Kanzleramt
Wenn man mit der S-Bahn aus westlicher Richtung von Bellevue zum Hauptbahnhof fährt, fallen immer die etwas wahllos angeordneten Lichter unterhalb des Daches des Kanzleramts auf. Zweiergruppen, Einzellichter, Zweiergruppen und so weiter. Langsam wurde es Frühling, und die Erscheinung, die mich immer schon etwas verwirrt hatte, war erst in den späteren Abendstunden zu beobachten. Irgendwo hab ich das doch schon ..mal gesehen, dachte ich, als ich vor kurzem aus der Bibliothek kommend wieder einmal in der S-Bahn saß, die gerade dabei war in den Hauptbahnhof einzufahren. An was erinnert mich das nur… verdammt… ich komm nicht drauf. Ich zermarterte mir das Hirn und starrte auf den Bahnsteig… Turnschuhe… Stiefel… he der Winter ist vorbei Mann… Pumps… soll das ein Hund sein? In Japan haben sie fast überall auf den Bahnsteigen und auch auf dem Gehweg Blindenleitsysteme; Gelbe Streifen aus einer Art Hartgummi, auf denen man sich entlang „tasten" kann. Immerhin haben sie hier in den Aufzügen Tasten mit Blindenschrift… Blindenschrift! Keine Füße mehr. Ich verwarf meine Idee, noch einmal kurz bei Dussmann reinzuschauen und fuhr die eine Station zurück nach Bellevue, stieg dort wieder in den Zug, der Richtung Osten, also Hauptbahnhof fuhr. Als das Kanzleramt in Sicht kam, malte ich hektisch das Muster der Lichter auf den Schmierzettel, auf dem auch meine Notizen aus der Bibliothek standen. Dann ging es direkt nach Hause. Dort angekommen durchwühlte ich meinen Schreibtisch und fand einen Schreibblock. Schnell schnitt ich einen drei Finger breiten Streifen der rückseitigen Pappe ab und machte mich mit dem Spitzen Ende meines Zirkels daran, meine Theorie zu überprüfen.
Ich bin nicht unbedingt der Typ Mieter, der seine nachbarschaftlichen Beziehungen besonders pflegt; es sei den, es gibt mal wieder Ärger mit den Hausbesitzern. Ab und zu helfe ich dem blinden Opa, der zwei Treppen tiefer wohnt, die Einkaufstüten hoch zu schleppen. Im Supermarkt kennt er sich erstaunlich gut aus; keine Ahnung wie er das macht.
Zwei Wochen nach meiner „Erleuchtung im Hauptbahnhof" und zweimal Tütentragen, traf ich ihn wieder einmal im Treppenhaus. „Junger man", sagte er, „die machen im Supermarkt neuerdings auch Werbeaktionen für Blinde, allerdings weiß ich nicht was der Unsinn bedeuten soll." Als ich ihn fragte, was daran so unsinnig sei, erzählte er, dass er in seiner Einkaufstüte ein Stück Pappe gefunden hatte. Darauf stand in Blindenschrift „Immer schön ruhig bleiben".