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Last Updated: 7/30/2008

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Friday, February 02, 2007 

all published at  European Photography :

Im Garten

Heidi Specker:  Steidl Verlag, Göttingen 2005, 96 Seiten  heidi specker


erschienen in EUROPEAN PHOTOGRAPHY 79/80 2006  European Photography

Bäume werden alt, doch Beton hält ewig. Beton freilich ist grobschlächtig, wohingegen Bäume sprießen und blühn. Mit Heidi Specker sind wir `Im Garten`. In einem Garten, der keine Horizonte kennt. Die Stämme und Sträucher ragen stramm an Fassaden. Die Biotope sind idylleresistent, kein Boden gibt Halt, denn Specker bleibt konsequent in Augenhöhe.
Sofern Gärten Abgrenzungen haben, sind Beobachter ohnehin schnell an der Wand. Allemal im Garten Urban. Da gilt Wunde vor Wand: Die grazilen Gewächse trotzen voller Verletzlichkeit, wohingegen der Stein im Off felsenfeste Macht vorgibt - Natur ist an die Wand gestellt.
Doch geht es nicht um Zivilisationsopfer, Specker zielt auf Essenzielles. Bereits das Eröffnungsbild des Bandes, ein nachts spärlich beleuchteter und hintergrundloser Strauch, der Portrait zu stehen scheint, verweist auf die Schöpfung der Materie durch Licht und Energie: Specker analysiert einerseits die photographischen Techniken der Bilderzeugung, andererseits die Materialbeschaffenheit - und deren Rezeption. Sie nähert sich den unscheinbaren Realitäten mit allen Sinnen. Sie ertastet die Formen und begibt sich unter die Baumameisen.
Wo ist die Welt, wenn die Objekte fraktal sind? Indem Specker ganz nah dran ist, verschmelzen die Differenzen der Objekte. Ob Musterungen von Rinde und Astaugen oder Risse im Beton, Specker betritt die Mikroebene und trifft auf Basisstrukturen. Derart im Urstofflichen naturalisiert sie den Beton und versöhnt seine Künstlichkeit mit der Natur: Alles ist eins.
Sie umgeht Wertungen und die Frage nach Henne oder Ei, indem sie in der Dialektik selbst agiert. Profanüberlegungen sind dennoch spannend: was hält länger, Astgenetik oder Beton, was bedeutet Stadtleben, was Natur. Doch Specker überholt, sie zieht den Betrachter auf codierte Bahnen, sie fahndet, den Stadtgarten abstrahierend, nach den Mustern - der Weltformel oder der Seele - des Materiellen.
Ob poröse Steinornamente, monolithische Klötze in perfekter Strukturneutralität, ob im Wind wehende Götterbäume, eine Birke als Spießigkeitsbeleg, oder Granitgebirge mit außerirdisch anmutender Helix, die gezähmte Natur entspricht der sterilen Welt einer auf Sachlichkeit hin orientierten Wahrnehmung. In den Doppelstrukturen der vegetativ angereicherten Zwischenräume legt Specker in leidenschaftlicher Genauigkeit allgemeine Formeln frei.
Die Mustercodes bringt sie experimentell und narrativ zum Mutieren. Sie fordert die gefundene Ordnung durch Verfremdung heraus. Hatte sie zwischen Konstruktion und Dekonstruktion in früheren Arbeiten Muster und Fassaden techno-digital erhitzt, so geht sie Im Garten behutsam vor. Da mal einen Trieb geknickt, dort eine Fuge verleimt. Die Lichtverhältnisse sind bisweilen radikal absurd. Dann die Farben, sie kommen mit Wucht: Die flächendeckenden Baumummalungen in saftig Satt schlucken den Hintergrund durch eine schizophren unwirkliche Tiefe, die blendet. Die Baumstamm-Objekte sind isoliert, sie sind freigelegt wie fürs Skalpell und der ehedem so ´muster´haften Kommunikation mit einem Dahinter enthoben: Die Sterilität durch Haltlosigkeit ist die letzte Bilanz - eine Art Strafe - der Materie. Heidi Specker folgt ihr in Richtung Ursuppe.
Es sind die Muster, die in poetischer und inspirierender Weise Halt geben: Rinde in Korrespondenz mit Beton. Obwohl ihr Verhältnis wie Wasser zu Öl ist, zeigen sich ontologische Logiken, die Specker durch die blinden Hintergründe parodistisch umso deutlicher macht. Sie beobachtet - gewissermaßen durch den Rückspiegel - teilhaft und detailliert, um das Widerspenstige zu zähmen. Specker zelebriert eine Andacht des Urbanen. ´Im Garten´ erschien bei Steidl im gebührend faserintensiven Leinen und wurde 2005 mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet.

