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Oliver Uschmann

Oliver Uschmann


Last Updated: 10/8/2009

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Gender: Male
Status: In a Relationship
Age: 32
Sign: Gemini

City: Ascheberg
State: Nordrhein-Westfalen
Country: DE
Signup Date: 3/28/2006

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Tuesday, October 27, 2009 

Current mood:  focused
"Don't push!" So hat es mir einst ein Schauspieltrainer in einem Workshop über Bühnenpräsenz beigebracht und so habe ich es auch von allen erfolgreichen Musikern und Autoren gelernt. "Don't push!" Die besten Ideen kommen von alleine und die beste Publicity auch. Es ist gut, PR für sich zu machen und machen zu lassen, aber es ist schlecht, mit der Brechstange Einlass zu verlangen, ins Fernsehen zum Beispiel. Das bestätigt sich dieser Tage, als ich nicht an PR denke, sondern einfach nur intensiv an einem neuen Manuskript arbeite, als das Telefon klingelt und der WDR Münster mich als Gast in die Lokalzeit einlädt; sofort morgen und auch noch live. Thema: Fehlermeldung. Der WDR hat eine kleine Straßenumfrage zu den Fehlern der Männer gemacht und "Uschmann fällt ihnen jetzt in den Rücken", indem er sagt: Ja, wir haben Fehler und wir können sie ändern. Ich bin nervös, da ich Liveauftritte im TV nicht gewöhnt bin und nur ein paar Minuten habe. Ich bin erstaunt, wie viel ich in den wenigen Minuten zu sagen schaffe. Die Befragten auf der Straße sprachen über praktische Fehler, über Besserwisserei; ich spreche über Elementares wie die "Sucht nach Optionen", die Männer dazu bringt, ihr Leben zu sabotieren und bin froh, ein paar so grundlegende Dinge einfach so im Fernsehen sagen zu können. Es fasziniert mich immer wieder, wie Fernsehleute während einer Live-Sendung die paar Minuten oder Sekunden zwischen den Schaltungen nutzen, um über Kamerapositionen zu diskutieren oder spontan ganze Moderationen umzustellen, um dann exakt auf die Sekunde, wenn die Kamera angeht, wieder präsent zu sein und alles hinzubekommen. Fernsehen und Radio trainieren effiziente Zeitausnutzung. Meine Rede ist gut, meine Mimik ist nahezu schüchtern, aber sympathisch, wie Sylvia zurecht meint, nur den Kiefer bekomme ich immer noch nicht auseinander, was mich wahnsinnig macht. Es sieht so aus, als spräche ich komplett ohne den Unterkiefer zu bewegen, als presse ich alles nur durch die Zähne. Auf dem Parkplatz empfange ich die SMS eines alten VISIONS-Kollegen. "Schöne Sachen hast du da im WDR gesagt", schreibt er und ich freue mich sehr. Mit dem Schlüssel meines Stammtoningenieurs Tobias hole ich einen Stapel CDs aus dem Studio Notaufnahme und bringe ihm den Schlüssel ins Amp, wo er heute Abend ein Konzert mischt und wo junge Menschen vor der Tür stehen und rauchen, obwohl es erst in 90 Minuten losgeht. Tobias ist schon seit 17:30 Uhr hier, die Band seit heute Mittag. Hier wird mit Zeit etwas großzügiger umgegangen. Den putzigen Pillow Fight Club im CD-Player fahre ich heim und freue mich darauf, dass das Fernsehen eines Tages noch mal anruft.
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About Face and Other Constants
By Pillow Fight Club
Release date: 2009-11-06
Tuesday, October 27, 2009 

