ja bekanntlich Recht. Viele Mädchen haben nach der Rückkehr in ihre Dörfer kleine Läden aufgemacht. Andere arbeiten als Fachkräfte in Restaurants oder bei Hilfsorganisationen. „Es gibt nicht viele Mädchen, die mit einem Computer umgehen können. Oder Englisch und Portugiesisch sprechen. Unsere Absolventinnen haben das gelernt", sagt sie stolz und blickt auf ihre Uhr. „Ups, entschuldigen Sie mich. Ich muss in den Unterricht." Es ist kurz vor elf. In wenigen Minuten beginnt der Kurs in Restaurantmanagement.
Kundenservice steht heute auf dem Lehrplan. Inge Lempp mag es gerne praktisch und drückt jedem Mädchen fünfzig Cent in die Hand. „So, jetzt geht ihr einkaufen. Und achtet darauf, wie ihr als Kunden behandelt werdet. Ihr habt 15 Minuten Zeit." Die Mädchen kichern und laufen auf die Straße. Draußen schwitzt Baucau bei 38 Grad. Unten in der Bucht glitzert die Südsee in der Mittagssonne. Zwanzig Minuten später sind die Mädchen zurück, zufrieden ist keine: „Ich habe keine Quittung bekommen, weil die Verkäuferin nicht lesen und schreiben kann", beschwert sich Sandra. Rosa ist sauer, weil sie keine Plastiktüte für ihre Kekse bekam. Alejandra nörgelt, dass man ihr weder Guten Tag oder Auf Wiedersehen sagte. Seht ihr", sagt Inge Lempp. „Jetzt wisst ihr, wie man es besser macht. Vergesst das nicht."
Eigentlich soll die Friedensfachkraft der AGEH, die von ihren Schülerinnen nur große Schwester gerufen wird, weniger Unterricht geben und sich mehr um die „follow up" Programme kümmern. Das heißt: um die Nachsorge und Folgebegleitung der Absolventinnen. Aber beides ist wichtig – Unterricht und follow up. Das ist zwar ein bisschen mehr Arbeit aber so verliere sie nicht den Kontakt zu den Mädchen. „Unser Programm macht ja nur Sinn, wenn die Mädchen später in ihren Heimatdörfern das Gelernte anwenden und umsetzen, erfolgreich natürlich." Um das zu gewährleisten, muss das örtliche Kleingewerbe mit lokalen Technologien und Ressourcen gefördert werden – und mit Kleinkrediten. Gar nicht so einfach in Dörfern, in denen es oft keinen Strom gibt und die nur schwer zu erreichen sind, weil keine Straßen hinführen.
Was aber hat Berufsschule, Ausbildung und die Vergabe von Kleinkrediten mit Friedensarbeit zu tun. In Osttimor fast alles. Timor ist das ärmste Land Asiens und die Menschen haben so wenig, dass man nicht gleich mit Friedensarbeit anfangen könne. Erst müssen Grundlagen geschaffen werden, um darauf aufzubauen. Eine intakte Gesellschaft, Arbeitsstellen, eine funktionierende Wirtschaft, ein Rechtssystem – Stärkung der Frauenrolle. So etwas dauert und in Timor musste man nach der Unabhängigkeit bei Null anfangen. „Nur wer ein Einkommen hat und seine Familie ernähren kann, hat Zeit sich um Friedensarbeit Gedanken zu machen." Die Arbeit des CTID ist also auch Präventionsmaßnahme, um spätere Konflikte zu vermeiden.
In einer kleinen Werkstatt des CTID rattern und zucken pedalgetriebene Singer-Nähmaschinen. Hier werden tais gefertigt, die traditionellen handgewebten timoresischen Stoffe. Inge Lempp redet mit einer hochgewachsenen Frau auf Tetum, lächelt sie an und klopft ihr immer wieder auf die Schulter. Cecilia Dorego Fernandes, 28, ist eine ehemalige Absolventin. Einmal in der Woche kommt sie aus dem drei Busstunden entfernten Dorf Los Palos nach Baucau, um tais auf dem Markt zu verkaufen. „Cecilia ist eine Musterschülerin", sagt Inge Lempp. Zwei Mal schon bekam sie einen Kleinkredit, hundert Dollar, den sie jeweils innerhalb eines Jahres abzahlen konnte. Ihre Cousinen weben den Stoff, den Cecilia ihnen dann abkauft und Taschen daraus näht. „Ist das nicht großartig? So dreht sich der Dollar zweimal und schafft zusätzliche Arbeit."
Doch seit den Unruhen im letzten Jahr läuft das Geschäft mit den Taschen schlecht. Noch immer leben Tausende in Flüchtlingslagern, unter Plastikplanen, in Bretterverschlägen. Schulabgänger finden keine Arbeit, die Zahl der Straßenkinder steigt, die Armut nimmt zu. Kaum einer hat Geld übrig, um Cecilias Taschen zu kaufen. Hin und wieder erstehen UN-Leute oder Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ein paar tais als Souvenir. Gerade hat ein Bremer Kloster hundert Taschen bestellt. Aber das reicht kaum, um über die Runden zu kommen. „Wir dürfen uns nicht nur auf die Taschen konzentrieren. Wir brauchen Alternativen", sagt Lempp. Deshalb lernen die Mädchen auch, wie man Marmelade und Erdnussbutter herstellt. Oder traditionelle Naturmedikamente, Bonbons aus Tamarinde und Zierblumen aus getrockneten Maisblättern. „Eben alles, was sich auf dem Dorf produzieren und verkaufen lässt."
Und einige sind schon im Exportgeschäft: Rita da Silva, Teresa Matos, Ilda Marques und Lidia da Costa sitzen mit Atemmasken auf dem Steinboden und mischen in Plastikeimern Kokos-, Palmöl und Natronlauge zusammen. Sie stellen Seife her, die in Dritte Welt Läden in Darwin in Australien verkauft wird, für 2,50 Dollar das Stück. Mit Lavendel, Kokos, Frangipani oder Zedernholz als Duft. Jede Variante wird anders zusammengemischt. Deshalb müsse man ganz besonders auf die Digitalwaage aufpassen. „Weil die aus Australien kommt und man so etwas in Osttimor nicht findet", erklärt Rita da Silva.
Jeden Nachmittag um fünf, wenn der Unterricht zu Ende ist, fährt Inge Lempp Mitarbeiterinnen oder Schülerinnen, die in nahegelegenen Dörfern wohnen, nach Hause. Heute sitzt Mariquita Fatima Da Costa neben ihr, die in Boru Uma wohnt. „Zu Fuß ist es zwei Stunden bergauf. Mit dem Auto dauert es nur 15 Minuten. Außerdem möchte ich niemals vergessen, unter welchen Bedingungen diese Mädchen leben." Mariquita ist Inge Lempps rechte Hand und Stellvertreterin. Sie soll das Projekt einmal leiten, wenn Inge Lempps Arbeit nicht mehr nötig ist. „Wäre doch schade, wenn das Projekt zu Ende ist, nur weil ich nicht mehr da bin."
Inge Lempp sitzt unter einem Brotfruchtbaum und trinkt Kaffe, während Mariquita erzählt, was sich in den letzten Jahren verbessert hat. „Wir haben jetzt ein Haus aus Stein. Ein Feld, auf dem wir Reis und Maniok anbauen. Kokospalmen. Wir versorgen uns selbst." Und mit ihrem Gehalt schicke sie ihre Brüder zur Schule. Eine Cousine gehe auf eine Privatschule in Dili. „Ich bin zwar kein Mann. Aber im Moment bin ich diejenige, die das Geld nach Hause bringt", sagt sie stolz und blickt dann gleich erschrocken hoch, als ob sie etwas Unanständiges gesagt hätte. Noch ist so etwas ungewöhnlich im patriarchalischen Ost-Timor.
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Tuesday, February 19, 2008
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Weiße Frau, bring Bücher mit Was haben Bibelstunden und mobile Bibliotheken mit Friedensarbeit zu tun? In Osttimor eine ganze Menge.
Sieben Stunden wanderte Felix da Cruz durch den Dschungel, kletterte über Berge, watete durch Bäche und Flüsse. An der Hand seine kleine Tochter und auf dem Kopf einen Kanister mit Honig. Ein Geschenk für die weiße Frau in Aileu, dort unten im Tal, wo es inzwischen Strom aus Generatoren gibt. Früher kam er auf seinem Pferd, doch das ist während der Trockenzeit verendet. Seither muss Felix da Cruz den beschwerlichen Weg zu Fuß bewältigen. Aber das Treffen der Katechisten hat er noch nie verpasst. Jeden Samstag treffen sich die Laienhelfer der katholischen Kirche in einer Hütte am Ortsrand von Aileu, die sie auf den Namen Kdalak Dame tauften – Quelle des Friedens. In die Dörfer rund um Aileu verirrt sich nur selten ein Priester. „Einmal im Jahr, oder nie", sagt Felix da Cruz. Und irgendwer muss den Menschen doch den Gottesdienst halten. Hunger, Armut, und Kindersterblichkeit gehören zum Alltag, das Gebet ist für viele die einzige Hoffnung.
Sie sitzen im Halbkreis und lesen in der Bibel. 21 Männer und zwei Frauen lauschen der Deutschen, die sie Schwester Ala nennen. Sie alle arbeiten ehrenamtlich, unbezahlt. Manche schon seit drei Jahrzehnten, wie Jose Martins, der Greis mit den weißen Haaren, dem das Leben tiefe Furchen ins Gesicht geschrieben hat. Dabei haben die meisten nicht einmal ein Einkommen. Es sind Bauern, die von der Hand in den Mund leben. Gemeinsam lesen sie im alten Testament, die Stellen, die morgen im Gottesdienst die Predigt bestimmen. Erstes und Zweites Buch Samuel, gelesen in Tetum, der Landessprache Osttimors. Es handelt von König David, wie er das Volk Israel einte.
Ihr gehe es darum, Parallelen in der timoresischen Geschichte zu zeigen, sagt Ala Bumiller. So wie einst König David, einte der timoresische Volkheld und heutige Ministerpräsident Xanana Gusmao sein Volk. Erst im Guerillakampf gegen die indonesischen Besatzer und später im Bürgerkrieg. Adelheit Bumiller ist Pastoralreferntin in Aileu. „Ich habe etwa die gleichen Aufgaben wie ein Priester, nur darf ich keine Messen lesen oder Sakramente verteilen", sagt die studierte Theologin und Friedenfachkraft der AGEH. Ihre Bibelstunden sind gleichzeitig so etwas wie ein Seminar in Friedenspädagogik. Es geht darum, das politische Bewusstsein zu stärken – mit Menschen, „die ein sehr geringes Basiswissen haben." Friedensarbeit, das ist für Ala Bumiller, demokratischer Dialog, Respekt, miteinander reden – und, falls nötig, „auch mal den Mund aufzumachen." Deshalb die Arbeit mit den Katechisten. Als Kirchenmänner und –frauen werden sie in den abgelegenen Dörfern respektiert, sie vermitteln bei Streitigkeiten und schlichten. „Das üben wir hier anhand der Bibel."
