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Oliver Fehn



Last Updated: 6/30/2009

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June 11, 2009 - Thursday 

Current mood:  blissful
Wenn ich Blogs bei MySpace veröffentliche, dann meist Essays oder zumindest längere Beiträge.
Kürzere Texte - Ideen, Gedankenfragmente, Gedichte, Kommentare zum Tagesgeschehen, kleine Filme, die ich entdeckt habe, Songs, Privates usw. - würden hier vermutlich untergehen. 

Deshalb gibt es jetzt einen zweiten Oliver-Fehn-Blog:

http://oliverfehn.wordpress.com/

Da kann jeder, der Lust hat, ein paar Schritte mit mir zu gehen, ab und zu reingucken.

Ich freue mich auf Euren Besuch.
Oliver
Currently reading:
Tractatus Satanicus. Die Geschichte des Teufels, von ihm selbst erzählt
By Andreas Schlieper
March 31, 2009 - Tuesday 

Current mood:  geeky



Sieben Ratschläge für den Propheten




Wenn du nach den Wanderjahren deiner Jugend in dein Heimatdorf zurückkehrst und inzwischen Autor mehrerer Bücher bist, wirst du es nicht leicht haben. Nicht umsonst sagt ein Sprichwort: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.“(Unbekannt) – Aber mal ehrlich – so schlimm ist es gar nicht: Letztendlich liegt es an dir selbst, ob du als Autor mit offenen Armen empfangen oder geächtet wirst. Falls du eine ähnliche Laufbahn einschlagen willst wie ich, begehe nicht die gleichen Fehler. Anbei sieben Ratschläge für den Propheten bzw. Schriftsteller, der im eigenen Dorf nicht bespuckt, sondern gefeiert werden will:






  1. Schreibe kein gutes Buch. Mach dich ruhig etwas kleiner als du bist. Sei so witzlos wie möglich, reize deinen Wortschatz höchstens zu 20 Prozent aus, und vor allem: Fordere deine Leser nicht zu irgendwelchen Denkanstrengungen heraus. Dein Stil sei platt, deine Ideen trivial. Ironie ist ein Totenschädel mit zwei Knochen drüber. Am besten, dein Buch liest sich wie ein etwas besserer Schulaufsatz.




  2. Du darfst mit deinem Buch kein Geld verdienen. Wozu auch? Ein echter Autor schreibt nicht des Geldes wegen, sondern weil er „getrieben“ ist. Auch Frau Fischer vom Schuhmarkt, die jedes Jahr auf eigene Kosten ein Bändchen mit ihren Hobbygedichten veröffentlicht, hat das damals der Zeitung gesagt: „Ich MUSS einfach ständig neue Ideen niederschreiben.“ Weshalb sie nicht endlich damit anfängt, soll uns hier nicht beschäftigen.




  3. Du musst den Leuten ein Wir-Gefühl vermitteln. Menschen mit Ich-Gefühl sind in der Provinz nicht so gern gesehen; sie heißen dort Sonderlinge, und bei der jüngeren, Englisch sprechenden Generation Freaks. Die Leute wollen in dein Werk miteinbezogen werden. Du musst öffentlich verkünden, als Bürger deines Heimatortes M. seist du stolz darauf, hier deine Kindheit und Jugend verbracht zu haben – auch wenn du das Dorf damals am liebsten im Rückspiegel deines Mopeds gesehen hast. Du musst auch deine Deutschlehrer von früher loben, die dir „alles beigebracht“ haben, so dass du bereits mit siebzehn deine ersten Stories veröffentlichen konntest – und dich vornehm darüber ausschweigen, dass keiner dieser Lehrer im Leben auch nur irgendwas veröffentlicht hat. Oute dich als Kind deiner Ortschaft. Das ganze Dorf muss irgendwie zu deinem Erfolg beigetragen haben.




  4. Verrate niemandem, dass das Schreiben dein Beruf ist – behaupte, es sei dein Hobby. Das macht dich sympathisch, wie alle Steckenpferd-Besitzer. Sie sollen im Geiste sehen, wie du abends um neun Uhr ächzend von der Maloche kommst, deine Schlammstiefel gegen Pantoffeln tauschst, und bei laufendem Fernseher ein paar Reime aufs Papier wirfst, während Klein-Erna auf den Möbeln turnt und der Papagei nach Futter krächzt. So ist das Leben von Hobby-Schriftstellern – und wer mag leugnen, dass es unser aller sehnlichster Wunsch ist.




  5. Vermeide auf jeden Fall, dein Buch bei einem „richtigen“ Verlag zu veröffentlichen. Nichts macht dich mehr suspekt als Anerkennung, die über die Grenzen deiner Ortschaft hinausgeht. Nein, zahle entweder 10 000 Euro, um es bei einem Druckkostenzuschussverlag zu veröffentlichen, auch wenn es Miesmacher gibt, die meinen, das einzige, wozu ein Druckkostenzuschussverlag gut sei, wäre die Punktzahl, die das Wort beim Scrabble bringt. Lass dich nicht beirren – und wenn es dir an Kohle mangelt, frag doch den Buchbinder Zwack um die Ecke, ob er dir nicht ein paar Exemplare binden mag. Ihr kennt euch doch vom Wirtshaus her, der macht dir schon einen guten Preis. Auf jeden Fall ersparst du dir auf diese Weise die Schmach, dein Werk bei einem professionellen Verlag untergebracht zu haben. Und wieder steigen deine Sympathiepunkte.