Current mood:  electric
Professionelles Leben ist ohne Fehler nicht denkbar. Das weiß jeder, der Konzerte, Lesungen oder Filmproduktionen aus dem Hintergrund kennt. Oder eben: Gastvorlesungen. Heute besuchen mein Hörbuchchef Dirk Kauffels von Patmos Audio und ich die gute, alte Ruhr-Uni, um im Hörsaal HGB 40 darüber zu berichten, wie ein Hörbuch entsteht. Präsentiert wird die Veranstaltung vom Schreibzentrum, für das ich jeden Sommer auch ein langes Seminar gebe. Die Fehler fangen schon damit an, dass ich auf allen Webseiten den morgigen Tag als Termin angegeben hatte, weil ich selber glaubte, dass dem so wäre. War aber nicht. Hat mich auch überrascht. Im Büro des Schreibzentrums müssen Dirk und ich auf einem Uni-Laptop unsere Multimedia-Einspielungen ausprobieren, die freilich nicht laufen, da der Rechner weder einen VLC Player noch ein Flash-Plugin im Internetbrowser hat. Lustig ist, dass neben dem erfreulich kompetenten IT-Mann der Uni nur noch ich als Schriftsteller und GEE-Redakteur weiß, was all diese Technik bedeutet und warum man unten am Hörsaal-Beamer das Bild nicht klonen kann, sondern alle Sichtfenster per Hand auf die Wand schieben muss. Während des Vortrags belustigen Dirk und ich die Anwesenden dann noch durch unseren holprigen Umgang mit der brandneuen Hörsaaltechnik (ein beeindruckendes Technik-Rack mit 2000 Knöpfen und Reglern), beeindrucken sie aber mit unseren handfesten Kenntnissen aus der Praxis des Literaturbetriebes und der Hörbuchproduktion. Jeder Satz von Dirk hat etwas Praktisches, er redet von Kalkulationen, Sprecherlaunen, Textkürzungen und raschelnder Kleidung in der Studiokabine und derlei Konkretes erfrischt die akademischen Köpfe sichtbar. Ich empfinde nach dem Vortrag beim Kaffee im Schreibzentrum sowie beim melancholischen Spazieren auf dem Parkplatz meine übliche, leicht verklärende Uni-Nostalgie, die für Dirk noch stärker sein muss, da der heutige Patmos-Lektor ein paar Jahre vor mir Student der heute abgeschafften Film- und Fernsehwissenschaften war. Allerdings verknüpfe ich den Besuch in meiner alten Uni heute auch mit der Zukunft, indem ich mich bei alten Bekannten und Professoren über die aktuelle Promotionsordnung informiere, da sich meine Doktorarbeit seit geraumer Zeit immer wieder in mein Bewusstsein drängt. Wie bei Romanen ist es auch bei ihr: Sie will raus, sie will endlich geschrieben werden und sie schert sich dabei nicht um Zeitnot oder praktische finanzielle Erwägungen. Sie will raus. Deshalb ist man Autor, eine Brutstätte von Text. Auf der Heimfahrt höre ich Captain Planet, deren Sänger ich neulich für VISIONS interviewt habe und formuliere im Geise den Artikel für die 201. Ausgabe. Andere atmen Kohlendioxid aus, ich Texte. Und das ist gut so.
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Inselwissen
By Captain Planet
Release date: 2009-10-23
Wednesday, October 21, 2009 

Current mood:  catalyzed
Die Messetage beginnen für mich nicht in Frankfurt, sondern in Wesel, und sie beginnen mit einem Gefühl der Entschleunigung und der Liebe zum Detail. Ich führe für die nächste Ausgabe der GEE ein Interview mit dem Retro-Programmierer Simon Quernhorst, der heute noch Spiele für die "toten" Systeme Atari VCS und C64 programmiert. Seine Games sind ein halbes bis acht Kilobyte klein (also weniger als ein leeres Word-Dokument) und Innovationen in Retro, da sie inhaltlich auf uralten Systemen jedes Mal etwas wirklich Neues machen. So steuert man etwa in seinem aktuellen Werk "KITE!" einen Lenkdrachen mit zwei Joysticks (rechtes Seil, linkes Seil), was es so noch nie zuvor gab: Weder eine Lenkdrachensimulation für Konsolen noch die gleichzeitige Verwendung zweier Sticks. In so einem Spiel geht es "nur" ums Ausweichen von Lufthindernissen und ums Zählen der Drehungen, da sich sonst das Seil verheddert, es ist ein Mini-Game, aber es erfordert absolute Konzentration. Wo man sich in jede moderne Xbox-Schlacht erst mal blind hineinwerfen kann, muss man sich auf diese 4-Kilobyte-Nummer in Uralt-Optik nahezu Zen-artig einlassen. Motiviert von derlei Passion und der Tatsache, dass Simon und ich erst durch dieses Interview festgestellt haben, dass wir aus der gleichen Stadt und der gleichen Schule stammen, pflege ich das ganze Messenwochenende achtsame Genauigkeit. Im Autoradio höre ich längst bekannte Popsongs mit schärferem Ohr und werde dabei von SWR2 unterstützt, die eine Rubrik haben, in der professionelle Sprecher die Texte altbekannter Hits Zeile für Zeile ins deutsche übersetzen und wie ein Gedicht vorlesen. Heute: "Picture Postcards From L.A." von Joshua Kadison. Kennt man seit 15 Jahren, hat aber nie gemerkt, wie traurig diese Story eigentlich ist. Auf der Messe am Sonntag sitze ich um 12 Uhr auf der Bühne des Lesezeltes und werde als frisch gebackener Autor im Genre "Young Adult Fiction" dadurch geadelt, dass ich im Dreierpack gemeinsam mit Benjamin J. Myers und Kevin Brooks vorgestellt werde. Brooks hat dieses Jahr den Jugendbuchpreis gewonnen und ist in diesem Genre ein Meister. Myers verfasst finstere, phantasievolle Thriller, war bereits Befehlshaber im Irak-Krieg und ist heute auch noch Strafanwalt. Moderatorin Ruth Fühner von hr2 stellt uns kenntnisreich und genau vor; mein "Gegenteil von oben" hat sie so genau gelesen, dass sie Stellen zitiert, die mir selbst schon wieder entfallen waren und von denen ich mir denke: "Wow, da hat der Autor aber scharf wie ein Skalpell formuliert." Man darf sich schon mal selbst toll finden und es euphorisiert mich auch, auf dem Hauptplatz zwischen den Messehallen im Signierzelt neben Myers und Brooks zu sitzen und Autogramme zu geben, denn ich empfinde es immer noch nicht als selbstverständlich, diesen Status erreicht zu haben. Ich werde von der Messe und dem hr2 durch diese Einladung mit Myers und Brooks automatisch als Michael Ballack des deutschen Jugendromans geadelt, gleich darf ich aus meinem Buch eine ganze Stunde lang in Halle 3 beim Forum Literatur lesen und schlendere ich über die Messe, weiß ich, dass ich schon für 7-8 dieser Verlage geschrieben habe und jedem hier ohne Einstiegshürden ein Buch anbieten könnte... das ist und bleibt unglaublich. Die Lesung beim Forum macht mir sehr viel Freude, da ich es schaffe, mit den Geschehnissen um Dennis, Ingo und Alparslan und mit meiner typischen Halb-Improvisation den Durchgangsverkehr der Messebesucher auf dem Weg neben der Bühne zu bremsen, bis fast alle stehen und mir zuhören, obwohl sie das gar nicht geplant haben. Das ist ein schönes Kompliment. Jürgen Klugmann von pixelfreestyle hat die Show wieder gefilmt und wird daraus so tolle Clips machen wie die, die von der "Murp!"-Show bereits im Netz sind. Nach meinen wunderbaren "Pflichten" laufe ich noch einfach so über die Messe, sammele Prospekte und plaudere mit den engagierten Menschen der Deutschen Kafka-Gesellschaft und des Bernstein-Verlages, für die ich auch bereits geschrieben habe und mit denen ich Kontakt halte, weil mich der alte Franz niemals loslässt. Meine Doktorarbeit zu ihm liegt zwar noch auf Eis, aber der Gefrierschrank hat die Energieklasse AA+ und steht immer in Sichtweite. Daheim warten Frau und Katzen, mit denen ich bereits wieder neue Bücher verfasse, wobei die Katzen sich mit ihrem Beitrag darauf beschränken, mich zuverlässig um 6 Uhr zu wecken, damit ich an die Tasten gehe. Im Radio auf der Rückfahrt singen Shania Twain, Billy Joel und Howard Carpendale. Ich habe viel davon, denn ich höre hin. Sehr genau.
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Die Oliver Minck Erfahrung
By die Oliver Minck Erfahrung
Release date: 2009-10-23
Saturday, October 17, 2009 

