Kleine Eiszeit
Gebärfreudige Mütter, so 35 Jahre
alt plus X, die ihre Torschlusspanik glücklicherweise überwunden zu haben
glauben, stehen mit ihren Kinderwagen, vertieft in eines der wichtigsten
Gespräche überhaupt, mitten auf dem Bürgersteig. Wehe, man wagt es, in einem
solchen Augenblick um Platz für das Fortkommen zu bitten.
Neben den Kinderwagen oder manchmal
an den Händen besagter Frauen, die den Prenzlauer Berg erst erobert und
schließlich zu ihrer Hochburg erkoren haben, ist nun der ganz persönliche kleiner
Messias gerade damit beschäftigt, ein schönes Schokoladeneis vor sich
herzutragen.
Man möchte es kaum glauben und vom
Standpunkt erwähnter Frauen aus betrachtet, ist es geradezu dreist, dass ein
Mann es wagt, eilig dem Kind entgegen zu laufen. Er ist bekleidet mit einer
schwarzen Hose, einem schönen blauen Hemd, einer Krawatte, einem guten Sakko
und er trägt eine Aktentasche unter dem Arm. Die Dreistigkeit des
entgegenkommenden Mannes liegt einzig und allein in seiner Eile begründet.
An diesem Punkt dürfte jedem klar
sein, was jetzt passieren wird!? Und erst, als das schöne Schokoladeneis, sich
über einige unwichtige Bereiche des Oberhemdes und weite Teile der Hose
verteilt hat, fällt dem Herrn seine Unachtsamkeit auf. Dem Kind kann man da keinen
Vorwurf machen. Ist ja schließlich nur stolz mit dem Eis in Vorhalte kreuz und
quer, zwischen den schwatzenden Frauen und den Kinderwagen, über den
Bürgersteig gefegt. Nun steht es da und weint gar bitterlich. Im nächsten
Augenblick schreit es aus voller Kehle. Schuldbewusst beugt sich der Mann nun
weit nach vorn und entschuldigt sich bei dem Kleinen. Kann ja mal vorkommen,
oder?
Noch ehe der gute Mann mit
besudelter Hose, ganz einsichtig angesichts seiner Unachtsamkeit, der Mutter
des kleinen plärrenden Heiligenscheinträgers höflich das Angebot unterbreiten
kann, ein neues Eis am nahe gelegenen Eisladen zu kaufen, beginnt das ganz große
Geschrei.
Es ist wichtig und es muss unbedingt
an dieser Stelle hervorgehoben werden, es handelt sich dabei jetzt um das
Geschrei einer erwachsen Frau. Ob der denn keine Augen im Kopf hat? Was ihm denn
einfällt, einfach so blind über den Gehweg zu hasten? Schließlich, muss man
doch auf die Kinder achten! Der Man steht steif und schockstarr vor der Frau,
die ihre sehr laute Verbalattacke zusätzlich noch mit aggressiven Gesten
unterstreicht. Er sieht sich gezwungen, eine Pufferzone einzurichten.
Noch ist der Herr guten Willens. Er
will sich gerne entschuldigen. Und auch wirklich gerne will er ein neues Eis kaufen.
Und dass seine Sachen nun beschmutzt sind, stellt für ihn auch kein größeres
Problem dar. Er setzt erneut an, seinen Vorschlag an die Frau zu bringen...
Für den geübten Beobachter ist klar,
dass auch dieser zweite Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Mutter mittlerweile in gleicher Tonlage,
wie des immer noch plärrende gottgleiche Kind, den armen Mann weiterhin anschreit.
In der irrigen Annahme, sein
vorübergehendes Schweigen könnte die Situation beruhigen, lässt er den
Wortschwall über sich ergehen. Weit gefehlt: Eine andere Frau, deren Stimme aus
den unergründlichen Weiten des immer voller werdenden Bürgersteigs
heranschallt, tituliert ihn nun laut als Schwein! Er möge sich jetzt sofort,
auf der Stelle, entschuldigen!
Er setzt erneut an, holt tief Luft…
Doch, sich der Unterstützung der umstehenden Frauen wohl bewusst, zetert Mutter
ohne Unterlass weiter. Das gottgleiche, mit dem Heiligenschein versehene und
vor allem vor Männern in Anzügen zu schützende Kind, hat es sich unterdessen
auf einem Treppenabsatz gemütlich gemacht. Es hat das Plärren längst eingestellt
und wendet sich anderen, gerade viel spannenderen Dingen zu. Ohne es zu ahnen,
wohnt ihm eine potentielle Vorbildfunktion inne und man könnte es einfach bei
dem derzeitigen Stand der Dinge belassen. Man könnte…
Seine Mutter jedoch plustert sich
nun todesmutig vor dem Mann auf, von dem alles andere, nur keinesfalls eine
Bedrohung ausgeht. Er seinerseits, hebt beschwichtigend die Hände. Es ist eine
verzweifelte Geste. Und in ruhigem Ton will er dem wiederholt einsetzenden
Gekeife begegnen. Er stellt mit einem mühevollen Lächeln fest, dass doch eigentlich
nichts geschehen sei und die ganze Aufregung überhaupt nicht von Nöten ist…
Wann sich die Mutter aufregt und was hier von Nöten ist oder was nicht, dass
solle er gefälligst ihr überlassen! Und darüber hinaus, fordere sie immer noch
eine Entschuldigung, die ja nun angesichts des dem Kinde zugefügten Leides, längst
überfällig wäre! Überdies wäre seine beleidigende Art ja wohl das Allerletzte!
