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Elektronikengel

Hartmut Andryczuk


Last Updated: 11/25/2009

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Saturday, August 25, 2007 
Die aufgeklärte, westeuropäische Kritik hat es schon immer gewusst: der Dalai Lama betreibt schwarze Magie, tibetische Lamas beuten Frauen sexuell aus, das Kalachakra-Rutual sagt einen heiligen Krieg zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten im 24. Jahrhundert voraus und der tibetische Buddhismus ist in seinem Grund faschistisch. Himmler hat die ostasiatischen Philosophien bewundert und es existierte eine geheime Achse Lhasa - Germania.
Wem solche Behauptungen noch nicht reichen, dem seien die Bücher des Ehepaars Röttgens, die unter dem überkandidelten Pseudonymen Victor und Victoria Trimondi empfohlen, die in katholischen Verlagen veröffentlichen und deren Artikel in der Springer-Presse publiziert werden. Aber Vorsicht: "Der Schatten des Dalai Lama" ist ein 800 Seiten starker Wälzer, untermauert mit "wissenschaftlicher" Kenntnis, tibetologischen Details, vagen Thesen, waghalsigen Interpretationen. Danach ist man vermutlich auch nicht klüger, sondern sollte nach den Standards humanistischer Urteilsbildungen vielleicht 800 Seiten lamaistische Literatur lesen. Oder gleich zu "Hitler - Buddha - Krischna" übergehen, wo Fakten zu lamaistisch-nationalsozialistischen, sexualmagisch-tantrisch-arischen Assoziationen gesammelt wurden. Das Buch ist 2003 erschienen und wäre vielleicht im "Dalai-Lama-Jahr" 2007 ein Bestseller geworden, denn es enthält ja Themen, die dafür geeignet sind: Sex, schwarze Magie und Hitler. (Die Trimondis werben auf ihrer Internetseite mit einer "Bild"-Schlagzeile zu ihrem Buch: "War Hitler Buddhist - Der Nazi-Diktator und der Glaube an die Wiedergeburt?").
Himmler war bekanntermaßen ein Mythomane, über den sich sogar sein Führer lustig machte, wenn er in vertrauter Runde erklärte, dass sein Polizeichef überall Scherben ausgraben lässt, um auf die Wurzeln der germanischen Kultur zu stoßen. Das beweist nur, so Hitler, dass die Germanen noch Barbaren waren, als die Griechen und Römer bereits Hochkulturen besaßen (so Albert Speer in seinen „Erinnerungen"). SS-Forschungsgruppen waren überall unterwegs - in Island und auch in Tibet. Dort trafen sie auf verarmte Bauern, denen sie die Schädel vermaßen, wobei bezweifelt werden darf, ob sich die Einheimischen als Träger arisch-magischen Erb- und Kulturguts begriffen.
Wer oder was sind die Röttgens/Trimondis? Es sind die ehemaligen Verleger des Trikont-Verlags, der sich in den 60er und 70er Jahren einen Namen in der linken Szene gemacht hat und u.a. die "Mao-Bibel" herausgegeben hat, dann zur Esoterik-Szene wechselten und die ersten Events in Deutschland mit dem Dalai Lama zur Frankfurter Buchmesse in den 80er Jahren organisierten und von dem späteren Friedensnobelpreisträger fasziniert waren. Der Verlag nannte sich zu dieser Zeit Dianus-Trikont . Irgendwann gab es ihn nicht mehr. Warum erfährt man nicht. Um die Jahrtausendwende hatte man ein neues Ziel: Dalai Lama Bashing. Die Website der Trimondis wimmelt davon. Es gibt dort ein "Kritisches Forum Kalachakra", aber kein Forum, um einen Kommentar zu hinterlassen oder zu diskutieren, wo die Autoren anscheinend doch Wert auf einen kritischen Dialog legen, aber jede Kritik kommentieren und nicht einfach stehen lassen.
Zen, Tibet, Islam - mit religiösem Eifer werden gegen die Religionen minutiös Details gesammelt. Fundamentalismus ist überall; und die Apokalypse ist allgegenwärtig: Armageddon, Ragnarök, Kalachakra. Das Guru-System ist korrupt, der dänische Ex-Boxer Ole Nydahl ein militanter Buddhist.
Man mag sich über den Dalai Lama, der buddhistischen Esoterik-Szene und tantrischen Laienspielgruppen lustig machen; die Trimondis scheinen aber humorresistent und ironiefern zu sein. Ihre Motivation gegen den tibetischen Buddhismus mit allerlei Verschwörungstheorien aufzurüsten und hinter alles und jedem "Buddhofaschismus" zu vermuten, kommt einem suspekt und wie eine Zwangsneurose vor. In ihrer Manie rennen sie offene Türen ein und benutzen Klischees über den Buddhismus, um neue zu erschaffen. Gab es Krieg im Namen des Buddhismus? Ja und? Es gab auch Völkermord im Namen der Reinheit, Folter im Namen der Freiheit und Hinrichtungen im Namen der Liebe als interkulturelles und -religiöses Phänomen. Vermessen wir also weiter Schädel und fokussieren den „Krieg der Kulturen".
Der 14. Dalai Lama ist hip, der Dalai Lama aka Tenzin Gyatso ist erfolgreich - gerade bei jungen Menschen. Von diesem Trend profitieren gewollt oder ungewollt die Kulturwissenschaftler und Religionsforscher mit dem höheren Logenpseudonymen. Den Aussagen des Dalai Lama, der für die Trennung von Kirche und Staat ist, sich für ein demokratisches und unabhängiges Tibet und die Frauenrechte im Lamaismus einsetzt , wird nicht geglaubt. Auch nicht, dass es ihm letztendlich egal ist, ob nach ihm noch ein Dalai Lama folgt. Denn kaum jemand in Europa kann hinter die lächelnde Maske des Asiaten schauen, wie es in einem rassistischen Kommentar auf der Trimondi-Seite heisst.