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Das Leben ist gut In Mindanao, im Süden der Philippinen, herrscht wieder Krieg. Dies ist die Geschichte von Bailyn Mandi, die zwischen die Fronten geriet.
Bailyn stirbt mit Publikum. Auf der Bahre eines namenlosen Krankenhauses, gleich hinter der staubigen Landstraße, die das Dörfchen Datu Piang mit der Welt verbindet. Es scheint, als ob sie schlafen würde, die dürren Arme baumeln schlaff herab. Der linke Oberarm ist zerfetzt, Knochen ragen aus einem Loch, in dem Fliegen schwirren. Der rechte Oberschenkel durchschossen, die Hüfte absurd verrenkt. Blut, überall Blut. Ein Arzt? Der hat sich seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Zu unsicher die Lage – und es heißt, dass die Rebellen Ärzte entführen, um ihre Verwundeten zu behandeln. Medikamente sind nicht zur Hand, auch kein Verbandszeug, um die Wunden zu verschließen; eine Aspirin muss reichen. Neben Bailyn zittert ihr Bruder Jamaluddin auf einer Bank, weniger schwer verletzt und unter Schock. Ein blutverschmierter, blasser, dünner Junge, der an seinen Nägeln kaut und seiner Schwester beim Sterben zuschaut. Orientierungslos, teilnahmslos, gefangen in den Trümmern seines Lebens.
Das Mädchen atmet nicht mehr, die Augen kippen nach hinten, so dass nur noch das Weiße zu sehen ist. Menschen stehen um die Bahre; drängeln, schubsen, recken Hälse, manche schießen Fotos mit ihren Mobiltelefonen. Es wird gelacht und gequasselt, als ginge es auf den Rummel. Blut tropft auf weiße Fliesen, und das Leben fließt aus Bailyn heraus. Bald begreifen auch die Schaulustigen, dass es für den schmächtigen Körper, der vor ihnen auf der Bahre zuckt, keine Rettung gibt. Ein Murren geht durch die Menge; aus Neugierde wird Bestürzung, Wut, Hilflosigkeit. Eine Schwester massiert noch eine Weile den Herzmuskel, dann wendet auch sie sich ab, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht wie die Bitte um Entschuldigung. An der Wand schlägt eine Uhr die Zeit in Splitter. Bailyn wurde zehn Jahre alt, und auf ihrem T-Shirt steht: Das Leben ist gut.
Mindanao, die südlichste Insel der Philippinen, ist Schauplatz von Asiens längstem Konflikt. Eine vierhundert Jahre währende Fehde zwischen den Moros, den moslemischen Ureinwohnern, und zugewanderten Christen. Die Jahrhunderte vergehen wie in einem Raubritterroman. Erst die Spanier, dann die Amerikaner und später, nach der Unabhängigkeit, die Philippiner. Sie alle kolonisierten die Insel, ihre Schiffe spucken christliche Missionare und Siedler aus. Und die Moslems wurden langsam zu einer Minderheit in ihrer Heimat, fühlen sich benachteiligt und unterdrückt. Eine Art philippinisches Tibet, nur ohne Dalai Lama. In diesem Konflikt geht es um Macht, Einfluss, Rechte, Rohstoffe, Unabhängigkeit. Und um Stolz.
Man wolle wieder wer sein, so wie damals, als die Sultane herrschten, fordern die Moros. Aber vor allem es geht darum, das Land der Ahnen zu verwalten und zu besitzen, weil die Moros es als ihr rechtmäßiges Erbe betrachten. Seit den siebziger Jahren kämpft die Moro Islamic Liberation Army (MILF) in einem Guerillakrieg gegen die philippinische Regierung um mehr Autonomie. Keiner will teilen, jeder will alles für sich. Eine Tragödie im Windschatten der Weltöffentlichkeit.
Mehr als dreißig Jahre und 120.000 Tote später schien der Frieden so nah wie nie. Für ein paar kurze Wochen machte sich Hoffnung in Mindanao breit. Anfang August dieses Jahres beschlossen MILF und die philippinische Regierung schließlich, ein Abkommen zu unterzeichnen, das den Moros mehr Autonomie zusichern sollte – und die Menschen in Mindanao begannen von geteerten Straßen, mehr Jobs und besserer Schulbildung zu träumen. Es blieb ein Traum: im letzten Augenblick stoppten christliche Politiker vor einem philippinisches Gericht die Unterzeichnung mit der Begründung, nicht alle betroffenen Bevölkerungsgruppen wären an dem Verhandlungsprozess beteiligt gewesen.
Jahrelang hatten sich die Kriegsparteien aufs Reden konzentriert, anstatt sich umzubringen. Das Urteil des Richters machte alles zunichte. Es war eine Wette gegen Tod und Vernichtung, die nun verloren war. Gewundert haben sich wenige in Mindanao; das Leben besteht hier aus Negativmeldungen und bösen Überraschungen.
Unmittelbar nach dem Ende der Friedensverhandlungen brannten zwei abtrünnige MILF-Kommandeure, Commander Bravo und Commander Kato, aus Wut und Enttäuschung christliche Dörfer nieder, massakrierten die Anwohner und plünderten Häuser. Die Armee schlug zurück. Dutzende starben in diesen ersten Augusttagen.