  6. Falls du eine Lesung hältst, trage deine Texte nie auf Hochdeutsch vor, sondern grundsätzlich in der Mundart deines Heimatortes (auch wenn du nie so gesprochen hast). Hochdeutsch sprechen nur arrogante Menschen, die was Besseres sein wollen als der Rest der Einwohnerschaft. Falls du den Dialekt nicht beherrschst, ist es z. B. hier in Franken sehr nutzbringend, sich vor der Lesung eine mehlige Kartoffel in den Mund zu stopfen. Andere wiederum schwören auf eine Lokalanästhesie der Zungenmuskulatur. Hier muss jeder selbst herausfinden, welche Methode für ihn wirkt.




  7. Wenn die Köchin des Lokals, in dem du abends immer isst, dir anvertraut, dass sie ja auch heimlich Geschichten schreibe, solltest du augenblicklich Feuer und Flamme sein und sie möglichst mit „Frau Kollegin“ anreden. Sie wird dir ihre Ergüsse daraufhin sofort vorlesen, und du solltest beim Zuhören darauf achten, dass du keine witzig gemeinte Stelle überhörst und eventuell vergisst, dich totzulachen. Sag der Köchin, sie sei ein Naturtalent, und du würdest dich nach Kräften für sie einsetzen und zu diesem Zweck ihre Texte gerne einmal mit nach Hause nehmen. Dort kannst du sie genüsslich ins Feuer werfen, dir einen Drink genehmigen, die Beine ausstrecken und stöhnen: „Warum lebe ich eigentlich immer noch hier?“





    © 2009 by Oliver Fehn

Currently listening:
Watertown
By Frank Sinatra
Release date: 1994-08-12
March 16, 2009 - Monday 

Current mood:  devious
 











Schreiben statt Schludern









Früher schrieben wir uns Briefe, und wenn wir nachträglich noch einen Fehler entdeckten, haben wir mit Radiergummi und Tintentod dran rumgefummelt, bis alles stimmte – oder, wenn's was ganz Krasses war, den Brief neu geschrieben. Die Form des Briefes war unsere Visitenkarte. Heute schreiben wir uns Mails, posten in Foren und chatten über ICQ – und Fehler sind uns völlig scheißegal geworden.

Wenn ich „uns“ sage, meine ich mich natürlich nicht mit. Bevor ich in irgendein Forum poste, eine E-Mail versende oder einen „altmodischen“ Brief abschicke („Snailmail“ nennt man so was heutzutage), muss alles – auch die Rechtschreibung – hieb- und stichfest sein. Bis vor einiger Zeit hielt ich das für eine Selbstverständlichkeit. Aber inzwischen werde ich zugemüllt mit hingeschluderten Text-Spasmen, von denen man auch noch erwartet, dass ich sie beantworte – und deshalb sag ich's mal in aller Höflichkeit: Bitte schreibt mir nur noch Texte, die wenigstens ansatzweise fehlerfrei sind.

Ich will wenigstens erkennen, dass der Absender seinen Schrieb noch mal durchgelesen hat, bevor er ihn abschickte. Egal, ob es nette Briefe sind oder weniger nette. Ein Lob für mich als Autor bedeutet mir wenig, wenn es in Worte gefasst ist wie: „Lieber Herr Fehn, habe ihr Buhc Satans Handbuch gelesen; ist eins der orginelsten Weke die ich zum thema kenne.“ Das ist, als würde mir jemand die Hand geben, ohne zuvor sein vollgerotztes Taschentuch einzustecken. Mein erster Gedanke: Wo ist die nächste Waschgelegenheit?

Da weinen junge Autoren in ihr Bier, weil sie von Verlagen nur Ablehnungsbriefe bekommen. Zeigen sie einem dann ihr Anschreiben, weiß man, was passiert ist: Der Lektor hat den Brief überflogen und wollte daraufhin das Manuskript erst gar nicht mehr sehen. Verständlicherweise. Kein Mensch hat Lust, sich für jemanden Mühe zu machen, der nicht den geringsten Eindruck vermittelt, sich für ihn die gleiche Mühe gemacht zu haben. Warum zum Henker begreift dieses einfache Gesetz keiner?

Ich höre es schon: „Gott, jetzt traut man sich nicht mal mehr, ihm zu schreiben.“ - So ist es nicht. Auch mir unterläuft gelegentlich ein Tippfehler, der mir auch beim abschließenden Prüfen nicht auffällt. Ich werfe nicht jede Mail, sobald ich darin einen Lapsus entdecke, wutentbrannt in den nächsten Papierkorb. Sofern es eine geschriebene Mail ist. Ist es eine geschluderte Mail, tue ich das sehr wohl. Einen schludern kann ich mir selbst.

Das Allerschlimmste, wenn dann jemand sagt: „Ich hab's durch die automatische Rechtschreibkorrektur geschickt, und die kennt das Wort nicht.“ - Entschuldigung, gibt es tatsächlich Menschen, die so blöd sind, ihre End(!)-Korrektur von einem Roboter erledigen zu lassen? Abgesehen davon, dass ich automatische Rechtschreibkorrekturen hasse, weil sie scheinbar von Analphabeten kreiert wurden – wer's braucht, möge damit selig werden. Doch wenn der Roboter fertig ist, bin ich noch mal dran. Weil ich der Klügere von uns beiden bin.

