Gender: Male
Status: In a Relationship
Age: 32
Sign: Gemini
City: Ascheberg
State: Nordrhein-Westfalen
Country: DE
Signup Date: 3/28/2006
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Monday, June 29, 2009
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Current mood:  hyper
Letztes Jahr las ich die ExtraSchicht auf dem Gelände der Zeche Zollverein, von 18 Uhr abends bis 2:30 Uhr nachts, auf der kleinen Bühne "Geschichten aus dem Pott" am Rande des Rundweges, gemeinsam mit Arbeiterdichter Kurt Küther. Das war Maloche. Dagegen habe ich es heute echt gut: Ein gigantisches Uschmann-Banner hängt am Verwaltungsgebäude der BOGESTRA, auf deren Betriebshof heute auch Konzerte, Kabarett und Ausstellungen locken, und im Sitzungssaal stehen für mich eine kleine Bühne, eine Riesenleinwand und 250 Stühle für die Gäste bereit. Kurz vor Beginn bretzelt ein unfasslich beeindruckendes Gewitter über das Gelände und mein agentenhaftes Gehör bemerkt, dass es durch ein geöffnetes Oberlicht direkt auf die geschlossenen Lamellen regnet, was den Hausmeister befähigt, das Gebäude vor einer Überflutung zu bewahren. Ich bin schon ein toller Hecht. 3 x 30 Minuten soll ich lesen, doch da ich wie letztes Jahr eine Malocherhaltung habe, mache ich daraus fast 2 x 90 Minuten fürs gleiche Geld. Stellen aus allen Büchern, erneute Anti-Bachelor-Schelte und sehr, sehr viel Impro, die mit Headset in so einem Saal und mit großem Volksfest vor den riesigen Fenstern umso leichter von der Hand geht. Vor allem, da die Leute "aus dem Lachen kaum heraus kommen"... schreibe nicht ich, schreibt die Dorstener Zeitung, aber es stimmt tatsächlich. Es ist so motivierend, hier zu sein, die Leute gehen mit und sie sagen mir hinterher, wie viel Hartmut ihnen bedeutet und dass die Hui-Welt sie wirklich inspiriert, spielerischer und offener zu leben. Sie leben mit den Figuren, sie "murpen", sie fragen, "ob im nächsten Hartmut der Jochen wiederkommt". (Antwort: Ja, kommt er!) Im Gästebuch schreibt uns ein Leser zu den Kolumnen auf der Webseite und den Details der virtuellen Hui-WG: "Ich bin immer noch begeistert und verblüfft, was ich durch diese seite immer neues ins plattenregal bekomme. die 'wannenunterhaltung' ist spitze - weiter so! seit dem habe ich übrigens auch wieder einen plattenspieler. wenn ich mit der wannenunterhaltung durch bin - sind nur noch 4 die mir fehlen, muss entweder das 5. buch erschienen sein, oder ich werde meine gute alte playstation entstauben und die spieleliste, die ich im haus gefunden habe nach und 'abarbeiten'..." Und wenn es auch wieder pathetisch klingt: So etwas zu lesen ist der allerbeste Lohn überhaupt. Gut, okay, das Geld ist auch geil. :)
Nach der Show schlurfe ich über das Gelände, hole mir eine Pommes Mayo am Würstchenstand und gehe damit durch die Menge. Leute zeigen auf mich, einer sagt, als ich vorbei bin: "Mensch, das war doch der Uschmann!" Er sagt es so, als sei es ungewöhnlich, dass ich einfach so wie ein normaler Mensch durch die Menge laufe. Dieser Promistatus schmeichelt mir einerseits und ist andererseits zutiefst irritierend, als gehöre er nicht zu mir. Vor dem Zelt mit der Coverband beginnt die Feuershow. Die Fritten sind verdammt gut.
