Vormittag, Frankfurt. Ich verkante mich in Parkhäusern. Fahre hinein, begreife sie nicht, folge den Pfeilen und lande sofort wieder in der Ausfahrt. Stehe vor der Schranke, ohne bezahlt zu haben. Ziehe den Zorn der Wartenden auf mich. Schilder an den Wänden gibt es nicht. Die Pfeile auf dem Boden sind unbegreiflich und sicher aus Frankfurter Bosheit so gemalt, wie Stammbäume aus der Ahnenforschung. Am Abend zuvor musste ich schon mal vor dem Parkhaus des Hotels kapitulieren, so eng war die Lücke, rechts von Beton begrenzt und links von einem glänzenden Porsche. "Reg dich nicht auf", tröstete mich Sylvia am Telefon, "es war erst recht männlich, dass du gemerkt hast, dass es nicht geht." Frankfurt verwirrt mich. Zu viele Menschen, die niesen, sprechen und böse gucken, als wollten sie was... eine Unterschrift auf ihre Klemmbretter oder mein Geld oder mein Leben. Die Shopping Mall "MyZeil" wurde von einem Riesen aus Stahl und Glas geblasen, sie ist rund und hat einen Wirbel in der Mitte, alles dreht sich um mich. Ich habe nicht die Stadt in der Hand, sondern die Stadt beherrscht mich.
Abend, Butzbach. Ich spaziere durch die wunderschönen Winkelgassen der Stadt. Die Fachwerkhäuser am Marktplatz stehen schief und sind in sich gebogen, als hätte sie jemand gemalt. Ich genieße jeden Schritt. Ich trage vor 35 aufmerksamen und sympathischen Menschen ganze 145 Minuten die Essenz aus "Fehlermeldung" vor. Die Menschen bleiben bei mir, die Getränke gibt es gratis. Links sitzt Tontechniker Stephan Busch vor Laptop und DAT-Rekorder und zeichnet die Show auf. Eine Wespe wird zum Running Gag. Noch nie bei meinen rund 400 Auftritten bislang hatte ich eine Wespe zu Gast, aber heute summt sie um die sensiblen Mikrofone. Die Menschen lachen an den richtigen Stellen und sind berührt und still, als ich die traurigen vorlese. In ihren Augen funkelt dieses Verständnis, dieser Gedanke: "Wow, was der da beschreibt, das kenne ich, das trifft genau den Punkt, aber ich hätte es nicht so sagen können." Eine Mutter lacht tragische Tränen über die Figur Manuel, da sie wohl selber noch die Wäsche des erwachsenen Sprösslings reinigt. Ein Pärchen erzählt mir, dass sie das Phänomen des "inneren Dauerprogramms", das den Mann abwesend in seiner eigenen Welt verweilen lässt, "von ihrem Onkel" kennen. Der hat es mit Kochen, wo meine Charaktere es mit Musik haben. Ich selber habe Listen meiner Kindheit mitgebracht, um meine Nerdigkeit der frühen Tage zu zeigen. "Ollis C64-Charts" etwa, "Ollis LPs von 1990" oder auch die handgetippte Tabelle der Tischtennisliga, in der ich spielte. Auf der Spieleliste entdeckte ich vor der Lesung auch die Rubrik "LCD-Games" und darin auf Platz 5 den Titel "Marshall". Es war unglaublich, was in dem Moment in meinem Hirn passierte. Nicht nur dieses Spiel war wieder in meinem Kopf, mit all seiner Minimalgrafik und jedem Piepsound, sondern jeder Geruch dieses Lebensabschnitts, jede Erinnerung dieser Zeit. Gegen 22:35 Uhr haben wir es geschafft. Ich lese den letzten Satz, dann atme ich tief aus und sage: "Wir haben ein Hörbuch gemacht!" Ich bin glücklich, die Leute auch. Einen besseren Ort als die
Buchhandlung Bindernagel hätte es dafür nicht geben können. Der Veranstalter war so enthusiastisch, er hätte sogar die Straße sperren lassen, "wenn es für die Aufnahme nötig gewesen wäre". Für so einen Einsatz bin ich sehr dankbar. Gegen Mitternacht laufe ich wie ein Schatten durch die Gassen und jauchze, als ich Sylvia davon berichte, wie gut es war. Es musste gut sein, denn sie hatte es sich gewünscht von mir und mir suggeriert, das ist unser Ritual vor Shows, bei denen sie nicht mitreisen kann, und es wirkt. "Habe Spaß", sagt sie dann immer, "und mach mich stolz." Das Fachwerk schimmert im Laternenlicht. Butzbach verwirrt mich nicht. Bevor ich ins Bett gehe, überlege ich mir, eines Tages eine Partei zu gründen, die den Rückbau aller Städte zur Größe und Architektur von Butzbach fordert. Dann denke ich, dass es zu viel Arbeit wäre, und schlafe ein.