 |
Current mood:  geeky
Sieben Ratschläge für den Propheten
Wenn du nach den Wanderjahren deiner Jugend in dein Heimatdorf zurückkehrst und inzwischen Autor mehrerer Bücher bist, wirst du es nicht leicht haben. Nicht umsonst sagt ein Sprichwort: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.“(Unbekannt) – Aber mal ehrlich – so schlimm ist es gar nicht: Letztendlich liegt es an dir selbst, ob du als Autor mit offenen Armen empfangen oder geächtet wirst. Falls du eine ähnliche Laufbahn einschlagen willst wie ich, begehe nicht die gleichen Fehler. Anbei sieben Ratschläge für den Propheten bzw. Schriftsteller, der im eigenen Dorf nicht bespuckt, sondern gefeiert werden will:
Schreibe kein gutes Buch. Mach dich ruhig etwas kleiner als du bist. Sei so witzlos wie möglich, reize deinen Wortschatz höchstens zu 20 Prozent aus, und vor allem: Fordere deine Leser nicht zu irgendwelchen Denkanstrengungen heraus. Dein Stil sei platt, deine Ideen trivial. Ironie ist ein Totenschädel mit zwei Knochen drüber. Am besten, dein Buch liest sich wie ein etwas besserer Schulaufsatz.
Du darfst mit deinem Buch kein Geld verdienen. Wozu auch? Ein echter Autor schreibt nicht des Geldes wegen, sondern weil er „getrieben“ ist. Auch Frau Fischer vom Schuhmarkt, die jedes Jahr auf eigene Kosten ein Bändchen mit ihren Hobbygedichten veröffentlicht, hat das damals der Zeitung gesagt: „Ich MUSS einfach ständig neue Ideen niederschreiben.“ Weshalb sie nicht endlich damit anfängt, soll uns hier nicht beschäftigen.
Du musst den Leuten ein Wir-Gefühl vermitteln. Menschen mit Ich-Gefühl sind in der Provinz nicht so gern gesehen; sie heißen dort Sonderlinge, und bei der jüngeren, Englisch sprechenden Generation Freaks. Die Leute wollen in dein Werk miteinbezogen werden. Du musst öffentlich verkünden, als Bürger deines Heimatortes M. seist du stolz darauf, hier deine Kindheit und Jugend verbracht zu haben – auch wenn du das Dorf damals am liebsten im Rückspiegel deines Mopeds gesehen hast. Du musst auch deine Deutschlehrer von früher loben, die dir „alles beigebracht“ haben, so dass du bereits mit siebzehn deine ersten Stories veröffentlichen konntest – und dich vornehm darüber ausschweigen, dass keiner dieser Lehrer im Leben auch nur irgendwas veröffentlicht hat. Oute dich als Kind deiner Ortschaft. Das ganze Dorf muss irgendwie zu deinem Erfolg beigetragen haben.
Verrate niemandem, dass das Schreiben dein Beruf ist – behaupte, es sei dein Hobby. Das macht dich sympathisch, wie alle Steckenpferd-Besitzer. Sie sollen im Geiste sehen, wie du abends um neun Uhr ächzend von der Maloche kommst, deine Schlammstiefel gegen Pantoffeln tauschst, und bei laufendem Fernseher ein paar Reime aufs Papier wirfst, während Klein-Erna auf den Möbeln turnt und der Papagei nach Futter krächzt. So ist das Leben von Hobby-Schriftstellern – und wer mag leugnen, dass es unser aller sehnlichster Wunsch ist.
Vermeide auf jeden Fall, dein Buch bei einem „richtigen“ Verlag zu veröffentlichen. Nichts macht dich mehr suspekt als Anerkennung, die über die Grenzen deiner Ortschaft hinausgeht. Nein, zahle entweder 10 000 Euro, um es bei einem Druckkostenzuschussverlag zu veröffentlichen, auch wenn es Miesmacher gibt, die meinen, das einzige, wozu ein Druckkostenzuschussverlag gut sei, wäre die Punktzahl, die das Wort beim Scrabble bringt. Lass dich nicht beirren – und wenn es dir an Kohle mangelt, frag doch den Buchbinder Zwack um die Ecke, ob er dir nicht ein paar Exemplare binden mag. Ihr kennt euch doch vom Wirtshaus her, der macht dir schon einen guten Preis. Auf jeden Fall ersparst du dir auf diese Weise die Schmach, dein Werk bei einem professionellen Verlag untergebracht zu haben. Und wieder steigen deine Sympathiepunkte.
Falls du eine Lesung hältst, trage deine Texte nie auf Hochdeutsch vor, sondern grundsätzlich in der Mundart deines Heimatortes (auch wenn du nie so gesprochen hast). Hochdeutsch sprechen nur arrogante Menschen, die was Besseres sein wollen als der Rest der Einwohnerschaft. Falls du den Dialekt nicht beherrschst, ist es z. B. hier in Franken sehr nutzbringend, sich vor der Lesung eine mehlige Kartoffel in den Mund zu stopfen. Andere wiederum schwören auf eine Lokalanästhesie der Zungenmuskulatur. Hier muss jeder selbst herausfinden, welche Methode für ihn wirkt.
Wenn die Köchin des Lokals, in dem du abends immer isst, dir anvertraut, dass sie ja auch heimlich Geschichten schreibe, solltest du augenblicklich Feuer und Flamme sein und sie möglichst mit „Frau Kollegin“ anreden. Sie wird dir ihre Ergüsse daraufhin sofort vorlesen, und du solltest beim Zuhören darauf achten, dass du keine witzig gemeinte Stelle überhörst und eventuell vergisst, dich totzulachen. Sag der Köchin, sie sei ein Naturtalent, und du würdest dich nach Kräften für sie einsetzen und zu diesem Zweck ihre Texte gerne einmal mit nach Hause nehmen. Dort kannst du sie genüsslich ins Feuer werfen, dir einen Drink genehmigen, die Beine ausstrecken und stöhnen: „Warum lebe ich eigentlich immer noch hier?“
© 2009 by Oliver Fehn
 | Currently listening: Watertown By Frank Sinatra Release date: 1994-08-12 |
|
4:49 AM
Powered by  | | English | | Albanian | | Arabic | | Bulgarian | | Catalan | | Chinese | | Croatian | | Czech | | Danish | | Dutch | | Estonian | | Filipino | | Finnish | | French | | Galician | | German | | Greek | | Hebrew | | Hindi | | Hungarian | | Indonesian | | Italian | | Japanese | | Korean | | Latvian | | Lithuanian | | Maltese | | Norwegian | | Polish | | Portuguese | | Romanian | | Russian | | Serbian | | Slovak | | Slovenian | | Spanish | | Swedish | | Thai | | Turkish | | Ukrainian | | Vietnamese |
|