Die Wissenschaft hat sich geirrt: Die globale Erwärmung ist viel schneller eingetreten, als alle dachten. Eine Reise an Orte, die der Klimawandel bereits dramatisch verändert hat.
Es ist die größte Party des Jahres für die Leute aus Nanumea, einer der neun Inseln des Südseestaats Tuvalu. Fatale nennt sich der traditionelle Tanz, bei dem Alte und Junge gegeneinander antreten. Die Tänzer tragen bunte Baströcke und im Haar Kränze aus Blumen und Blättern, auf einer großen Holzkiste wird der Rhythmus zu den traditionellen Liedern geschlagen. Die Gäste, von Kopf bis Fuß orange gekleidet, schauen gebannt zu. Familien sitzen in Gruppen auf einfachen Strohmatten. Junge Mädchen haben den ganzen Tag am Buffet gearbeitet, das aus vielen traditionellen Gerichten ihrer Heimatinsel besteht, etwa dem donutförmigen Funa-Funa-Gebäck. Es gibt aber auch eimerweise Nuggets von Kentucky Fried Chicken.
Die ausgelassene Party, die sich bis in den frühen Morgen hinzieht, findet nicht in Tuvalu statt, sondern 3.500 Kilometer südlich, in Neuseeland, in einem Gemeindesaal in einem westlichen Vorort von Auckland. Die fröhlichen Südseebewohner, die sich hier mit Angehörigen und Freunden aus der Heimat treffen, sind Klimaflüchtlinge.
Dass der Mensch durch den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) das Klima des Planeten aufheizt, wissen wir seit 20 Jahren. Seitdem haben wir uns an die Meldungen über den Klimawandel gewöhnt, es wird ein paar Grad wärmer werden bis 2100, der Meeresspiegel steigt um einen halben oder ganzen Meter, je nach Szenario. 2100 ist weit – Klimawandel, das ist eine Geschichte, die in der Zukunft spielt, und wenn sich nur alle ans Kyoto-Protokoll halten würden, könnte man das sogar irgendwie noch verhindern.
Aber Tuvalu geht tatsächlich unter, genauso wie Kiribati und Hunderte andere Inseln im Pazifik, die gerade mal ein oder zwei Meter aus dem Wasser ragen. Zwar war die Meldung, Tuvalu werde evakuiert, vor fünf Jahren eine Ente, aber heute findet die Evakuierung auf freiwilliger Basis statt. „Ich will nicht morgens aufwachen und mich unter Wasser wiederfinden", sagte sich Penisita Taniela und packte seine Sachen, um zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern sowie Vater, Stiefmutter und Schwestern in Neuseeland sein Glück zu versuchen. Täglich verlassen Tuvaluaner ihre Heimat und suchen sich einen sichereren Ort zum Leben. Mit offenen Armen werden sie nicht gerade empfangen: Australien will sie nicht, und Neuseeland nimmt gerade mal 75 Tuvaluaner pro Jahr auf. Wenn schon die 11.000 Einwohner der kleinen Inselgruppe zu solchen diplomatischen Problemen führen – was wird passieren, wenn im von mehreren Hundert Millionen Menschen bewohnten Bangladesch der Wasserspiegel steigt?
Fala Haulangi, eine aus Tuvalu stammende Radiomoderatorin im neuseeländischen Rundfunk, macht den Klimawandel regelmäßig zum Thema ihrer Sendung für die kleine Exilgemeinde. Sie fühlt sich inzwischen als richtige „Kiwi", wird aber wegen ihrer dunklen Hautfarbe oft gefragt, wo sie herkommt. Sie fragt sich schon, was sie darauf in Zukunft antworten soll. „Wenn ich sage aus Tuvalu, dann werden sie fragen: Wo ist das denn? Was soll ich denn dann sagen? Dass es uns nicht mehr gibt? Dass wir von der Landkarte verschwunden sind wegen des Klimawandels?"