Neben den samstäglichen Bibelstunden hat Ala Bumiller eine weitere Aufgabe: Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Gar nicht so einfach in einem Land, in dem es keinen einheitlichen Lehrplan gibt und akuter Lehrermangel herrscht. Weil das Geld fehlt, um Lehrkräfte zu bezahlen und weil die Menschen über Jahrzehnte mit dem Freiheitskampf beschäftigt waren. Nach der Unabhängigkeit im Jahre 2002 verließen fast alle Indonesier das Land, und die stellten die meisten Lehrer. Um das Loch, das sie hinterlassen haben, wenigstens ein bisschen zu stopfen, reist Ala Bumiller dreimal in der Woche mit ihrer mobilen Bibliothek in abgelegene Bergdörfer.
Der Geländewagen zwingt sich die steilen Feldwege hoch. Immer wieder hält Ala Bumiller an, nimmt Fußgänger mit; Alte, Kinder, Jugendliche – obwohl die sich hin und wieder übergeben müssen, weil sie Auto fahren nicht gewohnt sind. „Aber das macht nichts. Die müssten sonst Stunden in ihre Heimatdörfer gehen."
Heute besucht sie das Dorf Fatubesi. Hinter Sträuchern und Bäumen lugen Kinder hervor, dreckverkrustete Gesichter, aus denen die Augen weiß hervorstechen. Die Hänge sind eingehüllt in schwere Regenwolken, es ist kalt und feucht. Die Menschen, die hier oben leben, gehören zur Ethnie der Mambai. Zwischen Uma Laliks, den polynesischen Königshäusern aus Holz. Hier oben, zweitausend Meter über der Südsee, unterrichtet der 25-jährige Horacio da Costa die Kinder. Mal kommen zwanzig zum Unterricht, mal fünfzig. Eine Lehrerausbildung hat Horatio da Costa nicht. Studium? Zu teuer. Früher war er gut in Mathematik, das muss als Qualifikation reichen. Erste bis vierte Klasse, alle sind in einem Raum. Eine wackelige Bretterbude, nicht größer als eine Garage. Was Horatio am Dringlichsten braucht? „Bücher! Schwester Ala soll Bücher mitbringen." Dass die Kinder hier Lesen und Schreiben lernen, ist neu. Bis vor zwei Jahren gab es nicht einmal den Bretterverschlag, der heute als Dorfschule dient.
Durch die Holzdielen pfeift der Wind, die Kinder sitzen auf selbstgezimmerten Stühlen und Bänken. Ala Bumiller zieht Kisten mit Büchern und Spielen aus dem Kofferraum ihres Geländewagens, Bälle und Springseile. Meistens liest Horatio da Costa vor und die Kleinen sprechen nach. Es gibt nicht all zu viele Lehrbücher, schon gar nicht in Tetum. Horacio da Costa hat handgemalte Bilder an die Tafel gehängt – die Schöpfungsgeschichte Osttimors. Mit großen Augen verfolgen die Kleinen die Legende des Jungen, der ein Krokodil errettete, bevor es versteinerte und zu der Insel wurde, die die Form eines Reptils hat. „Oft spielen wir auch draußen, mit Bällen, machen Rechen- oder Zuordnungsspiele", erzählt Bumiller. Den älteren Kindern und Jugendlichen zeige sie manchmal auch Filme, am Liebsten über Geschichte Osttimors. „Damit sie aus ihrer Vergangenheit für die Zukunft lernen können."
Das Wichtigste sei die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen, weil sie „die Zukunft sind.". Fünfzig Prozent der 950.000 Einwohner des Landes sind unter 18 Jahren. Schon heute gibt es keine Jobs. Arbeitslosigkeit? „Fragen Sie lieber, wie viele Leute arbeiten. Das kann man leichter zählen." Für Jugendliche gibt es kaum Freizeit- oder Ausbildungsmöglichkeiten. Keine Fußballplätze, kein Kino, keine Konzerte, keine Arbeit; keine Abwechslung. Eine Frau bekommt im Schnitt 7,3 Kinder. „Was sollen die später mal machen?" Schon jetzt nimmt die Gewalt unter Jugendlichen zu, ebenso wie der Alkohol- und Drogenmissbrauch. Osttimor hat ein Problem. Manchmal frage sie sich, ob es nicht sinnvoller wäre, Einheimische auszubilden statt hochbezahlte Fachkräfte zu schicken. Auch, um bestehende Projekte weiterzugeführen, wenn die Fachkräfte zurück in die Heimat gehen. Wer kümmert sich denn um die Kinder, wenn ihr Vertrag ausläuft? Was geschieht mit der Bibliothek? Ala Bumiller zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung." Gerade wurde ihr Vertrag bis August 2008 verlängert. Zum zweiten Mal. Danach soll endgültig Schluss sein. Aber irgendjemand sollte sich um die Jugend kümmern. Dann gibt es später weniger Probleme. „Wie wäre es denn mit einem Fußballplatz, Theater oder Tanz?"
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Tuesday, February 19, 2008
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Im Spinat ist alles drin In einem Agrarprojekt in Osttimor lernen Bauern in abgelegenen Dörfern Osttimors nachhaltige Landwirtschaft.
Die Zivilisation ist 170 Kilometer entfernt. Neun Stunden auf Straßen, die mehr Schlaglöcher als Asphalt haben. Es geht durch Flussbette und vorbei an eingestürzten Brücken. Zivilisation, das ist Dili, die Hauptstadt Osttimors. Nur wenige Menschen würden die Stadt im ärmsten Land Asiens entwickelt nennen. Aber immerhin: Es gibt dort Anschluss an die Welt, Zusammenführung mit der Familie in Deutschland, dank Internet und Skype. Sauberes Essen, gekühlte Getränke. Strom und fließendes Wasser. Sozialkontakte mit Kollegen. Norbert Deipenbrock hat dies in den letzten anderthalb Jahren zu schätzen gelernt, denn die hat er hauptsächlich in den Dschungeldörfern Suai und Salele Bot verbracht.Dort, am anderen Ende der Insel, hinter den Bergen, südlich der Wolken, wo man schon fast zum indonesischen Teil der Insel rüberspucken kann, dort gibt es das alles nicht.
Der studierte Agraringenieur ist seit Anfang 2006 Entwicklungshelfer im Dienst der AGEH. „Sustainable development of the economic and social conditions of farmers living in small villages", steht in seiner Stellenbeschreibung. Also die nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Bauern in abgelegenen Dörfern. Deipenbrock berät Bauern, wie sie ihre Ernteerträge steigern können. Reis, zum Beispiel, kann man in diesem Klima und bei solchen Böden auch dreimal im Jahr pflanzen und ernten. Er gibt Tipps, welches Saatgut sich besonders gut für welchen Boden eignet. Oder er warnt vor Monokulturen. Man müsse nicht nur Reis anbauen, sondern könne es auch einmal mit Spinat, Soja, Mais oder Bohnen probieren. Es geht um nachhaltige Landwirtschaft.
Stunden und unzählige Schlaglöcher hinter Dili schaukelt der Geländewagen im Küstenstädtchen Suai ein. Hier beginnt das Projektgebiet von Norbert Deipenbrock. „Die Bauern haben hier schon Reis angebaut lange bevor wir auftauchten", sagt er. „Ich berate nur, wenn man etwas verbessern kann." Und das klappt bisher ganz gut. Auch, weil er perfekt Tetum spricht, die Amtssprache Osttimors, neben Portugiesisch. Viele Bauern wissen das nicht. „Es ist schon lustig, was die alles erzählen, wenn sie meinen, dass sie keiner versteht", schmunzelt der Agraringenieur.
Es ist heiß an der Küste und schwül. Salele Bot, fünfhundert Einwohner, weder Strom noch fließend Wasser, dampft bei 35 Grad und neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Regenzeit hat gerade begonnen und der Tag sich noch nicht entschieden zwischen Regen oder Sonnenschein. Wie es sich für die timoresische Gastfreundschaft gehört, bekommen die Besucher tais um den Hals gehängt, die traditionellen gewebten bunten timoresischen Stoffe. Frauen und Mädchen führen Tänze auf, Männer trommeln. Der Dorfchef überreicht dem Ehrengast Betelnüsse und Nelkenzigaretten. Dann kommt man zum Geschäftlichen. „Bruder Norbert", sagen die Dorfbewohner. „Wir brauchen dringend große Traktoren." Der runzelt die Stirn: „Hmm, Traktoren. Keine schlechte Idee. Aber wer wartet die? Wer beschafft Diesel und Öl? Das kostet doch alles Geld." Das Pflügen der Reisfelder gehe doch auch ganz gut mit den Ochsen und Kühen. „Immerhin braucht ein Ochse keinen Ölwechsel." Eine Frau hat ein anderes Problem: „Bruder Norbert. Aber wir brauchen dringend Einmachgläser, damit wir unsere Marmelade abfüllen und verkaufen können." Das leuchtet ein. „Ja, die sollt ihr haben. Das ist im Budget drin", sagt Deipenbrock. Was hätte es für einen Sinn, wenn die Bauern Marmelade herstellen, die sie hinterher nicht vermarkten können.
So laufe das hier in Salele Bot, sagt Norbert Deipenbrock: „Wenn jemand eine Idee hat, kommt er zu mir und wir besprechen das Ganze." Die Bauern, die an dem Programm teilnehmen, stammen aus den Projektgebieten Salele, Fohorem, Lolotoi, Bobonaro und sind in 95 Gruppen mit jeweils 15 Mitgliedern aufgeteilt. Zusätzlich gibt es 14 Frauengruppen, die auf dem Feld arbeiten oder weben und schneidern. Jede Gruppe hat einen Leiter, der wiederum einen Sekretär, der über alle Tätigkeiten der Gruppe Bericht erstattet. Zum Beispiel darüber, wie viele Bäume gepflanzt wurden oder wie viel Saatgut die Gruppe erhalten hat. Einmal im Monat trifft sich jede Gruppe mit dem Entwicklungshelfer, ansonsten verwaltet und handelt sie selbständig. „Nur so macht Entwicklungshilfe Sinn", sagt Deipenbrock. "Wir unterstützen bloß, wo es nötig ist."
Seit einem Jahr experimentieren einige Gruppen mit hochwertigem Saatgut. Dreitausend Vanillepflanzen haben sie gesetzt. Tausend Sandelholzbäume, 1270 Pfeffersträucher und 752 Nelkenbäume gepflanzt. Die Pflanzen sind wertvoll und benötigen viel Pflege. Aber für die Ernte gibt es in Timor keinen Markt. Zu teuer, ganz einfach. Es bleibt nur der Export, und für den müssen erst die nötigen Strukturen aufgebaut werden. Es sei nicht einfach, die Bauern davon zu überzeugen, dass solche Projekte nur langfristig Erfolg haben können. Die Menschen sind arm und leben von der Hand in den Mund. Und sie essen so gut wie jeden Tag das selbe: „Hauptsächlich Reis und Maniok, ab und zu auch ein bisschen Gemüse." Das habe Mangelernährung zur Folge, was man an geblähten Bäuchen und rötlichen Haaren mancher Kinder erkennen könne. Norbert Deipenbrock will ihren Speiseplan verbessern. „Hier wächst alles. Warum nicht mal Spinat ausprobieren, oder Mungbohnen. Da ist alles drin; Vitamine, Eisen."