An dem Morgen, den sie nicht überleben soll, zieht Bailyn Mandi ihr Lieblings T-Shirt an. Es ist rosa, mit einem Herzen auf der Brust. Dazu ein grüner Rock. Hinter ihr steht ihre Mutter Delma Mandi. Bailyn solle sich beeilen, drängt sie, die Soldaten seien schon ganz nah, man müsse schleunigst verschwinden. Wie so oft. Gefechte und Flucht sind die Gezeiten ihres Lebens, so regelmäßig wie Ebbe und Flut. Routine, jeder Handgriff sitzt; Reis und Gemüse für ein paar Tage einpacken, eine Plastikplane gegen den Regen, mit dem Boot übersetzen und den Kopf ausschalten, während sich das Leben auf das Warten reduziert. Warten, dass die Zeit vergeht, die Kämpfe enden und sie wieder in ihre Hütte zurückkehren können.
Schon in der Nacht flüsterten sich die Männer des Dorfes Butilen zu, dass sich hunderte von Regierungstruppen in der Gegend positionieren; sie kämen in Lastwagen und seien schwer bewaffnet. Das konnte nur eines bedeuten: Ein Angriff steht unmittelbar bevor. Ein Gerücht besagte, dass Commander Kato in der Nähe sei, verwundet und in die Enge getrieben. Deshalb seien die Soldaten gekommen, um ihn gefangenzunehmen.
Die Provinz Maguindanao ist das Epizentrum des Krieges, überwiegend moslemisch und arm. Auf den Hügeln gedeiht Marihuana, das macht das Leben erträglicher. Die meisten Menschen beenden nicht die Schule, Hahnenkämpfe und Karaoke lassen die Zeit schneller vergehen, Strom gibt es nur stundenweise. Hier, in den endlosen Sümpfen, sollen sich die Gesuchten Kato und Bravo verstecken; inzwischen mit einem Kopfgeld von jeweils zehn Millionen Pesos ausgestattet, etwa 150.000 Euro – tot oder lebendig.
500.000 Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht, und täglich werden es mehr, die ihren Besitz in Schubkarren oder Motorrikschas transportieren. Sie schlagen ihr Lager entlang der Schotterstraßen auf, in Schulen, in Moscheen und auf Sportplätzen. Ein Lindwurm aus bunten Plastikplanen, Jutesäcken und wackeligen Unterkünften, zusammengeschustert aus Wellblech und dürren Ästen. Ein Flickenteppich des Elends, der ständig größer wird, die Menschen leiden unter Hunger, Denguefieber und Ruhr. Der Ausnahmezustand ist hier Alltag. Öffentliche Schulen bleiben geschlossen, die Felder können weder geerntet noch bestellt werden. Das Leben dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Wo befindet sich die MILF? Gab es neue Kämpfe oder Plünderungen? Fragen, die die Zeit bestimmen, unterbrochen nur durch die Stunden der Mittagzeit, wenn die Sonne alle Lebewesen in den Schatten treibt. Das Leben im Flüchtlingslager ist ein Vakuum, in dem Zeit nicht existiert.
Während Familie Mandi eilig ihre Habseligkeiten packt, rücken mehrere Einheiten der 601. Brigade an die Siedlung Butilen vor, wenige Kilometer von Datu Piang entfernt. Ihr Auftrag lautet, Commander Kato zu töten oder festzunehmen. Außerdem ist da noch eine Rechnung zu begleichen. Drei Wochen zuvor entführten Katos MILF-Rebellen Sergeant Roger Emden, brachten den Mann in ihr Lager und töteten ihn. Das was von ihm übrig ist, will man aus der Erde holen. Die Soldaten müssen vorsichtig sein. Kato hat ein Heimspiel, hier ist er aufgewachsen, kennt jeden Strauch, jedes Versteck, und auf die Loyalität der Dorfbewohner kann er sich verlassen. Langsam, ganz langsam kämpfen sie sich vorwärts durch Sumpf und Gestrüpp. Dann fallen Schüsse.
Um 9.55 Uhr kreisen Hubschrauber und Flugzeuge der philippinischen Armee über Datu Piang und den umliegenden Sümpfen. Maschinengewehre rattern, Granaten explodieren; eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. In den Straßen von Datu Piang drängeln sich die Flüchtenden.