Current mood:  hyper
Bevor es am Nachmittag nach Köln geht, verbringe ich den Vormittag in meiner Heimatstadt Wesel, um dort mit Zeitungen und Radio über "Das Gegenteil von oben" zu sprechen. Der Roman spielt schließlich dort und so machen die NRZ und die Rheinische Post fesche Fotos von mir vor den Hochhaustürmen am Bahnhof und in der Weseler "Angströhre", einer Unterführung, die seit Jahrzehnten unverändert bleibt, da mag der Bürger so viel Angst haben, wie er will. Die Fragen der Journalisten in den Eiscafés der Stadt sind sehr gut, ich kann die Weseler nur immer wieder loben. Die Rheinische Post schreibt am nächsten Tag das erste Mal über mich, dass es "gefährlich" sei, Uschmann zu befragen, da er "Small Talk hasse" und passe man nicht auf und langweile ihn, werde man eines Tages zur Satire-Figur verarbeitet. Die NRZ geht in einem langen Gespräch gut ins Detail. Wer's nachlesen will, schaue hier und hier. Jürgen Knorr vom Bürgerfunk erzählt mir als mein guter, alter Mentor der Mitt-90er-Jahre erstmal in aller Ruhe von den Neuigkeiten aus der Radiolandschaft und dem Besuch von Che Guevaras Tochter in Wesels Zitadelle. Ich könnte noch länger mit ihm in unserem alten Bürgerfunk-Studio sitzen, bin aber als moderner Autor immerfort in Eile, so dass auch bei Mutter nur kurz Zeit für eine leckere Kürbissuppe und einen Blitz-Diskurs durch aktuelle Themen bleibt. Mutter regt sich über Frank Schätzing auf, da sie einen "Fahrstuhl zum Mond" für Schwachsinn hält und sich verarscht fühlt. Ich rege mich auf der Autobahn über eine WDR-Moderatorin auf, die "Born To Be Wild" von Steppenwolf mit den Worten ankündigt, dies sei noch eine Zeit gewesen, "wo man sich traute, eine Orgel zu benutzen". Ich denke daran, wie Arcade Fire ihr letztes Album in einer Kirche aufnahmen und dabei eine gigantische sakrale Orgel einsetzten, die bei Steppenwolf ein Herzklabaster ausgelöst hätte. Ich denke an die Diamond Nights oder Cursive und schüttele den Kopf darüber, wie Radioleute, die beruflich mit Musik zu tun haben, immer wieder in derart peinlicher Selbstgefälligkeit ihr Unwissen offenbaren. Es sollten doch Fachleute sein und keine Nostalgiker, die nur deshalb früher alles besser fanden, weil sie seit 30 Jahren aufgehört haben, sich für Musik abseits der Top 100 zu interessieren. Ein Klempner kennt doch auch jeden Flansch. Oder? Na gut, wahrscheinlich nicht... In Köln schleppe ich Schwiegermutter einen Kühlschrank die Treppe rauf, packe sie ins Auto und fahre mit ihr nach Köln-Eigel, dem Kreuzberg der Domstadt. 200 Meter vor dem Raketenclub ist Stau, weil ein türkischer Mann ein kompliziertes Parkmanöver mit einer Autorität dirigiert, als sei er offizieller Verkehrspolizist. In beide Richtungen gehorchen alle Autofahrer und warten geduldig, bis er die diversen Kleinwagen seiner Familie in die streicholzkleinen Parkbuchten geleitet hat. Einen Parkplatz für meinen Wagen finde ich erst wieder 2 Kilometer weiter an der Maternuskirche. Auf dem Rückweg zum Club verlaufe ich mich, komme kurz vor meinem Auftritt an und gewinne das Publikum direkt mit der Bemerkung, dass ich schwer verwirrt bin... von diesem Stadtviertel, von den aktuellen Nobelpreisen sowie von der Tatsache, dass ich an diesem Abend erst merke, dass man das Lesezeichen aus dem Roman hintena austrennen kann. Die Lesung wird sehr lustig, da ich von den finsteren Stellen der Seelennot nur eine einzige auswähle und mich ansonsten auf die Plot-Linien konzentriere, in denen mein Protagonist Dennis den Halbstarken Alparslan zähmt sowie von Videotheken-Philosoph Ingo die komplette Quanten- und Metaphysik erläutert bekommt. Derweil läuft die ganze Zeit eine riesig große Mischlingskatze mit Kurzhaar-Kopf und Perser-Schwanz in dem keller-artigen Club herum und bringt eine allergische Frau zum Dauerniesen. Fragen gibt es nach der Show kaum, dafür Lob von der Chefin des Literaturhauses Köln, die im Dezember die neue Nobelpreisträgerin Hertha Müller zu Gast hat und der meine Show ebenfalls gut gefallen hat. Das tut ja schon immer gut, sowas. Schwiegermutter ist dann auch stolz wie Oskar. Auf der Rückfahrt durch die Autobahn-Nacht spielt ein Radiomoderator Bob Dylan und behauptet, es gäbe heute keine Singer-/Songwriter mehr. Ich nehme mir vor, ihm eine Liste von ca. 850 guten Singer-/Songwriter-Platten der Jahre 2005-2009 zu senden, verwerfe es dann aber. Kann ich besser weiter Bücher schreiben.
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Neon Bible
By Arcade Fire
Release date: 2007-03-02
Tuesday, September 15, 2009 

