TEMPO testet unsere Elite: Wir erfanden eine „Nationalakaemie" und boten Prominenten die Ehrendoktorwürde an. Der Haken an der Sache: Durch Annahme sollten sie sich mit Zielen und Grundsätzen einverstanden erklären, die wir wörtlich aus Hitlers „Mein Kampf" und den NPD-Leitlinien übernommen hatten.
Dieter Bohlen war der Erste. Am 16. Oktober 2006 um 11:02 Uhr erreichte uns sein Fax aus Tötensen bei Hamburg, Bohlens Wohnort. In krakeliger Handschrift stand auf dem Fax: „Herr Bohlen wird sehr gern an der Zeremonie in Berlin teilnehmen."
Wir hatten ihm einen Brief geschrieben, mit dem wir ihn testen wollten. Wir hatten diesen Brief noch an hundert weitere Prominente sowie an Größen aus Wirtschaft und Politik, Sport und Kultur geschickt. Wir boten ihnen in dem Brief die Ehrendoktorwürde der Deutschen Nationalakademie an. Diese Akademie war fiktiv, TEMPO hat sie erfunden. Sehr real war aber der Text des Briefes, elitär und nationalistisch im Tonfall – und er enthielt Zitate, die aus dem Programm der NPD stammen oder aus Hitlers „Mein Kampf".
„Eine Weltanschauung, die bestrebt ist, unter Ablehnung des demokratischen Massengedankens, dem besten Volk die Erde zu geben, muss auch innerhalb dieses Volkes wieder dem gleichen aristokratischen Prinzip gehorchen und den besten Köpfen die Führung und den höchsten Einfluss im betreffenden Volk sichern." Dieser Satz aus „Mein Kampf" findet sich wörtlich in dem Brief der Nationalakademie. Wer so etwas unterstützt, ist entweder extrem unaufmerksam. Oder extrem rechts.
Wir wollten wissen, wie die deutsche Elite denkt. Wie anfällig sie 60 Jahre nach Kriegsende für rechtsradikales Gedankengut ist. Wie verführbar sie ist. Wie leichtfertig sie sich von demokratischen Grundprinzipien verabschiedet. Oder wie nachlässig sie die Brisanz des Briefes nicht zur Kenntnis nimmt. Das Ergebnis war erschütternd: 14 Prominente haben zugesagt. Viele haben Sympathie für die Deutsche Nationalakademie geäußert, aber mit guten Wünschen abgesagt. Und nur wenige haben unsere Aktion durchschaut oder sich klar davon distanziert. Rechte Parolen und rechtes Gehabe, das zeigt die TEMPO-Aktion, haben eine große Anziehungskraft. Gerade für die Elite.
Aber die Sehnsucht ist eben groß. „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Däubler, in Beantwortung Ihres an mich gerichteten Schreibens betr. die Verleihung der Ehrendoktorwürde darf ich mich bei Ihnen und dem gesamten Präsidium von ganzem Herzen dafür bedanken, dass Sie mich dieser Ehre für würdig befunden haben." Dieser Brief des Staranwalts Rolf Bossi zeigt, wie tief das Problem sitzt. Und wie sehr Günther Nenning recht hatte, als er 1988 in Tempo schrieb: „Es kommt ein neuer Nationalismus. Erst am Balkan, dann in den Staaten der Sowjetunion, dann bei uns."
Damals wurde Nenning verlacht für Sätze wie: „Der Mensch ist ein nationales Tier. Nichts kann ihn stoppen. Weder Vernunft noch Aufklärung. Weder Wohlstand noch Demokratie." Heute schreibt Rolf Bossi: „Ich will nicht nur durch die Annahme der Ehrendoktorwürde ein Zeichen der Unterstützung für die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie setzen. Es ist mir vielmehr ein persönliches Bedürfnis, die Ziele und Inhalte Ihres Wirkens als ein rettendes Licht zu erleben inmitten der Finsternis unseres nationalen Rückschritts." Und bevor er seinen Brief mit der Beschwörung der „strahlenden Helligkeit" der Akademie beschließt, macht er noch klar: „Es stellt sich als unerlässliches Bedürfnis dar, dass wir uns unserer Wurzeln erinnern und alles daran setzen, die Inhalte einer Wertegemeinschaft zurückzugewinnen."
