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14. August 2009, 12:40
by Eikman

Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber sie baut
aufeinander auf, reflektiert sich selbst und schreibt sich immer wieder
neu. Und wo lässt sich das besser dokumentieren als in der Geschichte
von House, das ja ohnehin schon immer mehr Gefühl als bloße Aussage
war, und gerade in den letzten Jahren wieder aktueller denn je ist. So
hat der Diskurs House in letzter Zeit nicht nur eine Rückbesinnung auf
seinen Ursprung erfahren, sondern im gleichen Moment auch wieder eine
Generation neuer Produzenten auf den Plan gerufen, die sich den
Einflüssen nicht nur annehmen, sondern sie auch transformieren. Zu
sehen ist diese Entwicklung auch im Mikrokosmos von
Philpot,
dem Label um Michel Baumann, besser bekannt als Soulphiction und
Jackmate, und Tobias Ettle, das seit seiner Gründung im Jahr 2000 schon
immer an einem ganz besonderen Sound zwischen House, Jazz und Funk
gearbeitet hat. Nach Releases von vermeintlich alten Hasen wie u.a.
Move D, Manmadescience und DJ Koze, setzt man auf Philpot allerdings
seit dem letzten Jahr vermehrt auf die Jugend, und reichert den Diskurs
House damit wieder mit neuen Inhalten an. Eine ganz logische
Entwicklung, findet auch Labelchef Soulphiction:
„Neue Talente
sind heute wichtiger als je zuvor, alleine um mal etwas frischen Wind
in die Clubs zu bringen! Außerdem scheint die neue Konkurrenz die
“Alten” ordentlich zu motivieren, sich mal wieder richtig Mühe zu
geben, das merke ich ja schon bei mir selbst.”
Der frische Wind von dem er spricht kommt bei Philpot in personifizierter Form zweier Produzenten daher: Sebastian Lohse aka
Break SL und
Tim Toh.
Obwohl beide aus unterschiedlichen Ecken der Republik kommen, Break SL
aus Dresden und Tim Toh aus der Nähe von Stuttgart, scheinen sich die
Eckdaten doch zu überschneiden: Beide sind Anfang 20, beide haben auf
Philpot ihre ersten Platten veröffentlicht und beide haben eine ganz
eigene Auffassung von House, deren Ursprung es auf den Grund zu gehen
gilt. Denn Fakt ist, daß sich der Generationenwechsel inzwischen
endgültig vollzogen hat, und es nun auch den jungen Produzenten liegt,
das so oft zitierte „Feeling“ von House fortzuführen. Auf Philpot ist
dieser Sprung offensichtlich gelungen. „
Es ist ein ganz schöner Anspruch an junge Artists, mittlerweile einen eigenständigen Sound zu finden,“ erzählt Soulphiction, und lobt seine Sprösslinge im gleichen Atemzug:
„Tim
und Sebastian sind sehr seriös im Umgang mit Musik und haben dabei
einen individuellen und persönlichen Sound. Das ist bei uns immer noch
ein entscheidendes Kriterium, und damit haben die beiden schon mal
einen großen Vorsprung innerhalb ihrer Generation.” Doch wie stehen die beiden Protagonisten selbst dazu? Wir haben nachgefragt.
Zum Anfang: sagt uns doch kurz woher ihr kommt, und wie ihr mit elektronischer Musik in Kontakt gekommen seid.
BSL: Aufgewachsen bin ich in
Westsachsen. Als Kind fand ich immer Sachen ohne oder mit wenig Gesang
sehr spannend. Elektronische Musik spielt daher schon lang eine
wichtige Rolle für mich. Ende der Neunziger wollte meine Mutter
unbedingt mal auf die Loveparade. Das war meine erste richtige
Berührung mit Techno. Für mich damals ein ziemlich geniales Erlebnis,
weil es so pur und energetisch war. Da es in meiner Region kaum
hochwertiges Programm in dieser Richtung zu erleben gab, war ich so oft
es mein schmales Budget zuließ in Berlin, Leipzig und Dresden unterwegs
und hab mich in Clubs reingemogelt und mein Geld in Plattenläden
gelassen. Später kamen dann zwei Plattenspieler hinzu und gemeinsam mit
einem Kumpel versuchten wir dann auch ab und an, durch Parties, diese
Musik bei uns zu etablieren. Mit eher bescheidenem Erfolg… Aufgrund
meines Studiums zog ich dann 2004 nach Dresden, wo ich schnell mehr und
mehr Gleichgesinnte fand.
