
Vor einigen Tagen erschien im Online-Magazin
Telepolis ein Beitrag mit dem Titel „Boykott, Desinvestment und Sanktionen“,
für den die Verfasserin Petra Wild akribisch recherchiert hatte, welche
politischen, akademischen und ökonomischen Kampagnen derzeit auf der
Welt gegen Israel laufen, wer sie trägt und welche Auswirkungen sie
zeitigen.
Telepolis ist pro-israelischer Neigungen allerdings
gänzlich unverdächtig, und so geht es auch in diesem Text nicht darum,
die gegen den jüdischen Staat gerichteten Boykottaufrufe und
-initiativen einer Kritik zu unterziehen. Im Gegenteil begrüßt die
Autorin sie und billigt den sie tragenden Organisationen ausschließlich
lautere Motive zu – wie etwa jenes, mit den Kampagnen gegen die
„Brutalität der israelischen Kriegsführung“ oder gegen das „israelische
akademische Establishment“ zu protestieren, das „tief in die
zionistische Kolonialpolitik verstrickt“ sei. Dennoch – oder gerade
deswegen – ist Wilds Zusammenstellung so aufschlussreich wie nützlich,
denn sie ist nachgerade ein Panoptikum des globalen antiisraelischen
Wahns.
„Im Vereinigten Königreich“, so heißt es im Artikel
beispielsweise, „erreichte die der britischen Presse zufolge ‚größte
Studentenbewegung seit 20 Jahren’, die aus Protest gegen den Krieg 34
Universitäten besetzt hatte, dass an einigen Universitäten Produkte aus
israelischen Kolonien boykottiert werden“. In Südafrika und Australien
hätten sich die Hafenarbeiter im Februar geweigert, israelische Schiffe
zu entladen; die südafrikanische Hafenarbeitergewerkschaft habe darüber
hinaus zum Boykott israelischer Waren aufgerufen und von der Regierung
gefordert, die ökonomischen und politischen Beziehungen zu Israel
abzubrechen. In Norwegen, so Wild, „begannen die Gewerkschaften bereits
im Januar mit einer Kampagne zum Abzug aller staatlichen Investitionen
aus Israel“. In Frankreich sei „die kollektive Begehung von
Supermärkten zwecks Entfernung israelischer Waren aus den Regalen“ eine
„beliebte Aktion“. Die israelische Presse habe gemeldet, dass der
Verkauf israelischer Waren infolge der Boykotte um 21 Prozent
zurückgegangen ist. „Als direkte Reaktion auf den Krieg gegen Gaza“,
schreibt Wild, „brach vor allem im Vereinigten Königreich und den
skandinavischen Ländern der Verkauf israelischer Waren ein“. Und so
weiter und so fort.
Man muss sich das noch einmal in Ruhe
vergegenwärtigen: Britische Hochschüler legen fast drei Dutzend Unis
lahm, wenn sie in der Mensa Avocados und Oliven aus Israel aufgetischt
bekommen statt Fish & Chips. Südafrikanische Hafenarbeiter
investieren ihre Energie in die Weigerung, die Ladung von Schiffen aus
dem jüdischen Staat zu löschen, statt sie für den Kampf zur
Aufbesserung ihres Lohns einzusetzen. In Frankreich räumt der gleiche
Mob, der unablässig eine „Hungerkatastrophe“ im Gazastreifen beschwört,
gezielt israelische Lebensmittel aus den Läden. Schon die
unvergleichliche, unschwer als Besessenheit zu identifizierende Verve,
mit der all das geschieht, verrät die Motivation dieser Leute – eine
Motivation, die sie für Darfur oder Sri Lanka selbstverständlich
niemals aufbringen würden, obwohl es dazu weitaus mehr Anlass gäbe. Es
geht ihnen auch nicht um das Wohlergehen der Palästinenser, denn wenn
deren repressive Regimes die Bevölkerung knechten, hört man nie auch
nur die leiseste Rüge. Die Botschaft lautet vielmehr: Kauft nicht beim
Juden!
Es sind vor allem im weitesten Sinne linke Organisationen
und Gruppierungen, die derlei Boykottkampagnen initiieren und tragen.
