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Last Updated: 7/26/2007

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February 14, 2007 - Wednesday 
Klaus Wowereit ist der letzte Instinktpolitiker Deutschlands. Egal ob seine Stadt pleitegeht oder in seiner Koalition Verräter sitzen – Berlins Regierender Bürgermeister meistert auf wundersame Weise alle Krisen. Unser Autor begleitete ihn eine Woche lang auf seinem Weg zu Höherem.



1. Staatsbesuch

„Der Himmel reißt auf – es wird, es wird, es wird!", feuert Ben Wettervogel draußen, vor dem ZDF-Frühstücksfernsehcaf.. Unter den Linden den Tag an; den Tag, die Sonne, die Stadt, die Menschen, das Land. Links und rechts von ihm braust der Hauptstadtverkehr, der Meteorologe steht auf dem sich mittig des Boulevards erstreckenden Trottoir und freut sich über diesen viel zu warmen Herbst, dann gibt er „zurück zu Patrizia", die im Caf.. nun zwei Kaffeetassen verlost; zur halben und zur vollen Stunde gibt es Nachrichten.

Ein paar Hundert Meter weiter, am Brandenburger Tor, steigt Klaus Wowereit aus einem dunklen Dienstschlitten, knöpft sein Jackett zu und sagt „So!, na, dann woll'n wa mal." Was will er denn? Er will einen Staatsbesucher empfangen, den Präsidenten des Staates Benin. Aber der Gast ist noch nicht da. „Wie spät ha'm wa't denn?" will Wowereit wissen, stolz, dass er selbst pünktlich ist. Kurz vor neun ham wa't. Sofort ist man dabei, sofort ist man „wa" – wa, das heißt hier wir, und es heißt in Berlin auch, am Ende eines Satzes, ansteigend intoniert: Hab' ich recht oder hab' ich recht?

Klaus Wowereit, das muss man zwischendurch immer mal wieder festhalten, ist homosexuell und regiert die deutsche Hauptstadt gemeinsam mit den verpeilten Kommunisten der PDS. Nur mal so, als Hinter-, nein, Vordergrund. Falls Sie uns gerade im bergischen oder badischen oder sogar bayerischen Land lesen.



Knallblauer Himmel, es ist geworden, es ist geworden, es ist geworden. Die Herbstsonne güldet auf die Hauptstadtpracht, „schön, wa?", stellt Klaus Wowereit fest, und sogleich ha'm wa dieses Jefühl, dass sich in seiner Nähe stets einstellt: ..berschuldung hin oder her, so schlecht ist Berlin nicht. Läuft doch allet. Und weil bzw. damit es läuft, rennt er, der Regierende Bürgermeister, durch die Stadt. Klaus Wowereit, denkt man, ist eher Psychologe als Politiker, und das sogenannte Hauptstadtparkett ist seine Couch. Gruppentherapie: Da kommt eine Touristengruppe, Wowereit dreht auf. Die Sicherheitsbeamtenaugen flackern lagecheckend, dieser Mann ist unbewachbar. Man muss aber ohnedies eher die Bürger vor ihm beschützen, er schüttelt jede Hand, sucht jedes erdenkliche Geplauder. Die Touristen haben einen Kreis um ihn herum gebildet und fragen sich, was sie ihn jetzt fragen sollen.

Aber Klaus Wowereit braucht keine Fragen, morgens zieht er sich an, und Gott oder wer immer zieht ihn auf wie eine rasselnde Spielfigur, und dann geht es los, ohne Pause, ohne Gnade. Aus dem Kreis Warendorf kämen sie, sagen die Herrschaften, und zücken ihre Fotoapparate. „Ach, und wo sind die Pferde?", albert Wowereit, und die Touristen freuen sich, dass ihm zu Warendorf gleich die Pferde einfallen, das hätten sie jetzt nicht gedacht; aber Klaus Wowereit fällt zu allem und jedem immer gleich das dafür vorgesehene Wort ein. Das ist sein Trick. Als Kind ist er in einen großen Zuber mit sozialer Intelligenz gefallen, und seither plappert er sich unverdrossen und zielsicher durchs Leben. „Ick steh' hier immer!", prustet er. „Dann mit 'm Hut demnächst", kontert nicht so schlecht ein CDU-Rentnerkopf aus der Touristengruppe.

Vor ein paar Tagen unterlag die Stadt Berlin beim Bundesverfassungsgericht mit ihrer Klage um mehr Geld, und gegenwärtig fragt sich jeder, wie der Hauptstadthaushalt nun aufzustellen sei. Jeder, au-ßer Klaus Wowereit. Seiner erfolglosen Klage folgt kein Jammer, denn ein Psychologe kann ja nicht mitten in der Krisenintervention zum Patienten sagen: „Schwierig, schwierig, keine Ahnung, düster, düster, auch ich weiß nicht weiter." Also sagt er: „Ick hab' noch nüscht jefrühstückt, so früh schon uff de Beene, aber Glück mit dem Wetter ha'm wa, wa?" So kann man das natürlich auch sehen. „Na denn, schönen Tach noch und viel Spaß!", wünscht der Bürgermeister den Berlinbesuchern, die kichernd und winkend weiterziehen, angesteckt von der Bürgermeisterlaune, ob sie wollen oder nicht. Vielleicht kann ein Politiker gar nicht mehr machen, und vielleicht ist das, was Klaus Wowereit da macht, gar nicht mal so wenig – hier und da die Hand auflegen, und die mit Mühsal Beladenen werfen ihre Krücken hernach zumindest für einen Moment zur Seite und denken: Ich kann gehen. Es läuft.

Ein Mitarbeiter beugt sich informell in Richtung Wowereit-Ohr, der Staatspräsident von Benin sei nun gleich da, es gebe eine kleine Planänderung für die anschließende Vorfahrt am Roten Rathaus, da stehe ja ein Kran zur Zeit: „Wir fahren Bordstein." ..ber Klaus Wowereit wird immer wieder berichtet, er sei nicht zimperlich, könne eisenhart agieren, hinter den sogenannten verschlossenen Türen sei sein Stil ein einziges Spaß beiseite. Ohne das Grinsen auszuknipsen, bellt er jetzt seinen Mitarbeiter an. Dieser Kran stünde ja nun schon ein paar Tage da, es sei schon erstaunlich, wenn das jetzt erst in die Planung einbezogen würde. Rumms. Eine Kleinigkeit, ja. Aber der Mitarbeiter wird nun, so geknickt schaut er drein, sein Leben lang nie wieder einen Kran unterschätzen.

Zum Glück braust jetzt die Staatspräsidentenbeförderungskolonne heran. Wowereit spannt die Muskeln, wächst ein paar Zentimeter und schreitet auf den der Limousine entsteigenden Staatspräsidenten von Benin zu. Bonjour! Amtssprache von Benin ist Französisch. Der Beniner französelt los, die Dolmetscherin entschuldigt ihn für die leichte Verspätung, den Grund dafür möchte Klaus Wowereit, halb spaßeshalber, nicht so recht glauben, und mit dem einmalig wowereitschen Mix aus Gutmütigkeit, Nachsicht, Misstrauen und Frivolität, in dem seine Stimme dann immer wie im Stimmbruch gen Satzende ein paar Töne nach oben kiekst, fragt er rhetorisch: „C'est vrais?" Um dann schlagartig auf Staatsmann umzuschalten, Wowereit ist nun der regierende Stadtführer Berlins: Da, hinter uns, war die Mauer. Das Brandenburger Tor ist komplett restauriert. Siegessäule, Reichstag, na, dann mal los: Durchs Tor schreiten, bisschen Staatsbesuchsnulltext brabbeln, mal in diese, mal in jene Kamera feixen, nie ohne den Schuss Bedeutung im Blick, dieses gleichzeitige Ausstrahlen von Amtslastschultern, Problemeanpacken und Heimspielstolz.

„Und hier wird jebaut. Kanzler-U-Bahn, wobei kein Kanzler und keine Kanzlerin jemals U-Bahn fahren wird." Der Präsident von Benin nickt, ja, das leuchtet ein, aber irgendwie auch nicht, was redet denn der Bürgermeister da, egal, ick bin ein Beniner, Händeschütteln, bis gleich; Limousinentür auf, und los zum Roten Rathaus, zum Kran.

Seit ein paar Tagen ist es kurz vor zwölf im Roten Rathaus. Die Berliner Boulevardpresse hat es erstaunlicherweise noch nicht entdeckt, aber ziemlich genau seit dem Karlsruher Urteil steht die Turmuhr des Rathauses auf ganz kurz vor, nicht mal mehr fünf vor zwölf. Die Bauarbeiten, der Kran. Auch egal, Treppe rauf, Amtszimmer, Goldenes Buch, Klickklack, Blitzblitz. Was sollen eigentlich solche Staatsbesuche? Wann wird ein Politiker wahnsinnig oder muss er es eh schon sein ob des Wahnsinns, den er tagtäglich zu absolvieren hat? Dass er nicht einmal aus der Rolle fällt, nicht einmal lachend zusammenbricht – schwer vorstellbar. Folgen wir also Klaus Wowereit mal ein paar Tage und Termine lang, ihm, dem Mann mit dem eventuell härtesten Programm aller deutschen Politiker, er steht der Stadt vor, in die jeder kommt, in der alles zu passieren und also besucht, begrüßt, eröffnet zu werden hat, die darüber hinaus so unregierbar pleite ist, diese mit Repräsentation und tatsächlichem Geschehen, mit Erwartung und Bedeutung so überladene Hauptstadt. Sehr geehrter Präsident, ich freue mich. Die Dolmetscherin murmelt dem Gast ins Ohr, der nickt, und Wowereit freut sich weiter. Auch hier trifft er wieder den genau richtigen Ton, jetzt weniger kieksig als noch eben draußen in der -Sonne, er klingt jetzt nach Holzdielen, goldenem Füllfederhalter, Fahne -– mehr Meister als Bürger. Füllfederhalter und Tintetrockenroller werden wieder verpackt, der Präsident verabschiedet. Viel Spaß! Wowereit schickt jedem diesen Spaßwunsch mit auf den Weg, es wirkt manchmal weniger wie ein Wunsch, eher wie ein Befehl.

2. Berliner Abgeordnetenhaus

Regierungserklärung, konstituierende Sitzung! Klingt doch erst mal aufregend. Und dann ist es nur: elendigste Lokalpolitik. Berlin, ja, aber eben nicht Bundestag, nur das Berliner Abgeordnetenhaus. Momper! Steffel! Und das sind noch die Stars. Frauennationalmanschaft, denkt man. Klar, auch wichtig und so weiter, dieselben Trikots und alles – aber man wäre gern woanders. Hier wird man zum ersten Mal schlappmachen und die Bürgermeisterbeobachtung vorzeitig abbrechen, weil es nicht zum Aushalten ist, was der so mitzumachen hat jeden Tag; und es wird nicht das letzte Schlappmachen bleiben.

Sebastian Kluckert, FDP, hat einen ..nderungsantrag vorbereitet. Und Sebastian Kluckert, FDP, hat einen Sprachfehler. Drucksache 1, Absatz 1, blabla. Verfassungswidrig! Na, logisch. Mach du mal, Sebastian Kluckert, FDP. Das denkt sich vielleicht auch Wowereit, wie er da sitzt, mehr und mehr in seinem Stuhl versinkt, grinsend. Jemand verteilt „arm aber sexy"-T-Shirts. Wowereit, diese Ein-Mann-Werbeagentur, hatte Berlin so tituliert, immer wieder gelingen ihm solche, dann flugs sprichwörtlich werdende Klopper, und jetzt wollen sie ihn damit aufziehen, ohne dass sie dabei merken, wie sehr sie ihn stärken, ihm auf den Leim gehen. Dirk Behrendt, Die Grünen: grünes T-Shirt unter der Strickjacke,
puh, ja. Er stellt sein Wasserglas auf das abschüssige Rednerpult. „Das ist gefährlich, Herr Kollege", lacht ihn ein Routinier aus. Tja, da hat man sich nun extra kein Hemd und kein Sakko angezogen, weil man doch so unbequem und jung ist. Und dann kann man noch nicht mal vernünftig sein Wasserglas abstellen. Schnell weg. Ach ja, viel Spaß!