Current mood:  busy
Vormittag, Frankfurt. Ich verkante mich in Parkhäusern. Fahre hinein, begreife sie nicht, folge den Pfeilen und lande sofort wieder in der Ausfahrt. Stehe vor der Schranke, ohne bezahlt zu haben. Ziehe den Zorn der Wartenden auf mich. Schilder an den Wänden gibt es nicht. Die Pfeile auf dem Boden sind unbegreiflich und sicher aus Frankfurter Bosheit so gemalt, wie Stammbäume aus der Ahnenforschung. Am Abend zuvor musste ich schon mal vor dem Parkhaus des Hotels kapitulieren, so eng war die Lücke, rechts von Beton begrenzt und links von einem glänzenden Porsche. "Reg dich nicht auf", tröstete mich Sylvia am Telefon, "es war erst recht männlich, dass du gemerkt hast, dass es nicht geht." Frankfurt verwirrt mich. Zu viele Menschen, die niesen, sprechen und böse gucken, als wollten sie was... eine Unterschrift auf ihre Klemmbretter oder mein Geld oder mein Leben. Die Shopping Mall "MyZeil" wurde von einem Riesen aus Stahl und Glas geblasen, sie ist rund und hat einen Wirbel in der Mitte, alles dreht sich um mich. Ich habe nicht die Stadt in der Hand, sondern die Stadt beherrscht mich. Abend, Butzbach. Ich spaziere durch die wunderschönen Winkelgassen der Stadt. Die Fachwerkhäuser am Marktplatz stehen schief und sind in sich gebogen, als hätte sie jemand gemalt. Ich genieße jeden Schritt. Ich trage vor 35 aufmerksamen und sympathischen Menschen ganze 145 Minuten die Essenz aus "Fehlermeldung" vor. Die Menschen bleiben bei mir, die Getränke gibt es gratis. Links sitzt Tontechniker Stephan Busch vor Laptop und DAT-Rekorder und zeichnet die Show auf. Eine Wespe wird zum Running Gag. Noch nie bei meinen rund 400 Auftritten bislang hatte ich eine Wespe zu Gast, aber heute summt sie um die sensiblen Mikrofone. Die Menschen lachen an den richtigen Stellen und sind berührt und still, als ich die traurigen vorlese. In ihren Augen funkelt dieses Verständnis, dieser Gedanke: "Wow, was der da beschreibt, das kenne ich, das trifft genau den Punkt, aber ich hätte es nicht so sagen können." Eine Mutter lacht tragische Tränen über die Figur Manuel, da sie wohl selber noch die Wäsche des erwachsenen Sprösslings reinigt. Ein Pärchen erzählt mir, dass sie das Phänomen des "inneren Dauerprogramms", das den Mann abwesend in seiner eigenen Welt verweilen lässt, "von ihrem Onkel" kennen. Der hat es mit Kochen, wo meine Charaktere es mit Musik haben. Ich selber habe Listen meiner Kindheit mitgebracht, um meine Nerdigkeit der frühen Tage zu zeigen. "Ollis C64-Charts" etwa, "Ollis LPs von 1990" oder auch die handgetippte Tabelle der Tischtennisliga, in der ich spielte. Auf der Spieleliste entdeckte ich vor der Lesung auch die Rubrik "LCD-Games" und darin auf Platz 5 den Titel "Marshall". Es war unglaublich, was in dem Moment in meinem Hirn passierte. Nicht nur dieses Spiel war wieder in meinem Kopf, mit all seiner Minimalgrafik und jedem Piepsound, sondern jeder Geruch dieses Lebensabschnitts, jede Erinnerung dieser Zeit. Gegen 22:35 Uhr haben wir es geschafft. Ich lese den letzten Satz, dann atme ich tief aus und sage: "Wir haben ein Hörbuch gemacht!" Ich bin glücklich, die Leute auch. Einen besseren Ort als die Buchhandlung Bindernagel hätte es dafür nicht geben können. Der Veranstalter war so enthusiastisch, er hätte sogar die Straße sperren lassen, "wenn es für die Aufnahme nötig gewesen wäre". Für so einen Einsatz bin ich sehr dankbar. Gegen Mitternacht laufe ich wie ein Schatten durch die Gassen und jauchze, als ich Sylvia davon berichte, wie gut es war. Es musste gut sein, denn sie hatte es sich gewünscht von mir und mir suggeriert, das ist unser Ritual vor Shows, bei denen sie nicht mitreisen kann, und es wirkt. "Habe Spaß", sagt sie dann immer, "und mach mich stolz." Das Fachwerk schimmert im Laternenlicht. Butzbach verwirrt mich nicht. Bevor ich ins Bett gehe, überlege ich mir, eines Tages eine Partei zu gründen, die den Rückbau aller Städte zur Größe und Architektur von Butzbach fordert. Dann denke ich, dass es zu viel Arbeit wäre, und schlafe ein.
Tuesday, September 08, 2009 