 | Currently listening: Suburban Grace By Everlaunch Release date: 2009-07-24 |
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Monday, June 29, 2009
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Current mood:  nostalgic
Dieser Tage fand ich beim Aufräumen einen Brief des von mir sehr geschätzten Autors
Björn Kern an mich, in dem er mir behutsam klar machte, warum mein Prosastück "Der Gott des Lebens" ein vollkommen überladener, schwurbeliger Lappen ist. Ich hatte ihm im Winter 2002 einige Texte von mir gesendet, nachdem er beim vierten Teil der Lesereihe "Gestrandet" zu Gast gewesen war, die ich mit der
Initiative Treibgut seit dem Sommer organisierte. Beim ersten Mal hatten wir Michael Weins und Sven Amtsberg zu Gast. Wie das Kaninchen vor der Schlange saß ich damals als Kulturveranstalter und kleiner Autor neben ihnen an der Theke des Kulturcafés, selber noch lange nicht soweit und Texte wie "Der Gott des Lebens" schreibend, gegen die selbst eine Mischung aus Rammstein, Umbra Et Imago und Rimbaud noch unpathetisch gewesen wären. Mein Gott, was waren wir jung. Heute vergeht keines meiner Seminare an der Ruhr-Uni oder anderswo, ohne dass ich Textauszüge oben genannter Kollegen als Optimalbeispiele für entschlacktes und gekonntes Erzählen heranziehe und heute komme ich selbst als Gast zum Jubiläumsabend und bringe meinerseits ein junges Talent mit. Christofer Rott ist Poetry Slammer, Entdeckung aus meinem kürzlich abgehaltenen Seminar an der RUB und bedeutend besser als ich zu Zeiten von "Der Gott des Lebens". In der zweiten Hälfte meiner Showzeit überwältigt er die 150 Anwesenden im Publikum und mich mit zwei derartig wuchtigen, präsenten, präzisen und humorvollen Texten (den zweiten komplett frei), dass sich mir als Talentpate vor Stolz die Brustlocken kräuseln. Dazu spielen meine liebsten Slowtide erstaunlich viele brandneue Songs und amüsiere ich mich selbst und somit auch die Leute mit bunt gemischten Hui-Stellen sowie der genüsslich ausgewalzten Anti-Bachelor-Polemik "ZüRUB in die Zukunft II". Im Publikum sind dabei tausend alte Bekannte, tausend neue Fans und der Nachmieter der Hui-WG im abgerissenen Haus in Wiemelhausen, der damals, 2002, noch längst hätte ahnen können, dass er bald in eine WG einzieht, die viele Jahre später das ganze Land aus Büchern kennt. Ein nach außen hin lautes und nach innen sanft-melancholisches Jubiläum voller Emotionen und sich ändernder Gezeiten am Strand des guten, alten Treibguts... um doch noch ein letztes Mal pathetisch zu sein...
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Saturday, June 13, 2009
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Current mood:  inspired
Die Australier sind wieder zu Hause und ich bin mit Sylvia unterwegs, um Mainz zu besichtigen und dort in einem Programmkino aufzutreten. Begleitet sie mich auf Reisen, bin ich fokussierter. Außerdem sind wir häufig gleicher Meinung, das entspannt. So lästern wir auf einem Rasthof gemeinsam über das Essen, denn in Australien sind wir anspruchsvoll geworden. Oder besser gesagt: In Australien haben wir bemerkt, wie bescheuert man in Europa eigentlich ist. Die Australier machen noch in den Saloons der abgelegensten Outback-Dörfer ein gescheites, frisch zubereitetes Essen. Ohne Heckmeck, ohne Befehle, ohne Brüssel. Hier steckt in allem, was man sich nicht selbst aus den Bioladen-Zutaten reinschrotet, Analogkäse, Füllmaterial, mieses billiges Öl und eine ganze Kollektion künstlicher Aromen. "Analogkäse" ist übrigens Weizenstärke mit Farb- und Geschmacksstoffen, also Pseudo-Käse, der auf Pizzen, Baguettes und "Käsebrötchen" verarbeitet wird, Stern TV berichtete darüber und seither werden Bäckereifachgehilfinnen rot, wenn man sie danach fragt. Deutschland ist voll von Analog-Käse, im Grunde reicht dieser "Geschmack" bis ins Radio. In Australien liefen morgens "Better Man" von Pearl Jam und "Sometimes" von Midnight Oil, in Deutschland reduziert sich die Playliste zurzeit im Prinzip auf Lady Gaga, also auf Analogkäse. Aber was reg ich mich auf? Die Show im Kino ist wirklich eine Show, denn erstmals stehe ich fast die ganze Zeit und spiele wie ein Kabarettist. Zum einen, weil Sylvia mich zu Recht dazu anstachelt und zum anderen, weil das Publikum mich experimentierfreudig macht, da man mehr oder minder unter sich ist. Der Abend besteht fast zu 70% nur noch aus spontanem