3. Sportforum Hohenschönhausen

Sonntag. Natürlich interessiert sich „Der Regierende" auch für Sport. Fußball, Eishockey, je nachdem, zur Not gewiss auch Handball oder Kegeln, Hauptsache Balin ist im Spiel – also wa, wa? Am Wochenende nimmt der Bürger teil oder wenigstens Anteil an Verrenkungen, und also tut der Bürgermeister dies natürlich auch. Hier nun schlittern die Eisbären Berlin gegen die Kölner Haie dem Puck hinterher, in der Halle ist es sehr laut. Schlachtrufe, Sprechchöre, bedrohliches Geklatsche, Geraune und Gestampfe. Kurz vor Ende der ersten Spielzeitdrittelpause wird Klaus Wowereit an die Bande geleitet, wo der Spezialsender Premiere ein Expertenpult aufgebaut hat. Jemand legt Wowereit einen Eisbären-Fanschal um, und gleich sieht der Bürgermeister aus, als sei er mit diesem Schal am Hals praktisch auf die Welt gekommen.

Sportfanatiker in Zusammenrottungen sind ja ohnehin schon immer eine recht schwer zu ertragende Sorte Mensch, wenn sich diese dann noch speziell zum Eishockeyzuschauen versammeln, wird es ganz und gar schaurig. Männer, die aussehen wie Hüpfburgen und Frauen, die aussehen wie Männer, dumpfen hier gemeinsam durch den Sonntag, RTL2en ihre Lebenszeit weg, bis später dann „Bauer sucht Frau" im Fernsehen kommt; hier hat jeder Bauer seine Bäuerin, jedes Schwein seine Kuh schon gefunden. „Hauptstadt der Schwulen../..Wir sind die Hauptstadt der Schwulen../..Hauptstadt der Schwuuuuuulen../..Wir sind die Hauptstadt der Schwulen", alkoholt es nun auf die Melodie von „Guantanamera" aus der Kölner Kurve, als sie Wowereit erblicken. Stolze Dummheit.

Der Schiedsrichter pfeift das erste Drittel ab, die Spieler staksen an Wowereit vorbei in die Kabinen, ein Unterhaltungsprogramm beginnt und der Premiere-Mann fragt unseren Mann mit dem Fanschal, wie ihm das Spiel bislang denn so gefallen hat. Man versteht kein Wort, aber die Fernsehleute sind zufrieden, und Klaus Wowereit hatte einen Stöpsel im Ohr. Auf in die Lounge! Wie geht's, Herr Bürgermeister? Okeeee jeht's: „Spiegel"-Umfrage war ja auch janz jut, sagt er unvermittelt; Platz fünf, nur einer hinter Merkel. Ach was. Und wie groß ist das Kuchenstück „Dieser Politiker ist mir unbekannt"? Sieben Prozent bloß, freut sich Wowereit. Für einen Bürgermeister ist das als bundesweiter Wert ziemlich herausragend. Jut. Die Sicherheitsbeamten haben einmal mehr große Mühe, ihn in Auge und Griff zu behalten, dem Volksnahen ist das Volk hier sehr nah, und er mag das, bleibt stehen, signiert vollgeschwitzte Trikotrückseiten und lächelt in aus dem Knäuel um ihn hochgehaltene Handykameras.
Nanu, bastelt da ein Besoffener einen Joint? Nein, er fummelt ratlos an einem Tombola-Los herum. Ist das alles traurig. Erst recht der Wipp-Bereich (dort, wo man zusammensteht und auf den Lackschuhen wippt, um nicht einzuschlafenbeim Pflichtgespräch), hier Gasag-Lounge genannt. An sogenannten Unternehmertischen sitzen Sponsoren und deren Familien, Mitarbeiter und Freunde. Eine Westberliner Stimmung; wie überhaupt auch Wowereit ja das Westberlinerischste ist, das man sich vorstellen kann, blaues Sakko, einen Tick zu dick, gut gekämmt, ein Im-Bett-Frühstücker. Dampf steigt auf aus gasbefeuerten Trögen, Bierchen werden gezapft, Fach wird gesimpelt: ..berzahl, Powerplay, Hertha in Cottbus. Bäuerchen sucht Mann und Frau. Prost erst mal. Man muss ihn hier ein weiteres Mal seinem (nicht auch: unserem?) Schicksal überlassen, das muss er jetzt allein zu Ende dritteln; wie er das aushält, mit einem Bier und drei Königsberger Klopsen, es bleibt vorerst sein Geheimnis.



4. Rotes Rathaus

Aktuell ist das wohl Nervigste im Leben des Klaus Wowereit die Unbedingtheit, mit der jeder Trottel ihn dieser Tage mit einer für spitz gehaltenen Bemerkung zum Karlsruher Urteil ankumpelt. Höflich und abkürzungstaktisch geschult wie er ist, tut er jedes Mal so, als sei dies nun der erste Spaß in dieser Richtung, der ihm zu Gehör kommt. Zeitloser und thematisch verwandt ist der Klassiker „in Zeiten leerer Kassen". Heute scheint die Sonne, was in Zeiten leerer Kassen mithin einer der wenigen Gründe ist, erfreut aus dem Roten Rathaus zu blicken – so oder ähnlich geschraubt wird kommentiert, und warum denn auch nicht. Der Bürgermeister hat nüscht zu verschenken, und deshalb muss er alle paar Tage irgendeine Schenkung wenigstens beschirmherren, die Schenkung kann gar nicht klein genug sein, ein gutes Foto und ein gutes Gefühl springen dabei immer heraus.

Heute bekommt die DLRG einen Gutschein für zehn Anfängertauchkurse überreicht. Und da stehen sie nun mit ihren signalfarbenen Lebensretterkostümen im Amtszimmer und strecken die Hand nach dem großformatig kopierten Symbolgutschein aus. „Wir tauchen den ganzen Winter hindurch", erzählt, weil die Fotografierzeit ja irgendwie durchlabert werden muss, ein Tauchausbilder, „da ist 'ne Heizung im Anzug drin". „Dit wünsch ick mia och ma'", kichert Wowereit. Obwohl wir uns nun im Amtszimmer befinden, ist er eher kicherig aufgelegt, genau richtig für die sich hier ohnehin deplatziert fühlenden Neoprenmännchen um ihn herum.

Wowereits Kunst ist die Niedrigschwelligkeit und eine umgebungsflexible Wandlungsfähigkeit, wie man sie nur aus Naturfilmen über ganz besonders geschickt codierte Pflanzen und Insekten kennt. „Und im Winter dann am Seil entlang, unter Eis, wa, weil: einfach hochkommen ist ja dann nicht", gluckst er nun vergnügt, und die Tauchausbilder stimmen ihm staunend zu. Das ist, auch wenn sie nicht schwul sind und die SPD für einen Deppenverbund halten, ihr Mann. „Und wie kommt man auf die Idee, eine Tauchschule zu eröffnen?" Gegenfrage: Herr Bürgermeister, wie, um Himmels Willen, kommt man auf die Idee, solch eine Frage zu stellen?

Tja, dann. Viel Erfolg der DLRG und dem Unternehmen (den Namen der Tauchschule hat er schon vergessen, staunen macht seine Fähigkeit, den Zwischenspeicher momentgenau zu füllen und dann auch wieder zu leeren). Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Och, war'n ja nur 'n paar Minuten. Tschüss, alles Gute, viel Spaß, jaaaaa? Ja doch.

Im Flur, vor dem sinnig platzierten Gemälde „Fotografierer" von G.L. Gabriel wartet gleich die nächste Abordnung. „Ich weiß natürlich nicht, wie laut Herr Wowereit spricht. Das hallt tierisch hier." Zwei bis drei Sätze soll er in eine Kamera sprechen, in seiner Funktion als Schirmherr der deutsch-russischen Festtage. Was es nicht alles gibt! Und wie vieler Schirme ein Mann Herr sein kann!

Standort Berlin, ich freue mich, im Mittelpunkt steht die Kultur, aber wir brauchen auch die Wirtschaft im Boot. Wichtige Belange für den Austausch. Ich lade Sie herzlich ein. Reicht das oder braucht ihr noch mehr? Er könnte noch, so ist es ja nicht. Aber wieder mal hat er alles in einem Rutsch erledigt, zur vollsten Zufriedenheit aller. Man möchte applaudieren, es ist so schockierend, wie ihm das alles gelingt, eben noch die Tauchausbilder bestens bedient („Mit Schnorchel sehe ich aus wie Alfred Tetzlaff"), jetzt direkt umgeschaltet auf den offenarmig willkommen heißenden Schirmherr wo--von noch mal? Ach richtig, den der deutsch-russischen Festtage. Die deutsch-russischen Festtage! Nicht zu fassen. Immer zum Anfassen. Tschüss die Herren – und, genau: Viel Spaß! Auf diese Spaß-Idee muss man auch erst mal kommen, zumal in Zeiten, nicht wahr?, leerer Kassen.

Die Praxis Wowereit steht seit jeher im Ruf der Scharlatanerie; aber, das ist zur Kenntnis zu nehmen, es funktioniert. Die Menschen wirken geheilt und erlöst, wenn er sie entlässt, allesamt. Und die nächsten Termine kommen schubweise, im Bündel: Wowereit geht jetzt die neuesten Einladungen durch, vorsortiert zwar, jedoch sind es immer noch zu viele, denkt man. Aber man denkt falsch, er wird das schaffen, freut sich jetzt schon. Wie kaputt muss man eigentlich sein, um ein „Abendessen zugunsten von" zu veranstalten? Wowereit muss solchen Reichenselbstbefriedigungsabenden regelmäßig beiwohnen. Man wünscht der Stadt Berlin schon deshalb ganz viele Milliarden, damit die politikseitige Hofierung dieser perversen Schmeißmichrausstelldicheins ein Ende hat. Ach, Sabinchen, murmelt Wowereit und hakt eine Einladung zum jährlichen Get-together (oder wie so was heißt) von Sonntagabend-APO-Führerin Sabine C. ab. Und die für die Bond-Premiere. Und die und die und die und – viel Spaß, man.

5. Bundesrat

Früh am Morgen, man sieht den eigenen Atem, die Sonne fängt aber immer noch zu heizen an, wenn auch langsam und mit nachlassender Kraft; es will nicht, aber es wird Herbst werden. Und Winter. Und irgendwann wird wieder gewählt werden. Vielleicht sogar wiedergewählt. Vor dem Gebäude stehen Tierschützer und sind gegen irgendwas. Christian Wulff eilt an ihnen vorbei, bleibt im Flur des Aufgangs zum Versammlungsraum stehen, und wie eine Siedlung um eine Wasserquelle bildet sich nun ein Kamerahalbkreis um Niedersachsens Ministerpräsidenten herum. Kann mal einer die Tür zumachen, es zieht kalt rein, sagt Wulff. Lachender Kamerahalbkreis, menschlicher Wulff. Heute Nacht wurde ein Durchbruch erzielt, teilt Wulff jetzt mit, ein Durchbruch beim Wohngeld für Hartz-IV-Empfänger. Er ist einer der ersten eintreffenden Ministerpräsidenten, wahrscheinlich hat er sich heute extra beeilt, um der Erste zu sein, der den Durchbruch vermeldet. Wulff ist der Anti-Wowereit; ein Streber, immer zur Stelle, immer gewissenhaft,
nie interessant, gehobenes Mittelmaß. Eine Art VfB Stuttgart, der Typ. Danke schön, meine Herren. Wenig Spaß!, wünscht er unterschwellig.