Und auch dafür habe er sich gefälligst zu entschuldigen! Der Mann schaut ratlos
auf den Boden, wo sich die Reste des einst süßen Schokoladeneises langsam
verflüssigen.
Sie stößt ihn nun mit den
Fingerspitzen auffordernd vor die Brust. Bemüht holt er erneut tief Luft, setzt
an, um etwas zu entgegnen, als er im gleichen Moment verbal sehr unsanft darauf
hingewiesen wird, es gefälligst zu unterlassen, sie anzufassen. Er bricht auch
diesen Versuch ab und schaut lieber resigniert weiter dem dahin schmelzenden
Eis zu.
Aus der Gruppe, die den Herren bis
eben anstandshalber noch in einem respektablen Abstand umstellt hatte, tritt
nun eine zweite Mutter nach vorn und verstellt ihm nun ebenfalls den Weg. Das
alles obwohl, oder vielleicht gerade weil er keine Anstalten macht, die Flucht
zu ergreifen.
Ein Kindergarten und der Eisladen
sind nicht weit: also finden sich nach und nach, noch weitere Frauen ein. Aus
der Gruppe ist längst eine Menschenansammlung geworden und nun ertönt der Ruf,
dass solche Leute wie er, hier überhaupt nicht zu suchen hätten! Von irgendwoher
schallt das Wort „Wichser“ über das Geschehen hinweg.
An einen geordneten Rückzug ist längst
nicht mehr zu denken. Das Einzige was ihm jetzt noch bleibt, ist Fassung zu
bewahren und weiterhin auf einen günstigen Moment zu hoffen. Was jedoch mit der Hoffnung zuletzt
geschieht, ist ja hinlänglich bekannt.
Mittlerweile ist auf dem
Bürgersteig längst kein Durchkommen mehr. Und ein jeder, der jetzt noch mit
Kind und Kinderwagen dem Geschehen folgen möchte, muss zwangläufig mit den
billigen Plätzen vorlieb nehmen. Das bedeutet, man stellt sich einfach auf die
angrenzende Straße. Das veranlasst sie Autofahrer zum Hupen. Und das Hupen
wiederum, erzürnt selbstredend diejenigen, die es angesichts dieser Situation
für ihr gutes und mit Sicherheit irgendwo verbrieftes Recht halten, sich auf
der Straße aufzuhalten. Eine mütterliche Hand trifft in voller Wucht eine
nichts ahnende Windschutzscheibe. Was denn dem Autofahrer einfalle, brüllt die
eine. Eine andere schreit aus der Ferne, was er wage, hier zu hupen? Der Mann im
so getroffenen Automobil verschießt panisch alle Türen. Er hat die nahende
Gefahr sich zusammenrottender, wild gewordener Mütter erkannt. Auch die
dahinter befindlichen Autofahrer versuchen, sich nun ihrerseits in Sicherheit
zu bringen und verriegeln hektisch die Fahrzeugtüren, schließen eilig die
Fenster. Der eine, der durch ein gewagtes Wendemanöver zu entkommen sucht,
scheitert an einem im Weg stehenden Kinderwagen. Mit Kind! Er verharrt
ängstlich in zusammengekauerter Haltung und hofft, dass sie es ja nicht
schaffen werden, die Fahrzeugtüren zu öffnen.
Wütende Frauen und plärrende Kinder
haben die Strasse fest im Griff. An den Fenstern drängen sich die vorerst noch
neutralen Beobachter, und weil hier fast jeder was mit Medien macht, ist die
Presse längst vertreten. Die Schlagzeile einer großen Berliner Tageszeitung
wird morgen lauten: Brutaler Angriff auf Frauen - Schwere Ausschreitungen in
Berlin-Prenzlauer Berg. Ein beliebiger Leserreporter hat die Bilder bestimmt
schon gemacht.
Von Ferne hört man nun die Sirenen
der nahenden Staatsmacht…
Wie, Sie halten das für stark
übertrieben? Dann bitte ich Sie, machen Sie doch einfach einen Selbstversuch an
einem sonnigen Wochentag zur Feierabendzeit irgendwo rund um den Kollwitzplatz…
Viel Spaß! Sagen Sie aber ja nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.