Es ist eine Sache, die mit Respekt vor dem anderen zu tun hat. Wenn ich jemanden besuche, komme ich nicht mit vollgepisster Hose, sondern ziehe mir – wenn ich schon zu solcherlei Missgeschicken neige – eine saubere an. Und eine Mail ist eine Art virtueller Besuch. Ich mochte schon früher handgeschriebene Briefe nicht, die den Eindruck erweckten, der Absender hätte sie beim Frühstück einhändig zwischen Honigpötten und Brötchenkrümeln verfasst. Dein Text bist Du. In gewisser Weise zumindest. Und wenn der Text in einer Scheiß-Form daherkommt, darf vermutet werden, dass es sich mit Dir nicht anders verhält.

Diese entnervende „Wird schon durchgehen“-Mentalität ist es, die für mehr als die Hälfte aller Misserfolge bei Bewerbungen jedweder Art sorgt. Ein Großteil davon wäre mit etwas mehr Sorgfalt vermeidbar. Natürlich gibt es auch Leute, die es einfach nicht können. Die sollten's dann aber auch bleiben lassen. Ich repariere ja auch keine Flugzeuge.
 







© 2009 by Oliver Fehn

Currently reading:
Im Schein der Schwarzen Flamme. Satanische Essays und Enthüllungen
By Oliver Fehn
February 20, 2009 - Friday 

Current mood:  rebellious
 





Ich verrate Uri Gellers Löffel-Trick













Möge keiner sagen, ich hätte keinen Warnschuss abgegeben. In meinem Buch „Im Schein der Schwarzen Flamme“ steht es auf Seite 89 schwarz auf weiß: Sollte die israelische Dauer-Nervensäge Uri Geller weiterhin als selbsternannter Mystery Man auf deutschen Bildschirmen herumspuken, werde ich gegen den ältesten Kodex aller Zauberkünstler verstoßen und öffentlich machen, was seit Gellers Erstvorführung des Löffel-Tricks anno 1974 nur selten irgendwo zu lesen stand oder sonstwie zu erfahren war: Dass diese als „außersinnliches Phänomen“ verkaufte Illusion nur ein stinknormaler Taschenspielertrick ist. Und Uri Geller ein Augenwischer. Und vor allem: Wie der Löffeltrick funktioniert.





Natürlich ist ein Publikum nicht allzu clever, wenn es sich fünfunddreißig Jahre lang ein Zauberkunststück als übernatürliches Phänomen andrehen lässt. Womit ich nichts gegen Zaubertricks sagen will. Ich mag die Zauberei, und in den achtziger Jahren verdiente ich mir selbst eine Zeit lang mein Geld mit den ältesten und nach wie vor undurchschaubarsten Tricks dieser Zunft: Wie man stabile Ringe miteinander verkettet, wie man Kugeln in die geschlossene Hand von Zuschauern zaubert, und auch das bekannte Spiel mit den Nußschalen. Nur: Ich habe damit nie jemanden abgezockt.





Uri Geller, so finde ich, zockt die Leute ab. Sein Stammpublikum nämlich schaltet den Fernseher nicht ein, weil es Illusionen sehen will, sondern weil es glaubt, bei ProSieben tatsächlich Spukphänomene oder das Gekrächze medialer Raben serviert zu bekommen. Es glaubt tatsächlich, auf der Bühne gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Dann taucht dieses radebrechende Spottbild eines Gutmenschen auf und zeigt ein paar Tricks, die jeder Zehnjährige viel witziger vorführen könnte. Damit muss Schluss sein.





Ich hatte den Löffel-Trick nie im Programm, weil ich zu denen gehörte, die kein Hehl daraus machten, dass ihre Kunststücke nur Fingerfertigkeit sind; und dafür war er mir zu unspektakulär. Das scheinbare Verbiegen eines Löffels, sofern man es nicht als PSI-Phänomen verkauft, ist ungefähr so spannend wie das Aufblasen eines Luftballons.





Und es geht ganz einfach.





Besorgt euch einen Löffel, der möglichst leicht zu verbiegen ist. Also nicht gerade die stabilste Ausfertigung. Was ihr dann braucht, ist eigentlich nur Zeit. Biegt ihn hin und biegt ihn her, immer wieder. Nach einiger Zeit werdet ihr merken, dass der Löffel an der Biegestelle „brüchig“ wird. Je nach Löffel kann das ein paar Minuten bis zu einer Viertelstunde oder länger dauern. An diesem Punkt biegt ihr den Löffel einfach in seine Ausgangsform zurück.





Diesen präparierten Löffel nehmt ihr mit zu eurer Vorführung. Für einen erfahrenen Zauberer ist es ein Leichtes, ihn unter eine Auswahl anderer Löffel zu schmuggeln oder notfalls sogar auszutauschen. Der vorbereitete Löffel wird jedenfalls der sein, mit der du als Vorführender arbeitest. Und ein paar streichelnde Berührungen an der Sollbruchstelle genügen, um ihn augenblicklich krumm zu kriegen und schließlich – knacks – zu Bruch zu bringen.





Das ist das ganze Geheimnis. Unfair von mir? Ich glaube nicht. Außer Geller führt in unseren Tagen kaum einer die Löffelverbiegung vor. Als Zaubertrick ist er schließlich einer der langweiligsten der Welt. Und falls nun jemand wissen will, wie das war, als ich damals bei einer Autoausstellung, mit einem schwarzen Sack über dem Kopf, den neuen Ford Orion mit 180 km/h über die Autobahn fuhr ...





