Chère Annette,
ich habe mir Ihren Spielfilm "Lille Soldat", der im Wettbewerb auf der Berlinale läuft, angeguckt. Bravo, anspruchsvoller Film. Ich meine, Kriegstrauma, Prostitution und Menschenhandel, grenzüberschreitende Familienstrukturen, lesbische Liebe, Einsamkeit der Städtler... Alles in 100 Minuten. Woah.
Was mich aber ein bisschen gestört hat, ist der sogenannte "Subtext". D.h. die Aussagen-zwischen-den-Zeilen.
Also, für die, die "Lille Soldat" nicht gesehen haben: Lotte (Trine Dyrholm) ist nach ihrem Krieg-Einsatz irgendwo in der dänischen Provinz heimgekehrt. Sie säuft, bis der Vater (Finn Nielsen) sie rettet, indem er ihr einen Job als Fahrerin in seiner Spedition anbietet. Weil einer der Fahrer mit einem kaputten Bein auf der Arbeit auftaucht, kriegt Lotte die Erlaubnis vom Vater (nachdem er erstmal "Nein" gesagt hatte, weil dies keine Frauensache sei) den Hinkenden zu ersetzen. Total: Lotte soll jetzt Lily (Lorna Brown), die junge, nigerianische Geliebte und privat Hure des Vaters,zu den Freiern fahren und sie ggf. vor den gefährlichen Kunden schützen.
Subtext also. Der Vater ist der Retter. Es fängt schon in den ersten 10 Minuten des Filmes an, als er seine Tochter ins Restaurant einlädt, damit sie etwas Vernünftiges isst und mit ihr ringt und sie dabei kitzelt, damit sie seine Einladung annimmt. Dann besorgt er ihr einen Job. Lily wiederum habe ihm, dem Macker, den sie "Papa" nennt, zu verdanken, dass sie keine Miete zahlen muss und als Prostituierte unter beneidenswerten Umständen mit ausgewählten Kunden und so arbeitet. Sagt sie. Die Tochter stellt das Geschäft ihres Vaters nie in Frage. Die sehr klaren patriarchalischen Strukturen werden es auch nicht.
Wenn im Bordell Lotte einen gewalttätigen Freier angreift, nachdem er sie Hure genannt hat ('Mich nennst du nicht Hure!' - Subtext: Hure ist eine Beleidigung, Prostituierten sind weniger Wert) und sie bald gegen die Wand gepresst wird und sich nicht mehr helfen kann, da guckt sie auch verzweifelt ihren Vater und fleht ihn stumm an, ihr zu helfen (Subtext: der Papa – der Mann – bleibt die Rettungsfigur par excellence). Dieser, mit einem Baseballschläger in der Hand, ist jedoch wie gelähmt und schaltet sich nicht ein. Sehen Sie, chère Annette, wie dumm ich bin: ich dachte, er wollte mal schauen, wie Lotte allein zurecht kommt, eine Art Feuerprobe: letztendlich ist sie ja body guard. Aber nein, diese Szene ist dafür da zu zeigen, dass der Vater nicht ein fieser Gangster sondern eigentlich ganz lieb ist – und sie dient auch dramaturgisch als Turning point, weil von da an sich Huren und ex-Soldatin näher kommen (denn Lotte schafft es natürlich, den Freier zu besiegen).
Bemerkenswert, chère Annette, wie Du aus einem väterlichen Schwein, das die Grenzen ständig überschreitet, schmutziges Geschäft mit Prostitution und Menschenhandel macht, einen fast liebzugewinnenden Mann schaffst. Und so wird der Typ als 'freundlicher Herr' (Joachim Kurz in Kino-zeit) oder "penetrant fröhlicher Alte" (Matthias Heine in der Welt) bezeichnet.
Ach ja, am Anfang können sich Lotte und Lily nicht leiden. An der Stelle möchte ich bezweifeln, dass eine Frau, die so dargestellt wird, als würde sie hauptsächlich an das Geld denken (Lily hat Schulden und eine Tochter in Nigeria), sich so offensichtlich und von Anfang an agressiv gegen die Tochter ihres Mackers verhält, von dem sie finanziell abhängig ist. Aber naja. Diese Feindschaft ist Anlass zu einem interessanten Gespräch:
Lotte: Du fickst mit ihm also solltest du ihn nicht Papa nennen.
Lily: Du bist eifersüchtig.
Subtext: das Sexleben des Vaters betrifft natürlich die Tochter, und selbstverständlich mag diese eifersüchtig sein - der Oedipuskomplex wird ja immer wieder als ganz normales Kunst-Motiv verwendet und rechtfertigt.
Am Schluss will Lotte Lily, die "arme Schwarze" gegen deren Willen retten, denn die arme Schwarze kann doch nicht über ihr eigenes Leben entscheiden. Lassen Sie uns, chère Annette, die Worte von Matthias Heine, Journalisten für Die Welt, zitieren: "Dummerweise will sich Lily aber gar nicht retten lassen, und Lottes Vater wird durch ihr Handeln wie ein echter Gangster, der er nicht ist." Ja, die arme Schwarze ist dumm, von der weissen Frau nicht gerettet werden zu wollen. Und Lotte zwingt ja ihren armen Vater dazu, ein echter Gangster zu werden, der er wirklich gar nicht ist. Stimmt, dieser Typ ist ganz freundlich und fröhlich, hatten wir schon. Bemerkenswert ist wiederum, dass Lotte der Nigerianerin nicht deswegen helfen möchte, weil sie über Prostitution nachgedacht hätte, sondern weil sie sich in Lily verliebt hat. Diese Liebe wird aber nur ganz ganz leicht angedeutet, wie früher, als Homosexualität nicht gezeigt werden durfte und FilmemacherInnen daher Tricks benutzen mussten. Na ja, Subtilität hat auch Charme.
Zum Schluss: als Lotte Lily eine weite Hose, eine Trainingsjacke und Turnschuhe gibt zum anziehen, damit sie incognito aus dem Hotel, in das Lotte sie bestellt hat, herauskommt, fragt Lily:
"You want to fuck with yourself?"
Subtext: Frauen, die Frauen lieben, die den selben Stil haben wie sie, sind narzisstisch. Vor allem Butches. Eigentlich nur Butches. Denn die Butch-Femme Beziehung ist ja nur eine Reproduktion der Heterosexualität, nicht wahr, also auch abzulehnen, denn Imitaten sind nicht echt, und fake Viutton-Taschen sogar illegal. Und weibliche Frauen, die mit anderen weiblichen Frauen etwas anfangen, sind eh nicht wirklich lesbisch, eher ein Antrieb für Männer. Und jetzt haben wir die Bedeutung von dem in
der Sozialpsychologie genannten "double bind" Prinzip
gelernt: Egal, wie man es macht, macht man es falsch.
"Lille Soldat", von Annette K. Olesen, Dänemark, 2008, 100 Min.