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Carsten



Last Updated: 6/17/2009

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Friday, June 06, 2008 
Spiel mir das Lied vom Tod
Äthiopische Besatzer, eine handlungsunfähige Regierung, islamistische Milizen, Piraten und hunderttausende Flüchtlinge, die zu verhungern drohen. Somalia ist außer Kontrolle.

Am Tag, als ihr Ehemann Abdi von einer Granate getötet wurde, wollte ihm Amina Hassan Ali sein Lieblingsessen zubereiten; gekochtes Lammfleisch mit Rosinenreis. Es gab etwas zu feiern. Abdi hatte endlich Arbeit gefunden, nach wochenlanger Suche. Den Dachstuhl eines wohlhabenden Nachbars sollte er reparieren und dafür sogar mit Dollars bezahlt werden nicht mit Reis oder Speiseöl aus geklauten Beständen der Hilfslieferungen, wie üblich. Abdi, der Zimmermann, träumte davon, ein schönes Haus für seine Familie zu bauen, spätestens dann wenn der Bürgerkrieg nur noch eine schlimme Erinnerung ist.

Alles kam anders. Am 20. April verließ er das Haus um das Dach des Nachbarn zu richten und zur gleichen Zeit feuerten äthiopische Soldaten am anderen Ende von Mogadischu eine Mörsergranate in das Wohnviertel ab.

Amina hörte die Explosion, so nah, so laut. Keine Panik, dachte sie. Abdi ist sicher, redete sie sich ein. Ihr Gefühl sagte etwas anderes. Es darf ihm nichts passiert sein, bitte. Wer soll dann die beiden Kinder ernähren? Die neunjährige Maryan und den neugeborenen Ali. Über dem Viertel lag dichter Qualm, Granaten explodierten, Leute schrieen. Sie hielt die Ungewissheit nicht aus, rannte auf die Straße. Dort lag Abdi und Amina sammelte ein, was von ihm übrig war.

Seit siebzehn Jahren geht das so in dieser Stadt und in dieser Zeit hatte das Land am Horn von Afrika weder eine handlungsfähige Regierung, noch eine funktionierende Polizei, oder Armee, Schulwesen, Verwaltung. Willkommen in Somalia. Mogadischu ist eine Geisterstadt. Der Bürgerkrieg pumpt die Menschen aus der Stadt; 750.000. Wer konnte, der floh ins Ausland – nach Puntland, Dschibuti, Dubai, Kenia. Zehntausende durchqueren in Fischerbooten den Golf von Aden, um die Flüchtlingslager im Jemen zu erreichen. Ein 40-stündiger Wahnsinn, den jeder Vierte nicht überlebt. Dutzende von Toten spült das Meer wöchentlich an die Küste des Jemen. Diejenigen, die zum Bleiben in Somalia verdammt sind, versammeln sich an der Straße nach Afgoye. Die schlaglochgesäumte Straße gilt als das größte Binnenflüchtlingslager der Welt – 250.000 Menschen. Täglich kommen neue hinzu, die ihren Besitz in weißen Minibussen oder auf Eselskarren transportieren. Ein Lindwurm aus bunten Plastikplanen, Jutesäcken und wackeligen Unterkünften, zusammengeschustert aus Plastikplanen und dürren Ästen. Ein Flickenteppich des Elends, der ständig größer wird, dreißig Kilometer lang, wo die Menschen inzwischen an Cholera, Malaria und Hunger krepieren.

Wir treffen Amina Hassan Ali vier Tage nach Abdis Tod unter einer Plastikplane im Flüchtlingslager Arbis, dreißig Kilometer von Mogadischu entfernt. Die 32-jährige ist schmal wie eine Birke, hat Haut wie rissige braune Seide und papyrusdürre Arme. Während sie erzählt, saugt Söhnchen Ali an einer Brust, die keine Milch mehr gibt. Hätte Abdi doch auf sie gehört, sagt sie. Wie oft hatten sie nachts diskutiert in den vergangenen Monaten, als die Kämpfe in Mogadischu immer heftiger wurden. Warum bleiben? Warum nicht fliehen? Der Kinder wegen. „Wir werden alle dabei umkommen", hatte sie gewarnt. Der Schwager lebte doch auch schon längst in einem der unzähligen Vertriebenenlager am Stadtrand. Zu ihm könnte man ziehen, bis sich die Lage beruhigt hat – irgendwie, irgendwann. „Abdi lachte dann immer", erzählt seine Witwe und wischt sich über ihr Gesicht. Der kleine Ali schreit, Fliegen kleben ihm im Gesicht, krabbeln in Nase, Ohren, Mund. Im Zelt nebenan stöhnt eine Frau, die eine Bluttransfusion bekam. Leider war es die falsche Blutgruppe, eine andere war nicht auf Lager. Auf solche Details kann in Somalia keine Rücksicht genommen werden. Am Morgen starb der alte Omar an Entkräftung. Die Nachbarin begrub ein Kind. Der 20-jährige Abukar hebt sein Hemd und zeigt eine frische Schussverletzung. Es sind die üblichen Lebensläufe in diesem Lager. Nein, ein Leben in Abhängigkeit kam für Abdi nicht in Frage, zu stolz sei er gewesen. Jemand wie er, flieht nicht, sagte er immer. Ein Zimmermann, der die Realität aus dem Leben wischte wie einen Schmutzfleck.