Gerede, es ist Stand-Up und es macht mir von Minute zu Minute mehr Spaß, da es funktioniert und die Leute sich wegschmeißen. Meine gestrenge Gattin notiert sich, was sich warum und wie alles noch an der Bühnenpräsenz verändern lässt und ich bin ihr dankbar dafür, denn obwohl ich jeden Abend liebe, habe ich doch eine gewisse Routine entwickelt, die in Mainz erstmals wieder richtig aufgebrochen wird. Das gleiche gilt für unser Verhalten am nächsten Morgen. Wo ich sonst einfach aufstehe und losfahre sehen wir uns in Ruhe den Mainzer Dom an und müssen feststellen, dass er vor allem dazu diente, dass sich die Bischöfe und "großen Männer" selbst abfeiern. Das empört Sylvia als gebürtige Kölnerin genauso wie mich, der ähnlich wie Nietzsche der Meinung ist, dass es nach Christus keinen echten Christen mehr gab. Außerdem poltert eine Schulklasse mitten in die Andachtskapelle, die zum Schweigen gedacht ist und hört sich die plappernden Ausführungen ihrer Lehrerin an, die privat wahrscheinlich non-fat-Latte trinkt und es schon für Ruhe hält, wenn sie sich Freitags Abends mal nur mit sechs statt mit sieben Freundinnen trifft. Hallelujah
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Saturday, June 13, 2009
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Current mood:  catalyzed
Am nächsten Morgen mache ich mit meinen Gästen eine Stadtführung. Frauenkirche, Dicker Turm, Annenkapelle, Kaisertrutz, Reichenbacher Turm, Brüderstraße, Untermarkt, Rathaus, Schönhof, Flüsterbogen... Schritt für Schritt sind sie fasziniert und gerührt, eine solche Atmosphäre aus Fachwerk, Backstein, Kopfsteinpflaster und Spreizbögen können sie auf ihrem ganzen Kontinent nicht finden. Auch der Wochenmarkt fasziniert sie. Großes Gelächter, als ich an der Altstadtbrücke versuche, meine Ehefrau anzurufen und aus Versehen im polnischen Handynetz lande. "Hallo?", frage ich mit der typisch oktaven-erhöhten Ehemanntelefonstimme. "Hallo?", lautet die mädchenhaft klingende Antwort. "Ja, hallo? Mein Engelchen?", sage ich. "Hallo!", klingt es zurück. "Mein Erdbeercrépe", sage ich, um meine Frau zu mehr Dialog zu bewegen, "mein Herzchen!" "Hallo!", heißt es wieder und langsam begreife ich: Das ist nicht meine Frau, die da spricht, sondern ein kleines polnisches Mädchen. Ich stehe am Samstagmorgen vor der Brücke zu Polen und säusele einem kleinen polnischen Mädchen Gattinnenschwüre ins Ohr. Als ich das begreife, lege ich schnell auf, ducke mich und winke meine Gäste in den Autobus, damit wir von hier verschwinden können.
In Cottbus bin ich auf dem Flyer des Glad-House als "Comedy" angekündigt; auf der Rückseite brüllt der Ausbilder Schmidt. Aha, denke ich mir, sie wollen Comedy, dann kriegen sie Comedy... bevor es losgeht, schaue ich mir im Brau & Bistro auf Premiere den letzten Bundesligaspieltag an und sehe, wie die Cottbusser Bayer Leverkusen überraschend 3:0 besiegen, um somit an jenem Tag noch nicht aus der Liga abzusteigen. Mein Agent hatte mich gewarnt, mich in dieser Stadt zu bewegen, sollte die Energie über die Wupper in die 2. Liga abschmieren, aber wie ich nun selbst beobachten darf und auch vom Veranstalter bestätigt bekomme: Die Horrorbilder vom Cottbusser Stadionumfeld als Mischung aus Ultimate Fighting Championship und verspätetem NSDAP-Parteitag sind Vorurteile von uns Westlern, die wir nicht ertragen können, dass es ab 22 Uhr am Bahnhof von Essen oder Dortmund auch gar nichts mehr zu lachen gibt. Das Glad-House ist technisch und logistisch atemberaubend professionell und bequem für mich als Künstler; das Publikum ist spärlich, aber enorm begeisterungsfähig, vor allem, da ich die "MURP!"-Show tatsächlich immer wieder für mein spontan erfundenes Comedy-Programm "Australien" unterbreche, welches die Leute köstlich unterhält. Eine Sozialarbeiterin der Jugend-JVA ist so begeistert, dass sie mich einlädt, bald mal bei ihr zu spielen, um den Kids neue Hoffnung auf ein lebenswertes Leben zu geben, und ich sage freilich zu, weil solch eine Wirkung meiner Texte ungefähr 327 Mal mehr wert ist als jedes Lob dekadenter Großstadtredakteure, die am liebsten "Elektropunk" hören, ein Wort, das für mich übrigens so fürchterlich ist wie für die Australier der inflationäre Gebrauch des Begriffs "Krise" im deutschen Diskurs. Die haben auch Spaß an meiner "Comedy" und jubeln in den hinteren Reihen, auch wenn niemand außer mir sie sehen kann.
