 |
Current mood:  hyper
Witten? Oder Bochum? Das fragen sich Ben Redelings und ich, als wir nach seinem und vor meinem Auftritt auf der Piazza-Bühne kurz zusammenhocken und beobachten, wie die Menschen über das edel gestaltete Gelände flanieren. Hier gibt es keine "Fressbuden", sondern Filialen von City-Restaurants wie Dönninghaus oder Living Room - ihre Schilder alle im Corporate-Identity-Layout der Veranstaltung. Biohändler verkaufen Nüsse für 25 Euro das Gramm und reichen einem Mangostücke mit den Worten: "Lutsche die Mango. Genieße. Mach keinen Quickie draus!" Es gibt Windspielstände. Ein Großteil der Zielgruppe wird wohl Geld haben, Debussy hören und eine Besserverdienerpartei wählen, also grün, gelb oder violett. Das hat den Vorteil, dass keine hackevollen Rückenhaarmänner auf dem Rand der Bühne kleben. Statt dessen plärrt ein vorlautes kleines Mädchen die ersten fünf Minuten meines Vortrags dazwischen, als wolle es testen, ob sie mich aus der Ruhe bringen kann. Kann sie nicht. Das Publikum an den Tischen ist außer den ca. 25 Hui-Fans sehr zurückhaltend. Die Piazza-Bühne steht mitten auf dem Marktplatz zwischen den Restaurantständen. Sie ist offen. Sie hat Durchgangsverkehr. Nirgendwo steht, dass hier Uschmann spielt. Oder Redelings. Laut Schild spielt nur BoSKop. Mein Blick fällt in alle Himmelsrichtungen auf gigantische Zelte. In denen spielten die vergangenen Tage Bands. Heute spielen da Frank Goosen, Sarah Kuttner und Michael Gantenberg mit Bastian Pastewka. Die Wittener wissen das und pilgern ab 19 Uhr an der Piazza-Bühne vorbei Richtung Eingänge der teuren Zelte (diese Bühne hier gehört zum 2-Euro-Ticket des Areals, die Kollegen in den Zirkusrondells nehmen das Zigfache), einfach vor der Nase meiner eigenen Zuhörer vorbei. Stört mich das? Ja! Man kann auch hinten rumgehen. Oh Gott, was für ein Satz! Sätze, die mit "man kann auch..." anfangen sind der Anfang vom Spießertum, der erste Schritt zu Feinripp und Ellbogenkissen im Fenster. Ich bin gereizt und verrate daher spontan die Existenz der geheimen Trainingslager für Comedians und Literatur-Entertainer in den Bergen von Davos, wo ich Mario Barth beim Anlegen der Schweißsimulationskissen beobachten durfte. Es kommt nicht so gut rüber, wie es sollte. Es ist einfach zu laut hier. Nach der Show signiere ich auf Wunsch der Buchhändlerin von Buch Habel 75 Bücher für den Laden, plaudere mit Freunden der Hui-Welt und esse Curry aus dem Living Room. Die Buchhändlerin sagt: "Herr Uschmann, ganz ehrlich mal, ich weiß nicht, warum sie immer noch freiwillig in so einem Kontext lesen und nicht in einem der großen Zelte da." Als ich wenig später unter dem Kemnader Abendhimmel meine Merchkiste an der Heveneyer Beachvolleyball-Halle vorbei zum Auto trage, das ich statt im VIP-Bereich weit weg auf der Besucherwiese geparkt habe, frage ich mich, ob "Bodenhaftung" nicht auch bedeuten kann, dass man sich manchmal selbst Panzertape auf die Sohlen klebt, obwohl man längst ein wenig hätte abheben dürfen. Im Radio tuckern die Ergebnisse der Kommunalwahlen durch die Kabel. Alle Parteien erklären sich zum Sieger.
4:38 PM
Powered by  | | English | | Albanian | | Arabic | | Bulgarian | | Catalan | | Chinese | | Croatian | | Czech | | Danish | | Dutch | | Estonian | | Filipino | | Finnish | | French | | Galician | | German | | Greek | | Hebrew | | Hindi | | Hungarian | | Indonesian | | Italian | | Japanese | | Korean | | Latvian | | Lithuanian | | Maltese | | Norwegian | | Polish | | Portuguese | | Romanian | | Russian | | Serbian | | Slovak | | Slovenian | | Spanish | | Swedish | | Thai | | Turkish | | Ukrainian | | Vietnamese |
|