MySpace


TEMPO 2006



Last Updated: 7/26/2007

Send Message
Instant Message
Email to a Friend
Subscribe

Status: Swinger
Age: 23
City: Hamburg / Berlin
February 6, 2007 - Tuesday 
Unser Verhältnis zum Rausch war noch nie so nüchtern wie heute, aber es ist noch nicht nüchtern genug. Wenn die Gesellschaft endlich eine wirklich entspannte Einstellung zu Drogen fände, wäre uns allen geholfen.



Glaubt man dem Briten David Pearce, so stehen der Menschheit glückliche Zeiten bevor, wenn sie sich nur durchringen kann, ausreichend Drogen zu konsumieren. Pearce neigt zum Ausufern, doch in groben Zügen argumentiert er so: Seit Jahrtausenden leben wir im Spannungsverhältnis von Glück und Schmerz, Euphorie und Depression. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Nur durchlittener Schmerz lässt das Glück als solches erkennbar werden. Und auch: ohne Kater kein Rausch.
Das muss nicht sein, verkündet Pearce in seinem Manifest „Hedonistic Imperative" (www.hedweb.com) und damit auch das Ende dessen, was er das „darwinistische Zeitalter" nennt: Der Dualismus von positiven und negativen Empfindungen sei evolutionär notwendig gewesen, könne nun aber überwunden werden. Pearce hat nicht weniger im Sinn, als die Menschheit in einen Zustand permanenten Glücks zu versetzen. Drei Maßnahmen seien dafür zu erwägen: Erstens die Verkabelung von möglichst vielen Individuen zum Stimulieren der Gehirnströme und Belohnungszentren. Das findet er als Vision ein wenig beängstigend. Zweitens nanotechnologische und zugleich flächendeckende Eingriffe ins Erbgut. Das scheint ihm eine endgültige, wenngleich noch ferne Lösung zu sein. Als dritte Maßnahme, zeitnah und Erfolg versprechend zugleich, plädiert er für den Einsatz von Drogen.
Pearce selbst ist ein hemmungsloser, wenn auch wählerischer Konsument verschiedener Euphorika. Für das Mittel Amineptine, das in den vergangenen Jahren vom Hersteller Survector sukzessive auf der ganzen Welt vom Markt genommen wurde, reiste er eigens nach Brasilien, um dort noch erhältliche Rationen auf Vorrat zu kaufen. Es ist ein milder Stimmungsaufheller, aber im Gegensatz etwa zu Prozac ohne dämpfende Wirkung auf Aktivität oder Sexualtrieb. Pearce ist klar, dass weder die zahlreichen illegalen, geschweige denn die frei gehandelten Drogen die Präzision haben, die für seine Zwecke notwendig sind – die empathogene Wirkung von Ecstasy etwa werde mit Nervenschäden bezahlt. Aber er ist sicher: Wäre die Forschung erst mal frei, dann könnte man die Menschheit auf ein völlig neues Niveau der Zufriedenheit heben.
Was aber geschieht, bis sich Politik und Biochemie grundlegend gewandelt haben? Solange also Drogen zwar überall und preisgünstig erhältlich sind, aber eben oft von höchst zweifelhafter Qualität sind? In den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis zu Drogen stark verändert. Wurde ihre Einnahme früher verbunden mit Avantgardegedanken, Rebellentum oder der Hoffnung auf wirklichkeitsverschiebende Wahrnehmungsdehnungen, so ist man heute seltsam unaufgeregt. Die Nutzung von Drogen ist zur gesellschaftlichen Norm geworden. Zeit also, das Thema Rausch nüchtern zu betrachten.
Natürlich kann man die Bilder abstoßend finden, die der amerikanische Fotograf Terry Richardson für Tempo gemacht hat. Ein Mann nimmt große Mengen Alkohol – die beliebteste Kontrollverlustdroge – zu sich, bis er Scham, Balance und Kleidung (nicht jedoch die Sonnenbrille) verliert, und lässt sich fotografieren. Man sieht seine Gesichtzüge sinnlos glücklich werden, man sieht ihn am Boden kriechen, und seinen weichen Bauch. Der Mann heißt Olivier Zahm, der in der Modebranche hoch angesehene Herausgeber des Magazins „Purple"; der Fotograf selbst hat eine lange Geschichte multitoxischer Ex-zesse hinter sich und ist seit zwei Jahren clean.
Was diese Bilder auszeichnet, ist das Einverständnis des Berauschten, denn Rauschfotografie ist traditionell Reportage- oder Paparazzi-Fotografie, bei der es darum geht, den Moment zu erhaschen, in dem den Menschen die Kontrolle entgleitet. Die Fotografin Roxanne Lowit etwa oder der Künstler Andy Wahrhol verstanden es, diese Momente zu finden und als Glamour zu verkaufen. Aber das spielte sich in Jahren und Mili-eus ab, in denen Kokain als harmlose Sexdroge galt.
Heute hat sich das Wesen von Prominenz verändert. Da jeder bekannte Mensch mit mindestens einem Großkonzern geschäftlich verbunden ist, dessen Produkte auch Provinzlern, Großfamilien und religiösen Eiferern verkauft werden müssen, nehmen die Stars ihre Drogen heimlicher, abgeschirmt von PR-Leuten. Bis ihre berühmten Schützlinge dann mal wieder auf Heroin die erste Klasse eines Linienfluges terrorisieren, im Alkoholrausch antisemitische Sprüche grölen oder auf GHB in ihrem SUV einschlafen. Die danach öffentlich gezeigte Reue ist nicht etwa ermüdend, weil sie eine Doppelmoral verrät – die könnte rührend oder sogar sexuell stimulierend sein –, sondern weil die Inszenierung von Sünde und Vergebung so altmodisch ist.