Matthias Groll

 
Modefotografie


- Fashion Photography of the Nineties. By Camilla Nickerson & Neville Wakefield. Zürich 1996 240 Seiten
- Fashion Images de Mode No.1. By Lisa Lovatt-Smith & Patrick Remy. Steidl Verlag, Göttingen 1996, 208 Seiten
- Köln. By Jürgen Teller. Taschen-Verlag, 1996 176 Seiten


erschienen in  European Photography   61  1997 

    Leider ist Modefotografie nicht zuständig für Staubsaugerwerbung. So macht denn auch keiner sauber in den Studios und die Models müssen sich in Schmutz und Zigarettenkippen räkeln. Sie emanzipieren sich ihrer Funktion als erotische Kleiderständer, verlassen die Kulissenwelt der Ablichtungsindustrie und proben den Zeitgeist der Mode im Rinnsal: Die rauhe Realität rückt den Modemagazinen als Ambient-Attacke in den Glanzlack. Das Schminkdesaster wird zur Kür und der thrill des versifften Blicks trifft die potentiellen Kunden hinterrücks: Es darf mir schlechter gehen, als das Produkt erlaubt.

    Individuelle Ängste, gesellschaftlicher Verfall und sexuelle Besessenheit werden nicht vertuscht, sondern sind Thema der Verführung. Faszinierend ehrlich die inszenierten Abgründe, noch ehrlicher die Narben, doch am ehrlichsten das rohe Fleisch: FASHION Photography of the Nineties (bei Scalo) versammelt die zerschrammten Leiber von Bikiniköniginnen und Schwanzträgern als Poesiealbum von Verruchtheit und Vergänglichkeit. Den Geschöpfen ist entweder ein Besuch beim Friseur oder eine Therapie - oder beides - zu raten. Scalo präsentiert auch Künstler und Fotographen, die sich kaum für Mode engagieren (C. Sherman und R. Prince) - weniger Fashion, but people ist die Devise. Die über 200, zumeist nackten Halbschönheiten wurden kommentarlos in den Bildband gekippt.

Auch ´Fashion images de Mode No.1´ (bei Steidl) präsentiert durch Antipose das Grauen der Schönheit. Die nun jährlich erscheinende Bestandsaufnahme ´epochaler Modefotografie´ wankt zwischen Traum und Trauma. Die Infizierung der perfekten Werbekörper mit selbstdarstellerischer Offenheit gerät zur befreiten Zukunftslust und verwischt die Grenzen der Mode zum Leben. Nan Goldins morbide Drag Queens entthronisieren die Podestkunst H. P. Horsts; die träumenden Laufstegexistenzen Jeanloup Sieffs und Peter Lindberghs filigrane Stilleben transzendieren die Tradition der Eleganz. Doch spätestens die Jugendlichen mit coolem C&A-Blick (Mario Testino) zeugen - überzeugend - von der Unsicherheit des Genres.

    Statt einer Schlammschlacht der Körper dominiert bei Steidl eine Körperpoesie, der die Schlacht erst noch bevorsteht. Ordentlich editiert, orginell geordnet und mit Anmerkungen versehen geriet die Zusammenstellung zu einer Soziologie der beauty industry. Sie thematisiert und analysiert sich selbst, sie treibt sich lustvoll den Stachel des neuen Realismus ins Fleisch und feiert zwischen Stil und Stadtneurose den braven planet ultra. 

    Der neue wildlose Star Juergen Teller ist in beiden Bänden präsent und nun bei Taschen in der Abteilung ´world of erotica´ erhältlich. Teller versetzt - den Wolfgang Tillmans-Look übertrumpfend -  der Mode-Correctness einen neuen Schlag ins ästhetische Gewissen. Er läßt die Modewelt erschaudern durch eine Direktheit, der sich kaum zu entziehen ist. Die Blicke der wilden Mädels, Superstars und Deo-emanzipierten Models betreffen. Sie retten die Mode, indem sie Geschichten - Lebensgeschichten erzählen. Teller inszeniert Sehnsucht und den schnellen Blick, er beutet die Situationskomik aus und analysiert die innere Raserei der Unruhekonsumenten als tragikkomische Politiklosigkeit. Er schließt das Leben mit dem mehr-Leben-Wollen kurz.