Es ist Nachmittag geworden und Joselino Guiteres, der Dorfchef, führt Bruder Norbert hinaus auf die Felder, wo der Reis angebaut wird, fast die ganze Dorfbevölkerung im Schlepptau. Zum Tross gehören auch Juan und Santiago, zwei Jungs in Jeans und mit Baseballkappe. Sie zupfen auf ihren Gitarren und singen dazu timoresische Lieder. „Die Gitarren haben wir ihnen geschenkt", sagt Norbert Deipenbrock. Manchmal treten die beiden in den Dörfern auf, fast wie ihre Idole, die indonesischen Boygroups. „Wir zahlen ihnen dann als Anerkennung eine kleine Gage." Das fördert aber die soziale Entwicklung des Dorfes. „Man muss die Jugend am Ball halten. Sie haben nicht viele Freizeitmöglichkeiten hier." Apropos Bälle. „Neulich haben wir den Kindern hier zehn Fußbälle spendiert." Zuviel Großzügigkeit aber führe zu nichts. Das würde die Menschen von fremder Hilfe abhängig machen. Am Ende wäre jeder Ansatz von Eigeninitiative erstickt, und ein potenziell blühendes Land hänge am Tropf der Entwicklungshilfe. Schon jetzt werde das Land zu sehr mit Almosen gefüttert und es geschehe zu wenig, um der Wirtschaft langfristig auf die Beine zu helfen. Es gibt zwar viele internationale Helfer und Berater, aber noch immer kein Rechtssystem, keinen einheitlichen Lehrplan an den Schulen. Die Flüchtlingssituation ist nicht gelöst und die Menschen werden noch immer Lebensmittellieferungen versorgt – obwohl hier keiner hungern müsste.
Auf die Kühe und Ochsen sei die Dorfgemeinschaft besonders stolz, sagt Joselino Guiteres und zeigt auf endlose Reisfelder, in denen Ochsen Pflüge und Menschen durch den Matsch ziehen. Frauen und Männer stehen bis zu den Oberschenkeln im Schlamm und setzen Sprösslinge, Kinder bewerfen sich kichernd mit Matsch. Einen Bullen und eine Kuh habe hat das Dorf vor Jahren erhalten. Heute besitzt es vierzig. Bekommt eine Kuh Kälber wird eines an eine andere Gruppe gegeben. So haben alle etwas davon. „Dass man sich gegenseitig hilft, ist hier selbstverständlich", sagt Norbert Deipenbrock. Das starke Gemeinschaftsgefühl sei in der Zeit des Widerstands gegen die indonesischen Besatzer geprägt worden.
Während die einen pflügen, tanzt eine Gruppe von rund zwanzig Männern am Wegrand tebe tebe, den timoresischen Erntetanz. Tebe tebe bedeutet nichts anderes als „Treten Treten". Sie singen und stampfen im Schatten von Kokospalmen auf Reishalme und Ähren. Das ist ihre Art des Dreschens. „Wir haben auch eine Maschine, aber tebe tebe macht mehr Spaß", behauptet Joselino Guiteres. Die Wahrheit ist, dass das Dorf derzeit kein Geld für Diesel hat, um die Maschine laufen zu lassen. Manchmal vermiete man das Ding auch für ein paar Cent an die Bauern der umliegenden Dörfer. „Sehr nützlich so eine Maschine." Wenn sie denn funktioniert.
Wenn die Sonne untergeht, treffen sich die Frauen des Dorfes in einer Holzhütte, dem Gemeinschaftshaus. Sie lachen und schwatzen, sie weben tais. Manchmal kochen sie auch Bananen und Ananas zu Marmelade ein. Oder sie stellen gezuckerte Tamarindenbonbons her. Dabei singen sie die Lieder ihrer Ahnen: „Atu hanoin, atu usa, atu fan." Wir sind gekommen, um gemeinsam nachzudenken, um etwas herzustellen, um es dann zu verkaufen. Die Frauen verkaufen die tais und die anderen Produkte auf den umliegenden Märkten. Hin und wieder bringen Familien aus den Nachbardörfern Kleider zum Flicken vorbei, für ein paar Cent. „So etwas muss man fördern", sagt Deipenbrock. „Neue Klamotten kann sich auf Timor fast keiner leisten."
Auf dem Weg zurück nach Dili kämpft sich der Geländewagen wieder die steilen Bergstraßen hoch. Am Straßenrand bieten Jungen und Mädchen, die ihre zerrissenen Hemden vor der Brust zusammenhalten, ein paar Pflaumen und Bananen feil. Über Bergen schweben dunkle Regenwolken wie feuchte Bettlaken. Norbert Deipenbrock erzählt von der brutalen Geschichte des Landes. Erst die 450 Jahre unter portugiesischer Kolonialherrschaft. Dann die Militärinvasion Indonesiens, der 25 Jahre Besatzung mit Folter, Gefangennahmen, Vergewaltigungen und Verschwinden folgten. Später Bürgerkrieg und Freiheitskampf. Im Jahre 2002 dann endlich die Unabhängigkeit. Er zeigt auf Gräber, die am Fenster vorbeihuschen. Bunte Farbtupfer im Grün des Dschungels. Noch immer stehen überall zerstörte Häuser. Anderthalb Jahre hat Norbert Deipenbrock noch in Osttimor. Was dann passiert? „Mal sehen." Eigentlich würde er gerne im Land bleiben. „Irgendwas gibt es hier immer zu tun."
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Wednesday, October 24, 2007
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"Pass auf - wir kennen dein Gesicht"
In Birma sind nach Angaben der herrschenden Militärjunta nach der brutalen Niederschlagung der Protestbewegung seit Mitte September 2927 Menschen festgenommen worden. 468 seien noch in Haft. Die Mitteilung war kurz und nicht von anti-westlicher Propaganda begleitet. Birma-Kenner spekulieren, die Junta reagiere auf internationalen Druck. Viele Menschenrechtler fürchen, nun gehe es jenen, die aufbegehrten, an den Kragen. Ein Bericht aus Rangun, einer Stadt in Angst. Alleine dort wurden angeblich 2284 Menschen festgenommen.
Warten, immer nur warten. Irgendwann kommt er. Ein schmächtiger Junge, 22 Jahre alt. Er trägt die rubinfarbene Robe der Mönche, blickt sich um, suchend, ängstlich. Dann setzt er sich zu dem Mann, der auf ihn gewartet hat. Der seine Geschichte aufschreiben und zu den anderen legen wird, die er in den letzten Tagen gesammelt hat. Namenlose Zeugnisse, weil Namen einen in diesen Tagen in Birma ins Gefängnis bringen - wenn man Glück hat.
Ticktock, ticktock, ticktock, die Finger des Mannes trommeln auf den Holztisch. Er raucht Kette, als wolle er sich an den Kippen festhalten. Seine Augen huschen hin und her. Am Eingang seines Hauses, kolonialer Stil, von dessen Fassade der Stuck bröckelt, schieben zwei Männer Wache. Falls die Polizei kommt oder das Militär oder die Schergen des Geheimdienstes. Man will nichts riskieren in dieser unruhigen Zeit.
Die beiden Männer sitzen in einem Raum voller Bücher und Aktenordner, Rauchschwaden hängen in der Luft. Das enge Zimmer im Erdgeschoss ist Treffpunkt von Intellektuellen, Regimegegnern, Aktivisten der Demokratiebewegung. Der Hausherr, ein grauer Mann mit gelben Fingerspitzen, der ein tadelloses Englisch spricht, zieht einen grünen Plastikvorhang zu. Nur einen Spalt lässt er frei. Breit genug, um den Eingang im Auge zu behalten. "Erzähl, mein Freund", sagt er zu seinem Besucher, nimmt ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber zur Hand. Dann beginnt der Mönch mit seiner Geschichte:
Er spricht leise, den Kopf gesenkt. Erzählt, wie ihn Soldaten aus dem Kloster schleiften und eine Woche lang verhörten. Er schildert Schläge, erzählt von und blutenden Mönchen, Tote sah er keine. Zwei Tage lang mussten sie in der Hocke kauern, regungslos, wortlos. Ohne Essen und mit nur einer Flasche Wasser für 50 Personen. Niemand durfte die Toilette aufsuchen, wer sich rührte, erhielt Prügel. Nachts liefen die Verhöre. Immer zehn Gefangene auf einmal. Stundenlang, immer die gleichen Fragen: Name? Warum man an den Demonstrationen teilgenommen hat? Wer sind die Anführer? Wo halten sie sich versteckt? Und wieder von vorne. Begleitet von Schreien, Tritten und Hieben auf den Kopf.
Nach ihrem Dienst schlichen sich Soldaten heimlich zu den Mönchen. Sie weinten, baten um Vergebung. Nach einer Woche ließ man ihn gehen, und der Abt seines Klosters sagte ihm, dass es besser sei, in sein Dorf zurückzukehren. Trotz der buddhistischen Fastenzeit, in der Mönche ihre Klöster nicht verlassen sollen. Eigentlich. Aber Rangun sei nicht sicher.
Der Aufstand ist vorbei in Birma, scheinbar. Und glaubt man dem Propagandablatt der Junta, der New Light of Myanmar, dann hat es einen Aufstand niemals gegeben. Überhaupt, wer spricht von vielen Toten? Alles übertrieben. Es gab ein paar Opfer, aber die starben an "Fieber oder sind gestürzt". Das Volk stehe hinter der Regierung, schuld an der Misere seien nur die Unruhestifter: prodemokratisches Gesindel, Alt-Dissidenten der Studentengruppe 88. Imperialisten, die neidisch auf die Fortschritte Myanmars seien. Journalisten: BBC, CNN, VOA, RFA. Oppositionelle, die, als Mönche getarnt, ihre Lügen verbreiteten. Pornos seien bei Klosterdurchsuchungen gefunden worden, Damenunterwäsche sogar. Außerdem dürfe sich der "Staat verteidigen". Weil elf Demonstranten "bewaffnet" waren, als man sie festnahm: mit Scheren, einem Dolch, Steinschleudern, Nüssen sowie Englischkursbüchern. Die Propaganda zieht nicht richtig. In Hotellobbys und Restaurants tuscheln die Angestellten: "Hast du BBC gesehen? Weißt du, was passiert ist?
Über Birmas größter Stadt mit 4,5 Millionen Einwohnern liegt friedlose Ruhe. In den Straßen des Geschäftsviertels stauen sich wieder Autos und Busse, die Läden und Supermärkte haben geöffnet, und in den Straßenrestaurants sitzen die Menschen auf Plastikschemeln und schlürfen Fischsuppe zum Frühstück.
Die ..:namespace prefix = st1 ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:smarttags" />University Avenue ist mit Stacheldraht und Straßensperren verbarrikadiert. Entlang der Inya Road, nahe der Shwedagon Pagode, stehen Schutzwälle aus Sandsäcken, samt Schießscharten. An der Sule Pagode verwehren Männer in Zivil und dunklen Sonnenbrillen nach 17 Uhr den Eintritt. Und in Mandalay, der zweitgrößten Stadt, haben Unbekannte Schüsse auf die chinesische Botschaft abgefeuert.
Aber wo ist das Militär, die Soldaten, die vor einigen Tagen auf Demonstranten und Mönche geschossen haben? Was ist, wenn die Menschen wieder aufmucken gegen Hunger und Unterdrückung? Sie haben sich unsichtbar gemacht, flüstern Passanten. Verstecken sich hinter hohen Mauern, in Regierungsgebäuden, in Kasernen. Bereit, die Festung Rangun zu verteidigen. Gegen jeden, der es wagen sollte, sie zu stürmen.
