....es ist unfassbar, wenn man plötzlich mit seiner lieblingsband auf einer bühne stehen darf. ich durfte das neulich in bremen mit hannah, chris und dylan von ghost mice. nachfolgenden text habe ich dann gelesen.
Geistermäuse
Vielleicht kennt ihr das. Ihr findet eine Band oder sie findet euch, und ihr werdet sie nicht mehr los. Und wenn ihr auf der Suche seid, besonders in der Jugend und Post-Jugend, dann kann eure Band plötzlich für eine ganze Philosophie stehen, die ihr euch Schritt für Schritt zusammen zimmert. Das kann bis hin zu einzelnen Charakterzügen gehen, die ihr euch zu eurer Sängerin oder eurem Sänger zurecht legt: Klar, so würden sie jetzt denken, genau so sind sie. Klar, treten sie hierfür und dafür ein, nie werden sie sich von ihrem Weg abbringen lassen.
Nach einiger Zeit steht eure Band für etwas, das ihr für erstrebenswert haltet, für etwas Authentisches. Sie wird ein Symbol für das, was euch ein besseres Leben verspricht. Und im besten Fall stiftet eure Band euch dazu an, selbst Musik zu machen.
"So what do you do / when all of your dreams come true?
Alles prima. Und dann seid ihr tierisch enttäuscht, wenn ihr eure Band kennen lernt. Arrogant, berechnend, gelangweilt, nur den eigenen Vorteil im Auge. Die Band besteht aus Arschlöchern. Sie haben Schwächen. Illusionen fallen in euch um, und ihr merkt, dass all das, was ihr in diese Band projiziert habt, nur eure Idealvorstellung ist, die ihr selbst vielleicht gar nicht lebt, weil zu leben ihr sie womöglich zu feige seid.
So gesehen sind Ghost Mice Superhelden. Ihre untrübliche Stärke ist, dass sie all ihre Schwächen rücksichtslos offen legen. Von Anfang an.
Ghost Mice erzählen vom stets scheiternden Kampf um ein besseres Leben, von gebrochenen Herzen, von der Liebe zu ihrer ganz persönlichen Trutzburg Bloomington im amerikanischen Bundesstaat Indiana, von Freundschaft und was sie bedeuten kann, von Pizza klauen, vom Fahrrad fahren als Ausdruck von Freiheit, vom Reisen ohne Zwang, von DIY als immer noch positiver Bewegung, von Hoffnung auf ein besseres Leben inmitten einer von Angst und Hass geprägten Gesellschaft.
I live on an island in the middle of the sea. / That's filled with hungry shark that lke to eat people like me. / It's been called an utopia on a punk rock paradise. / My island isn'rt perfect but my island's pretty nice.
Sie spielen Garden-Core - if that makes sense. Dabei verbinden sie die traditionelle Folkmusik von etwa Woody Guthrie oder dem frühen Pete Seeger mit der Intensität und Unmittelbarkeit von Punkrock und DIY. Das alles passiert grundsätzlich in einem intimen und von direkter Kommunikation bestimmten Setting – so wie gleich hier.
Aber dieser Text soll kein Versuch sein, über Musik zu schreiben, denn bekanntlich ist über Musik schreiben ja wie zu Architektur zu tanzen. Es würde sich in den Schwanz beißen. Aber
Hannah und Chris von Ghost Mice machen keine Musik. Die sind so. Die haben was zu erzählen. Die leben wirklich so. Inmitten von Angst und Alltagsdepression bewahren Ghost Mice Haltung und brechen große Themen schüchtern und entwaffnend ins kleine hinunter. Ghost Mice versuchen Güte, Kindlichkeit und Offenheit im anarchistischen Kontext zu verbreiten. Und wenn sie sich das trauen, traue ich mich sogar meine Hippietendenzen zuzulassen, obwohl Hippies bei mir ansonsten den Lieferanteneingang benutzen.
„You can promise me that, I can promise too, that'll I'll never give up on you."
Ich kenne das, auf der Bühne zu stehen, freudige und traurige, dramatische und peinliche Momente meines Lebens für alle noch einmal nach außen zu stülpen und in viel zu schnellen Gedankenströmen durch meinen Kopf rasen zu lassen. Und alles so tun, als wäre es das letzte Mal. Rumreisen, erzählen und singen als Selbsttherapie. Wenn ich dann mit mir vor den wenigen Leuten über mein Leben diskutiere, kann der kleine Raum, der Schrebergarten, das kleine Wiesenstück unter dem Baum im Stadtpark ein ganz persönlich besonderer Ort werden. Und ich freue mich so, dass wir heute Abend Ghost Mice sehen können, die – wenn der Augenblick günstig ist – so eine Intimität schaffen können, wie es kaum ein anderer schafft. Jemand sagte mal schlicht über die zwei: They played and it was obvious. It just seemed right.
„If you tell me what it's like to die than I can tell you what it's like to be alive."
