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Tobias Seeliger

Tobias Seeliger


Last Updated: 12/19/2009

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Gender: Male
Status: Single
Age: 35
Sign: Capricorn

City: Berlin
State: Berlin
Country: DE
Signup Date: 4/23/2009
April 29, 2009 - Wednesday 

Kleine Eiszeit

 

Gebärfreudige Mütter, so 35 Jahre alt plus X, die ihre Torschlusspanik glücklicherweise überwunden zu haben glauben, stehen mit ihren Kinderwagen, vertieft in eines der wichtigsten Gespräche überhaupt, mitten auf dem Bürgersteig. Wehe, man wagt es, in einem solchen Augenblick um Platz für das Fortkommen zu bitten.

Neben den Kinderwagen oder manchmal an den Händen besagter Frauen, die den Prenzlauer Berg erst erobert und schließlich zu ihrer Hochburg erkoren haben, ist nun der ganz persönliche kleiner Messias gerade damit beschäftigt, ein schönes Schokoladeneis vor sich herzutragen.

 

Man möchte es kaum glauben und vom Standpunkt erwähnter Frauen aus betrachtet, ist es geradezu dreist, dass ein Mann es wagt, eilig dem Kind entgegen zu laufen. Er ist bekleidet mit einer schwarzen Hose, einem schönen blauen Hemd, einer Krawatte, einem guten Sakko und er trägt eine Aktentasche unter dem Arm. Die Dreistigkeit des entgegenkommenden Mannes liegt einzig und allein in seiner Eile begründet.

 

 

An diesem Punkt dürfte jedem klar sein, was jetzt passieren wird!? Und erst, als das schöne Schokoladeneis, sich über einige unwichtige Bereiche des Oberhemdes und weite Teile der Hose verteilt hat, fällt dem Herrn seine Unachtsamkeit auf. Dem Kind kann man da keinen Vorwurf machen. Ist ja schließlich nur stolz mit dem Eis in Vorhalte kreuz und quer, zwischen den schwatzenden Frauen und den Kinderwagen, über den Bürgersteig gefegt. Nun steht es da und weint gar bitterlich. Im nächsten Augenblick schreit es aus voller Kehle. Schuldbewusst beugt sich der Mann nun weit nach vorn und entschuldigt sich bei dem Kleinen. Kann ja mal vorkommen, oder?

 

Noch ehe der gute Mann mit besudelter Hose, ganz einsichtig angesichts seiner Unachtsamkeit, der Mutter des kleinen plärrenden Heiligenscheinträgers höflich das Angebot unterbreiten kann, ein neues Eis am nahe gelegenen Eisladen zu kaufen, beginnt das ganz große Geschrei.

Es ist wichtig und es muss unbedingt an dieser Stelle hervorgehoben werden, es handelt sich dabei jetzt um das Geschrei einer erwachsen Frau. Ob der denn keine Augen im Kopf hat? Was ihm denn einfällt, einfach so blind über den Gehweg zu hasten? Schließlich, muss man doch auf die Kinder achten! Der Man steht steif und schockstarr vor der Frau, die ihre sehr laute Verbalattacke zusätzlich noch mit aggressiven Gesten unterstreicht. Er sieht sich gezwungen, eine Pufferzone einzurichten.

 

Noch ist der Herr guten Willens. Er will sich gerne entschuldigen. Und auch wirklich gerne will er ein neues Eis kaufen. Und dass seine Sachen nun beschmutzt sind, stellt für ihn auch kein größeres Problem dar. Er setzt erneut an, seinen Vorschlag an die Frau zu bringen...

Für den geübten Beobachter ist klar, dass auch dieser zweite Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Mutter mittlerweile in gleicher Tonlage, wie des immer noch plärrende gottgleiche Kind, den armen Mann weiterhin anschreit.

In der irrigen Annahme, sein vorübergehendes Schweigen könnte die Situation beruhigen, lässt er den Wortschwall über sich ergehen. Weit gefehlt: Eine andere Frau, deren Stimme aus den unergründlichen Weiten des immer voller werdenden Bürgersteigs heranschallt, tituliert ihn nun laut als Schwein! Er möge sich jetzt sofort, auf der Stelle, entschuldigen!

