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Mat



Last Updated: 7/30/2008

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Friday, February 02, 2007 

Hi,

Hier also ein paar Texte und Links gepostet.

Weiß noch nicht genau, was im myspace so los ist, das Posten aber hat erst mal Spaß gemacht und vielleicht bietet das Netz ja mehr als man denkt.

Leute-Austausch also. – Hallo!

Aktuell fiel mir Jaron Lanier – einer der Erfinder des Internet – in der Süddeutschen vom 16. Juni 2006 und im Spiegel Nr. 46/2006 auf. Zum Stichwort Wikipekia beobachtet er bezüglich des aktuell herrschenden online-Kollektivismus einen „"rasenden Wettkampf um die Position der ultimativen „Meta"-Seite" (SZ): Obwohl „der wahre Wert des Internets darin besteht, dass es Menschen miteinander verbindet" sieht Lanier den Trend, dass sich darin „jede Spur menschlicher Einflussnahme entfernt" und den Eindruck entstehen, dass "die Inhalte aus dem Netz selbst kommen, als spräche das Web wie ein überirdisches Orakel zu uns. Da gibt es keine Person mehr, die das Material auswählt, nur einen Algorithmus" (ebd). -  Des Meisters Seite

Das ist doch schon mal reichlich spannend und bedenkenswert … . Wie auch die Behauptung, dass „Google News derzeit mehr Umsatz verbuchen und zuversichtlicher in die Zukunft blicken kann als die relativ geringe Anzahl guter Reporter, die rund um die Welt den Großteil der Inhalte produzieren. So generiert das Aggregat mehr Wert als die Originale" (SZ). Was überaus bedenklich wäre … .

Lanier vermißt am Internet das Unmittelbare der Kommunikation – und das Direkte des Geldverdienens! Es wird zwar viel gepostet, doch geht es nur in den vorgesehenen, geschickt placierten Sackgassen (wie hier bei myspace oder in anderen communities). Würde Lanier das Internet neu erfinden können, dann gäbe es – wider den Kollektivismus - auch anspruchsvolle Dinge zu veröffentlichen und zu veranstalten, Dinge, die nicht durch den Common Sense geplättet wären (vgl. Spiegel).

Er spricht des Weiteren von „Midi"-Programmen, das sind kleine Algorithmen, die mal für Musik gemacht wurden, die nun in jedem Handy sind – eben überall sind -, und dafür verantwortlich seien, daß die heutige Musik (und das Internet) so im Einerlei bleibe. Diese Mini-Programme können man nicht mehr loswerden, da sie als Basis überall fest vorintegriert sind.

Kann da jemand Hinweis geben? Habe davon noch nicht gehört, fände es aber spannend zu erfahren, ob es derartige ´genetische Grundlagen´ in Musikprogrammen gibt?

Any suggestions?!

 Gern auch zu reichlich anderen Themen des Kosmos.

- PS:
„Kracht die Kuh durchs Scheunendach,
wollt sie wohl den Schwalben nach".

Mat

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über das

Handbuch der Kommunikationsguerilla.

von Luther Blissett / Sonja Brünzels:  Hamburg & Berlin: Schwarze Risse /Rote Straße, 1997. 235 S




