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Odee (left)



Last Updated: 11/17/2009

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Thursday, September 24, 2009 

Current mood:gummiselig
Beatles? Ein Brotaufstrich? Eine Sirupmarke? Das Tamil-Wort für Laubsäge? Mitnichten. Die Beatles waren eine Band, und nicht die schlechteste. Bei Kaffee und Kuchen trafen sich Connaisseur (Tom Krailing) und Haderer (der Schreiber) und klatschten über «Rubber Soul».

Ein föhniger Sonntagnachmittag im Altweibersommer, offene Fenster, Kinderkieksen, Brunnenplätschern. Es klopft an der Tür. Tom Krailing, diverse «Rubber Soul»-Editionen und Sekundärliteratur unterm Arm, stürmt in die sonnendurchflutete Besenkammer des protokollierenden Gastgebers.

Jürg Odermatt (JO): Beatles, Sonnenschein, Kaffee und Kuchen. Prima, oder? Würden wir über Velvet Underground reden, müsste es morgens um halb vier sein. Wir sässen auf einem speckigen Sofa in einem schimmligen Backstage...

TK: ...und würden freebasen statt Sachertorte essen.

JO: Obwohl: John Lennon nannte «Rubber Soul» ein Pot-Album.

TK: Das versteh ich jetzt nicht. Bochum? Gelsenkirchen? Dortmund? Schalke? Die Beatles hatten doch eher so ne Hamburg-Connection...

JO: ...nee, du Hirni. Pot, Marihuana.

TK: Oh. Ich und ich kapiere.

Alsbald läuft «Drive My Car» über JOs Hi-End-Equipment. In der neu aufgeräumten Version, allerdings kurzerhand auf dem virtuellen Graumarkt organisiert.

JO: 36:00 Minuten Spielzeit. Das nenn ich ein schlankes Album. Klassisch! Klassischer Opener auch. Der Titel soll ja ne Bluesfloskel sein und drum irgendwas mit Körpersäftetausch zu tun haben.

TK (dozierend): Nun, «Rubber Soul», tönt wie «Rubber Sole», Gummisohle, see?! Der britische Wortspielzwang. (Mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht): Hier, diese digital aufgebrezelte Rassel. Völlig übertrieben – das tut weh! Apropos schlankes Album: Die Band musste sich beim Aufnehmen sputen, die Platte sollte pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 1965 auf dem Markt sein. Ab dem 12. Oktober hatten sie innerhalb eines Monats alles im Kasten. Die Nummer «Wait», einen Outtake vom «Help!»-Album, packte man kurzerhand mit drauf, um «Rubber Soul» voll zu machen. Am 3. Dezember war Release. Chakalaka! (nimmt ein Gäbelchen Sachertorte).

JO (verschlagen): Ja, ja, ja. Beatlemania. Du hast hier auch die US-Version mit dem golden-braunen Lettering und einer seltsamen Zusammenstellung der Tracks: Da fehlen «Drive My Car», «Nowhere Man», «What Goes On» und «I’m Looking Through You». Dafür hats so Zeugs von «Help!» drauf.

TK: «It’s Only Love» und «I’ve Just Seen A Face». Genau. Wohl der Versuch, die Beatles in den Staaten als Folkrock-Band zu positionieren. The Byrds, der neu elektrifizierte Dylan und so, das war damals der heisse Scheiss der Saison auf der anderen Seite des Atlantiks.

JO: Das machte ja eine völlig andere Platte. Der Markt, die Hur!

TK: In der Tat. Krass, aber so wurde es gemacht.

JO: Zurück zur klassischen Version. «Rubber Soul» also. Ein ziemlich flaues Album. Das der LOOP-Boss mir schmackhaft zu machen versuchte mit dem Argument, ich sei ja ein Soulexperte. Abgesehen vom Albumtitel gibts da aber wenig zu holen. Wenn schon, ist «Revolver» das Soulalbum der Beatles.

TK: Exakt! «Got To Get You Into My Life»!

JO: «Taxman»!