TT: Meine Familie hat einen engen Bezug zu Kunst
und Kultur. Alle sammeln leidenschaftlich Musik und sind in irgendeiner
Form musikalisch tätig. Ich habe schon in jungen Jahren die alten
Disco-, Electro- und Breakbeat-Kasette und Schallplatten meiner Eltern
gehört. Meine Mutter studierte Ethnologie und hatte schon immer einen
Hang zu Ethnomusik oder psychedelischen Sachen. Mein Vater brachte
damals von einer Reise Synthesizer-Musik, Jungle-Beat-Tapes und andere
Dance Musik mit.
Seit wann seid ihr als Produzenten tätig?
TT: Noch nicht so lange. Bin ja noch ziemlich jung… (lacht)
BSL: Meine ersten Produktionsversuche hab ich vor
fünf Jahren mittels Reason gemacht. Wirklich ernsthaft mach ich seit
knapp drei Jahren Musik. Im laufe der Zeit hat sich meine
Produktionsweise durch das Dazukommen von einer Menge Hardware stark
geändert. Mittlerweile haben wir ein kleines, hübsches Studio im Herzen
Dresdens eingerichtet, welches ich mit meinen beiden Freunden René und
Clarence betreibe.
Sebastian, du kommst aus Dresden. Wie siehst du die Techno- und Houseszene dort?
BSL: Dresden ist von Hause aus eine
sehr entspannte Stadt, man fühlt sich nicht unbedingt wie in einer
Großstadt, was ich persönlich aber als sehr angenehm empfinde. Wir
haben folglich also keine weltberühmten Clubs vorzuweisen. Dennoch gibt
es zahlreiche kleine Läden, die ein weites musikalisches Spektrum
bieten. Hervorzuheben ist dabei die Galerie Disko, die seit vielen
Jahren die Speerspitz der Dresdner Elektronikszene bildet. Hier haben
schon etliche hochkarätige Künstler aus der ganzen Welt gespielt, was
mich persönlich auch sehr geprägt hat. In Dresden gibt es darüber
hinaus mit Fat Fender, Backstock Records und Sugarhill Records drei
richtig gute Plattenläden, die nicht nur die heißesten aktuellen
Scheiben anbieten, sondern auch durch Ihr Wissen uns Jüngeren noch ne
Menge beibringen.
Wie kam es zu dem Kontakt mit Philpot?
BSL: Der Kontakt entstand recht
unspektakulär via Internet. Ich hab Michel Stücke geschickt und kurz
darauf schrieb er mir, dass er „Trombone“ sehr schön findet und ob ich
noch mehr davon hätte, und vielleicht Lust hätte, auf Philpot zu
veröffentlichen. Kurz darauf besuchte ich ihn in der Distillery in
Leipzig und gab ihm noch eine CD, mit neuen Stücken, die ich angespornt
durch dieses Angebot in den Tagen darauf gemacht hatte. Hierbei gefiel
ihm Flow besonders gut und die EP war fertig. Für mich war und ist dies
nach wie vor eine große Ehre, denn Philpot ist für mich eines der
besten Labels für anspruchsvolle Musik weltweit.
TT: Das war bei mir ähnlich. Ich hab ein paar
Sachen gemacht und die zu Philpot geschickt. Ich war von deren Reaktion
total überrascht und habe lange gebraucht, es zu glauben. Der Jackmate
bringt ne Platte von mir raus! Ich musste lange Zeit realisieren, dass
ich wirklich die Chance bekommen habe in absehbarer Zeit meine Musik
auf einem Tonträger in den Händen zu halten. Und dann sogar noch auf
Philpot! Das war und ist für mich wie ein Traum, mit dem ich nie
gerechnet hätte…
Eines der Merkmale von Philpot ist sicherlich der Bezug zur
alten Detroit- und Chicago-Schule. Seht ihr hierin auch eure
persönlichen Einflüsse?
