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Last Updated: 7/30/2008

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Wednesday, December 20, 2006 

Category: Web, HTML, Tech

Performance im Klassenzimmer - Multimedial geprägte Schüler als Herausforderung an die Wissensvermittlung  

erschienen in: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Selten wird der Lehrer in der schulischen Routine gebeten, er möge doch mehr über das eben behandelte Thema erzählen. Zeit ist schließlich knapp, und ohnehin redet er schon zuviel. Meist wird umgekehrt der Schüler befragt, darüber abgefragt, was er - hoffentlich -  schon  weiß. Da es nicht wenig ist, was er wissen muß, tut er gut daran, nicht auch noch allzuviel zu fragen. So lernt er fraglos viel und ist nach ´Feierabend´ froh, ein wenig abschalten zu können.

Er füttert sein Tamagotchi, zappt durch Fernsehprogramme, trainiert sich in Computerspielen, geht online oder surft durch CD-ROMs. Da laufen Spiele noch besser, Videoclips lassen sich bearbeiten, Lexika kreuz und quer lesen, Geschichte ist mit O-Ton versehen, biologische Vorgänge werden beweglich simuliert, und Sprachen können spielerisch erprobt werden.

Vor allem aber: Er kann jede Menge fragen. Das Motto ´erzähl mir mehr darüber´ ist sogar Voraussetzung des Umgangs mit den neuen Programmen, denn ohne Ausprobieren, Suchen und Findenwollen können sie nicht mal installiert werden: Fragen sind ein wesentlicher Anreiz, auf Informationstrip zu gehen.

So sehr Multimedia, diese multivitaminsaftähnliche Fusion der Massenmedien mit Telefon und Computer, noch in den Kinderschuhen steckt, die ROM-Kultur stellt das schulische Frage-Antwort-Verhältnis längst in Frage. Bislang erobern die Jugendlichen das technische Terrain weitgehend im Alleingang und ohne pädagogische Betreuung. Aufgedreht klicken sie sich durch die Enzyklopädien digitaler Spiel- und Wissenswelten, sind dabei so richtig gut drauf und hocken noch anderntags völlig zappelig auf der Schulbank. Da sie dort bezüglich ihres Bedürfnisses nach Reizanstrengung nicht auf ihre Kosten kommen, stürzen sie ins Vakuum absoluter Unkonzentriertheit.

Ein Hinweis auf die Frage, weshalb schulische Wissensvermittlung immer schwerer wird und Lehrer die kindliche Welt nicht mehr verstehen, ist, daß Schüler den Umgang mit der multimedialen Logik sehr gut verstehen, die Erzieher aber lineare, logische, kurz monomediale Vermittlung pflegen. - Die Schüler erwarten vom Lehrer am wackeligen Overheadprojektor eine kaum einlösbare Performance. Auf linear und sachlich vermitteltes Wissen sprechen sie kaum an, da ihre Alltagserfahrung medial, komplex und ´abenteuerlich´ geprägt ist

       Wissen ist Ohnmacht

Ohne Zweifel ist computergestützter Unterricht auf dem Vormarsch. Er wird die Verantwortung der Lehrer zwangsläufig auch auf multimediale Pfade führen. Die CD-ROM als Vermittlerin gigantischer Mengen gespeicherten Wissens droht sogar in Konkurrenz zum Erzieher zu treten. Soll er deshalb nun sagen ´klick mich an, ey´, um dem Schülerwunsch gemäß als Surfbrett zu seinem Wissen zu dienen?

Doch ob der Lehrer nun zum Tankstellenwart an der Datenautobahn wird oder nicht: Abzuwägen ist, ob ein ´Fast-food-Wissen´ durch fröhlichen Mausklick noch Wissen genannt werden kann, das zu so etwas wie Bildung führt. Denn das in Kultusministerien seit langem diskutierte Problem, aus immensen zur Verfügung stehenden Wissensmengen sinnvoll auszuwählen und Wesentliches in übersichtlichem Zusammenhang zu vermitteln, ist auch technologisch alles andere als gelöst.

Allzu leicht gerät man in den Endlosschleifen flexiblen Computerdesigns vom Hölzchen aufs Stöckchen und vergißt, nach welchen Informationen man denn eigentlich gefragt hatte. Die Gefahr des ´ROMing´ liegt in endlosem und ziellosem Fragen und der Schwierigkeit, auf einen klärenden Punkt zu kommen.  