    So mag er als Einblick in den post-Bennetton-Konsum zur Selbstliebe aufrufen und als Ausblick aufs Themenspektrum des Ozonlochs richtungsweisend sein. Doch auch Teller läuft Gefahr, den trash im romantischen Aschenbecherambiente zu zerdrücken. Das Programm ´Lifestyle ist cool´ in eine Ideologie der ergötzlichen Wehleidigkeit umzubiegen, schützt nicht vor Zeitgeistverfall. 

    Werden die Models nicht mehr auf die Motorhauben schicker Luxuskarossen plaziert, sondern vor (kalte) Zentralheizungen (siehe alle drei Bände) - die Vergänglichkeit der Modeästhetik zeigt sich umso deutlicher, als die Konsumenten längst aus dem Cyberspace beschossen werden: Den Genlabors der Digitalfotografen entlaufen geklonte Puppen in garaniert staubfreie Landschaften (siehe Fashion und Images de Mode). Die mutige Rückeroberung der reinen Ästhetik sorgt für knallbunte Heiterkeit. Knallhart die Pixelperfektion und wohltuend die Befreiung aus dem Mief riechender Leiber. Endlich Mode für Haushaltsroboter!

    Die Dynamik des Virtuellen entlarvt die Realität der Busen- und Po-Ablichtung als ein Endlosrecycling ewig-antiker Posen. Der Schmutz aber, in den sie gegenwärtig gesetzt werden, ist mehr als ein remix aus Dada, Punk und neuer Körperkultur: Selbstbewußt belichtet die junge Modefotografie die junge Partywelt, der die klassische Modeästhetik so krampfig erscheint wie sie aussieht. Doch wer hip sein will, kauft ohnehin second hand.