TT: Ganz klar, das ist richtig. Der
Name Philpot verweist aber auch auf Larry Levan und New York Disco. Ich
denke, dass ist auch ein wichtiger Bezugspunkt, sowohl für das Label
als auch für mich. Die Intention liegt im Wesentlichen darin, neue
Dinge zu kreieren und einen Mix aus all den Sachen zusammen zu bringen,
die einen beeinflusst haben und die man liebt. Das Genre, die Stadt,
oder das Land spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
Selbstverständlich gibt es aus diesem Bereich starke Impulse, die sich
auch in meinen Sachen wiederfinden. Vielleicht die Rhythmik, oder eine
Stimmung? Ich möchte mich aber nicht darauf festlegen, da ich mir viele
Inspirationen auch aus anderen Bereichen nehme…
BSL: Die Einflüsse von Philpot reichen meiner
Meinung nach aber ach weiter als nur bis in den mittleren Westen der
USA. Afrobeat, Funk, Hip Hop, Jazz, Soul und viele andere schöne
Spielarten spielen mindestens eine genauso wichtige Rolle wie Techno
und House. Ich finde bei dem Label treffen sich sehr viele Einflüsse
und jeder Künstler bringt da seine eigene Note mit ein. Man lernt
ständig von einander. Tim brachte mich damals beispielsweise auf die
Musik von Fela Kuti, Michel brachte mir Harry Partch näher und durch
Tobi lernte ich die Musik von Gil Scott Heron kennen. In dieser
Vielfalt und in einer Klangästhetik, die sich aus all diesen Einflüssen
speist, sehe ich den größten Nenner aller Leute bei Philpot.
Also hat der Kontakt mit Philpot und Michel auch euch als Produzenten beeinflusst?
BSL: Als ich das erste Mal Tobi traf
hat er mich darin bestärkt, an mich und meine Musik zu glauben und
daran weiterzuarbeiten. Das war ein sehr wichtiger Moment für mich,
weil ich zu dieser Zeit, bedingt durch mein Architektur-Studium, vor
einer Entscheidung stand: entweder das Eine oder das Andere.

Beides mit gleicher Ernsthaftigkeit zu verfolgen war für mich
unmöglich. Also entschied ich mich. Demnächst möchte ich deshalb auch
ein Toningenieursstudium anfangen um noch tiefer in die Musik
einzutauchen und vielleicht auch bald selbst die von mir so geliebten
Soundmaschinen zu bauen. Michel als gestandener Musiker gibt mir
ständig nützliche Tips rund ums Produzieren. Der persönliche Austausch
spielt also eine sehr wichtige Rolle, hin und wieder treffen wir uns
auch zu gemeinsamen Sessions, so ist ja auch das Intro fürs Album
entstanden, welches von Michel und mir kommt. Auch Tim und ich jammen
ab und an herum.
TT: Als ich angefangen habe Platten zu sammlen, ist
mir damals ein Soulphiction Stück („Bust me“ auf Perlon) in die Hände
gekommen, mit dessen Gefühl ich mich sehr stark identifizieren konnte.
Die größte Inspiration von Michels und Tobi s Seite war aber deren
Zuspruch. Es war und ist für mich das schönste, wenn ich es schaffe sie
mit etwas neuem zu überraschen. Fast alle bisherigen veröffentlcihten
Stücke sind allerdings vor unserer Bekanntschaft entstanden.
Ihr seid ja in der Tat beide noch recht jung. Man hört
öfters von älteren Produzenten, dass die junge Generation einen ganz
anderen Begriff von House hat. Wie stehst ihr dazu, und was bedeutet
für euch der Begriff “House” eigentlich?
BSL: Das Hauptproblem der jungen und
alten Generation liegt meiner Meinung nach darin, dass die “alten
Hasen” mit verschiedensten Musikrichtungen sozialisiert worden sind.