Da kommt Herr Müller aus dem Saarland, das Spiel wiederholt sich, vielleicht kriegt er es noch bündiger hin als Wulff, die Kamerateams sind da gnadenlos. Ein Ohn-, nein, Mitsorgtheater ist dieses Bundesratsfoyer: Tür auf, Typ rein, Tür zu, Tür auf, nächster Typ. Der windige Schmiss-Hesse Koch! Jetzt Kurt Beck! „Naa, ich stell mich doch nicht da hinten beim Müller an!", entweicht es ihm im gemütlichen Blutwurstslang, und ein bisschen beleidigt, dass nicht alle Kameraleute gleich den Müller da stehen lassen und sich um ihn scharen, stapft er die Treppe rauf, langsam genug, dass die Kameraleute es sich noch mal überlegen können, da löst sich das Knäuel um Müller, und gnädig bleibt Beck stehen und sagt den schönen Satz: „Ich kann nur noch mal sagen: Ich wundere mich." Und dann, endlich mal wieder, die Zeiten leerer Kassen: „Es ist jetzt nicht die Zeit, um Geschenke zu verteilen." Da, Stoiber! Er dirigiert die Kamerakameraden in Richtung Fahnenständer, „das schaut besser aus", und nun kommt endlich Klaus Wowereit! Drinnen hat Herr Ringstorff schon zu sprechen begonnen, Wowereit hat es eilig, und Wulff wird das nie lernen: Man muss auch mal knapp zu spät kommen und lässig, aber eilig an allen Fragern vorbeischnurstracksen, nicht ohne zu grüßen. Das ist Macht.

Weil das Ministerpräsidentenhufeisen alphabetisch aufgereiht ist, sitzt Wowereit neben Stoiber. Und Wowereit scheint Stoiber einen Witz nach dem anderen zu erzählen, und der würde gerne nicht lachen, aber die Witze scheinen gut zu sein. Man denkt ein paar Abende zurück: Alfred Biolek präsentierte in einem Zelt die schönsten Momente seiner Fernsehkarriere, und nach der Pause bat er Wowereit zum kurzen Gespräch auf die Bühne. Ein paar Pseudopingpongs waren spürbar einstudiert und leider nicht sehr komisch, aber wie bei jedem Auftritt wich Wowereit bald vom Plan ab und wurde außerordentlich unterhaltsam. Er nahm Biolek für ein paar Minuten sanft die Abendregie ab und die bis dahin rührende, zeitgeschichtlich unbedingt beachtenswerte, hier und da aber etwas zähe Veranstaltung geriet zum applausumtosten Spektakel. Am nächsten Tag stand in der Zeitung „Bio tröstet Wowi", aber in Wahrheit war es genau andersherum. Beim Gratulieren hinterher duzte man Wowereit und wollte gern in seine Partei eintreten, nein, in den Campingurlaub wollte man mit ihm fahren. Man wollte ihm gern die Hand schütteln, mit ihm rumstehen und sich freuen. Und irgendwie erschrak man, zwei Tage nach dem Karlsruher Urteil war das, bei dem Gedanken, dass dieser Stehaufkomödiant etwas mit Politik zu tun hat. Hat er doch? Hat er, sitzt da neben Stoiber. Allerdings Witze erzählend, möchte man schwören.

6. Rotes Rathaus Reloaded

Berücksichtigt man, dass Wowereit einen nur zur Hälfte seiner Termine überhaupt mitnimmt, momentan ohnedies wegen andauernder Berliner Koalitionsverhandlungen viel weniger Termine als sonst „wahrnimmt" und angeblich jeden Abend geradewegs vom Schreib- oder Koalitionsverhandlungstisch ins Bett fällt (Die Koalitionsverhandlungen!, sagt sein Büroleiter – jaja, deine Mudder, denkt man. Es ist ja klar, dass Wowereit, sobald man eine teilnehmende Beobachtung ankündigt, ganz plötzlich überhaupt nie nächtens ins Amüsement zu springen vorgibt und einen mit immer noch härteren Langeweileproben täuschen möchte, denn über den ausschweifenden Teil seines Alltags ist ja in der Vergangenheit nicht geradezu wenig berichtet worden) – berücksichtigt man also all dies, so steigert sich die Rätselhaftigkeit seiner Kraftreserven ins Unermessliche. Dass man selbst verweichlicht ist, geschenkt. Man tut, was man kann, aber was der tut, kann man doch als normaler Mensch gar nicht können! Und dann wirkt Wowereit doch auch noch stets wie der normalste oder gar einzig normale Mensch unter lauter Zombies, ob sie nun Sporttaucher sind, Ministerpräsidenten oder Eishockeyzuschauer. Oder ehemaliger polnischer Wirtschaftsminister, Jacek Piechota mit Namen. Der bewirbt sich um das Amt des Stadtpräsidenten von Stettin, das ist so was wie Bürgermeister, seine Partei ist so was wie die SPD und Stettin ist gar nicht so weit weg von Berlin, erklärt Wowereits Büroleiter. Jaja, mag sein, aber da könnte ja jeder kommen! Der Witz ist: Es kommt jeder. Nun also Herr Piechota. Mit Kamerateams aus der Heimat, damit die Menschen dort erfahren, was für bedeutende Buddys der Kandidat so hat. Sie haben ein paar Minuten zusammengesessen, bis man, drau-ßen wartend, denkt, jetzt haben die bestimmt eine Menge besprochen, und dann tritt Wowereit vor die Kameras und wünscht eine erfolgreiche Wahl und dass sich anschließend noch bessere Voraussetzungen zur Zusammenarbeit ergeben mögen. Und dann, das geht in der Dolmetscherzentrifuge bedauerlicherweise garantiert unter, schwingt Wowereit sich zu dadaistischer Höhe empor (bzw. Tiefe hinab): „Probleme lassen sich gemeinsam prima gestalten."

Alles Gute, bonne chance, thank you very much!

Was heißt denn noch mal „viel Spaß" auf Polnisch? Tschüssikowsky?



7. Anne-Frank-Zentrum

Bei all den drängenden Fragen der Gegenwart und all den Versuchen, der Zukunft den Schrecken zu nehmen, muss ja immer auch noch die Vergangenheit bewältigt werden. Wowereit ist auch im sprunghaft und abrupt zu vollziehenden Wechsel der Zeitebenen – zunehmend ermattet und kaum noch überrascht nehmen wir dies zur Kenntnis -– ein Spagatkünstler. Im Anne-Frank-Zentrum in Berlins Mitte ist eine sehenswerte Ausstellung zu eröffnen. Bestürzung und Beklemmung stellen sich schnell ein an diesem Ort, wie passt da der immer frischwärts rasende Bürgermeister hinein? In der Garderobe befürchtet man, es könnte dieses Mal misslingen: Auf den Stand der Koalitionsverhandlungen angesprochen, sondert Wowereit automatisch purzelnden Statementmüll ab („Inhalte sind durch, jetzt kommen die Ressorts, das ist ja immer das Spannendste. Und dann die Personalien, das wird ja immer noch spannender!"), doch ein paar Treppenstufen später wirkt er wie neuformatiert, anlassgerecht ernst und kämpferisch. Das schaffen nicht alle, aber doch einige. Nur Wowereit jedoch gelingt es, solch einen Saal mit brillantem Gespür für situativ entstehenden Witz zu einem befreiten Lachen zu bringen, um dann wohlformuliert und – ja, tatsächlich! – glaubwürdig die Ausstellung und ihre Macher in dieser Stadt willkommen zu heißen. Nicht ranschmeißerisch, nie provinziell. Auch wenn er sich abends zumeist so gibt, dass man ihn duzen möchte (genauer: zurückduzen; er selbst duzt natürlich eh, abends, nachts), so ist in den unterschiedlichen Umgebungen, in denen man ihn nun beobachtet hat, kein großer Verhaltensunterschied zu erkennen, immer erscheinen Mimik, Gestik und der jeweils angeschlagene Soziolekt situationsadäquat, nie aber wirken sie aufgesetzt, kaum unterscheidbar ist, was wir von ihm sehen und hören, egal wo und wann – seine Verstellung ist so umfassend wie unfassbar. Vielleicht passt nicht er sich an seine jeweilige Umgebung an, eventuell ist es umgekehrt. Das wäre dann die höchste Stufe der Macht. Und doch denkt man als Bürger dieser Stadt, auch wenn man das Wählen längst aufgegeben hat, dieser Mann und kein anderer soll mich bitte, wenn es schon sein muss, regieren. Sein Vorredner hatte sich etwas verhaspelt und seiner Familie gedankt für die Nachsicht, dass sie keine Zeit hatte für ihn. Alle bis auf den Redner selbst hatten diesen Versprecher mitgekriegt und Mühe gehabt, den jetzt als unangebracht empfundenen Lachimpuls zu unterdrücken, und Wowereit, dieser A- und Effektprofi schafft es: befreites Lachen, dann zurück zur Sache, geeint durch dieses kollektive Sozialerlebnis. Viel Spaß, sozusagen, sagt jetzt so: Klaus Wowereit, nie um eine Variante verlegen.

8. Hotel Intercontinental

Also doch noch ein Abendtermin, na bitte! Leider doch wieder nur ein Trick, eine Brachwiese wurde plattgemacht, und nun steht da ein Glaskasten, Verzeihung, ein Pavillon. Muss auch eröffnet werden, klar. Er saß heute Morgen witzelnd mit Stoiber im Bundesrat, er hat diesen Jacek Piechota aus Stettin abgefertigt, die Anne-Frank-Ausstellung erst eröffnet und dann in Ruhe durchschritten, danach gab es „interne Besprechungen", die nur deshalb spannend klingen, weil er einen da nicht dabeihaben wollte, aber so oder so, man hätte das ja keine halbe Stunde ausgehalten, man war vielmehr ganz froh über ein bisschen Zeit zur Zerstreuung – und da kommt er ja auch schon, bestens aufgelegt, und auf irgendwie bedauernswerte Gestalten magnetisch wirkend, zack, haben sie ihn eingekesselt, er schüttelt jede Hand, hört sich den ganzen Kram geduldig an.
Ein paar Meter weiter steht, dramatisch unbehelligt, Friedbert Pflüger. Dieser war vor ein paar Wochen auf die schlechte Idee gekommen, als CDU-Spitzenkandidat in Berlin gegen Wowereit anzutreten. Friedbert Pflüger steht also da und sieht aus wie die Stadt, aus der er kommt. Hannover. Stellen wir uns vor, Hannover würde sich mit seiner Innenstadt um die Anerkennung als Weltkulturerbe bewerben. Oder Friedbert Pflüger eben für das Amt des regierenden Bürgermeisters von Berlin. In seiner grauen Busfahrerhose, seinem karierten Hemd, herrje, der Mann macht aber auch alles verkehrt. Wowereit hat sich seit heute Morgen nicht umgezogen, sein Anzug ist wie er: ein Rätsel an Universalperfektion. Ein Reporter des kuriosen Berliner TV-Senders FAB kommt, sieht Pflüger – und drängelt sich durch das Gewusel um Klaus Wowereit hindurch, eine persönliche Frage, Herr Bürgermeister! Was ist Ihnen wichtig in einem Hotel?

Na, der Service natürlich.