Kunst kommt von Katastrophe

Wo ist der Künstler, der in sein Innerstes horcht, um den Pinsel, den Farbkübel oder die Kamera zu schwingen? Innerlichkeit hat es angesichts der lärmend Regie führenden Öffentlichkeit zusehends schwerer. Muse musealisiert. Der Pinsel ist dem Pixel gewichen, und der Sinn dem Design. Was bleibt, ist das Sign. Die Zeichen, Symbole und Rituale, durch die gesellschaftliche Kommunikation gelingt, stellen die Kunst unter Zugzwang: Die Öffentlichkeit selbst will heute Leinwand sein.
Ob dabei die Politisierung der Kunst oder die Ästhetisierung der Politik ansteht, die politisch leidende und ästhetisch überfrachtete Öffentlichkeit dürstet nach einer Sinnessteigerung durch Interaktion. Wer dem kommunikativen Innovationszwang nicht folgt, wird mit ´lebenslangem Lernen´ bestraft. Umso dringlicher ist die inspirierende Auseinandersetzung mit den Interaktionsstrategien: Zu deren Risiken und Nebenwirkungen lese man das "Handbuch der Kommunikationsguerilla".
"Jetzt helfe ich mir selbst" wirbt ermunternd die Frontpage. Der wie ein ´Wie repariere ich mein Auto´ aufgemachte Ratgeber verspricht ´Pannen zu beheben´: die Panne Öffentlichkeit. Wider "die Gefahr, daß die Utopie einer anderen Gesellschaft nicht mehr gedacht werden kann", stiftet das Buch dazu an, das Gelingen öffentlicher Vermittlungsprozesse nach den Regeln linksautonomer Kunst außer Kraft zu setzen. Die Kunst des Fälschens ist Programm. Vortrefflich eignen sich beispielsweise Hauswurfsendungen und Plakate zur Agitation - sei es zur Aufforderung von Notopfern für Arbeitgeber, zu Bekanntgaben von Gasmaskenausgaben, des Entsorgens ´gebrauchter Batterien in den Briefkästen der Bundespost´, oder der Verlegung einer Wahlveranstaltung in einen Nachbarort. Nachahmenswerte Beispiele gibt es reichlich. So standen während des Berliner Weltklimagipfels - wie empfohlen - Kühlschränke ´gut sichtbar an der Straße´, nachdem die Stadtreinigung zu einer ökologischen Sonderaktion aufgerufen hatte. Oder Tatort München: Schwarzfahrer hatten es während des Weltwirtschaftsgipfel 1992 schwarz auf weiß, denn die gefälschte Kundenzeitung des MVV bat darum, S- und U-Bahnen kostenlos zu benutzen, ´um einen Verkehrskollaps zu vermeiden´. Auch provozieren ungefälschte Plaketten unliebsamer politischer Parteien aufs Schönste, wenn sie an den Windschutzscheiben der Autos braver Bürger kleben.
Kommunikation bestimmt die Welt noch in der Kinderstube: Einerlei, ob es jene zu Weihnacht 1993 gefälschten Barbie-Puppen überhaupt gab, die kinderfreundlich "Dead men tell no lies" sprachen, die Wirkung des Bekennerschreibens sorgte weltweit für Wirbel. Zu Panik kam es 1980 auch in Touristenstädten an der Adria, nachdem in der auflagenstark gefälschten Bild-Zeitung der Aufmacher "Schmidt und Honecker weinten" die Deutsche Wiedervereinigung verkündet wurde.
Die ´Kommunikationsguerilla´ bietet vorbildliches Anschauungsmaterial fürs kommunikative Dreinschlagen - ´Büros für ungewöhnliche Maßnahmen´ werden vorgestellt, Links zum ´Archiv G.Fälscht´ und zu anderen Gruppen gelegt. Und Luther Blisset und Sonja Brünzels, die Inkognito-Herausgeber des Kreativitäts-Crash-Kurses, grüßen alle Zersetzer der ´kulturellen Grammatik´. Schließlich ist das falsche Leben im richtigen Konformismus produktiver als die zeitgemäße Correctnes zur falschen Zeit.