Deutschland hat sich verändert, das zeigt die TEMPO-Aktion. Im Sommer begeisterte der WM-Patriotismus die Menschen, eine nationale Harmlosigkeitswoge spülte durch das Land. Im September gewann die NPD in Mecklenburg-Vorpommern 7,3 Prozent der Stimmen und sitzt seitdem mit sechs Abgeordneten im Landtag. In Sachsen hat die Partei bei der Wahl 2004 nur geringfügig weniger Stimmen bekommen als die SPD, 9,2 Prozent und zwölf Landtagssitze. Und mehr als die Hälfte der Deutschen, das ergab eine Umfrage der ARD, sind nicht zufrieden mit der Demokratie in Deutschland. Deutsche Werte, deutsche Wurzeln. Was bedeutet also positiver Patriotismus?
„Der Staat ist gegenüber seiner Jugend verpflichtet und muss ihr eine lebenswerte und sichere Zukunft bieten." Dieser Satz klingt erst einmal harmlos, er stammt aus dem Programm der NPD. „Die heutige Massenkultur erzeugt inhaltsleere Individualisten, deren Unzufriedenheit sich immer öfter in sinnloser Gewalt äußert." Dieser NPD-Satz klingt bedrohlicher. „Im ..brigen mag dann die Vernunft unsere Leiterin sein, der Wille unsere Kraft." Dieser Satz aus „Mein Kampf" raunt deutlich totalitär. Alle drei finden sich in den Grundsätzen der Nationalakademie. Und im Brief steht klar: „Es geht darum, dass Sie durch die Annahme der Ehrendoktorwürde ein Zeichen der Unterstützung für die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie setzen." Sind solche Sätze noch hinnehmbar? Im Rahmen des Grundgesetzes?
Die fiktive Deutsche Nationalakademie jedenfalls und ihr ebenso fiktiver Präsident Professor Dr. Wendelin Däubler sind da sehr eindeutig: „Das Ziel der Elite-Ausbildung", hieß es in dem Brief an die Prominenten, „ist die umfassende Bildung einer Jugend und ein Zeichen gegen die allgemeine Bildungskrise. Damit wird ein geistiges Fundament geschaffen, um die Nation zu stärken und dem Nationalgedanken zu neuer Geltung zu verhelfen." In jedem Jahr, so stand es im Brief, werden bis zu 100 „deutsche Studenten" aufgenommen, die in Geschichte, Politik und ..konomie unterrichtet werden, 28 Mitarbeiter forschen an den drei Studienzentren in Berlin, München und Dresden, die dritte Säule ist die „Volksbildung".
Wenn man nun das Programm der Deutschen Nationalakademie einigermaßen genau liest, dann, so dachten wir, muss einem schnell klar werden, mit wem man es zu tun hat. Die NPD geht nicht anders vor, auch das rechtsradikale Denken gibt sich den Anstrich von Bürgerlichkeit, von Biederkeit oder eben als Elitediskurs. In scheinbar hehren Worten lassen sich leicht dubiose Inhalte verpacken.
Viele Prominente gehören zu jener Kategorie Menschen, die von einem Ort aus denken, den man etwas verharmlosend „rechts von der Mitte" nennt. Sie sind Vertreter eines populären PR-Patriotismus. Sie leben von ihrem Image, sie sind eine eigene Marke, und wenn Deutschlands Branding gerade gut läuft, dann sind sie natürlich dabei. Sie sind die, die sich sofort und begeistert melden, aus reiner Eitelkeit oder aus echterrechter Verbundenheit wegen des gekränkten Stolzes einer Prominentenkaste, die sich ihrer eigenen ..berflüssigkeit und Bedeutungslosigkeit bewusst ist. Nationalismus als Kompensation.