Das Tückische am sich wandelnden Klima ist, dass es nur eine statis-tische Messgröße ist. Klima ist kein Wetterereignis wie ein Hurrikan, eine Dürreperiode oder eine Sturmflut, sondern ein langjähriger Mittelwert aus solchen Ereignissen. Die Medien fragen nach jedem Unwetter bei den Klimaforschern nach, ob das jetzt nun ein Ergebnis des Treibhauseffekts war, aber die können nur mit einem entschiedenen Jein antworten. Eine Schwalbe macht keinen Sommer und ein heißer Sommer keinen Klimatrend. Wenn aber die sechs heißesten je registrierten Sommer alle in den vergangenen neun Jahren gemessen wurden, dann ist die Chance, dass das nur Zufall war, vergleichbar mit einem Sechser im Lotto. Ebenso ist es mit extremen Wetterereignissen: Hurrikan Katrina allein beweist nichts, aber international steigt die Zahl der Wetterkatas-trophen – und das stellt alle Klimaforschungen in Frage, die damit erst in 80 bis 100 Jahren gerechnet haben.
Die Bewohner von Dawlish an der südenglischen Küste können vor ihrer Haustür sehen, wie viele einzelne Sturmfluten zu einem Trend auswachsen. Hier wirft sich die See heftig gegen die Klippen – und droht, in nicht allzu ferner Zukunft die ersten Häuser zu verschlucken. Dawlish ist zwar ein beliebter, kleiner Touristenort, aber ein moderner Hochwasserschutz ist zu teuer, sagen die Behörden, es gebe „zu wenige schützenswerte Kulturgüter". Die Bürger helfen sich mit bescheidenen Mitteln selbst. Helen Humphries wohnt an der Marine Parade, nur die Bahnlinie zwischen sich und dem Meer. Sie ist die Erste in der Telefonkette. Wenn es ernst wird, gibt sie die Hochwasserwarnung weiter. Dann schützt sie ihr eigenes Haus – mit Sandsäcken, die zentral in einem kleinen, dunklen Raum unter dem Viadukt gelagert sind, verriegelt mit einem Eisengitter. „Das letzte Mal, als wir die Säcke brauchten, ging die Tür nicht auf – die hatten einfach das Schloss ausgewechselt, ohne uns den neuen Schlüssel zu geben. Also sind wir eingebrochen."
Mary Dhonau geht der Hut hoch, wenn sie solche Geschichten hört. „Ich bin schockiert, wie das in Dawlish läuft", sagt die Aktivistin, die das sogenannte „Flutforum" ins Leben gerufen hat, ein regionales Bündnis. „Die halten als Gemeinschaft zwar prima zusammen, aber sie hängen von einer altmodischen Telefonkette ab. Und dann der Keller mit den Sandsäcken! Bei richtiger Flut bringen die doch nichts!" Sie kämpft für einen zeitgemäßeren Hochwasserschutz, wie er etwa in Almouth in Northumberland praktiziert wird. Dort wurden Felder und Wiesen in ..berschwemmungsflächen umgewandelt. Farmer mussten dafür Land abgeben und sehen deshalb die Schutzmaßnahmen mit gemischten Gefühlen: „Nie wieder können hier Kühe weiden, auch der Getreideanbau fällt flach", sagt ein Bauer.
Auch japanische Landwirte bekommen den Klimawandel zu spüren. In der Provinz Niigata auf der japanischen Hauptinsel wird der Koshihikari-Reis angebaut, die leckerste und beliebteste Sorte des Landes. Und der bereitet den Produzenten neuerdings Sorgen: Die Körner sind nicht mehr milchig durchscheinend, sondern haben weiße Flecken. „Wenn man diese Körner kocht, schmecken sie wässrig und gar nicht mehr lecker", sagt Osamo Matsomuda vom Nationalen Agrarforschungszentrum in Joetsu. „Sie sind auch nicht mehr so hart wie früher und zerbrechen deshalb leichter, wenn man sie transportiert."