Mogadischu unterscheidet sich nicht viel von den Lagern. Es ist eine Hauptstadt ohne Stromnetz, Abwassersystem, Müllabfuhr. Mit dem Ende der Sowjetunion kam auch der Fall des Diktators Siad Barre, 1991. Danach legten Warlords, mächtige Geschäftsmänner mit ihren Privatarmeen und rivalisierende Clans, Mogadischu in Schutt und Asche. Als 1992 die Bilder von somalischen Hungerskeletten um die Welt gingen entschlossen sich die Vereinten Nationen und die USA zu helfen. Sie schickten Truppen und Hilfsgüter, um die hungernden Flüchtlinge zu ernähren und dem Treiben der Warlords ein Ende zu bereiten. Man nannte die Aktion „Restore Hope" – Hoffnung erneuern. Sie wurde zum Alptraum für Amerika und die UNO.

Am 3. Oktober 1993 starben18 amerikanische Soldaten in einem Hinterhalt, der Mob schleifte ihre Leichen durch die Straßen Mogadischus. Die Supermacht USA zog gedemütigt ab und die Welt überließ Somalia von da an sich selbst. 2006 vertrieb eine Islamistenbewegung mit ihren Milizen die Kriegsfürsten aus der Stadt. Für einige Monate herrschte in Mogadischu und weiten Teilen Somalias ein Mindestmaß an Recht und Ordnung. Union of Islamic Courts (UIC) nannten sich die neuen Herrscher, Vereinigung islamischer Gerichte. Eine Allianz aus extremistischen und gemäßigten Islamisten, sowie einigen Geschäftsleuten. Ihre Ziele waren nicht klar definiert aber sie schicken sich an, Somalia in einen gemäßigten Gottesstaat zu verwandeln. Ende 2006 marschierten äthiopische Verbände, mit dem Segen der USA, gemeinsam mit Milizen der schwachen aber international anerkannten Übergangsregierung Somalias, in Mogadischu ein, da sie eine Talibanisierung der Region befürchteten. Sechzehn Monate und siebentausend Tote später ist alles noch schlimmer geworden.

Drei Tage dauerten die Kämpfe Ende April in der Hauptstadt und in den Straßen lagen die Leichen von Zivilisten, äthiopischen Soldaten und den Kalaschnikow schwingenden Jugendlichen, die sich den islamistischen Milizen der al-Shabab angeschlossen hatten, um gegen die äthiopischen Besatzer zu kämpfen. Ein weiteres Kapitel der somalischen Tragödie im toten Winkel der Weltöffentlichkeit.

In den Krankenhäusern der Stadt treffen drei Tage nach den jüngsten Kämpfen noch immer Opfer ein. Wie die Frau, die ihren toten Mann auf einer Schubkarre ankarrt und einen der Ärzte fragt, was sie mit der Leiche machen soll. Wenig später deponieren Jugendliche den von Kugeln durchsiebten Körper eines Mannes am Tor, die Pupillen gekippt, der Mund ein Riss im Gesicht, klaffend vor Schmerz. Äthiopische Soldaten haben ihn erschossen, als er zur falschen Zeit eine Straße überquerte. In der Leichenhalle spült ein Pfleger Blut vom Boden. Im Keyseney Krankenhaus amputieren Chirurgen das Bein eines Jungen, dem Grantsplitter den Oberschenkeknochen zertrümmerten. Im Frauentrakt liegt ein Mädchen, das von einer verirrten Kugel in den Kopf getroffen wurde. Die rechte Körperhälfte ist seitdem gelähmt, aus ihrer Nase ragen Schläuche und ihre Mutter vertreibt stoisch mit einem Wedel die Fliegen von den blutigen Verbänden. Es ist heiß, stickig; es riecht nach mitgebrachtem Essen, Schweiß, Eiter und Blut. Betten für alle gibt es nicht. Nur die schweren Fälle bekamen eins, die leichten drängeln sich auf dem Fußboden. Mehr als zweihundert Patienten behandelten die Ärzte des Keyseney Krankenhauses in den vergangenen drei Tagen, ununterbrochen pulen sie Kugeln und Granatsplitter aus Gliedmaßen, sägen, nähen und flicken zusammen, was zu retten ist. Und täglich kommt Nachschub.