Manchmal sieht man sie. Kleine Gruppen, im Schatten der Regenbäume. Drei bis fünf Personen in Uniform, mit Schlagstöcken und Sturmgewehren. Barrikaden, stehen an Straßenkreuzungen bereit. Am Osteingang der Shwedagon Pagode, dort wo der Protestzug der Mönche begann, stehen rote Löschfahrzeuge. Nicht um ein Feuer zu bekämpfen. Es sind solche mit Wasserwerfern, um Demonstranten wegzuspülen. Und im Inneren warten keine Feuerwehrmänner, sondern Soldaten und Sondereinheiten.
Spitzel in Restaurants.
Rangun ist eine Stadt in Angst. Einige Mitglieder der Regierung haben ihre Familien vorsichtshalber nach Bangkok, Singapur oder Dubai geschickt. Man weiß ja nie. Spione des Geheimdienstes sitzen in Restaurants, lungern auf öffentlichen Plätzen und bei Pagoden herum. Sie spitzeln und lauschen dort, wo sich Menschen versammeln können. Falls sich irgendwo mehr als fünf Leute treffen, was die Regierung gerade verboten hat. Und in Restaurants verlassen Gäste ihre Tische, wenn Fremde in der Nähe sitzen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Ein lachender Gnom, einer der Wahrsager am Mahabandoola Park, liest aus der Hand. Die Zukunft spendet Trost, weil die Gegenwart ein Albtraum ist. Noch ehe er seine Weissagung beginnen kann, setzen sich zwei Männer neben ihn, wortlos. Er lacht nun nicht mehr."Schlechte Lebenslinie", sagt er schnell zu seinem Kunden, "schwer zu lesen. Bitte gehen Sie."
In der New Light of Myanmar gibt die Regierung bekannt, dass die meisten Mönche wieder frei gelassen wurden. "Sie haben ihre Roben erhalten und kehren wieder in ihre Klöster zurück." Vor vielen hängen noch immer Ketten und Vorhängeschlösser. Die kahlgeschorenen Männer in roten Gewändern, die mit leeren Reisschalen bettelnd von Haus zu Haus ziehen, sind verschwunden. Die meisten haben die Stadt verlassen, unzählige wurden verhaftet, andere tauchten unter. Manche wurden getötet, ihre Leichen trieben im Rangun-Fluss oder endeten in den Krematorien der Friedhöfe, heißt es.
Ein Tag im Oktober. Es ist schwül. Rangun dampft bei 33 Grad, und über der Schwedagonpagode hängen dunkle Regenwolken, schwer wie feuchte Bettlaken. Das Wahrzeichen des Landes liegt beinahe verlassen da. Einige Männer im Longyi, dem traditionellen Wickelrock der Burmesen, beten vor Statuen. Ein paar Frauen meditieren. Kinder rutschen auf dem feuchten Marmorboden herum wie auf einer Schlittschuhbahn. Eine Touristengruppe betritt die Pagode. Sie dreht eine Runde und macht hektisch Fotos, bevor der Reiseführer mahnt, dass es Zeit wäre zu gehen. Als ob man einen verbotenen Ort betreten hätte und nicht das spirituelle Zentrum des Landes.
An allen Eingängen stehen die Schergen und Spione des Regimes, die sich auffällig unauffällig an die Fersen der wenigen Ausländer heften. Kein Burmese, außer den wenigen Postkartenverkäufern, wagt es, die Besucher anzusprechen. Im Schatten der Stupas stehen Soldaten mit schusssicheren Westen, die Sturmgewehre mit Granatwerfern umklammern. Entlang des Tempelberges parken leere Militärlastwagen und Geländefahrzeuge.
Das Leben geht weiter, weil es weitergehen muss. Von 22 Uhr bis vier Uhr ist Ausgangssperre. Das Internet vernetzt sich nur vier Stunden am Tag mit der Welt außerhalb Birmas. Es heißt, dass die Zahl der Zensoren, die ausgehende E-Mails überwachen, verdoppelt wurde. Reiseveranstalter klagen, dass 90 Prozent der Buchungen storniert wurden. Die Hotels gleichen Geistervillen. Eine Nacht im Savoy Hotel kostet nur noch 20 statt 110 Dollar.
Im Strand Hotel, der besten Adresse der Stadt, langweilt sich das Personal im Zweitagesrhythmus, und die staatliche Fluggesellschaft Myanmar Airways hat den Flugbetrieb gleich ganz eingestellt. Das Land ist aus der Zeit gefallen.
Überall in der Stadt sind Schilder aufgestellt, auf denen die "Wünsche des Volkes" stehen, in dicken Lettern auf roten Grund: Wir wollen Stabilität. Wir wollen Frieden. Wir sind gegen Aufruhr und Gewalt. "Da haben die Generäle wohl ihre Wünsche mit unseren verwechselt. Diese Leute beleidigen unsere Intelligenz", sagt ein Journalist, der seinen Namen nicht nennen möchte. Er wirkt betont fröhlich, doch sein Blick ist abschätzig. "Weil keiner diesen Schwachsinn glaubt." Weil die Junta auf geschmuggelten Fotos ihr hässliches Gesicht gezeigt hat. "Jeder hat gesehen, wie Soldaten Mönche verprügelten und auf sie schossen."
Er kling frustriert, wenn er von den Vereinten Nationen spricht, die er "vereintes Nichts" nennt. Weil sie sich mal wieder nicht einigen können. Am liebsten würden sie die Aktionen der Regierung verdammen, aber China ziert sich und Russland auch ein bisschen. Deshalb räuspert sich die UN und "bedauert" das Ganze eben. Die Europäische Union und die USA sprechen davon, die Sanktionen verschärfen zu wollen. "Tolle Idee. Darunter leidet nur mein Volk." Wie wäre es denn mal mit Annäherung, um mehr Einfluss nehmen zu können? Pragmatismus statt Prinzipien. Sanktionen hätten bisher nie etwas geändert. Was bringe es, jemanden zu isolieren, der isoliert sein will?
China oder Indien nehmen gerne den Platz ein, den der Westen frei lässt. Birma ist reich an Bodenschätzen: Gas, Edelsteine, Erdöl, Tropenhölzer. "Wer die ausbeutet, drückt auch ein Auge zu, wenn es um Menschenrechte oder Demokratie geht. China freut sich, wenn Europa oder die USA fortbleiben."
Dann beugt sich der Journalist herüber und flüstert, dass sich halb Rangun über ein Gerücht amüsiert. Regimegegner hängen angeblich Straßenhunden Bilder des Generals Than Swhe um den Hals.
Abends Fernsehen, MRTV, der staatliche Sender. Unermüdlich zeigt er Bilder von regierungsfreundlichen Demonstrationen. Herausgeputzte Männer und Frauen, in blauen Wickelröcken, weißen Hemden, schwenken Schilder. In Sprechchören fordern sie, "die verräterischen Elemente zu zerstören". Die Jubelburmesen, heißt es, werden gezwungen, an organisierten Märschen teilzunehmen. Wer sich weigert, zahlt Strafe, zwei bis sieben Euro. Zu viel in einem Land, wo sich viele Menschen nur noch zwei Mahlzeiten am Tag leisten können und das Durchschnittseinkommen bei 100 Euro liegt, pro Jahr und Kopf. Der Taxifahrer spuckt einen Schwall roten Betelnusssafts auf die Straße und grinst schwarze Stumpen frei. "Eine beschissene Regierung haben wir. Wie können sie es wagen, auf Mönche zu schießen." Mehr will er nicht sagen. Er nimmt die Hände vom Lenkrad und legt die Handgelenke übereinander, das Zeichen für Handschellen. Immer wieder begegnet man Augenzeugen, die reden möchten und im letzten Moment einen Rückzieher machen.
Wie die 43-Jährige, die nur in einem anonymen Brief schildern will, was ihr widerfuhr. Wie sie geschlagen wurde, gedemütigt, verhört, mit Hunderten auf dem Gelände der Technischen Hochschule. Wo man ihr den Schmuck stahl und sie einen Tag später gehen ließ, mit den Worten: "Pass auf. Wir kennen jetzt dein Gesicht." Man zwang sie, eine Erklärung zu unterschreiben, mit niemandem über das Verhör zu sprechen. Oder der Angestellte eines Hotels, der die Leichen gesehen hat, von Mönchen, Frauen, Männern und auch Kindern. Einzelheiten erzählt er nicht. "Zu gefährlich."
Sicher fühlen sich auch nicht mehr die in Birma lebenden Ausländer. Zumindest diejenigen, die die Demonstrationszüge begleitet und fotografiert haben - und dabei von Geheimdienstlern gefilmt wurden. Ihre Portraits stehen jetzt in Zeitungen und Magazinen, wie Steckbriefe. "Fuck", sagt ein Neuseeländer an der Bar des Savoy Hotels, er hält eine Zeitung in der Hand. "Das bin ich." Unter seinem Bild steht: Imperialisten versuchen, das Land zu destabilisieren.
21:30 Uhr. Bald beginnt die Ausgangssperre. Die Straßen sind wie ausgestorben, ein paar Taxifahrer hoffen auf Fahrgäste, "aber nur kurze Strecken". Einige Bettler bitten um Almosen. Straßenköter wühlen in Abfallhaufen. Ein Mann knabbert die Spitzen seiner Fingernägel ab und spuckt sie auf den Asphalt, junge Soldaten verschwinden hinter Stacheldraht und Mauern der Kasernen.
Der junge Mönch ist längst verschwunden. Nur der Mann mit den gelben Fingerspitzen hockt noch immer hinter dem grünen Plastikvorhang. Ticktock, ticktock, ticktock trommelt es auf den Holztisch. Aus seinem Mund purzeln Sätze. Er will sie loswerden, weil die Zeit nun reif dafür sei. "Sozialismus, Demokratie? Darum ging es hier doch gar nicht. Das hört sich nur für euch Westler so romantisch an. Wir wollen essen. Drei Mahlzeiten am Tag, ganz bescheiden, buddhistisch."
Auch er sagt, dass die Junta eine Niederlage erlitten hat. Denn es waren die Ärmsten der Armen, die auf die Straße gingen. Weil sie nichts mehr zu verlieren hatten. "Sie werden es wieder tun." Nächsten Monat, nächstes Jahr. Egal.
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Monday, October 15, 2007
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Die Junta schlägt zurück ..:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Der Aufstand in Birma ist vorerst vorbei. Jetzt geht es denen, die aufbegehrten, an den Kragen. Als Tourist getarnt in Rangun.
Dunkle Regenwolken hängen über der goldenen Kuppel der Shwedagon-Pagode, schwer wie feuchte Teppiche. Kinder rutschen auf dem Marmorboden herum. Männer im Longyi, dem traditionellen Wickelrock der Birmaner, beten vor Statuen. Frauen meditieren. Alltag in Rangun, Birmas größter Stadt. Scheinbar. Denn dorthin, wo sonst Hunderte in Andacht versinken, kommen nur noch ein paar Dutzend. Und etwas fehlt ganz: die Mönche in ihren roten Roben.
Buddhas Söhne sind verschwunden. Nur noch wenige von ihnen ziehen morgens, um Almosen bettelnd, mit leeren Reisschalen von Haus zu Haus. Die meisten haben die Stadt verlassen, unzählige wurden verhaftet, andere tauchten unter, tauschten Roben gegen Longyis. Und manche wurden getötet, ihre Leichen trieben im Rangun-Fluss oder endeten in den Krematorien der Friedhöfe, heißt es.