Current mood:  jolly
"Als Schriftsteller ist es wichtig, dass Sie Kontakt haben zu Ihre Leser", sagt der iranische Taxifahrer, der mich vom Bristol Hotel im Bahnhofsviertel raus in die Fachwerkwelt Seckbachs fährt. Der Mann ist freundlich und sehr gebildet, er hat damals im Iran studiert, schreibt selber Geschichten und redet eifrig, seit er gehört hat, dass ich Schriftsteller bin. Goethes "West-östlicher Divan" geht ihm leicht über die Lippen und ich habe meine Romane um Hartmut sowie den neuen um Dennis nur ganz kurz skizziert, als er kurz überlegt, zu mir in den Rückspiegel schaut und sagt: "Da ist jemand... das sieht lächerlich aus, was er macht, manchmal sogar dumm, aber in Wirklichkeit ist er viel klüger als alle Anderen." Ich lächle. "Ja", sage ich, "genauso könnte man es ausdrücken." Mein fünfzehnjähriger Dennis aus "Das Gegenteil von oben" ist auch klüger als die Anderen. Sensibler. Phantasiereicher. Das macht ihm das Leben nicht einfacher. Die Lesung vor den Auszubildenden der Buchhändlerschule allerdings schon. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, die PR-Damen vom Verlag haben vorher das Programm und die Mission von Script 5 vorgestellt; Literatur für "Junge Erwachsene" zu machen, keine klassischen "Jugendbücher", aber auch keine Belletristik, die man hier neben Grisham oder dort neben Grass stellen würde. Die jungen Buchhändler sind ein bedeutsames Publikum, denn sie müssen in Zukunft solche neuen Schubladen etablieren und den Kunden nahe bringen. Sie müssen sagen: "Kaufen Sie den Uschmann, wenn Sie wissen wollen, wie junge Männer wirklich ticken." Und das werden sie sagen, denn die Lesung macht mir und den angehenden Händlerinnen und Händlern so viel Spaß, dass ich zwischendurch improvisiere und aus dem Nähkästchen plaudere wie sonst nur bei den euphorischsten Hui-Shows. Es ist allerdings auch das optimale Publikum. Sie kennen alles, worüber ich spreche, von den nerdigen Anspielungen auf Games und Musik bis hin zur seelischen Frequenz der Probleme, ohne Vater aufzuwachsen, täglich vor den halbstarken Jungs vor der Tür Angst zu haben und in einer Welt der Entführer und Katastrophen nicht mehr unparanoid denken zu können. Sie stellen kluge und unterhaltsame Fragen, reißen den Büchertisch auseinander und lassen sich jeder ein oder zwei Bücher unterzeichnen. Da ich sehr gute Laune habe, erfinde ich pro Buch immer andere Varianten von Gag oder Zeichnung, sprenge alles in allem den zeitlichen Rahmen des Abends und hocke erst gegen 22:20 Uhr mit den Frauen vom Verlag in der Bar des Hotels, um zu unablässig laufenden Gangsta Rap ganz gefährlich gratinierten Ziegenkäse zu essen und alkoholfreien Kokoscocktail zu trinken. Die Damen habe ich derweil mit meiner eigenen Dennis-haftigkeit verrückt gemacht, da ich immerfort beiläufig davon sprach, wo sich in Seckbach überall Schlitzer verbergen können oder dass wir Menschen schon beim Fliegen und beim Rauchen große bis kleine Mengen Radioaktivität abbekommen, was ich durch die Recherchen weiß, die Sylvia und ich wegen der Radiojodtherapie unserer Katze angestellt haben. Die strahlt nämlich momentan, doch das ist eine andere Geschichte, für die auch morgen noch genug Zeit ist. Dann kann ich ja auch erzählen, wie oft man ein Blatt Papier falten müsste, damit es bis zum Mond reicht. Nur so viel vorweg: Es ist nicht oft.
Monday, September 07, 2009 