                             Matthias Groll



Deutschlandbilder - 17 fotografische Positionen


Agentur Ostkreuz, Berlin, 192 Seiten

erschienen in EUROPEAN PHOTOGRAPHY 78 2005  European Photography

Picknick als Naturkatastrophe: Gräser werden geknickt, Insekten zerdrückt. Mag sich die Resistenz sozialer Systeme komplexer verhalten als das Erstarken einer Wiese, das Grasdesaster (Thomas Meyer) ist zentrales Sinnbild für die Lage im Land. Reichlich Dellen, wenig Strategie, doch Resthoffung.
Deutschlandbilder. Zwischen Platte, Stadtzerstörung und Gleichgültigkeit folgen die fotografischen Stillleben von Jordis Antonia Schlösser der Trostlosigkeit des Randzonendaseins. British Bronx in Germany? Anne Schönharting dokumentiert in Armut aufwachsende Kinder. Sie sind scheu und sehnsuchtsvoll. Also raus aus dem Mief: In den ´Temporären Architekturen´, den Abbauphasen von Volksfesten folgt Werner Mahler UFO-ähnlichen Landbesetzungen. Das Feiern war fein. Muss ja. Muss ja.
17 Autorenfotografen der Berliner Agentur OSTKREUZ gehen in ´Deutschlandbilder´ der Seele des Landes auf den Grund. Sensibel und neugierig. Zeiten und Orte kreuzen sich: Sibylle Bergemann konserviert ´verblassende Erinnerungen´ ehemaliger Wichtigkeiten. Harald Hauswald konfrontiert brachiale wie poetische Sozialismus-Zeugnisse mit neuen Urbanitäten. Dawin Meckel zeigt, wie schwabennah die Deutschkultur noch in einer ehemaligen deutschen Kolonie in Namibia fortlebt. Man besuche den Pfälzer Ort ´Hassloch´ (Nicole Angstenberger), das offizielle Durchschnittsnest der Republik, das seit Jahrzehnten bewährtes Testfeld für Marktneueinführungen ist. Mittelmaß ultra. Den Kampf gegen das Land erleben Ausländer im Abschiebegewahrsam (Maurice Weiss), wohingegen ihn russische Migranten vielleicht gewonnen haben (Wolfgang Müller). Die Trashkultur des Berliner Underground (Julian Röder) schließlich belegt bei Party, Punk und Poesie, dass Spaß auch ohne Visionen müde macht.
Ganz anders die Alten: Ute Mahler führt die Kampf-Oma vor. Und Alte, die, einer eigenen Gattung gleich, sicherheitserprobt die alten Fahnen schwingen. Utopien gibt es auch: das Luftschloss und das Eigenheim. Ironiefrei folgt Wolfgang Bellwinkel dem Provinz-Heil bei Fertigbau und Gartenruhe. Deutscher Wald mal Sonnenschein macht ausgeglichen. ´Am Sonntag´ (Annette Hauschild) ist Kirchgang, eine Parade und Papa fährt das Auto aus. Auch für Niveau ist gesorgt: In ´Die Besten Deutschlands´ versammelt Heinrich Völkel Bauchtanzköniginnen, Rodeosieger und Wellensittichzüchter. Lauter Helden.
Demgegenüber ist die Politik das eigentliche soziale Drama: Michael Trippel entlarvt die Inszenierungen der Macht als bitterböse Pose. Als fände sie im Aufzug statt, der den Applaus - zum Glück - absorbiert. Das Duo Schröder-Bush wie Klone ihrer selbst, Angela Merkel am Pult wie vorm Gnadenausschuss. Eine Kaste jenseits der Freuden und Tragödien des Realdesasters. Ob Merkel Auto fahren kann, fragt man sich schon beim Eröffnungsbild des Bandes: eine junge Frau vor mattem Ost-Ambiente in Berlin Mitte am Lenkrad (Linn Schröder). Sie wird Gas geben.
Der 1990 von sieben ostdeutschen Fotografen gegründeten und mittlerweile inklusive Westzuwachs mit 17 Künstlern etablierten ´Agentur der Autorenfotografen´ gelang OSTKREUZ ein komplexes Deutschlandbild. Zwischen Idylle und Abgrund werden soziale Zustände nicht durch Lamentieren zementiert, sondern analytisch dem zukunftsoffenen Diskurs zugeführt - Christoph Ribbat spricht vom ´rätselhaften Realismus´. In Berlin startend tourt die Ausstellung über Mailand und Moskau unter anderem nach Delhi und Singapur. Der Welt präsentiert sich ein Land voller Brüche, eine Kultur auf Identitätssuche. Dabei wächst die Neugier auf das Triviale. Der Überbau versagt, es lebe die Peripherie und das Glück im Kleinen. Auf dass der Schmerz nachlässt.       

              Matthias Groll


Areal


Joachim Brohm
Ein fotografisches Portrait 1992 .. 2002
Steidl Verlag, Göttingen 2002
262 Seiten ISBN 3-88243-878-9