Viele jüngere Produzenten schauen meiner Meinung nach zu wenig über den
elektronischen Tellerrand hinaus, deshalb klingt halt auch vieles so
beliebig und ähnlich, weil sich alles immer wieder selber recycelt. Oft
erlebe ich im Plattenladen, dass Leute gute Tips einfach in den Wind
schlagen, von wegen “kann man nicht spielen; kenn ich nicht; ist mir zu
alt etc”, dann denk ich mir “wenn ihr wüsstet!” Diese Denkweise ist
meiner Ansicht nach viel zu kurzsichtig und rächt sich irgendwann.
Persönlich glaube ich nicht wirklich an neue große Würfe in Sachen
neuer Genres, ich lasse mich aber gegebenenfalls gern eines Besseren
belehren. In der Verschmelzung verschiedenster Richtungen sehe ich das
größte Potenzial, auch gerade für House und elektronische Musik im
Allgemeinen, gerade mit den vielen, erschwinglich gewordenen, Mitteln
von heute. Es liegt also an uns, ob unsere Musik auch in vielen Jahren
noch gemacht wird und Bestand hat, oder ob wir nur eine mittelfristige
Erscheinung in der Musikgeschichte waren. Der Begriff “House” bedeutet
für mich dabei persönlich eine sehr pure, teilweise naive, emotionale
Musik, die für neues offen ist und war und immer sein sollte.
TT: Ganz bestimmt habe ich eine andere
Wahrnehmung, als jemand, der die Anfänge dieses Genres mitbekommen hat.
Ich kenne und liebe ein paar von den alten Sachen. Eine Tatsache ist
halt, dass ein Stück aus 2002 mehr Erinnerungen in mir weckt, als eines
aus dem Jahre 1984 - da war ich ja erst in Planung! Veröffentlichungen
aus dieser Zeit waren nun mal für mich relevanter, da ich durch diese
erst die Verbindung zu dieser Musik gefunden habe.

Es gibt ja auch viele junge Menschen die sich einfach nicht die Zeit
nehmen, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und lassen sich
dann was von den Medien vorkauen und nehmen es an, ohne es zu
hinterfragen. Das Grundprinzip von House basiert auf Hedonismus in
seiner, für mich, reinsten Form. Es hat sich da auch nicht viel
verändert. Natürlich gibt es hin und wieder Leute, die es in einen
anderen Kontext bringen, doch wahre House-Musik soll mich einfach nur
Glücklich machen und zum Tanzen bringen. Ich glaube, das Alter ist bei
Musik trotzdem nicht so wichtig, eher die Umsetzung des ganzen. Wenn
ich mich hinsetze und mich dafür entscheide einen House Track zu
machen, dann tue ich es, weil es mir ein gutes Gefühl gibt. In den
Anfängen von House hatten Leute wie z.B. Larry Heard ganz andere
musikalische Vorbilder und Lehrer als wir. Und zu dieser Zeit gab es
ein anderes Lebensgefühl als wir es heute haben und dies wurde von
denen in eine musikalische Form gebracht. Nun kann ich versuchen das
Gefühl dieser Zeit neu zu rekonstruieren, oder es kann mir absolut egal
sein und ich versuche einfach meine eigenen Emotionen in ein Stück zu
bringen und erreiche dadurch etwas, dass vom gewohnten Schema total
abweicht.
Gerade in den letzten Jahren hat House und vor allem
Deephouse wieder einen regelrechten Aufschwung erfahren. Das liegt auch
daran, dass viele junge Producer diesen Sound wieder aufgreifen und
neue Impulse setzen. Seht ihr euch als Teil einer neuen
„House-Bewegung“?