Wowereit kann gleichzeitig lachen und sprechen. Friedbert Pflüger kann bestimmt auch irgendwas, aber es lässt ihn keiner.
Ein älterer Herr, ernst dreinblickend, nähert sich
Wowereit und fragt unvermittelt: Tertiärer Bereich, wie sieht es damit aus? Und natürlich kann Klaus Wowereit auch das genau erklären, wie es also damit so aussieht, mit dem tertiären Bereich. Auf der Bühne steht eine Kostümchentante und lallt: „Genauso wie Madonna ist das Interconti immer dabei, sich neuzuerfinden, zu reinventen. Und jetzt viel Spaß beim Netzworken."
Sie sagt das genau so. Perfekte Rampe für Wowereit, nach einem – nun ja, es war doch ein harter Tag, oder nicht? Er sieht immer noch aus wie nach einem verlängerten Wochenende in einem Schlappschwanzhotel. Auf der Bühne wird jongliert und musiziert, es werden die Hotel-Köche interviewt, der Direktor natürlich – und dann, endlich, spricht Wowereit. Man ist ja inzwischen Fan. Egal, wohin man ihn begleitet, sein Auftritt ist jeweils der Höhepunkt. Da hört man zu, da kann man folgen, da muss man lachen:
Herr Wulff hat gesagt, Niedersachsen schickt uns immer die besten Männer, nicht wahr, Herr Pflüger?

Paff, der saß. Armer Pflüger, er bewegt die Lippen und streckt den rechten Arm aus, er tut so, als sei ihm jetzt was Schlagfertiges eingefallen, als könne man das nur nicht hören, weil er ja kein Mikrofon hat. Aber er bewegt nur die Lippen. Er könnte ein Headset aufhaben und ein Megafon in der Hand halten, Wowereit könnte derweil draußen auf der Straße stehen und flüstern. Immer noch würde man nur Wowereit hören. Wowereit wird nun drei totgeschlagene Stunden mit dem RBB-Chef an einem Stehtischchen plaudern. Drei Stunden. Mit dem RBB-Chef. Schon wieder gibt man auf, selbst wenn hier noch was passiert, der Preis wäre zu hoch. Morgen früh müssen wir doch beim Tierschutzbund aufkreuzen, Herr Bürgermeister, schon vergessen? Wenn hier einer ins Schlappschwanzhotel muss, der Bürgermeister ist es nicht. Am Ausgang des Pavillons stehen recht hot aufgestrapste Hostessen und fragen, ob man etwa schon gehen möchte. Ja!, sagt man, unbedingt gehen, jetzt, aber dalli!

Dann noch einen schönen Abend, wünschen sie und drücken einem einen kleinen Plastikwürfel in die Hand. Weil man ja auch in einem würfelförmigen Kackpavillon gefeiert hat und damit man sich erinnern wird können an diesen offenbar nicht mal vom Veranstalter für unvergesslich erachteten Abend.



9. Tierschutzbund Hohenschönhausen

Wieder ein Jubiläum, erneut eine Schenkung, ein Paradetermin für Wowereit. Nicht schlimm, dass wir hier am Arsch der Welt sind. Kein Problem, dass es saukalt ist. Ganz wichtig, dass der Tierschutzbund 125. Geburtstag feiert und fünf Autos von zwei Tierfutterherstellern geschenkt bekommt. Ja, für einen Bürgermeister mag sich das alles so darstellen. Der polnische Ministerpräsident lässt sich nicht mehr im Profil fotografieren, ruft Wowereit lachend einer Fotografin zu – und dreht sich ins Profil, lachend. Früh morgens, in knochiger Kälte, vor dem bunkerartigen Hatdochalleskeinenzweckbau des Tierschutzbundes. Hat nachts länger durchgehalten und trotzdem offenbar schon die Zeitungen gelesen heute früh. Und da kommt ja auch Renate Künast! Die Respektskala, auf der Wowereits Nehmerqualitäten eingetragen werden, muss eine nach oben offene sein. Jetzt kommt ihm wieder jemand mit einer Karlsruhe-Andeutung, der etwa vierhundertste in dieser Woche. Und Wowereit? Lacht höflich, klar.

Weiter: Sarah Wiener ist Schirmherrin irgendeiner Kükenbefreiungsaktion. Männliche Geschwister-Küken werden geschreddert, weil sie männliche Geschwister-Küken sind, also werden jetzt Plüschkükenschlüsselanhänger verteilt. Sarah Wiener Schirmherrin? Det is jut, da kommen die gleich inne Küche, die Küken, gackert Wowereit. Da sehen die Kükenschlüsselanhängerverteiler ein, dass sie besser ihn als Schirmherrn ausgewählt hätten. Ein paar Tage später wird bekannt, dass Wowereit nun auch Kultursenator wird, eine Zeitung bebildert diese Meldung mit dem aktuellsten Wowereit-Foto: lachend, den Kükenschlüsselanhänger in der Hand. Eine Art Vogelgrippe-Terzett, drei erwachsene Menschen in Vogelstraußkostümierung, springen nun um Wowereit herum und quälen sich, ihre Instrumente und die Ohren der Umstehenden. Aber Klaus Wowereit gefällt auch dies. Drinnen wird Suppe ausgeschenkt und da steht auch ein Rednerpult. Rednerpulte, das weiß man inzwischen, sind so etwas wie die Lunge Wowereits. Sein Begrüßer sagt, weiter geht's, nach einem schönen Abend gestern, zum Teil wurde es ja recht spät, bitte schön, Herr Wowereit! Und der stellt sich hinters Pult und greift selbstverständlich das Naheliegendste auf: War lang gestern Nacht, habe ich jehört. Ick kann jar nich verstehen, wie man so lange feiern kann!

Mit einem Schwung hat er: sie zur Kenntnis und sich selbst auf die sogenannte Schippe genommen. Aber er geht auf Nummer sicher, setzt noch einen drauf, spielt an auf das mit schmucklos noch beschönigend beschriebene Gebäude, in dem wir uns hier befinden: Es gibt auch Pflanzen, die nackten Beton verschönern können. Applaus. Für Wowereit ist jeder Applaus nur Ansporn für noch größeren Applaus, also wird er schnell ernst: Aber wichtig ist schließlich nicht, dass dieses Gebäude uns Menschen gefällt, wichtig ist, dass die Tiere hier gut aufgehoben sind. Tosender Applaus. Dann kann er jetzt ja risikofrei das anlassgemäß dröge Redemanuskript abfeuern: Ich erinnere nur an die Gründungsgeschichte des Berliner Tierschutzbundes.

Versatzstücke kommen einem bekannt vor, Anne-Frank-Pavillon-Schutzbund – alles verschwimmt, es ist warm, man döst weg, bis Renate Künast dran ist. Keiner ist so schnell wie Knöterich, sagt sie. Und man denkt, wenn noch mal einer kommt und Politiker „Die da oben" nennt, lach ich mich tot.

10. Winterwelt

Am Nachmittag ist die Kunstschneepiste auf dem Potsdamer Platz einzuweihen. Es regnet und ein österreichischer Trachtenverein tut sein Bestes. Dass immer alle denken, ihr Bestes zu tun sei automatisch gut für alle anderen. Es würde einen nicht wundern, Friedbert Pflüger am Glockenspiel zu entdecken. Es würde einen an der Seite von Klaus Wowereit überhaupt nichts mehr wundern. Ein Mädchen mit ansprechend überquellendem Dirndlinhalt hält Wowereit ein Kissen hin, da liegt eine Schere drauf, damit ist nun ein rotes Band zu durchschneiden, und dann hätten wir also auch das geschafft. In einer Holzhütte geht es dann weiter. Irgendwelche ..sterreicher setzen sich um den Bürgermeister herum und stoßen an mit ihm.

Tschüss, Herr Wowereit. Und danke. Ach, kommen Sie heute Abend nicht mit in die Akademie der Künste? Nein, man muss sich da geschlagen geben. Man würde kollabieren, recht bald, wenn man ihm weiter folgen würde. Och, schade, lächelt er, und jetzt fühlt man sich endgültig so, wie Friedbert Pflüger aussieht.
Zu Hause besichtigt man die Zettel, Broschüren, Schlüsselanhänger, Kugelschreiber und all den anderen Krempel, den man beim Wowereit-Verfolgen so zusammengeklaubt hat. Ach, der Pavillon-Plastikwürfel. Da ist ein Schalter dran, klick: Der Würfel glimmt farbig, erst violett, dann blau, türkis, grün, gelb, orange, rot, pink, wieder violett – und dasselbe von vorn. Ein Wowereit für daheim. Mal gucken, wie lang die Batterie hält.

BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE
February 14, 2007 - Wednesday 
Der eine leitet mit 28 einen Finanzkonzern, der sieben Milliarden Euro bewegt. Der andere lebt mit 30 in einer WG, spielt in einer Rockband und kämpft als Globalisierungs-kritiker gegen Armut und Ausbeutung. Für einen Tag tauschten der begeisterte Kapitalist und der idealistische Weltverbesserer ihr Leben.


