Warten mit Schmerzen oder
Leben am Abgrund in der Kleinstadt
„Aua, verdammt", schon wieder wach ich mit Wadenkrämpfen in beiden Beinen auf, hoffe kein Nachbar hat gerade mein Geschrei gehört und wenn is auch egal, sowieso im Moment nicht allzu wichtig, was die über mich denken. Das Einzige woran ich gerade denke ist Dope, ich merke nämlich schon wie die kleinen Ameisen durch meinen Körper kriechen, ziemlich nervtötend, dass. Okay, der erste Blick zur Uhr: 6:45 Uhr. Scheiße, dabei bin ich doch heute Morgen extra spät ins Bett gegangen, um vielleicht etwas länger schlafen zu können. Hat wohl nicht hingehauen, der Affe will gefüttert werden. Heute ist der Beginn des zweiten Tages ohne Shore und dass alles nur, weil die blöden Russen mal wieder zu spät nach Rotterdam gefahren sind um neues Zeug zu besorgen. 6:59 Uhr, ich könnte ja mal anrufen und fragen wo die bleiben oder ob sie vielleicht doch an der Grenze hopps genommen worden sind. Also das Telefon gegriffen und gewählt:" The number you've dialed is unavailable. Please try again…" Scheiße, wie ich diese Ansage hasse. Wenn ich mich jetzt langsam anziehe, geht die Zeit bestimmt ein wenig schneller um. Okay, erst mal die Unterhose, kein Problem, ging im sitzen. Da hinten in der Ecke liegt noch'n relativ sauberes T-Shirt, nur wie komm ich dahin, ich kann meine Beine eigentlich gar nicht richtig bewegen, davon abgesehen stinkt mein Schweiß so dermaßen, dass durchlüften nicht die Bohne helfen würde. Das Fenster mach ich garantiert sowieso nicht auf, mir ist eh schon kalt genug. Hey, Mann, hier nebem Bett liegt noch die Jeans von gestern Abend, bzw. heut früh, kurzer blick auf die Uhr: 7:06 Uhr, wow, wie die Zeit vergeht. Zurück zur Jeans. Im Sitzen komm ich in das rechte Hosenbein gut rein, jetzt muss ich aber aufstehen. Völlig qualvoll, wie ein alter Mann mit Osteoporose, stütz ich mich am Bett ab und… ich stehe. Das Problem jetzt ist, wie komm ich in das andere Hosenbein. Ich hebe also das linke Bein an, hab nichts zum abstützen und bumm, ich lieg mitten im Zimmer –bäuchlings–, ohne mich mit den Händen abfangen haben zu können, denn die waren ja mit der Hose beschäftigt. Ich kann sagen, meine Nase tut verdammt weh, aber für ein paar Sekunden nimmt es den ganzen anderen Schmerz von mir weg. Ich greif noch mal zum Telefon wähle, hoffe… und bekomme wieder diesen blöden, englischsprachigen Satz zu hören. Scheiße, Fuck, Scheiße, usw. Mehr kann ich jetzt hier liegend, völlig allein, gar nicht denken. Immer wieder der Blick auf die Uhr, nachdem ich ein paar Minuten mit Nasen-, Rücken-, Bein- und sonstigen Schmerzen hier auf dem Fußboden lag ist doch etwas Zeit vergangen: 7:25 Uhr. OH nein, nicht auch dass noch, Brechreiz. Da ich denke, nicht unbedingt gut laufen zu können, beschließe ich, zum Bad zu robben. Also los, bevor ich meine ganze Wohnung voll kotze. Mit dem rechten Bein in der Jeans, das andere nackt, kriech ich also los. Schön wenn zwischen Schlafzimmer und Bad ein Fußboden liegt, deshalb verbrennt natürlich mein linkes Bein, aua. Aber ich hab's gerade noch so geschafft. Als ich über der Brille hänge und würge, schmerzhaft Galle kommt zum Vorschein. Ich bräuchte eigentlich ne Ziggi, aber wenn ich affig bin schmecken die Dinger so, was sie auch sind, einfach Scheiße. Ich robbe wieder zurück zum Schlafzimmer, werf'' mich mit letzter Kraft aufs Bett und warte. WARTE.
Nebenbei denke ich noch dran, dass ich heute eigentlich auch noch zur Arbeit müsste. Fuck. Ich hasse solche dummen, unnötigen Telefongespräche mit der verblödeten, dem völlig cholerischem Chef, devoten Sekretärin. Aber was soll's, ich muss da jetzt durch (und das mit der verdammten Übelkeit und dem Gefühl der Arthritis), ich muss einfach. Also mal wieder zum Telefon (Handy sag ich übrigens nicht, das ist für mich nämlich ..nen Unwort) gegriffen und gewählt.