Bereits die guten, alten Bücher machten die Qual der Wahl ja nicht leicht, denn immer mehr Bücher häuften sich an. Durch die ´Explosion des Wissens´ wurde auch die Bibliothek längst zum Labyrinth, in dem man den Sinn (die Antworten) vor lauter Informationen kaum mehr sieht. Wenn sich allerdings angesichts der Devise ´zuviel ist nie genug´ das Wissen der Menschheit tatsächlich alle fünf Jahre verdoppeln sollte, platzten nicht nur Bibliotheken, sondern auch CD-ROMs aus allen Nähten. Das Problem der Wissensvermittlung also ist weniger ein schulisches denn ein kulturelles. Auf dem ´planet ultra´ ungebändigter Kommunikation rauchen allen Informationskonsumenten längst die Köpfe: Man weiß sehr viel heutzutage, so viel sogar, daß man schon gar nicht mehr weiß, was man alles weiß. Kein Wunder, daß Computer bezüglich ihrer gigantischen Speicherkapazitäten überaus beneidet werden. Machte Informationsknappheit in früheren Zeiten Informationen noch überaus wichtig und nutzbar - sie konnten für das unmittelbare Leben von größter Bedeutung sein, so ist es heute freilich schwierig, sie in Bezug zum eigenen Dasein zu setzen, denn sie fließen weitgehend unerbeten und ohne ersichtlichen Grund am Rezipienten wie am Schüler vorbei. Nicht zu Unrecht hält Neil Postman Informationen für "gefährlich, wenn es keinen Platz für sie gibt, wenn keine Theorie da ist, auf die sie sich stützt, kein Muster in das sie sich fügt, kurz, wenn es keinen übergeordneten Zweck gibt, dem sie dient". Information hat dann keinen Boden, ihren Sinn zu entfalten. Sie verwirrt.

Das Bildungsbemühen der letzten Jahrhunderte ist verantwortlich für diese Wahrnehmungsblockade, denn es förderte ein Allgemeinwissen, das vor allem eine Fülle von Fakten  aufeinanderhäuft. Bereits vor dem Medienzeitalter wurde der Mensch dahingehend konditioniert, möglichst alles wissen zu müssen. Daß "die Ohren des Volkes mit Bildung vollgestopft" sind, hat bereits Nietzsche besorgt. Und heutige Rateshows zeigen, wie Allgemeinwissen abgefragt und mit Punktgewinn belohnt wird: Wissen dokumentiert  weniger komplexen ´Sinn´ und Zusammenhang denn Speicherbarkeit (Merkbarkeit). Da sich diese geradezu autistische Merk-Optimierung zur kulturellen Zwangsjacke entwickelte, müßte man geradezu ein Computer sein,  in der Welt des Wissens Überblick zu behalten.

  Die Strategie der Verwirrung

Schüler und Lehrer müssen sich gleichermaßen durch den Wissensdschungel schlagen. Jugendliche nun aber packen das Unterfangen grundsätzlich anders an als Ältere. Lehrer stützen sich auf wie auch immer modernisiertes,  in Lehrplänen fixiertes Allgemeinwissen, Jugendliche dagegen wählen einfach aus, sie zappen spielerisch, suchend, fragend. Sie gehen anders mit der Erfahrung um, daß heute Wissen an der Wucherung seiner Varianten erstickt und also unvollkommen bleibt.  Sie können sich mit einer ´Geschichte als Labyrinth´ weit leichter abfinden, da sie die urbanen Weiten des globalen Dorfes selbst labyrinthisch erforschen, um sich - im Bedürfnis nach ´thrill´ - von Ereignissen überraschen zu lassen. Verwirrung ist ihr Wahrnehmungsprinzip.
Wahrnehmungstaktisch übertreffen sie dadurch den Bildungsauftrag ´bilde dich durch möglichst viel´, da sie querfeldein eigene Lichtungen ins Datendickicht schlagen, also individuell ihr Wissen verdichten. ´Wissen´, so trotzen Schüler, ´muß ich keineswegs alles, da ich doch alles auf Festplatte habe´. Dort suchen sie interessenabhängig - und keinesfalls nur als Videoten - nach Neuem und Erfahrungserweiterndem und lernen dabei, mit Wissen umzugehen. - Die sogenannten ´kids´ sind durchaus helle in ihrer Auffassungsgabe und ihrem Kombinationsver- mögen.

Ihr Boykott gegen die schulische Informationszufuhr ist insofern eine gesunde Reaktion ihres Immunsystems, als Wissen ohnehin allerorts ´flutet´. Statt es nun noch weiter anzuhäufen, stellen sie seine Handhabung ins Zentrum des Interesses. Sie kommen damit der Erkenntnis entgegen, daß der Umgang mit Wissen heute schwieriger ist als das Wissen zu erlangen, daß Informationen über das Einordnen von Informationen wertvoller sein können als die Information selbst.

Noch vor der Wissenvermittlung ist deshalb zu klären, weshalb Wissen wichtig ist, wie ich es einordnen und - vor allem: verwalten kann. - Die Botschaft des Lehrers ´bilde dich durch möglichst viel´ wird kaum mehr lange durchzustehen sein. Ohnehin behandelt Schule den Schüler, als sei er selbst ein Computer: Was er an Wissen wahrnimmt, ist ein über den `Trichter´ eingelaufener Input, Bildung, die zu selbstverantwortlicher Entscheidungsfähigkeit führen sollte, ist ein maschineller Reflex von Abrufbarkeit, und Geschichte und komplexe Lebenszusammenhänge sind abrufbare Informationshappen. ´Wissen´, so reagieren Schüler heute, ´muß ich keineswegs alles, da ich ja alles auf Festplatte habe´.