Sie sind eine Generation – und leben in zwei Welten.
Christian Angermayer, aufgewachsen im Kleine-Leute-Milieu in Bayreuth, gründete mit 14 ein Nachhilfestudio und beschäftigte zehn Mitarbeiter. Die Gewinne investierte er an der Börse so clever, dass er mit 20 Millionär war. Heute lebt der 28-jährige Single in einer Penthousewohnung in Frankfurt und dirigiert 300 Mitarbeiter. Sein Spezialgebiet sind Private-Equity-Fonds. Franz Mün--te-fering würde einen wie ihn „Heuschrecke" nennen.
Florian Butollo, Professorenkind aus München, studierte Geschichte, demonstrierte als Attac-Aktivist beim G8-Gipfel in Genua und engagierte sich bei Linksruck, einem „Bündnis für internationalen Sozialismus". Heute arbeitet der 30-Jährige beim linken Thinktank WEED (World Economy, Ecology and Development) und plädiert für eine staatliche Kontrolle der internationalen Finanzmärkte.
Angermayer und Butollo könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie stehen für die zwei gegensätzlichen Lebensentwürfe, die unsere Zeit prägen. Der eine glaubt an Neoliberalismus, Eigenverantwortung und die Macht des Kapitals. Der andere an Dirigismus, soziale Verantwortung und die Macht des Staates.
Beide leben ihre Prinzipien. Beide gehen darin auf.
Wir baten sie, für einen Tag ihre Prinzipien aufzugeben und das Leben des anderen zu leben. Sie sollten miteinander tauschen: ihre Wohnung, ihren Job, ihre Freunde, ihre Freizeit – alles.
Es brauchte viel ..berredungskunst, bis sich Christian Angermayer und Florian Butollo auf das Experiment einließen. Bei beiden herrschte zunächst Skepsis.
Anfang November 2006 erklärten sie sich schließlich zu dem Rollentausch bereit. Angermayer, der Multimillionär aus Frankfurt, fuhr nach Berlin, um den WG- und Anti-Globalisierungsalltag von Butollo zu erproben. Butollo, der WEED-Aktivist, flog am selben Tag nach Frankfurt, um dort in Angermayers Fonds- und Bankenwelt einzutauchen.
8:00 Uhr: Frankfurt, Freiherr-vom-Stein-Straße. Was für eine Enttäuschung! Eine Glas gewordene Renditekurve hatte Florian Butollo erwartet, einen dieser verspiegelten Bankentürme, doch der Firmensitz von Angermayer, Brumm und Lange ist bloß sechs Stockwerke hoch und aus rotem Stein, 08/15-Architektur. Die Begrüßung durch die Manager ist freundlich; man ist sofort per Du. Dann der erste Tagesbefehl: „In 20 Minuten fährt dein Zug nach Arnsberg. Dort haben wir einen Bratpfannenhersteller gekauft. Berichte uns, wie die Restrukturierung vorangeht." Butollos erste Lektion: „Heuschrecken haben es sehr eilig."
9:30 Uhr: Berlin, Alte Schönhauser Straße. Während Butollo im Zug nach Arnsberg sitzt, prüft Christian Angermayer sein Spiegelbild. Bei Made in Berlin hat er einen Secondhand-Parka für 39 Euro gekauft, bei Elternhaus ein T-Shirt mit dem Slogan „Nicht nachdenken – vordenken". Seine Tarnung gefällt ihm: „Das hätte schlimmer kommen können."
9:35 Uhr: ICE 1656. Zwei Manager des Angermayer-Konzerns nehmen Butollo ins Gebet, Motivationstraining. Peter Brumm, 32, unterlegt seinen Wortschwall mit Handkantenschlägen auf die Tischplatte, Johannes Weber, 26, ist ein markiger Führungstyp wie aus der Kreditkartenreklame.
„Unsere große Leidenschaft ist das Private-Equity-Geschäft", sagt Brumm. „Unser Auftritt bei potenziellen Kunden geht so: Sie wollen das Wachstum Ihrer Firma steigern? Ihre Firma ist in Schwierigkeiten und Sie brauchen einen erfahrenen Sanierer? Wir helfen Ihnen!"
Butollo ist skeptisch. „Heuschrecken als Entwicklungshelfer? Was ist mit Fonds, die Firmen aus kurzfristigem Profitinteresse zerschlagen und dabei Arbeitsplätze vernichten?" Manchmal, sagt Brumm, müsse man eben auch „menschlich schwierige Entscheidungen" treffen, denn was sei besser: „Eine kriselnde Firma mit 1.000 Mitarbeitern, die nach ein paar Monaten pleitegeht und die gesamte Belegschaft entlässt oder eine sanierte Firma mit 700 sicheren Jobs?" Butollo hält das für eine Scheinalternative: „Arbeitsplätze interessieren euch doch gar nicht! Wenn es die Gewinne steigert, entlasst ihr Leute – selbst wenn es der Firma gut geht. Euer Ziel sind fette Gewinne für die Aktionäre."
10:30 Uhr: Berlin, Torstraße. Das Büro von WEED, wo für Globalisierungskritiker wie beispielsweise Attac Expertisen erstellt werden. Auf Kiefernholzregalen stehen Hunderte Aktenordner, auf den Schreibtischen der Mitarbeiter türmen sich Flugschriften und Broschüren. Angermayer erkennt hier sofort Optimierungsbedarf: „Das Computerzeitalter ist hier ebenso wenig angekommen wie die Einsicht, dass der Verzicht auf überflüssiges Papier aktiver Umweltschutz ist." Immerhin, die Teeküche findet er nach einer Inspektion „aufgeräumter als erwartet".
Angermayer platzt in ein Meeting von WEED-Chef Peter Wahl mit einem Anti-Atomkraft-Aktivisten aus Russland, dessen Englisch kaum zu verstehen ist. Die beiden beraten, wie WEED im kommenden Jahr beim G8-Gipfel in Heiligendamm auftreten soll. Angermayer wird zum Protokollführer ernannt. Nach zehn Minuten hört er auf mitzuschreiben. „Die beiden haben komplett aneinander vorbeigeredet. Die einzige Erkenntnis war, dass man nichts voneinander lernen könne, weil Deutschland eben nicht Russland sei – sehr originell! Diesen Meeting-Wahn kenne ich aus meiner Welt, aber hier scheint mir das Fehlen jeder Zielorientierung besonders krass zu sein."
11:25 Uhr: Dortmund, Hauptbahnhof. Vor seiner schwarzen Jaguar-Limousine wartet der Angermayer-Manager Marcus Linnepe, um die Kollegen nach Arnsberg zu fahren. Bei Tempo 230 erklärt er Butollo die Welt: „Im globalen Kos-tensenkungswettlauf ist Deutschland chancenlos. Deshalb müssen wir auf Innovation setzen. Wie lange benutzen Menschen schon Koffer? Seit 3.000 Jahren. Wann wurde das Rad erfunden? Vor 5.000 Jahren. Aber wann wurde der erste Rollkoffer erfunden? Das ist nicht mal 80 Jahre her! Die Welt da draußen ist voller Ideen – wir helfen bei der Umsetzung!" Butollo wird ironisch.
„Bei den Straßenverhältnissen im 19. Jahrhundert hätte ein Kofferkuli ja auch wenig Sinn gehabt."
11:45 Uhr: Berlin, Torstraße. Angermayer und Wahl liefern sich eine Grundsatzdiskussion. Für den WEED-Chef ist der Gast eine erzböse Heuschrecke, die Unternehmen zwecks rascher Profitmaximierung ausplündert und dabei Tausende Arbeitsplätze vernichtet. Angermayer hört mit Therapeutenmiene zu. Dann testet er den Sachverstand seines Gegenüber: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Hedgefonds und Private Equity?" Als Wahl verneint, kostet Angermayer die Blamage aus. „Ich dachte, ich lerne hier die Vordenker linker Wirtschaftskritik kennen – und Sie wissen noch nicht mal, dass Private-Equity-Fonds ihr Geld im Schnitt drei bis sieben Jahre in Firmen investieren und dabei 800.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen haben!"
Wahl erklärt die Finanzstruktur seiner Organisation. Der Jahres-etat von 1,2 Millionen Euro komme zum größten Teil aus Steuergeldern. „Toll", sagt Angermayer, „Sie erzählen mir gerade, dass der Kapitalismus seine schärfsten Gegner alimentiert. Aber der Kapitalismus ist eben weise: Er neutralisiert seine Gegner, indem er ihnen endlose Kritikrituale spendiert."
Der Millionär Angermayer will wissen, was WEED-Mitarbeiter verdienen. Der Einheitslohn betrage 4.000 Euro, die Höhe der jährlichen Gehaltserhöhungen werde im Kollektiv beschlossen, erfährt er.
„Sie verdienen hier mehr als meine hart arbeitenden Eltern", sagt Angermayer. „Wie soll denn die Leistung des Einzelnen angespornt werden, wenn alle das Gleiche bekommen?" Wahl wird zusehends schmallippiger. „Keiner von uns muss durch Geld motiviert werden. Wir sind hier alle Idealisten." Der eigentliche Idealist sei er, entgegnet Angermayer. „Wenn ich mich um die Zukunft Deutschlands sorge, dann nicht meinetwegen. Ich könnte morgen meine Firmen verkaufen und ins Ausland ziehen. Aber 80 Millionen Deutsche können das nicht. Unternehmer, die mit ihrem Einsatz auf eigenes Risiko Arbeitsplätze schaffen, sind die wahren Idealisten dieses Landes!"
12:15 Uhr: Arnsberg. Ankunft beim Pfannenhersteller Berndes. Butollo wird durch den Betrieb geführt. In der Produktionshalle spricht er mit einer Arbeiterin, deren Job es ist zu kontrollieren, ob Dellen in den Pfannen sind. Butollo fühlt sich unwohl. „In meinem schwarzen Designeranzug haben mich die Arbeiter für einen Manager gehalten, der die Produktion womöglich nach China verlagern will", sagt er später. „Ich wollte den Arbeitern signalisieren, dass ich auf ihrer Seite bin – aber mir fiel nicht ein, wie."
13:00 Uhr: Berlin, Alte Schönhauser Straße. Misosuppe und grünes Curry bei „Monsieur Vuong". Als er sich unbeobachtet glaubt, schaltet Angermayer sein Handy ein und telefoniert mit seinen Managern in Frankfurt. „Dauernd nur reden und keine Entscheidungen treffen: Ich bin unausgelastet und beginne, mich zu langweilen."
13:45 Uhr: Arnsberg. In einem Konferenzraum erläutert Linnepe das strategische Konzept für den Umbau der Firma: „Kochen ist in. Das wollen wir ausnutzen. Aus Berndes-Pfannen werden wir sexy Lifestyle-Objekte machen." Butollo stutzt über ein Detail. „Die Einzelteile der Pfannen stammen aus dem Ausland und werden hier bloß beschichtet und zusammengebaut. Ist es da nicht eine glatte Lüge, dass auf den Pfannen ‚Made in Germany' steht?" Da sei was dran, gesteht Linnepe, aber der Gesetzgeber mache da „keine klaren Vorgaben". Dann fügt er hinzu: „Wäre es denn besser, die Pfannen auch noch im Ausland zusammenbauen zu lassen?"
„Nein", erwidert Butollo. „Aber das Label ‚Made in Germany' ist und bleibt eine Täuschung."
14:00
Uhr: Berlin, Stresemann-straße. Internationale Tagung im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Thema: „How can Financial Crises be Prevented?" Die 30 Teilnehmer – darunter gerade mal vier Frauen – dösen desinteressiert vor sich hin. Verständlich, denn alle Redner wiederholen das gleiche Mantra: Heuschrecken sind böse! In der Einladung heißt es: „Die zweitägige Konferenz soll ohne den Druck unmittelbarer Entscheidungen ablaufen und ohne Beschränkungen durchs Protokoll." Im Klartext, sagt Angermayer, bedeute das: „Hey Leute, lasst uns ein paar nette Tage in Berlin verbringen, auf lau, denn der Steuerzahler kommt für Flüge, Hotel und Verpflegung auf." Was auffällt: Angermayer genießt es sichtlich, aufgrund von Parka und T-Shirt hier für alle der szenige Exot zu sein.
Nach ein paar Gesprächen in der Kaffeepause sagt er: „Diese Leute sind noch nicht in der Gegenwart angekommen. Ich war gerade in China, um in Private-Equity-Fonds zu inves-tieren. Dort herrscht eine unglaubliche Aufbruchsstimmung. Falls wir nicht gegensteuern, werden die Chinesen uns in 20 Jahren plattmachen. Dann sind wir das Entwicklungsland, das die Welt händeringend um Schutzzölle anfleht."
16:00 Uhr: ICE 517. Rückfahrt nach Frankfurt in einem reservierten Erste-Klasse-Abteil. Butollo soll das Sanierungskonzept für den Pfannenhersteller Berndes am Laptop in eine Power-Point-Präsentation umarbeiten. Er ist erschöpft. „Keine Minute Pause und noch nicht mal ein warmes Mittagessen. Keine Ahnung, wie ich den Rest des Tages überstehen soll."
17:00 Uhr: Berlin, Torstraße. Rückkehr in das Büro von WEED. Angermayer wird verdonnert, ein Transparent zu malen mit der Aufschrift „Heuschrecken verbieten". Anschließend soll er in der Humboldt-Universität WEED-Plakate kleben.
18:00 Uhr: Frankfurt, Schumannstraße. Butollo erreicht Angermayers Penthousewohnung und macht sich frisch. Die Einrichtung lässt keine Rückschlüsse auf den Bewohner zu. Im Wohnzimmer hängt ein Frauenporträt im Warhol-Stil, im Esszimmer ein goldgerahmter ..lschinken von Königin Margarethe von Dänemark. Die Dachterrasse mit Blick auf die Frankfurter Skyline ist so groß, dass ein Helikopter landen könnte. „Die Wohnung ist mir viel zu geleckt", sagt Butollo. „Hier sieht es nicht nach Leben aus. Im Badezimmer hat man Angst, beim Händewaschen etwas schmutzig zu machen."
18:30 Uhr: Berlin, Boxhagener Straße. Fun-Kampfsport in einem Hinterhofstudio in Prenzlauer Berg. Es stinkt nach Schweiß, aber Angermayer verzieht keine Miene. „Die ..bungen ähneln denen meines Privattrainers in Frankfurt. Der deutliche Bonus ist, dass Sport in der Gruppe mehr Spaß macht."
18:35 Uhr: Frankfurt, Hochstraße. In der Lobby des „Hilton" trifft Butollo den Manager eines Venture-Capital-Fonds. Nach 30 Minuten soll er entscheiden, ob die Angermayer-Gruppe in eine Biotech-Firma einsteigt. Das Konzept scheint überzeugend zu sein, für Details ist keine Zeit. „Wir kaufen", sagt Butollo routiniert wie ein Profi. Angermayer-Manager Johannes Weber greift seinen Arm: „Florian, bevor du etwas kaufst, solltest du wissen, wie teuer es ist. Du musst noch den Preis verhandeln."
Anschließend entspannt sich Butollo im Spa. Eine brünette Masseuse reibt seinen Rücken mit Rosenblütenöl ein, dann geht es in den Whirlpool. „Hier gefällt es mir wirklich gut. Da bin ich mir mit Angermayer ausnahmsweise mal einig."
19:00 Uhr: Berlin, Pohlstraße. Einkauf bei Lidl für das Abendessen in der Sechser-WG, die aus Studenten und arbeitslosen Jung-akademikern besteht. Da Anger-mayer in seinem Leben erst drei Mal gekocht hat, entscheidet er sich für Mir..coli; als Nachtisch soll es Kinderschokolade geben. Der teuerste Rotwein auf den Regalen kostet 3,29 Euro. „Wie gut", sagt Angermayer, „dass ich ohnehin keinen Alkohol trinke."
20:10 Uhr: Frankfurt, Freiherr-vom-Stein-Straße. Im Konferenzraum der Angermayer-Zentrale schließt Butollo seinen Laptop an den Beamer an. Der Vortrag über die Berndes-Restrukturierung geht ihm locker über
die Lippen. Trotz seiner kritischen Ein-wände sind die Manager beeindruckt: „Rhetorisch war das einwandfrei", sagt Johannes Weber. „Ich habe selten jemanden gesehen, der das so gechillt runterbetet."
20:15 Uhr: Berlin, Pohlstraße. Angermayer soll für die WG kochen – und scheitert erst mal daran, den Gasherd anzukriegen. Für sechs Personen kocht er eine Packung Mir..coli. Da er vergisst umzurühren, brennen die Nudeln an. Die WG-Bewohner feixen: „Als Konzernchef mit Milliarden jonglieren, aber am Herd eine blanke Null sein."
Beim Essen erzählt Angermayer von seinem Aufstieg. Mit 14 hat er ein Nachhilfestudio gegründet und schnell zehn Mitarbeiter beschäftigt. Den Profit investierte er an der Börse. Das lief so erfolgreich, dass die Eltern der Nachhilfeschüler ihm Geld zum Anlegen gaben. Während des BWL-Studiums gründete er seine erste Firma und belieh zur Erhöhung des Startkapitals das Haus seiner Eltern. Um in der Finanzwelt nicht belächelt zu werden, machte er sich neun Jahre älter. Heute betreuen seine 300 Mitarbeiter mehr als sieben Milliarden Euro.
Angermayer wirke wie ein Posterboy des Kapitalismus, sagt ein WG-Bewohner. Was denn so erfüllend sei, Geldverdienen zum Lebenszweck zu machen? „Die meisten Menschen sind nun mal so veranlagt, dass sie etwas bewegen und erreichen möchten", antwortet Angermayer. „Die Glücksforschung hat bewiesen, dass ein Mensch, der materiell besser dasteht als andere, mehr Glückshormone ausschüttet. Außerdem: Mit Geld kannst du etwas bewirken, ohne nicht."
22:00 Uhr: Frankfurt, Grüneburgweg. Abschiedsessen im Steakhaus „Surf 'n' Turf". Rinderfilets tragen hier Namen wie „Anwalts-Cut", wiegen schon mal 600 Gramm und kosten bis zu 60 Euro. Ob er denn überhaupt Fleisch esse, wird Butollo gefragt. „Ja, ich bin Globalisierungskritiker, kein Vegetarier." Die Angermayer-Manager haben ihre Ehefrauen mitgebracht. Zwei attraktive Endzwanzigerinnen nehmen Butollo in ihre Mitte und fragen nach seinen Lebenszielen. Bei der Verabschied-ung sagt er den beiden: „Ihr seid mir ja gar nicht ins Wort gefallen. Zum ersten Mal an diesem Tag war ein Gespräch kein Kampf."
23:30 Uhr: Berlin, Lützowstraße. Trinken in der Absturzbar „Kumpelnest 3000", einem ehemaligen Bordell und Punk-Treff. Angermayer schnappt sich Butollos Freundin, eine schöne Portugiesin, und geht mit ihr auf die Tanzfläche. Es wird eine lange Nacht.