Ghost Mice zeigen, dass Protest immer im Privaten anfängt. Bei einem selbst. Ihre erste Europa-Tour haben sie quasi komplett vegan gemacht. Das bedeutete zu jedem Auftrittsort zu trampen, unterwegs möglichst zu zelten, spielen ohne Verstärker und Mikros. Vom vegan essen und leben ganz zu schweigen.
Ich gestehe: ich bin einer von denen, der hochkantig bereut, nie ein Instrument gelernt zu haben. Darunter leide ich ständig. Ihr kennt das, zuerst gibt's die Flöte. Als ich zehn war, war ich der beste Flötenspieler unserer Schule. Als es dann zur Gitarre ging, gab es das Problem, dass das Fußballtraining am gleichen Tag stattfand. Als kleiner Junge entschied ich mich dafür, einem Ball auf einem Rasen nachzujagen. Einem Rasen, der zumeist nicht mal einer war, weil wir fast immer auf roter Asche spielen mussten.
Ich würde heute fast alles geben, um jede Platte, jeden Song, jede Strophe auf meine Art genauso machen zu können wie Ghost Mice und einige andere solcher Menschen, die mir zu Ohren kommen. Und irgendwie versuche ich das auch. Nicht musikalisch, sondern im Alltag bin ich eine Geistermaus. „Geistermäuse", so erzählte Chris einmal, „waren das Ruhigste, was Hannah und ich uns vorstellen konnten". Manchmal braucht es Ruhe, aus der man wieder laut aufschreien kann. So funktionieren Ghost Mice. Sie gründeten sich aus dem Bedürfnis heraus, ohne den ganzen Materialballast touren zu wollen.
Hannah und Chris sind Hobos erster Güte. Hobos sind Wanderarbeiter, die sich vor ca. hundert Jahren in den USA als Tagelöhner unter die Züge auf ein Eisengestell gelegt haben, um sich umsonst zu einem nächsten Engagement durchzuschnorren. DER Hobo war der jüdische Schwede Joel Emmanuel Häglund. Er suchte Anfang des 20. Jahrhunderts das große Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber zuerst sah er seinen Bruder in eine Straße einbiegen und danach nie wieder. „Amerika ist so groß", soll Häglund mal gesagt haben, „man kann sogar seinen Bruder darin verlieren. Joseph Hillstroem, wie er sich nach einigem Stress mit Arbeitgebern nannte, wurde verboten, auf Marktplätzen politische Reden zu verbreiten. Einmal, als die Polizei ihn mal wieder vom Platz trug, sah er militante Christen ihre Schmonzlieder singen. Und er verstand: Singen war erlaubt. Also setzte er sich 1911 hin und packte seinen Unmut in den Song „The Preacher and the Slave". Er entlarvte den Priester, die Wein trinken und Wasser predigen. Ein Song gegen die protestantische Arbeits- und Gewissensethik.
Long-haired preachers come out every night,
Try to tell you what's wrong and what's right;
But when asked how 'bout something to eat
They will answer in voices so sweet
You will eat, bye and bye,
In that glorious land above the sky;
Work and pray, live on hay,
You'll get pie in the sky when you die
So wurde er als Joe Hill zum wohl ersten amerikanischen Protestsänger. Joe wurde zu einem Hobo mit so viel anarchistischen Anleihen, dass ich ihn heute einen Anarchisten nenne. Joe Hill wurde verurteilt und getötet, weil er angeblich einen Shopbesitzer erschossen haben soll, obwohl er gar nicht in der Nähe war und kein Motiv hatte. Es war ein skandalöser politischer Indizienprozess. Denn Joe Hill hatte sich der IWW angeschlossen, den Industrial Workers of the World, den so genannten Wobblies, die vor allem migrantische Arbeiter in den USA radikal organisierten. Einer ihrer Tricks war, dass alle irgendwie Rädelsführer waren: Wenn die redende Person auf der Obstkiste verhaftet wurde, sprang der nächste Wobbly auf die Kiste und redete weiter. So hatte die Polizei am Ende mehr Internierte als Zellenplätze und es kam vor, dass sie die unablässig singenden Arbeiter entnervt wieder auf freien Fuß ließen.
Hannah und Chris von Ghost Mice sind auf freiem Fuß. Und immer unterwegs. Sie treten Trampelpfade aus, die zwar unwegsamer, aber immer spannender und unmittelbarer sind als der andere Krempel. Joe Hill wäre im Kontext unserer Zeiten froh, dass es Ghost Mice gibt.
I've come such a long way / to get to where I am today, / and I must admit I used to be / more like one of my enemies. / And step by step my progress seemed so slow, / coz there was such a cold and lonely road / that most the while I travelled on my own / with no idea of where I was trying to go.