 | Currently listening: Black Ice By AC/DC Release date: 2008-10-17 |
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Saturday, June 13, 2009
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Current mood:  adventurous
"Warum gilt die Abrwackprämie auch für japanische Fabrikate, wenn damit die deutsche Wirtschaft gerettet werden soll?", fragen meine Australier im Heck. "Warum lässt eure Kanzlerin überhaupt fahrtüchtige Autos verschrotten, wenn sie vor einem Jahr noch die Umwelt retten wollte?" Fragen über Fragen. Dabei wollte ich meinen Gästen doch von der Flora und Fauna erzählen, den Adlern, die über uns kreisen, den Bergen im Burgenland, aber auch der Bach-Stadt Leipzig mitsamt ihren Messehallen. Hilft nichts, am meisten verwirrt die Australier unsere Politik. In North Queensland ist es schon verpönt, Wasser in Kisten zu kaufen statt aus dem Hahn zu trinken und eine Art TÜV gibt es nur bei Taxen und Bussen oder wenn ein Wagen verkauft werden soll. Erklär mal Australiern, warum flatterhafte mittelständische Hausfrauen ihre blauen Hyundais mit nur 37.500 gefahrenen Kilometern verschrotten lassen, um für 2500 Euro Staatszuschuss einen silbergrauen Hyundai aus der Fabrik zu erwerben. Selbst nach 635 Kilometern Autofahrt an nur einem Tag sind sie nicht müde, wir befinden uns in Görlitz, das nur eine offene Brücke von der polnischen Nachbarstadt trennt, und ich versuche wenigstens, ihre Aufmerksamkeit auf die Schönheit dieser Stadt zu lenken, die wie eine kleine Version von Prag wirkt und selbst mich überrascht. Am Abend habe ich endlich alle Touristen im Appartement geparkt und nähere mich dem Basta, das klein neben den massiven Felswänden liegt, auf denen sich die Peterskirche gen Himmel streckt. "Shine On You Crazy Diamond" läuft im Veranstaltungsraum und zwar so brüllend laut, dass es wie "Enemy Of The Sun" von Neurosis klingt. Der Techniker, der das Gelärme zu verantworten hat, heißt Bertram und kommt aus seinem Mischpulträumchen geschlufft wie die Gelassenheit in Person. Der Aufbau für mich und die Band Gantenbein wird durch seine ruhige Hand zur Zen-Übung, selbst als schon alle Gäste da sind, schraubt er in die improvisatorische weiße Bretterleinwand Drähte und Schrauben zur Aufhängung so ein, als befänden wir uns hier nicht beim Aufbau einer Bühne nach Einlass, sondern bei einer Partie Jenga im Kurpark von Marienborn. Vorbildlich, eigentlich. Meine Show ist wie immer anders als jeden Abend, ich mache, was ich will, trinke viel Kaffee und freue mich über die Unterstützung der Band, die nach der Hui-Show noch einige sehr schöne Indiepopsongs ihrer ersten Demo-CD "Auf dem Holzdielenfußboden" spielt und sich auf nette Art selbst unterschätzt. Ihre Stücke haben Pfiff und wer "Aiman Abdallah, was ist mit dir passiert?" singt, hat bei mir ohnehin schon gewonnen. In dem gigantischen Gäste-Appartement in der Altstadt warten schließlich um 1 Uhr nachts meine Touristen auf mich; immer noch hibbelig sitzen sie in dem gutshallengroßen, unheimlichen Zimmer um den runden Tisch, schauen mich mit ihren braunen australischen Augen an und fragen: "... und die Häuser sind wirklich über 500 Jahre alt?" Ich seufze, brühe mir noch einen Kaffee auf und setze mich zu ihnen, um zu erklären.