Current mood:  content
Bevor ich aus dem Hotel Amba zum Karlsplatz laufe, pflege ich meine Kontakte im Netz. Drei Stunden lang, hochintensiv, bis die Finger bluten. Aus 321 aufgestauten Mails werden 74, ich pflüge durch Xing, MySpace und Facebook und vor allem beantworte ich die ersten Fragen der Leserinnen und Leser, die dank der "Leserunde"-Aktion von lovelybooks meinen Young-Adult-Roman "Das Gegenteil von oben" schon vor der Veröffentlichung lesen durften. Ihr Feedback berührt mich, da das Buch sie berührt hat. Sie lieben die Hauptfigur Dennis, sie schätzen die Dramaturgie und Sprache, das "coole Web 2.0"-Wissen und den ungewöhnlich intimen Einblick in die Abgründe einer Teenagerseele, die vor lauter Misstrauen gegenüber der Umwelt nicht mehr weiß, was real ist und was nicht. Heute Abend ist die erste Lesung zu dem Buch und das ausgerechnet in München, wo Uschmann den meisten noch kein großer Begriff ist. Ich lade den geschätzten Songwriter Kevin Basler ein, mit dem ich damals meinen ersten Hui-Auftritt in der Stadt teilte und denke mir: Wenn er und Freundin kommen, kommen wenigsten schon mal zwei. Es kommen mehr als zwei zu der Lesung bei der Münchener Shoppingnacht; Jugendliche und Ehepaare, bunt gekleidete und Anzugmänner und sogar eine sehr alte Dame, die sich bei den komischen Szenen ganz herrlich ins Fäustchen lacht und die den ernsten Szenen trotz all der modernen Anspielungen auf Games mit einem sehr wissenden Blick zuhört, da sich die Grundkonflikte der Menschen niemals ändern, egal wie der (technische) Überbau sich gerade gestaltet. Die Lesung macht mir großen Spaß und ist spannend, da ich das erste Mal Stellen austeste und zusammenkomponiere, das Humoristische und das Dunkle auf der Suche nach einer Mischung, die zündet. Herr Freitag von der Buchhandlung hat mich vorgeschlagen, da er Fan sei und sein Boss ist unheimlich beruhigend für mich, da er in sich ruht und als Chef eines Buchhandels privat "World of Warcraft" bereits bis zu einer Level-80-Figur getrieben hat. Die Generationen und ihre Gewohnheiten mischen sich. Ich bekomme schönes Feedback, unterzeichne einen Stapel Bücher, rufe enthusiastisch meine Frau an und wandele noch ein wenig in der Shopping Nacht umher. In der Brettspielabteilung eines Spielwarenhauses nebenan erklärt ein privater Brettspielnerd zwei anderen fremden Menschen eine geschlagene Stunde lang fast jedes vorrätige Spiel. Er gehört anscheinend zum Umkreis der Münchener Brettspielabende, die von Kritikern der deutschen Spielejury organisiert werden, damit ganz normale Spieler die Rezensionsexemplare ebenfalls testen und ihre Meinung abgeben. Er trägt eine Stofftasche und einen Schirm, hat einen ebenso schüchternen wie enthusiastischen Blick und hört nicht auf zu erzählen. Soll er auch nicht. Was und wie er es sagt, beruhigt mich so, wie sonst nur Bob-Ross-Videos oder alte Folgen des Computerclubs. Ich stromere um ihn und seine zwei Zuhörer herum, um heimlich zu lauschen, 30 Minuten lang, in immer neuen Runden. Am liebsten würde ich es aufzeichnen, als Beruhigungshörbuch. Es sind gute 30 Minuten, murpige 30 Minuten. Morgen muss ich wieder fliegen. "Es ist schön, wenn Menschen spielen", sagt der Beruhigungsmann. Er hat Recht. In jedem Sinne.
Monday, September 07, 2009 

