Es war einmal...ich. Sämtliche Schweiz-Ratgeber hatte ich gründlich studiert und besonders den Sprachseiten grosse Aufmerksamkeit geschenkt (Sprachfan, der ich bin). Eines meiner schlauen Bücher riet mir, dass vor allem das "Grüezi" gut zu üben sei.
Es zeigte sich, dass von früherster Kindheit antrainierte Grüsse sehr schwer in anderes umzuwandeln sind. Wahrscheinlich müsste man dazu die hirneigene Festplatte formatieren und von Null beginnen. Doch da eine Neugeburt in der Schweiz mir trotz vielen Meditierens nicht möglich war, liefen meine ersten Begegnungen wie folgt ab:
Ich (treffe Nachbarin im Treppenhaus, will "Grüss Gott" sagen, schlucke, sage:) "...."
Nachbarin (gekonnt): "Grüezi!"
Ich (die ich bereits in Nordirland gelernt habe, mein antrainiertes "Grüss Gott" zu schlucken und umgehend durch "Hello" zu ersetzen, schlucke, merke, dass auch "Hello" verkehrt wäre, sage:)"..."
Nachbarin sieht mich abwartend an.
Ich (habe in Berlin gelernt, wo ich nach Nordirland war, das "Hi" zu schlucken und rasch durch "Guten Tag" zu ersetzen, schlucke also, stelle fest, dass auch dies die falsche Wahl wäre und sage): "..."
Nachbarin runzelt die Brauen und zieht die Tür hinter sich zu.
Ich: "Äh."
***
Nach drei Monaten beständigen Übens gelang es mir, relativ rasch und relativ flüssig und wie ich für mich stolz resumierte, relativ akzentfrei "Grüezi" zu sagen.
Also konnte ich mich nun aus dem Haus wagen. Allerdings, vor längeren Unterhaltungen rieten all meine Schweizführer ab. Schweizerdeutsch zu beherrschen sei schwierig. Man werde am zu weichen CH erkannt (wie in "ich" statt ein "ch" wie in "acht"). Nun, in diesem Falle, so dachte ich, würde ich zum Kauf einer CD am besten in Kaufhaus gehen. Wie alle bestätigen können, die je im Ausland waren, sind Supermärkte und Kaufhäuser sicheres Terrain. Selbst die Zahlen braucht man nicht zu beherrschen (und selbst vom Verstehen des Schweizerdeutschen war ich noch meilenweit entfernt), man blickt einfach auf das Display an der Kasse und weiss, was man bezahlen muss (die andere, die Notvariante besteht darin, dass man einen grossen Schein reicht und darauf hofft, dass die Kassiererin den richtigen Betrag an Wechselgeld herausgibt).
Ich begab mich also ohne Umschweife in ein grosses Schweizer Kaufhaus. Fand die gesuchte CD, trat an die Kasse und sprach locker lächelnd: "Grüezi."
Der Kassierer: "Grüezi."
Er nannte den Preis meiner CD. Kein Problem, der stand ja drauf und ich hatte das Geld bereits abgezählt in der Hand. Auch wenn ich natürlich sonst kein Wort verstanden hätte.
Ich zahlte und wollte lächelnd gehen (Konversation erfolgreich bewältigt ohne als Ausländerin enttarnt worden zu sein). Doch da! Der nette Kassierer sagt etwas. Oh weh, dem Tonfall nach zu urteilen ist es eine Frage. Es klingt wie "Säggli". Völlig rätselhaft, verstehe kein Wort. Er hält noch immer meine CD in der Hand, ohne die ich nicht gewillt bin, den Ort zu verlassen. Ich sehe ihn verzweifelt an und muss mich mit einem allzu Hochdeutsch klingenden "Wie bitte" nun doch als Ausländerin outen.
Er wiederholt seinen Satz (eine schlechte Angewohnheit Ausländern gegenüber, meist würde ein Neuformulieren eher helfen). Es klingt wie "Säggliwölle".
Erst sein Zeigefinger, der auf eine Plastiktüte deutet, macht mir klar, dass ich gefragt werde, ob ich eine Plastiktüte, ein Säckchen, wolle, also eben "Säckli wölle?"
Stumm und geschlagen nicke ich. Er steckt meine Cd in das Tütchen und ich schleiche gesenkten Kopfes, das Säckli in der Hand, aus dem Kaufhaus.