erschienen in EUROPEAN PHOTOGRAPHY 73/74 2003  European Photography


Man riecht noch das Öl, hört die Arbeiter lärmen. Vorbei. Da aufs Dach, dort durch den Zaun wagt sich der Photograph, um die verlorene Heimat zu halten. Ein Fremdling, der chronisch wiederkehrt, über zehn Jahre lang. Kein Wachhund da, kein Verbot? Das in den 50er Jahren gewachsene, 20 Fußballfelder große Industriegebiet, das einer komfortablen Wohn- und Dienstleistungsstadt weichen soll, begleitet Joachim Brohm im Übergang. Wir schreiben die Zwischenära von Glaszersplitterung und Unkrautgedeihung. Eine friedliche Revolution in Zeitlupe. Die kleine Tankstelle mit Wellblechdach, die vordem ein Treff der Belegschaften war, ist weg irgendwann. Bodenangleichung zugunsten von Musterhäusern mit Autobahnanschluss. Brohm folgt der Transformation vom Industriefriedhof zur ..Parkstadt" in aller Stille. Er observiert den Prozess des Umpflügens scheu, doch konzentriert und aus den Blickwinkeln des Verborgenen. Bretterverhau, verwaiste Wohncontainer, herrenlose Kabeltrommeln. Brohm nähert sich dem Areal keineswegs melancholisch. Er geht Entdecken. Und findet in den Halbruinen blühende Biotope flexibler Zwischennutzer. Die vermeintlich rechtsfreie Landschaft ist besetzt von obskuren Nieschengeschäftler - wurde die Autohalde zum Abholmarkt? Industrie-Slum! Gemütlich richtet man sich im Provisorischen ein. Und dann, allzu schnell, ist alles weg und vorbei: Mit Bagger, Kran und Zuversicht greifen die Innovatoren ein. Bald ist die Einfahrt planiert und Kinder spielen. Wo war gleich die Kantinenbaracke gewesen? Fragt jemand? Danach, wo die Reifenberge jetzt sind und die Fabrikhallen? Wohin ist der Sperrmüll? Die Spuren sind verschwunden. Wider den Wandel hält Brohm die Beständigkeit fest. Mit jedem Bild des Verfalls beleben sich die Szenerien durch unser Wissen um den Mief von Werkstätten und Abhollager, die jeder mal kennenlernte. Da ist die Bewegung hin zum baldigen Wohnglück, und dann die Erinnerung an die Plastikstühle auf Kiesschotter nahe Parkplatz, wo wir uns einst zur Fensterrahmen-Lebensplanung eingefunden hatten. Brohm sitzt reflektionsfrei dazwischen. Mit einfacher Kleinbildkamera gelingen ihm Bilder wie in Aspik, Augenblicke des Luftanhaltens und der Kontemplation. Das Areal ist geblieben, allein der Boden ist vergesslich. Das Gebiet wird neutral und geschichtlich irrelevant werden. Nie wird etwas gewesen sein. Mag es vor dem Globalen Geschichte gegeben haben, hier war sie nur Brennstofflager, Heizungsbau, Düngemittelfabrik und ganz viel Service fürs Auto. Nicht der Rede wert. Jetzt rosten die Wracks, die Pumpanlagen sind stromlos. Brohm führt uns, so Urs Stahel, in eine ..Fallgrube ohne Boden" (S. 118). Er zeigt uns ein halbes Jahrhundert Industrie-, Architektur- und Lebensgeschichte, für die kaum je ein Sinn geschärft war. In "Kray" konzentrierte sich Brohm 1995 auf diverse unwirtliche und unwirkliche Anti-Areale, in "Areal" analysiert er in äußerster Stringenz einen einzigen Ort als blinden Fleck. Ob als Industriegebiet, Übergangsterrain oder Wohnstadt, Regina Bittner zufolge ist das Areal als typischer ..Nicht-Ort" ein ..universeller Durchgangsraum mit hoher Effizienz" (S. 133). "Ausgewählte Ausstattung" und "innovative Architektur mit viel Liebe zum Detail", so das Programm. Zurück blätternd lastet die Zukunftsplanung über dem Gelände wie ein Damoklesschwert. Und die Qualitätssteigerung durch moderne Platten mit Giebel "vor grüner Kulisse" zeugt vom vorgeblichen Sieg über die Entropie .. vorgeblich, da die Umtopfung Energie verschlingt und die Frage nach dem Gedächtnis offen bleibt: Brohms Photographien sind der lokalen Orientierung und der Ortsverpflichtung enthoben. Die Geflechte der Ansichten geben keinerlei Überblick. "Die Dinge erzählen keine Geschichte ihres Gebrauchs, die Rückschlüsse zulassen könnten. Stattdessen Signaturen von Raum und Zeit" (Bittner S. 135). Trotz Wiedererkennungen ein Dickicht. So gelingt es Brohm, das Authentische zum Universellen zu steigern. Seine geschichtliche Dokumentation gemahnt an die Unmöglichkeit, Gewesenes zu halten. Seine Bilder sind ´short cuts´ im Puzzle der Vergänglichkeit, und nur der Boden wird ´wissen´, ob nicht doch Kontaminationen vorliegen. Fest steht: die Arbeiter, die einst hier klotzten und schwitzten, sie reisten weiter wie mit einem Zirkus. Irgendwohin. Doch Brohms zeit- und ortsneutrale Mikrostudie macht bereits absehbar, dass auch die in die neue Heimat gezogenen Kinder, die nun das Pflasterareal um die neuen Baumpötte erforschen, abwandern werden, wenn die Gebäude verbraucht sind. Man wird Bagger holen, Gerümpel hinterlassen und vergessen.