Vor zehn Jahren gehörten 80 bis 90 Prozent der Reisernte in der Provinz Niigata zur höchsten Güteklasse, dann sank die Quote plötzlich auf 50 Prozent. Matsomuda ist davon -überzeugt, dass der globale Klimawandel den Reis angreift. Im vergangenen Jahrzehnt sei die durchschnittliche Temperatur in der Reis-region um eineinhalb bis zwei Grad gestiegen. Das mache den Reispflanzen schwer zu schaffen, sie könnten nicht mehr so viel Stärke in die Körner transportieren. Durch Züchten wollen die Forscher die Reissorte nun wärmebeständiger machen. Dazu leiten sie kochendes Wasser auf die Felder und wählen die Reispflanzen aus, die diese Tortur überleben. Matsomudas Fazit: „Bisher war die größte Herausforderung beim Reisanbau im nördlichen Japan die Kälte, jetzt ist es die Wärme."
Dass es global wärmer wird, wissen die Klimaforscher seit Jahren, für die aufwendig erstellten Berichte des UN-Panels IPCC versuchen sie nur, den möglichen Temperaturanstieg immer genauer einzugrenzen. Im neuesten Bericht, der im Frühjahr 2007 veröffentlicht wird, steht eine globale Erwärmung von zwei Grad bis 2050 und von vier Grad bis 2100. Vor allem aber geht es in den neuen Modellrechnungen darum, nicht nur globale, sondern auch regionale Aussagen über die Klimaentwicklung zu machen. Das ist erheblich schwieriger. Bis vor Kurzem war es noch strittig, ob es in Mitteleuropa überhaupt wärmer wird oder ob der Golfstrom eventuell so schwach wird, dass die Temperaturen sinken. Inzwischen geht man ziemlich sicher davon aus, dass sich auch unser Kontinent aufheizt – und das entspricht den Beobachtungen. Auch hier gilt: Der Wandel ist bereits in vollem Gange.
Etwa auf Helgoland. Dort messen Forscher der Biologischen Anstalt seit 40 Jahren jeden Morgen die Wassertemperatur. Die Nordsee ist wärmer geworden. Das merken die Touristen vielleicht nicht – aber an der Meeresfauna kann man heute schon sehen, wie bedrohlich eine Erwärmung um wenige Grad sein kann. Nur noch 200 bis 300 Hummer holen die helgoländischen Fischer jährlich aus dem Meer, vor ein paar Jahrzehnten waren es noch 20.000. „Besonders empfindlich ist die Larvenphase, hier muss einfach alles stimmen", sagt der Biologe Friedrich Buchholz. Wenn das Wasser wärmer ist, schlüpfen die Hummerlarven früher – zu einer Zeit, in der es für sie keine geeignete Nahrung im Meer gibt. Und dann müssen sie verhungern. Andere Tierarten sind dagegen Klimagewinnler: der Taschenkrebs zum Beispiel. Der hat sich stark vermehrt, weil sein Hauptfressfeind, der Kabeljau, immer seltener wird. „Der Kabeljau benötigt zum Laichen Wassertemperaturen von vier bis fünf Grad", sagt der Forscher Heinz-Dieter Franke. „Und das sind Temperaturen, die bei uns praktisch nicht mehr erreicht werden." In der Nordsee findet der Wandel noch kaum wahrnehmbar unter der Meeres-oberfläche statt, und an den Stränden mögen sich die Menschen sogar über das mildere Klima freuen. Andernorts sind die Veränderungen auch für Touristen nicht zu übersehen. In den niederen Lagen der Alpen ist eine geschlossene Schneedecke im Winter schon eine Ausnahmeerscheinung. „Der Klimawandel wird sicherlich alle Skigebiete betreffen", sagt Hermann Gruber,
Geschäftsführer der Dachstein-Tauern-Region in der österreichischen Gemeinde Schladming. „Aber natürlich ist es für die niedriger gelegenen Skigebiete schwerer aufgrund der Schneelage." Die Touristen weichen auf die höheren Gebiete aus.