BSL: Für mich war House nie wirklich
weg. Aber gerade der neuerliche “Aufschwung” zeigt ja, dass noch lange
nicht alles gesagt wurde. Nun bleibt es abzuwarten, ob wir alle kreativ
und wachsam genug bleiben, um House frisch zu halten, so dass House
nicht wieder ein kleines Ruhepäuschen einlegt. Neue “House-Bewegung”
hin oder her, es kommen immer wieder neue Leute hinzu und andere gehen,
aber die Idee bleibt die gleiche und diese Idee ist eine gute, dabei
spielt es keine Rolle ob nun jemand 20 oder 50 ist oder ob man aus
Michigan oder sonst woher kommt, so lang die Musik gut ist. Wie heißt
es doch so schön „House is a feeling…“, so lang man dieses Gefühl hat,
ist alles super. Dies ist ja auch eine weitere positive Eigenschaft
dieser Musik, dass sie so intuitiv ist und keines speziellen Studiums
bedarf, vieles erschließt sich im Laufe der Zeit einfach selbst.
TT: Ich habe schon immer eine starke Affinität zu
House besessen und ich denke, bei so vielen Subgenres die es heutzutage
gibt, fällt es einem schwer zu sagen, ob man in diesem Fall von einer
ganzheitlichen Bewegung sprechen kann? Ich glaube House wird einfach
von vielen zu unterschiedlich definiert, doch ich bin überaus gespannt,
was unsere Generation in den nächsten Jahren erreichen wird! Im Prinzip
ist es eigentlich immer das Gleiche, die alten legen vor und die jungen
ziehen nach und machen was Neues daraus.
Wo seht ihr die Überschneidung von deiner Musik und der
Philosophie von Philpot als Label? Glaubt ihr, dass ihr auf Philpot
Musik veröffentlichen kannst, die auf anderen Labels vielleicht in
dieser Form nicht möglich wäre?
TT: Zuallererst muss ich erwähnen, dass ich Philpot
als ein Musiklabel aus Deutschland verstehe, dass einfach „Eier“ hat
und einen anderen Weg geht als andere. Es klingt ein bisschen
Außenseitermäßig, aber das ist doch auch ein Grund, warum man sich eine
bestimmte Musik anhört. Oder nicht? Und sehr wahrscheinlich hätte ich
zu dem Zeitpunkt wirklich kein Label gefunden, dass sich getraut hätte,
die Sachen rauszubringen und die haben es einfach gemacht. Die positive
Resonanz die ich erfahren und die Freunde die ich dadurch gewonnen
habe, dafür bin ich Ihnen besonders dankbar.
BSL: Ich denke alle bei Philpot haben ähnliche
Ansätze und befruchten sich gegenseitig, durch verschiedenste
Einflüsse, musikalisch. Da bei Philpot das Funktionelle stets dem
Musikalischen untergeordnet ist, glaube ich schon das ich mich hier
musikalisch mehr entfalten kann, als bei Labels, denen es primär ums
Verkaufen und den damit verbundenen Funktionalitätskompromissen, geht.
Allerdings habe ich bisher auch noch nicht mit anderen Labels ernsthaft
zusammengearbeitet, möchte hiermit also niemanden diskreditieren. Schön
finde ich, dass Tobi und Michel musikalisch immer hinter einem stehen
und man solche Sätze wie “kannste das vielleicht mal anders machen oder
die Passage länger oder kürzer” etc. nicht zu hören bekommt.
“Es gibt viele junge Menschen, die sich einfach nicht die Zeit nehmen, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen”
Was auffällt, ist dass es bei Philpot immer wieder Platten
gibt, die gar nicht primär auf den Dancefloor ausgerichtet sind,
sondern auch sehr stark die Listening-Seite betonen. Wie wichtig findet
ihr es, dass es eben nicht immer nur 4/4 und tanzbar sein muss?
TT: Ich glaube, ob etwas tanzbar ist
oder nicht, hängt vom Hörer ab. Ich habe Leute auf ziemlich schräger
Musik tanzen sehen, die mich keineswegs dazu animiert hätte
mitzumachen! (lacht) Wichtig ist, dass sich Musikstile weiterentwickeln
und Kreativität braucht seinen Freiraum, daher beschränke ich mich
nicht auf ein Schema. Ich möchte aber beides machen, sei es jetzt Heavy
Listening oder four to the floor Kram. Ich bin glücklich, dass Philpot
mir die Möglichkeit gegeben hat, auch diese Seite offenbaren zu können.