Current mood:  exotic
Der Rhein wogt trübe. Das Abendlicht ist fahl und matschig. Es kriecht das Hochhaus hinauf wie eine lebendige Schmutzschicht. Ein Hochhausturm am Rhein, daneben dunkle Reihenhäuser aus den 60ern, ein Restaurant. Krimi-Atmosphäre, Tatort Ruhr. Mein Radio sagt, dass der Duisburger Bürgerverein zurzeit freiwillig die Crew eines russischen Frachtschiffes durchfüttert, die hier gestrandet sind, weil der niederländische Eigner sich nicht mehr meldet. Mein Navigator sagt, ich sei hier richtig. Königstraße 63, Duisburg. "Sind Sie also auf der anderen Rheinseite gelandet", lacht wenig später die Veranstalterin von der Buchhandlung und der "Mann mit dem Geld" von der Stadt fügt hinzu: "Es gibt Straßen, die sind so alt, die werden nicht mehr umbenannt, auch wenn es sie in der City noch mal mit gleichem Namen gibt." Das Einkaufszentrum, in dem ich in der Mayerschen spiele, ist hingegen brandneu und so organisch und verwinkelt gebaut, dass ich mich an William Gibsons Cyberpunkromane erinnert fühle. So könnten in Zukunft die ganzen Städte aussehen, gigantische Passagen ohne Ende. Der Auftritt findet im Rahmen einer dieser Aktionswochen statt, welche die Menschen in die City und von der Couch weg locken soll. Das klappt heute Abend nicht, es sind nur wenige gekommen, um den "MURP!" zu sehen. Vielleicht habe ich ihn auch schon überspielt. Ich stapele Lebensratgeber auf dem Tisch, um zu zeigen, wogegen das "Manifest für die Unvollkommenheit" sich richtet und stibitze von einem Kassentisch eine alte Glühbirne, um sie zu ehren, da sie bald verboten wird. Ich bashe die EU. Das alles kommt, sagen wir mal, ungefähr so gut an, wie wenn Metallica bei einer Show fünf Songs am Stück von "Reload" spielen und dafür "Battery" weglassen. Umso besser amüsieren sich die Leute, als ich aus heiterem Himmel anfange, darüber zu fabulieren, dass ich noch heute sämtliche He-Man-Figuren am Geruch (!) erkennen kann. Moos-Man, Ram-Man, Leech, Whiplash, Mantenna. So was lieben meine Generationsgenossen und die Genossinnen auch. Früher war alles besser, da tranken freiberufliche, farbige Soldaten mit Irokesenschnitt Milch statt Bier und schossen die Bösen einfach aus dem Dorf. So, wie B.A. beim A-Team einfach Milch trank, erstaune ich die Buchhändlerin nach der Show damit, dass ich den Making-Of-Band zu den "Twilight"-Romanen von Stephenie Meyer erwerbe und diese somit anscheinend lese. Warum ich das tue, könnt ihr auf meiner Profilseite bei lovelybooks nachlesen, wo ich jetzt auch noch bin, weil ich dort zurzeit in einer "Leserunde" mit Testlesern meines neuen Romans "Das Gegenteil von oben" diskutiere und weil ich dieses Bücherforum alles in allem doch recht anständig finde. Auf der Rückfahrt findet es der Navigator recht lustig, mich falsch rum aus der Stadt zu führen, vermeidet aber das Hafengebiet. Die Duisburger für ihren Bürgerverein zu loben, wie ich es mir vorgenommen hatte, habe ich bei der Show leider vergessen. Wäre womöglich auch zu schleimig gewesen.
Friday, September 04, 2009 

Current mood:  hyper
Witten? Oder Bochum? Das fragen sich Ben Redelings und ich, als wir nach seinem und vor meinem Auftritt auf der Piazza-Bühne kurz zusammenhocken und beobachten, wie die Menschen über das edel gestaltete Gelände flanieren. Hier gibt es keine "Fressbuden", sondern Filialen von City-Restaurants wie Dönninghaus oder Living Room - ihre Schilder alle im Corporate-Identity-Layout der Veranstaltung. Biohändler verkaufen Nüsse für 25 Euro das Gramm und reichen einem Mangostücke mit den Worten: "Lutsche die Mango. Genieße. Mach keinen Quickie draus!" Es gibt Windspielstände. Ein Großteil der Zielgruppe wird wohl Geld haben, Debussy hören und eine Besserverdienerpartei wählen, also grün, gelb oder violett. Das hat den Vorteil, dass keine hackevollen Rückenhaarmänner auf dem Rand der Bühne kleben. Statt dessen plärrt ein vorlautes kleines Mädchen die ersten fünf Minuten meines Vortrags dazwischen, als wolle es testen, ob sie mich aus der Ruhe bringen kann. Kann sie nicht. Das Publikum an den Tischen ist außer den ca. 25 Hui-Fans sehr zurückhaltend. Die Piazza-Bühne steht mitten auf dem Marktplatz zwischen den Restaurantständen. Sie ist offen. Sie hat Durchgangsverkehr. Nirgendwo steht, dass hier Uschmann spielt. Oder Redelings. Laut Schild spielt nur BoSKop. Mein Blick fällt in alle Himmelsrichtungen auf gigantische Zelte. In denen spielten die vergangenen Tage Bands. Heute spielen da Frank Goosen, Sarah Kuttner und Michael Gantenberg mit Bastian Pastewka. Die Wittener wissen das und pilgern ab 19 Uhr an der Piazza-Bühne vorbei Richtung Eingänge der teuren Zelte (diese Bühne hier gehört zum 2-Euro-Ticket des Areals, die Kollegen in den Zirkusrondells nehmen das Zigfache), einfach vor der Nase meiner eigenen Zuhörer vorbei. Stört mich das? Ja! Man kann auch hinten rumgehen. Oh Gott, was für ein Satz! Sätze, die mit "man kann auch..." anfangen sind der Anfang vom Spießertum, der erste Schritt zu Feinripp und Ellbogenkissen im Fenster. Ich bin gereizt und verrate daher spontan die Existenz der geheimen Trainingslager für Comedians und Literatur-Entertainer in den Bergen von Davos, wo ich Mario Barth beim Anlegen der Schweißsimulationskissen beobachten durfte. Es kommt nicht so gut rüber, wie es sollte. Es ist einfach zu laut hier. Nach der Show signiere ich auf Wunsch der Buchhändlerin von Buch Habel 75 Bücher für den Laden, plaudere mit Freunden der Hui-Welt und esse Curry aus dem Living Room. Die Buchhändlerin sagt: "Herr Uschmann, ganz ehrlich mal, ich weiß nicht, warum sie immer noch freiwillig in so einem Kontext lesen und nicht in einem der großen Zelte da." Als ich wenig später unter dem Kemnader Abendhimmel meine Merchkiste an der Heveneyer Beachvolleyball-Halle vorbei zum Auto trage, das ich statt im VIP-Bereich weit weg auf der Besucherwiese geparkt habe, frage ich mich, ob "Bodenhaftung" nicht auch bedeuten kann, dass man sich manchmal selbst Panzertape auf die Sohlen klebt, obwohl man längst ein wenig hätte abheben dürfen. Im Radio tuckern die Ergebnisse der Kommunalwahlen durch die Kabel. Alle Parteien erklären sich zum Sieger.
Tuesday, July 14, 2009 