 | Currently listening: Frogstomp By Silverchair Release date: 1995-05-29 |
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Saturday, June 13, 2009
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Current mood:  vital
"Das ist die Autobahn", erkläre ich meinen zehn australischen Gästen im Heck des Wagens, "sie ist sehr wichtig für die Deutschen, ebenso wie das Automobil selbst. Sie bemerken den zahlreichen Schwerlastverkehr, allerdings haben wir keine Road Trains. 40 Tonnen sind das Maximum, was hier über die Highways brummt, von Spezialtransporten mal abgesehen. Die sind dann so faszinierend, dass über jeden einzelnen Reportagen gedreht werden." Die Australier sind sehr neugierig und stellen viele Fragen; ich trinke Red Bull Cola und rücke meine Schirmmütze zurecht. Der Grund, warum ich mir bei der Fahrt nach Bad Salzuflen vorstelle, ein deutscher Reisebusführer zu sein, der Australiern mit ganz naivem Blick die Flora, Fauna und Kultur Deutschlands erklärt, liegt darin, dass die "MURP!"-Show im Bahnhof für mich der erste Auftritt nach meiner neuen Zeitrechnung ist. Meine neue Zeitrechnung geht so: Das Leben vor Australien und das Leben nach Australien. Einen Monat waren Sylvia und ich da, haben geheiratet, geflittert und uns in North Queensland in einer öko-zertifizierten Bungalow-Anlage nahe des 135 Millionen Jahre alten Weltkulturerbe-Regenwaldes so sehr am Busen der Natur gelabt, dass ich zum Buschmann wurde und sogar nachts mit der Stablampe die Taranteln aus den Löchern lockte. Das geht nicht spurlos an einem vorüber und so sehe ich Deutschland fortan mit anderen Augen. Auf der Bühne des Bahnhofs berichte ich davon und zeichne nach, wie und warum Koala, Wombat, Wallabee, Cassowary, Golden Orb und Krokodil vorbildliche "Murper" sind, von denen wir entfremdeten Menschen noch eine ganze Menge lernen können. Das Publikum goutiert meine ebenso sanft- wie übermütige neue Lebensweisheit, während einen Raum weiter professionelle Handballer ihr Vereinsfest abhalten. Nach der Show verbleiben drei Männer an der Bar, realistische, bodenverhaftete Männer mit Karohemden, Jeans von Engbers und Bäuchleinansatz. Sie sagen: "Ich lese ja sonst überhaupt nicht, aber meine Frau hat mir im Urlaub dein Buch in die Hand gedrückt und gesagt: 'Lies das!' Und was soll ich sagen: Das hat mir echt gut gefallen, auch heute Abend so!" Ich soll ihnen gewogen bleiben, auch wenn mich die Millionen bald in Stadthallen spielen lassen. Bleibe ich. Ich bin ein Reisebusfahrer mit zehn Plätzen im Heck, was erwarten die denn? Übermorgen geht's in den Osten, 635 Kilometer, ich muss mich vorbereiten, denn den Gästen gibt es viel zu erzählen...
 | Currently listening: Time on Earth By Crowded House Release date: 2007-06-28 |
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Monday, April 20, 2009
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Current mood:  insubordinate
Eine der mit Abstand schlimmsten Gewohnheiten in Deutschland besteht darin, anderen Menschen ungefragt beweisen zu müssen, wie kultiviert man doch ist. Folgender Dialog etwa, der mir kurz nach der Ankunft in Braunschweig wiederfährt: "Ach, Sie lesen bei "Seitenweise" im historischen Spiegelzelt? Was denn so?" "Satirische Alltagsgeschichten aus einer Männer-WG." "Ja, also..." (hier beugt sich der Dialogpartner konspirativ nach vorne), "... was heute so unter Comedy bei RTL und Sat1 läuft, das geht ja mal gar nicht. All diese Atze Schröders und so, wie die alle heißen. Das ist ja widerwärtig, so etwas..." "Hmmm..." "Also, ich, wissen Sie, ich schalte nur Bayern 3 ein. Bayern 3, ZDF, 3Sat. 