Jugendliche sind auf Bilder hin konditioniert, sie wollen Wissen wahrnehmend erfahren. Doch Schulen sind alles andere als Sehschulen. Dem Bedürfnis der Schüler nach sinnlicher und optischer Fülle kommen sie kaum entgegen. Stattdessen wird als pathologisch abgetan, was auf der Höhe der Zeit ist: zu lernen, mit Bildern umzugehen. Die Jugendlichen setzen spielerisch nur um, was ihnen bereits das Fernsehen als Anlage mit auf den Weg gab.
Erst der ist souverän, der Wissen flexibel haushalten kann, der im ´Multiblick´ geübt ist und das Kombinieren verschiedener Wissensaspekte noch vor das faktische Wissen stellt. Bildung heißt dann ´bilde deine Fähigkeit, das Zuviel des verfügbaren Wissens zu organisieren´. So zu organisieren, daß daraus ein Bild, ein (wie immer teilhaftes) Gesamtbild entsteht. Wenn ´sich ein Bild machen´ bedeutet, komplex an mehreren Beziehungen gleichzeitig zu stricken, ist dieser Vorgang inhaltlich so vieldeutig, wie die Strategie der Jugendlichen im Umgang mit Multimedia strukturell sprunghaft ist. Themenspezifisches Zappen  ist, anders gesagt, die Grundlage, Wissensbrocken zu einem Gesamtpuzzle zusammenzufügen. Zappen und fragend-suchender Datensurf ist die wahrnehmungstaktische Notbremse gegen die Informationsflut. Da die Bilder in den Köpfen der Schüler individuell zustandekommen und da sich deren Weltbild ohnehin in vernetzte Subnischen verflüchtigt hat, kann die Vermittlung kaum mehr allgemeinverbindliche Eindeutigkeit vorgeben. 

- Ehe ein Lehrer im ´Stoff´ weiterfährt, mag es hilfreich sein, ihn sich zunächst selbst auf der Zunge zergehen zu lassen, sich selbst wahrnehmend das Thema abzuklopfen. Womöglich wäre ein kurzer Wissensblackout  seitens des Lehrers nötig, um sich selbst fragen und nach dem Wissen ´sehnen´ zu können.
Will also Bildung zu plastischer Anschauung führen, will Wissen als sinnliche Qualität hervortreten, hat die Schule das kombinatorische Vermögen zu unterstützen: eine flexible, an die individuelle Erfahrung gebundene, sprungbereite Wahrnehmung. Anstelle der Eindeutigkeit abfragbarer Antworten kann dabei das Fragen erwirkende Prinzip Verwirrung die Basis sein, die ´Nervosität´ der Schüler  ins ´Mehr-wissen-Wollen´ münden zu lassen. Wissen muß, so paradox es klingen mag, zunächst verunsichern, um sich kontemplativ über fragendes Abwägen setzen zu können.

Dieser qualitiativen Informationsverarbeitungsweise kommen knappe Informationen besser zugute als die lehrplantreue Wissensflut, denn weniger ist insofern mehr, als es den Appetit anregt: Lehrer, die im Unterricht nach ein paar Sätzen Verwirrung solange schweigen, bis - ´klick mich an´ - Interesse am Thema bekundet wird, sollten auf Fragen nicht lange warten wüssen. Wenn die Frage der Kitt ist, der die Wissenstrümmer zum Bild befestigt, hat der Lehrer Trichter für Fragen zu sein. - Sein Bildungs- und Erfahrungsvorteil sollte den Schülern auf spannende Weise zugutekommen können.

Weder durch Leistungsdruck noch durch Entspannungsübungen kann dem Bedürfnis der Schüler nach Reizanstrengung verantwortungsvoll begegnet werden. Ein Delegieren der Wissensvermittlung an die multimedialen Wissensmaschinen ist freilich ebensowenig ratsam, solange deren Logik nur den ´Kids´ vertraut ist: Noch ehe die Klassenzimmer ´online´ gehen, sind die Lehrerzimmer zu verkabeln. Der von den Schülern erwartete ´thrill´ müßte auf die Lehrer überspringen, denn den Schülern können sie das zweifelsohne wichtige monomediale Wissen erst vermitteln, wenn sie ihnen, ebenfalls an Abenteuern in den digitalen Wissenswelten interessiert, bezüglich des multimedialen Verhaltens ebenbürtig zur Seite stehen. Medienpädagogik also richtet sich zunächst an Lehrer - die Schüler lernen den Umgang mit der ´Maus´ schließlich schon im Kinderwagen.

Matthias Groll