Den klassischen rechten Antisemitismus gibt es zwar noch, aber er ist
demgegenüber inzwischen geradezu marginal geworden, nicht zuletzt
deshalb, weil er nach Auschwitz gar zu anrüchig ist. Wenn Neonazis auf
die Straße gehen, findet sich garantiert ein „zivilgesellschaftliches“
Bündnis, das dagegen demonstriert. Die gleiche „Zivilgesellschaft“ ist
allerdings jederzeit bereit und in der Lage, selbst gegen Israel mobil
zu machen – mit Argumenten, die von denen der Neonazis kaum bis gar
nicht zu unterscheiden sind. Und sie schweigt entweder oder läuft
gleich mit, wenn Islamisten zu Zehntausenden von einem „Holocaust im
Gazastreifen“ schwadronieren, wie es während der israelischen
Militärschläge gegen die Hamas zu Beginn dieses Jahres geschehen ist.
Sie bleibt stumm oder findet es sogar irgendwo verständlich, wenn
jüdische Schüler in Berlin von muslimischen Mitschülern drangsaliert,
beleidigt und geschlagen werden; schließlich ist das ja immer noch ein
– bloß etwas verunglückter – Protest gegen Israel.
Insbesondere
die Kombination aus islamischem und linkem Antisemitismus hat es in
sich – eine Kombination, die auch auf institutioneller Ebene ihre
Entsprechung findet, wie zuletzt der vom UN-Menschenrechtsrat in
Auftrag gegebene Goldstone-Bericht zeigte: Im Rat dominieren die
Autokratien, vor allem die islamischen – und genau die hatten eine
Untersuchung in Auftrag gegeben,
deren Ausarbeitung de facto auf das Konto linker NGOs ging.
Und was im Makrokosmos funktioniert, glückt im Mikrokosmos erst recht,
beispielsweise, wenn in Hamburg eine Abordnung von „Internationalisten“
und „Antiimperialisten“
mit Gewalt die Aufführung eines pro-israelischen Films verhindert.
Es ist nicht nur die Maxime „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“,
die dabei das linke Handeln bestimmt, sondern ein originärer Judenhass,
der in der obsessiven Abneigung gegenüber Israel und in der damit
verbundenen Unterstützung vernichtungswütiger Islamisten seinen, sagen
wir, zeitgemäßen Ausdruck findet. Dem Hautgout der
nationalsozialistischen Vernichtungslager weichen die Adepten dieses
Judenhasses dabei unter Berufung auf ihre „antirassistische“ Gesinnung
aus, die gleichwohl nicht mehr ist als ein erbärmlicher
Kulturrelativismus, im dem die Juden genauso das „Anti-Volk“ sind wie
im Rassenantisemitismus der Alt- und Neonazis.
Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass in den deutschen Medien
so gut wie nichts über die Rede zu lesen war,
die der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Gabi Ashkenazi,
vorgestern am Holocaustmahnmal auf dem Bahnhof Berlin-Grunewald hielt.
Ashkenazi sagte unter anderem:
„An diesem Ort – von dem unsere Brüder und Schwestern zu den Gaskammern
deportiert wurden, einzig aus dem Grund, dass sie Juden waren – rufen
wir aufrechten Hauptes allen Hassern, Leugnern und Böswilligen zu: Wir
sind da! Das israelische Volk ist in seinem Land wieder auferstanden
und hat sich regeneriert. Es verlangt nach Unabhängigkeit und
Sicherheit.“ Als Konsequenz aus der Shoa den jüdischen Staat zu
verteidigen – das fällt der „Zivilgesellschaft“ hierzulande bei allen
treuherzigen Solidaritätsschwüren gegenüber Israel dann doch nicht ein.
Lieber packelt sie verständnisinnig mit dessen Feinden und schleudert
den Israelis ein beherztes „Nie wieder Krieg!“ entgegen, ermahnt sie
also fürsorglich, aus Auschwitz doch bitte die richtigen, das heißt
deutschen Lehren zu ziehen. Die nächste Gelegenheit dazu, den Jahrestag
der Reichspogromnacht am 9. November, wird diesbezüglich garantiert
nicht ungenutzt verstreichen.
Zum Foto: „Israel ist der Krebs, der Djihad ist die Antwort“. Antisemitische Demonstration in London, Januar 2009.