Er setzt erneut an, holt tief Luft… Doch, sich der Unterstützung der umstehenden Frauen wohl bewusst, zetert Mutter ohne Unterlass weiter. Das gottgleiche, mit dem Heiligenschein versehene und vor allem vor Männern in Anzügen zu schützende Kind, hat es sich unterdessen auf einem Treppenabsatz gemütlich gemacht. Es hat das Plärren längst eingestellt und wendet sich anderen, gerade viel spannenderen Dingen zu. Ohne es zu ahnen, wohnt ihm eine potentielle Vorbildfunktion inne und man könnte es einfach bei dem derzeitigen Stand der Dinge belassen. Man könnte…

 

Seine Mutter jedoch plustert sich nun todesmutig vor dem Mann auf, von dem alles andere, nur keinesfalls eine Bedrohung ausgeht. Er seinerseits, hebt beschwichtigend die Hände. Es ist eine verzweifelte Geste. Und in ruhigem Ton will er dem wiederholt einsetzenden Gekeife begegnen. Er stellt mit einem mühevollen Lächeln fest, dass doch eigentlich nichts geschehen sei und die ganze Aufregung überhaupt nicht von Nöten ist… Wann sich die Mutter aufregt und was hier von Nöten ist oder was nicht, dass solle er gefälligst ihr überlassen! Und darüber hinaus, fordere sie immer noch eine Entschuldigung, die ja nun angesichts des dem Kinde zugefügten Leides, längst überfällig wäre! Überdies wäre seine beleidigende Art ja wohl das Allerletzte! Und auch dafür habe er sich gefälligst zu entschuldigen! Der Mann schaut ratlos auf den Boden, wo sich die Reste des einst süßen Schokoladeneises langsam verflüssigen.

Sie stößt ihn nun mit den Fingerspitzen auffordernd vor die Brust. Bemüht holt er erneut tief Luft, setzt an, um etwas zu entgegnen, als er im gleichen Moment verbal sehr unsanft darauf hingewiesen wird, es gefälligst zu unterlassen, sie anzufassen. Er bricht auch diesen Versuch ab und schaut lieber resigniert weiter dem dahin schmelzenden Eis zu.

 

Aus der Gruppe, die den Herren bis eben anstandshalber noch in einem respektablen Abstand umstellt hatte, tritt nun eine zweite Mutter nach vorn und verstellt ihm nun ebenfalls den Weg. Das alles obwohl, oder vielleicht gerade weil er keine Anstalten macht, die Flucht zu ergreifen.

Ein Kindergarten und der Eisladen sind nicht weit: also finden sich nach und nach, noch weitere Frauen ein. Aus der Gruppe ist längst eine Menschenansammlung geworden und nun ertönt der Ruf, dass solche Leute wie er, hier überhaupt nicht zu suchen hätten! Von irgendwoher schallt das Wort „Wichser“ über das Geschehen hinweg.

An einen geordneten Rückzug ist längst nicht mehr zu denken. Das Einzige was ihm jetzt noch bleibt, ist Fassung zu bewahren und weiterhin auf einen günstigen Moment  zu hoffen. Was jedoch mit der Hoffnung zuletzt geschieht, ist ja hinlänglich bekannt.

 

Mittlerweile ist auf dem Bürgersteig längst kein Durchkommen mehr. Und ein jeder, der jetzt noch mit Kind und Kinderwagen dem Geschehen folgen möchte, muss zwangläufig mit den billigen Plätzen vorlieb nehmen. Das bedeutet, man stellt sich einfach auf die angrenzende Straße. Das veranlasst sie Autofahrer zum Hupen. Und das Hupen wiederum, erzürnt selbstredend diejenigen, die es angesichts dieser Situation für ihr gutes und mit Sicherheit irgendwo verbrieftes Recht halten, sich auf der Straße aufzuhalten. Eine mütterliche Hand trifft in voller Wucht eine nichts ahnende Windschutzscheibe. Was denn dem Autofahrer einfalle, brüllt die eine. Eine andere schreit aus der Ferne, was er wage, hier zu hupen? Der Mann im so getroffenen Automobil verschießt panisch alle Türen. Er hat die nahende Gefahr sich zusammenrottender, wild gewordener Mütter erkannt. Auch die dahinter befindlichen Autofahrer versuchen, sich nun ihrerseits in Sicherheit zu bringen und verriegeln hektisch die Fahrzeugtüren, schließen eilig die Fenster. Der eine, der durch ein gewagtes Wendemanöver zu entkommen sucht, scheitert an einem im Weg stehenden Kinderwagen. Mit Kind! Er verharrt ängstlich in zusammengekauerter Haltung und hofft, dass sie es ja nicht schaffen werden, die Fahrzeugtüren zu öffnen.

Wütende Frauen und plärrende Kinder haben die Strasse fest im Griff. An den Fenstern drängen sich die vorerst noch neutralen Beobachter, und weil hier fast jeder was mit Medien macht, ist die Presse längst vertreten. Die Schlagzeile einer großen Berliner Tageszeitung wird morgen lauten: Brutaler Angriff auf Frauen - Schwere Ausschreitungen in Berlin-Prenzlauer Berg. Ein beliebiger Leserreporter hat die Bilder bestimmt schon gemacht.

 

Von Ferne hört man nun die Sirenen der nahenden Staatsmacht…

 

Wie, Sie halten das für stark übertrieben? Dann bitte ich Sie, machen Sie doch einfach einen Selbstversuch an einem sonnigen Wochentag zur Feierabendzeit irgendwo rund um den Kollwitzplatz… Viel Spaß! Sagen Sie aber ja nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

 

 

 

 

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