'Ottis Schlachthof' zum Beispiel oder 'Neues aus der Anstalt' Das ist Kabarett, das hat Niveau, verstehen Sie?" "Ja, durchaus, ist gut..." "Ja, das ist ja widerwärtig, oder auch dieser Dirk Bach, da wird mir ja schlecht. (Noch mehr nach vorn lehnen und flüstern, sein Mund steckt mir bald im Ohr) Also, die Menschen, die über so was lachen können, die haben doch noch nie ein Buch in die Hand genommen, das sage ich Ihnen aber!" Undsoweiterundsofort... Nach derlei "Gesprächen" habe ich jedes Mal das dringende Bedürfnis, auf dem Hotelzimmer absichtlich Atze Schröder einzuschalten und dabei auf dem Laptop in brüllender Lautstärke Oi-Punk, Gangster Rap, True Metal oder andere kulturelle Todsünden abzspielen, bzw. das, was solche Leute für kulturelle Todsünden halten würden. Im tollen Spiegelzelt neben der Martinikirche mache ich mich dann während des Programms über diesen Habitus lustig, beziehe den "MURP!" heute vor allem auf das gepflegte Scheitern und Unkultiviertsein und erlebe, was Die Ärzte bei ihren 3-stündigen Konzerten häufig erleben: Ist das Publikum im ersten Drittel noch nicht ganz bei der Sache, wird es mit jedem Wort besser, bis ich sie spätestens bei der ersten Live-Darbietung der neuen Hui-Geschichte "Der Aufschub" aus dem Red Bulletin, bei "Always", "Closeline" und dem "Regenpavillon" habe, so dass sie sogar tatsächlich eine authentische Zugabe durch anhaltenden Jubel fordern. Ich beende die Show mit Hartmuts sarkastischsten "Beziehungstipps" aus "MURP!" und führe einige nette Gespräche am Büchertisch, bei denen mir u.a. eine fremde Frau Uschmann (wie sich herausstellt, nicht verwandt) sowie ein junger Mann begegnen, der wie ich in Wesel aufwuchs und in Bochum studierte. Ohnehin ist das "Spiegelzelt" heute auf unheimliche Weise Motto meines Tages, denn das wunderschöne historische Viertel, indem es steht, spiegelt die Verhältnisse meiner und Hartmuts Heimatstadt. In einer "Martinikirche" wurde ich getauft und die Fensterform ist dieselbe wie hier; einen Straßenzug weiter befindet sich die "Steinstraße", in welcher in Wesel ebenfalls meine sowie Hartmuts Eltern leben. Und der TOTAL-Rasthof hinter Hannover auf der Hinfahrt ist eine exakte (!) 1:1-Kopie meines Stammrasthofes daheim, auf den ich Journalisten zu Interviews lade... da fahren mir durchaus ein paar kleine Schauer über den Rücken. Auf der Rückreise am nächsten Tag höre ich absichtlich nur unkultivierte Musik, nicht nur wegen der Poser, sondern auch, weil mich nach fünf Songs von Kantes Album "Zombi" die Depression überfällt, da intellektuelle Potenz in Deutschland meistens damit anheim gehen muss, von "schleichenden Giften" zu Giften zu singen, die einen "zersetzen" und von einer Fremdheit und Bedrückung, die einem der Welt entrückt und so toll die Songs sind und so sehr ich all so etwas etwa bei meinem Franz liebe, so absurd ist es zugleich, dass Lebensbejahung anscheinend unter der Würde des akademischen Geistes segelt. Da ich die aber momentan brauche, schalte ich die Zombies aus, öffne das Dach und sause zu handfestem Bauchgefühlrock von Buffalo Tom nach Hause.
 | Currently listening: Smitten By Buffalo Tom Release date: 1998-09-25 |
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Saturday, April 18, 2009
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Current mood:  hyper
'Was macht denn der Uschmann jetzt in Neudrossenfeld?', werdet Ihr Euch fragen und 'wo zur Hölle ist das überhaupt?' Nun, das ist im Fichtelgebirge, zwischen Eberhardtsreuth und Altdrossenfeld, also nördlich und südlich gesehen, man könnte auch sagen zwischen Neuenreuth am Main und Pechgraben, wenn man die West-Ost-Achse nimmt. Das sagt sicher niemandem was, genausowenig wie das Geplauder irgendjemandem etwas sagen würde, dass mein zukünftiger Pressemann und ich im Auto auf dem Weg zum Festessen genießen, als wir feststellen, dass wir beide eine heimliche Liebe zum Progressive Rock in all seinen Spielarten haben, von den alten Genesis bis zu den heutigen Opeth. Es haben sich zwei gefunden und ich fühle mich wohl in Gegenwart eines Mannes, der das Genie des Tony Banks zu schätzen weiß und zugleich zugibt, ebenfalls beteits mit großem Vergnügen Konzerte von Dream Theater besucht zu haben. Ich überschütte meinen Gesinnungsgenossen mit einem Schwall progressiver Geheimtipps (90 Day Men, Jaga Jazzist, Maserati, The Fall Of Troy, Ikaros...) und berauscht von den vielen Optionen saust er mit dem Wagen ungebremst durch die alten Dorfgassen hindurch wie einst meiner selbst durch die Dörfer in "V-Ralley 97", die Bremskraft packt in Altdrossenfeld und erst in Muckenreuth zieht sich die Landschaft vor den Fenstern wieder zu den pixeligen Polygonen zusammen, die man sieht, wenn man langsam fährt. Umdrehen