Aber: Vom Einfallsreichtum der ´Spaß-Guerilla´ haben die Institutionen selbst längst gelernt. CDU-Generalsäkretär Peter Hintzes Tankstellenaktion ´Laß Dich nicht anzapfen´ gegen den Vorschlag der Grünen, den Benzinpreis zu erhöhen, steht der Montage des ´Shell´-Zeichens zu ´hell´ in nichts nach. Institutionen und Parteien nutzen die Irreführung, um die eigene Macht subversiv zu stärken. Nicht nur die Verlautbarungspolitiker, auch die Medien sind professionelle Fake-Factories. Die Boulevardpresse arbeitet auflagenstark an der Kreativitätsfront und verbreitet versiert ´Wahrheits´-Viren. Der gesellschaftliche Hauptprozessor scheint auf Zersetzung programmiert, die Subversion selbst oberstes Prinzip zu sein. Michael Born und Konrad Kujau sind die Stars unter den Fälschern.
Der kollektive Interaktionscrash freilich läßt umsomehr auf sich warten, je mehr Störungen verarbeitet werden und als ´anti´ in die medialen Gehirne integriert werden. Bedarf es folglich in Zeiten des digitalen Overkills neuer Strategien kommunikativer Attacken? ´Das Handbuch der Kommunikationsguerilla´ ist ein hüpsch bebildertes ´Guinnessbuch subversiver Rekorde´, den Texte aber haftet die Peinlichkeit krampfiger RAF-Romantik an. Sowohl die Anarcho-Sprache als auch die Beispiele haben Museumswert, sind aber deshalb umso unterhaltsamer. Die Literaturverweise und Web-´Links´ helfen beim digitalstrategischen ´Update´. Ob die ´Agentur Bilwet´, die ´Situatiuonistische Internationale´, ob ´Chumbawamba´, ´Oberdada´, ´Burroughs Cut-ups´ oder die eigene Homepage - www.contrast.org/KG/ -, der Ratgeber ist ein Sprungbrett in den Pool der Netzaktivisten. Bei Hackern und Cyberpunks landet man in der guten Gesellschaft der Zeichenkünstler. Sie lassen Bildoberflächen explodieren, veröffentlichen brisante Firmengeheimnisse und stellen die Netzgepflogenheiten auf die juristische Probe.
Die Aktionen freilich laufen Gefahr, von Homepage-Galeristen entdeckt und kapitalistisch entschärft zu werden. Allzu oft werden die kommunikativ Aufmüpfigen zur Nachwuchselite der Computerindustrie rekrutiert. Ohnehin boten dem multimedialen Dasein bislang weder Glasfasersitzblockaden noch Stromzufuhrsaboteure oder Digitalbomben flächendeckend Paroli. Jedes Virus erzwingt seinen Antivirus, ist nur eine ´bessere´ Datei und aus Gründen der Resistenzknappheit der digitalen Systeme umso willkommener, je spektakulärer es vorübergehend für Kurz-GAU sorgt. Selbst der ´Chaos Computer Club´ wurde weder zur digitalen R@F noch zum Sprengmeister des Netzes, sondern zum Seelsorger für Zukunftsstrategien.
Es scheint kein ´Darüberhinaus´ der Medien zu geben, solange man sich in ihnen bewegt. Die inspirierte Innerlichkeit des Künstlers aber wird zusehends deckungsgleich mit dem Innenraum der Medienmacht. In ihm wird die Waffe Kommunikation zum Pinsel: Es geht heute - klick - ganz im Sinne der ´Guerilla´ darum, das ´öffentliche Bild´ und das interaktiv Globale ästhetisch in die Luft jagen.