BSL: Musik ist ja primär eine Sache für die Seele
und nicht immer ist man in der Stimmung für Dancefloor Musik. Auch das
macht ein gutes Label aus, dass es vielseitig ist und sowohl Musik
macht die im Clubkontext passt aber auch zu Hause mit Freunden oder bei
einem Glas Wein genossen werden kann. Musik für Genießer.
Sebastian, dein erstes Album erscheint gerade, obwohl du
erst zwei EPs zuvor herausgebracht hast, was, im Vergleich doch relativ
ungewöhnlich ist. Wie siehst du die Sache? Hattest du schon länger ein
Album-Konzept in Planung und hast dich daher entschlossen, doch so
frühzeitig eine LP zu machen?
BSL: Im Laufe der Zeit sind bei mir
eine Menge Stücke zusammengekommen, deren Bandbreite recht groß ist,
welche aber auf einer einzelnen EP vielleicht nicht wirklich gepasst
hätten. Deshalb fragte mich Michel recht früh, ob ich mir nicht auch
ein Album vorstellen könnte. Daher kann man nicht wirklich von einem
Konzept-Album sprechen, sondern eher von einer Retrospektive der
letzten beiden Jahre.
Dein Album heißt “City Wasteland”…nicht unbedingt der
fröhlichste Titel. Steckt da ein bestimmtes Konzept dahinter? Deine
Musik ist ja nicht wirklich als düster zu beschreiben, oder?

BSL: Friedrichstadt, so heißt der Stadtteil indem ich wohne und wo sich
auch unser Studio befindet, ist nicht wirklich der schönste Fleck
Dresdens. Es gab mal eine Kunstaktion die sich all der verfallenen und
leerstehenden Häuser und Brachen, die teilweise seit dem Krieg so
geblieben sind widmete. Eines der Brachen trägt den Schriftzug
“Citywasteland”, dieser Schriftzug begleitet mich bei jedem Weg hin zum
Studio und hat mich schon immer sehr beeindruckt. Gerade in einer Stadt
wie Dresden, die seit der Wende alles dafür tut, in der Innenstadt zu
wirken wie Disney-Land und sich damit seiner jüngeren Vergangenheit
komplett entledigt. Keine zwei Kilometer von der Frauenkirche entfernt,
einen solchen, scheinbar vergessenes Wasteland zu finden, dies finde
ich sehr spannend. Viele Eindrücke aus dem Stadtleben haben das Album
beeinflusst und somit sind fröhliche und lockere Stücke wie “My love is
for u” genauso dabei wie nachdenkliche Stücke wie “Searching”, düstere
Momente spielen für mich, wenn sie auch nicht auf Anhieb zu hören sind
immer eine wichtige, oft auch inspirierende Rolle.
Du machst einen ziemlichen Rundumschlag auf dem Album - gibt es einen roten Faden, der sich durch das Album zieht?
BSL: Wie schon gesagt, ist dies kein
klassisches Konzept-Album. Die Musik entstand aus vielen Momenten
heraus. Als gemeinsamen Nenner sehe ich meine Arbeitsweise, ins Studio
zu gehen und nicht zu Wissen wohin es diesmal geht. Dabei bin ich nicht
wirklich auf eine bestimmte Richtung fixiert, es entsteht viel aus der
Situation heraus. Ich bin kein Typ dafür immer wieder in die gleiche
Kerbe zu hauen, so dass ein Stücke klingt wie das andere. Das langweilt
mich schnell; dies ging mir aber am Anfang teilweise so, als ich rein
computerbasiert Musik gemacht haben. Nun interagier ich viel mit
Maschinen und die machen genauso wie ich, ab und an, Fehler, die einen
manchmal zu ganz neuen Ideen bringen. Diese Momente gilt es
festzuhalten.
