Espresso, aber mit Milch. Karriere, aber kein Stress. Links, aber egal. Eine Generation von Jeinsagern hat die Kultur der letzten Jahre geprägt. Jetzt wird es Zeit, die Frühvergreisten um die 30 in den Ruhestand zu schicken.
An jedem Nachmittag in den Werbeagenturen und Redaktionskonferenzen, an jedem Abend in den Theatern: Das kollektive Wenn-dann. Ein einziges Würde-könnte. Das dauernde Hätte-sollte. Berlin ist im Zustand des Zauderns, und dieser Zustand hat gesellschaftliche Bedeutung.
Denn Berlin ist die Hauptstadt des ..bergangs und des Provisorischen, des Kompromisses und der Großen Koalition. Berlin ist die Hauptstadt der digitalen Boh..me, die in Caf..s und Hinterhöfen ihre virtuellen Firmen verwaltet, und des Prekariats, das auf dem Arbeitsamt mit ganz realen ..ngsten konfrontiert wird. Berlin ist voll von Menschen im historischen Nirwana und im biografischen Niemandsland. Bis zur Wende war Berlin die eigentliche Hauptstadt. Heute ist Berlin die Hauptstadt der Neuen Eigentlichkeit.
Diese Neue Eigentlichkeit ist die Ideologie der Stunde. Sie suggeriert Freiheit, wo doch nur Abhängigkeit besteht. Sie gaukelt Möglichkeiten vor, wo die Bedingungen für eine abgewogene Entscheidung fehlen. Sie feiert das Vakuum und verdeckt die Ratlosigkeit.
Die Neue Eigentlichkeit ist die Lebensform des flexiblen Kapitalismus. Es gibt ein paar Fibeln der Neuen Eigentlichkeit, Malcolm Gladwells Intuitionsmanifest „Blink" etwa, das davon erzählt, wie leicht und schnell wir Entscheidungen fällen; oder Benjamin Kunkels Unterentwicklungsroman „Unentschlossen", der davon erzählt, wie die Lebenslähmung im Grunde einer ganzen Generation nur durch ein Medikament behoben werden kann. Es gibt Schlagworte aus der Trendforschung wie „Optionismus", bei dem es darum geht, auf alle Veränderungen reagieren zu können; oder den Hybridbegriff von der „Simplexity", bei der es um eine „Balance aus wachsender Alltagskomplexität und persönlicher Zufriedenheit" geht. Es gibt Bands der Neuen Eigentlichkeit wie Tomte oder Kante, es gibt den Ja-aber-Schauspieler Daniel Brühl, es gibt die Allzweckwaffe der Flexibilität, das Apple-Notebook, und natürlich das Einheits- und Entscheidungsvermeidungsgetränk, den Latte Macchiato – viel Milch und trotzdem eigentlich recht starker Espresso.
Die Neue Eigentlichkeit ist eine Ideologie, die zum Lifestyle geworden ist. Und in Berlin führen besonders viele Menschen dieses Leben im Wartestand. Sie sitzen in Prenzlauer Berg in Ladenbüros, die aussehen wie ein Modeladen, der eigentlich eine Galerie ist, die eigentlich ein Architekturbüro ist, das eigentlich ein Restaurant sein soll. Sie teilen sich ihre Jobs und ihre Wohnungen und ihr Leben und verharren bis weit über die 30 hinaus im Stadium einer gemütlichen und etwas behäbigen Jugendlichkeit. Sie sind Popstars, die Kellner sind, oder Praktikanten, die noch eine zweite Karriere suchen. Sie sind die Kinder dieser zwei so uneigentlichen Staaten BRD und DDR, die so vorübergehend waren und auf Zeit gebaut, dass so etwas wie Dauer erst einmal nur eine diffuse Sehnsucht ist. Sie haben in der Postmoderne und der Globalisierung gelernt, dass der flexible Mensch täglich neu an seiner Bastelbiografie arbeitet und seinen Lebenslauf als sein Projekt sieht – und nicht das Leben. Sie bevölkern Zwischenorte, geistig und räumlich, Frühstück ist für sie das neue Mittagessen, das Caf.. ist das neue Wohnzimmer, der Laptop ersetzt das Büro, und im Internet gelten eh keine Uhrzeiten.
Sie sagen sehr oft „eigentlich" und meinen damit das, was sie nicht tun, nicht haben, nicht sind. „Eigentlich sollten wir erwachsen werden", so lautete bis zu diesem Jahr der Slogan, mit dem die Zeitschrift „Neon" für sich warb – es ist immer noch das Zentralorgan jener Gefühligkeit, die diese schwammigen Nullerjahre ausmacht, die uns mehr umgeben, als dass wir in ihnen leben. Und dass „Neon" irgendwann diesen Spruch nicht mehr auf ihr Titelblatt druckte, heißt doch nur, dass sich dieser Gedanke der Neuen Eigentlichkeit längst durchgesetzt hat.
Besonders die Menschen, die heute zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, haben es sich bequem eingerichtet in dieser Blase, hinter der die Wirklichkeit verschwindet. Sie hören Musik, die wabert; sie essen Gerichte, die „fusion" sind; sie leben wie in einer großen Lounge, die nur gelangweilte Wohlstandskinder hinein-
lässt. Manchmal merken sie, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie immer nur indische Naan-Pizza essen oder Tom Ka Gai schlürfen, dann treffen sie sich in Restaurants mit deutschen Namen und rustikalen Holztischen und verschlingen riesige Portionen jener Hausmannskost, wegen der sie doch aus den Dörfern und Kleinstädten ihrer Jugend in die Metropolen gezogen sind. Es gibt diese Menschen in Stuttgart und München, in Hamburg und Köln. In Berlin aber ist aus den einzelnen Menschen eine Lebenshaltung erwachsen.
