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SOPHIE SCHOLL

Sophie Scholl


Last Updated: 12/14/2009

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Gender: Female
Status: Single
Age: 88
Sign: Taurus

City: Zuletzt gesehen: München
State: Bayern
Country: DE
Signup Date: 6/16/2007
Tuesday, June 16, 2009 
© Der Tagesspiegel, Iris Hilberth, Stuttgart


Die Handschrift der Heldin

Die Briefe lagen 60 Jahre lang bei ihr zu Hause in der Schublade. Elisabeth Hartnagel sprach mit niemandem darüber – bis vor ein paar Wochen. Jetzt hat sie die Korrespondenz zwischen ihrem Mann Fritz und ihrer Schwester Sophie Scholl, seiner Verlobten, veröffentlicht. Und bereut es.



Vielleicht hätte sie die Feldpost dort einfach liegen lassen sollen, denkt Elisabeth Hartnagel jetzt manchmal. In der Schublade, wo sie die letzten 60 Jahre keiner angerührt hat, sie nicht und auch ihr Mann Fritz nicht. Die Briefe waren noch genau so, „wie Sophie sie hinterlassen hatte“.

Elisabeth Hartnagels Mann war einst der Verlobte ihrer Schwester, der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans, vier weiteren Studenten und Professor Kurt Huber wurde sie 1943 von den Nazis in München hingerichtet. Nach dem Krieg heiratete Fritz Hartnagel Sophies Schwester Elisabeth. 82 Jahre alt ist sie heute, ein Jahr älter als Sophie wäre, und die letzte noch Lebende der einst fünf Geschwister Scholl.

Elisabeth Hartnagel sitzt auf der schwarzen Ledercouch in ihrem Wohnzimmer. Ein großes Bücherregal steht an der Wand. Lesen, das war ihr immer sehr wichtig. „Als sie unsere Familie nach der Hinrichtung von Hans und Sophie ins Gefängnis steckten, mussten wir Rucksäcke für den Afrika-Feldzug nähen. Wir haben uns immer so sehr beeilt, dass wir noch Zeit zum Lesen hatten.“ Die zierliche Frau nippt an einer Tasse Tee und erzählt von damals, vom Februar 1943. Die Zeit, kurz bevor die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose aufflog. Elisabeth war für ein paar Tage bei Hans und Sophie in München. Alex Schmorell und Willi Graf waren auch dort und verkündeten abends um halb elf, sie müssten noch in die Frauenklinik, sie waren Medizinstudenten. „Ich ging dann mit Sophie im Englischen Garten spazieren“, erzählt Elisabeth Hartnagel, „und da sagte meine Schwester, man müsse jetzt Maueranschriften anbringen.“ Elisabeth gab ihr einen Bleistift, und Sophie lachte. Nein, sagte sie, mit Teerfarbe müsse man das machen. Das ist aber gefährlich, sagte Elisabeth. „Die Nacht ist des Freien Freund“, antwortete Sophie. Zur gleichen Zeit beschrieben Hans und die anderen die Mauern der Ludwigstraße. „Neben dem Eingang zur Universität stand mit schwarzer Farbe riesig groß das Wort Freiheit“, erinnert sich Elisabeth Hartnagel. Sie hat den Schriftzug später gesehen, aber ahnte nicht, dass ihr Bruder dahintersteckte.

Post aus Stalingrad

Das Telefon klingelt in ihrem Stuttgarter Haus. „Nein, es sind keine neuen Briefe von Sophie Scholl aufgetaucht“, sagt Elisabeth Hartnagel leicht genervt. Nein, die Briefe, die ihr Mann an seine damalige Freundin Sophie geschrieben hatte, sind nicht plötzlich aufgetaucht, sie und ihr Mann, der vor zwei Jahren gestorben ist, haben sie mit Absicht all die Jahre liegen lassen. Hätte Elisabeth Hartnagel geahnt, dass das Interesse daran so groß sein würde, dass Journalisten jetzt manchmal einfach vor ihrer Tür stehen, dann hätte sie die Korrespondenz nicht veröffentlicht. Am 22. Februar jährt sich die Hinrichtung der Münchner Studenten zum 60. Mal, und jeder will diese Briefe sehen.

