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Rüdiger



Last Updated: 8/27/2009

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Thursday, March 19, 2009 

うどん

UDON

Udon sind dicke, weiße Nudeln mit quadratischem Querschnitt und kommen aus Japan. Mein Erstkontakt mit dieser Spezialität, und somit der Einstieg in die seither andauernde Beziehung zu einer Teigware, fand nicht weit von meinem momentanen Wohnort statt. Nicht lange nachdem ich 1998 begonnen hatte Japanisch zu lernen, besuchte ich mit Freunden ein, natürlich, japanisches Restaurant (in einem Bezirk, der laut Auskunft unseres derzeitigen Innenministers ein Slum ist). Das Tabibito (旅人), was soviel wie Wandersmann oder Reisender bedeutet, ist ein kleines Restaurant mit nur wenigen Tischen – Reservierungen sind dringend empfohlen. Einer meiner Begleiter, vielleicht war es auch eine Begleiterin, aß Udon mit Garnelen-Tempura (海老の天ぷらebi no tenpura), also in schlichtem Teig Frittiertes. Serviert werden Udon in einer Brühe auf der Basis von Trockenfisch oder Trockenfisch-flocken. Meist Katsuobushi, Flocken vom Bonito, einem Vertreter der Familie Thunfisch. In Japan kauft man entweder Flocken oder ein Stück Trockenfisch, das an ein Stück Holz erinnert, und reibt es selber. Auch Seegras (Konbu) kommt zum Einsatz. Die daraus recht schnell zubereitete Brühe (Dashi) wird dann nach Zugabe von weiteren würzenden Bestandteilen wie Sojasauce zu Tsuyu, der Brühe für die Nudeln. Ich war von den dicken Nudeln sofort angetan. Hierzu sollte ich anmerken, dass in Japan Nudeln nicht gleich Nudeln sind. Der japanische Sammelausdruck Men () für Nudeln gilt nur für heimische Nudeln wie z. B. Udon, Soba (aus Buchweizen) oder Ramen, auch wenn letztere aus China stammen. Spaghetti oder Penne sind keine Men sondern Pasta (パスタ pasuta). Ich selbst hatte während meiner Zeit als Koch wahrscheinlich mehrere hundert Kilo Pasta gekocht. Auch den Arbeits-alltag in einer Nudelfabrik konnte ich am eigenen leib erfahren. In einigen Räumen der Nudelproduktion herrschen um die vierzig Grad, was ich rückwirkend als gute Vorbereitung auf den japanischen Sommer empfand.

   Der zweite erwähnenswerte Kontakt fand im Rahmen meiner zweiten Japanreise im Sommer 2006 statt. Eine gute Freundin meiner damaligen, japanischen Freundin führte mich an einem ihrer freien Tage, die bekanntermaßen in Japan dünn gesät sind, in Kyoto herum. Zunächst ging es mit Kanachan zum Fahrradverleih nahe dem Hauptbahnhof, einem architektonischen Glanzstück, und dann kreuz und quer durch die Innenstadt (chan ist ein weit verbreitetes Anhängsel bei Frauennamen und bei Kindern; das „ch“ wird wie „tsch“ gesprochen). Unterwegs holten wir ihren Sohn Kaede vom Kindergarten ab. Von
der Tatsache, dass die Mutter mit einem Ausländer zum Kindergarten kam, zeigten sich die Erzieherinnen weniger beeindruckt, als ich zunächst vermutet hatte. Lediglich an ein witzig gemeintes, „Oh, ist das der Herr Papa?“, kann ich mich erinnern. Kurz und gut: Nach Parkbesuch und wildem Hin-und-her-Fahren durch die kleinen Seitenstraßen ging es ans Mittagessen. Udon. In einem zunächst
unscheinbar anmutenden Selbstbedienungsrestaurant namens Iki-iki-Udon (いきいきうどん, iki-iki bedeutet soviel wie quicklebendig) gab es für wenig Geld ordentliche Portionen Udon in verschiedensten Varianten, die sich mir erst später erschließen sollten – wie auch die Tatsache, dass die Sanuki-Udon (der Begriff klärt sich später) handgemacht waren. Ich kann mich erinnern, während dieser zweimonatigen Reise mindestens noch einmal mit der U-Bahn zur Station Karasuma-Oike (烏丸御池) gefahren zu sein, um Udon zu essen, wie auch immer wieder bei meinen folgenden Japanbesuchen.