Ich sage kein Wort. Außer: Es war alles nur Täuschung.













© Februar 2009 by Oliver Fehn











































Currently reading:
Im Schein der Schwarzen Flamme. Satanische Essays und Enthüllungen
By Oliver Fehn
February 20, 2009 - Friday 

Current mood:  melancholy
 




Welt voller Trugbilder




Rezension des Buches „Schattenlos“ von Irenes Kind





Ehrlich gesagt: Ich mag keine Biografien, schon gar nicht die von Berühmtheiten. Berühmtheiten meinen immer, wir müssten uns für jeden noch so unbedeutenden Pups aus ihrem Leben interessieren, doch Pups bleibt natürlich Pups. Wenn ich Biografien lese, dann mit Vorliebe die nicht-prominenter Personen. Wenn ein Verlag sich dazu entschließt, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen, haben sie meist wirklich was zu erzählen.




Irenes Kind, deren autobiografische Geschichte „Schattenlos“ bereits 2006 im Verlag „Edition Esoterick“ erschienen ist, hat viel zu erzählen. Nicht weil das, was sie erlebt hat, so außergewöhnlich ist, sondern weil es ihr gelingt, aus den Szenen ihres Lebens anwendbare philosophische Schlüsse zu ziehen. Ein Mädchen, im sozialistischen Ungarn aufgewachsen, begreift die Welt, indem sie ihren ganz persönlichen Weg geht.




Der geliebte Vater, erst überzeugter, dann desillusionierter Kommunist, stirbt eines frühen und vermutlich unnatürlichen Todes, und wie so oft im Leben kommt nichts Besseres nach. Auch die Jungs, mit denen Irenes flirtet oder Beziehungen eingeht, enttäuschen auf die eine oder andere Weise, und ihre Zweifel am Tun der Menschen werden immer stärker und nachvollziehbarer. Politik, Religion, das konventionelle Familienideal – alles entpuppt sich rasch als Trugbild.




Nur Tiere und Sonderlinge sind es, von denen die Erzählerin nicht enttäuscht wird: Der Hund Scuri etwa, den ihre Eltern ohne Zustimmung einfach weggeben; der kleine Adoptiv-Igel, der ihn danach ersetzen muss; und – last not least – die geheimnisvolle alte Zigeunerin Romana, die sich – ob in Wahrheit oder nur im Traum, bleibt offen – als Verkörperung der „Großen Göttin“ entpuppt, der alles wahrhaft Weibliche auf dieser Welt bewusst oder unbewusst huldigt.




Da das Leben keine in sich schlüssigen Plots schreibt, lässt Irenes' Geschichte sich in einer Rezension natürlich nur schwer zusammenfassen. Doch es ist eine packende Geschichte, und ich empfehle sie jedem, der schon lange kein wirklich außergewöhnliches Buch mehr gelesen hat. Es liegt, wie ich meine, an dem exzellenten Gespür der Autorin für Dramaturgie. Viele Nicht-Profis schreiben einfach ins Blaue hinein und produzieren dabei im Kopf des Lesers oft schwer entsorgbaren literarischen Sperrmüll. Die Autorin von „Schattenlos“ hingegen weiß genau, was zu tun ist, wenn man Gelächter ernten oder eine Träne sehen will. Zweiteres etwa hat bei mir auf Seite 137 bestens funktioniert.




Einziger Kritikpunkt: Die Autorin hätte gut daran getan, sich bei Dialogen an die bewährte Regel „Ein Sprecher – ein Absatz“ zu halten. Im Buch jedoch umfasst ein einziger Absatz oft zehn oder mehr Dialog-Anteile, so dass man manchmal echt nicht weiß, wer gerade spricht. Das ist, als hätte man im Film für zwei Personen nur einen Synchronsprecher. Sollte die auf der letzten Seite versprochene Fortsetzung jemals folgen, könnte der Verlag diesen Punkt vielleicht zur Chefsache machen.




Ansonsten kann ich das Buch nur jedem ans Herz legen, der – ein paar kalte Nächte stehen ja noch bevor – nach einer interessanten Winterlektüre sucht. Es ist kein Thriller, der dich fesselt und nicht mehr loslässt – aber in etwa so, als würde jemand auf einer nächtlichen Reise dir sein Leben erzählen, und du möchtest und möchtest ihm zuhören, bis im Morgengrauen alle Schatten wieder da sind.











© Februar 2009 by Oliver Fehn









Currently reading:
Schattenlos. Die Reise einer Frau durch die Mysterien des Lebens. Eine wahre Geschichte
By Irenes Kind
January 17, 2009 - Saturday 

Current mood:  melancholy
 




















Ein Lied für alle, die sterben wollen











Schon Sigmund Freud wusste, dass es sie gibt: die sogenannte Sonntagsneurose – d. h. körperliche Symptome psychosomatischer Natur, die bei verschiedenen Patienten in der Tat nur an jenem speziellen Wochentag auftreten und keineswegs mit einem Kater nach einem durchfeierten Samstag verwechselt werden sollten. Mehr noch: Menschen, die an Depressionen leiden, schildern ihr Lebensgefühl oft so, dass „jeder Tag sich wie ein Sonntag anfühlt“. Und viele von uns können es bestätigen: Einsamkeit ist nie besonders lustig, an Werktagen jedoch leichter zu ertragen als an einem Sonntag.