Du singst auch auf einem Track selbst, was ja auch nicht oft vorkommt…
BSL: Ab und zu gibt mir Pierre, der
Jazz-Saxophonist vom Studio gegenüber, ein wenig Nachhilfe in
musiktheoretischen Sachen, im Gegenzug zeige ich ihm paar Tricks an
Synthies, was er sehr spannend und lustig findet. Nach solch einer
Stunde bin ich beim “üben” auf dem Akkord, welcher das Grundgerüst zu
“My Love is for U” bildet, hängengeblieben. Das schrie einfach nach
einer Stimme, also hab ich versucht was drüber zu singen. Zufällig
besuchte mich an diesem Tag meine Freundin im Studio und wir haben
gemeinsam zum Mikro gegriffen. Dabei kam eben dieser Track zustande.
Sehr wahrhaftig, emotional und naiv, House eben.
Tim, mein Kollege Bleed hat deine erste Platte im Review als
„gewagt“ bezeichnet. Versucht du auch bewusst, aus diesen bekannten
Formeln auszubrechen, oder ergibt sich das einfach so?
TT: In einem Praktikumszeugnis stand
mal: Tim besitzt die positive Eigenschaft Dinge Unbefangen anzupacken.
Mal mehr, mal weniger. Natürlich probier ich immer was Neues aus. Sonst
wirds ja langweilig. Meine Herangehensweise ist wahrscheinlich auch
noch etwas spielerischer und richtet sich nicht unbedingt nach einer
Vorgabe. Das kann ich immer noch machen. Es wird dann aber schnell
uninteressant. Ich würde sagen: reines Spaßprinzip!
Welche Elemente siehst du als integralen Bestandteil in
deiner Musik? Was macht eine typische Tim Toh Platte aus? Wie gehst du
an einen Track heran?
TT: Der Groove ist ein wichtiges Element, dem ich sehr
viel Aufmerksamkeit schenke. Themenwechsel in einem Stück, die
überraschend und dennoch in sich stimmig klingen und das Erfinden einer
besonderen Stimmung sehe ich als weitere Charakteristik. Ich lasse mich
auch gerne von anderen Musikrichtungen inspirieren. Sei es jetzt
Vietnamesischer Synthie-Funk, oder Folklore-Electro aus dem Iran, da
gibt es keine Grenzen.
Join the Resistance heißt die Trilogie. Spielst du
damit auf einen bestimmten Widerstand an? Gerade House hatte früher ja
auch eine durchaus politische und kritische Seite, die heute oft
vergessen wird…
TT:
Hm, mir fällt gerade nur UR ein und die machen ja eher Techno. Bei
„Join the Resistance“ geht es in erster Linie um Zugehörigkeit und
Zusammenhalt und die Musik hat es für mich auf einen Nenner gebracht.
Diese Thematik hat mich auch zu dem Zeitpunkt sehr Beschäftigt. Ich
würde sagen, dass es sehr persönliche Stücke sind, die man
wahrscheinlich nicht unbedingt nochmal in dieser Form von mir hören
wird. Es war halt das Lebensgefühl zu dieser Zeit…
Zum Abschluss: wie schauen eure weiteren Pläne aus für dieses Jahr?
BSL: Wie oben teilweise schon
angesprochen arbeite ich gerade viel mit Leuten wie Tim Toh, Tiny,
Credit00, Bronco Teddy, Max Rademann, Jacob Korn und zahlreichen
anderen zusammen. Da wird demnächst noch einiges kommen. Momentan
arbeite ich auch an Remixen, einer davon erscheint Im September auf
Wildtrackin (Original von: Paskal-Flashdance). Im September erscheint
dann ja der zweite Teil des Albums bei Philpot auf Vinyl, hierbei wird
es wieder einen Vinyl-exclusive Track geben. Eine weitere Platte auf
Philpot ist gerade in Planung. Momentan stellt Tiny gerade eine
Dresden-Compilation für K-Souls Label Kinda Soul Recordings zusammen,
auf der auch Stücke unserer gemeinsamen Arbeit sein werden.
TT: Es gibt in der Tat einen Austausch zwischen
Sebastian und mir. Dann bin ich gerade an der Vollendung eines Remixes
für Manuel Tur und Dplays Label Mild Pitch dran und Millions of Moments
hat ein neues Stück besonders gefallen. 2010 kann man evtl. schon mit
einem Album auf Philpot rechnen.
http://www.thelastbeat.com/archives/feature-break-sl-tim-toh/