   Das nun tatsächlich einschneidende Ereignis fand während der Rückreise von einem weiteren Japanaufenthalt im Flugzeug statt (es muss Herbst 2006 oder Frühling 2007 gewesen sein). Keine Katastrophe, keine Turbulenzen - es war ein Film. Ein Spielfilm namens UDON. Eigentlich nichts besonderes, zeigt dieser die Geschichte eines Jungen Mannes namens Kōsuke (das „u“ wird verschluckt) der in New York als Stand-Up-Comedian scheitert und zu seiner Familie nach Shikoku (eine der vier Hauptinseln Japans) heimkehrt, um seine Schulden abzuzahlen. Sein Vater, mit dem er sich nicht besonders gut versteht, produziert Udon. Die Nudelküche (製麺所 seimenjo, die Schriftzeichen stehen für herstellen, Nudel, Ort), nebst Gastraum und Wohnung in ein kleines Häuschen gepfercht, liegt malerisch an einem rechteckigen Teich (auch der Querschnitt der Udon ist viereckig) mit Blick auf einen kleinen Berg, kegelförmig, wahrscheinlich ein erloschener Vulkan. In vielen Szenen ist der kleine Berg immer wieder im Hintergrund zu sehen, als ob sich alles um ihn drehte. Komisches und Tragisches lösen sich im Film ab; im Englischen nennt man einen solchen Film entsprechend Dramedy. Der Held Kousuke löst mithilfe eines Lokalmagazins, für das er jobbt, einen Udon-Boom in ganz Japan aus, was eigentlich nicht verwunderlich ist, wenn man weiß, dass die Region im Norden Shikokus berühmt für Udon ist: Sanuki (讃岐). Auch die bereits erwähnte Nudelbar Iki-Iki-Udon in Kyoto wirbt mit Sanuki-Udon. Die ehemalige Provinz Sanuki wurde zur heutigen Präfektur Kagawa (香川県 kagawa-ken), aber Sanuki lebt weiter als Markenzeichen für Udon. Das oder die Tsuyu (es gibt im Japanischen werde Artikel noch grammatisches Geschlecht), also die Brühe, in der die Nudeln für gewöhnlich serviert werden, ist hier etwas dünner und klarer als in anderen Regionen Japans. Was allerdings für alle Regionen Japans typisch ist, sind besagte Lokaljournale und Reisemagazine für Touristen, in denen ausführlich und reichhaltig bebildert über die lokale Gastronomie berichtet wird. Die Regale jeder Buchhandlung Japans sind voll damit und auch über die Spezialitätenrestaurants und Imbissbuden ausländischer Städte wie Berlin ist viel zu finden. Das sagt genug über den Stellenwert von Gastronomie und Geselligkeit in Japan aus. Um wieder zum Film zurück-zukommen: Auch über die Herstellung der Nudeln sowie der Brühe erfährt der Zuschauer einiges. Ebenso soll es in Sanuki mehrere hundert kleiner Hersteller von Udon geben. Die nette, vielleicht etwas naive Geschichte und der kitschig-melodiöse Soundtrack taten neben meiner ohnehin schon bestehenden Begeisterung für Udon ihr übriges. Einige Monate später kam ich dann endlich an die DVD, die ich seitdem immer wieder Ansehe, auch um mein Japanisch zu verbessern.

   Weiter ging es dann bei meiner Reise im Sommer 2008. Nachdem ich ein paar Tage in Tokyo bei Freunden verbracht hatte, fuhr ich für drei Übernachtungen nach Kyoto, um dann weiter in den Süden Honshus zu reisen. Natürlich ging es, nachdem ich in Kyoto eine Unterkunft gefunden hatte, direkt zu Iki-Iki-Udon. Hier viel mir zum ersten Mal auf, dass auf dem Schild des Geschäftes „Sanuki-Udon“ geschrieben stand. Auch die Poster mit der Tourismuswerbung für die Präfektur Kagawa fielen mir nun stärker ins Auge, auch wenn ich mich erinnerte, sie schon bei früheren Besuchen bemerkt zu haben. Und da war er: der Berg. Von einer hoch gelegenen Tempelanlage aus aufgenommen, lies das Bild keinen Zweifel zu, dass dies der kleine kegelförmige Berg aus „UDON“ war. Der nächste Tageausflug stand fest: Shikoku. Da ich bereits im Sommer 2006 auf der Insel ein berühmtes Thermalbad, den oder das  Dōgō-Onsen (道後温泉), besucht hatte, wusste ich, dass die Bahnfahrt nur wenige Stunden dauern würde. Zudem führt sie über die beeindruckende Seto-Ōhashi (瀬戸大橋), die Große Brücke, die Honshu mit Shikoku verbindet und dabei das Seto-Binnenmeer überquert. Im Dōjō, also Trainingsraum, meines Kendo-Vereins hängt übrigens ein Poster mit eben dieser Brücke, die geradewegs auf die für das nördliche Shikoku so typischen Kegelberge zuzusteuern scheint, unter ihnen unser „kleiner“ Freund. Das fiel mir natürlich erst nach der Rückreise auf.

   Also ging es mit zweimaligem Umsteigen zunächst nach Takamatsu (高松)  der Hauptstadt von Kagawa. Zunächst galt es herauszufinden, wo sich die hoch gelegene Tempelanlage befindet, von der aus „mein“ Berg zu sehen war. Ein Blick auf eine Informationstafel am Bahnhof verriet, dass es sich nur um die Berühmte Anlage in Kotohira (琴平), im Volksmund auch Kompira genannt, handeln konnte. Die Bahnfahrt sollte nur eine halbe Stunde dauern. Zuvor besorgte ich mir noch Karten und Infomaterial im Tourismusbüro. Die sehr nette Frau hinter dem Tresen war sichtlich erleichtert, als sie feststellte, dass ich Japanisch spreche. In einem der Prospekte befand sich auch ein kleiner Artikel über den Film „UDON“, nebst Foto des rechteckigen Teichs vor dem Berg; dazu gab es eine Auflistung mit Drehorten in Kagawa. Auch ich drehte frei!