Der ungarische Komponist Rezsö Seress muss davon gewusst haben, als er im Jahre 1933 den Song Szomorú Vasárnap komponierte, der als „Gloomy Sunday“ (Einsamer Sonntag) während des Zweiten Weltkriegs gruselige Schlagzeilen machte. Angeblich fand sich die Scheibe auf den Plattentellern zahlreicher Selbstmörder, und eine Menge urbaner Legenden rankten sich um das Lied – etwa die von dem jungen Mann, der es in Rom einen Straßenmusikanten singen hörte, worauf er ihm seinen Geldbeutel schenkte und in den Tiber sprang.

Bei YouTube findet sich das Lied in den unterschiedlichsten Versionen – meist mit dem Warnhinweis, es möglichst nicht zu hören. Die Musik, so heißt es, enthalte versteckte Subliminals, die auf das Unbewusste des Hörers einwirken und seinen Suizid unabwendbar machen.

Ich glaube nicht, dass „Gloomy Sunday“ Subliminals enthält; sie sind eine Kreation der Nachkriegszeit. Ich glaube einfach, dass es hier einem begnadeten Komponisten gelungen ist, ein Stück wahrhaft Satanischer Musik zu schreiben; und Satanische Musik bleibt nie ohne Wirkung.

Hört man sich „Gloomy Sunday“ an, so fällt auf, dass das Lied eine Sogwirkung hat, die eindeutig in den Abyssos führt. Es gibt keinen Refrain, keine einzige heitere Note, nur Mollakkorde und Hoffnungslosigkeit, die aus allen Poren blutet. Und es spukt einem, nachdem man es gehört hat, noch lange im Kopf herum. Im Englischen gibt es für solche Melodien ein sehr treffendes Adjektiv: „haunting“.

Ich weiß nicht, ob Seress Zigeuner war; viele ungarische Musiker waren es, und angesichts der Intensität seiner Komposition möchte ich es vermuten. Zigeuner sind ein rätselhaftes Volk. Als ich ein Junge war, wohnten in unserem Ort mehrere Zigeunerfamilien, und was mir am meisten auffiel, war, dass ihre Gesichter jede Emotion auf viel intensivere Weise spiegelten als dies bei den von ihnen sogenannten „Gadsche“ der Fall war. Ich fand das faszinierend, aber auch beängstigend.

Die Zigeuner waren im Dorf gefürchtet; da ich aber mit einem der Jungs – nennen wir ihn Karlchen – eng befreundet war, durfte ich ihr Reich betreten und bekam viel von ihren Gepflogenheiten mit. Am deutlichsten erinnere ich mich an jenen Nachmittag, als Karlchen mich auf den Zigeunerfriedhof führte, der sich in einem versteckten Teil des örtlichen Friedhofs befand, überschattet von knorrigen Bäumen und umrankt von Gestrüpp. Ich war dort nie zuvor gewesen und bekam sofort eine Gänsehaut. Die Grabplatten waren einschüchternd und prunkvoll; und auf jeder befand sich ein Foto der Person, die dort begraben lag.

Da waren sie wieder, jene schwermütigen, dunklen Blicke, die mir so durch Mark und Bein gingen. Ich las fremdartige Namen, und unter jedem fand sich die Berufsbezeichnung des betreffenden Toten.

Fast alles Musiker“, sagte ich.

Ja, weil wir mit der Musik geboren werden“, sagte Karlchen. „Zigeuner brauchen keinen Geigenunterricht, die Geige lehrt es sie selbst. Du solltest mal um Mitternacht hierher kommen. Da kannst du hören, wie die Toten in ihren Gräbern Musik machen. Am liebsten spielen sie den einsamen Sonntag.“

Es war das erste Mal, dass ich von jenem Lied hörte. Ein paar Monate später spielte der örtliche Zigeunerprimas es bei einem Fest auf der Geige, und ich weiß noch, dass ich hinausging und mir die Seele aus dem Leib schluchzte. Wieder blutete die Hoffnungslosigkeit aus allen Poren. Um Mitternacht zum Zigeunerfriedhof bin ich nie gegangen.

Ich glaube, es ist jene metaphysische Schwermut, die sich in Seress' Komposition spiegelt. Satanische Musik, deren Mysterium nicht auf Notenfolge oder Tempo beruht, sondern auf etwas Drittem, organisch daraus Entstehendem, das sich zu einer anderen Ebene in uns Zugang verschafft. Und was den Text betrifft, so ist es – neben „Where the wild roses grow“ - das einzige mir bekannte Lied, das aus der Sicht eines Leichnams erzählt wird.

Bleibt die Frage: Warum eigentlich setzt die Melodie sich so hartnäckig im Kopf des Hörers fest? Es hat damit zu tun, dass die Verse und Strophen zwingend ineinander „fallen“; es existiert kein Punkt, an dem die Melodie zu einem Zwischenstopp oder Stillstand kommt. Solche Lieder sind wie verhext: Wir reagieren auf sie wie auf Tonfolgen, die unvermutet abbrechen und von uns sofort im Geiste ergänzt werden. Wer erinnert sich nicht – und man verzeihe mir den profanen Vergleich – an das verflixte Küchenlied vom „alten Reisbrei“, das man immer weitersingen musste, weil der letzte Vers einer Strophe gleichzeitig der erste Vers der nächsten Strophe war. Ein Perpetuum Mobile im Hirn.