Udo Walz, dessen PR-Frau am Telefon erzählt, wie begeistert der Starfriseur über diese Ehre ist, freut sich sehr und nimmt die Auszeichnung gerne an. Michael Hartl, singende Hälfte der Lustigen Musikanten „Marianne und Michael", reagiert erst „erschrocken", dann „stolz und am Ende überglücklich" auf die Ehrendoktorwürde. Der Schauspieler Fritz Wepper brummt mit seinem sympathischen bayerischen Bass ins Telefon, wie überrascht und geehrt er ist, fragt, wann er die Presse unterrichten darf, und betont, er würde für die Ehrendoktorverleihung sogar extra aus der Dominikanischen Republik zurückkommen, wo er zum Zeitpunkt der Ehrendoktorfeier drehen wird. Die schriftliche Zusage kommt ein paar Tage später per Fax vom Tegernsee, „mit besten Empfehlungen an die weiteren Repräsentanten der Akademie".
Das ist der Wahnwitz, das ist die Verführbarkeit unserer Hochglanzgrinser. Aber Rolf Bossi, dessen Vater von den Nazis als Widerstandskämpfer hingerichtet wurde?
So jemand markiert durchaus einen gesellschaftlichen Wandel. So jemand zeigt, dass nationales Denken attraktiv ist – gerade auch für die Menschen, die es sich im postideologischen Vakuum gut eingerichtet haben und sich der politischen Koordinaten nicht mehr ganz so sicher sind. Der weltweit agie-rende Kunstbuch-Verleger Benedikt Taschen etwa antwortet „nach meiner Rückkehr aus Amerika", dass es ihm eine Freude ist, „aus Ihren Händen die mir angetragene Ehrendoktorwürde der Deutschen Nationalakademie entgegenzunehmen und mich mit Historie und Zielsetzung Ihrer Institution vertraut zu machen". Der international renommierte Architekt Meinhard von Gerkan, der gerade in der Nähe von Shanghai eine neue Stadt für 300.000 Menschen baut, ist gern bereit, bei diesem nationalistischen deutschen Eliteprojekt mitzumachen. Der Filmregisseur Oskar Roehler sagt am Telefon, dass er das Ganze „cool" findet, und schickt ein paar Tage darauf „mit freundlichen Grüßen" ein handgeschriebenes Fax mit seiner Zusage. Die globale Kaste, das zeigt dieses Experiment auch, ist anfällig für nationale Verlockungen.
Bernd Eichinger, Deutschlands erfolgreichster Filmproduzent, sagtnach einigen interessierten Anrufen seiner Sekretärin letztlich ab. Eichinger, der das Drehbuch zum Hitler-Film „Der Untergang" schrieb, die gesellschaftliche Ambivalenz zwischen Verstehen und Entschuldigen beförderte und den Deutschen demonstrierte, dass es auch ein Diktator nicht leicht hat.
Jemandem wie Wolfgang Wagner, Intendant der Bayreuther Opernfestspiele und schon deshalb mit den Unwägbarkeiten des deutschen Denkens bekannt, fällt es da leichter, den ideologischen Kern des Briefes der Deutschen Nationalakademie zu benennen. „Wenig anfreunden" mag er sich, so schreibt sein Pressebüro, mit den Grundsätzen und Zielen der Akademie, „das Theater als eine urdemokratische Institution" scheint ihm damit „nicht kompatibel" zu sein – und darüber hinaus „vermag sich Herr Wagner in keiner Weise für nationale Ideen o......, ganz gleich in welchem Gewande, zu erwärmen".
