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Last Updated: 12/23/2009

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Saturday, August 18, 2007 

Ich bitte um Verständnis

Ich hatte gerade wieder eine kleine Diskussion mit meinem Mann, der mir von Zeit zu Zeit vorwirft, meine Gedanken in meinen Texten so zu verknappen, dass man sie nicht mehr nachvollziehen kann!
An manchen Stellen täten dem Leser, seiner Meinung nach, ein paar mehr Informationen oder Ausformulierungen ganz gut. Der Leser bekäme vielleicht sogar mal das Gefühl an meiner Hand und nicht immer drei Meter hinter mir zu laufen.
Wobei ich hier anmerken möchte, dass ein paar Schritte hinter mir durchaus keine zu verschmähende Position sein muss. Das weiß mein Mann auch...
Aber natürlich hat er Recht. Ich bringe meine Gedanken aus Ungeduld oft so schnell und ungeordnet vor, dass nicht gewährleistet ist, dass der andere versteht, worum es geht, geschweige denn, dass er überhaupt angesprochen ist.
Ich denke im Großen und Ganzen mühe ich mich schon um Verständnis in meinem Wirkungskreis, bin ich doch selbst oft genug mit unverständlichen Aussagen und Wünschen konfrontiert. Menschen erklären mir ihre Visionen für künstlerische Projekte oder einen simplen Bühnenablauf und am Ende fragt man sich, in welcher Sprache dieser Mensch gerade gesprochen hat. So wirr oder ungewohnt war die Wortwahl, die assoziative Verknüpfung, der Tonfall. Solange auf so eine Erklärung keine konkrete Tat meinerseits erwartet wird, bin ich schon mal gewillt, diese Rede ganz künstlerisch zu betrachten und sie einfach so stehen zu lassen. Oder aber ich lege sie dem Gefährt meiner Gedanken mit ins Gepäck und bin gespannt, auf welchen Wegen sie zu ganz eigenen Bedeutungen kommt.
Daraus ergeben sich dann manchmal - und zwar ohne den zweifelhaften Konsum von Drogen - ganz wunderbare Liedtexte, oder einfach ein Moment subjektiver Belustigung.
Oder so ein ungelöstes Rätsel setzt sich einfach in meinem Kopf fest und ich beginne eine hartnäckige, abenteuerliche Suche nach der wahren Bedeutung.

Um das etwas verständlicher zu machen, werde ich eine kleine, von mir erlebte Beispielgeschichte anführen:
Auf meinen regelmäßigen Wegen gibt es einen Herrn mittleren Alters, der mir immer aus demselben Hauseingang dasselbe Sprüchlein zuruft: „57 Cent für was zu Essen!"
Dieser Spruch irritierte mich jedes Mal. Was sollte das denn? Das sagt sonst keiner dieser Nischenkameraden. 57 Cent. Warum denn 57 Cent? Warum legt er den Betrag denn so genau fest? Er nimmt sich doch jede Chance auf eine Umsatzsteigerung, zumal es doch jeden potentiellen Spender sicher entmutigt, auf so einen genauen Betrag festgelegt zu sein. Wenn ich meine Geldbörse raushole und dann auch noch nach so einem Centbetrag gucken muss - da lass ich es doch lieber gleich bleiben. Am Ende werde ich dann noch angemault, wenn ich es nicht passend habe. Morgens kann ja auch noch keiner raus geben. Warum 57 Cent? Ein so unüblicher Betrag... Das wollte mir einfach nicht in den Kopf.
„57 Cent für was zu Essen!" Je nach Laune und Tag, schwang sich noch ein „S´bringt Glück" auf das Trittbrett dieser ungewöhnlichen Bitte...
Ich fing an mir Gedanken zu machen, welches bestimmte Produkt sich dieser Herr wohl anzuschaffen gedachte. Ja, ich ertappte mich dabei, wie ich meinen Einkaufswagen an den Konservenregalen und Gemüsepaletten im Supermarkt vorbei schob und nach einem 57-Cent-Artikel Ausschau hielt. Es gibt nichts für 57 Cent! Nicht mal eine verschrumpelte, unförmige Sellerieknolle! 55 oder 59 wären kein Problem: dafür gibt es einen 200g Becher Schmand mit 20%igem Fettgehalt, naturbraune Kaffeefilter oder einen 250g-Beutel Siolca Eukalyptusbonbons... Vielleicht aber, so überlegte ich mir sogar, handelte es sich bei dem Mann auf der Straße um einen echten Visionär, der genau berechnet hatte, mit wie viel 57-Cent-Einheiten er zum Beispiel einen Gegenstand für 6,84€ oder am Ende für 96,90€ erwerben könnte. Oder er hatte bei durchschnittlicher Spendenbereitschaft und Frequentierung der Laufkundschaft exakt dieses Gebervolumen errechnet, um seine verbleibenden Stunden bis zu einem Betrag von 159,60€ festzulegen... Wäre dieser erreicht, würde er seine kleine Sporttasche packen, die immer in der Ecke neben ihm steht, und sich den Drucker bei Saturn kaufen, den es nur noch bis zum 4.9. im Angebot gibt.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich selbst ein Auge auf den Drucker geworfen hatte, seine Anschaffung im Haushaltsplan jedoch ins etwas spätere Jahr verschieben musste, aber: wofür bräuchte dieser Mann denn einen Drucker? Am Ende um seine Forderung nach den 57 Cent Gewinn maximierend als Wurfblattsendung unters Volk zu bringen?

Jetzt stehe ich hier und überlege und dabei höre ich wieder diesen eigentümlichen Slogan. Auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Ohren: Er ruft „Haben sie 50 Cent für was zu Essen?" Die ersten Silben sind nur so knapp gesprochen, dass es sich anhört wie „57 Cent für was zu Essen"!
Ich nehme alles zurück. Da sehen wir ja, wozu Verknappung führen kann. Ich stecke den 156,60 €-zahlenfanatischen-Obdachlosen-Print in den Hexler.
Wenn ich Ende des Jahres den Drucker mein Eigen nennen kann, frage ich ihn vielleicht mal, ob ich ihm was ausdrucken soll oder bringe ihm einfach ein paar Eukalyptusbonbons mit.
Dann muss er nach der Arbeit nicht auch noch einkaufen gehen...