Matthias Groll


Fassade Köln


Reinhard Matz: Fotografien
Emons Verlag, Köln, 256 Seiten

erschienen in European Photography 77 2005 European Photography

Kippbare Kleinfenster mit Vase an Gardine, Klinkerfassaden in Schwimmbadblau und Balkone wie für Einbeinige konzipert. Das Stadtbild ist penetrant unauffällig. Ein endloser Vorort. Spießerverdacht: Reinhard Matz entführt uns in die bis heute andauernde Nachkriegszeit der Einfachheit von Fertigbau und Provinzialität. Obwohl ´Fassade.Köln´ die Rheinmetropole portraitiert, sind die Ansichten bundesglobal - die Straßen sind eng, die Häuser schmal, die Mittel knapp.

Hausbesitzer wählen Garagentore aus Blech und Klinker als Backsteinsublimat - man klopft, und es klingt hohl. Presspappe statt Putz, Alu statt Eisen und Styropor statt Stuck. Die Architekturen sind ästhetikresistent und fast postmodernefrei. ..Es scheint", so Matz, ..als würde daran gearbeitet, aus der potentiellen Großstadt Köln eine Kleinstadt zu machen".

Je länger der Blick aber flaniert, desto versöhnlicher stimmt all das Heimelige. Wider die gewohnte Betonbracchialität wirkt das Puppenhafte wohlig intim: Matz gelang auf über 250 handlichen Seiten in wetterfestem Umschlag ein Stadtführer über das ´wahre´ Köln. Touristenmagazine, Galerien und Postkartendom sind fern. Hier wohnen die Leut. Überall hier wohnt mein Onkel aus Bielefeld.

Die Fotografien sind poetische Stilleben, die das Faktum Köln ins Private transzendieren. Onkel liebt Buchstabensuppe. Die versiert ins Bild gebrachten Sammlerstücke sind Lynch-artig. Das Gruseln ermuntert zum Stadtgang. Nicht verpassen: In der Roßstr. 19 hat sich jemand Pferdeäpfel aus Blei an die Eingangstüre geworfen (S. 207). Man verhandle mit dem Paul Klee Fan in der Witschgasse 6 (S. 203) über den Preis für seine sagenhafte quietschgelbe 70er Jahre-Eingangstür (eventuell wertvoller als das Haus), beklage den Pfusch durch Plastik am Müllcontainer Horn- Ecke Liebigstr. (S. 191) und klaue in der Nikolausstr. 118 (S. 190) das Briefkastenemaille für den Flohmarkt.

Ein wesentliches Verniedlichungselement in Köln sind Klinkerornamente. Sie korrespondieren mit den ostdeutschen Gestaltungbauteilen, sind aber utopieneutral. An die Fassaden gepappt sollen die Buntheitssprengsel Individualität vortäuschen. Anordnung, Farbkombination und Musterlogik sind bemerkenswert und erfrischend. Man gehe zum Gereonswall 37 (s. 255) und frage, wer der Kreator des konstuktivistischen Kachelmixes war und was er sich dabei dachte. Noch prächtiger die intarsienähnliche Arbeit in der Clemensstr. 33 (S. 231) und die Ruinensimulation der Klosterstr. 19 (S. 221).

Ortsübergreifend freilich stimmen die Klinkerfronten, die Schießschartenfenster, die Glasbaustein-Ensembles und Türumrahmungen traurig. Sie beruhen auf einer Kleinstadtkomik, die tragisch ist. Bleibt die Frage nach Gegenstrategien. Abriss geht wegen Onkel nicht und weil die Stadt schon mal zerstört war. Doch Kosmetik würde alles noch schlimmer machen. Man sollte .. Matz sammelte Schätze genug .. die Ensembles kitschgenießend unter Denkmalschutz stellen. Jedenfalls merke man für die Zukunft: Beton verdreckt schnell, Klinker dagegen ist abwaschbar. Erinnert aber eher an Klo als an Stadt.