Er ist einer der wenigen, die den Brief genau studiert und
verstanden haben. „Nachdem ich Ihre Grundsätze gelesen habe", schreibt der Schriftsteller Ingo Schulze, „bin ich überzeugt, dass ich für die Würde eines Ehrendoktors an Ihrer Akademie nicht geeignet bin." Und der CDU-Kulturpolitiker Christoph Stölzl antwortet mit steiler Handschrift: „Ich entnehme aber Ihrem dankenswert ausführlichen Brief eine Beschreibung des philosophischen Bodens, auf dem Sie stehen." Er verteidigt dann den Gedanken der Mehrheit in der Demokratie und fährt fort: „Da ich mich aus dem vertrauten Haus unseres Grundgesetzes durchaus nicht fortbegeben möchte, bitte ich Sie, von der angedachten, mir durchaus zweifelhaften Ehre einer Dr...h...c.-Würdigung abzusehen."
Jeder, der den Brief erhielt, hätte also durchaus merken können, um was für eine Vereinigung es sich handelt. Auch Dagmar Berghoff lehnte nach anfänglichem Interesse ab, „mit vielen der Ziele Ihrer Akademie kann ich mich identifizieren", schrieb sie, „ich habe allerdings Probleme mit der Ausschließlichkeit des Friedrich-Engels-Satzes, welchen Sie als Ihr Credo, Ihre Maxime darstellen. Hier kann ich es nicht; was ich aber müsste, um die Deutsche Nationalakademie überzeugend nach außen hin vertreten zu können". Das Engels-Zitat in unserem Brief, das auch die NPD gern verwendet, lautet: „Wir wollen aufhören, die Narren der Fremden zu sein, und zusammenhalten zu einem einigen, unteilbaren, starken freien deutschen Volk."
Um so überraschender ist bei einem solchen Satz, wie beiläufig manche Absagen ausfallen – vor allem von Menschen, die sonst allergisch auf jede Regung des Nationalen reagieren. „Aus persönlicher ..berzeugung nehme ich keinerlei Ehren an, auch keine Orden oder sonstige Auszeichnungen", schreibt etwa die Nobelpreisträgerin und Antifaschistin Elfriede Jelinek. Ausführlicher und launiger antwortete der Quizmoderator Günther Jauch: „Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang ein offenes Wort: Ich habe mit Müh und Not ein 3,1-Abitur abgelegt und habe auch meine daran anschließende akademische Karriere nur in einem überschaubaren Rahmen halten können."
Aber Ironie kann eben auch eine Art sein, sich der Wirklichkeit zu entledigen. Georg Reuchlein etwa, der Verleger des Goldmann Verlags, der versucht, seine Bücher „massenweise an die Leser zu bringen", und sich daher „eher der demokratischen Volksbildung als elitärer Selektion verpflichtet" fühlt, Georg Reuchlein also nimmt genüsslich das Schreiben der Nationalakademie auseinander, bevor er sich dem Hitler-Zitat zuwendet: „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe treten sollte, aber hier besteht schon rein semantisch dringend (Auf-)Klärungsbedarf."
Da spielt der Verleger den Lektor des Verbrechers. Und ignoriert erst einmal den politischen Kern des Briefes. Der Fernsehkomiker Jürgen von der Lippe war da schon näher an der Wahrheit: „Liebe Titanic", schreibt er, „oder welcher Scherzkeks auch immer dahintersteckt. Schöner Versuch, hat aber nicht geklappt. Viel Glück fürs nächste Mal." Und auch der ZDF-Nachrichtenmann Peter Hahne ahnt, was für eine Art von Anfrage er hier vor sich hat: „Sollten Sie mir gewährleisten können", schreibt er, dass „Stefan Raab die Laudatio, natürlich in lateinischer Sprache, hält, so werde ich Ihr wichtiges Institut in Plön (oder war es Eiderstedt?) gerne beehren."

