Neulich erreichte uns die Nachricht, dass
KRS 1, unser lieber alter Oldschool Freund und Kupferstecher eine neue Religion ins Leben rufen will. Zumindest möchte er amerikanischen Medien zufolge ein Buch herausbringen, das vom Layout und der Aufmachung her, der guten alten Bibel entspricht und auf jeden Fall habe ich beim Verfassen dieser Meldung für
rap.de sofort darauf geschlossen, dass ich mit meinem letzten Blog, in dem ich vorgeschlagen habe, aus dem
Splash Festival eine religiöse Veranstaltung zu machen, wieder mal ganz genau den Puls der Zeit getroffen habe.
Nun aber ist
KRS 1 auch schon ein paar Jahre älter und vielleicht sogar ein wenig älter als ich und vielleicht ist es auch der Traum von älteren Männern, als Religionsstifter verehrt zu werden, auf einem Thron zu sitzen, gekleidet in weiße Gewänder und umgeben von Jungfrauen, die einem mit großen Fächern aus Straußenfedern, Luft zu fächeln. Das kann natürlich sein und was die schlanken Jungfrauenhände unter den weißen Gewändern zu tun haben, das kann man sich natürlich ebenfalls lebhaft vorstellen. Wie auch immer. Niedere Beweggründe gibt es ja immer wieder und nicht umsonst gehören Wollust und Habgier zu den 7 Todsünden.
Ob diese im neuen Almanach des
KRS 1 auch aufgeführt werden ist noch nicht bekannt, da das Buch erst in kürze erscheinen soll, allerdings beherbergt es anscheinend auch ein kleines Handbuch, das den Leser zu einem achtsamen Leben voller Liebe, Gesundheit und Wohlstand verhelfen soll.
Das finde ich gut, wenn
Kris Parker uns ein paar kleine Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt und mit großer Freude werde ich genau diesen Teil auch durcharbeiten, und auch auf die alltäglichen spirituellen Übungen werde ich nicht verzichten, allerdings erwarte ich da nicht wirklich mehr, als ich in den zahlreichen esoterischen Lebenshilfebüchern von Frau Birkenbihl gefunden habe. Man muss sagen, dass ich in der
Denke-Positiv-Ecke und
So-werden-Sie-glücklich-Abteilung der Buchhandlungen fast schon zu Hause bin und mich neulich erst darüber gefreut habe, als ich lesen durfte, dass diese Art des positiv Denkens schon seit ein paar Jahrhunderten existiert und die Kernaussage sich auch seither nicht weiter verändert hat:
Don’t worry. Be happy! Oder einfach:
Sorge Dich nicht – lebe!
Also viel Neues werden wir da nicht zu erwarten haben, aber trotz allem finde ich es richtig, dass die gesammelte Alltagsphilosophie der letzten 200 Jahre noch einmal zusammen getragen wird und im Hip Hop Gewand daherkommt. Schaden tut’s ja schließlich auch nicht.
Kommen wir aber nun zum interessanten Teil der Meldung. Denn so kurios sich das Ganze bislang anhört, so ernsthaft und zwingend wird es, wenn es um die Überwindung von Nationalitäten und Rassenfragen geht. Gerade in Zeiten, wo es darum geht, Deutschlandfahnen zu schwenken, auf seine albanische, kurdische oder libanesische Herkunft zu pochen. Der Deutsche Bad Boy zu sein, oder die schwarze Gazelle gerade in solchen Zeiten laufen mir die Worte des
KRS 1 wie Öl hinunter, wenn er erklärt, dass die Menschen immer noch in ihren alten Schwarz-Weiß und Nationalitäts-, Rassen- und Herkunftsmustern feststecken, die es endlich zu überwinden gilt.
Eins vorweg. Ich finde Nationalismus scheiße. Jedweder Art. Jedweder Richtung. Jedweder Herkunft. Nationalismus hat nichts mit Hip Hop zu tun und ich frage mich, wie wir in den letzten Jahren unseren Grundsatz so sehr verraten konnten. Einen Grundsatz der Jahrelang einer der Kernpfeiler der Hip Hop Kultur war:
It ain’t where you from, it’s where you at. Oder anders formuliert:
Es ist scheißegal woher du kommst – wenn du fresh bist, bist du fresh. Ich habe mich geärgert darüber, dass die
Backspin damals im
Fler Interview diese entscheidende Frage nicht gestellt hat und mich langweilt diese halbgare Entschuldigung:
Ja die anderen dürfen doch auch. Na klar dürfen die anderen auch und von mir aus könnt ihr auch weiterhin bei der Fußballweltmeisterschaft Eure Fahnen schwenken, das Problem ist doch aber die Frage: Was bringt Euch das? Was gibt Euch die Befriedigung, mit Millionen anderen zusammen in einer Menschenmenge zu stehen und darauf stolz zu sein, dass ihr zufälligerweise im selben Land geboren seid. Ein Land, das sowieso nicht viel miteinander zu tun hat, denn wenn ich einen Berliner Türken und einen schwäbischen Häuslebauer miteinander vergleiche, dann hat der Berliner Türke mehr mit dem Berliner Atzen um die Ecke zu tun, als der schwäbische Häuslebauer mit dem Preußen. Aber das ist noch nicht mal der eigentliche Punkt. Der eigentliche Punkt ist, dass ich gesehen habe, was Nationalismus anrichten kann, wenn er außer Kontrolle gerät, und das geht schneller als man denkt.