Hat der "Einsame Sonntag" sich erst einmal im Kopf festgefressen, verrichtet er sein Werk ganz von selbst: Er nagt am Gemüt des Betreffenden, macht ihn depressiv und erzeugt eine Mischung aus Angst und Hoffnungslosigkeit. Ohne bewusste Steuerung hat plötzlich alles diesen Sonntags-Touch. Für labile Menschen oder Personen, die gerade in einer Krise stecken, nicht ungefährlich.

Bis lange in die Nachkriegszeit hinein war das öffentliche Spielen oder Ausstrahlen des Songs behördlicherseits verboten; erst seit den neunziger Jahren ist „Gloomy Sunday“ wieder legal - was sein Komponist allerdings nicht mehr miterleben durfte: Rezsö Seress war bereits im Jahre 1968 aus dem Fenster seiner Wohnung in Budapest gesprungen.





© 2009 by Oliver Fehn

Links zu dem Song bei YouTube:

http://www.youtube.com/watch?v=TcJ6CUgwe4Q

http://www.youtube.com/watch?v=MjQbtNaU8uQ&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=8Kkxbw3s2pM









































November 30, 2008 - Sunday 
 

Back from Berlin









 



 



 



Wieder ein wenig PR für Satan.



Verbrachte das Wochenende in Berlin, wo der Regisseur und Filmpreisträger Rosa von Praunheim mich für sein neues Projekt – einem Film zum Thema Hölle – über drei Stunden lang interviewte. Wir drehten, atmosphärisch begleitet von Krähengeschrei und dem Wind im Geäst, am Ufer eines Flusses sowie auf einem malerischen Friedhof voll alter Grabmonumente und tempelartig schöner Anlagen.



Berlin war kalt, aber sweet. Auch einem fast 50jährigen wirft das Nachtleben dort noch so manches Bonbon zu.



Der Film wird voraussichtlich nächstes Jahr zu den Hofer Filmtagen gezeigt und auf ARTE ausgestrahlt; doch dazwischen liegt noch ein schönes Stück Arbeit.



Kamerafrau war übrigens die bekannte Elfi Mikesch, ausgezeichnet mit dem 3-Sat-Dokumentarfilmpreis (1997), sowie erste weibliche Empfängerin des Deutschen Kamerapreises (2006).




March 18, 2008 - Tuesday 

Current mood:  animated

Übermensch werden - und Spaß dabei!

 

Sachbuchautoren lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Da gibt es die Didakten, die mit dem Urknall beginnen, um sich dann, systematisch und häppchenweise, durch ihr Thema hindurchzuarbeiten. Da gibt es die Geschichtenerzähler, die ihr Material mit Anekdoten und Erinnerungen würzen, und von denen man lernt, ohne es zu merken. Da gibt es zuletzt noch die – wie soll ich sagen? - Entertainer. Sie kommen mit einem großen schwarzen Koffer an, voll mit bunten Tricks und Gags. Sie führen kurz ihre Gimmicks vor, dann lassen sie das staunende Publikum auf eigene Faust damit experimentieren. Learning by doing.

Zu letzteren gehört Onkel Urian. Und der schwarze Koffer mit den vielen Wundern – das ist sein neues Buch „Götterschmiede". 110 Seiten, vollgepackt mit Anregungen, Experimentieranweisungen und Ratschlägen für ein bewußtes, magisches und erfülltes Leben. Das Ziel – wie schon der Untertitel „Kleines Handbuch zum Übermenschen" sagt – besteht darin, sämtliche Konditionen und Muster, die uns das Leben erschweren, hinter sich zu lassen und so gut wie möglich sein eigener Gott zu werden.

Alles, was nun folgt, ist ganz alter Käse", sagt Onkel Urian im Vorwort, was – da es bekanntlich nichts Neues unter der Sonne gibt – für so ziemlich jedes Buch gilt. Wir alle wissen eine Menge über Glück und Erfolg und richtiges Leben, vielleicht wissen wir sogar alles, was es zu wissen gibt – nur: Wir tun es nicht. Wir halten den geistigen Besitz von funktionstüchtigen Fakten für Reichtum – aber er ist gar nichts. Deshalb fordert Onkel Urian uns fortwährend zum Handeln auf: Schlaft doch mal mit einem häßlichen Menschen. Malt euch doch mal euren Tod in sämtlichen Variationen aus. Feiert doch mal Mittwinter samt allem Drum und Dran. Versucht’s doch mal mit Charlie Mansons „Gruselgeister"-Methode. Belügt euch doch mal selbst, wenn’s euch gut tut. Probiert und experimentiert und laßt so wenig wie möglich aus. Ihr könnt damit nur Punkte sammeln.

Und es klappt. Mit jedem Ratschlag aus diesem Buch, sofern man ihn wie gesagt nicht nur liest, sondern auch ausführt, bringen wir irgendetwas in oder an uns zum Wachsen. Natürlich verrät Onkel Urian uns bei jedem Experiment auch, welches spezielle Problem wir damit behandeln können: Ängste besiegen oder selbstbewußter werden oder die Realität nach unseren Wünschen formen oder seinen eigenen Dschihad erfolgreicher gestalten.

Wie jedes gute Sachbuch hinterfragt natürlich auch „Götterschmiede" die tradierten Werte unserer Gesellschaft und wagt sich an Themen, die für Otto Normalgutmensch mehr als pfui sind: Eugenetik etwa, wobei er eine völlig neue, aber überzeugende Erklärung dafür bietet, weshalb kluge Gelehrtheit und körperlicher Sex-Appeal so selten gemeinsam auftreten und wo folglich all die kleinen Dummchen herkommen.