Das TEMPO-Experiment entwickelte nun seine eigene Dynamik. Vor dem Gebäude mit der im Brief angegebenen Berliner Anschrift standen immer häufiger Männer in Lodenmänteln herum und dunklen, gescheitelten Haaren, wie es sie eigentlich nur in München oder Hamburg gibt, Männer, die sich nach den Studienangeboten der Nationalakademie erkundigten. Per E-Mail kamen die ersten Jobanfragen, „ich weiß noch nicht so genau, wo ich beruflich hin will", schrieb eine Bewerberin, eine andere wollte nur etwas über Studiengebühren wissen. Und zwischendurch rief immer mal wieder der euphorisierte Chorleiter Gotthilf Fischer an, der vom „lieben Herrn Professor" schwärmte und so schwäbisch und begeistert war, dass er fast ins Singen geriet. „Wie ein Löwe, wissen Sie, wie ein Löwe kämpfe ich in der ganzen Welt für das Deutschtum."
„Ach, Herr Fischer", brummt einer der Redakteure ins Telefon, der gerade Professor Däubler nachmacht, „hätten wir nur mehr Menschen wie Sie in diesem Land."
„Verehrter Professor, ich finde es aber auch ganz großartig, dass Sie sich dagegen wehren, dass unser Land einfach so verkauft wird."
„Herr Fischer!"
„Professor Däubler!"
„Wir sind da ganz auf einer Linie!"
In dem Fax, das von Fischers Büro aus Beilstein geschickt wird, steht dann erneut, wie wichtig es ist und „an der Zeit, dass Menschen mit ihrem Tun um das geistige Leben in unserem Land sich gegenseitig helfen und vor allem auch von öffentlicher Seite unterstützt werden. Hier stehe ich bisher leider immer vor verschlossenen Türen." Unterschrieben hat Gotthilf Fischer mit einem Notenschlüssel. So entsteht aus Eitelkeit, Ungenauigkeit und Volkstümelei ein Nationalismus, der wohl gar nicht so naiv ist, wie er tut.
Die meisten Absagen, die eintrafen, waren eher pragmatischer, nicht ideologischer Art. Michael Schumacher weiß die „große Ehre zu schätzen", muss aus Termingründen aber absagen. Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Rechtsanwalt, freut sich über das „ehrenvolle Angebot" und den „einstimmigen Beschluss Ihres Präsidiums", lehnt aber öffentliche Ehrungen ab. „Grundsätzlich befürwortet Herr Beckenbauer jedes dieser Projekte, kann sich aber aus zeitlichen Gründen nicht persönlich bei allen einbringen", schreibt eine Assistentin unseres Kaisers.
Mit schwungvoller Unterschrift lehnt Karstadt-Chef Thomas Middelhoff ab, wünscht aber „bei Ihrem Vorhaben des weiteren Ausbaus der Deutschen Nationalakademie alles erdenklich Gute". Der Vater von Heidi Klum will aufs nächste Jahr verschieben, schließlich sei seine Tochter gerade schwanger. Die Schriftstellerin Christa Wolf freut sich über die „Wertschätzung durch das Präsidium Ihrer Institution". Nachdem sie „reiflich überlegt" hat, lehnt sie ab. Regisseur Werner Herzog, auf dem Weg in die Antarktis, mailt uns, seine Ablehnung habe „nichts mit der Deutschen Nationalakademie zu tun, sondern mit meinem Selbstverständnis als Künstler an der Randzone unseres Gemeinwesens". Und Theo Müller von Müller Milch will sich nicht mit „fremden Federn" schmücken, versichert aber immerhin seine „Sympathie gegenüber den von der Deutschen Nationalakademie verfolgten gesellschafts- und bildungspolitischen Zielen".
Dann kam die erste Warnung: Die Aktion drohte aufzufliegen. „Sie haben in Ihrem Schreiben die Grundsätze Ihrer Institution in erfreulich klarer Weise niedergelegt", schrieb Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, der diese ..berzeugungen, wie er sagte, respektiere, sich jedoch „weitgehend außerstande" sehe, „sie mit meiner eigenen politischen Grundhaltung in Einklang zu bringen". Leider setzte er sich dann auch noch nachts auf seinem Schloss in Bückeburg an den Computer, recherchierte etwas im Internet – und fand den Hitler in uns.