Butollo: Christian, wie fühlt es sich an, mit 28 Jahren sieben Milliarden Euro zu bewegen?
Angermayer: Großartig, denn die Welt wird nun mal nicht allein von Liebe zusammengehalten, sondern auch vom Geld.
Butollo: Du jagst dem Geld um des Geldes willen hinterher. Das ist die einzige Mission, die dich erfüllt. Innerhalb deines Weltbildes ist das schlüssig, aber für mich ist es grundfalsch, wenn jemand sein Leben fast ausschließlich auf Rendite fokussiert. Du wirkst auf mich wie ein Getriebener.
Angermayer: Ich bin engagiert, nicht getrieben. Geld ist für mich kein Selbstzweck. Ich arbeite in diesem Business, weil ich davon überzeugt bin, dass man mit Geld viel Positives bewirken kann. Wir haben zum Beispiel zwei hoch-begabten Biochemikern ihre Forschung finanziert. Daraus sind Medikamente entstanden, ohne die Menschen heute sterben müssten.
Butollo: In Afrika sterben Hundert-tausende, weil sie kein Geld für überteuerte Aidsmedikamente haben. Diese Medikamente könnten billiger sein, doch die Pharmaindustrie verhindert eine Preissenkung. Das beweist, es geht nur um den Profit.
Angermayer: Im Kampf gegen Aids müssen Politik und Wirtschaft noch eine Lösung finden. Aber lass uns doch erst mal über Gemeinsamkeiten sprechen. Warst du nicht überrascht, dass wir keine finsteren Gestalten sind?
Butollo: Nein, denn sonst hättet ihr bei dieser Geschichte nicht mitgemacht. Die eigentliche ..berra-sch-ung war, wie unglamourös es in deiner Welt zugeht. Oder war das Kalkül, um mich nicht gleich zu verschrecken?
Angermayer: Ein bisschen. Wir hatten mal intern gewitzelt, dir einen Privatjet zur Verfügung zu stellen, um deine Vorurteile zu kitzeln. Aber wir haben dich dann doch lieber mit der sympathischen Bahn fahren lassen.
Butollo: Langweilt dich dein Reich-tum nicht schon längst?
Angermayer: Es gibt sicher Leute, die ihr Vermögen dekadent und müde gemacht hat, aber meines Erachtens hat Geld eine schnell abflachende Sättigungskurve. Das erste Auto ist toll, das Zweitauto vielleicht ganz nett, aber wen begeistert das zehnte Auto noch? Mein Antrieb ist, dass ich meinen Beruf liebe. Er ist quasi mein Hobby. Ich werde oft gefragt, wieso ich 16 Stunden am Tag arbeite. Meine Antwort: An einem Tag mit coolen Wellen fragen Sie einen Surfer doch auch nicht, wieso er den ganzen Tag auf seinem Brett steht.
Butollo: Ihr behauptet immer, dass das private Gewinnstreben des Einzelnen letztlich der Allgemeinheit zugutekomme – und genau das ist eine Lüge. Aktienkurse steigen, wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut. Gewinnmaximierung geht also auf Kosten sozialer Gerechtigkeit. Ihr handelt aus rein egoistischen Motiven.
Angermayer: Natürlich ist Egoismus oft der erste Antrieb. Das liegt in der menschlichen Natur. Aber in einem zivilisierten Umfeld bewirkt Egoismus am Ende gesellschaftlichen Wohlstand. Es braucht immer beides: Verantwortungsbewusstsein für die Allgemeinheit und Eigenständigkeit des Einzelnen.
Butollo: In deiner Branche gehört es zum Alltag, Leute zu entlassen. Wie verträgt sich das mit dem Gemeinwohl? Das muss dir doch den Schlaf rauben.
Angermayer: Das ist ein Vorurteil. Private-Equity-Fonds investieren lang-fristig in Firmen und wollen dadurch verdienen, dass diese Firmen wachsen. Das bedeutet neue Arbeitsplätze. Unsere Industrie be-schäftigt in Deutschland indirekt mehr als 800.000 Menschen.
Butollo: Private-Equity-Fonds versuchen, aus den aufgekauften Unternehmen in kürzester Zeit die maximale
Rendite herauszupressen. Und das geschieht oft auf Kosten der Angestellten, die einfach wegrationalisiert werden.
Angermayer: Dann hätte die Firma zwei Jahre später größte Probleme. In der Politik kann man seinen kurzfristigen Vorteil im Auge haben und sagen: „Die Konsequenzen soll halt die nächste Regierung ausbaden." In der Wirtschaft geht das nicht. So, aber jetzt will ich mal wissen, was du verdienst.
Butollo: Ich gehöre nicht zu den Festangestellten bei WEED. Deshalb kriege ich nur 2.000 Euro im Monat. Das ist natürlich verdammt wenig.
Angermayer: Was willst du in fünf Jahren verdienen?
Butollo: Das ist mir ehrlich gesagt ziemlich wurscht. Ich will mich in meiner Arbeit zu Hause fühlen und Sinn in ihr sehen. Aber natürlich will ich irgendwann mal mehr Sicherheit und Spielraum beim Konsum haben – zum Beispiel für den Fall, dass ich eine Familie gründen will. Ich bin sehr früh drauf gekommen, dass es meine persönliche Erfüllung ist, die Gesellschaft zu verändern. Das hat nichts mit Altruismus zu tun. Es geht um die nüchterne Betrachtung, dass die Welt reicher ist als je zuvor und immer mehr Menschen immer weniger davon abkriegen. Um das zu ändern, bin ich seit zehn Jahren politisch aktiv.
Angermayer: Fakt ist, dass sich weltweit die Zahl der Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen, von 22 auf 18 Prozent verringert hat. Lebenserwartung und Bildung haben sich deutlich erhöht. Die Situation wäre noch besser, wenn es mehr statt weniger Marktwirtschaft geben würde.
Butollo: Der Wohlstand steigt zwar, aber die Kluft zwischen Arm und Reich wird trotzdem immer tiefer. Die 500 reichsten Menschen besitzen genauso viel wie die arme Hälfte der Weltbevölkerung – das sind mehr als drei Milliarden Menschen. In Deutschland nimmt die Armut sogar zu, und die Mehrheit lebt mit der Angst, arbeitslos zu werden. Ich glaube nicht wie du an die weltverbessernde Kraft des Kapitalismus. Du bist einfach nur zynisch.
Angermayer: Wir sind in einem Punkt einfach unterschiedlicher Mein-ung: Ich bin überzeugt, dass ein Unternehmer, der für seine Entscheidungen persönlich den Kopf riskiert, bessere Entscheidungen trifft als Politik oder Planwirtschaft. Mir ist dein schwärmerischer Idealismus ja sehr sympathisch, aber er kommt mir völlig wirkungslos vor. Du beschriftest den ganzen Tag bloß Papier. Deine Energien verpuffen ins Nichts. Ich bin fast versucht, euch zu erklären, wie ihr WEED wesentlich effizienter machen könnt. Ein Beispiel: Statt effektives Fundraising zu betreiben, schreibt ihr bloß zwei Bittbriefe im Jahr.
Butollo: Was du über meine Arbeit sagst, finde ich ziemlich überheblich. Wir sind Ideengeber für soziale Bewegungen. Ich habe gerade eine Studie erstellt über die Liberalisierung von Finanzdienstleistungen und globale Geschäfte in Entwicklungsländern. Das ist eine kritische Analyse von zentralen Zusammenhängen. Ohne uns würde es die nicht geben.
Angermayer: Was forderst du denn in deiner Studie?
Butollo: Wir sind für eine gesellschaftliche Kontrolle der Finanzmärkte, weil eure Steuerungsmacht nicht demokratisch legitimiert ist. Das bedeutet im Endeffekt staatliche Regulierungen und bestimmte Formen von Global Governance.
Angermayer: Die Macht des Kapitals ist durch den Konsum der Menschen demokratisch legitimiert. Jeder Konsument lenkt den Kapitalismus durch seine Kaufentscheidungen, das ist Basisdemokratie pur. Jeder kann sich beispielsweise für eine Lebensversicherung entscheiden, die ausschließlich in sogenannte sozial korrekte Fonds investiert. Vielleicht müsste man dafür halt mit etwas weniger Rendite leben.
Butollo: Die Umweltzerstörung beweist doch, dass deine Theorien nicht aufgehen.
Angermayer: Die Umwelt hat keine Stimme und keine Kaufkraft. Deshalb wird sie oft übersehen. Hier muss der Staat tatsächlich für sinnvolle Regelungen sorgen. Das unterschreibe ich dir sofort.
Butollo: Könntest du dir vorstellen, in die Politik zu gehen?
Angermayer: Da müsste ich mich verbiegen, um von unten nach oben zu kommen. Gestern Abend habe ich einem bekannten Berliner Politiker vorgeworfen, seine Politik werde immer miserabler. Als Antwort kam: „Ich wüsste schon, was zu tun ist, aber die Hälfte meiner Wähler sind nun mal Transfer-Empfänger – und ich will meinen Job behalten." Würde ich mit diesem Opportunismus eine Firma führen, wäre sie morgen pleite. Und siehe da: Berlin ist pleite! Wer soll denn deiner Meinung nach Deutschland regieren?
Butollo: Rosa Luxemburg. Wie ich dich einschätze, bist du wahrscheinlich für das Zensus-Wahlrecht, damit die Transfer-Empfänger nicht mehr in die Entscheidungen reinreden können.
Angermayer: Du erinnerst mich an den Satz: Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, aber wer mit 30 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.

