roly's silberscheiben 08/2009 @ hanf journal - [pdf
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Various: Sick Music (hospital records)
Seit Jahren veröffentlicht
das Label um Tony Coleman und Chris Goss Drum'n'Bass, an dem sich meist die
Geister scheiden. Die neue Compilation „Sick Music“ hat der Labelboss lange in
seinem Podcast angekündigt, der aktuelle Platz der Album-Charts bei iTunes
spricht schon mal für sich und ist für ein Drum'n'Bass-Album sehr
bemerkenswert. Auf 4-fach Vinyl und Doppel-CD gesellen sich neben Top-Acts wie
Danny Byrd, Nu:Tone oder Syncopix die Produktionen von aufstrebenden
Hospital-Künstlern wie B-Complex, Apex und Randomer. Wir starten mit Danny
Breaks' Jungle-Smasher „Volume 1“, der hier von Logistics neu interpetiert
wurde. Mit „Beautiful Lies“ hat B Complex ein Female Vocal Mashup der
Extraklasse angefertigt, das trotz Liquid-Etikett sicher ein Tune für die
Peaktime ist. „Empty Streets“ dagegen klingt wie Cyantific auf dem Burial-Trip,
früher nannte man das Ambient Jungle - wunderschön. Seba trifft mit seinem
immer wieder extrem deepen Sound auch mit „Snow“ direkt ins Herz – mein
heimlicher Favorit. Nach einer housigen Soul-Nummer von Influx UK liefert Luca
mit „Screen In Motion“ einen reduziert verträumten Track à la D-Bridge &
Instra:Mental. Apex begeistert mit seinem Remix von London Elektricity's „Just
One Second“, Muffler's Klaviermelodie in „Hear Me Scream“ und das
verspielt-melancholische „Black Diamonds“ von Sinistarr + Kiat machen mich
glücklich, während Friction & K-Tee mich mit ihrem Eurodance eher zum
Schmunzeln bringen. Dagegen sind The Burbs mit ihrer bluesigen Oldschool Breaks
Ballade „Organic“ ein wahrer Segen. Für mich die experimentierfreudigste
Compilation, mit der sich Hospital-Patienten gesund pflegen lassen können.
www.myspace.com/hospitalrecords
www.hospitalrecords.com
Bop: Clear Your Mind (med school)
Während Hospital Records
meist den Durst nach flüssigem Drum'n'Bass stillt, gilt das Tochterlabel Med School
als Plattform für düsteren, technologischen Sound. Neben Trisector, Minotaur,
Fracture & Neptune, Infiltrata, Craggz, S.P.Y, Icicle und CLS überzeugen
hier vor allem Martsman mit seinem erfrischenden Jump Funk und Randomer mit
seinen absurd kickenden Stop-and-Go Grooves. Inzwischen hat nun ein 19-jähriger
Hundeliebhaber namens Alexander Dmitriev aus dem russischen St. Petersburg für
neuen Wirbel gesorgt. Unter dem Künstlernamen Bop widmete er sein Debut-Release
„Song About My Dog“ seinem Hund Boyaka. Ich finde Hunde zwar nicht sonderlich
spannend, aber da die Nummer genau mein Sound ist, habe ich mich natürlich
gleich mal schlau gemacht, was nun sein Debut-Album „Clear Your Mind“ so drauf
hat. Da Bop durch so großartige Künstler wie Squarepusher, Breakage, Seba,
Paradox, Deep Blue, Fanu, Electrosoul System, Future Engineers, Equinox, Plaid,
Clark, Cinematic Orchestra und Björk beeinflusst wurde, kann da nichts schief
gehen. Mit der Soundästhetik brillanter Warp-Tracks gefallen mir vor allem
„Tears Of A Lonely Metaphysician“, „Enjoy The Moment“, „Lost In This World“ und
„I Found You“, wobei diese Clicks & Cuts Geschichten und stark reduzierten
Drum'n'Bass-Entwürfe auch mal wieder ganz witzig sind. Der Titeltrack klingt
total nach meiner Heidelberger Source Records Posse, und so schwebt, zwitschert
und groovt Bop's Werk zwischen Ambient / IDM und Glitch traumhaft hin und her.