Current mood:  energetic
Manche junge Leute stellen sich vor, das Leben derer, die auf den Bühnen von Bochum Total stehen, wäre glamourös. Immerhin bekommen wir "Artists" Backstage-Pässe an Wichtigbändchen und dürfen damit in einen gut bewachten Bereich. Rein und raus spazieren wir da und wirken sehr privilegiert. In Wirklichkeit ist es aber doch so: Da drinnen stehen Nudelaufläufe. Nudelaufläufe, Salatschüsseln und eine Kaffeemaschine, die Christian und ich nicht begreifen. Ein großes Profigerät aus der Gastronomie, bei dem man jeweils eine Portion in ein stählernes Plöppi einführt und dieses dann mit einem kraftvollen Ruck einhängt. Christian ist mein Gast und sieht das VIP-Sein mit gelassener Reife. Er weiß schon jetzt, dass uns hier hinten keine Groupies die Zehen lutschen, auch wenn es eine Massageliege mit mehreren Behandlungen zur Auswahl gibt. Die nutzt allerdings niemand. Groupies würden hier auch die wenigsten nutzen, mich eingeschlossen... die meisten Rock'n'Roller, die ich kenne, genießen die Entspannung, die sich einstellt, wenn man dieser würdelosen Veranstaltung gar nicht erst ausgesetzt wird. Schweigend stehen Christian und ich im langen Hänger vor der Koffeinschleuder, bis sich jemand erbarmt und uns zeigt, wie sie funktioniert, was wir sofort wieder vergessen. Den Becher in der Hand schaue ich mir an, wie Jupiter Jones auf der Eins-Live-Bühne ihre berührenden Melodien mit Wucht und Druck über die Köpfe schleudern und nehme mir vor, es ihnen auf der Wortschatzbühne mit Sprache gleichzutun. Dieses Vorhaben scheitert bereits beim Soundcheck an einer Technik, aus welcher der Tonmann heute die Feedbacks nicht rauskriegt. Es fiept, es dröhnt, es zersägt das Publikum, das bereits treu vor der Bühne hockt und das ich unterhalte, indem ich die Pannen beim Sound witzig kommentiere, bevor mein offizieller Auftritt beginnt, bei dem ich mich irrsinnig beeilen muss. Handwerklich habe ich schon weit besser gespielt, aber mir fallen ein paar schöne Ideen ein. Speziell der Vorschlag einer Anti-Doku-Soap, in welcher man perfekte Wohnungen aufsucht, um sie mit Möbeln aus den Bochumer Trödelhallen absichtlich wieder zu verschlechtern, trifft den Geschmack der Leute. Nach dem Auftritt belagern sie mich wie einen Rockstar, kaufen alles, was ich dabei habe und wollen ein Kind von mir. Ein Zuschauer begleitete mich 2007 eine Etappe lang auf dem "Wundlauf" und hat die aktuelle CD seiner Band Sadurbia dabei; zwei junge Fans laden mich zu einem Bier im Havana ein und meinen auf dem Weg dahin doch tatsächlich, dass sie "nervös" seien, was mich ebenso rührt wie irritiert. An der kubanischen Theke treffen wir einen Mann, der 1999 VISIONS-Redakteur war, während ich noch als Praktikant durch die Gegend stakste. Um 22 Uhr schaue ich mir an, wie Kollege Christian Hirdes die Wortschatzbühne triumphal beendet und zwei Zugaben spielt. An einem Zaun hockt ein Grüppchen, ruft "kumma, das ist doch der Uschmann!", winkt mich zu sich, macht ein Handyfoto und plaudert mit mir über Wrestling. Verwirrt von all diesen vielen Eindrücken ziehe ich mich ins Backstage zurück, stecke meinen Kopf in den Nudelauflauf und lasse erst davon ab, als irgendeine amerikanische Band mich an den Schultern packt und meinen Schädel mit einem schmatzenden Geräusch aus den käseverschmierten Teigwaren befreit. Es ist schon geil, dieses Leben, aber manchmal reicht es auch für einen Tag.
Currently listening:
Holiday in Catatonia (Lim.Ed.+DVD)
By Jupiter Jones
Release date: 2009-05-22