Wie auf der Webseite angekündigt, hat Wolf Rüdiger Marunde am vergangenen Freitag einen Gastvortrag in der kunstschule wandsbek gehalten. Wir wollen: nochmal! Wir hatten: zu wenig Zeit.Herr Marunde lächelt in die studentische Runde, als es losgehen
soll. "Naja", sagt er und schreitet zum Podium. "Ich bin ja schon ein
Fossil in der Branche.", zwinkert er uns zu. Wir rutschen gespannt auf
unseren Stühlen umher, denn wir ahnen, dass uns der heutige Gast viel
zu sagen haben wird.
Der Cartoonist beginnt bei seinem Studium, erzählt, dass der digitale
Aspekt der Gestaltung damals noch nicht so im Vordergrund lag. Viel
Wert wurde auf den praktischen Teil gelegt, mehrmals macht er uns
deutlich, dass das Zeichnen von großer Bedeutung ist und nicht
unterschätzt werden sollte, auch, und gerade weil die heutige Technik
vieles möglich macht, wo unsere Hand "versagt".
Nach seinem Studium beschließt Herr Marunde, freier Künstler zu
werden, was sich in der ersten Zeit äußerst schmerzhaft auf seinem
Konto bemerkbar macht. Da kommt ihm ein gönnerhaftes Schicksal
behilflich entgegen: Der "Stern" muss zu diesen Zeiten gute Karikaturen
und Illustrationen aus dem Ausland "einkaufen". Das Magazin beklagt
sich darüber, dass es in Deutschland zu wenige gute Talente gibt.
Deshalb beschließt unser Vortragende sich "vier Wochen lang nur noch
Witze auszudenken und damit zum "Stern" zu gehen." Gesagt, getan.
Bildhaft beschreibt Herr Marunde uns einen riesigen Schreibtisch, vor
dem er mit Herzklopfen sitzt, während ein Redakteur mit tiefen
Stirnfalten seine Karikaturen durchblättert. "Er hat einfach nicht
gelacht." Stattdessen herrscht ein großes Schweigen, der Abgrund ist
beinahe greifbar, als: "Wissen Sie, hier gehen jeden Tag über
zweihundert Cartoons über den Schreibtisch. Da kann ich mir nicht jedes
Mal auf die Schenkel klopfen!" Er wird genommen.
Jetzt ist er eine ganze Weile mit politischen Portraitkarikaturen
beschäftigt. Während er uns einige - wohl bekannte übrigens - Beispiele
zeigt und dafür so einigen Lacher einheimst, erklärt er uns, dass man
immer "hingehen" muss. Die Konkurrenz ist groß und schläft nicht, also:
"Geht hin und stellt euch vor!" Zu verlieren haben wir nämlich nichts,
dafür alles zu gewinnen.
Für viele Aufträge hat er nicht viel Zeit und immer fertigt er mehrere
Alternativen an. Denn dass man mit seiner Arbeit auch mal "daneben
haut" ist für das wohl bekannte Magazin völlig normal. Doch was
zeichnet eine gute Karikatur aus?
Eine stilfeste Hand. Es hilft nichts, man muss das Handwerk des
Zeichnens perfekt beherrschen. Für proportionale Fehler bleibt einem zu
wenig Zeit. Dazu braucht man Wissen. Sich ausschließlich in seiner
Subkultur zu bewegen, hilft nicht dabei, die Welt zu entdecken. Man
muss über das, was man darstellt, auch Bescheid wissen. Und zwar
fundamental. Da hilft nur eines: lesen, lesen und nochmals lesen.
Nachrichten schauen, sich informieren und über das Geschehene sprechen.
Sich austauschen, weiterbilden und intellektuell über den Tellerrand
blicken.
Zu dieser Zeit waren Cartoons übrigens noch nicht angesehen. Der
Dozent von Herrn Marunde hält viel von seinem Talent, allerdings
empfindet er Cartoons als "Mist" - "Mir hat dieser "Mist" allerdings
mehr Spaß gemacht.", zuckt er leichthin die Schultern und uns wird
ebenfalls ganz leicht um..s Herz, ist es doch für uns ein lebendes
Beispiel, dass Träume nicht gleich Schäume sind.
Seine "Träume" - und was diese auszeichnen - beschreibt er unter
anderem so: "Ein Bild muss man so gestalten, dass der Betrachter Lust
bekommt, in ihm spazieren zu gehen." und: "Für mich sind Bilder oft wie
Filme, die in meinem Kopf ablaufen." Genau. Wir wissen, was er meint,
oder?
Aber wie schafft man es denn eigentlich, auf Knopfdruck witzig zu
sein? Komik und gut gewürzter Humor ist anstrengende Kunst. "Der Witz
liegt darin, den Widerspruch entdeckt zu haben. Haha, ich weiß
Bescheid!", klärt Herr Marunde uns auf. Doch worin das Geheimnis seiner
Witze liegt, verrät er uns natürlich nicht. Damit würde man ja auch ein
Patentrezept verraten. Übrigens funktionieren Cartoons und Karikaturen
am besten, wenn sie das Thema Zweierbeziehungen behandeln. "Man denkt,
die Leute werden älter und wissen dann irgendwann Bescheid. Aber nein,
es passiert immer etwas Neues." Die Aufgabe eines Cartoonisten besteht
also oft darin, Trost und Zuspruch zu spenden.
Ein zweiter Aspekt ist das "gesehen werden". Besonders Menschen auf
dem Dorf haben das Gefühl, dass sich das Leben dort verschlechtert. Die
jungen Leute flüchten in die Stadt und man selbst bleibt irgendwie
zurück. Diese fühlen sich gesehen und wahr genommen, wenn sie eine gut
gemachte Karikatur über ihr Leben in ihrer Lieblingszeitung entdecken.
Doch Vorsicht ist geboten! "Mich hat mal ein Landwirt darauf
angesprochen, dass meine Reifen auf dem gemalten Trecker nicht genormt
sind.", grinst der Mann vor uns. Auf die Kleinigkeiten wird geachtet
und zwar erheblich. Einfach grob darstellen wird dann oft als grob
fahrlässig eingestuft und als persönliche Beleidigung empfunden.
"Ich bin wie ein Staubsauger," beinahe ernst sagt er diesen Satz,
"der seine Umgebung aufsaugt. Wenn meine Frau am Wochenende zu Ikea
möchte, setze ich mich gern in das Café und beobachte einfach nur die
vorbei laufenden Menschen. Alle Sinne sind geöffnet!" Apropo seine
Frau: "Fertige Arbeiten zeige ich immer meiner Frau. Wenn sie die
Sachen nicht komisch findet, kann ich die auch nicht nehmen."
Der Vortrag hat die Studierende völlig begeistert, was nicht zuletzt
auch an der Sympathie des Vortragenden lag. Mit viel Humor und Wissen
hat er die Studenten mehr als zwei Stunden lang völlig in seinen Bann
gezogen und gefesselt. Und es hätte immer so weiter gehen können. Auch
dieser Artikel kann leider nur einen winzigen Auszug dessen geben, was
uns so beeindruckt hat. Eine geballte Portion Wissen, mit einer Prise
Humor und wunderschöne Praxisbeispiele haben uns mitgerissen, wir haben
viel gelacht, viel gelernt und viel nachgedacht. Und dafür, Herr
Marunde, möchten wir uns sehr herzlich bei Ihnen bedanken! Wir freuen
uns immer wieder über Ihren Besuch :-) !