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Tobias Kunze - Das Album MELODINNER ist da!



Last Updated: 12/22/2009

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Signup Date: 10/29/2006
Friday, September 19, 2008 
Ich liebe das Zugfahren. Nicht nur der Landschaft wegen, die sauschnell vorbei wischt, wenn man nicht gerade auf graue Schallschutzwände starrt. Ich liebe das Rausgucken von einem für andere reservierten Fensterplatz, den ich ergattern konnte, weil die Bahn mal wieder die Waggonnummerierung durcheinander gewürfelt hat. Ich liebe den Anblick schwitzender, panischer Renterinnen, die vollgepackt durch den Zug hetzen, und diese Augen haben, von Kühen, die getrieben werden, so mit ganz viel weiß drin, da werde ich ganz schadenfroh und kuschele mich unter Schütteln in meinen Bahnsitz, weil es mir kalt den Rücken runterrieselt.
Ich reserviere grundsätzlich nicht. "Wenn das alle machen würden ... !" Ja, machen aber nicht alle. Die Welt lebt von denen, die sie ordnen wollen, und denen, die die Ordnenden beschäftigen.
Wobei das bei der Bahn nicht zutrifft. Die, die im Zug für die Unruhe sorgen, sind eben genau diese Reservierungs-Fanatiker. Die steigen immer am anderen Ende des Zuges ein, um dann ihr Reisegepäck durch sämtliche Waggons zu wuchten. Und so ziehen sie Karawanen gleich im Gedränge durch die Enge der Gänge, motzen über die Ihnen Entgegenkommenden und denken ja nicht ans Zurückweichen. Alle anderen sitzen ruhig auf ihren Plätzen oder setzen sich erst Mal auf vakante Sitzplätze, warten das Treiben ab und freuen sich, dass, wenn es bei der Evolution um Zugsitzplätze gegangen wäre, sie jetzt die Platzhirsche wären. Bök, Bök!

Und weil es so schön ungeordnet ist, ist Zugfahren so aufregend. Abenteuerlich, geradezu, allein der Mitreisenden wegen. Ich liebe schon die Pulkbildung am Einstieg. Als ob die Leute um ihre Plätze buhlen müssen, scharen sie sich schon Stunden vor Eintreffen des begehrten Zuges an der Bahnsteigkante zusammen, nur um sich von der Pole Position auf die Verladeluken stürzen zu können. Schon während der Zug noch einfährt, wackeln diese Menschentrauben dann den Zugtüren hinterher wie ein Haufen Augsburger Puppenkisten-Figuren, deren Fäden in der Tür eingeklemmt sind. Mit besorgten Mienen fuchteln sie noch bei zwanzig km/h Fahrtgeschwindigkeit nach den Knöpfen und Griffen, um die Türen aufzubekommen und sich bei der erstbesten Lücke, die sich anschließend zwischen den Aussteigenden bietet, in den Zug zu schwingen.
Zugvieh, nenne ich die. Oder besser noch: Zug-Gnus. Ich habe mal im Fernsehen eine Doku über eine Gnuwanderung gesehen. Die Tiere mussten einen gefährlichen Fluss kreuzen. Im Fluss sind Krokodile und reissende Strömungen, doch die Gnus mussten unbedingt hindurch. Und zwar massenweise, um die Überlebens-Chance zu maximieren. Sie bildeten quasi eine Körper-Brücke, einen Strom lebenden Fleisches. Dennoch wurden viele Gnus abgetrieben oder von Krokodilen gefressen. Der sielmannsch-lapidare Kommentar angesichts der Unvernunft dieser Gnus lautete: "Doch der Drang zu folgen ist übermächtig."

So muss es auch den Leuten beim Einsteigen gehen. Diese Leute sind sehr oft älteren Semesters. Das bedeutet, das sind auch die, die reserviert haben. Die kommen aus der "Generation Ordnung". Obwohl sie eigentlich völlig gelassen in den Zug schweben könnten, beweisen sie auf irrationale Weise das Gegenteil. Auf sie mit Gebrüll, ihre Ellbogen wie Kampfsäbel gezückt, stürmen sie in die Waggons als wäre es die Reise nach Jerusalem, und bei Ende der Zugdurchsage müssten alle sofort sitzen.
Diese Zuggnu-Rudel denken auch nie an eine Gasse für die Aussteigenden. Das kommt gar nicht in Frage, da mal Platz zu lassen. Nein, alle pfropfen sich ins Gewusel und blockieren sich gegenseitig, indem sie versuchen, sich zu dritt in die Zugtür zu stopfen. Warum ist denn die Kriegsgeneration so scharf darauf, sofort in die Züge zu kommen? Eigentlich müsste das doch eher unangenehme Assoziationen wecken. Andererseits, wahrscheinlich waren nach dem Krieg alle Züge nach Westen auch völlig überbordet, was so sehr geprägt hat...
Die Bahn sollte jedenfalls Schlange stehen einführen. Wie an Englands Bushaltestellen. Selbst die Chinesen haben das ja gerade gelernt. Aber die blöden individualisierten Rentner mit ihrer "I don't give a fuck"-Einstellung ... nee, nee. Da hört's bei mir auf.