Für Herbstmenschen! :)
Bop
– MedSchool Micromix
DOA
Mix by Bop - July 2009
www.myspace.com/leftbop
www.myspace.com/medschool
www.iambop.com
www.medschoolmusic.com
Clark: Totems Flare (warp records)
Es ist kein Geheimnis, dass
man nichts falsch macht, wenn man den Warp-Katalog rauf und runter hört. Nach
den arabesk verzierten Melodiebögen von „Body Riddle“ (2006) und dem
beispiellos zwingendem Dancefloor-Bombardement „Turning Dragon“ (2008)
schliesst der Wahlberliner Chris Clark seine Trilogie mit dem vorliegenden
„Totems Flare“ ab. Mehr denn je erinnert das Album an all die frühen
Elektroniker, die das kleine Label aus Sheffield groß gemacht haben. Doch mit
den 11 neuen Tracks erreicht Clarks Liebe für barocke Melodien und
intelligenten Drive ein neues Level. Hyperaktiv durchbricht er Schallmauern mit
seinen unglaublich pumpenden, überkomprimierten Bassdrums, irren Wendungen,
Melodien und seiner Leidenschaft für den stilistischen Grenzgang. Bei seinem
Spiel mit den Prinzipien der Transformation wird stets eines erzeugt und
freigesetzt: Energie! Diese destilliert Clark aus Ambient, Post-Rock,
Breakbeat, Rave, Pop, Metal, Drum'n'Glitch und Drill'n'Bass. Schon nach dem
Intro „Outside Plum“ und der Single „Growls Garden“ mit ihren düsteren
Harmonien und wilden Breaks entwickelt sich eine enorme Suchtgefahr. Mit
„Rainbow Voodoo“ zelebriert Clark einen rockigen Electro-Stomper im Stile von
Alec Empire bzw. Atari Teenage Riot, und mit „Look Into The Heart Now“
verbindet er spacige Acid-Disco-Grooves mit urbanem Touch. Die perfektionierte
Hymnenhaftigkeit dominieren Songs wie „Totem Crackerjack“, „Future Daniel“ und
„Absence“. Mit einer packenden Dynamik und massenhaft technisch-schillernden
Details demonstriert dieses atemberaubende Werk einen beeindruckenden Sinn für
Dramaturgie. Ein virtuoses Leuchtfeuer mit elysischer Melancholie.
....
www.myspace.com/throttleclark
www.throttleclark.com
www.warprecords.com
Alexis Le-Tan & Jess present Space Oddities Vol.2
(permanent vacation)
Benji Fröhlich & Tom
Bioly mögen Disco, House, Bossa Nova und schräge Songwritersachen. Der Katalog
ihres Labels „Permanent Vacation“ vergnügt sich mit Cosmic und Balearic,
allerdings wurden hier auch schon Stücke von den Junior Boys oder Stephen
Malkmus veröffentlicht. Nachdem ich schon an dem ersten Teil der Compilation
„Space Oddities“ und den Re-Edits in Form von „Rare European Library Grooves
from 1975 – 1984“ meine Freude hatte, veröffentlichen die aus dem
Tigersushi-Umfeld stammenden DJs Alexis Le-Tan und Jess nun weitere
Library-Musik aus den Siebzigern und Achtzigern. Darunter versteht man
Auftragsarbeiten, die für Filme und TV-Produktionen komponiert wurden und
weitestgehend unveröffentlicht blieben. Das sind dann gerne auch mal
Soundtracks für Filme, die nie gedreht wurden. Es beginnt mit einer eingängigen
Progressive Nummer mit Hammond-Motiv, darauf folgt ein hypnotisches Lullaby mit
hervorragenden Gitarren-, Keyboard- und Flöten-Soli, bevor sich eine
nachdenkliche Psych-Jazz-Partitur mit verzerrter Orgel und beschaulichem Piano
à la Morricone auf verführerische Weise ins Ohr schleicht. Mit E. Warners
groovigem „Shut Up“ kommen dann Breakbeats und eine wilde Gitarre im Stil von
Funkadelic. Ansonsten werden spacige Synthesizer, tribalistische Percussions,
psychedelische Geräuschteppiche und laszive Rhythmen nebeneinander
ausgebreitet. Für Fans von „Suspiria“ und „Blade Runner“ ein Muss. Ich bin mit
„Captain Future“ aufgewachsen und träume hier schon wieder von Joan's heissen
Stiefeln. Cutting The Funk ...
www.myspace.com/myspaceoddities
www.myspace.com/permanentvacationrecords
www.perm-vac.com
autoKratz: Animal (kitsune)
Während Ed Banger
augenblicklich im Elektroclash stagniert, orientiert sich Kitsuné immer weiter
auch in Richtung des stylischen Indierock. Seit sie mit ihren ersten Songs im
letzten Jahr die Szene im Sturm eroberten, haben autoKratz mit Nachdruck an
ihrem vielseitigen, aber doch gut wiedererkennbaren Sound gearbeitet, der auf
ansteckenden Bassläufen, süchtig machendem Gesang und zwingenden Beats basiert.