Viele jugendliche Skifahrer haben noch nie einen mit frischem Neuschnee überpuderten Hang gesehen.Sie kennen nur die mit Kunstschnee aus der Kanone präparierten Pisten. Erwin Höflehner ist der Chefkanonier von Schladming, und er kann nicht verstehen, dass vor allem die deutschen Touristen unbedingt den Schnee von Mutter Natur haben wollen. „Die Leute glauben immer, auf Naturschnee fährt es sich besser", klagt Höflehner. „Das ist aber nur einen Tag so, das erkennt man am nächsten Tag nicht mehr, ob das selber gemachter Schnee oder Naturschnee ist." Aber der Synthetik-Schnee ist auch kein Patentrezept: Die Kanonen kosten 500.000 Euro pro Pis-tenkilometer – Geld, das letztlich der Gast bezahlen muss. Und wenn die Temperatur dauerhaft über dem Gefrierpunkt liegt, schmilzt auch der schönste Kunstschnee. Eine Studie der Universität Zürich ergab: Selbst renommierte Skiorte wie Kitzbühel, das ähnlich wie Schladming nur auf 760 Meter Höhe liegt, werden in den nächsten Jahrzehnten den Skibetrieb einstellen müssen.
An anderen Orten auf dem Globus haben schmelzender Schnee und tauendes Eis noch erheblich größere Folgen. Vor allem in der Arktis: Der Nordpol liegt ja im Ozean, der lediglich von einer dünnen Eiskruste überzogen wird – noch. „Die Qualität des Seeeises wird immer schlechter", sagt der Meeresbiologe Jan Ors vom Norwegischen Polarinstitut. Die in Spitzbergen stationierten Forscher beobachten die Veränderungen sehr genau. Besonders betroffen sind die Eisbären, die auf eine zusammenhängende Eisdecke angewiesen sind, aber immer öfter nur noch von Scholle zu Scholle springen können. Ihr Lebensraum schmilzt dahin. Per Schiff und Hubschrauber begeben sich die Forscher ins nicht mehr ewige Eis, spüren die Eisbären auf und setzen sie mit Betäubungspfeilen außer Gefecht. Jeder Bär bekommt eine Nummer in die Lippe tätowiert, ein Zahn wird gezogen und Gewebeproben werden entnommen für die DNA-Analyse. Jedes Tier hat seine Akte, und so wird die Entwicklung der Bären genau dokumentiert. Auf Spitzbergen leben derzeit rund 3.000 Eisbären und 2.900 Menschen. Noch sind die Bären in der ..berzahl.
Auch 3.000 Kilometer entfernt, in der kanadischen Cambridge Bay, bleibt der Klimawandel nicht unbemerkt. Hier sorgt man sich eher um zu viele Bären als um zu wenige. Die junge Bürgermeisterin von Cambridge Bay, Michelle Gillis, erzählt: „Aus Gesprächen mit den ..lteren, den Jägern und Fischern, wissen wir, dass das Eis immer früher im Jahr schmilzt. Wir bemerken die Veränderung an der Qualität unserer Nahrung, an den Fischen und den Tieren. Die Bären kommen jedes Jahr näher an unsere Stadt."
Die Eisschmelze hat nicht nur Folgen für die Natur. Die Cambridge Bay liegt an der Nordwestpassage, jenem Seeweg durch die Inselwelt im Norden Kanadas, der früher nur sporadisch schiffbar war. Nun bleibt die Passage im Sommer länger eisfrei – es ist die schnellste Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Die Strecke von Europa nach Asien verkürzt sich um 7.000 Kilometer, in wenigen Jahrzehnten könnte sie permanent befahrbar sein. Der Forscher Eddie Carmack vom Fischereiministerium befürchtet, dass das nicht nur wirtschaftliche Folgen hat: „Es wird sich auch der Weg, dem Stürme folgen, verändern. Und dann verändert sich der Niederschlag auf der Erde und Dürreperioden zwischen British Columbia und Kalifornien könnten die Folge sein."