Ich stehe am Rand einer solchen Traube und brülle einfach mal: "Achtung! Der Führer kommt!" Und plötzlich treten alle wie durch ein Wunder beiseite. "Der Zugführer, meine ich!", und da erscheint er auch schon. Er wundert sich, dass man ihm so viel Platz lässt, das kennt der gar nicht. Anschließend schreite ich grinsend durch das Spalier. Selbst die, die Aussteigen wollten – als Erstes stehen an den Türen ja auch immer die Rentner, die sich in ihrem Übereifer schon dreihundert Kilometer vor ihrem Ziel an den Zugtüren aufgestellt haben – halten erschrocken inne. Ich steige ein, hinter mir rückt die mit Gepäck beladene Menschentraube in den Zug.
Plötzlich entdeckt mich ein Mann in der Schlange der Aussteigenden. Barsch bölkt er herum: "Heda! Hier wird noch nicht eingestiegen!" Ich bin, so offensichtlich ich auch war, offensichtlich ertappt worden. Und habe allen Grund, ganze Bäche Angstschweiß auszustoßen. Mein Verhalten ist ein Vergehen erster Klasse – das heißt, das dürfen nur die, die ein Ticket erster Klasse haben.

Nebenbei, an den Fahrkarten-Verkaufsschaltern, also da wo einen das Fahrkarten-Auslaufmodell "Mensch" bedient, da müssen sie mal drauf achten, gibt es tatsächlich auch Erste-Klasse-Schalter. Da liegt tatsächlich ein roter Teppich vor, die Beleuchtung ist heller und – Tatsache – die hinter dem Schalter befindlichen Schränke sind nicht grau, sondern Silber lackiert. Und tragen eine große, aufgeklebte 1. Das ist die Wahrheit. Nirgendwo ist das Zwei-Klassen-System noch so plakativ und gleichzeitig so lächerlich wie bei der Bahn. Da hilft auch das Imitieren von Flughafenschaltern nichts. Nach eins kommt null, da bin ich mir sicher.

Zurück zu mir, der ich zum Innehalten gezwungen bin. Lauter bitterbös dreinschauende Augenpaare und einzelne Augen, abgesehen von zwei oder drei Glasaugen, fixieren mich. Dritte Zähne werden gemahlen, Knöchel knacken bedrohlich morsch. Ich weiche zurück. "Hehe, das ist ein Missverständnis, hähä, ich dachte, hier wäre die erste Klasse...." Der Mann brüllt: "Nu mach ma Platz, Bürschchen!" und schon drängt mich die Horde Aussteigender zurück. Ich stolpere auf den Bahnsteig, strauchele, und werde ein Rehkitz in einem Strom Gnus. Man reißt mich mit. Rollkoffer fahren mir über die Füße, Taschen stoßen mir in die Hüften, dicke Körper zerreiben mich zwischen sich wie Zeigefinger und Daumen ein Insekt. Mir gelingt es gerade noch, mich kurz vor den abwärts führenden Treppen an einem Fahrplan-Pfosten festzuhalten, um nicht weiter abgedrängt und von der Masse verschlungen zu werden. Die Masse prügelt sich die Treppenstufen hinab. Eine unten stehende junge Familie, die gerade hoch zum Zug wollte, hat keine Chance mehr. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Dann legt sich der Bahnsteigstaub. Fetzen von Taschen und Kleidungsstücken liegen verstreut, dazwischen einzelne menschliche Körper. Sie haben es wohl nicht geschafft. Ich schaffe es, trotz mehrerer paarweise gebrochener Rippen wieder zu atmen und aufzustehen. Um augenblicklich aufs Neue mitgerissen zu werden. Nach der Flut kommt die Ebbe, soll heißen, die Bahnsteigtrauben sind nun an der Reihe, einzusteigen. Bis kurz vor die Türen werde ich erneut mitgespült, doch dann herrschen andere Strömungen. Hier werde ich wieder zurück gedrängt. Erneut fahren mir Ellbogen in weichere Teile meines Körpers und stoßen mich dicke Koffer beiseite. In dieser Hierarchie stehe ich ganz unten. Wo ich doch am liebsten am Rand sein wollte...

Und schon gibt der Zugführer das Signal zur Abfahrt. Nun völlig außer Rand und Band drängeln sich die Zuggnus in die Waggons, als würde mit dem Verbleib auf dem Bahnsteig auch Gevatter Tod neben einem warten. Da der Zug verspätet ist, hat sein Personal es natürlich eilig. Ich humpele auf die Türen zu. Die fangen an, ihr Schließ-Warnsignal zu piepsen. Mit letzter Kraft werfe ich mich hinein – und bleibe stecken. Die Tür scheint kaputt, sie geht weder vor noch zurück. Meine letzten heilen Rippen knacken. Zum Glück haben sie durch das jahrelange Training schon Sollbruchstellen. Der Zugführer bemerkt das Unheil, kommt, guckt böse und steckt seinen Vierkant-Schlüssel in eine Klappe und dreht. Die Tür geht wieder auf, ich kann in den Zug klettern und unter Schmerzen aufatmen. Um mich stehen die Zugreisenden, die gerade dabei sind, von einem Ende des Zuges zum anderen zu wandern, um zu ihren Plätzen zu gelangen. "Ts, ts, ts", zischelt es. "Also sowas" murrt jemand. "Und dabei hat der Zug schon Verspätung", murmelt eine Dame. "Immer diese Jugend!", höre ich eine andere Stimme, "auf den letzten Drücker müssen se in den Zug springen! Können sich nicht mal ordentlich anstellen!"