und keine Panik, denn schließlich ist Uschmann heute die Hauptattraktion und liest vor 60 bestens gekleideten Verlagsmenschen und nach der Begrüßung durch den altehrwürdigen Chef der Firma erstmals aus dem Roman, den er für dieses Verlagshaus gemacht hat, das damit eine brandneue Reihe für junge Erwachsene eröffnet. Mehr darf ich noch nicht verraten, nur soviel, dass die Eltern unter den Verlagsleuten mir dafür danken, jetzt endlich "ein bisschen besser zu verstehen, was in den Söhnen vor sich geht". Nach der Lesung und vor dem Hauptgang des kulinarischen Hochklasserestaurants bedankt sich der Verlagschef mit den Worten: "Nun bin ich froh zu sehen, dass wir nicht nur einen hervorragenden Autor, sondern auch einen exzellenten Vorleser eingekauft haben". Da mich die Reise hierher über 500 Kilometer im gemieteten Smart gekostet hat und der Lesung mit Essen noch mehrere Meetings vorausgingen, torkele ich auch ohne Alkoholeinfluss mit einer Erschöpfung aufs Hotelzimmer im Best Western Bindlach, die mich selbst erstaunt. Kurz vor dem Bett knicken meine Beine weg und ich schaffe es gerade noch, mich auf die Matratze zu ziehen und den Gute-Nacht-Fernseher anzuwerfen, als Abtprimas Nokter Wolf bei Maischberger in der Runde erscheint. Der ist Benedektiner-Chef, Buchautor, Aufsichtsratsmitglied, Flötenspieler und Rockgitarrist. Um 4:30 Uhr steht er auf und abends übt er E-Gitarre mit Kopfhörern, um im Kloster niemanden zu stören, nach dem Querflöten-Training, das man nicht elektronisch runterdrehen kann. Kürzlich tourte seine Band im Vorprogramm von Deep Purple. Was soll man sagen? Gott hat sich auch nicht wenig Arbeit gemacht. Und ich bin hier schon nach einem Tag müde... mit der christlichen Querflöte und den Tony-Banks-Akkorden von "Afterglow" im Ohr schlafe ich schnell und zufrieden ein.
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Saturday, April 18, 2009
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Current mood:  busy
Wer dringend neuen hartmutesken Nachschub braucht, darf jetzt aus dem Vollen schöpfen, denn es gibt folgendes zu vermelden: ZWEI NEUE HUI-STORYS"Der Aufschub" erzählt davon, wie Hartmut, Susanne und Ich in der Bochumer WG mühsam versuchen, ein Jahr anzufangen, es aber einfach nicht hinkriegen. Eine tolle Geschichte für alle Slacker, Aufschieber und "Eigentlich müssten wir ja..."-Menschen. Erschienen exklusiv in der April-Ausgabe des Magazins Red Bulletin, das zwar ein Hausblatt von Red Bull ist, aber im Gegensatz zu so manchem schein-unabhängigen Musik- und Lifestyle-Blättchen eine Literatur-Ecke namens "Read Bull" hat. "Die Ziellinien-Zeremonie" erzählt davon, wie Hartmut in Bochum in der Scheune eine neue Firma gründet, die Menschen schon frühzeitig dabei hilft, Ballast abzuwerfen und bereits mit 25 so kleingeistig und monothematisch zu werden, wie es mit 35 ohnehin passiert. Ein zynischer kleiner Bastard von Short-Story, die hier und jetzt in der Rubrik "Bonusgeschichten" auf hartmut-und.ich.de bereit steht. ZWEI NEUE ONLINE-ESSAYSIn der 14. Folge der "Wannenunterhaltung" bringt UPS-Malocher Martin die Punkband StauEnde mit ins Bad, während Hartmut von Daniel Kahn & The Painted Bird schwärmt, Ich das neue Album von Death Is Not Glamorous mitfühlt und Caterina ihn mit Bosse eifersüchtig macht. In der 14. Folge des "Trashtest" erklärt uns Jochen, warum das 2009er-Dschungelcamp von RTL eigentlich eine bitterböse Parodie auf die Folgen der 68er war und das wieder mal keiner begriffen hat. DREI (UND MEHR) NEUE VIDEOSDie genialen Menschen von Pixelfreestyle haben am 14.02. die Hartmut-und-ich-Performance im Schlachthof Wiesbaden gefilmt und machen daraus nun nach und nach außerordentlich geile und kurzweilige Liveclips. Bisher sind online: Die Katze, Closeline und Der Arschlochkind-Darsteller. Zu guter letzt steht zu verkünden, dass Hartmut und ich im Mai bei S.Fischer noch mal als gebundene Geschenk-und Klassikedition in DIN A6-Kladdenformat für glatte 9 Euro erscheint. Sieht edel aus und lässt sich prima als Give-Away erwerben, um den Chef aufzuheitern. Viel Spaß mit allem Neuen, wir sind jetzt erst mal weg! Sylvia, Oliver und alle Figuren der Hui-Welt!