Nach der Werkschau-EP „Down & Out in London & Paris“ im Herbst 2008
präsentieren David Cox und Russell Crank jetzt ihr mit Spannung erwartetes
Debütalbum. Und wessen Herz für Joy Division, The Fall, Underworld und aktuelle
Audiolith-Releases schlägt, wird mit dem „Animal“ hier tierischen Spass haben.
Nach der überwältigenden Single „Always More“ gibt’s den Sommer-Hit „Stay The
Same“, während „The Idiots Are Winning“ mit Killerbeats und Vocoder besticht.
Auf dem Album untermauert besonders die Ballade „Speak In Silence“ die
Songstruktur, die sich hier in ihrer Melodieaffinität überall am Elektropop der
80er Jahre bedient. Weitere gute
Tracks sind „Can't Get Enough“ und „Past Your Heart“. Mit
ihrem sympathisch-nostalgischen Hang zur Synthetik gelingt dem Duo ein feines
Update auf zeitgenössischen Beats. David Cox und Russell Crank liefern
elektronische Delikatessen, die vor Abwechslungsreichtum und Tiefe nur so
strotzen. Bei aller Liebe zu Justice und Digitalism – vor diesem Duo müssen
sich selbst die Zugpferde des Labels in Acht nehmen.
www.myspace.com/autokratz
www.autokratz.com
www.kitsune.fr
Hey-O-Hansen: Sonn und Mond
(pingipung)
Auf einer Wiese in einer
zerfurchten Alpenlandschaft halten ein Hase und ein Geißbock [img]http://cosgan.de/images/smilie/liebe/p020.gif[/img]
ein Pläuschchen am Lagerfeuer. Von rechts stiefelt ein Murmeltier heran, am
linken Bildrand hockt ein Dachs auf einer Bergkuppe. Alle Tiere sind festlich
gekleidet, sie tragen Frack, der Hase und das Murmeltier außerdem einen
Zylinder. Eine zufriedene Sonne und ein skeptischer Mond beobachten das
Treiben. Die beiden heissen Helmut Erler, genannt „Hey“ und Michael Wolf,
Spitzname „Hansen“, kommen aus Innsbruck, leben aber schon seit langem in
Berlin und haben in den vergangenen 15 Jahren eine Reihe von Kassetten und
Vinylsingles veröffentlicht. Das Lüneburger Elektronik-Label Pingipung fördert
nun auf „Sonn und Mond“ 16 grandiose Fundstücke zu Tage. Hier werden die
Champs-Élysées in die Berliner Alpen verrückt, charmante österreichische
Volksmusik ins Dub-Fundament eingearbeitet und Harfenspiel mit sensibler
Lo-Fi-Elektronik veredelt. Dazu müht sich die Japanerin Kazumi im Titelsong
„Die Sonn und der Mond“ mit dem deutschen Text ab, während eine falsche Französin
namens Frauke-Marie in „Sans Toi“ und „J’ai peur“ das Mikrofon ergreift.
Außerdem rezitiert Dirk von Lowtzow (Tocotronic) in „Abraxas Version“ in
deutsch gefärbtem Englisch den Schweizer Psychologen C. G. Jung rezitiert. So
werden die „Rare And Unreleased Austro-Dub Tracks 1995–2009“ zu einem surrealen
Alpentraum, denn Hey-O-Hansens skurriler Musikkosmos ist dort, wo sich
Rastafari und Bergziege gute Nacht sagen. Ein virtuoses Spiel mit der Tiefe des
Raumes.