                Matthias Groll


erschienen in 
EUROPEAN PHOTOGRAPHY Nummer 63


Die Revolution des Kaspar Hauser


Welch Traum der Menschheit, die bestehenden Verhältnisse durch einen Handstreich außer Kraft zu setzen. Die geschichtlichen Vorbilder lehren vom Sturz von Monarchen, von Attentaten auf Päpste, Politiker und Bänker und vom Einrennen von Mauern. Die sogenannte Macht aber sitzt - entgegen eilfertiger ´Altlasten´-Diagnosen - mittlerweile fester im Sattel denn je. Die institutionelle Immunstärke wuchs paradoxerweise proportional zur Komplexitätslast der zu lösenden Problem. Hinter unüberschaubaren Sachlagen verbarrikadiert läßt sich die Reformblockade geschickt den verfahrenen Realitätsverhältnissen selbst zurechnen.
Die Demokratie mag gezwungen sein, Überzeugungsarbeit zu leisten, um Entscheidungen als transparent darzustellen, auf dem  immer elektronischer werdenen planet ultra aber pflegt man zusehends Demokratiesimulation, um Entscheidungen durch Transparenz zu verhindern. Sinnplacebos jagen durch die Medienräume, Verlautbarungen werden hin und her geschossen und die Rezipienten durch Quoten-Extase in Dauer-Erregung versetzt.
Im Orbit des medialen Ultraschalls wird Politik zum erfolgreichen Killerkommando wider die "Sache selbst". Sie wird immer aufs Neue erfolgreich medial, transparent ´vor Augen aller Welt´ eliminiert. Dabei verschlingt der ´Standort Deutschland´ nicht nur Arbeitsplätze und unser Angespartes, sondern vor allem den Gesellschaftsuser selbst. Er ist das Restsisiko der globalen Inkompatibilitäten und wird zum Übeltäter, der sich gefälligst selbst Zukunfts-versichern möge. Der Sprachlosigkeit des bundesdeutschen Politbüros und der ´Henkel´- Werbung zufolge heißt Revolution 2000, das Telefon im Ausland anzumelden, das Einkommen der ´Haste-mal-ne-Mark´-Arbeit im selbstgestrickten Sparstrumpf zinslos unterm Kopfkissen zu bunkern und die Datscha finanzamtschwach zum Hauptwohnsitz zu erklären.
Die Verlautbarungsköpfe wachsen janusköpfiger nach, als die Schwerter, die sie realiter treffen könnten. In Zeiten des politischen chats, und der Echtzeitinteraktion noch mit Marsgestein liegen die Angriffsflächen immer weniger im Irdischen: Die gesellschaftliche Verantwortung hat sich ins Globale verflüchtigt, sie ist ins Beliebige und ins virtuell Mediale entfleucht. Selbst das Besetzen von Funkhäuser und Fernsehstationen ist überholt, denn heute wollen die Datennetze erobert sein. Mit ihnen wurde die Revolution zum Automatismus der Cybersysteme: Die Revolution geht sowohl ohne Revolutionäre als auch ohne Politiker online. Revolution ist heute update-gebunden, denn wer zu spät kommt, den bestraft die elektronische Umlaufgeschwindigkeit der Daten.
Brav tobt sich man sich in der bildschirm-hellen Kammer als Revolutionär-Simulation aus.
Wer im Cyberspace der multimedialen Weltvermittlung revolutionieren will, braucht neue Strategien, er braucht Datenwaffen. Die Revolution wider die Informierungsrevolution bedarf viraler Strategien: Computerviren beispielsweise. Sie lassen das Bildschirmgeschehen amok laufen und in sich zusammenbrechen, wonach die ´Black Box´ sprichwörtlich scharz bleibt. Die Zersetzung der ´Kulturellen Grammatik´ und die Vernichtung laufender Programme will den obligaten (Un-)Sinn mit noch größerem (Un-)Sinn vergelten. Fakes (Fälschungen) lassen die mediale Verdauung kollabieren und Informationsträger verlieren jeden gespeicherten Sinn, wenn sie überinformiert werden.
Explodierende Gefängnisrohbauten oder Finanzämter sind damit so antiquiert wie abgefackelte Supermärkte oder Hakenkrallen über Bahnstrecken. Erst eine Invasion der Viren ließe alle Strukturen zerfallen. Der Gleichklang der Medienkonformität bräche im kollektiven Filmriß piepsend, plappernd und zuckend zusammen. - Welch Traum! Er könnte freilich in eine Gesellschaft münden, deren Mitglieder sich in einer Art kollektivem Videospiel gegenseitig die Bildschirme abballern.