Text: Christoph Cadenbach
February 14, 2007 - Wednesday 
Die Wissenschaft hat sich geirrt: Die globale Erwärmung ist viel schneller eingetreten, als alle dachten. Eine Reise an Orte, die der Klimawandel bereits dramatisch verändert hat.



Es ist die größte Party des Jahres für die Leute aus Nanumea, einer der neun Inseln des Südseestaats Tuvalu. Fatale nennt sich der traditionelle Tanz, bei dem Alte und Junge gegeneinander antreten. Die Tänzer tragen bunte Baströcke und im Haar Kränze aus Blumen und Blättern, auf einer großen Holzkiste wird der Rhythmus zu den traditionellen Liedern geschlagen. Die Gäste, von Kopf bis Fuß orange gekleidet, schauen gebannt zu. Familien sitzen in Gruppen auf einfachen Strohmatten. Junge Mädchen haben den ganzen Tag am Buffet gearbeitet, das aus vielen traditionellen Gerichten ihrer Heimatinsel besteht, etwa dem donutförmigen Funa-Funa-Gebäck. Es gibt aber auch eimerweise Nuggets von Kentucky Fried Chicken.
Die ausgelassene Party, die sich bis in den frühen Morgen hinzieht, findet nicht in Tuvalu statt, sondern 3.500 Kilometer südlich, in Neuseeland, in einem Gemeindesaal in einem westlichen Vorort von Auckland. Die fröhlichen Südseebewohner, die sich hier mit Angehörigen und Freunden aus der Heimat treffen, sind Klimaflüchtlinge.

Dass der Mensch durch den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) das Klima des Planeten aufheizt, wissen wir seit 20 Jahren. Seitdem haben wir uns an die Meldungen über den Klimawandel gewöhnt, es wird ein paar Grad wärmer werden bis 2100, der Meeresspiegel steigt um einen halben oder ganzen Meter, je nach Szenario. 2100 ist weit – Klimawandel, das ist eine Geschichte, die in der Zukunft spielt, und wenn sich nur alle ans Kyoto-Protokoll halten würden, könnte man das sogar irgendwie noch verhindern.

Aber Tuvalu geht tatsächlich unter, genauso wie Kiribati und Hunderte andere Inseln im Pazifik, die gerade mal ein oder zwei Meter aus dem Wasser ragen. Zwar war die Meldung, Tuvalu werde evakuiert, vor fünf Jahren eine Ente, aber heute findet die Evakuierung auf freiwilliger Basis statt. „Ich will nicht morgens aufwachen und mich unter Wasser wiederfinden", sagte sich Penisita Taniela und packte seine Sachen, um zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern sowie Vater, Stiefmutter und Schwestern in Neuseeland sein Glück zu versuchen. Täglich verlassen Tuvaluaner ihre Heimat und suchen sich einen sichereren Ort zum Leben. Mit offenen Armen werden sie nicht gerade empfangen: Australien will sie nicht, und Neuseeland nimmt gerade mal 75 Tuvaluaner pro Jahr auf. Wenn schon die 11.000 Einwohner der kleinen Inselgruppe zu solchen diplomatischen Problemen führen – was wird passieren, wenn im von mehreren Hundert Millionen Menschen bewohnten Bangladesch der Wasserspiegel steigt?

Fala Haulangi, eine aus Tuvalu stammende Radiomoderatorin im neuseeländischen Rundfunk, macht den Klimawandel regelmäßig zum Thema ihrer Sendung für die kleine Exilgemeinde. Sie fühlt sich inzwischen als richtige „Kiwi", wird aber wegen ihrer dunklen Hautfarbe oft gefragt, wo sie herkommt. Sie fragt sich schon, was sie darauf in Zukunft antworten soll. „Wenn ich sage aus Tuvalu, dann werden sie fragen: Wo ist das denn? Was soll ich denn dann sagen? Dass es uns nicht mehr gibt? Dass wir von der Landkarte verschwunden sind wegen des Klimawandels?"

Das Tückische am sich wandelnden Klima ist, dass es nur eine statis-tische Messgröße ist. Klima ist kein Wetterereignis wie ein Hurrikan, eine Dürreperiode oder eine Sturmflut, sondern ein langjähriger Mittelwert aus solchen Ereignissen. Die Medien fragen nach jedem Unwetter bei den Klimaforschern nach, ob das jetzt nun ein Ergebnis des Treibhauseffekts war, aber die können nur mit einem entschiedenen Jein antworten. Eine Schwalbe macht keinen Sommer und ein heißer Sommer keinen Klimatrend. Wenn aber die sechs heißesten je registrierten Sommer alle in den vergangenen neun Jahren gemessen wurden, dann ist die Chance, dass das nur Zufall war, vergleichbar mit einem Sechser im Lotto. Ebenso ist es mit extremen Wetterereignissen: Hurrikan Katrina allein beweist nichts, aber international steigt die Zahl der Wetterkatas-trophen – und das stellt alle Klimaforschungen in Frage, die damit erst in 80 bis 100 Jahren gerechnet haben.

Die Bewohner von Dawlish an der südenglischen Küste können vor ihrer Haustür sehen, wie viele einzelne Sturmfluten zu einem Trend auswachsen. Hier wirft sich die See heftig gegen die Klippen – und droht, in nicht allzu ferner Zukunft die ersten Häuser zu verschlucken. Dawlish ist zwar ein beliebter, kleiner Touristenort, aber ein moderner Hochwasserschutz ist zu teuer, sagen die Behörden, es gebe „zu wenige schützenswerte Kulturgüter". Die Bürger helfen sich mit bescheidenen Mitteln selbst. Helen Humphries wohnt an der Marine Parade, nur die Bahnlinie zwischen sich und dem Meer. Sie ist die Erste in der Telefonkette. Wenn es ernst wird, gibt sie die Hochwasserwarnung weiter. Dann schützt sie ihr eigenes Haus – mit Sandsäcken, die zentral in einem kleinen, dunklen Raum unter dem Viadukt gelagert sind, verriegelt mit einem Eisengitter. „Das letzte Mal, als wir die Säcke brauchten, ging die Tür nicht auf – die hatten einfach das Schloss ausgewechselt, ohne uns den neuen Schlüssel zu geben. Also sind wir eingebrochen."

Mary Dhonau geht der Hut hoch, wenn sie solche Geschichten hört. „Ich bin schockiert, wie das in Dawlish läuft", sagt die Aktivistin, die das sogenannte „Flutforum" ins Leben gerufen hat, ein regionales Bündnis. „Die halten als Gemeinschaft zwar prima zusammen, aber sie hängen von einer altmodischen Telefonkette ab. Und dann der Keller mit den Sandsäcken! Bei richtiger Flut bringen die doch nichts!" Sie kämpft für einen zeitgemäßeren Hochwasserschutz, wie er etwa in Almouth in Northumberland praktiziert wird. Dort wurden Felder und Wiesen in ..berschwemmungsflächen umgewandelt. Farmer mussten dafür Land abgeben und sehen deshalb die Schutzmaßnahmen mit gemischten Gefühlen: „Nie wieder können hier Kühe weiden, auch der Getreideanbau fällt flach", sagt ein Bauer.

Auch japanische Landwirte bekommen den Klimawandel zu spüren. In der Provinz Niigata auf der japanischen Hauptinsel wird der Koshihikari-Reis angebaut, die leckerste und beliebteste Sorte des Landes. Und der bereitet den Produzenten neuerdings Sorgen: Die Körner sind nicht mehr milchig durchscheinend, sondern haben weiße Flecken. „Wenn man diese Körner kocht, schmecken sie wässrig und gar nicht mehr lecker", sagt Osamo Matsomuda vom Nationalen Agrarforschungszentrum in Joetsu. „Sie sind auch nicht mehr so hart wie früher und zerbrechen deshalb leichter, wenn man sie transportiert."

Vor zehn Jahren gehörten 80 bis 90 Prozent der Reisernte in der Provinz Niigata zur höchsten Güteklasse, dann sank die Quote plötzlich auf 50 Prozent. Matsomuda ist davon -überzeugt, dass der globale Klimawandel den Reis angreift. Im vergangenen Jahrzehnt sei die durchschnittliche Temperatur in der Reis-region um eineinhalb bis zwei Grad gestiegen. Das mache den Reispflanzen schwer zu schaffen, sie könnten nicht mehr so viel Stärke in die Körner transportieren. Durch Züchten wollen die Forscher die Reissorte nun wärmebeständiger machen. Dazu leiten sie kochendes Wasser auf die Felder und wählen die Reispflanzen aus, die diese Tortur überleben. Matsomudas Fazit: „Bisher war die größte Herausforderung beim Reisanbau im nördlichen Japan die Kälte, jetzt ist es die Wärme."

Dass es global wärmer wird, wissen die Klimaforscher seit Jahren, für die aufwendig erstellten Berichte des UN-Panels IPCC versuchen sie nur, den möglichen Temperaturanstieg immer genauer einzugrenzen. Im neuesten Bericht, der im Frühjahr 2007 veröffentlicht wird, steht eine globale Erwärmung von zwei Grad bis 2050 und von vier Grad bis 2100. Vor allem aber geht es in den neuen Modellrechnungen darum, nicht nur globale, sondern auch regionale Aussagen über die Klimaentwicklung zu machen. Das ist erheblich schwieriger. Bis vor Kurzem war es noch strittig, ob es in Mitteleuropa überhaupt wärmer wird oder ob der Golfstrom eventuell so schwach wird, dass die Temperaturen sinken. Inzwischen geht man ziemlich sicher davon aus, dass sich auch unser Kontinent aufheizt – und das entspricht den Beobachtungen. Auch hier gilt: Der Wandel ist bereits in vollem Gange.