Jahrelang wusste jeder, dass das Fotomodell Kate Moss abgesehen von ihrem Alkoholismus auch ziemlich viel Kokain nahm. Erst als sie mit einer Handykamera dabei fotogra-fiert wurde, wie sie ein paar Lines schnupfte, war das ein weltweiter Skandal, der sie kurzfristig ein paar Werbeverträge kostete. Schon wenig später waren die Kunden zurück und die Einnahmen von Kate Moss noch höher als vor der Affäre. Was nur eines beweist: Menschen, die Drogen nehmen, sind interessanter, schöner, wertvoller.
So haben ihre Drogengeständnisse weder Jack Nicholson noch Xavier Naidoo geschadet und auch Whitney Houston würde man ihre dramatischen Crack-Eskapaden sofort verzeihen, wenn sie nur wieder zu Verstand und Stimme käme, ein tränenreiches Geständnis und ein sauberes Comeback-Album hinlegen würde. Denn anders als Politiker und Drogenbeauftragte weiß das Publikum, was es von seinen Dienstleis-tern zu erwarten hat: ein gutes Produkt, keine saubere Weste. Der eine oder andere drogenbedingte Aussetzer kann dazu gehören, schließlich hat abweichendes Verhalten Unterhaltungswert, wenn auch der Konsum illegaler Drogen sein rebellisches Pathos verloren hat. Die Ideologie des „live fast and die young" jedenfalls scheint überholt: Der letzte große Popstar in der langen Reihe derer, die mit 27 und unter Drogeneinfluss starben, war Kurt Cobain. Und das ist über zwölf Jahre her.
Mit dem Tod Kurt Cobains endete die große Epoche romantischer Drogensucht. Ob Novalis, Lord Byron und Thomas De Quincey – sie wollten nicht mehr an eine Erlösung im Jenseits glauben, sondern suchten sie sofort und mittels Rausch. Baudelaire sprach deshalb auch von den „künstlichen Paradiesen". Dafür eigneten sich ganz besonders das Opium und das Haschisch – Drogen, die die Stimmung heben, die aber auch beruhigen. Mit der Entdeckung des aufputschenden Kokains begann man, den Rausch auch aufs Diesseits einwirken zu lassen.
Ein Vorreiter dieser neuen Drogenpraxis war Sigmund Freud. Die Einnahme von Kokain beflügelte den Wiener Arzt zu besonderen sexuellen und intellektuellen Leistungen und gipfelte in seiner Theorie der Psychoanalyse. Und tatsächlich ist diese ja mit dem Koksrausch verwandt: Das Wühlen in der eigenen Vergangenheit, der Glaube, dass es die Lösung sei, Dinge auszusprechen, die Unermüdlichkeit. Ein dreistündiges Gespräch auf der Toilette eines Clubs, unterbrochen vom „Nachlegen" in immer schnelleren Intervallen, fühlt sich zumindest währenddessen katharsisch und heilsam an wie eine Blitzanalyse.
Nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Grausamkeit Zweifel am Charakter der Zivilisation geweckt hatte, waren Drogen weit verbreitet. Die kreative Avantgarde – von Klaus Mann über die Nackttänzerin Anita Berber bis hin zu den Dada-Künstlern – nahm, was sie kriegen konnte. Toxikologische Befreiung war, wie die sexuelle, ein Gegenmodell zu Kirche und Obrigkeitsstaat.
Im Zweiten Weltkrieg dann waren es vor allem die Herrscher, die sich berauschten. Hitler ließ sich in seinem letzten Jahr bis zu zehn Methamphetaminspritzen am Tag setzen, Winston Churchill betrachtete die Bombardierung Londons auf Opium. Ihren Jungs an der Front schickten sie Amphetamin zum Durchhalten und Morphium gegen die Schmerzen. Wie überhaupt Kriege historisch immer auch Verbreiter von Drogen waren. Von den Kreuzrittern, die das vom Chris-tentum verdrängte Opium zurück nach Europa brachten bis zu den heroinsüchtigen Heimkehrern aus Vietnam. Historisch gesehen sind die effektivsten Dealer Krieg führende Staaten – auch solche, die offiziell den Drogenkrieg erklärt haben.