Das Ehepaar Hartnagel sprach nicht über die Briefe, weil sie sehr privat sind. Fritz hatte sie als junger Soldat aus Stalingrad an seine Freundin Sophie geschickt. Immer mal wieder hatten Studenten angefragt, ob sie die Briefe in ihre Forschung einbeziehen könnten. Aber die Hartnagels waren sich einig: Sie wollten das nicht in die Öffentlichkeit tragen. Erst kurz vor seinem Tod im April 2001 sprach Elisabeth Hartnagel ihren Mann einmal auf die Briefe an. „Du kannst das gerne lesen“, sagte der. Er selbst wollte die Vergangenheit ruhen lassen. An den Krieg wollte er nicht erinnert werden.

Hartnagel schildert in seinen Briefen die Vorgänge an der Ostfront, berichtet von der Erschießung Kriegsgefangener, von Erschöpfung und Hunger und von Stalingrad, dem „wohl erschütterndsten Eindruck von Elend und Trostlosigkeit, den ich in diesem Feldzug gewonnen habe“. Vermutlich haben die Briefe Sophie in ihrem Widerstand bestärkt. In ihrem sechsten und letzten Flugblatt machte die Weiße Rose die Wehrmachtsniederlage von Stalingrad zum Thema: „Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortunglos in Tod und Verderben gehetzt. Führer wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigen Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend opfern? Nimmermehr!“

Als Sophie und Hans das Flugblatt im Lichthof der Münchner Uni verteilten, wurden sie vom Hausmeister beobachtet und danach verhaftet. Das war am 18. Februar 1943. Vier Tage später verurteilte sie der Volksgerichtshof wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung“ zum Tode, sie wurden noch am selben Tag in München-Stadelheim enthauptet.

Elisabeth Hartnagel und ihr Mann engagierten sich jahrelang in der Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung. Als die Wiederaufrüstung Deutschlands anstand, war Fritz Hartnagel auf Seiten der Kriegsdienstverweigerer. Elisabeth Hartnagel würde auch heute noch gegen den Krieg auf die Straße gehen, sagt sie, wenn sie nicht schon 82 wäre. „Es hat mich entsetzt, dass der Protest in den letzten Jahren so nachgelassen hat. Es hätte so viele Gelegenheiten gegeben, wo man hätte aufstehen müssen.“

Elisabeths ältere Schwester Inge Aicher-Scholl hat sich stets der Geschichte der Weißen Rose gewidmet, sie hat Bücher veröffentlicht und mit der „Geschwister-Scholl-Stiftung“ die Erinnerung wach gehalten. Das Ehepaar Hartnagel untersützte sie zwar, wollte allerdings selbst im Hintergrund bleiben. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sich Elisabeth Hartnagel dann doch dazu durchgerungen, einen Teil der Briefe abzuschreiben und für Studienzwecke zur Verfügung zu stellen. „Mein jüngster Sohn fand, dass sein Vater immer nur als Anhängsel von Sophie gesehen wurde“, diesem Eindruck wollte Elisabeth Hartnagel mit ihrem späten Entschluss entgegenwirken. „Mir lag auch daran aufzuzeigen, wie die Soldaten damals verheizt wurden.“ Als sie dann in der Presse von den „Liebesbriefen der Sophie Scholl“ las, war sie entsetzt. „Das wird jetzt als Liebesromanze zwischen meinem Mann und Sophie verkauft!“ Jetzt sagt sie: „Ich gebe nichts mehr aus der Hand. Ich habe so ein schlechtes Gewissen meinem Mann gegenüber.“

Späte Ehrung in der Ruhmeshalle

Am 22. Februar wird in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg in Ulm aus dem Briefwechsel gelesen. „Ich wollte, dass auch etwas in Ulm stattfindet und nicht nur in der Walhalla“, sagt Elisabeth Hartnagel. Nach langem Zögern hat sich der Freistaat Bayern dazu durchgerungen, eine SophieScholl-Büste in der Ruhmeshalle aufzustellen. Die SPD-Landtagsabgeordnete Hildegard Kronawitter hatte argumentiert, Sophie Scholl sei eine herausragende Figur der Zeitgeschichte und Vorbild für demokratische Gesinnung, Mut und Zivilcourage. Gegner dieser Idee meinten, dass damit Hans übergangen würde, nur um die Frauenquote in der Walhalla zu erhöhen. Die Schwester sagt: „Sophie würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Eine Büste von ihr aufstellen! Sie wollte nie anders als die anderen behandelt werden.“ Das sei auch damals so gewesen, als der Gestapo-Beamte ihr in den Mund legen wollte, sie sei von jemandem verleitet worden. „Sie bestand darauf, das Gleiche getan zu haben wie die anderen.“ Sophie sei zwar schüchtern gewesen, doch ihre Meinung habe sie immer verteidigt.