„Naaa", schrieb er an die Firma, die die Homepage der Deutschen Nationalakademie ins Netz gestellt hatte, „kommt Ihnen das Zitat bekannt vor?" Am Telefon ließ er sich dann doch noch dazu überreden, nicht bei der „B.Z." anzurufen und uns zu enttarnen. So wurde, ausgerechnet, ein adliger Schlossherr zu unserem ersten Helden im Kampf für die kritische Gesinnung.
Aber die Menschen, das zeigte unser Experiment, sind eben so schwer einzuschätzen, so verwirrt, so ratlos, so rechts wie diese Zeit, in der sie leben.
Desir..e Nick etwa, sicher eine Art Leitfigur für die Trash-Welt, in der wir leben, schickte ein wütendes, wirres Fax zurück: „Ein Ehrendoktortitel würde die Früchte meiner Arbeit zunichte machen: den sollen die Arschlöcher annehmen, nicht ich!" Der Grund für ihre Absage war allerdings nicht besonders ideologiekritisch. „Mühsam habe ich mir meinen schlechten Ruf erarbeitet", schrieb sie, „und bin bemüht das miese Image was ich mir aufgebaut habe, zu schützen und zu erhalten". Solide Grammatik jedenfalls sieht anders aus, solide Gesinnung auch.
In einer ersten eitlen Verwirrung hatte die Komikerin Desir..e Nick außerdem die Ehrendoktorwürde be-reits angenommen. Wie auch „Löwenzahn"-Moderator Peter Lustig, mit seiner Nickelbrille eigentlich die moralische Instanz für eine ganze Generation antiautoritär angestrahlter BRD-Kinder. Der fühlte sich erst „gebauchpinselt" und nahm die Ehrung an, schließlich teilt auch er die Meinung, „dass Bildung, Wissen und ein gesundes Wertebewusstsein heutzutage überaus wichtig ist". Sechs Stunden später schickte er ein Fax von seinem Hof in Niedersachsen, in dem er die Ablehnung des „ehrenvollen Angebots" damit begründete, „dass in weltanschaulicher Hinsicht keine in erforderlichem Umfang notwendige ..bereinstimmung bestehen könnte".
Manchmal, auch das ist ein Fazit dieses Experiments, denkt selbst die Showprominenz nach. Jutta Speidel etwa ist sehr freundlich am Telefon, wundert sich aber doch darüber, dass sie für ihre Fernsehrollen ausgewählt worden ist und nicht für ihr gesellschaftliches Engagement, „das ist doch viel wichtiger". Sie sagt ebenso ab wie Marie-Louise Marjan, die Mutter der Nation. Sie finde die Sache mit der Elite ja auch richtig, aber, fragt sie mit dieser Mutter-Beimer-Stimme, „ich muss auch sicher sein, dass das nichts Nationalistisches ist. Sie verstehen?!" Und der Sänger der Prinzen, Sebastian Krumbiegel, forscht am Telefon nach, „das klingt aber schon, na, fast ein wenig rechtsradikal", überlegt es sich und lehnt ab. Manchmal, so sieht man, ist die Showprominenz klüger als die politische.
„Sehr geehrter Herr Prof. Däubler", so beginnt der Brief, in einendicken Umschlag gepackt, abgeschickt von Julian Nida-Rümelin, „Staatsminister a...D." und Inhaber des
Lehrstuhls für „Politische Theorie und Philosophie" an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Der Beschluss des Präsidiums der Deutschen Nationalakademie, mir die Ehrendoktorwürde 2007 anzutragen, ist für mich eine große Auszeichnung, die ich erfreut und geehrt annehme, da ich die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie ohne jeden Vorbehalt unterstützen kann." Dem Brief beigelegt hat er einen 17-seitigen Essay über die „normativen Bedingungen der Macht".
Einen Monat später schreibt er in einer E-Mail, dass er die Deutsche Nationalakademie mit Helmut Schmidts Deutscher Nationalstiftung verwechselt habe. Er vermutet nun einen „rechten politischen Hintergrund" und lehnt die Ehrendoktorwürde ab.