Doch gibt es Computerviren beinahe so lange wie autonome Erlösungs- Workshops: Dennoch und nichtsdestotrotz läuft alles - nur beschleunigt um den Datenoverkill - weiter wie bisher. Der Digitalcrash läßt umsomehr auf sich warten, je mehr Störungen und Schwachsinn verarbeitet werden und als ´anti´ in die medialen Gehirne integriert werden können. Weder Glasfasersitzblockaden noch Stromzufuhrsaboteure oder Digitalbomben boten dem multimedialen Dasein erfolgreich Paroli. Selbst der ´Chaos Computer Club´ wurde weder zur digitalen R@F noch zum Sprengmeister des Netzes, sondern zum Seelsorger für Zukunftsstrategien.
Es scheint kein ´Darüberhinaus´ der Medien zu geben, solange man sich in ihnen bewegt. Jedes Virus erzwingt seinen Antivirus, so verheerend seine Wirkungen zunächst auch erscheint. Jedes Virus ist nur eine ´bessere´ Datei und aus Gründen der Resistenzknappheit der digitaldemokratischen Systeme umso willkommener, je spektakulärer es vorübergehend für Kurz-GAU sorgt.
Doch seltsam ist, daß die informatorischen Systeme auch ohne Viren heißlaufen und daß sich die Politik auch ohne Putsch den Garaus macht: die Mehrzahl der Zeitungen, Magazine und Programme - die Boulevard-Medien - sind selbst Fake-Factories. ´Medien´ verbreiten allerorts ´Wahrheits´-Viren. Darüberhinaus haben die Reformsimulationen selbst virale Qualität. Zwischen Endlosdiskurs und Verschuldung ist die Subversion längst Prinzip: Der gesellschaftliche Hauptprozessor ist auf Zersetzung umprogrammiert. Daß nichts mehr geht ist Programm. Der Imperativ des Sagens und Gegensagens geht an den Metastasen seiner Vermittlungs- und Glaubwürdigkeitslabyrinthe zugrunde. Die Sinn-Sicherheiten implodieren, die Autonomen ringen um ihre Feindbilder und die Bürger widmen sich dem Privatleben, sie schalten zu den Privaten um. So sei, um eine Ansteckung zu vermeiden, Ausstieg aus dem medialen Konsens empfohlen.
Ist dann also die Destruktion der Medien des Radikalen radikalster Schritt? Stecker raus und Schluß? Endlich Mattscheibe? Die globale Hirnblutung ließe das Informierungs-EKG und sämtliche, an die Netze geschlossenen Programme und Identitäten zusammenbrechen. Politiker würden mit dem Megaphon durch den Wahlkreis irren und sich bewußt werden, daß sie ohne Mikro-, Kabel- und Satellitensalat ´unerhörte´ Politiker sind. Und der durch Überinformationen längst entinformierte und sinnentleerte Bürger vegetierte dahin und wüßte sich nurmehr seiner Instinkte zu besinnen.
Wo nichts ist, kann dann aber nur mehr werden. Das kulturelle Wissen, die verlustig gegangenen Werte und der emigrierte Arbeitsplatz wollen als Kaspar Hauser wiedergefunden werden. Während überhitzte, aus der Umlaufbahn geratene Satelliten noch ziellos Informationsbomben abfeuern, ist er schon einen Evolutionsschritt weiter: Kaspar Hauser lernt wieder Lesen, Schreiben und Kommunizieren und besinnt sich seines humanen Kapitals unter postmedialen Bedingungen.
Doch ist dies - erneut - alles andere als eine Utopie, denn der mündige Bürger greift längst zur Waffe: zur Fernbedienung. In Notwehr gegen die Verlautbarungsattacken gilt die Lust dem Abzappen: Er zappt sie alle ab, die Medienköpfe sowieso, doch auch die Kanäle, alle nacheinander zappt er sie ab ins Off ihrer Penetranz. Der kluge Zeitgenosse nutzt die tilt-Taste als Chance für den eigenen Neustart im nachgeschichtlich stillen Vakuum der Black Box.
Der Rest der Welt da draußen mag kreisen wie er will. ´Jetzt helfe ich mir selbst´ ist nicht nur die Devise des "Handbuchs der Kommunikationsguerilla" (1997), sondern die entscheidende Tat des Informationsproletariers. ´Wir klotzen ohne Überbau´ will mediale Realitätsignoranz. Der Filz mag weiterfilzen - der kluge Zeitgenosse bestraft ihn mit Desintesse. Das utopielose Ich setzt auf die Ich-Utopie: Vor der eigenen Haustüre kehrend trachtet er nicht nach Systemveränderung - die Welt ändert sich ohnehin (nicht) -, sondern nach Umfeldsubversion. Die Revolution wider die Datenrevolution bedarf eines ganz persönlichen updates: Ich schalte ab, also bin ich.

Matthias Groll