Es ist ein kluges Buch. Und, was noch wichtiger ist, ein ungemein ideenreiches Buch. In keiner Zeile macht Urian den Eindruck ideologischer Festgefahrenheit: So fand ich es zum Beispiel erfrischend, wie entspannt der Verfasser (als Heterosexueller) mit dem Thema Schwulsein umgeht, und seine unverkrampfte Drittseitenperspektive zum Thema Drogen kann ich nur begrüßen. Den Spagat zwischen Leary und LaVey muß man erst mal hinkriegen – bei Urian wirkt er regelrecht elegant.

Das Buch ist bei Edition Esoterick erschienen, was mittlerweile ein echtes Gütesiegel darstellt. Sämtliche Bücher, die der Verleger Lars Kronlob in den letzten Jahren auf den Markt gebracht hat, zeichnen sich nicht nur durch eine ästhetische und professionelle Gestaltung aus, sondern auch durch Inhalte, die auf dem restlichen Buchmarkt regelmäßig auf der großen Tabuhalde landen. Gratuliere, Onkel Urian, und gratuliere, Lars Kronlob!

Mir hat die „Götterschmiede" zwei überaus unterhaltsame Nächte beschert. Und ich habe eine Menge gelernt.


© März 2008 by Oliver Fehn


Currently reading:
Götterschmiede. Kleines Handbuch zum Übermenschen
By Onkel Urian
Release date: März 2008
December 1, 2007 - Saturday 

Current mood:angriffslustig
 

Arschkarten-Poker


Es war schon früher ein Problem, wenn alte Bekannte mich fragten, wie es mir finanziell so gehe. Sagte ich schlecht, freuten sie sich; sagte ich gut, pumpten sie mich an. Also verzichtete ich auf eine Antwort.

Inzwischen jedoch wird subtiler gefragt. Etwa so:

„Ich hab gelesen, du tust jetzt nur noch Übersetzen und Bücherschreiben. Das is' ja das, wovon du schon als Steppke immer geträumt hast."

„Hmm-m."

„Freut mich für dich. Wirklich. Aber sag mal – kann man davon leben?"

Diese Frage kommt immer. Es ist die Kernfrage – die, um deretwillen das Thema überhaupt angeschnitten wurde. Und es ist eine Frage, hinter der die Wunschantwort bereits hervorschimmert. Ich soll antworten: „Na, es geht so." Damit dann interpretiert werden kann: „Hm, wenn er sagt, es geht so, kann es ihm nicht besonders gut gehen. Sonst hätte er sicher toll oder glänzend gesagt – das heißt also, es geht ihm schlecht" - und dann fällt den Betreffenden ein Stein vom Herzen, dass es mir nicht gut geht, wo es ihnen doch nur so lala geht, aber lala ist ja immer noch besser als schlecht.

Aber ich gebe die Wunschantwort nicht. Auf die Frage, ob ich von meiner Arbeit leben kann, erwidere ich meist:

„Wieso? Sehe ich irgendwie tot aus?"

Darauf erröten die Betreffenden in 99 Prozent aller Fälle – ein deutliches Zeichen dafür, dass ihre Frage nicht Frage war, sondern Kriegsführung mit den Waffen eines - wie man im Boxsport sagt - „Stinkers". Stinker sind Fighter, die unter die Gürtellinie schlagen, es aber so tarnen, dass es fast wie eine Zärtlichkeit wirkt. Stinker sind Leute, bei denen man sich freut, wenn sie nach einem brutalen Knockout aus dem Ring getragen werden. Und ehrlich gesagt: Der Wunsch nach einem Knockout, genau das ist es, was in meiner Hand kribbelt, wenn ich die Frage höre, ob ich „von meiner Arbeit leben" kann.

Man verstehe mich richtig: Diese Leute erwarten eine Antwort, die sich als „Nein" interpretieren lässt. Sie wollen, dass ich nicht davon leben kann. Sie wollen mich tot. Oder wenn schon lebend, dann verzweifelt. Gebückt. Am Ende. Einer, dessen Träume wie Ballons am Himmel zerpufften.

Die Kinder meines Jahrgangs – Anwälte sind sie geworden, Ärzte, Lehrer, was weiß ich. Ist es z. B. höflich, einen Anwalt zu fragen, ob er von seiner Arbeit leben kann? Vergesst es, nicht mal einer Halbtagstippse stellt man so eine Frage. Weil die ja nicht ein Leben lang gebetet hat: „Herr, lass mich Halbtagstippse werden." Aber Leute, die sich einen Traum erfüllt haben, die darf man fragen.

Um, wenn es schon an Trumpfkarten mangelt, wenigstens die beschissene Arschkarte ausspielen zu können, die man auf dieser Welt gezogen hat.