Oft ist in Artikeln die Rede davon, dass der Mensch den Planeten durch die globale Erwärmung an den Rand des Untergangs bringt. Das ist ziemlicher Unsinn. Die Erde hat schon größere Klimaschwankungen erlebt, und das Wasser stand auch schon mal 70 Meter höher. „Der Planet kommt mit dem Klimawandel klar", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, „die Zivilisation nicht ohne Weiteres." Die Folgen der Erderwärmung treffen stets die ..rmsten und Schwächs-ten. Auch in den reichen, hoch technisierten Ländern, wie es Frankreich im „Horrorsommer" 2003 erleben musste: 15.000 vor allem alte Menschen starben in ihren Wohnungen an Austrocknung und Kreislaufversagen. Als die Temperaturen in diesem Sommer wieder über die 35-Grad-Marke kletterten, wollten die Franzosen eine Wiederholung dieser Tragödie verhindern. In vielen Städten gab es Telefondienste, die alle paar Tage bei alten und kranken Menschen anriefen und sich nach deren Befinden erkundigten. Wenn keine Antwort kam, wurde sofort der Notarztwagen losgeschickt. Auch die Mitmenschen sind aufmerksamer geworden, erzählt ein Helfer in Paris: „Die Nachbarn haben eine Frau einen Tag nicht mehr rausgehen sehen und uns angerufen. Wir haben die Frau mit -42 Grad Körpertemperatur im Koma gefunden. Wenn die Nachbarn sich nicht gemeldet hätten, wäre sie jetzt tot." Der französische Gesundheitsminister Xavier Bertrand ist über-zeugt, dass das Land seine Lehren aus dem Jahr 2003 gezogen hat und setzt auf Prävention: „Wir haben zusätzliches Personal eingestellt. Wir werden nicht auf den Notstand warten, um zu handeln."
Das Beispiel zeigt: Klimawandel ist kein rein ökologisches Problem, sondern auch ein ökonomisches. Wer über die nötigen wirtschaftlichen Mittel verfügt, kann vorsorgen, Dämme bauen, die Häuser befestigen und zur Not auch in weniger gefährdete Gebiete umziehen. Gerade die Armen der Welt aber drängen in die Metropolen der Dritten Welt, die vornehmlich am Meer und in sturmgefährdeten Regionen liegen.
Und die Allerärmsten sitzen in Afrika. Dieser Kontinent wird von allen tragischen Entwicklungen der Gegenwart am stärksten getroffen. Neben der Bedrohung durch das Aidsvirus sind das vor allem Folgen des Klimawandels. Die steigende Hitze und die damit verbundene Trockenheit entziehen den Menschen ihre Lebensgrundlage. In Kenia zum Beispiel sterben den Viehbauern die Tiere weg. Im Kadjado-Bezirk wächst kein Gras mehr, die Wasserlöcher sind ausgetrocknet. Die Menschen und Tiere nehmen lange Märsche in Kauf, um an Wasser zu kommen. -Tagip Leronde ist bis ins 200 Kilometer entfernte Makindo gelaufen. „Wir haben uns mit 80 Kühen auf den Weg gemacht", erzählt er, „acht Tage sind wir gelaufen und unterwegs sind uns 20 Tiere verreckt." Er ist nicht der einzige Viehbauer, der seine Tiere hierher gebracht hat: Mehrere Tausend ausgemergelte Rinder schleppen sich zu der sumpfigen Wasserstelle. Pfeifend treiben Massai-Hirten ihre Herden an, die Männer in ihren roten Wickeltüchern sind erschöpft und verzweifelt. „Unseren Familien zu Hause geht es nicht besser", sagt Wilson Saitaga, „die sind genauso abgemagert und unterernährt wie die Tiere." Im Frühjahr sind den Massai, Turkana, Sambugu und anderen Nomadenvölkern vor allem im Norden und Osten Kenias Rinder, Ziegen und sogar Kamele täglich zu Tausenden verendet. Auch den Ackerbauern geht es kaum besser: Was die Menschen Ende des vergangenen Jahres gesät haben, ist auf dem Halm abgestorben.
