Ich weiß nicht, ob es in der Kirchengeschichte jemals eine Zeit gegeben hat, in der weltweit so viele Lobpreis- und Anbetungslieder geschrieben worden sind wie in den letzten 15 Jahren. Konfessions- und Länder-übergreifend hat das gesungene Lob Gottes einen Stellenwert erlangt, der bisher beispiellos ist. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Die Globalisierung im Informationszeitalter bringt Worship-Songs in kürzester Zeit nicht nur in Form von CDs, sondern auch von schnell zu verschickenden mp3s, Noten-pdfs und zugehörigen Text-Files in alle Welt. Eine Vielzahl von Gemeindeerneuerungs-Bewegungen hat sich die Reform des Liedguts auf ihre Fahnen geschrieben und sucht nach gottesdienstlichen - inhaltlichen wie musikalischen - Ausdrucksformen, die den veränderten Anforderungen an Gemeinden in der Postmoderne Rechnung tragen. Die Anbetung Gottes hat Hochkonjunktur, und das ist - trotz aller kommerziellen Nebenwirkungen - erst einmal wunderbar! Denn es ist ja im Sinne der Bibel das höchste Gebot, Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all unserer Kraft zu lieben… Und auch wenn diese Liebe weit über das gemeinsame Singen hinausgeht, sind Lieder doch ein wunderbares Mittel, um uns die zeitlose Wahrheit vom Wesen Gottes und seinen Wundertaten ins Herz zu schreiben
Eine ausgewogene gemeindliche Liedkultur braucht Beides: auf der einen Seite das wortarme, aber emotionsreiche „Ich lieb dich, Herr", das Dankbarkeit und Ergriffenheit Gott gegenüber zum Ausdruck bringt. Auf der anderen Seite aber auch sprachgewaltige Hymnen voller Tiefgang, die die facettenreichen Themen des Lebens aufgreifen und auch im Angesicht von Schmerz und Leid ihre heilende Kraft entfalten.
Dass man in dem oben beschriebenen Meer von Songs die Spreu vom Weizen trennen lernen muss, ist eine von vielen Anforderungen an den Lobpreisleiter von heute. Die folgenden Tipps sollen dabei helfen, den richtigen Mix zu finden:
1. Neuen Liedschatz von langer Hand planen
Stell Dir die Frage, wie viele neue Lieder Deine Gemeinde im Jahr verkraftet. Und dann durchforste den Liedbestand der Gemeinde nach Themen, die fehlen. Habt ihr Lobpreis-Lieder zu Ostern, Pfingsten, Erntedank und Weihnachten? Habt ihr Lieder für Hochzeiten und Beerdigungen, für Feste und Zeiten der Not? Habt ihr einen guten Mix aus kraft- und temperamentvollen Songs und Balladen, aus kurzen, eingängigen Chorussen und komplexeren Titeln? Strategisch an den Ausbau des Liedguts heranzugehen, anstatt spontan nur die jeweiligen Super-Hits der letzten Konferenzen einzuüben, wird helfen, eine gesunde Liedbasis aufzubauen!
2. Sich einen guten Überblick über das gängige Liedgut verschaffen
Ein festes Jahres-Budget für die gemeindliche Lobpreis-Arbeit ist sehr hilfreich, um dem Lobpreisleiter über sein privates Engagement hinaus zu ermöglichen, eine umfangreiche Mediathek aus CDs, Noten und Literatur anzulegen. Diese hilft immens bei der Findung geeigneter neuer Songs, beim Festlegen eines musikalischen Formates für die Gemeinde und auch beim Arrangieren von Titeln. Und kann ein bisschen davor schützen, die wenigen freien Plätze für neue Lieder zu vorschnell mit eher austauschbaren und zweitklassigen Songs zu füllen!
3. Deutsche Lieder schätzen lernen
Lange Jahre gehörte es zum guten Ton, in den Lobpreiszeiten hauptsächlich importierte Titel aus dem englischen Sprachraum zu verwenden. Und weil damals das muntere Übersetzen ins Deutsche nicht so richtig von Verlagen begleitet und gesteuert wurde, entstand eine Vielzahl von eher mäßigen bis schlechten deutschen Fassungen. Das ist mittlerweile nicht mehr so: in den verantwortlichen Subverlagen wird heute viel Wert darauf gelegt, sprachlich wie inhaltlich treffende Übersetzungen zu verbreiten, was nicht immer gelingt, aber immer öfter! Trotzdem wird diesen Versionen nicht selten der Vorwurf gemacht, nicht an die Originale heranreichen zu können. Der eine hat sich schon zu sehr an die ursprüngliche Version gewöhnt, der andere vermisst einzelne Formulierungen, die eins zu eins nicht übertragen werden konnten. Der dritte bevorzugt den weicheren Klang der englischen Sprache. Dieser Artikel ist aber ein flammendes Plädoyer, am gemeindlichen Singen in (überwiegend) deutscher Sprache festzuhalten.