Anfang der 90er Jahre war ich in Kroatien und natürlich setzte auch bei mir der Mechanismus ein, dass ich den Nationalstolz anderer Völker nur halb so schlimm fand, wie den der Deutschen. Damals war es tatsächlich verpönt für Deutschland zu sein. Schwarz Rot Goldene Fahnenmeere bei der WM wären undenkbar gewesen und bei der Europameisterschaft war ich immer für Frankreich. Aus diesem Grund fand ich die blauweißroten Fahnen in Zagreb auch nicht weiter störend. Gehört halt dazu.
Kroatien war ein befremdliches Land. Die Leute waren herzlich. Die Landschaft sah aus, wie bei meiner Oma, die aus der südlichen Steiermark kommt und alles hatte den Flair von Norditalien. Dass die Milch 4 Mark kostete und die Menschen nur 300 Mark verdienten, das habe ich nicht ganz verstanden und fragte mich immer wie das funktionierte? Dass auf den Straßen Karossen von Daimler Benz fuhren, die ich selbst in Sindelfingen noch nicht gesehen habe, hat mich verwundert. Dass der Mann auf dem Klo so viel zu tun hatte, um den Bedarf an Stimmungsaufhellern und Betäubern decken zu können, stimmte mich traurig. Dass es im größten innerstädtischen Kaufhaus diverse Militärartikel zu kaufen gab, zu horrenden Preisen, zeigte mir, dass es so lange Kriege geben wird, so lange auch nur ein Schnürsenkelfabrikant für Militärstiefel was daran verdienen kann.
Kroatien kam mir vor, wie ein Mensch, der permanent mit den Fingern auf den Tisch trommelt, aggressiv und nervös und dabei aber so tut als sei nichts: "
Was ist? Alles ok, oder? Alles gut? Was guckst du so? Ist doch alles gut!!!!!!!“
Auf den Straßen waren junge Männer zu sehen, die Sturmgewehre nach Hause trugen. Einfach so, über der Schulter. Als kämen sie gerade von der Arbeit und tragen ihr Arbeitsgerät nach Hause. Wahrscheinlich kamen sie gerade von der Arbeit.
Im Fernseher liefen die ganze Zeit Werbespots der
HDZ.
Tudjman war noch am Leben und ich mochte die blauweißroten Fahnen mit dem rot-weißen Karomuster schon viel weniger gerne. Sie hatten den leichten Urlaubsflavour verloren. Das war nicht mehr fremd und nett. Das war ernst. Die Fahnen hatten was zu bedeuten. Wir hier. Ihr da. Das ist unsere Flagge, du Bastard.
Am 1. November war Allerheiligen und wie alle in Kroatien geht man an diesem Tag auf den Friedhof. Tausende Lichter brannten. Ein wahres Lichtermeer stand vor dem zentralen Kreuz auf dem großen Friedhof von Zagreb und ich habe mich gefragt, wie man es hinkriegt ungeplant und spontan so viele Kerzen aufstellen zu können. Das hat ja keiner koordiniert und trotzdem hatte es eine geheime innere Ordnung. Wir sind durch die Grabreihen gegangen und überall brannten die Grableuchten. Eine Blaskapelle spielte und noch nie vorher habe ich etwas traurigeres, melancholischeres und gleichzeitig tröstenderes gehört als diese Musik. Das war Bluesmusik. Europäische Bluesmusik. Das war schön.
Als wir in den neuen Teil des Friedhofs einbogen, kam der Schock. Akkurat lagen da die Gräber. Neu und abgezirkelt. Wie ein Neubaugebiet und tatsächlich war es wie eine ganze Stadt. Eine Stadt voller Neubauten. Plattenbauten, schnell hochgezogen. Keine gewachsene Stadt. Keine geheime innere Ordnung. Schnell und akkurat geplant. Funktional. Und dort lagen sie. Die Gleichaltrigen. Die Jungs, die mit mir zur Schule gegangen sein könnten. Die mit mir im Leichtathletikverein waren oder mit denen ich zusammen Basketball gespielt habe. Auf dem Freiplatz. All jene aus meinem Jahrgang, ein Jahr Jünger, vielleicht zwei. Ein Jahr älter, vielleicht drei. Es hörte nicht auf. Stundenlang lief ich an Grabsteinen entlang und starrte auf die Jahreszahlen der Geburt. 71, 70, 73, 68, 65, 75, 70, 74, 68, 69 usw. Gestorben mit 20, 21, 18 oder 23. Vollkommen sinnlos. Vollkommen unnütz. Für ein paar Dollar. Für ein paar Landstriche. Für eine vollkommen bescheuerte Vorstellung von Nation, Land und Leute. Für Nichts. Für ein Hirngespinst. Was für eine Verschwendung – von Liebe und Traurigkeit. Von Träumen, Energie, Kraft und Ideen. Was für eine Verschwendung von Leben. Und da habe ich angefangen die Flaggen zu hassen. Ich habe regelrecht einen Ekel davor bekommen. Vor allen Flaggen. Allen Ländern. Vor Allem, was die Menschen trennt und auseinander reißt. Alles was nicht zur Einheit führt und nicht zu der Erkenntnis: Wir sind alle gleich. Wenn du ein Arschloch bist, dann bist du ein Arschloch, aber du bist kein Arschloch, nur weil du das und das bist. Das nicht!