www.myspace.com/pingipung
www.heyrec.org
www.pingipung.de
The Alchemist: Chemical Warfare (koch records)
„La Di Da Di“ von Slick
Rick und Doug E. Fresh war die erste Platte, die er besass. Doch die erste
Platte, die ihn inspiriert hat, selbst zu rappen, hiess „Licensed To Ill“ von
den Beastie Boys. In Sachen Produktion hat er viel für DJ Premier übrig, doch
inzwischen ist der aus Kalifornien stammende The Alchemist selbst einer der
meist gefragtesten HipHop-Produzenten der Gegenwart. Seine knallharten Drums
und klopfenden Beats haben die Produktionen von Künstlern wie Mobb Deep, Nas,
Eminem, Cypress Hill, Snoop Dogg, Dilated Peoples oder Pharoahe Monch
untermalt. Als DJ hat er bereits Mobb Deep und Eminem auf ihren Tourneen
begleitet. Fünf Jahre nach seinem
Debütalbum „1st Infantry“ zieht der rappende Produzent The Alchemist nun
seine neue Waffe „Chemical Warfare“, die mir mit vielen hochkarätigen
Scharfschützen am Mic jede Menge Freude bereitet. Meine Favoriten sind das „ALC Theme“ mit Kool G Rap,
„Lose Your Life“ mit Snoop Dogg, Jadakiss & Pusha T, „Grand Concourse Benches“
mit KRS-One, „Therapy“ mit Evidence, Blu, Talib Kweli & Kid Cudi, „Lights,
Cameras, Action“ mit Lil Fame und das nachdenkliche Outro „Take A Look Back“.
Weitere Gäste sind Eminem, Three 6 Mafia, Juvenile, Twista, Maxwell, Oh No, Roc
C & Crooked I, Fabolous, Tha Dogg
Pound, The Lady Of Rage und der derzeit aufgrund unerlaubten Waffenbesitzes
inhaftierte Prodigy. Die Promokampagne und das Layout zum Album
sind übrigens eine Art Tribut an Banksy. Der zwischen L.A. und N.Y. pendelnde
Musiker macht seinem Namen alle Ehre. Sehr schön!
www.myspace.com/thealchemist
www.alchemistbeats.com
www.kochrecords.com
Laura Vane & The Vipertones: Laura Vane & The
Vipertones (socialbeats / unique)
Das Düsseldorfer Label
Unique steht seit 1988 für eine coole Melange aus Funk, Soul und Groove. Ein
Kollektiv erfahrener Musiker, die sich aus Großbritannien und den Niederlanden
zu diesem außergewöhnlichen Funk-Projekt zusammengefunden haben, erweckt hier
den modernen R’n’B aus seinem Dornröschenschlaf. Der Begriff ist ja wie so
viele in den letzten 25 Jahren total verschandelt worden. 1941 erstmals
aufgetaucht, bezeichnet Rhythm and Blues seitdem eigentlich den Stil afroamerikanischer
Popmusik. Grundlegend bleibt dafür der Rückgriff auf die Wurzeln aus Gospels,
Spirituals und Blues. Die treibenden Rhythmen verschmelzen mit den angesagten
Vocals des Doo Woop und kirchlichen Gospel-Phrasen später zum Soul. - Seit Ende
der 90er schreibt die aus Brighton stammende Laura Vane eigenes Material und
hat mittlerweile vier Alben veröffentlicht, die auch Electronica und House
abdecken. Zusammen mit Multi-Instrumentalist Jonathan ‚Diesler’ Radford (Tru
Thoughts) und sechs weiteren Jungs liefert
Laura Vane, die zuletzt als Backgroundsängerin für The Streets im
Einsatz war, eines der wohl besten Soul-/Funk-Alben der vergangenen zehn Jahre.
Hier pumpt der Bass wie zu besten Stax- und Motown-Zeiten. Wenn es dann mal
moderner wird, stehen The Neptunes dafür Pate. Und überall rückt Laura’s
kraftvolle, erdige und erfrischende Etta James-meets-Janis Joplin-Stimme den
Begriff „R'n'B” wieder in ein erfreuliches Licht. Stilvoll und groovy.