a) Die Intimität der eigenen Muttersprache: es ist eine interessante Beobachtung, dass selbst Menschen, die normalerweise hochdeutsch sprechen, in Dialekt mit Lokalkolorit verfallen, sobald sie zu beten anfangen. In uns ist dieses Empfinden angelegt, dass wir auf die für uns innigste sprachliche Weise anbeten wollen. Ein englischer Text, den wir uns selbst erst übersetzen müssen (wenn wir dazu überhaupt in der Lage sind), kann das nicht leisten, es sei denn, wir wurden im englischen Sprachraum geboren oder haben längere Zeit dort gelebt!
b) Das Gebot der Liebe: Auch wenn ich selbst fließend Englisch spreche und mich in englischsprachigen Lobpreiszeiten sehr wohl fühle, muss ich doch anerkennen, dass ein größerer Teil der Gemeindeglieder (und nicht nur solche, die aus der ehemaligen DDR kommen) die englische Sprache nicht ausreichend beherrscht, um den ganzen Sinn eines komplexeren Liedes erfassen zu können. Aus Liebe sollte ich eine Form wählen, die ihnen ein unmittelbares Ansprechen Gottes ermöglicht!
c) Eine Vielzahl guter Songs aus deutschen Landen: es gibt mittlerweile eine solche Fülle großartiger Lobpreissongs von deutschen Songwritern, dass das beständige Studium internationaler Worship-Hitlisten an Bedeutung verloren hat. Es scheint fast so, als hätten wir Deutsche insgesamt einen höheren Anspruch an lyrische Kraft und inhaltliche Dichte eines Songs als unsere Geschwister im angelsächsischen Sprachraum. Und was nicht selten den deutschen Übersetzungen internationaler Lobpreissongs als sprachliche und inhaltliche Plattheit zur Last gelegt wird, spiegelt oft nur die Einfältigkeit des Originales wider - die uns nur nicht so auffällt, weil der Song ja nicht in unserer Muttersprache geschrieben ist.
d) Deutsche Lieder liegen voll im Trend: der anhaltende Deutsch-Boom, der von Juli bis Silbermond, von Revolverheld bis Wir sind Helden, von Xavier und den Söhnen bis Grönemeier oder von Laith Al Deen bis Joy Denalane reicht (von den unzähligen deutschen Hip Hop Acts ganz zu schweigen), hat sich in den letzten Jahren zur längsten Deutsch-Welle in der Popmusik seit 40 Jahren entwickelt und stellt zeitlich wie von der Medienaufmerksamkeit die „neue deutsche Welle" der 80er Jahre in den Schatten. Diese aufkeimende Liebe für unsere Sprache und ihre Ausdrucksmöglichkeiten ist nur leider in vielen Gemeinden und Jugendgruppen noch nicht angekommen!
e) Ehren, was Gott unserem Land geschenkt hat: so, wie nach 1. Kor 12 der Leib viele Glieder hat, die alle zusammen den Körper erst funktionsfähig machen, hat Gott jeder Nation – und damit auch unserem Land - eine eigene reichhaltige Kultur geschenkt, die sich auch im Bereich der Künste und der Musik ausdrückt – de fakto waren wir über Jahrhunderte Vorreiter in beiden Bereichen! Und ich glaube, es ist auf Dauer ungesund, hauptsächlich die Kulturgüter anderer Länder zu konsumieren, ohne das eigene Erbe zu pflegen. Eine Globalisierung, die damit einhergeht, dass das meiste Kapital aufgrund marktwirtschaftlicher Gegebenheiten für die Verbreitung englischsprachiger Musik eingesetzt wird, sollte nie zu einer Monokultur musikalischer Ausdrucksformen führen. Es liegt an uns, das zu steuern und für eine inhaltlich wie musikalisch vielfältige deutsche Lobpreiskultur zu kämpfen!
Arne Kopfermann (www.arnekopfermann.de) hat in den letzten 15 Jahren die Lobpreisszene im deutschsprachigen Raum als Musiker, Komponist, Texter, Referent und Produzent mitgeprägt: Sein Buch "Das Geheimnis von Lobpreis und Anbetung" wird als Standardwerk für Lobpreisteams gehandelt. Arnes Leidenschaft ist ungebrochen, Gemeinden vor Ort durch Lobpreisabende, die Gestaltung von Gottesdiensten (Musik & Predigt) und Lobpreisseminare mit großer inhaltlicher Breite zu ermutigen, Gott auf vielfältige und authentische Art und Weise anzubeten. Am 7. März 2008 erscheint sein 13. Solo-Album: „Arne Kopfermann & Friends: Geheimnisvoller Gott" (Gerth Medien)