  Doch zunächst ging es nach Kotohira, um den Tempel zu erklettern und Udon zu essen. Vor dem Aufstieg (bei sommerlichen Temperaturen und für Japan typisch hoher Luftfeuchtigkeit) gab es eine Portion Udon und eine danach und zwar beide Male Kamaage. Will heißen, dass die Udon in einem größeren Topf im heißen Wasser schwimmen, man diese dann mit den Stäbchen herausnimmt und in ein Schälchen mit der Brühe „Dashi“ taucht, um sie dann hoffentlich laut schlürfend zu verschlingen. Auf dem steilen Weg zum Tempel wurde mir von einer Souvenirhändlerin ein Gehstock nebst Fächer geliehen – das ist hier so üblich. Zum Dank kaufte ich ihr eine Tüte der ebenso für diese Gegend so typischen honigfarbenen Bonbons ab, Bekkō-Ame (べっこう飴). Die Besonderheit ist der sechseckige Querschnitt, wie ihn auch japanische Pilgerstöcke haben. Süße Stäbchen mit sechseckigem Querschnitt, Nudeln mit quadratischem Querschnitt – klare Linienführung nenne ich das.

   Vom Tempel aus bot sich mir dass auch der vom Werbeposter versprochene Ausblick auf die Landschaft mit seinen kleinen kegelförmigen Bergen, unter ihnen, am vollkommensten geformt, der bereits erwähnte Vertreter. Meiner Karte nach
handelte es sich um den Iinoyama (
飯野山), auch Sanuki-Fuji (讃岐富士) genannt, also der Fujisan (nicht Fujiyama!) von Sanuki. Das passte nur zu gut. Beim näheren betrachten der Karte viel mir ein kleiner Teich mit rechteckiger Form auf, der Miya-Ike (
Schrein-Teich). Auch er war unter den im Prospekt
aufgelisteten Drehorten. Trotz vollem Magen und schwüler Hitze war es
nun vorbei mit aller Vernunft. Der nächstgelegene Bahnhof war dervon
Marugame
(宮池丸亀), ein Städtchen, dessen Name wörtlich „runde Schildkröte“ bedeutet. Der Weg erschien einfach, lag doch auf (scheinbar) halben Weg die Burg von Marugame. Eine gute Orientierung, da japanische Burgen immer auf Hügeln oder Bergen errichtet wurden, nicht anders als in Europa. Die Burg ist weithin sichtbar, was auch auf dem Heimweg hilfreich war. Dazu muss ich anmerken, dass mein Orientierungssinn mich bisher auch selten im Stich gelassen hat. Ich bin geübter Stadtwanderer und kann stundenlang begeistert durch für andere Menschen völlig Belanglose Wohn- und Industrieviertel wandern. Manchmal entdecke ich begeistert eine „neue“ Straße oder einen kleinen Park, nicht weit von meiner Wohngegend oder aber hinter dem Bahnhof von Shinagawa in Tokyo. Doch zurück nach Sanuki. Auf dem Weg zum Teich fragte ich in einem kleinen Lebensmittelladen nach dem Weg, aber mit dem Namen des Teichs wussten die beiden alten Damen, die sich an der Klimaanlage erfreuten, wenig anzufangen; es ist eben nur eine Teich oder ein Wasserreservoire. Ich kaufte Wasser und ging meines Weges, Sanuki-Fuji immer im Blick. Entlang der Straße wandernd fiel mir ein Friseurgeschäft auf, dass „Danke Schön“ (auf Deutsch geschrieben) hieß. Der Berg kam näher. Irgendwann viel mir eine Erhöhung im Boden auf, ähnlich einem Damm… einem Damm um einen Wasserspeicher? Das musste er sein: ein rechteckiger Teich mit einem Wäldchen und dahinter der Berg. Nur noch wenige Schritte trennten mich vom Damm. War ich hier wirklich richtig, oder hatte die Hitze den letzten Rest Vernunft aus meinem Hirn verdampfen lassen?
   Die kleine Schräge hinauf und - da war er, der rechteckige Teich vor dem Berg – wie im Film; nur dass der Teich mit Seerosen und anderem Gewächs bedeckt war. Von dem kleinen Haus, der Udon-Manufaktur, war nichts mehr zu sehen, es war eigens für den Film gebaut und dann wieder abgerissen worden – filmische Illusion. Doch beim Herannahen sah ich, dass man Spuren hinterlassen hatte. Die Betonplatte, die als Fundament gedient hatte, war noch vorhanden und überall mit kleinen Schildchen versehen, die darüber informierten, welcher Raum sich dort befunden hatte. Küche, Nudelküche, Flur usw. Auf einem Pfosten stand „UDON“ in Lateinbuchstaben gepinselt. Ich war am Ziel.