Wenn wir über das DIY-Label Plan-it-X reden, können wir über Chris von Ghost Mice nicht schweigen. Diskurse um das Richtige Leben im Falschen, das es ja bekanntlich nicht gibt, interessieren Chris nur bedingt. Denn Chris ist jemand der schafft. Soweit ich Chris inzwischen kenne, lebt er, wie es der alte Brecht wollte: Er stellt offene Fragen. Jede offene Frage ist ein Ergebnis. Ständig zersetzen und erlegen - ohne sich zu ergeben. Chris bewohnt Plan-it-X, macht nur Bands, die ihm gefallen und schreibt ihnen nichts vor. Er veröffentlicht ihre CDs zum Teil planlos, aber nicht lieblos, im Gegenteil. If it ain't cheap – it ain't punk. Hoffentlich gibt es kein Finanzamt, dass es jemals schaffen wird, seine 5-Dollar-pro-CD-Politik zu erschüttern. Chris und Hannah haben ein Herz so groß wie Texas und vergessen dabei nie eines auszustrahlen: den Wunsch nach einer anderen Welt.
Es muss im Online-Tagebuch von Kimya Dawson gewesen sein, als ich vor einigen Jahren auf Ghost Mice aus Bloomington in Indiana stieß. Kimya legte in ihrem Tagebuch rücksichtslos entwaffnend ihr Herz offen, für alle einseh- und kommentierbar. Längst war sie nicht mehr auf die Moldy Peaches reduzierbar, sondern hatte sich mit ihren Solo-Stücken und Auftritten ein eigenes Universum geschaffen. Und ein Planet darin waren Ghost Mice, von denen sie einmal sehr schwärmte.
Das passierte zu einer Zeit, in der ich mit mir und allem frustriert und defätistisch war: Jede Rezeption von Musik als Nische hat etwas mit Flucht und Selbstbetrug zu tun. Alle Nischen sind vergiftet. Überall nur Mythen.
Und auch auf der anderen Seite: Meine antidiskriminierende Arbeit im Fußball wurde plötzlich hoffähiger. Plötzlich werd ich zur DFB-Task-Force eingeladen und frage mich immer öfter: Habe ich was falsch gemacht? Habe ich mich auf dem Weg verloren?
I was a fag, i was a geek, / I was as a loser and a freak. / I tried my best just to be invisible. / I was counting all my days, / I was planning my escape. / It's amazing that kids can be so cruel. / Well the four years went by and i made it out alive, / then i started to live my real life. / Mow i'm happy and i'm free / and this whole world belongs to me / if you just hang on i swear you'll be alright.
Ghost Mice, Kimya Dawson und einige andere gaben mir durch das, was sie rund um ihre Musik für mich ausatmen, genug Mut, meinen Fußballjob hinzuwerfen und erstmal zu gucken, was da kommt. Jetzt lebe ich so oft wie möglich pro Monat bei meiner Freundin in Brighton und ansonsten unterwegs, tingele gerade zurück von einer chaotischen Lesereise, treffe unterwegs GhostMice, bringe die großartigen „Homesick Elephant" aus Los Angeles ins Syndikat in Neukölln und lerne Banjo. Und wenn man dann Ghost Mice trifft und feststellt, bloody murder, die sind ja noch viel netter, als ich es mir zusammen halluziniert habe, dann prickelt es ganz gewaltig.
She asked me if I like to sing
I said, of course I like to sing
Anyone who doesn't like to sing
Must be dead if you ask me
She asked how I like being on the road
I said, I love being on the road
Yes, I miss my friends at home
But I love being on the road
So many songs left to sing
So many places left to see
So many songs left to sing
So many places left to see
She asked me if I had a job
I said, no way I've got no job
Why would anyone want a job?
Life's too short to have a job
Jemand meinte in irgendeinem Blog, dass Ghost Mice in vielen Städten gebrochene Herzen zurück lassen. Mein Herz haben sie nicht gebrochen, sondern beflügelt. Und ich bin froh, das sie es waren. Ich bin aber auch froh, dass Hannah und Chris diese Lobhudelei nicht verstehen, weil sie auf deutsch ist. Andernfalls würden sie sich vielleicht sofort erbost schüchtern auflösen und nie wieder Musik machen. Zumindest für eine ganze Weile.
Und ich habe mich herzlich gefreut, als die zwei mich fragten, ob ich hier heute was lese. Ich bin im Boden versunken und habe im gleichen Moment laut „ja" geschrien. Euch hat das hier jetzt vielleicht ziemlich genervt, weil es für alle Beteiligten nicht fair ist eine Band vor einem Auftritt mit so viel Vorschusslorbeeren zu überschütten. Und außerdem sollte ich doch meine Fresse halten. Schließlich seid ihr hierher gekommen, um eine Band zu sehen.
Ich sag euch eins: das wäre mir scheißegal, weil Ghost Mice das hier verdient haben. Und wenn ihr gleich entscheidet, dass ihr sie nicht mögt, dann ist das eben so. Ich aber werde wissen, warum ich heute hier stehe.