THE PAPER CHASE (USA)
Psychotischer Noiserock trifft auf melodischen Indie, dass es nur so
explodiert
JAMES BLACKSHAW (UK)
Experimenteller Folk - virtuoses Gitarrenspiel à la John Fahey trifft auf
Elemente aus Electronica und Neo-Klassik (London/UK)
DANIEL HIGGS(USA)
Mystisch-minimalistische Folk-Experimente vom ex-Lungfish-Sänger (USA)
Sonntag, 25.Oktober
Zentralcafé K4
20:30 Uhr
11 Euro
Bereits zum vierten Mal beehren uns die Indie/Noiserock-Band The Paper
Chase aus Dallas, Texas. Sie kombinieren schneidend-schräge aber stets
melodische Klavier- oder Gitarrenmelodien beängstigend exakt mit
vielfältigen wuchtigen Rhythmen, hypnotisch vereint von den
ausdrucksstarken und oft morbiden Vocals in denen John Congleton
düster-kafkaeske Geschichten erzählt, häufig gewürzt mit feiner Ironie:
"Die Beziehungsfleischerei eines neurotischen Genies, das auszog, der
Worthülse "Emo" das Fürchten zu lehren." Das gerade erschienene Album
'One Day This Could All Be Yours Pt. 1' von The Paper Chase entwickelt ihre
brodelnde Mixtur konsequent weiter, wenn auch mit noch einem Schuss mehr
Pop-Appeal. Wichtig zu erwähnen ist noch, dass The Paper Chase eine
fantastische Live-Band sind, die ihre Musik mit einer spielerischen
Leichtigkeit und emotionalen Intensität präsentieren, die fast
einzigartig ist. Wer musikalische Anhaltspunkte braucht: von der
noisig-rhythmischen Wucht von Bands wie Jesus Lizard oder Chokebore ist
hier ebensoviel zu spüren wie von den flirrend-eindringlichen
Indiemelodien von Modest Mouse und dem charismatischen Ergüssen eines John
Cage. Als Produzent kennt man ihren Sänger John Congleton ebenfalls: Von
Explosions In The Sky über Erykah Badu bis hin zum aktuellen Album von The
Thermals hat er schon einiges an großartiger Sound-Arbeit geleistet. Seine
Musik mit THE PAPER CHASE fasst Congleton selbst so zusammen: "82 Prozent
rasende Verzweiflung, 3 Prozent gepuderten Zynismus, 5 Prozent geronne
Unzufriedenheit und 10 Prozent von einem kleinen Jungen, der in einer
unbequemen Box gefangen ist."
Während des Hypes um das "Weird Folk Movement" wurde eine ganze Reihe von
jungen Musikerinnen und Musikern ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt,
viele davon konnten aber die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen.
Ganz anders bei dem jungen Londoner James Blackshaw, Jahrgang 1981. Mit
seiner sich kontinuierlich entwickelnden Musik wusste er von Album zu Album
immer mehr zu überzeugen und inzwischen sind sich Journaille und
Musikerkollegen einig, dass in ihm ein Riesentalent schlummert. Die alte
Garde der Avantgarde hat ihn mehrfach zum Ritter geschlagen: er spielt
inzwischen im Line Up von Current 93 und ex-Swans-Mastermind Michael Gira
verpflichtete ihn jüngst für mehrere Alben bei seinem Label Young God
Records. Bei James Blackshaw vereinen sich großartiges musikalisches
Handwerk und ein Wille zur Innovation, zu immer neuen Ufern. Sein
Hauptinstrument ist die 12-saitige Akustikgitarre. Natürlich ist Blackshaw
beeinflußt von den Folk-Godfathers auf diesem Instrument: John Fahey, Bert
Jansch oder Robbie Basho. Seine Experimentierlust und sein genaues Gespür
für Stimmungen verhelfen ihm aber dazu, aus dem Schatten der Überväter
zu treten. So kombiniert er seine virtuosen Gitarrenpickings mit
elektronischen Klängen, die vielschichtigen Arrangements werden mit
Klavier, Geige und Percussion angereichert. Die mäandernden Kompositionen
verbinden Folk mit moderner klassischer Musik und sind dabei jederzeit
höchst emotional und atmosphärisch stimmig.

Daniel Higgs – der Mann mit dem überlangen Bart, der einstmals
charismatische Frontfigur von Lungfish war, scheidet die Geister – und
ist dabei selbst in very high spirits. Schon Lungfish war eine Band, die es
verstand, zu polarisieren; von 1986 bis 2004 aktiv, waren sie die
langlebigste Band auf Washington D.C.’s Dischord-Label. Die einen warfen
ihnen vor, ein und denselben Song immer und immer wieder zu spielen, die
Wissenden antworteten darauf jedoch nur lapidar: „Ja, aber was für einen
unglaublichen Song!“ Repetitiv-hypnotische Rocksongs und fragmentarische
Text-Meditationen, die sich mit den großen Themen befassten, waren das
Markenzeichen der Band: „Long live/death to/ love and hate/ forever“,
so der Text des Songs „Indivisible“. Higgs nahm dabei die Personalität
eines Hohepriesters ein, der mit seiner Gestik, seiner Stimme und
überraschenden Wendungen – oft schlug er sich die Stirn mit dem Mikrofon
wie in Trance blutig – das Publikum auf einen Trip schickte.
Auf Solopfaden setzt Higgs diese eingeschlagene Richtung fort, und baut
dabei eine Aura um sich auf, die schlecht in Worte zufassen ist. Bei seinem
letzten Auftritt in Nürnberg vor zwei Jahren hielt er während der Zugabe
einen ganzen Saal nur mit seiner Stimme und einem kleinen Paar
Finger-Cymbals in Schach. Unterwegs ist Higgs auch diesmal lediglich mit
seinem Banjo und einer Maultrommel (mit einer solchen nahm er auch sein
erstes reguläres Solo-Album auf), doch das reicht völlig aus, um die
Zuhörer in verzückte Hypnose zu versetzen. Man hängt förmlich an seinen
Lippen. Zum Teil ellenlange Songs, die ganz beherrscht sind von seinem
Fingerpicking und seiner eindrucksvollen Stimme, die ständig zwischen
Grummeln, zu vielen Zigaretten, und wohltemperierten Ausbrüchen changiert,
und dazu die – zugegebenermaßen – aufs erste Hören esoterisch
anmutenden Lyrics wiedergibt.
Der ehemalige Tätowierer hat mittlerweile eine ganze Hand voller
Solo-Alben veröffentlicht, die sich zwischen psychedelischen Folk-Songs,
Banjo-Drones, indischer Klassik und Experimentalmusik bewegen, ist
mittlerweile auf dem Chicagoer Qualitätslabel Thrill Jockey (u.a.
Tortoise, Bobby Conn, David Byrne, Mouse On Mars) gelandet, hat sich den
neuen Namen Daniel Arcus Incus Ululat Higgs gegeben, und wird am 25.10.09
im Zentralcafé gastieren, um das geneigte Publikum ins emotionale Nirvana
zu schicken