Auch Polizeihauptmann Sheikh Mohammed Olad* wollte retten, was er Heimat nennt. Als Polizeihauptmann einer international anerkannten Regierung in Mogadischu für die Sicherheit der Stadt sorgen – nach so vielen Jahren. Er glaubte, endlich die richtige Rolle zu spielen, fühlte sich als Hauptdarsteller in einem Stück, von dem niemand glaubte, dass es jemals aufgeführt werden würde. Es dauerte nicht lange, da legte jemand einen neuen Film ein; ohne Happy End.

Sechzig Leute hat Mohammed Olad unter sich, sie tragen schnieke Uniformen, aber nur jeder dritte eine Waffe. Er tippt sich mit dem Finger an die Stirn. „Meine Leute müssen ihre eigenen Waffen auf dem Schwarzmarkt besorgen, für 400 Dollar das Stück. Wie bitteschön soll ich so Ordnung schaffen?", sagt er in fließendem italienisch und dabei spannt sich die Uniform über seinen Bauch. Seit Monaten kam kein Gehalt mehr. Die somalische Regierung hat kein Geld. Deshalb müsse man sich eben selbst bedienen in den wenigen Läden, die noch etwas zu verkaufen haben. Oder Wegezölle erpressen. Das macht unbeliebt – „aber was soll man machen?"

Über Mogadischu liegt friedlose Ruhe. Wir laufen durch die Altstadt, der verblassten „Perle am indischen Ozean". So nannten einst die Italiener diese Stadt. Links und rechts Mauerreste voller Einschusslöcher, rostige Autowracks, Panzerschrott, metertiefe Schlaglöcher, Schuttberge. Hie und da ein Konvoi der schlecht ausgerüsteten und unmotivierten Friedenstruppe der Afrikanischen Union, die strategische Ziele wie den internationalen Flughafen, den Hafen und die „Villa Somalia" genannte Gegend um den Präsidentensitz bewachen soll. Äthiopische Soldaten lauern im Schatten von Hauseingängen und verfallenen Geschäften, den Finger am Abzug. Misstrauisch mustern sie die wenigen Passanten, die sich auf die Straße trauen. Wie viele Truppen Äthiopien im Land hat, ist nicht bekannt. 55.000 heißt es. Und die gehen äußerst brutal vor, schießen auf alles und jeden und gerne auch mit Panzern und Artillerie in Wohnviertel. Menschenrechtsorganisationen werfen ihnen Massenexekutionen und Vergewaltigungen vor, Oppositionelle und unliebsame Journalisten verschwinden. Ihre Gegner sind ein loser Zusammenschluss aus Warlords und Islamisten. Ein unsichtbarer Feind, der keine Uniformen trägt, keinen Stadtteil kontrolliert, mal hier mal dort zuschlägt und keinem Clan oder Sippe angehört. Das Ziel ist klar: Die ungläubigen äthiopischen Besatzer und die Kollaborateure der aktuellen Regierung zu vertreiben.

Armenfütterung vor einer Ruine, Hirseschleim solange der Vorrat reicht. Kinder drängeln, Erwachsene schieben, Frauen klopfen mit Kellen auf eiserne Töpfe, jemand schießt in die Luft. „Zurück, zurück", schreit ein uniformierter Aufseher und drischt mit einem Stock auf die Hungernden ein, die Menge stiebt kreischend auseinander. Bloß nicht zu lange an einem Ort weilen, die Uniformen der Regierung fallen auf und könnten Extremisten anlocken. Wir huschen weiter durch eine zerstörte Stadt, die an Bilder von Sarajewo, Grosny oder Stalingrad erinnert aber deren Schönheit noch nicht ganz verblasst ist. Mohammed Olad drängt. Ruinen italienischer Villen und der Garessa, der alten Festung, die der Sultan von Oman erbauen ließ, dem Wahrzeichen Mogadischus, das jetzt als öffentliche Toilette dient. Vorbei am Fischereihafen und dem zerstörten Arubahotel, wo einst die High Society der Stadt ihre Feste feierte. Dem stillgelegten Nationaltheater und dem Triumphbogen, der dem italienischen König Umberto di Savoia gewidmet ist und zurück zur Polizeistation. Eine halbe Stunde Patrouille, das war's. „No, no, Signore, länger bleiben wir nicht draußen. Zu gefährlich", sagt der Hauptmann.