Aber die wirklich große Zeit der Drogen begann natürlich in den 60ern. Damals entdeckte man Halluzinogene wie LSD und Meskalin als Instrumente einer geistigen Erweckung und versuchte, deren Verbot entgegenzuwirken, indem man sich auf das Recht der Religionsfreiheit berief. Die Menschen hätten schon immer berauschende Pflanzen zu sich genommen, allerdings in einem rituellen, schamanis-tischen Rahmen. Der müsse nur wiederhergestellt werden. Entsprechend unterschied man zwischen bewusstseinserweiternden guten und zudröhnenden schlechten Drogen. Gut, wer sich Zeit mit seinem Rausch ließ und ihn nutzte, um Erleuchtung und Frieden zu finden, schlecht, wer die Drogen schnell und gierig schlang wie Fastfood. So klang zumindest die Rhetorik. Tatsächlich kannte der damalige Harvard-Dozent Timothy
Leary bei seinem Kreuzzug für LSD kaum Grenzen: Er wollte möglichst schon dem Kleinkind die Droge verabreichen und glaubte, damit auch Homosexuelle heilen zu können.
Doch warum sollen ausgerechnet Substanzen, die die Wahrnehmung verzerren, als Instrumente der Erweckung taugen? Weil Religion selbst nichts anderes ist als eine kollektive Halluzination oder, wie Karl Marx meinte, „Opium fürs Volk"? Was das Christentum für ein fernes Jenseits verspricht, das lösen Drogen sofort ein. Deswegen muss jede monotheistische
Religion eifersüchtig den Drogenkonsum unterbinden, wobei sie in der Regel ein bis zwei Schlupflöcher lässt (Alkohol im Christentum, Cannabis in Teilen des Islam). Denn der Rausch ist nicht der billige Abklatsch der religiösen Erlösung, sondern umgekehrt: Erst lernten Menschen das momentane Glück der Drogen kennen, dann erst erschufen sie nach dessen Abbild das Jenseits. Die „künstlichen" sind die wahren Paradiese.
Aus den blumigen Utopien der Hippies wurde in den 70er-Jahren, dem freiesten Jahrzehnt der westlichen Zivilisation, der stellenweise düstere, stellenweise hysterische Lebensstil, den man vage mit den Versprechen des Rock'n'Roll verband. Während Hollywood kollektiv im scheinbar gefahrlosen Kokainrausch schwelgte, schwärmten Teenager wie die als „Christiane F." bekannt gewordene Vera Christiane Felscherinow für den Heroinkult von David Bowie und folgten ihm in die Sucht. Drogen waren, neben dem Terrorismus, die letzte Form des Protests gegen die Gesellschaft.
Noch einmal zu utopischen Höhen schwang sich die bereits 1912 synthetisierte, aber erst in den späten 80er-Jahren von Ibiza aus groß gewordene Substanz MDMA auf. Im Unterschied zu allen anderen Drogen war es die gemeinschaftsstiftende („kuschelige") Wirkung von Ecstasy, die den Nutzern bis dahin nicht gekannte kollektive Glückserlebnisse schenkte. Doch auch der Traum von der „ravenden Gesellschaft" ist folgenlos versickert wie der Urin der Love-Parade-Besucher im Tiergarten.
Drogen erscheinen heute den meisten Benutzern von allem ideologischen Ballast bereinigt. Und auch die, die die Drogen bekämpfen, können sie kaum noch einfach verteufeln. Das Rauchen von Haschisch ist noch nicht einmal mehr ein Kavaliersdelikt, über die Abgabe von Heroin an Süchtige wird diskutiert, Ecstasy wird bei Angstpatienten eingesetzt und an der Johns Hopkins University in Baltimore wurden zum ersten Mal seit Jahrzehnten auch wieder Experimente mit psychedelischen Drogen unternommen – die Probanden empfanden tiefe Ehrfurcht, Freude und Liebe.
In einer globalisierten Welt bahnt sich ohnehin jede Ware ihren Weg. Dass der Drogenkrieg nicht gewonnen werden kann, ist schon lange klar. Dabei haben gerade die USA vorgeführt, wie ein Staat den Rauschgiftkonsum steuern kann: durch beschränkte Verbote und hohe Besteuerung. Die Anzahl der Raucher ist daraufhin deutlich zurückgegangen, das öffentliche Leben ist weitgehend nikotinfrei. Solange die Drogen aber illegal bleiben, kann der Staat auch keine Steuern erheben und sie bleiben relativ billig. Ein ordentlicher Schuss Heroin kostet zehn Euro, ein Gramm Haschisch sogar nur fünf – das kann sich jeder leisten. Und auch wer sich Teureres gönnt, ist darum nicht unbedingt besser dran. Kokain wird wegen seines hohen Preises mit schädlichen Streckmitteln versetzt und macht genauso süchtig wie das zehnmal billigere Speed.
Doch die meisten, die heute illegale Drogen nehmen, werden davon, anders als von Nikotin, nicht süchtig. Sie berauschen sich weder, um zu Gott zu finden, noch, um sich der Gesellschaft, den Eltern oder der eigenen Zukunft zu verweigern. Sie ballern sich gelegentlich weg, um abzuschalten oder, im Gegenteil, endlich mal richtig aufzudrehen. Das Geld, mit dem sie am Freitagabend Drogen kaufen, haben sie sich in der vorangegangenen Woche hart verdient. Noch mehr als mit dem Paradies hat der Rausch für sie mit einer jüngeren zivilisatorischen Errungenschaft gemein: dem Urlaub. Drogen versprechen ihnen einen wenige Stunden langen Abstecher in eine fremde, abwechslungsreiche Welt ... und alle Freunde kommen mit.