Alles ist in dieser Stadt Berlin auf Pump, sogar die Gegenwart wirkt wie geliehen, die unbestimmte Zukunft wird stets erneut vertagt. Und die Menschen sind wie ihre Stadt. „Eigentlich bin ich ganz anders", heißt es in ..dön von Horv..ths trauriger Komödie „Zur schönen Aussicht" aus dem Jahr 1926, „aber ich komme so selten dazu." Das ist der Stand dieser Stadt, dieser Menschen und dieses Landes, dessen Hauptstadt Berlin ist. Wobei die Gegenwart auch hier mal wieder ein einziges Missverständnis ist. Denn das kleine Wort „eigentlich", mit dem heute vor allem milchkaffeetrinkende Menschen jeden zweiten Satz beginnen, bedeutet in der umgangssprachlichen Praxis etwas vollkommen anderes als das, was Adorno meinte, als er mit Blick auf das Nachkriegsdeutschland vom „Jargon der Eigentlichkeit" sprach. Adorno entdeckte nach seiner Rückkehr aus Amerika im deutschen Denken, in der „deutschen Ideologie", wie er das nannte, einen Drang nach Echtheit, nach Authentizität, nach „mit sich selbst identisch sein" – die Suche nach dem Eigentlichen war für ihn ein antiintellektueller Reflex, der sich hinter Worten wie „echtes Gespräch", „Bindung", „Begegnung", „Anliegen" oder „Aussage" verbarg. Adorno bezog sich in seiner Kritik auf Martin Heidegger und „den dunklen Drang der Intelligentsia vor 1933": Die „Neue Eigentlichkeit" ist erst einmal eine Spur harmloser – die Menschen aber wollen sich im Grunde genauso existenziell wohlfühlen wie in früheren Zeiten.
„In Deutschland wird ein Jargon der Eigentlichkeit gesprochen, mehr noch geschrieben, Kennmarke vergesellschafteten Erwähltseins, edel und anheimelnd in eins", so beschreibt Adorno die späten 50er-Jahre. Und während dieser Jargon „überfließt von der Prätention tiefen menschlichen Angerührtseins, ist er unterdessen so standardisiert wie die Welt, die er offiziell verneint". Was hier etwas kompliziert klingt, bedeutet in Wahrheit nichts anderes, als dass auch heute nur der „eigentlich" leben kann, der es sich leisten kann; und dass wir auf dem direkten Weg zum Innerlichkeitskult der 50er-Jahre sind.
So betrachtet, und Adorno ist ja kein dummer Mann, wird aus der gesellschaftlichen Avantgarde, als die sich etwa die digitale Boh..me gern sieht, eher so etwas wie die Fußtruppe des Kapitalismus 2.0 – und all die trainingsjackentragenden Slacker, die Mittdreißiger mit vier verschiedenen Karriereoptionen, die Exis-tenzgründer auf Wohnzimmerlevel, die Mädchen mit den schwedischen Röhrenjeans und dem 80er-Jahre-Pony, die müden Fotografen und Freiberufler und mondänen Feingeister: Sie alle werden zu Komparsen in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht selbst bestimmen. Auch wenn sie das denken. Denn die Eigentlichkeit, so wie sie Adorno beschreibt und wie sie noch heute funktioniert, ist eine Ideologie, die natürlich, dafür sind Ideologien ja da, den Herrschenden dient.
Die Neue Eigentlichkeit ist auf ganz andere und doch ähnliche Weise geprägt von der Suche nach Unmittelbarkeit und Authentizität. Sie überhöht den Alltag auf eine fast neoromantische Art und Weise, sie gibt dem Banalen den Anstrich des Edlen und Erwählten, sie kuschelt sich in Worthülsen, die die Wirklichkeit verbergen. Sie ist eine konservative Ideologie, die die Vorstellung von der Veränderbarkeit der Welt im Ungefähren hält oder gleich ignoriert – und damit linkem Denken die Grundlage entzieht. Was so heiter und entspannt wirkt, wenn man in Prenzlauer Berg in die großen Glasfenster der Caf..s schaut und dort die Web-Existenzen vor ihren Computern sieht, ist in Wahrheit so etwas wie der Blick in ein Aquarium voll von toten Fischen.
Die Neue Eigentlichkeit ist das Denkgebäude eines Landes, das zwar von Geschichte durchzuckt wird, aber im politischen Stillstand verharrt. Sie ist das geistige Pendant zu einer Gro-ßen Koalition, die ihre Perspektiven im Nebel verschwinden lässt. Sie hält eine ganze Generation in selbst verschuldeter Abhängigkeit.
Selbst Dwight Wilmerding, der Held in Benjamin Kunkels Roman „Unentschlossen", schafft es am Ende, seinem Leben eine Richtung, eine Perspektive zu geben. Für ihn heißt es Widerstand, Weltveränderung und sogar Weltverbesserung.
Er ist ein hoffnungsloser Idealist. Aber von der Sorte, die auch Adorno gefallen hätte.
GEORG DIEZ