Am nächsten Tag, oder vielleicht auch am übernächsten fuhren wir in die Krajina. Die Krajina war ein Landstrich, der zuerst von Serben und Kroaten und vielleicht auch noch von anderen Bevölkerungsteilen bewohnt war. Wenn man von Zagreb aus ans Meer wollte, musste man durch die Krajina. Vielleicht war sie deswegen auch so wichtig? - Wahrscheinlich eher nicht.
Zuerst sind durch die Krajina die Serben durchmarschiert und haben alle Kroaten hinausgeschmissen. Ethnische Säuberung nennt man das. Danach sind die Kroaten durchmarschiert und haben alle Serben rausgeschmissen. Auch das nennt man ethnische Säuberung. Panzer sind über Zivilfahrzeuge gefahren, die stecken geblieben sind. Man weiß es nicht, ob die eigenen Truppen die eigenen Leute überfahren haben, weil sie selbst kopflos auf der Flucht waren oder ob die fremden Truppen die hilflosen Zivilisten platt gewalzt haben. Krieg ist immer schmutzig und es gibt kein gut oder böse. Es gibt nur scheiße.
Als wir dort waren, lebte in der Krajina niemand mehr. Nur noch alte Leute. Ich war in einer Stadt und man konnte von der zerschossenen Brücke aus die Dächer sehen, von denen die Hälfte eingestürzt war. Eine alte Frau schlurfte über die Straße und eine halbverhungerte Katze huschte herum. Es regnete leicht und der Himmel war bedeckt. Es war November und Nebel lag über dem Land. Es passte. Es passte viel zu gut.
Als wir das erste ausgebrannte Haus passierten, dachte ich mir nichts dabei. Ein ausgebranntes Haus eben. Die Häuser sahen ja auch aus, wie ganz normale Häuser in Mitteleuropa eben aussahen. Kein Unterschied zu dort, wo meine Oma herkommt. Alles ganz normal. Das war nicht irgendwo in der Wüste oder den Bergen Afghanistans. Das war Europa. Als wir am hundertsten ausgebrannten Haus vorbeikamen war nichts mehr normal. Haus an Haus stand dort mit ausgebrannten Fenstern. Schwarz der Ruß an den weißen Wänden. Alles verlassen. Ab und zu ein Militärposten und dann die
Franjo Tudjman Plakate. Überall. Kein Mensch zu sehen, aber die Wahlplakate hingen und überall die Nationalfarben, blauweißrot mit den rotweißen Karos. Na Bravo. Da lohnt sich doch das Siegen.
Am Abend kamen wir in einen Club. Richtige Feierlaune hatten wir nicht. Der Trip war anstrengend. Sehr anstrengend. Die Leute feierten. Sie wollten ihre Sorgen vergessen. Ich konnte sie verstehen. Es gab Piratensender. Die Presse war kontrolliert. Man musste aufpassen, was man sagte. Die Wände hatten Ohren, es gab eine Geheimpolizei und die Leute wollten raus. Ausbrechen. Vergessen. Ich konnte das verstehen und lehnte an einem Türrahmen und sah zu. Ich hätte gerne mitgefeiert aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Aber es war gut.
Und dann kam ein Song, ein Song über den ich in Deutschland gelacht habe. Ein Song, der mir immer zu platt, zu aufgesetzt zu künstlich klang. Ein Song, den ich nie und nimmer, niemals ernst genommen hätte, in dem was er sein wollte. Eher hätte ich mir die Hand abgehackt, als diesen Song ernsthaft zu spielen. Und trotzdem kam genau dieser Song und alle sangen mit. Alle. Ohne Ausnahme. Und sie haben mitgesungen, ihr könnt Euch gar nicht vorstellen wie? Die Leute haben sich umarmt und sie haben es ernst gemeint. Richtig ernst. Jedes Wort ergab Sinn. Jedes Wort hatte seine ganz eigene persönliche Bedeutung. Die Leute meinten es wirklich ernst, als alle, alle den Chorus mitsangen: "
All we are saying is give peace a chance.“ Die
Beatles.
Und da musste ich weinen und wenn ich daran denke, dann könnte ich gleich wieder und vielleicht versteht ihr deshalb, wenn ich mich auf die Lehre von
KRS 1 freue und wenn ich mich darauf freu, dass sich in der Hip Hop Welt wieder der alte Grundsatz durchsetzt:
It ain’t where you from… Na ihr wisst bescheid.
Peace und bis dann,
staiger