Matthias Groll


EndCommercial - Reading the City

von Wolfgang Scheppe und Florian Böhm

Hatje Cantz Verlag 2002 544 Seiten, über 1000 Farbabbildungen

erschienen in  European Photography  72  2002 


Urbane Basisforschung

Eine in Plastiktüte gehüllte, defekte Parkuhr erzählt eine Geschichte, dutzende Parkuhren in Plastiktüten dagegen offenbaren ein Prinzip Stadt, das dem singulären Blick verschlossen bleibt. Schilder, Türen, Fahrradskelette, Plakate, Menschen und Straßenkreuzungen, all die Basiselemente des alltäglichen New Yorks werden in ´Endcommercial´ zur geballt urbanen Enzyklopädie. 60.000 Objekte haben Florian Böhm, Luca Pizzaroni und Wolfgang Scheppe seit 1997 fotografiert, über 1000 erschienen nun auf über 500 Seiten bei Hatje Cantz.

Der Band folgt der inneren Grammatik der Stadt durch das serielle Aufzeigen von Sehenswürdigkeit, die leicht zu übersehen sind. Sie wirken im Kontext der sozialen Mikrorealitäten skurril und en masse brutal. So sind Hydranten praktische Sitzmöglichkeiten für arbeitende, rastende oder telefonierende Passanten, sind sie jedoch mit Antisitzstacheln präpariert, übernehmen sie die Funktion der Taubenabschreckung. Transportkörbe dagegen sind stets passable Sitzmöbel für Draußenverkäufer und Überlebenskünstler.

Indem die Autoren die fotografische Sammelwut auf die Spitze treiben, führen sie beim Betrachter zur Lust nach Analyse und zur Hinterfragung der urbanen und wirtschaftlichen Strukturen. Gravuren in Stahl und Beton, vielfältig einsetzbare Abdeckplanen in Blau, Werbebuchstaben-Frakturen, Shop-Enter-Areas und Flohmarkt-Idyll zeigen das Streetlife als semantische Biotope von Ökonomie und Kommunikation. Und immer wieder und weil sie zu einer Großstadt wie New York gehören: Mülleimer, Mülltonnen und Müllsäcke in peripherem Ambiente.

Endcommercial geht distanziert vor. Die Reihung der Objekte ist wissenschaftlich und dokumentarisch. Dabei bleibt offen, was mit Kommerz gemeint sein mag. Der Band folgt dem Ende des commercial flows, dem Ende der Nahrungskette. Keine ´big idea´ ist ersichtlich, weder Geld noch Währung sind erahnbar.

Der Urbanität ohne Überbau und Utopie folgt der Bildband ohne Seitenzahl und Text. Stattdessen ein stammbaumähnlicher Schaltplan, der die 32 Bildserien begrifflich vernetzt, wodurch ein mentaler Stadtplans entsteht, durch den zu navigieren ist. Er transzendiert die global wirtschaftlichen Strukturen in eine Systematik der Menschenleere.

Der Betrachter wird zum Archäologen im Puzzle der kommerziellen Finalitäten. Wer die Fragmente verdichtet, wird einsam und distanziert, denn die Objekte sind referenzfrei. Sie sind Zeichen, deren Sinnanbindung aufgehoben ist. Weder New York ist erkennbar noch die kommerziellen Transfers. Endcommercial thematisiert die Virtualität und Immaterialität des Kommerzes, indem die urbanen Ablagerungen von Handel und Profit der verwundeten und brachliegenden öffentlichen Sphäre gegenübergestellt werden.

Die Serie ´Pray Jesus´ versammelt Madonnen, Kruzifixe und religiöse Aktionen im authentischen Ambiente der Entfremdung. Glaube, Kauf und Abnutzung verweisen auf ´user´, die inkognito bleiben. ´Reading the City´, so der Untertitel des Bandes will Spurensuche ohne Anleitung, Entdecken ohne Ziel. Dabei besticht nicht die Perfektion des Fotografischen, sondern die Rekonstruktion der gesellschaftlichen Strukturen in ihrer visuellen Wucht.

Der Band ist ein langfristiges Projekt unter www.endcommercial.com. Da lauert der ´daily digital slum´ mit täglich neuen Bilder, Serien und Objekten, die das Städtische im allgemeinen und New York im besonderen immer aufs Neue reflektieren. Ein Puzzle ohne Rand: Der ´Ticker´ bietet über den Bildband hinaus die Möglichkeit, die Zusammenhänge dessen zu begreifen, was geschieht.

Matthias Groll



Plattenbauten.