TK: Dass es dieser Song nicht in die «Rolling Stone»-Charts der besten 100 Beatles-Songs geschafft hat, ist unfassbar.

JO: Yup. Wie würdest du «Rubber Soul» im Beatlesschen Gesamtoeuvre denn einordnen?

TK (erneut dozierend): Es ist eindeutig ein Übergangsalbum und steht zwischen den frühen Sachen...

JO: ...diesem «Love, Love, Yeah, Yeah»-Zeugs?...

TK: ...genau, und den späteren, komplexeren Songs, den sophisticateteren Texten, den Studioexperimenten. Auf «Rubber Soul» gings damit los. Die Sitar hier in «Norwegian Wood», oder das mit halber Geschwindigkeit aufgenommene Klavier von George Martin in «In My Life», das beim Abspielen im Normaltempo hochgepitcht wird und so einen Barock-Appeal kriegt. Verzerrte Bässe. Schwer komprimierte Klaviere. Allerhand Perkussion. Ringo verwendet auch mal ne Streichholzschachtel als Shaker. Ausserdem ist «Rubber Soul» ein frühes «richtiges» Album, also mehr als eine Sammlung von Singles.

JO (nörgelnd): Obwohl sie in derselben Session «Day Tripper» und «We Can Work It Out» aufnahmen, die dann als Doppel-A-Seite-Single herauskamen... Eigenartige Veröffentlichungspolitik. Na ja, wie heute eigentlich. Hits! Hits! Hits! Wären die beiden Tracks auf dem Album gelandet – statt «Nowhere Man» und «What Goes On» oder «I’m Looking Through You» – wäre «Rubber Soul» ja ziemlich gut geworden.

TK: «Norwegian Wood» soll auf eine Affäre Lennons mit Sonny Drane, der Frau des Cover-Fotografen Robert Freeman anspielen, sie war ein Model und 1964 auch im – allerersten – Pirelli-Kalender drin. Halt krass verschlüsselt und alles, Lennon war ja verheiratet und ein echter Paranoiker. Pikant, ist es nicht?

JO: «I once had a girl, or should I say, she once had me» – damit nen Song zu beginnen, ist auch nicht ohne.

JO und TK rühren schweigend im Kaffee. «You Won’t See Me». Brunnengeplätscher.

JO: Mann, «Nowhere Man» geht mir echt auf den Geist. Dämliche Melodie. Überhaupt, mein Freund und Copperstinger, ich muss es wieder mal loswerden, sind die Beatles eine grob überschätzte Band. Sie, nun ja, berühren mich nicht. Ich kann sehen und hören: Ja ja, gute Melodien, schöne Harmonien, ein Bass, der nicht immer den Grundton spielt, die gegenläufigen Bewegungen von Gesangs- und Instrumentallinien und ein Schlagzeuger mit komischen Ideen, die noch gut sind. Aber da schwingt so eine Streber-Attitüde mit: Schaut mal, wie genial ich gestern grad wieder war... Und apropos Soul: Grooven tut das ja nun nicht gerade. Ist eher «Wooden Soul» (lacht leicht hysterisch und verschluckt sich an seinem Stück Sachertorte).

TK (versonnen): Ich ahne, was du sagen willst, alter Teufelsadvokat. Und dass man etwa die Kinks über all dem Beatles-Hype völlig vernachlässigt, geht natürlich gar nicht. Andererseits ist es schon unglaublich, was diese Band für eine Entwicklung durchmachte von 1962 bis 1969. Dieses Vorwärtsstürzen, diese Lust am Experimentieren, am Blödeln, am Alles-Verwursten und In-eine-schlanke-Form-Zwingen. Da kam enorm viel gutes Material zusammen. Ausserdem waren die noch keine 30, als sie sich auflösten.

JO: Stimmt. Fuck. Mein Lieblingsalbum früher war übrigens das blaue (lacht verzagt).

TK: Mein Vater hatte das auf Tape im Auto, das rote auch. Neben Fats Domino und einer K-Tel-Kompilation von Elvis. So kam ich auf den Geschmack.