Mit dem ersten Brief von Nida-Rümelin kommen noch zwei weitere. Der erste ist eine Absage von Peter-Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR und jetzt Anwalt in Stasi-Angelegenheiten. „Ihre inhaltliche Aufgabenstellungen sprechen mir aus dem Herzen", schreibt er, „und ich wünsche Ihnen bei der Realisierung derselben viel Erfolg". Er habe allerdings in seinem „ersten Leben" zum sozialistischen Agrar- und Bodenrecht promoviert, habe somit genug Titel, aber „meine Sympathie für Ihre beachtliche Unternehmung bedarf keiner Ehrenpromotion". Noch ein Ex-Minister, dem man die Demokratie erklären muss?
Dafür wäre dann auch Liane Hesselbarth da, die ein großes D mit viel Schwarz-Rot-Gold im Briefkopf trägt. „Als Vorsitzende der Fraktion der DVU im Landtag Brandenburg", schreibt sie in ihrer Antwort, die zusammen mit den Briefen von Nida-Rümelin und Diestel eintrifft, „kann ich es mit meiner persönlichen Einstellung zur Demokratie einerseits wie auch mit dem national freiheitlichen Gedanken andererseits nicht in ..bereinstimmung bringen, die Ehrendoktorwürde der Deutschen Nationalakademie anzunehmen, in deren Grundsätzen nationalsozialistisches Gedankengut verankert ist." Das ist die Geschichtsstunde der Rechten für den Rechtsanwalt und den Politikprofessor.
Das Problem des neuen, frei flottierenden Nationalismus ist, wie man sieht, seine Unberechenbarkeit. Er ist modisch, er klingt gut, er ist angenehm und harmlos – ein Wohlfühl-Nationalismus, der die Grenze verwischt zwischen dem, was politisch geht, und dem, was nicht mehr vom Grundgesetz getragen wird. Dieser neue Nationalismus ist einerseits so oberflächlich, dass man gerne einfach mal Ja sagt; und er ist andererseits so leicht zu instrumentalisieren, dass das oberflächliche Ja in rechten Radikalismus rutschen kann.

„Spiegel Online" meldet, dass sich rechtsradikale Einstellungen in allen Bevölkerungsschichten, Bundesländern und Generationen finden lassen. Neun Prozent der Deutschen halten eine Diktatur durchaus für akzeptabel. Und 26 Prozent wollen von einer Einheitspartei regiert werden, die die „Volksgemeinschaft" verkörpert. Da bekommt es ein besonders Gewicht, wenn Claus Hipp, der sich um Kindernahrung kümmert, der Nationalakademie zusagt: „Danke für Ihr freundliches Schreiben." Wenn sich auch der strahlend blonde Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier über die Ehrung freut und „mit sportlichen Grüßen" unterschreibt. Wenn Udo Jürgens dabei sein will – „bei uns", schreibt sein Büro, „geht's jetzt in erster Linie um den Termin". Und wenn der Südtiroler Reinhold Messner auf der ganzen Welt genug Berge bestiegen hat, um nun bei der Nationalakademie mitzumachen.
Die Antworten auf unseren Brief zeigen: Einige der Ehrendoktoranden reagieren ganz entschieden auf den politischen Ton des Briefes. Einige lassen sich von Eliteversprechen und akademischen Weihen locken, die meisten merken wohl gar nicht mehr, wie antidemokratisches Denken funktioniert, wie leicht sich rechte Gesinnung verpacken lässt, wie weit nationalistische Ideen schon in der Gesellschaft angekommen sind.