Berliner Betonerzeugnisse - Ein Quartettspiel

Von Cornelius Mangold. Superclub Berlin 2001. Kartenspiel 33 Blatt


erschienen in European Photography  71 2002

Beton gewinnt


Nicht mehr Auto- oder Flugzeugquartett erfreut heutige Spielkartenfreunde, sondern Betonplatten mit Fensterlöchern drin. Die "Außenwandplatte Beton WHH 18/21" ist mit 21 Etagen in der Kategorie Höhe der absolute Trumpf. Übereinandergestapelt hält sie 269 Wohneinheiten zusammen. Das Quartettspiel ´Plattenbauten´ mit 28 Fassaden, Zier- und Gebäudeverbindungselementen aus ostdeutscher Fertigbauproduktion steht unter Kultverdacht. 
Herausgeber Cornelius Mangold kam auf das Spiel, nachdem er sich bezüglich seiner Abschlußarbeit mit den Maßeinheiten der ´Platte´ herumzuschlagen hatte, doch kaum Bildpublikationen zum Thema fand. Immerhin war die DDR im Ostblock ja Vorreiterin in der Architektur des sozialistischen Zeitgeists. Bis heute sind die Bauerrungenschaften Ost zwar prominent, doch vor allem verpönt. Gab es nach dem 2. Weltkrieg in Ost wie West Prämien, den Stuck von den Fassaden zu klopfen, um sich symbolisch des Preußentums zu entledigen (längst gibt es Prämien, ihn wieder dranzukleben), so setzte sich im Osten das Motto durch ´je geringer der ästhetische Reiz, desto freier der Geist´.
Die Wohngebäude, Appartement-, und Bürogebäude in Beton- und Keramikvariationen - Keramik sticht Beton - sind balkonlos, wackelig verfugt und unübersehbar billig. Grau war die Kür. Mutige Rotabweichungen fallen zwischen 1975 und 1982 auf, quietschgrün war Mode um 1985. Dummerweise aber sind die grünen Keramikkacheln der architektonischen Schießschartenphase genau dort, wo eigentlich mehr Fenster sein sollte. Erschreckend, doch aufschlußreich ist, daß, wie Karte 3a zeigt, noch zur Wendezeit übelster 50er-Mief gebaut wurde. Immerhin aber sechs Meter breit. Jeder Spieler wird dankbar sein. Modell ´68 sollte man als Tapete vertreiben!
Anhand der Arbeiterschließfächer mit Zubehör lassen sich einige Jahrzehnte der DDR-Existenz durchleben. Der Fotograf Stefan Wolf Lucks fing die Prachtexemplare bei berlintypischem Sonnenscheinloslicht ein, und der Kurztexter Jochen Schmidt berichtet, dass man durch die Zentralheizung noch das Atmen der Nachbarn hören konnte.
Vom ästhetischen Grauen zeugt die Serie der Gebäudeverbindungselemente. Sie sind ´ungetypt´, also ohne Seriennummer, und damit in der Kategorie ´Typ´ die Arschkarten. Sie zeigen die sozialistische Geschmacklosigkeit mit brachialer Kraft, sehen aus wie Antidurchfluggitter wider den im Ballon flüchtenden Bürger und sind optische Reusen wider jeden Kunstsinn.
Ähnlich die Formsteine (Beton, kein Keramik), jene mülltonnen- und straßennnah installierten Sichtabdeckungsschutzeinrichtungen, die in scharfkantigem Neokonstruktivismus Hammer und Sichel simulieren. Mit nur 60 Zentimitern Segmenthöhe können sie die üblichen 2.80 Meter der Wohnungsplatte nicht schlagen. Die Kunstmonster, mal wellenförmig, mal ankergleich, sind Delikatessen! Es ist unglaublich, welch pittoreske Betonparolen der Kalte Krieg hinterließ.
Leicht übersieht man die Denkmale im Alltag. Umso mehr bestätigt das Spiel, dass Bilder bilden: Der durch das Kartenstudium lustvoll ironisierte Blick labt sich an den Politkubismen, je länger er mit ihnen zockt. Danach, draußen vor Ort, wird der Spieler überwältigt von der wunderbaren Vielfalt sich immer aufs Neue toppender Modelle. In erfrischend unakademischer Art trägt das Spiel zu einer Neubewertung des Städtebauerbes der DDR bei.

Matthias Groll