Dies ist eine Geschichte ohne Namen, denn die Personen, die ich traf, müssen anonym bleiben. Weil in ihrer Welt, in der freie Gedanken tödlich sein können, das Gleiche nun auch für Namen gilt. Jeder, der mit mir sprach, brachte sich in Gefahr. Nur wenige waren bereit dazu.
In das Lächeln der Birmaner, das jahrzehntelang die Angst wie eine Schicht dicke Schminke überdeckte, hat sich Wut geschlichen. Die sonst so weichen Gesichter sind hart geworden. Der Aufstand der Mönche, der Hunderttausende auf die Straßen Ranguns trieb und Birma aus dem toten Winkel der Weltöffentlichkeit katapultierte, ist vorbei. Der Schrei nach Freiheit und besserer Lebensqualität niedergeknüppelt, untergegangen im Kugelhagel und in nächtlichen Säuberungswellen der Sicherheitskräfte und Soldaten.
In Rangun ist scheinbar Ruhe eingekehrt. Autos und Busse feuern wieder ihre Hupen ab, in Straßencafés trinken die Leute Tee und schlürfen Mohinga, Fischsuppe, zum Frühstück. Doch es ist eine vordergründige, friedlose Ruhe.
Drei Stunden warte ich in der Shwedagon-Pagode, mache auf Tourist. In der vagen Hoffnung, dass mir vielleicht jemand etwas zuflüstert, eine versteckte Botschaft, ein Geheimnis, eine Geschichte. Nichts, außer hie und da ein schüchternes Lächeln. Während ich prächtige Statuen anstarre, besucht eine Touristengruppe aus Baden-Württemberg die Pagode. Sie drehen eine Runde und machen hektisch Fotos, bevor der Reiseführer mahnt, dass es Zeit wäre zu gehen. Als ob man gerade einen verbotenen Ort betreten habe.
An allen Eingängen stehen die Schergen und Spione des Regimes, die sich auffällig unauffällig an die Fersen der wenigen Ausländer heften. Kein Birmaner, außer den wenigen Postkartenverkäufern, wagt es, die Besucher anzusprechen. Im Schatten von Stupas und Pavillons stehen Soldaten, die Sturmgewehre mit Granatwerfern umklammern.
Es ist gerade 17 Uhr. Bald legt sich die Nacht über Rangun und damit auch die Angst. Die Verhaftungswelle ist noch nicht zu Ende, obwohl die Ausgangssperre um zwei Stunden gekürzt wurde. Von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens, statt von 21 Uhr bis 5 Uhr. Noch immer durchstreifen Suchtrupps des Militärs die Stadt. Im Schutze der Dunkelheit zerren sie Männer und Frauen aus Häusern, Mönche und Nonnen aus Klöstern. Um diejenigen zu finden, die an den Demonstrationen teilgenommen haben, und ihre Anführer. Mehr als zweitausend Menschen wurden offiziellen Angaben zufolge bislang festgenommen, wie viele es wirklich sind, vermag niemand zu sagen.
Rangun gleicht einer Festung mit unsichtbaren Legionen. Die ..:namespace prefix = st1 ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:smarttags" />University Avenue ist mit Stacheldraht und Straßensperren verbarrikadiert. Entlang der Inya Road, nahe der Shwedagon-Pagode, stehen Schutzwälle aus Sandsäcken, samt Schießscharten. Für eine Stadt, in der vor wenigen Tagen ein Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, ist erstaunlich wenig Militär zu sehen. Denn die Soldaten verstecken sich in Gärten und Kasernen, in Regierungsgebäuden und hinter hohen Mauern. Aber jeder weiß: Sie sind in der Stadt und bereit, neuen Aufruhr niederzuschlagen.
Währenddessen setzt die regierende Junta auf Propaganda, um das Volk zu beruhigen. Die Staatszeitung „New Light of Myanmar", Sprachrohr des Regimes, warnt davor, mit Ausländern, besonders Journalisten zu sprechen. „Hütet euch vor Saboteuren!", warnt das Blatt in dicken Buchstaben. Schuld an der Misere seien nur die Unruhestifter: prodemokratisches Gesindel, Altdissidenten der Studentengruppe 88, Imperialisten, Oppositionelle, die – als Mönche getarnt – ihre Lügen verbreiteten.
Außerdem dürfe sich der „Staat verteidigen", steht da. Dazu muss man wissen, dass elf Demonstranten „bewaffnet" waren, als man sie festnahm – mit Scheren, einem Dolch, Steinschleudern, Nüssen sowie Englischkursbüchern vom American Center. Nüsse gegen Sturmgewehre.
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MRTV, das staatliche Fernsehen, zeigt unermüdlich Bilder von regierungsfreundlichen Demonstrationen. Herausgeputzte Männer und Frauen, in blauen Wickelröcken und mit ausdruckslosen Gesichtern, schwenken Schilder. In Sprechchören schwören sie, „die verräterischen Elemente zu zerstören". Die Jubelbirmaner, heißt es, werden gezwungen, an den organisierten Märschen teilzunehmen. Wer sich weigert, zahlt Strafe, zwischen 3000 und 10000 Kyiat, zwei bis sieben Euro. Zu viel in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei 140 Dollar liegt, pro Jahr und Kopf. „Sie haben immer noch nicht kapiert, dass die Welt nicht auf ihre Lügen hereinfällt", sagt ein Bekannter. Weil die Junta auf den geschmuggelten Videos und Fotos ihr hässliches Gesicht gezeigt hat. „Das hat sich in den Köpfen der Menschen festgebrannt."
Wir sitzen auf Plastikschemeln, trinken Kaffee, rauchen Charoots, die grünen birmanischen Zigarren, und lesen die neuesten Märchen in der „New Light of Myanmar". Dann erzählt mir der Bekannte von den beiden Mitarbeitern einer Hilfsorganisation. Sie verschwanden mitten in der Nacht, einfach so. Und einige Tage später erhielten ihre Familien die persönliche Habe, eingeschnürt in ein Stoffbündel. Ob sie tot sind oder noch verhört werden, keiner weiß es. In Rangun haben Gerüchte Fakten abgelöst. 36 Klöster soll das Militär gestürmt haben. Die Menschen flüstern, dass dabei 500 Mönche starben.
Es ist schwül. Rangun dampft bei 32 Grad. Im Erdgeschoss eines Kolonialhauses, dessen Fassade schimmelt, sitzen zwei Männer in einem Raum voller Bücher und Akten. Der Hausherr, ein Mann mit grauen Haaren und gelben Fingerspitzen, raucht Kette, als wolle er sich an den Kippen festhalten. Seine Augen wandern unruhig hin und her. Weil er Geschichten aufschreibt von Zeugen und Opfern, die ihn in seinem Haus besuchen, und so eine Straftat begeht. Schon zweimal saß er in den Kerkern der Junta. „Sozialismus, Demokratie? Darum ging es doch gar nicht", sagt er. Das höre sich nur für „euch Westler so romantisch an. Wir wollen essen. Drei Mahlzeiten am Tag, ganz bescheiden. Alles andere kommt später."
Wir sitzen hinter einem grünen Plastikvorhang, der das Zimmer abtrennt. Durch einen Spalt blickt er zur Tür, wo zwei Bekannte Wache schieben, falls Polizei anrückt. Neben ihm sitzt ein Novize im roten Tuch des Klerus, 22 Jahre alt. Er spricht leise, den Kopf gesenkt. Erzählt, wie ihn Soldaten aus dem Kloster schleiften und eine Woche lang verhörten. Zwei Tage lang musste er in der Hocke kauern, regungslos, wortlos. Ohne Essen und nur mit einer Flasche Wasser für fünfzig Personen. Nachts liefen die Verhöre. Immer zehn Gefangene auf einmal. Stundenlang, immer die gleichen Fragen: Name, warum man an den Demonstrationen teilgenommen hat, wer sind die Anführer, wo halten sie sich versteckt. Und wieder von vorn. Begleitet von Schreien, Tritten, Hieben.
Nach ihrem Dienst schlichen sich heimlich junge Soldaten zu den Mönchen. Die, die vorher verhörten, schlugen und bewachten, weinten nun und baten um Vergebung. Nach einer Woche ließ man den jungen Mann gehen, und der Abt seines Klosters sagte ihm, dass er in sein Dorf zurückehren soll.
Es ist Nacht geworden, ein paar einsame Taxifahrer hoffen auf Fahrgäste, einige Bettler auf Almosen. Gleich beginnt die Sperrstunde. Der Mönch muss verschwinden. Bevor er das Haus verlässt, dreht er sich kurz um. Ob er wieder so handeln würde? „Jederzeit. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie." Denn es ist noch nicht vorbei.
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Monday, October 15, 2007
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Aus der Zeit gefallen
Ein Jahr als Reporter einer einheimischen Zeitung in Burma.
Die drei Bombenexplodierten am Mittag und töteten sieben Menschen. Rangun schwitzte bei 44 Grad, am Boden knirschten Glasscherben und zerborstenes Holz. Neben einer umgekippten Garküche gerann Blut. Die Straße füllte sich mit Schaulustigen, Sicherheitsleuten und Gerüchten. An ihrem Ende glitzerte die goldene Kuppel der Sule Pagode in der Sonne.
„Sieben Tote? Nein, bestimmt nicht", sagte ein Mann mit dunkler Sonnenbrille, und dem landesüblichen Wickelrock. „ Hier gab es keine Bombe, schon gar nicht drei. Woher wollen Sie denn so etwas wissen."
Immer mehr Männer, gleichen Typs, ähnliche Sonnenbrillen, erschienen am Tatort und verscheuchten die Neugierigen, und die, die unangenehme Fragen stellen. Sie schrieen und schubsten. Einer der Schreihälse ging auf mich zu, beugte sich vor, so dass ich seinen sauren Atem riechen konnte, nahm die Sonnenbrille ab und kreischte auf Englisch: „KEINE FOTOS!"
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Ich stieß meine Übersetzerin leicht in die Rippen.
„Hey Nye Nye, der Typ will uns doch für dumm verkaufen. Versuch mal raus zu finden, was hier passiert ist."
Nye Nye blieb stumm.
„Komm schon, frag."
Nichts.
Der Geheimdienstler baute sich vor uns auf, deutete mit dem Zeigefinger an, dass wir verschwinden sollen.
Oh nein, ich gehe hier auf keinen Fall weg, denke ich. Nicht, bevor ich eine Antwort erhalten habe.
„Nye Nye, was ist jetzt, frag endlich, was hier los ist."
Der Typ raunte etwas auf burmesisch, es klang freundlich, leise, aber Nye Nye Blick fiel zu Boden, als hätte sie eine Ohrfeige erhalten.
„Bitte lass uns gehen", sagte sie kaum hörbar. „Dir wird nichts passieren, Du bist ein Weißer und wirst das Land wieder verlassen. Ich muss hier weiterleben. Bitte zwing mich nicht, Fragen zu stellen."
Das war die erste Lektion, die ich in Burma lernte. Dass das Lächeln der Burmesen Schminke ist, dick aufgetragen, um die Angst zu retouchieren. Die Gelassenheit von Menschen, die gelernt haben zu schweigen, die nie sagen, was sie denken, weil freie Gedanken tödlich sein können.