Nie aber habe Elisabeth Hartnagel damals geahnt, dass ihre Geschwister aktiven Widerstand leisteten. Auch ihrem Freund Fritz verschwieg die 21-jährige Sophie Scholl ihre Flugblattaktionen. Aber er wusste, dass die Studenten irgendetwas unternahmen, und er gab ihnen Geld. „Für einen guten Zweck“, sagte ihm Sophie nur.

Mit ihrer Meinung über das Regime hielten sich beide in ihren Briefen nicht zurück, auch wenn sie wussten, dass die Post kontrolliert werden könnte. Am 1. August 1942 schrieb der 25-jährige Fritz Hartnagel aus Russland: „Ich wurde heute zum Hauptmann befördert. Du wirst Dir denken können, mit welch zweifelhaften Gefühlen ich diese Nachricht aufnahm. Nun bin ich wieder eine Stufe weiter in ein System gedrängt, dem ich am liebsten den Rücken kehren möchte.“ Und vier Tage später, als er die Beförderungsfeier hinter sich hatte: „Oft will es mir scheinen, dass diese Menschen gerade das als groß und herrisch ansehen, was ihrem Gewissen widerspricht, und der Gehorsam gegen einen inneren Befehl ist Schwachheit, Mangel an Selbstbewusstsein (…) So habe ich mich vor einigen Tagen mit meinem Kommandeur und noch anderen in einen Streit über das Thema ,Bevölkerungspolitik’ eingelassen. Aber der Horizont dieser Menschen reicht über materielle Dinge nicht hinaus. Das höchste Ziel ist nur die Macht, das Herr-Sein, woran sie sich mit engstirniger Borniertheit festbeißen, ohne sich darüber klar zu sein, warum und wozu diese Macht.“

Sophie schrieb zurück: „Und wenn sie an den Sieg der Macht glauben, so frage sie doch, ob sie der Meinung seien, dass der Mensch dem Tiere ganz gleichgestellt sei, oder ob er darüber hinaus an einer Welt des Geistes teilnehme. Und frage sie weiter, ob ein Sieg des Fleisches und der brutalen Gewalt in der Welt des Geistes nicht eine Schmach sei, ob in dieser Welt nicht andere Gesetze gelten wie in jener des Fleisches, ob vielleicht ein kranker Erfinder oder, um von der zweifelhaften Technik loszukommen, ein kranker Dichter oder Philosoph in jener Welt des Geistes nicht mehr wögen, nicht mehr Kraft hätten, als ein hirnarmer Athlet, ein Hölderlin mehr als ein Schmeling. Ja, wir glauben auch an den Sieg der Stärkeren, aber der Stärkeren im Geiste.“

Nach der Beerdigung der Geschwister Scholl nahm die Gestapo die Familie in Sippenhaft. „Für die Gefängnisverwaltung war das auch etwas ganz Neues, dass eine gutbürgerliche Familie eingesperrt wurde“, erzählt Elisabeth Hartnagel. Nach der Haftentlassung wollte man sie nicht mehr in Ulm, Freunde wandten sich ab, die Zeitung hetzte gegen sie, „es war widerlich“, sagt Elisabeth Hartnagel. „Die Leute sagten zu uns: Kommt nicht. Es ist nichts Persönliches, aber wegen des Geschäfts.“ Einmal habe eine Frau vor der Tür gestanden, die nur mal schauen wollte, „wie jemand aussieht, dem zwei Geschwister geköpft wurden“.

In all der Zeit, auch während der Haft, war Fritz aber immer für die Familie da. Er war gerade wegen einer Verletzung aus Russland zurückgekehrt, kümmerte sich täglich um die Scholls, brachte ihnen Lebensmittel. Als Heimkehrer aus Stalingrad hatte er bei der Gestapo einen guten Stand. Fritz und Elisabeth kamen sich in dieser Zeit näher. „Wir kannten uns ja schon lange. Er war bei uns eigentlich zu Hause.“ 1945 heirateten die beiden. Fritz Hartnagel muss innerlich versucht haben, mit Sophie abzuschließen. Vielleicht war das nötig, um zu verkraften, was geschehen war. Welche Rolle die Schwester, die ehemalige Geliebte von Fritz, zwischen den Ehepartnern spielte, darüber sagt Elisabeth Hartnagel nur wenig. Nur einmal, erzählt sie, habe Fritz über die Briefe an Sophie gesagt: „Wenn ich sie las, war das so, als ob das jemand anderer geschrieben hätte.“