Ein Prototyp dieser Extremurlauber ist der britische Musiker Pete Doherty. Zwar scheinen seine notorischen Drogengewohnheiten wie eine Fortsetzung suizidaler Rockkarrieren. Tatsächlich ist er eher ein postmoderner Wiedergänger: Er zitiert die Form der Selbstzerstörung, aber ein Happy End mit Supermodelfamilie scheint am wahrscheinlichsten. Pete Doherty ist ein Freeclimber, der zwar den Absturz riskiert, auf den am Gipfel aber das Trophy Girl wartet.
Im Englischen gibt es die Bezeichnung „recreational drugs", die sehr genau erfasst, worum es letztlich geht: um Erholung. Nicht unbedingt körperliche, aber geistige. Wer am Montag früh stark verkatert zur Arbeit antritt, den lässt das schlechte Gewissen die stumpfen Aufgaben wieder eifrig verrichten. Drogen verheißen den Menschen kein wahrhaftigeres, aber ein aufregenderes, lustigeres Leben. Nicht anders als bei den Katzen, die nach der Katzenminze gieren, oder den Schweinen, die nach Trüffeln stöbern. Der amerikanische Psychopharmakologe Ronald K. Siegel spricht vom Rauschbedürfnis als dem „vierten Trieb" des Menschen – neben dem Verlangen nach Nahrung, Schlaf und Sex.
Die heutige Gesellschaft gestattet beim Streben nach Glück jedmögliche Manipulation am Selbst: Diäten, Schönheitsoperationen, Psychotherapien und die Gentechnik. Wie kann man aber, wenn Brustvergrößerungen erlaubt sind, den Handel mit Rauschgiften noch unter Strafe stellen? Beide verändern Körper und Seele, bergen Risiken und sind unbedingt modern.



Ingo Niermann und Adriano Sack veröffentlichen im Februar ihr Buch „Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer" bei Eichborn.