JO: Was hältst du denn von dieser neuen Edition? Ringo findet sie ja gut, weil das Schlagzeug jetzt lauter sei (lacht, dass der Kaffee überschwappt). Tom Etter schwört ebenfalls darauf. Ich glaube, er hat «Yellow Submarine» gekauft...

TK: Die Idee ist super und überfällig. Da passierte ja lang gar nichts. Eigentlich unfassbar.

JO (im Kirschnebel): Vielleicht wollte Jacko das nicht...

TK (unbeirrt): Wenn nun die Originale digital entstaubt werden und etwas mehr Dynamik in die Aufnahmen kommt, ist das schlichterdings prima, ausserdem sind diese Neueditionen – im Gegensatz zu den ersten Beatles-CD-Releases – wirklich sehr liebevoll aufgemacht. Shaker und Rasseln sind für meinen Geschmack etwas zu penetrant jetzt. Das ist aber ein Detail. Ob die Songs so mehr Sex haben, ist nochmals eine andere Frage. Aber hey: Wer «die Originale» will, kann sich nach wie vor das Vinyl auflegen.

JO: Word! Auch wenn die Nadeln am iPod von eher minderer Qualität sind. Shit, «The Word» ist zwar ne Hippiehymne, aber die groovt ja tatsächlich ganz ordentlich. Ne «Taxman»-Blaupause. Und jetzt: «Michelle». Ist zwar unglaublich cheesy, aber auch ein unglaublicher Ohrwurm. Wusstest du, dass die «I love you, I love you, I love you»-Passage von Nina Simone geklaut ist?

TK: Très bien! Ja, in ihrem Cover von «I Put A Spell On You» machte sie was Ähnliches, und John schlug Paul vor, das einzubauen, aber die Betonung von «you» auf «love» zu verschieben.

JO: Nina Simone! DAS ist richtig gut! (giesst Kaffee in den Kirsch nach). Ich mag ja Ringo, aber als Singer/Songwriter nur bedingt. «What Goes On» tönt genau so, wie wenn ne Garagenband im Proberaum kifft und einer in die Dröhnung hinein sagt: «Hey, ich hab grad ne crazy Idee: Lasst uns so tun, als wärn wir ne Countryband.»

TK: File under «typisch britischer Humor». Wobei Ringo selbst zugibt, dass er zu dem Song ungefähr fünf Wörter beigetragen hat...

JO (grinst mit schokogussverschmiertem Mund): Ringo ist ein cooler Scheisser. Hast du eigentlich mal was von den Beatles gecovert?

TK: Im Vergleich zu all den Dylan- und Neil-Young-Covers nur sehr sporadisch. Ich wagte mich ein paarmal an «Eleanor Rigby». Und mit Buffalo Ballet spielten wir eine Weile lang «Happiness Is A Warm Gun», bis einer der Züris mal ausrief, das sei also ne ziemliche Scheissversion. Aber solo und akustisch sind Beatles-Sachen echt schwierig zu spielen.

Auf dem Platz unten Pärchen beim Sonntagsspaziergang. Die einen schieben Kinderwagen mit Doppeldiffusor. Halbwüchsige mit Budget-Energydrinks in der Hand hören Electroschraddel aus Handyspeakern. Lennon saugt dieweil Luft ein, bevor er «Girl» singt.

JO (leise): Schöne Nummer eigentlich. «She's the kind of girl you want so much it makes you sorry. Still you don't regret a single day.» Uh. Verdammt schöne Nummer sogar. Shit.

TK (besänftigend, weise): Lass es zu, mein Freund. Die kriegen jeden weich. Sie lachten sich natürlich schlapp, weil sie es schafften, die «Tit-tit-tit-tit»-Chöre an George Martin vorbei auf die Platte zu schmuggeln. Lennon sagte viel später, dass «Woman» so etwas wie eine erwachsene Version von «Girl» sei.

Leise wabert der Dunst von Kirschwasser. Brunnen- und Gesprächsgeplätscher haben sich längst vermischt. Sachertortenreste. Kaffeesatz. Zwei Nirgendwomänner. Ein Tisch.