Ein Jahr lang arbeitete ich in Burma für die Myanmar Times, einer burmesischen Wochenzeitung. Für 500 Dollar im Monat. Abenteuerlust und Neugierde hatte mich in dieses Land getrieben. Einwände von Freunden, dass dort Unterdrückung und Zensur regierten, ignorierte ich. Also ab nach Burma, dem Reich der goldenen Pagoden. Ein Land, das aus der Zeit gefallen ist. Wo es kaum Autos gibt und wo Hupen und Motorradfahren verboten sind.
Ich fand dort eine Zauberwelt: Buddhas Garten, konserviert in der Isolationshaft einer Militärdiktatur. So schön, dass die Realität nur ein schlechter Traum sein kann, der vorüber geht wie der Monsun. In Myanmar, wie die Generäle Burma tauften, findet ein stiller Kampf satt.
Wie lange ich den Gecko an der Decke angestarrt hatte, weiß ich nicht. Vor mir flimmerte der Computer, in den ich Wörter gehackt hatte, so sinnlos wie ein Blatt weißes Papier. „Russischer Botschafter sagt, die internationale Gemeinschaft soll Myanmar mehr unterstützen." Blah, blah und nochmals blah. Was zum Teufel tat ich hier eigentlich? Die Junta bauchpinseln? Hat das noch was mit Journalismus zu tun? Diese ständige Selbstzensur. Blättert man in burmesischen Gazetten, entsteht der Eindruck, als wenn hier ein Hort der Zufriedenheit mit lauter glücklichen Menschen ist. Auf den Titelseiten des „New Light of Myanmar" , dem stalinistischen Propagandablatt, klopfen sich Generäle gegenseitig auf die Schulter, behängen sich mit Orden und sabbeln, wie viel sie für das Land und seine Menschen tun würden. Ah ja, kein Wort davon, dass das einstmals reichste Land Südostasiens zum Armenhaus des Kontinents geworden ist. Dass Regimegegner plötzlich verschwinden und Kinder zwangsrekrutiert werden, um gegen die rebellierenden Minderheiten in den Bergen des Goldenen Dreiecks in den Kampf zu ziehen? Alles Lügen der Imperialisten von BBC und CNN, die einen „Himmel voller Lügen" verbreiten. Allein der Gedanke, dass dies wahr sein könnte, machte mich zum Staatsfeind. Ich fühlte mich krank, elend, hilflos. Das Telefon klingelte. Rangehen? Warum denn. Wird doch sowieso abgehört, das weiß jeder in der Redaktion der Myanmar Times. Vielleicht gehe ich auf die Straße, hole mir kross gebratenen Tofu und sage unterwegs meinem Schatten, der mir überall hin folgt, Guten Tag. Geht es eigentlich noch unauffälliger? Wer sagt eigentlich, dass Agenten des Geheimdienstes MIS Sonnenbrillen tragen müssen, diese gefälschten Ray Bans mit Gläsern in Tröpfchenform.
Was soll's. Der Artikel musste geschrieben, die Seiten gefüllt werden. Inzwischen konnte ich mit Zensur umgehen, wie der Saufkumpan mit dem Kater. Jede Woche stiegen wir in den Ring mit den Zensoren, die jeden Artikel, jedes Foto nach Angriffen auf die Souveränität der Furcht überprüften. Denen bei Wörtern wie Demokratie, Menschenrechte und freie Wahlen der Puls hochging. Wobei ein Angriff auf Moral und Diktatur auch ein zu knapp geratenes T-Shirt eines burmesischen Models sein kann. Immerhin hatten wir neulich was zu feiern. Da konnte der australische Chefredakteur, Ross Dunkley, die Jungs mit der spitzen Feder davon überzeugen, dass das HI-Virus nicht an den Grenzen Burmas halt macht, nur weil diese geschlossen sind. Titelgeschichte. Sensationell. Die meisten Leser hatten nie zuvor etwas von der Seuche gehört.
Ich hatte es so satt. Diese stundenlange Umwege zu fahren, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Dieses Katz und Maus Spiel, um die Mutigen zu sprechen, die sich nicht knebeln lassen wollten. Und manche Kollegen, die in Bangkok, Singapur oder Kuala Lumpur ihr Wissen am Schreibtisch aneignen; richten und lästern. Die in arroganter Empörung riefen: Kollaborateur, Handlanger der Diktatur, Schande des Journalismus, Hofberichterstatter. Die nicht verstanden, dass allein die Existenz einer Zeitung wie die Myanmar Times, Fortschritt bedeutet. Die Tür zur einer Welt einen Spalt weit aufstößt, aus der kaum Nachrichten dringen. Gefiltert, ja. zensiert auch. Aber die Alternative wäre überhaupt keine Nachrichten.
Statt den Artikel zu schreiben, ging ich in das Büro von Ross Dunkley. „Lust auf nen Scotch, Kumpel?", rief er fröhlich. Dunkley ist der Typ Australier, der auf offiziellen Empfängen der Frau des australischen Botschafters auf den Hintern klopft und gerne auch mal öffentlich sagt, was für eine „beschissene Regierung" in Burma an der Macht ist. Er zeigte mir einen Artikel, in dem ein Auslandskorrespondent in Bangkok ihn als „opportunistisches Schwein" beschimpfte. „Mal wieder." Nichts Neues also. „Was soll das? Als ob es meine Aufgabe wäre, das Land zu retten." Aber Hilfestellung, die leistet er gerne mit seiner Zeitung. Zum Beispiel, in dem er junge Burmesen zu Reportern ausbildet, Jugendliche, die nie gelernt haben Fragen zu stellen, weil die Antwort ein Leben im Gefängnis oder in den Stollen der Rubinminen lauten könnte. „Weißt Du, was noch schlimmer ist als Journalisten? Gar keine Journalisten. Noch einen Scotch?"
Im Jahre 2000 gründete Dunkley, zusammen mit seinem burmesischen Partner Sonny Shwe, in Rangun die Myanmar Times. Fünf Jahre später, nach einem internen Machtkampf zwischen moderaten Generälen und Hardlinern, wurde Sonny Shwe zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Vater, Brigadegeneral und Chef der Zensurbehörde, U Thein Shwe, gar zu 152 Jahren. Man warf ihnen Korruption vor – und gegen das Zensurgesetz verstoßen zu haben. Die Hardliner hatten gewonnen.
Ich musste raus aus Rangun. Wollte reisen, in ein Asien, das so nur noch in Spielfilmen existiert. In eine Welt eintauchen, in der Zeit nicht mit Uhren gemessen wird. Dschungel, Reisfelder, die wie ausgebreitete grüne Matten in der Sonne liegen, Wasserbüffel, Hütten auf Stelzen, Bambuswälder. Und ich wollte Geschichten finden. In Mandalay, der alten Königsstadt Burmas, hörte ich die Menschen flüstern. Von dem alten Mann in seinem Palast, südlich der Wolken. Da, wo man schon fast schon zu China rüber schauen kann. Ganz allein sollte er dort leben, mit den Geistern der Verstorbenen und Vertriebenen. Die seines Onkels, des verratenen Prinzen von Hsipaw, der von seinen Untertanen Saophalong gerufen wurde. Mutig sollte er sein, dieser Mann in diesem alten Palast. Weil er sagte, was er denkt. Der Mann, von dem die Leute sprachen, war der Neffe des letzten Königs von Hsipaw.
„Nenn mich Donald", sagte der Mann mit dem schlohweißem Haar. Er saß auf einer Holzbank vor dem Palast seines Onkels, europäische Architektur, halb von Efeu verschlungen, dorische Säulen, die Jahreszeiten hatten das Holz schwarz angestrichen. Davor stand ein einsamer Flaggenmast. Mister Donald mochte sein Alter nicht nennen aber er hatte Feuer und Schneid – und den Händedruck eines Minenarbeiters. „Einst beneidete ganz Asien Burma. Wir hatten Universitäten und so viel Reis, dass wir ihn sogar exportierten. Jetzt haben wir kaum genug, um uns zu ernähren und die Universitäten sind geschlossen." Die wenigen Gäste, meistens Touristen, die ihn in seiner Welt besuchen kamen, nannte er Prinzen und Prinzessinnen. Weil sie die Freiheit haben zu reisen. Und das Geld, um ihn zu besuchen.
Er deutete auf das Haus hinter ihm, das er seine Universität nennt, und seine Besucher Lehrer. „Weil ihr mir von der Welt da draußen erzählt. Hier sind wir frei, um unsere Ideen auszutauschen." In der Ferne tönten die Gongs der Klöster, die monotonen Gesänge der Mönche und die Trommeln der Shan. Und Mister Donald erzählte vom Leiden seines Volkes, drei Stunden lang. Von Unterdrückung und Demütigungen, verbotene Geschichten von Angst und Resignation. Von seinem Onkel, des Prinzen, den sie eines Tages verhafteten und der nie mehr gesehen wurde. Angst, dass auch er in den Verliesen oder Arbeitslagern der Junta landen könnte, Freiheit oder Leben verliert? Mister Donald lächelte; wissend, geheimnisvoll. „Was sollen die denn machen? Ich kann doch nichts dafür, dass ich Besuch bekomme."
Anscheinend doch. Denn Mister Donald empfängt keine Besucher mehr im Palast des letzten Königs von Hsipaw. Eines Tages kamen sie, um auch ihn zu holen. Er ahnte, dass es so enden würde. Man warf ihm vor, sein Land verleumdet und illegal Touristen getroffen zu haben, ein Vergehen, das in Burma mit dreizehn Jahren Zuchthaus bestraft wird. Mit ihm wurde auch sein Bruder verhaftet. Er hatte es gewagt, die Militärjunta öffentlich zu kritisieren. Das Urteil: 92 Jahre Haft.
Freilich, diese Geschichte stand niemals in der Myanmar Times. Aber vergessen ist sie nicht, wie all die anderen, auf die der Zensor „Abgelehnt" gestempelt hat, die in einem Metallspind der Redaktion lagern und darauf warten, gedruckt zu werden.
Nach einem Jahr hatte ich die Nase voll von Burma. Falsch, von dem Myanmar der Machthaber in Uniform. Die Realität hatte dem Abenteuer seinen Zauber genommen. Das Verrückte war Alltag geworden, hatte einen schalen Beigeschmack bekommen. Ich hatte genug gelernt, ändern konnte ich ohnehin nichts an der Situation, helfen schon gar nicht. Also zurück nach Deutschland. Oft denke ich an die Mönche in rubinroten Roben, die Zigarre rauchen zurück. An die Männer im longyi, dem traditionellen Wickelrock der Burmesen, die Karten spielen. An die schönen Frauen, die schlafende Kinder auf dem Schoß haben und sich thanaka, Sandelholzpaste, auf die Wangen pudern. An den Fremden, der mir ein fermentiertes Ei anbietet, bevor er mir die Tragödie seines Landes erzählt, mit der Bitte, sie in die Welt zu tragen.