„Hit and run" nennt sich die Taktik der Milizen – zuschlagen und wegrennen. Meistens läuft es so ab, dass eine Gruppe Jugendliche mit Maschinengewehren aus den Ruinen stürmt, ein paar Handgranaten wirft und im Gefechtsqualm wieder verschwindet. Ab und an jagt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, manchmal explodieren ferngezündete Bomben. No, no, Signore. Dann doch lieber die Zeit in den sicheren Mauern der Wache absitzen, sagt er und grinst. Bei seiner Rückkehr warten dort schon ein Toter, sein 16-jähriger Mörder und ein Mann, der erwischt wurde, als er eine Mine legte. „Zwei neue Gefangene, darüber wird sich der General nicht freuen", sagt der Hauptmann.

General Abdullahi Maalin Ali hat ein Problem: 850 Häftlinge, die er nicht versorgen kann. Ticktock, ticktock, ticktock, seine Finger trommeln auf den Holztisch. Er kippt eine Tasse Tee nach der anderen, als wolle er sich an etwas festhalten. Seine Augen huschen hin und her.

Er spricht leise von seinen Sorgen, den Rücken durchgedrückt: Keine medizinische Versorgung der Häftlinge, kaum Trinkwasser, zu wenig Platz, miserables Essen, falls es welches gibt. Seit Monaten keine Gehälter. Die neuen Zellen? Bauruinen. Stattdessen zwanzig oder mehr Personen auf zwanzig Quadratmetern. Im Gefängnishof flimmert die Luft, nur eine Akazie spendet Schatten. Gewaschen wird sich mit Meerwasser. Prozesse? Er lacht. Ob man mit den Gefangenen reden dürfe? Natürlich nicht. „Dies ist unser kleines Guantanamo", sagt er, sein Mund lächelt dabei, die Augen nicht.

Was in der Stadt passiert, interessiert Amina Hassan Ali nicht mehr. Was zählt ist, dass sie ihre Kinder durchbringt, In'schallah, so Gott will – und wenn sie die Hungernot im Sommer übersteht. Um viel mehr geht es nicht. Maryan hat die Krätze, Ali Malaria. Sein Kopf wackelt haltlos; links, rechts, links, rechts. Hoffnung? Die wurde von einer äthiopischen Granate ausgelöscht. Nur der Zorn ist ihr geblieben. Das Leben im Flüchtlingslager ist ein Vakuum in dem Zeit nicht existiert. Das Dasein reduziert sich auf warten: Warten, dass die Zeit vergeht, ein Tag gleicht dem nächsten, in diesem verfluchten Flecken Erde, ohne Mann und mit zwei Kindern. Warten auf Hilfslieferungen, die nicht kommen. Morgen, übermorgen, nächste Woche schafft jemand vielleicht ein bisschen Hirse, Speiseöl, Bohnen auf Lastwagen heran. Hilfslieferungen sind selten in einem Land, in das sich internationale Helfer nicht mehr trauen, weil es keine Sicherheit gibt. Vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen explodierten Bomben, UNO Mitarbeiter dürfen keine Nacht in Somalia verbringen, im April erschossen Extremisten zwei britische Lehrer, ein französischer Journalist wurde entführt, Ausländer können sich nur mit einer bewaffneten Eskorte bewegen, die meisten Stadtteile Mogadischus sind Sperrgebiet und Piraten kapern regelmäßig Schiffe vor der somalischen Küste. Und dann stellt Amina die Frage, die man in diesen Tagen oft in Somalia hört: „Warum hilft uns niemand?" In dünnen Schwaden schwebt Staub über das Lager, legt sich auf Zelte und Menschen, wie ein Leichentuch.

*Name geändert

Text: Carsten Stormer
Fotos: Guy Calaf
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