Als erstes natürlich die Warteschleife, –als ob so ein Scheiß-Metallbaubetrieb so etwas bräuchte, aber hey, wir sind ja was ganz großes- dann klingelt es noch zwei Mal und ich habe jemanden am Apparat. „ Firma Milbenberger, Sie sprechen mit Frau Wagenknecht, was kann ich für Sie tun?" „ Morgen, hier B., ich wollte mich heute krank melden, Sie wissen ja, meine chronische Gastritis, die hat wieder zugeschlagen, komm kaum vom Klo." „ Ach Herr Botte, wir ham' Sie schon vermisst, haben Sie denn vergessen, dass heute um 5:00 Uhr Arbeitsbeginn war?" „Frau Wagenknecht, ich bin krank" „Wann können wir denn wieder mit Ihnen rechnen?" „ Ich denke, bzw. hoffe, morgen früh; Sie wissen doch diese Anfälle dauern ja nich allzu lang an bei mir. Davon abgesehen, brauch ich wegen einem Tag ..ne Krankschreibung?" „Na ja, wenn's wirklich nur ein Tag ist natürlich nicht, aber beim Chef kommt es wahrscheinlich besser an, vor allen Dingen haben Sie in den letzen Monaten des Öfteren eine Eintageskrankheit gehabt. Wir denken hier schon, Sie haben gar keine Lust mehr hier zu Arbeiten." Bevor ich darauf antworte, denke ich, dass sie völlig Recht hat, wer will schon 12 Stunden am Tag mit stupiden, Hakenkreuzketten tragenden bierseligen, stammtischredenten, IQ <50 habenden Schlossergesellen, die sich beim Alu- Schweißen, weil sie zuschauen wollen, die Augen verglühen, arbeiten und danach noch Dope besorgen? Also ich nicht, definitiv nicht. „ Aber Frau Wagenknecht, dass stimmt nicht, ich bin wirklich krank und ich arbeite sehr gern bei Ihnen, können Sie auch dem Chef ausrichten. Also dann, tschüss bis morgen"
„Wiedersehen Herr B. und gute Besserung"
Nach dem Gespräch bin völlig durchgeschwitzt, habe die Hose immer noch zur Hälfte an und ein leicht verbranntes linkes Bein. Gut ich stecke mir zur Abwechslung doch ..ne Zigarette an, ziehe zwei-, dreimal kräftig und muss ganz schnell wieder ins Bad robben. Wieder mal Galle, was für ein Spaß. Ich hangele ich mich am Waschbecken hoch, stell den Wasserhahn mit der rechten Hand an, um etwas Wasser zu trinken. Stell den Wasserhahn an und kippt just in diesem kleinem Augenblick liegt mein Kinn, samt abgebrochenem Zahn auf dem Becken. Sschit happensch.
Jetzt fehlt mir noch'n Zahn. Noch mehr Schmerzen. Immer noch warten. Ich kann an nichts anderes denken als an Heroin, ich denke nur an das braune Zeug, das mir so dermaßen fehlt. Na ja, jedenfalls bin ich noch nicht ganz soweit, wie einige Bekannte mir erzählt haben, nämlich, dass sie im Putz versteckte Dope-Briefchen vermutet haben und mit den Fingernägeln, zum Schluss mit den Fingerkuppen an den Wänden ihrer Wohnung rumgekratzt haben, …obwohl… Ne, muss wirklich nicht sein, irgendwann kommen die blöden Russen und bringen das geliebte Dope mit, irgendwann.
Bevor ich noch mal ins Schlafzimmer robbe, denke ich, dass es einfach besser ist, sich einfach auf dem Badezimmerfußboden zulegen, weil das Waschbecken mir langsam zu blutig wird.
Also rolle ich mich in die Embryonalposition ein und versuch die Augen zu schließen. Kleiner Blick auf die Uhr: 7:45 Uhr. Warten. Warten ist sowieso ein Großteil des Junkylebens, Warten und Geld besorgen, dann wieder warten. Pünktlichkeit gibt's gar nicht. Man muss einfach damit leben. Scheiß Warten. Scheiß Leben. Scheiß auf alles und jedes.
Es läutet, ich muss doch noch mal kurz eingenickt sein, Blick zur Uhr: 8:10hr. Es läutet noch mal. Jetzt weiß ich, dass können nur die Russen sein, wollen bei mir abpacken und verchecken, was sie auch dürfen, denn für mich fällt dann am Tag doch ..ne ganze Menge Dope ab. Mir wird es gleich besser gehen. Ich freu mich schon sogar auf die Zigarette danach. Wow, und wo Rettung naht hab auf einmal wieder Kraft mich zu bewegen. Jetzt ich muss nur noch die Tür aufmachen und alles, alles wird wieder gut. Ich mach also die Tür auf und Alex und Konsorten stehen völlig breit vor mir. Es fällt ihnen überhaupt nicht mal auf wie ich nicht angezogen bin und dass ich voller Blut bin. Ich lass sie rein und sage, dass ich als erstes jetzt und sofort und gleich und spätestens gestern einen Druck brauche. Kein Problem Alex/Sascha wirft mir ein kleines Beutelchen hin, ich hol meinen Löffel (dabei fällt mir immer der Plattentitel von Ministry ein: „The dark side of the spoon", ha, ha, also das finde ich witzig), nicht der Plattentitel, sondern der Löffel, der eigentlich immer neben meinem Bett liegt, mitsamt der Spritze und ..ner stumpfen Nadel. Wenn ich nicht so faul wäre und mir in der Apo neue besorgt hätte, würde das Stechen nicht wehtun. Aber egal, ob stumpf oder neu, ich knall mir das ganze Dope auf den Löffel drauf, noch nen bisschen Asco dazu, Wasser, dann aufkochen – tolles Ritual , ich liebe es-. Sascha hat mir aus einer Zigarette einen Filter gebaut, durch den zieh ich die braune Flüssigkeit in die Spritze, bind mir noch schell den Arm ab, nach langem blutigen Suchen finde eine Vene, zieh etwas Blut an und drück ab. Es geht sofort los, die Wärme kriecht langsam den Rücken hoch und jetzt knallt's im Kopf. Schöner als in Mamis Bauch, besser als Sex, unbeschreiblich. Jetzt noch ..ne Ziggi und der Rest ist mir so was von egal, mir geht's endlich wieder gut. Das Leben ist schön, das Warten vergessen. Scheiß drauf, was morgen, übermorgen oder nächste Woche ist. Vielleicht zieh ich mich sogar richtig an, egal. „I don't fucking care". Nur um zum Schluss noch mal Sid Vicious zu zitieren.