Ein paar der von uns Angeschriebenen wenden sich an ihren Rechtsanwalt, und der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, kontaktiert das Bundeskriminalamt. Der BKA-Beamte, der uns daraufhin anruft, findet die Homepage „dilettantisch", ist auch sonst etwas grummelig wegen der zusätzlichen Arbeit und stellt die Ermittlungen rasch ein. Robbe, der weiß, wer hinter der Aktion steckt, gratuliert „von ganzem Herzen": „Aus meiner Sicht beflügeln Sie durch Ihr akzentuiertes Engagement die aktuelle Diskussion um die Einrichtung einer Nationalen Akademie der Wissenschaften mit großem TEMPO." Für das weitere Wirken wünscht er alles Gute, er bittet nur, bei weiteren öffentlichen Verlautbarungen „darauf zu achten, keine Formulierungen zu verwenden, die als Ablehnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und des Demokratieprinzips verstanden werden können".
Natürlich gibt es auch weiterhin viele Absagen: der Unternehmer Werner M. Bahlsen, der bayerische Kulturminister Thomas Goppel, Werner Wenning von Bayer, Dieter Thomas Heck, der Theaterregisseur Jürgen Flimm, der FDP-Politiker Wolfgang Gerhardt, die Filmregisseure Volker Schlöndorff und Wim Wenders, die Opernintendantin Kirsten Harms, Wolfgang Grupp von Trigema, der Ex-Politiker Theo Waigel, die Kammersängerin Anneliese Rothenberger, BDI-Präsident Jürgen R. Thumann, Ulrich Wickert, Franziska van Almsick, die Herren von Pierer und Kleinfeld von Siemens, der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Reitzle von Linde – und auch der frühere stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Heinz Eggert, der im „Saftblog" der Saftfirma Walther über den „stinkfeinen Umschlag mit Büttenpapier" erzählt und gleich sein Absageschreiben beilegt. „Weil wir uns wegen der demnächst zu erfolgenden Erhöhung der Mehrwertsteuer", so schreibt er, „schon einen angemessenen und zugemessenen Grabstein bestellt haben", auf den das Dr...h...c. nicht mehr passt, deshalb ist Eggert leider nicht dabei.
Das ist die tragikomische Komponente, die diese Geschichte auch ausmacht. Das Model Giulia Siegel steht gerade unter der Dusche, als „Professor Däubler" anruft, sie muss zur Premiere des Mozart-Musicals und verspricht, bislang Unbekanntes aus ihrem Leben zu erzählen, „die Menschen wissen ja gar nicht, wie ich wirklich bin". Aus Mitleid haben wir sie nicht weiter belästigt. Die Volksmusiksängerin Margot Hellwig hat „mit ..berraschung und Freude" diesen „ehrenden Vorschlag vernommen" – „noch dazu von einer Institution, die für ein Anliegen tätig ist, das auch uns sehr am Herzen liegt". Sie sagt dann doch ab, weil „gerade bei den Vertretern der sogenannten echten Volksmusik mit starken Einwänden zu rechnen ist". Wenigstens schickt sie eine Autogrammkarte, auf der sie eine große Kuchenplatte präsentiert. Und der Kunstprofessor Bazon Brock will sich unbedingt mit dem Kollegen Professor treffen, um die Akademie „als Plattform" zu nutzen. „Sagen Sie dem Professor, wir könnten uns beim Leo-Baeck-Preis treffen und im Adlon Palais einen Tee trinken", schlägt er vor und ist dann äußerst enttäuscht, als es nicht zu einer Begegnung kommt. „Der Professor ist zum Leo-Baeck-Preis im Ausland? Das ist ja schade."
Das alles wirkt manchmal wie nationaler Slapstick – und doch ist das Fazit dieser TEMPO-Aktion erschreckend: Fast alle Angeschriebenen sind höflich genug, auf den nationalistischen Elitebrief zu antworten. Frauen und Wirtschaftsbosse lehnen die Ehrendoktorwürde meistens ab. Der Großteil der Showprominenz ist so von sich berauscht, das er neben dem Bambi die akademische Auszeichnung gleich mitkassieren will. Und selbst gefestigte Intellektuelle lassen sich auf rechtes Denken ein. Was wollen diese Leute? Wollen sie unser Land zerstören? Wollen sie es retten? Sind sie dabei, das Geschenk der Bundesrepublik zu verspielen?
Es war ein langer Sommer in Deutschland.