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Wednesday, April 08, 2009
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Current mood:  thoughtful
Heute stehen alle Zeichen auf Förderung. Das Stuttgarter Kulturzentrum Merlin fördert in der Reihe "Popfreaks" nach eigenen Worten "innovativen deutschen Pop", so dass hier in Bälde Bands wie Bonaparte, Ja Panik oder Karamel aufspielen, die teilweise bereits in Hartmuts "Wannenunterhaltung" auftauchten oder noch auftauchen werden. Die brandneue Reihe "Das literarische Wohnzimmer" fördert "junge Literatur mit einer am Alltag orientierten Sprache und mit dem Lebensgefühl einer gesellschaftlichen Gruppe, die zwischen Adoleszenz und Familiengründung steht". Uli Hannemann, Dan Richter, Jochen Schmidt, Finn-Ole Heinrich und Andreas Stichmann werden hier in den kommenden Wochen lesen. Ich eröffne die Reihe und während ich das tue, fördere ich Raymund Krauleidis, einen lieben Bekannten, den ich in meiner Funktion als "Wortguru" mit Hilfe meines Agenten als zweites literarisch-humoristisches Talent (nach Carsten Wunn) erfolgreich an einen Verlag vermittelt habe, im Dezember erscheint bei Heyne der Büroroman "Schmoltke und ich". Raymund hat als Satiriker und Kolumnist bereits eine Menge Erfahrung, tritt aber als Gast auf der Hui-Bühne heute das allererste Mal live auf, was grandios funktioniert, wenn ich daran denke, wie sehr ich bei meinem ersten Auftritt gescheitert bin... Moderator Ingo Klopfer führt gekonnt und charmant durch den Abend, er ist als Initiator der "Get Shorties"-Lesebühne in Stuttgart, Heilbronn und Tübingen und des Independent-Verlags Maringo der vielleicht größte Literaturförderer der Region. "Eigentlich wollte ich zur musikalischen Begleitung die Stones einladen", erzählt er, "habe mich dann aber doch für Kehrwoche entschieden", flaxt er und fördert somit die örtlichen Lounge- und Jam-Experten. Das Publikum hat Spaß mit uns allen und ich verliere in einer Runde Live-Trivial-Pursuit gegen einen Mann namens Ali, der im Gegensatz zu mir als Schriftsteller den Unterschied zwischen Personal- und Possessivpronomen benennen kann. Am nächsten Tag im Zug fördere ich durch gezieltes Hinsetzen die Einzelplätze im Bordbistro, die sonst immer leer bleiben sowie den koffeinfreien Kaffee, den sonst keiner kauft. Dann steige ich auf der letzten Etappe extra in Capelle aus, weil der Bahnhof weniger benutzt wird als Ascheberg und somit gefördert werden muss, informiere mich, welches Taxiunternehmen am wenigsten in der Region nachgefragt wird, lasse mich damit nach Hause fahren und zwinge den Taxifahrer, statt WDR 4 doch bitte Radio Kiepenkerl reinzudrehen, um die Lokalsender zu fördern. Daheim überwältigt mich die seit zwei Tagen sich anschleichende Grippe und ich liege die kommenden Tage auf der Couch und träume davon, einen riesengroßen Kulturhof zu gründen, auf dem 24 Stunden lang gefördert wird. "Was fördern sie denn?", frage ich in dem Traum irgendwann ein paar rechteckige Russen mit schwarzen Zähnen und alten Maschinengewehren. "Öl!", sagen sie, zeigen auf den Boden unter meinem Kulturgut und heben die Waffen.
 | Currently listening: Maschinen By Karamel Release date: 2009-04-17 |
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