Als die Granaten fallen, sitzt Bailyn schon mit ihrer Familie in einem von zehn Booten, in denen die Flüchtlinge über die Sümpfe nach Datu Piang fliehen. Hinter ihnen Palmen, Bananenstauden, Reisfelder – und in der Ferne schwarzer Rauch. Sie sitzt ganz vorne in dem Kanu, das ihre Familie in Sicherheit bringen soll, damit sie die Fische besser sehen kann, die manchmal aus dem Sumpf hüpfen, wenn sich der Bug durch die Wasserlilien kämpft. Hinter ihr sitzen die Geschwister; die siebenjährigen Zwillinge Kim und Adtaya, die 14-jährige Faiza, die im dritten Monat schwangere Aida, 18, und Jamaluddin, 14. Die Hubschrauber am Himmel und die Flugzeuge, die im Tiefflug über ihre Köpfe brummen, beunruhigen niemanden. Ebenso wenig das Donnern der Granaten, die hinter den Fliehenden im Dschungel niedergehen. Soldaten schießen nicht auf Frauen und Kinder, denken die Flüchtenden. In diesem Augenblick dreht einer der Rebellen, die sich in den Booten verstecken, durch. Mit seinem Maschinengewehr beschießt er die Flugzeuge – und macht die Flüchtenden zu Zielscheiben. Zeugen werden später erzählen, dass Bailyn dem Piloten zuwinkte, als er die Schnauze seiner Maschine senkte und das Boot anvisierte. Eine Rakete trifft es nur einen Augenschlag später.
Oberst Marlou Salazar wollte retten, was er Heimat nennt. Als Offizier der philippinischen Armee soll er für die Sicherheit von Maguindanao sorgen. Er glaubte, endlich die richtige Rolle zu spielen, fühlte sich als Hauptdarsteller in einem Stück, von dem niemand glaubte, dass es jemals aufgeführt werden würde. Seit drei Monaten ist er auf diesem Hügel stationiert, sein Hauptquartier, dreißig Kilometer von Datu Piang entfernt. Von hier oben kann man kilometerweit in alle Richtungen sehen. Eine Festung aus Stacheldraht und Sandsäcken, die nur über einen steilen Feldweg zu erreichen ist. Und eine zeitlang sah es tatsächlich nach Frieden aus. Dann legte jemand einen neuen Film ein; ohne Happy End.
Fünf Stunden, nachdem seine Leute auf Zivilisten schossen, sitzt Oberst Salazar unter einem Tarnnetz und pult das Schwarze unter seinen Fingernägeln heraus. Ständig klingelt das Telefon, Reporter stellen Fragen, auf die er keine Antwort weiß: ... tote Kinder? ... sind Sie sicher? ... Nein, er wisse nicht, wie das passieren konnte ... Ja, er werde diesen Fall gründlich untersuchen ... vielleicht waren es ja Kindersoldaten der MILF... – und nach jedem Gespräch scheint es, als wenn er in sich zusammenfiele. Die Uniform hat er abgelegt, über seinen Bauch spannt sich ein weißes Unterhemd, die Füße stecken in Flip Flops, und er sieht aus, als hätte er Magengrippe. Er raucht, zieht den Rauch tief in die Lunge, die Finger krampfen sich um den Filter. „Tote Kinder, oh mein Gott?", sagt er und zündet sich mit der Glut der Kippe eine neue Zigarette an, als wolle er sich an etwas festhalten.
Dabei hätte Oberst Salazar an diesem Morgen zum Helden werden können – hätte man Kato nur erwischt. Stattdessen muss er nun den Tod von Zivilisten erklären. „Immerhin haben wir die Leiche von Roger Emden bergen können." Es klingt wie eine Entschuldigung.
Am späten Nachmittag dieses Schicksalstages sitzt Delma Mandi, Mutter von zehn Kindern, in dem winzigen Pfahlhaus, wo fünf ihrer Kinder aufgebahrt liegen. Sie blickt hinaus in die Sümpfe, wo sie sie verlor. Nach und nach hatte man sie aus dem Sumpf gezogen. Zwischendrin hat sie alles durchlaufen an diesem Morgen; Hoffnung, ungläubiges Entsetzen, lähmende Verzweiflung. Zuletzt lud ein Krankenwagen Bailyns zerschossenenen Körper vor der Veranda ab.
Delma Mandi fährt sich über das Gesicht, schweigt, versucht zu lächeln. Die Lippen ohne Blut. In einem Raum liegt die 18-jährige Aida, frisch verheiratet und im dritten Monat schwanger. In einem anderen Zimmer liegen die vier Kinder; Kim, Adtaya, Faiza – und Bailyn, die immer noch den Infusionsbeutel im Arm hält. Das Leben ist erstarrt wie eine plastinierte Leiche. Ein Mann beugt sich über die Kinder und schließt ihnen die Augen. Vorhin hielt ein Trupp Soldaten vor ihrer Hütte, und Delma Mandi dachte im ersten Augenblick, dass sie gekommen waren, um auch sie zu töten. Aber die Männer entschuldigten sich bloß für den tragischen Unfall, ließen ein paar Säcke Reis zurück und drückten Mandi fünftausend Pesos in die Hand, als Wiedergutmachung – umgerechnet 75 Euro. Manch ein Soldat soll geweint haben. Sie jappst nach Luft, versucht zu reden, hat keine Stimme mehr. Sie zuckt und zittert, greift nach einem Tuch, das sie tief in die Augen drückt.
Bailyn Mandi, schmal und dünn, mit den Ohrringen, die sie niemals ablegte. Gestorben, bevor das Leben richtig beginnen durfte. Ein Irrtum, ein Unfall. Als man Bailyn und ihre Geschwister in die Erde lässt, regnet es. Ihre Mutter steht vor der Grube, ganz stumm. Und am Himmel kreisen Hubschrauber.
12:59 PM
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