www.myspace.com/lauravaneandthevipertones
www.myspace.com/misslauravane
www.lauravane.com
www.socialbeats.com
www.unique-rec.com
Jan Delay: Wir Kinder von
Bahnhof Soul (universal music)
Gut zehn Jahre sind
mittlerweile vergangen, seit es an der Station St. Pauli Landungsbrücken
ordentlich Bambule gab. Und nachdem gerade erst Denyo aka Dennis Lisk mit
seinem dritten Solo-Album „Suchen und finden“ vorlegte, zieht nun Eißfeldt aka
Jan Delay nach. War „Mercedes Dance“ noch „ein neuer Jan, ein neuer Anfang“, so
ist „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ die konsequente Fortführung und ultimative
Ausflashung einer über drei Jahre gereiften musikalischen Vision. Die erste
Single „Oh Jonny“, ein feuriges Uptempo-Brett mit Feier-Potenzial trotz
gehaltvollem Text, versprach ja schon einiges. „Es gibt viel Funk der
Endsiebziger, von einer Disko No. 1 in Weltklasse-Form. Natürlich auch
Programmiertes, Clubbiges. Etwas Rock Mischmasch, aber auch, und darauf bin ich
besonders stolz, drei wunderschöne, herzergreifende Schmonzetten“, meint der sympathische
Nasenbär. Mit Tropf am Co-Flash, Sound und Mischer und über einem Dutzend
Musikern auf der Bühne wird der Reggae von „Searching For The Jan Soul Rebels“
ausgegraben, der Funk und Pop von „Mercedes Dance“ ausgebreitet und hin und
wieder auch der HipHop aus den guten Beginner Zeiten zitiert. Meine Lieblingshits
sind der funkige „Abschlussball“ mit einer Reminiszenz an Falco, die
zuversichtliche Ballade „Hoffnung“ und der oldschoolige Breakdance-Smasher „B-Boys
& Disko-Girls“. In einer breiten Themenpalette vereint der Delay Lama die
augenscheinlich schroffsten Widersprüche in vollendeter Harmonie. Im Herbst
hält der Funk-Zug dann in jedem Bahnhof Soul der Republik, und vielleicht kommt
ja 2010 auch endlich wieder ein Beginner-Album ...
www.myspace.com/jandelay
www.jandelay.de
Milk
(constantin film)
In diesem Film von Gus van
Sant steht ein Lokalpolitiker aus San Francisco im Mittelpunkt, der für die
amerikanische Gesellschaft einen Vorkämpfer für Gleichberechtigung darstellt. Harvey
Milk war 1977 als erster offen schwuler Politiker der USA in ein öffentliches
Amt gewählt worden und setzte sich als Stadtrat von San Francisco für die
Belange nicht nur seiner Minderheit ein, sondern auch für Arbeiter, Frauen,
Rentner und andere sozial Benachteiligte. Bis er am 27. November 1978, nur elf
Monate nach seinem Amtsantritt, von seinem Stadtratkollegen Dan White, im Büro
erschossen wurde. – Der Film konzentriert sich auf die letzten acht Jahre Milks
(Sean Penn), von seiner Zeit als angepasster Versicherungsmakler in New York,
über sein spätes Comingout mit 40 und dem Umzug ins libertäre Eldorado San
Francisco, wo er mit seinem Lebenspartner Scott Smith (James Franco) einen
Fotoladen eröffnet, der bald als Treffpunkt und Nachrichtenbörse zum Mittelpunkt
des Viertels wird, dem Einsatz für seine Nachbarschaft und die langsame
Politisierung in der Schwulenbewegung, die schließlich in seinem Entschluss
mündet, für den Stadtrat zu kandidieren. - Den erzählerischen Rahmen von „Milk“
bildet eine Tonbandaufnahme, die Harvey nur Wochen vor seinem Tod an seinem
Küchentisch in seinem geliebten Castro-Distrikt aufzeichnete. Dieses Tonband
war schon in Rob Epsteins Dokumentarfilm „The Times of Harvey Milk“ von 1984 zu
hören. In seiner effektiven Dramaturgie montiert Gus Van Sant mit Liebe zum
Detail immer wieder Originalaufnahmen zwischen die Spielszenen, von Demonstrationen
und dem vibrierenden Straßenleben des Castroviertels. Die Gesetzesvorlage 8,
mit der die Entscheidung des obersten kalifornischen Gerichts, die Schwulenehe
zu legalisieren, als verfassungswidrig erklärt wurde, hat dem Film unerwartet
eine tragische und dringliche Note verliehen: „Milk ist plötzlich ein lautes
Klagelied und ein Aufruf zum Handeln“, schrieb das Internetmagazin Slate. So
gelingt dem Regisseur ein großes, dramatisches und mitreißendes Zeitpanorama
mit gesellschaftspolitischem Anspruch, das zum hochaktuellen Kommentar auf die
politischen Debatten wird. Nicht umsonst wurde Gus Van Sant bei der Berliner
Gala „Cinema for Peace“ für sein Drama mit dem Preis für den wertvollsten Film
des Jahres ausgezeichnet.
www.milk.film.de
www.constantin-film.de