Was ist aus ihnen geworden? Aus Johnny, dem Maler, den ich auf einem rostigen Seelenverkäufer traf und der seinen richtigen Namen nicht zu nennen wagt. Wir standen an der Reling, blickten auf den Fluss, der sich wie ein grüner Salamander durch die Mangroven schlängelte und Johnny erzählte mir, dass er sieben Jahre in einem Arbeitslager Steine klopfen musste. Weil er es gewagt hatte, dass Massaker von 1988 in Öl auf Leinwand zu bannen. Oder U Win Tin, der Taxifahrer, der gegen seinen Willen Ausländer bespitzeln musste. Und der davon träumte, dass der amerikanische Präsident Jagdbomber nach Burma schickt, um dem Terror ein Ende zu bereiten. „So wie im Irak." Oder den 35.000 Zuschauern im Stadion von Rangun, die während eines Fußballspiels zwischen Myanmar und Malaysia aufbegehrten, den damaligen Herrscher Khyn Nyunt als Lügner beschimpften und mit leeren Wasserflaschen bewarfen. Dieser mutige Mob, der sich von den hunderten Sicherheitsleuten nicht beeindrucken ließ, die vorsichtshalber schon mal Bajonette auf ihre Kalaschnikows pflanzten. Sie wussten, für alle ist in Burmas Gefängnissen kein Platz. Oder, oder, oder.
Seit einigen Wochen nun blickt die Welt wieder auf Burma und seine Machthaber, die der Welt ihr wahres Gesicht zeigen. Doch hinter den Mauern flüstern die Menschen die verbotenen Geschichten. Es gärt und brodelt in Buddhas Garten. Und die Generäle lassen weiter schießen und Gegner verschwinden. Weil sie merken, dass sie machtlos sind, da man Geschichten und Träume nicht einsperren kann.
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Thursday, September 06, 2007
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MOTHER OF MERCY How a single Chinese woman saves hundreds of convicts' children
An estimated 7,500 criminals are executed in China every year. But what happens to their children as they await their sentences on Death Row? Many end up as thieves or tramps, neglected by a society that regards them with contempt. Their ill-fate motivated Zhang Shuqin - a single mother and former jail warden - to open up an orphanage especially for children who had lost parents on Death Row. She called it 'Sun Village'. Her initiative is now winning her national and international acclaim and support.
When Zhou Ying is desperately missing her parents, she dreams back to the days when she flew a multi-coloured dragon-kite with her dad near a monastery in the province of Henan; on the way home, he used to buy an ice-cream for her. "I miss Ba Ba and Ma Ma so much," she sighs. It seems that every word is hurting her. She's a pale 13-year old with a ponytail who doesn't know what to tell her younger siblings about where their parents are. Her sister Yan Kie, 9, wants to become a pop-star and their brother Wan, 5, hardly remembers his father or dead mother. She stares at the floor biting her lip. Spring-light falls through the window. Don't cry, just don't cry.
It's a year ago now that Zhou Ying's father killed her mother in a rage of jealousy triggered by rice-wine, because she had betrayed him with another man, or so it was whispered in the neighbourhood. Zhou Ying sits on a metal bed and tells a story she'd rather not tell: how she was there at the scene and saw her father's hands screwing tighter and tighter around her mother's neck; how the police came and took him away, and how no one wanted to take care of her and the other children - not the uncle, not even the grandmother – driven by poverty or shame. So they were alone, until this strange lady came, who took the three children to Beijing to an orphanage named 'Sun Village', a long, long way from home.
At least a million youngsters are forced to grow up without parents in China. They become outcasts who are despised or ignored, orphaned because their father and mother are in jail with a death penalty hanging over their heads, or who may have been executed already. Many of these children end up in the streets as beggars, thieves or day-workers. The son of a murderer is going to be a murderer as well, so the saying goes. China is going through a process of change, but old prejudices fade away slowly. Chinese emperors used to order the relatives of a sentenced criminal to be killed too. And Mao Zedong also had the opinion that it was best to lock up the family in a clan-arrest. "The son of a hero is a hero. The son of a scoundrel is a scoundrel," said the great leader. Many still believe that he was right, along the lines of the old Chinese proverb: a cat will never give birth to puppies…
The woman, who is called Nai Nai or Po Po (grandmother) by the children in Sun Village, is standing near her office window on the first floor of a renovated storage building. On the wall hangs a framed poem from Chairman Mao written in calligraphy which praises the beauty of China. Madame Zhang Shuqin – 59 years old, a former jail-warden, yet an elegant widow with her hair painted red – is holding a 'Slim Line' menthol cigarette in her right hand. Six years ago, she set up Sun Village at a location some 40 minutes by car from Beijing. There are ten barracks painted in bright colours where 131 children are living in groups of 12, divided into boys and girls. Each group is monitored and coached by two adults. The children get a simple bed, some storage space in a cupboard, three meagre meals per day, lessons in school, guidance, a sense of values, care and attention. It's not only a home, but also a chance to make it in life. "Nothing that other kids aren't getting as well." But what would they get if it wasn't for Madame Zhang?
A bell rings announcing lunch. "Can I go now?" Zhou Xin runs off amidst the other children who head for the canteen. On the table stands a bowl of rice with vegetables in a watery soup. That small boy is Liu Bing, 11; his jailed parents have been given a life-sentence for trading in children. Next to him sits Hu Quing, 6, whose father first stabbed his own wife and then her lover. He was executed. And then there is Wang Ming, 10, who has not smiled since she learned almost a year ago that her mother had died in prison. She will sit silently in front of the kennel at the far end of the playground, allowing the street-dog that Madame Zhang picked up as companion for the children to lick her hand.
"China is such a strong and beautiful land," says Madame Zhang. "Why should these children pay for the deeds of their parents?" The state does not care for them, no one takes responsibility. So, she has made it her mission to regularly remind the people's representatives of the Communist ideals. Her efforts may have contributed to a law in the making that protects the offspring of criminals.
According to Amnesty International, China executed at least 1,010 people in 2006 – but the real figure is believed to be much, much higher: it is estimated at 7,500 to 8,000 per year. The Chinese legal authorities are keeping the number of executions out of the public eye by lumping the death penalties into the category of sentences that run for 5 years or more. The statistics of actual executions are a well-kept secret.
During a session of the People's Congress in March this year, the top-judges announced that the death penalty would be reformed in due course and that mercy would be granted more often. The state would 'carefully control and wisely implement' such punishments and set standards for how people may be executed. Criminals who turn themselves in or who help to solve their crime should no longer be given the death penalty. The same principle would apply when someone who is accused of family-violence 'is showing real remorse and is willing to actively repair the damage done to the victims'. Also, the plan is to restrict capital punishment to very serious offences in other areas such as economical crime or corruption.
Madame Zhang is bending over a stack of paperwork; bills and letters from desperate parents. She frowns: "Look - the telephone bills, so expensive. Where should I get the money from?" For a long time she had to care for the children alone, but now she has assistants who are paid a thousand Yuan per month (around 100 Euro), not a lot even for Chinese standards.
Each child costs approximately 400 Euro per year for food, lodging, school fees and other expenses. At the moment, there is no budget for doctors or medicine. "Mind you, I must go out begging, find sponsors," Madame Zhang informs sternly.
She conceals the execution of the parents in order to spare the children a psychological breakdown. "We tell the very small children that their parents are waiting for them at a very nice place, so far away that you cannot call or visit them. And when they are a bit older, we say that their father and mother were suffering from a bad illness and have died because of it. They will find out the truth at some stage from family or police. But later, rather than sooner."
They call her the 'mother of murderer's kids'. Again and again, reporters from the Chinese state television have come to Sun Village. And once, an elegant lady from Sweden arrived. It was only later that she found out that they had been visited by Queen Silvia.
A boy in a green sweater bursts into her office. He is crying, snot is running from his nose. "What's wrong, Li Hong?" she asks and gently lifts him up on her lap. "Nothing, Nai Nai." She puts her arms around him, kisses him on the nose, gives him a lollipop and he smiles again. Just a bit of attention and everything is alright. "Ok, now you can go play again." She knows that there are some men from a Chinese bank in the room next door who want to improve their 'corporate identity' through a small donation. She pulls another cigarette from the pack. "Come on in, gentlemen," she chirps.
Zhang Shuqin was born in the poor province of Shanxi, where mining is the main economic activity. "I know what it means to be poor. All my friends were suffering from hunger and so was I." She chose to become a nurse and followed the call of Mao in 1971 during the period of the Cultural Revolution, and then went on to become a mountain doctor in Shanxi.
Later, she became a warden in the jail of Xian, a large city with a population of millions, mostly known because of the famous terracotta army that was excavated nearby. In prison, she found parents who did not know where their children were or how they were developing or whether someone actually cared for them. "Sheer desperation gets to them caused by uncertainty and sorrow." One mother slit her wrists in grief trying to escape the world. And there was a father who was sentenced to death and didn't stop his attempts to break out of jail because he wanted to see his children. "In the end, we had to lock him in chains." And then one day, Zhang Shuqin decided to stop serving the cold legal institution. She simply could not tolerate observing what was going on as a neutral bystander.
"Does it make me cry? It sure does, very often. The fate of these people breaks my heart." She once received a letter. "Dear Miss Zhang. I have killed my neighbours out of greed and now I will be executed soon. Can you please take care of my son, so I can die in peace?" She was too late. When she called to visit him in prison, he had already been executed. "This man died without knowing what would happen to his child." She gets up from her chair and turns away, swallows a tear, wipes the sadness from her face. The son now lives in Sun Village.
The telephone rings. There are some police officers at the front door who are bringing 'number 132' to the orphanage: a lanky seven-year-old with uncertain, anxious eyes behind the thick lenses of his spectacles. His father must serve a five-year sentence behind bars for theft. The policeman shakes the hand of Madame Zhang. They know each other. It often happens that officials drop such "problem children" at the orphanage as they don't know what else to do with them while their parents are behind bars.
"Do come in, sir. Have a cup of green tea with me. I have an excellent brand that you simply must taste."
"I am sorry, but that is not possible. The work, you know how it is. But the next time, I will accept your invitation with pleasure. See you again."
Madame Zhang looks at the policeman walking away while she's searching for a lollipop in the pocket of her jeans, which she hands to the boy. He smiles silently, mouth and soul silent.
"Not that bad a start," she whispers, and takes him by the hand. But later, when left alone in his new world, he sobs.
Sun City looks pale and forgotten by the world when the first buses begin to arrive at dawn via the road that leads to Beijing. It's Saturday, visitor's day. But instead of fathers and mothers, a mixture of voluntary assistants, students, spectators, potential sponsors and school classes are visiting the premises.
"The people must see it with their own eyes," says Madame Zhang while escorting groups of people through the children's dormitories. "They need to see it to learn. The more visitors we get the better."
Some visitors are famous, like the beautiful Chinese actress Zhang Ziyi or the director Zhang Yimon, who both came to Sun Village. A girl sits on the lawn between the barracks with a puppy on her lap. A woman stops in front of her, pats her on the head, and says to her husband: "Look, she is really pretty!"
Once each month, the children in Sun Village are allowed to call their parents in prison – provided they are still alive and the jail permits such calls. A girl dressed in white and pink stands impatiently and excitedly in front of Madame Zhang's desk. Guan Xi has the first turn at it. She is 9 years old and has no idea that her father will probably die soon. Her hands tremble when she places the phone to her ear.
"Ba Ba?"
Guan Xi's eyelid is twitching, she has difficulty speaking.
"Ba Ba Ba Ba Ba," she stutters.
There is no place or time for intimacy. Others await their turn with burning desire.
"How are you doing at school? Do you behave well?"
"Yes, Ba Ba."
"Be a good girl. Learn well, so I can be proud of you. Do you hear me?"
"Yes, Ba Ba."
