
Am nächsten Wochenende ist es endlich wieder so weit: In der Villa Noailles im südfranzösischen Hyères findet das
24. Festival International de Mode et de Photographie statt, bei dem zehn junge Designer ihre Arbeit einer Jury vorstellen können. Es ist das wichtigste unter den europäischen Nachwuchsfestivals, in den letzten Jahren gewannen zum Beispiel Viktor&Rolf, Cneeon oder Sandra Backlund den begehrten Preis. Die Bedeutung ergibt sich aus der Besetzung der Jury - unter anderem wählen der Designer Kris van Assche, der Magazinmacher Jefferson Hack (Dazed&Confused, Another Magazine) und die Fotografin Nan Goldin aus den zahlreichen Einsendungen aus.
Im letzten Jahr gab es eine deutsche Beteiligung:
Miriam Lehle aus der Nähe von Stuttgart stellte ihre Arbeit vor, die sie später auch noch einmal
bei der Beck's Fashion Experience zeigte.
In diesem Jahr nimmt Alice Knackfuss aus München mit ihrer Abschlußkollektion "Heimwärts" teil. Nach einer Schneiderlehre, studierte sie an der AMD München und schloß im letzten Dezember ab.
Ich sprach mit ihr über ihre Kollektion, ihre Inspiration und wie es ihr gerade in Hyères geht:

MySpace Laufsteg (ML): Warum machst du Männermode?
Alice Knackfuss (AK): Ich habe in meiner Ausbildung sowohl Damen- als auch Herrenmode gelernt. Ich fand Herrenmode im Detail aber schon immer spannender, da sie viel subtiler ist. Mich interessiert vor allem die klassische Herrenmode vom Ende des 19. Jahrhunderts, besonders auch militärischen Uniformen. Diese ganzen Regeln, der die dabei Herrenmode unterliegt, angefangen von "No brown shoes after five o'clock" bis hin zu Kragenformen und Knopfreihen, sind so zahlreich und restriktiv. In der Damenmode passiert durch die größere Freiheit im Entwurf so viel Offensichtliches und manchmal auch Aufgesetztes, Herrenmode ist da weitaus geheimnisvoller. Ich mag es, mit diesen Regeln zu spielen, sie zu brechen und aufzuheben. Das ist auch der Ausgangspunkt und die Hauptquelle für meine aktuelle Kollektion.
ML: Warum hast du dich in Hyères beworben?
AK: Ich habe schon viel von dem Festival gehört und wollte gern dabei sein. Es ist eine Ehre, aber ich bin realistisch genug um mir nicht zu viel davon zu versprechen. Ich gebe mein Bestes, genieße was ich tue und hoffe, dass ich eines Tages machen kann, was meine Leidenschaft ist.

ML: Erzähl bitte etwas über deine Kollektion "Heimwärts".
AK: "Heimwärts" geht von einer ganz persönlichen Erinnerung an die Tage im Ferienhaus meiner Eltern aus. Noch bevor ich in die Schule kam, also mit drei oder vier Jahren, verbrachte ich dort sehr viel Zeit. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich dort völlig frei fühlte. Eine Freiheit, die es danach nicht mehr gab, weil man dann Teil der Gesellschaft wird. Die Kollektion thematisiert die Suche nach diesem Gefühl. Am Anfang stand ein Gedicht über diese Zeit, dann folgten die Entwürfe, die Zeichnungen, die Fotos, die übrigens genau an diesem Ort gemacht wurden, und der Film. Ich sehe meine Arbeit da konzeptuell, es geht nicht nur um die Kleider, sondern um das gesamte Werk dazu. Ich habe dafür mit anderen Künstlern, zum Beispiel dem Fotografen Tobias Knipf und dem Musiker Antoine Viviani zusammen gearbeitet.
Entstanden ist eine Kollektion aus auf den ersten Blick klassischer Herrenmode, die aber von "störenden" Details durchsetzt ist. Das ist wieder das Spiel mit den Regeln. Wenn ich zum Beispiel eine einreihige Weste unter ein doppelreihiges Jackett ziehe, dann widerspricht das diesen Regeln, aber eben nicht offensichtlich. Heute denkt man dann nicht gleich: oh, das ist ja falsch, sondern es entsteht so eine subtile Störung des Gesamteindrucks.
ML: Auf den ersten Blick könnte man auch wegen der Inszenierung der Lookbook Fotos meinen, es ginge dir um eine Männercliquen, die zusammen gegen die Gesellschaft angehen, wie aus Schillers Stück "Die Räuber" oder im Film Clockwork Orange?
AK: Es geht mir nicht um ein Gruppending, die Männer suchen alle vereinzelt nach diesem verlorenen Gefühl. Sie tragen zwar alle eine Armbinde, aber die eint sie nur oberflächlich, denn in jeder ist ein anderer Auszug aus einem Gedicht von Rilke, der mich sehr beeinflußt hat, abgedruckt. Ich habe mir bei der Recherche und Konzeption auch die Frage gestellt, ob Individualität überhaupt möglich ist und welche Rolle das heute spielt. Denn auch wenn die klassisch Herrenmode heute fast verschwunden ist, geht es doch ständig um Uniformierung, Gleichmachung. Auf diese Frage habe ich natürlich keine Antwort. In der Kollektion geht es ja gerade um eine Suche, wobei nicht ganz klar ist, nach was. Das letzte Bild im Lookbook zeigt dann auch wie die Männer in die Nacht verschwinden.

ML: Dich interessieren als Gegensätze, subtile Brüche - setzt sich das auch im Material um?
AK: Natürlich, Material spielt eine große Rolle. Ich arbeite sehr gern mit klassischen Herrenstoffen, ungern mit künstlichem Material. Die Struktur ist mir sehr wichtig, wie es sich anfühlt und ob es auf einen Gegensatz verweist. Ich habe zum Beispiel mit Wachs bearbeitete, sehr schwere Stoffe zu leichten Stoffen kombiniert. Es gibt auch kaum Farbe in der Kollektion, nur Weiß, Schwarz, Rot und dunkles Blau.
ML: Deine Präsentation ist vielteilig, dein Lookbook beginnt mit einem langen Gedicht, dann folgen zahlreiche Zeichnungen und Textfragmente, erst auf Seite 60 sieht man die ersten Bilder.
Wie wirst du das in der Präsentation in Hyères umsetzen?
AK: Ich mag keine großen Inszenierungen, deswegen werde ich auf dem Laufsteg nur die Kleider und die Musik präsentieren. Die Texte und Zeichnungen integriere ich dann in meinen Showroom.
ML: Wie ist es denn gerade in Hyéres?
AK: Ich bin letzten Mittwoch angekommen und die Designer sind auch alle schon da, auch ein Teil der Jury. Die Atmosphäre ist wunderbar entspannt und freundlich. Wir verbringen viel Zeit hier im Garten, tauschen uns aus und einige arbeiten noch an ihren Stücken. Ich bin zwar schon fertig, aber bald folgen die Anprobe und die Änderungen, die Choreographie der Show und einiger organisatorischer Kram. Im Moment versuche ich mich zu entspannen und die Sonne zu genießen.
Vielen Dank für das Gespräch Alice und viel Erfolg am nächsten Wochenende!
Der Film zu ihrer Kollektion mit Musik von Antoine Viviani:
Heimwärts from
Tobias Knipf on
Vimeo.
Alle Bilder:
Tobias Knipf für Alice Knackfuss..