Klimaschutz ist ein globales Problem, ökologisch wie ökonomisch. Der größte Kohlendioxidproduzent auf dem Globus aber, die USA, hält sich in dieser Frage immer auffallend zurück. Die Diskussion darüber, ob die globale Erwärmung auf den Menschen zurückzuführen sei, wurde in US-Medien stets als Kontroverse inszeniert – dabei hat immer nur eine Minderheit der Forscher diesen Zusammenhang bezweifelt, und selbst die ist nun praktisch verstummt. In Sachen Klimaaufklärung sind die USA ein Entwicklungsland. Im Frühjahr ließ sich der Exvizepräsident Al Gore bei einem Power-Point-Vortrag filmen, in dem er ungefähr dasselbe sagte, was in Europa schon vor 20 Jahren in den Zeitschriften stand. Al Gore wurde für den Film „Eine unbequeme Wahrheit" wie ein Prophet gefeiert. Aber wenn man die Ebene der Bundespolitik verlässt, dann findet man auch in Amerika Bundesstaaten, Gemeinden und Firmen, die versuchen, den CO2-Ausstoß des Landes drastisch zu senken – trotz George Bushs Weigerung, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen – und die gegen Treibhausgas-Schleudern angehen.
Im texanischen Waco kämpft eine Initiative gegen elf neue Kraftwerke, die zusammen mehr als 78 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr produzieren werden. Seit die Pläne des Energieversorgers TXU bekannt sind, haben sich die Farmer der Gegend zusammengeschlossen. Sie lesen
im Internet über Kraftwerktechnologie, Schadstoffe und Klimawandel. Der Anführer der Farmer ist Ricky Bates – kariertes Hemd, breites Kreuz, grauer Schnauzbart, einer von hier. „Wir sagen den Politikern: Wir können euch eine sehr unangenehme Amtszeit bescheren. Wir haben Unterstützer in Iowa, in Florida, an der Ost- und Westküste, in Deutschland. Es ist eben ein Weltproblem. Wir haben hier in Texas schon vier der fünf dreckigsten Kraftwerke der USA stehen, wir brauchen nicht noch mehr."
Wir leiden heute unter den Folgen des Kohlendioxids, das unsere Großväter in die Atmosphäre geblasen haben. Der Klimawandel ist nicht mehr zu verhindern, er ist längst da. Wenn unsere Generation es schafft, den CO2-Ausstoß zu senken, dann begrenzen wir damit lediglich die Auswirkungen für unsere Enkel und Urenkel. In der nahen Zukunft können wir nur versuchen, die Folgen des Wandels zu mildern: Dämme bauen, Häuser gegen Hurrikane wappnen und Menschen aus gefährdeten Gebieten umsiedeln.
Fala Haulangi, die Radiomodera-to-rin aus Tuvalu, hat zwar persönlich schon den Schritt getan und den gefährdeten Archipel verlassen, aber eine Zukunft ohne ihre Heimat kann sie sich nicht vorstellen. „Wir können hier in Auckland als Gemeinschaft zusammenkommen und unseren Unabhängigkeitstag feiern, aber das ist etwas anderes. Es wird schwer zu akzeptieren, dass wir nicht mehr auf der Landkarte sind."
Christoph Drösser verfasste den Text in Zusammenarbeit
mit den ARD-Korrespondenten Silke Engel (Berlin-Brandenburg), Martina Buttler (New York), Marc Dugge (Washington), Wim Dohrenbusch (Nairobi), Gottfried Stein (Buenos Aires), Eberhard Nembach (Wien), Bernd Musch-Borowska (Singapur), Angela Ulrich (Paris), Tilman Bünz (Stockholm), Martin Fritz (Tokio) und Anne Hofmann. Weitere Infos zum Thema unter www.inforadio.de
Text: CHRISTOPH DRÖSSERFoto: PAL HERMANSEN