Her father travelled for years through the Northern provinces with Guan Xi after her mother had died just after she was born. He wandered from one factory to another as a temporary worker trying to make enough money for him and his daughter – stitching clothes, digging coal, building cheap computers for western companies. Nine months ago, they stepped from a train arriving at Lanzhou, the capital of the Gansu province. This was to be a new beginning, no more trekking from one place to another. But they ended up in the custody of the police who were waiting for him at the station. He was arrested on the spot as a drug-courier when they traced two kilograms of raw opium in a plastic bag in his luggage.
All sorts of efforts failed to find a family member who wanted to take care of the girl, until one female police officer thought of the unique woman who would protect a child like Guan Xi and so she called Sun Village. Four days later, Madame Zhang arrived at the Lanzhou police station to collect the little one.
"Ba Ba, when will you be released? I miss you," whispers Guan Xi into the phone. She wants to visit him so badly in Lanzhou, 1,900 kilometres from Beijing. She is hoping that he will be released soon, she is making plans. "When I will be grown up, I will take care of my dad." They will live in a clean house with a TV-set and hot and cold water. And every day, she will make the steamed dumplings that Jiao Zhi loves to eat so much.
"She does not know that he will never leave the prison again," says Madame Zhang. "Or that he may be executed." Smuggling drugs is a capital offence in China, which may very well lead to the death penalty. But Guan Xi's father was lucky. The judge ruled that he would only be executed if he misbehaved during the first two years of his sentence; if he proved to be a good prisoner, the death penalty would be changed to a lifelong sentence.
"I love you, Ba Ba," says Guan Xi. The call has ended but she keeps pressing the phone to her ear and refuses to let go of it - as if in an effort to haul her father in - until one of Madame Zhang's assistants kindly convinces her to put the phone down, gently stroking her hair.
"Come, Guan Xi, don't cry. You will be speaking with him again in just a month."
The next child picks up the phone. They fight with their tears, they choke, they tremble – and some don't say anything at all.
In one of the barracks next door, Zhou Xin reluctantly opens a school notebook in an effort to forget her yearning with the mathematics she needs to learn. She is one of the few children who is not allowed to speak to her parents – in this case because her father has not been sentenced yet. He will only be able to speak with her again after it has been decided whether he will live or die. That is how the directors of the jail want it. But she can't concentrate on schoolwork. Damned figures! The notebook is shoved away. Zhou Xin stares into the sky, dreaming of the dragon-kites flying over the monastery in Henan.
Copyright © Carsten Stormer All rights reserved.
ADDITIONAL INFORMATION:
Donations can be sent to: Beijing Sun Village Children's Education Consultancy Account Number: 80 711 504 900 809 1001 Swift Code: BKCHCNBJ110 Bank of China, Beijing, Shunyi Sub-Branch Mapo District Office Address: No 11 Xiangyang West Street Mapo District Shunyi, Beijing, China
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Friday, August 24, 2007
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Zugfahrt zu Mr. Donald
In Mandalay, der alten Königsstadt, wird geflüstert. Von dem alten Mann in seinem Palast, südlich der Wolken, da, wo man schon fast schon zu China rüber schauen kann. Ganz allein soll er dort leben, mit den Geistern der Verstorbenen und Vertriebenen. Des letzten Prinzen von Hsipaw, der von seinen Untertanen Saophalong gerufen wurde – und Inge, der Frau, die er liebte, die aus einem fernen Land stammte, dass die Langnasen Österreich nennen. Mutig soll er sein, dieser Mann in seinem alten Palast. Weil er sagt, was er denkt, in einem Land, in dem freie Gedanken tödlich sein können. Die Schergen in Uniform, Birmas Generäle, die das Land seit vierzig Jahren knebeln, wollen es so. Der Mann, von dem die Leute sprechen, nennt sich Mr. Donald, er ist der Neffe des letzten Königs von Hsipaw. Um zu ihm zu gelangen, kann man die schnelle und langweilige Route per Bus auf dem Highway Nummer 3 wählen. Oder eine der aufregendsten Bahnstrecken der Welt:
Von Pyin Oo Lwin, der alten englischen Feste und ehemaligen Luftkurort für Monsun geplagte Kolonialbeamte-Gattinnen, nach Hsipaw, der Residenz der Shan-Könige.
Acht Uhr. Eine Zeitreise in eine andere Welt beginnt. Samt antiker Dampflokomotive aus der Ära des Imperialismus und Gleisen, die vor mehr als hundert Jahren gelegt wurden. Ein schwankender Trip auf nackten Holzbänken, auf denen schon George Orwell gesessen haben könnte, als er seine „Tage in Burma" schrieb. Und so gemächlich, wie es nur möglich ist in einer Welt, in der Zeit nicht mit Uhren gemessen wird. Die Luft ist schwanger von Geschichte und dem Qualm Zigarre rauchender Burmesen.
„Good day", sagt das Wesen, das mir im Lotussitz gegenüber auf der Holzbank hockt. Ich kann nicht erkennen, ob es Mann oder Frau ist. Lange graue Zotteln, Furchen, so tief wie Schluchten. Es lächelt drei schwarze Zähne frei und spuckt einen Schwall Speichel aus, rot vom Saft der Betelnuss.
„Gute Reise", wünscht es mir, dann fällt sein Kopf zur Seite und das Wesen beginnt zu schnarchen.
Ich blicke mich um. Sehe Mönche in rubinroten Roben, die Zigarre rauchen. Männer im longyi, dem traditionellen Wickelrock der Burmesen, die Karten spielen. Frauen, die schlafende Kinder auf dem Schoß haben und sich thanaka, Sandelholzpaste, auf die Wangen pudern. Jemand bietet mir ein fermentiertes Ei an.
Am Fenster rollt ein Asien vorbei, dass man nur aus Spielfilmen kennt. Sechs wunderbare Stunden lang: Dschungel, Reisfelder, Wasserbüffel, Hütten auf Stelzen, Bambuswälder, an winzigen Bahnhäfen reichen Mädchen Gebratenes am Stock durchs Fenster; Huhn, Fisch oder Ratte. Eine Zauberwelt, konserviert in der Isolationshaft der Militärdiktatur. So gnadenlos schön, dass die Realität nur ein schlechter Traum sein kann, der vorüber geht wie der Monsun. Wie können Menschen, die im Paradies leben, nur so grausam zu ihrem Volk sein. Folter, Unterdrückung, Verfolgung, ethnische Säuberungen der Militärjunta gegen die Minderheitenvölker der Shan, Mon oder Karen. Burmesischer Alltag.
Die Hauptattraktion der Reise, zumindest für Bahnliebhaber oder Lebensmüde, ist die Fahrt über das Gokteik Viadukt, dreihundert Meter hoch und im Jahre 1903 erbaut von der amerikanischen Pennsylvania Steel Company. Damals war es die zweithöchste Eisenbahnbrücke der Welt, ein architektonisches Meisterwerk, und heute etwa so stabil wie ein Kartenhaus.
Plötzlich tauchen Männer auf, sie tragen verspiegelte Sonnenbrillen, lächeln nicht und wirken auffällig unauffällig. Sie bauen sich vor den Fahrgästen auf und plärren etwas auf burmesisch. Wo eben noch gelacht und geplaudert wurde, herrscht nun schneidende Stille. Einer der Schreihälse geht auf mich zu, beugt sich hinunter, so dass ich seinen sauren Atem rieche, nimmt die Sonnenbrille ab und kreischt auf Englisch: „KEINE FOTOS!"
Schon gut, schon gut. Als wenn ich ein Spion wäre, der die Geheimnisse burmesischer Architektur stehlen möchte. Oder ist der Auftritt der Schlapphüte damit zu erklären, dass da unten im Dschungel Militäranlagen liegen sollen? Dann verschwinden die Geheimdienstmänner so schnell, wie sie erschienen sind. Und ein Dutzend Passagiere halten Fotohandys und Einwegkameras aus den Fenstern, als hätte es die Jungs mit den Sonnenbrillen nie gegeben. Oder gerade wegen ihnen. Wunderbares Birma.
Langsam, ganz langsam tuckert der Zug auf dem uralten Monster aus Stahl und Streben. Wie ein Seiltänzer in schwindelnder Höhe tastet er sich vorwärts. Links und rechts öffnet sich der Höllenschlund. Es schwankt und quietscht und ich halte den Atem an, hin und her gerissen zwischen Höhenangst und Panorama.
„Irgendwann wird das Ding zusammenbrechen", kichert ein Mann neben mir und schiebt seinen Oberkörper aus dem Fenster.
Stunden später keucht die Lok in Hsipaw ein.
„Nenn mich Donald", sagt der Mann mit dem schlohweißem Haar. Er sitzt auf einer Holzbank vor dem Palast seines Onkels, europäische Architektur, halb von Efeu verschlungen, dorische Säulen, die Jahreszeiten haben das Holz schwarz angestrichen. Davor steht ein einsamer Flaggenmast.
„Einst beneidete ganz Asien Birma. Wir hatten Universitäten und so viel Reis, dass wir ihn sogar exportierten. Jetzt haben wir kaum genug, um uns zu ernähren und die Universitäten sind geschlossen."
Die wenigen Gäste, meistens Touristen, die ihn in seiner Welt besuchen kommen, nennt er Prinzen und Prinzessinnen. Weil sie die Freiheit haben zu reisen. Und das Geld, um ihn zu besuchen.
Er deutet auf das Haus hinter ihm: „Dies ist jetzt meine Universität. Ihr seid meine Lehrer. Weil ihr mir von der Welt da draußen erzählt. Hier sind wir frei, um unsere Ideen auszutauschen." In der Ferne tönen die Gongs der Klöster, die monotonen Gesänge der Mönche und die Trommeln der Shan. Und Mr. Donald erzählt vom Leiden seines Volkes, drei Stunden lang. Von Unterdrückung und Demütigungen, verbotene Geschichten von Angst und Resignation. Von seinem Onkel, dem Prinzen, den sie eines Tages verhafteten und der nie mehr gesehen wurde. Und seiner Frau Inge, die in ihre Heimat Österreich fliehen musste.
Angst, dass auch er in den Verliesen oder Arbeitslagern der Diktatoren landen könnte? Mr. Donald lächelt; wissend, geheimnisvoll. „Was sollen die denn machen? Ich kann doch nicht dafür, dass ich Besuch bekomme."
Diese Geschichte spielt im Jahre 2004. Und die Welt ist seitdem eine andere geworden in Hsipaw. Mr. Donald empfängt keine Besucher mehr im Palast des letzten Shan-Königs. Eines Tages kamen sie, um auch ihn zu holen. Er ahnte, dass es so enden würde. Man warf ihm vor, sein Land verleumdet und illegal Touristen getroffen zu haben, ein Vergehen, das in Burma mit dreizehn Jahren Zuchthaus bestraft wird. Mit ihm wurde auch sein Bruder verhaftet. Er hatte es gewagt, die Militärjunta öffentlich zu kritisieren. Das Urteil: 92 Jahre Haft.
Jetzt steht der Palast verlassen da. Gäste sind nicht mehr willkommen. Nur die alte Dampflokomotive fährt noch immer nach Hsipaw und schleppt Besucher zu den Geistern und Legenden der alten Shan-Könige. Zu den Mythen und der Schönheit Asiens – und den Zeugen einer schäbigen Gegenwart.
Mr. Donald hätte gewollt, dass sie kommen, um den verbotenen Geschichten zu lauschen, die jetzt nur noch hinter Mauern geflüstert werden. Und die Generäle können nichts machen, weil man Geschichten eben nicht einsperren kann.
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