© 2007 by Oliver Fehn






Currently reading:
Crime Novels: American Noir of the 1930s and 40s: The Postman Always Rings Twice / They Shoot Horses, Don’t They? / Thieves Like Us / The Big Clock / Nightmare ... / I Married a Dead Man (Library of America)
By Robert Polito
Release date: 01 September, 1997
November 10, 2007 - Saturday 
 

Was mich absolut kalt lässt

von Magister James D. Sass


AUTOS: Kürzlich zeigte mir jemand stolz einen Mercedes-Kleinlaster. Wow. So was interessiert mich wirklich nicht, und ehrlich gesagt, ich kann kein Auto vom anderen unterscheiden, es sei denn auf Grund von Größe und Farbe. Würde die Firma Glock Autos herstellen, würde ich mir vielleicht eins kaufen: ein schwarzes, bedrohliches, langlebiges, betriebssicheres und leistungsstarkes Modell. Die einzigen Automodelle, die ich kenne, sind solche, die ich mal gesehen und die mir gefallen haben: den Lincoln Mk II (Baujahr 1968), den Bonneville (Baujahr 1970), den Cadillac Eldorado (Baujahr 1974), den Buick Grand National (Baujahr 1986), der als Cadillac unter den Muskelautos gilt. Darüber hinaus interessieren Autos mich überhaupt nicht. Und auch von den genannten Autos würde ich keins besitzen wollen, weil das hieße, sich um den Unterhalt kümmern zu müssen. Ich verabscheue es, an Autos herumzuschrauben, und es nervt mich, wenn sie kaputt gehen und ich sie reparieren lassen muss. Autos bedeuten mir einfach nichts. Ich gebe pro Monat durchschnittlich 15 Dollar für Benzin aus. Ich nehme an, das verrät, wie viel ich herumfahre.

REISEN: Ich bin schon öfter mal gereist, aber die Erfahrung ließ mich völlig kalt. Es gibt Orte, die ich gern mal sehen würde und wahrscheinlich auch mal besuchen werde, bevor ich den Löffel abgebe, aber es gehört nicht zu den dringlichen Sachen in meinem Leben. Ich bin lieber unterwegs und übernachte in billigen Motels, als tatsächlich irgendwo zu sein. Die Begegnung mit anderen „Völkern" langweilt mich zu Tode und geht mir gewaltig auf den Sack. Ich mag die Menschen ohnehin nicht besonders und verreise normalerweise nicht, um Leute zu treffen, auch nicht Leute, die ich kenne. So was gibt es bei mir einfach nicht. Ich war nie an einem Ort, den ich nicht nach spätestens drei Tagen freudig wieder verlassen hätte, und das Vergnügen, wieder zu Hause zu sein, ist stets größer als das Vergnügen, das mir das Unterwegssein bereitete. Vor langer Zeit, als ich noch für andere Leute arbeitete, häuften sich bei mir oft Urlaubstage im Gegenwert eines Monatslohns an, nur weil ich mir nie frei nahm. Dann machte ich vier Wochen Urlaub, ohne das Haus zu verlassen. Alles, was ich gern tue, kann ich auch zu Hause tun. [Die Ironie dabei: Alle sind sich einig, dass ich ein unterhaltsamer Reisegefährte bin!?!?]

„BERÜHMTHEITEN" KENNEN LERNEN: Ein paar davon lernte ich kennen , ohne was dafür zu tun. Die meisten sind ebenso langweilig wie alle anderen Leute, und eine Menge davon sind totale Arschlöcher. Ich habe nie kapiert, wieso Leute sich darum reißen, jemanden kennen zu lernen, nur weil er „berühmt" ist ... wen juckt das? Das gilt vor allem für Musiker. Die meisten Musiker, denen ich in meinem Leben begegnet bin, waren jämmerliche, infantile, egozentrische Arschlöcher. Ich drehe jedesmal fast durch, wenn ich sehe, wie jemand ein Foto von sich veröffentlicht, das ihn zusammen mit einem „Rockstar" zeigt. Wirklich, würde ich einem Rockstar begegnen, hieße mein erster Impuls: Entlausen. Nur weil jemand auf dem Gebiet der Kunst oder Musik interessante Arbeit leistet, bedeutet das noch lange nicht, dass er, was seine Persönlichkeit betrifft, was Außergewöhnliches zu bieten hätte. Oftmals schadet es sogar, den Künstler persönlich kennen zu lernen – es ist besser, du weißt nicht, was für ein Volltrottel der Typ ist, der dein Lieblings-Kunstwerk erschaffen hat.

FEIERTAGE: Was gehört bei mir zum Feiern? Nichts. Ich will nur meine Ruhe haben. Als Kind flehte ich meine Mutter immer an, keine Geburtstagsparty für mich zu organisieren, weil ich keine Lust hatte, einen ganzen Tag lang mit einem Pulk von Leuten zu verbringen, zu denen ich null Beziehung hatte. Es ist mir egal, ob sie mir in den Arsch kriechen oder Geschenke bringen. Sagt ihnen, sie sollen mir ihre Geschenke schickendazu ist die verdammte Post schließlich da, oder?

KINDER: Kinder sind mir ein Greuel. Im Ernst, wenn ich Kinderstimmen nur von weitem höre, klingt es für mich schon, als würde jemand mit dem Fingernagel über eine Schiefertafel kratzen. Noch ehe sie den Raum betreten, bin ich bereits total entnervt. Ich finde, Kinder sollte man sehen, aber nicht hören, und wenn ich recht bedenke, sollte man sie nicht mal sehen. Kommt wieder, wenn ihr 18 seid. Moment, bitte streichen. Kommt wieder, wenn ihr 30 seid.

So, jetzt geht's mir besser. Es war, als hätte ich mir eine schmerzhafte Eiterbeule ausgedrückt oder einen Betonziegel von einer Autobahnbrücke geworfen. Bloggen ist von reinigender Wirkung.

Alles Gute,

JDS

© 2007 by Magister James D. Sass

Deutsche Übersetzung: Oliver Fehn