TK (sich aufraffend, noch einmal dozierend, forsch): Ab «Rubber Soul» begannen Lennon und McCartney verstärkt, je für sich zu komponieren. Nach wie vor gabs aber ihr Ideen-Pingpong. Wusstest du, dass oft der Mittelteil eines Songs – die Beatles reden jeweils von Mid Eight – vom Gegenpart geschrieben wurde? Wusstest du fürderhin, dass sich Lennon/McCartney nur bei zwei Songs im Nachhinein darüber stritten, wer welchen Anteil daran hatte? Einer läuft gerade: «In My Life» – neben «Norwegian Wood» mein Favorit auf «Rubber Soul».

JO: Ja. Kann ich verstehen. Im «Playboy»-Interview sagte Lennon, dass McCartneys Beitrag der Mittelachter und seine zweite Stimme seien...

TK: ...während McCartney behauptet, er hätte in Johns Haus an dessen Mellotron die ganze Melodie zu Lennons Textidee erfunden, indem er sich von Smokey Robinson inspirieren liess, du weisst schon: «You’ve Really Got A Hold On Me», «Tears Of A Clown» und so. «Geh und trink ne Tasse Tee oder sonst was. Lass mich damit zehn Minuten allein, und ich mach es», soll er zu John gesagt haben...

JO (etwas Milchschaum vor dem Mund): ...verstehst du jetzt, was ich meine, wenn ich von Strebern rede, die ihre Genialität ausstellen? Und hör dir diesen Musikwissenschaftlerschwurbel zu «In My Life» an (zitierend): «Seine kantige Vertikalität, die eine ganze Oktave in typischen weiten – und schwierigen – Sprüngen umfasst, trägt mit Sicherheit eher McCartneys Handschrift als die Lennons, obwohl das Stück perfekt zu dessen Stimme passt.» Alter, wen interessiert kantige Vertikalität? Das sind doch Popsongs. Wen interessiert der Mittelachter? Wengelwengel. Ein Akkord. Alles gut. Ein zweiter, alles perfekt. Schwierige Sprünge? Wovon redet er? Vom dreifachen Salchow? Fuck.

TK (sanft): Für die Musikwissenschaftler und ihr Geseier können die Beatles nix, Amigo.

«Wait» läuft durch. Wie der Kirsch durch die zunehmend trockenen Kehlen.

JO: Gott, Harrison hatte es damals schon erwischt, die Melodie von «If I Needed Someone» tönt ja wie direkt aus dem Shankar-Workshop. Auch ohne Sitar.

TK: War aber offensichtlich von den Byrds entlehnt. Die 12-Saitige, die Harmonien und alles. Harrison schickte Roger McGuinn eine Aufnahme auf Tape, noch bevor «Rubber Soul» erschien. Das sagt einiges. Ausserdem war «If I Needed Someone» der einzige Harrison-Song, den die Beatles je live spielten.

JO: Was du alles weisst, Muchacho.

TK: Da staunst du. Und ich weiss noch mehr: Die Eingangszeile zu «Run For Your Life», dem letzten Track auf «Rubber Soul», klaute Lennon – der seinen Song später hasste – aus Elvis Presleys «Baby, Let’s Play House».

JO (mit glasigen Augen): Ich staune. Der King. Sowas von visionär. Damals gabs doch noch gar keinen House. Frankie Knuckles war ja eben erst geboren.

TK (um seine Contenance ringend): Mh. Ahh. Tzz. Uu.

JO (jäh verschmitzt): Ha. Gotcha. Ich weiss zwar nicht, welche Farbe Lennons Unterhose am Tag hatte, als sie den Song aufnahmen. Wahrscheinlich war sie gelb, haha. Aber die Nummer «Baby, Let’s Play House» schrieb der aus Nashville stammende Bluesgitarrist Arthur Gunter und brachte sie 1954 auf «Excello» heraus. Er durfte zwar Presley nie die Hand schütteln, aber er bekam einen Tantiemen-Check über 6500 Dollar. Immerhin.

TK: Na denn Prost!

JO: Ja.

Der Vorhang fällt.

Erschienen in: LOOP Okt. 09




























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