Etwa auf Helgoland. Dort messen Forscher der Biologischen Anstalt seit 40 Jahren jeden Morgen die Wassertemperatur. Die Nordsee ist wärmer geworden. Das merken die Touristen vielleicht nicht – aber an der Meeresfauna kann man heute schon sehen, wie bedrohlich eine Erwärmung um wenige Grad sein kann. Nur noch 200 bis 300 Hummer holen die helgoländischen Fischer jährlich aus dem Meer, vor ein paar Jahrzehnten waren es noch 20.000. „Besonders empfindlich ist die Larvenphase, hier muss einfach alles stimmen", sagt der Biologe Friedrich Buchholz. Wenn das Wasser wärmer ist, schlüpfen die Hummerlarven früher – zu einer Zeit, in der es für sie keine geeignete Nahrung im Meer gibt. Und dann müssen sie verhungern. Andere Tierarten sind dagegen Klimagewinnler: der Taschenkrebs zum Beispiel. Der hat sich stark vermehrt, weil sein Hauptfressfeind, der Kabeljau, immer seltener wird. „Der Kabeljau benötigt zum Laichen Wassertemperaturen von vier bis fünf Grad", sagt der Forscher Heinz-Dieter Franke. „Und das sind Temperaturen, die bei uns praktisch nicht mehr erreicht werden." In der Nordsee findet der Wandel noch kaum wahrnehmbar unter der Meeres-oberfläche statt, und an den Stränden mögen sich die Menschen sogar über das mildere Klima freuen. Andernorts sind die Veränderungen auch für Touristen nicht zu übersehen. In den niederen Lagen der Alpen ist eine geschlossene Schneedecke im Winter schon eine Ausnahmeerscheinung. „Der Klimawandel wird sicherlich alle Skigebiete betreffen", sagt Hermann Gruber,
Geschäftsführer der Dachstein-Tauern-Region in der österreichischen Gemeinde Schladming. „Aber natürlich ist es für die niedriger gelegenen Skigebiete schwerer aufgrund der Schneelage." Die Touristen weichen auf die höheren Gebiete aus.

Viele jugendliche Skifahrer haben noch nie einen mit frischem Neuschnee überpuderten Hang gesehen.Sie kennen nur die mit Kunstschnee aus der Kanone präparierten Pisten. Erwin Höflehner ist der Chefkanonier von Schladming, und er kann nicht verstehen, dass vor allem die deutschen Touristen unbedingt den Schnee von Mutter Natur haben wollen. „Die Leute glauben immer, auf Naturschnee fährt es sich besser", klagt Höflehner. „Das ist aber nur einen Tag so, das erkennt man am nächsten Tag nicht mehr, ob das selber gemachter Schnee oder Naturschnee ist." Aber der Synthetik-Schnee ist auch kein Patentrezept: Die Kanonen kosten 500.000 Euro pro Pis-tenkilometer – Geld, das letztlich der Gast bezahlen muss. Und wenn die Temperatur dauerhaft über dem Gefrierpunkt liegt, schmilzt auch der schönste Kunstschnee. Eine Studie der Universität Zürich ergab: Selbst renommierte Skiorte wie Kitzbühel, das ähnlich wie Schladming nur auf 760 Meter Höhe liegt, werden in den nächsten Jahrzehnten den Skibetrieb einstellen müssen.

An anderen Orten auf dem Globus haben schmelzender Schnee und tauendes Eis noch erheblich größere Folgen. Vor allem in der Arktis: Der Nordpol liegt ja im Ozean, der lediglich von einer dünnen Eiskruste überzogen wird – noch. „Die Qualität des Seeeises wird immer schlechter", sagt der Meeresbiologe Jan Ors vom Norwegischen Polarinstitut. Die in Spitzbergen stationierten Forscher beobachten die Veränderungen sehr genau. Besonders betroffen sind die Eisbären, die auf eine zusammenhängende Eisdecke angewiesen sind, aber immer öfter nur noch von Scholle zu Scholle springen können. Ihr Lebensraum schmilzt dahin. Per Schiff und Hubschrauber begeben sich die Forscher ins nicht mehr ewige Eis, spüren die Eisbären auf und setzen sie mit Betäubungspfeilen außer Gefecht. Jeder Bär bekommt eine Nummer in die Lippe tätowiert, ein Zahn wird gezogen und Gewebeproben werden entnommen für die DNA-Analyse. Jedes Tier hat seine Akte, und so wird die Entwicklung der Bären genau dokumentiert. Auf Spitzbergen leben derzeit rund 3.000 Eisbären und 2.900 Menschen. Noch sind die Bären in der ..berzahl.

Auch 3.000 Kilometer entfernt, in der kanadischen Cambridge Bay, bleibt der Klimawandel nicht unbemerkt. Hier sorgt man sich eher um zu viele Bären als um zu wenige. Die junge Bürgermeisterin von Cambridge Bay, Michelle Gillis, erzählt: „Aus Gesprächen mit den ..lteren, den Jägern und Fischern, wissen wir, dass das Eis immer früher im Jahr schmilzt. Wir bemerken die Veränderung an der Qualität unserer Nahrung, an den Fischen und den Tieren. Die Bären kommen jedes Jahr näher an unsere Stadt."

Die Eisschmelze hat nicht nur Folgen für die Natur. Die Cambridge Bay liegt an der Nordwestpassage, jenem Seeweg durch die Inselwelt im Norden Kanadas, der früher nur sporadisch schiffbar war. Nun bleibt die Passage im Sommer länger eisfrei – es ist die schnellste Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Die Strecke von Europa nach Asien verkürzt sich um 7.000 Kilometer, in wenigen Jahrzehnten könnte sie permanent befahrbar sein. Der Forscher Eddie Carmack vom Fischereiministerium befürchtet, dass das nicht nur wirtschaftliche Folgen hat: „Es wird sich auch der Weg, dem Stürme folgen, verändern. Und dann verändert sich der Niederschlag auf der Erde und Dürreperioden zwischen British Columbia und Kalifornien könnten die Folge sein."

Oft ist in Artikeln die Rede davon, dass der Mensch den Planeten durch die globale Erwärmung an den Rand des Untergangs bringt. Das ist ziemlicher Unsinn. Die Erde hat schon größere Klimaschwankungen erlebt, und das Wasser stand auch schon mal 70 Meter höher. „Der Planet kommt mit dem Klimawandel klar", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, „die Zivilisation nicht ohne Weiteres." Die Folgen der Erderwärmung treffen stets die ..rmsten und Schwächs-ten. Auch in den reichen, hoch technisierten Ländern, wie es Frankreich im „Horrorsommer" 2003 erleben musste: 15.000 vor allem alte Menschen starben in ihren Wohnungen an Austrocknung und Kreislaufversagen. Als die Temperaturen in diesem Sommer wieder über die 35-Grad-Marke kletterten, wollten die Franzosen eine Wiederholung dieser Tragödie verhindern. In vielen Städten gab es Telefondienste, die alle paar Tage bei alten und kranken Menschen anriefen und sich nach deren Befinden erkundigten. Wenn keine Antwort kam, wurde sofort der Notarztwagen losgeschickt. Auch die Mitmenschen sind aufmerksamer geworden, erzählt ein Helfer in Paris: „Die Nachbarn haben eine Frau einen Tag nicht mehr rausgehen sehen und uns angerufen. Wir haben die Frau mit -42 Grad Körpertemperatur im Koma gefunden. Wenn die Nachbarn sich nicht gemeldet hätten, wäre sie jetzt tot." Der französische Gesundheitsminister Xavier Bertrand ist über-zeugt, dass das Land seine Lehren aus dem Jahr 2003 gezogen hat und setzt auf Prävention: „Wir haben zusätzliches Personal eingestellt. Wir werden nicht auf den Notstand warten, um zu handeln."

Das Beispiel zeigt: Klimawandel ist kein rein ökologisches Problem, sondern auch ein ökonomisches. Wer über die nötigen wirtschaftlichen Mittel verfügt, kann vorsorgen, Dämme bauen, die Häuser befestigen und zur Not auch in weniger gefährdete Gebiete umziehen. Gerade die Armen der Welt aber drängen in die Metropolen der Dritten Welt, die vornehmlich am Meer und in sturmgefährdeten Regionen liegen.

Und die Allerärmsten sitzen in Afrika. Dieser Kontinent wird von allen tragischen Entwicklungen der Gegenwart am stärksten getroffen. Neben der Bedrohung durch das Aidsvirus sind das vor allem Folgen des Klimawandels. Die steigende Hitze und die damit verbundene Trockenheit entziehen den Menschen ihre Lebensgrundlage. In Kenia zum Beispiel sterben den Viehbauern die Tiere weg. Im Kadjado-Bezirk wächst kein Gras mehr, die Wasserlöcher sind ausgetrocknet. Die Menschen und Tiere nehmen lange Märsche in Kauf, um an Wasser zu kommen. -Tagip Leronde ist bis ins 200 Kilometer entfernte Makindo gelaufen. „Wir haben uns mit 80 Kühen auf den Weg gemacht", erzählt er, „acht Tage sind wir gelaufen und unterwegs sind uns 20 Tiere verreckt." Er ist nicht der einzige Viehbauer, der seine Tiere hierher gebracht hat: Mehrere Tausend ausgemergelte Rinder schleppen sich zu der sumpfigen Wasserstelle. Pfeifend treiben Massai-Hirten ihre Herden an, die Männer in ihren roten Wickeltüchern sind erschöpft und verzweifelt. „Unseren Familien zu Hause geht es nicht besser", sagt Wilson Saitaga, „die sind genauso abgemagert und unterernährt wie die Tiere." Im Frühjahr sind den Massai, Turkana, Sambugu und anderen Nomadenvölkern vor allem im Norden und Osten Kenias Rinder, Ziegen und sogar Kamele täglich zu Tausenden verendet. Auch den Ackerbauern geht es kaum besser: Was die Menschen Ende des vergangenen Jahres gesät haben, ist auf dem Halm abgestorben.

Klimaschutz ist ein globales Problem, ökologisch wie ökonomisch. Der größte Kohlendioxidproduzent auf dem Globus aber, die USA, hält sich in dieser Frage immer auffallend zurück. Die Diskussion darüber, ob die globale Erwärmung auf den Menschen zurückzuführen sei, wurde in US-Medien stets als Kontroverse inszeniert – dabei hat immer nur eine Minderheit der Forscher diesen Zusammenhang bezweifelt, und selbst die ist nun praktisch verstummt. In Sachen Klimaaufklärung sind die USA ein Entwicklungsland. Im Frühjahr ließ sich der Exvizepräsident Al Gore bei einem Power-Point-Vortrag filmen, in dem er ungefähr dasselbe sagte, was in Europa schon vor 20 Jahren in den Zeitschriften stand. Al Gore wurde für den Film „Eine unbequeme Wahrheit" wie ein Prophet gefeiert. Aber wenn man die Ebene der Bundespolitik verlässt, dann findet man auch in Amerika Bundesstaaten, Gemeinden und Firmen, die versuchen, den CO2-Ausstoß des Landes drastisch zu senken – trotz George Bushs Weigerung, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen – und die gegen Treibhausgas-Schleudern angehen.

Im texanischen Waco kämpft eine Initiative gegen elf neue Kraftwerke, die zusammen mehr als 78 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr produzieren werden. Seit die Pläne des Energieversorgers TXU bekannt sind, haben sich die Farmer der Gegend zusammengeschlossen. Sie lesen
im Internet über Kraftwerktechnologie, Schadstoffe und Klimawandel. Der Anführer der Farmer ist Ricky Bates – kariertes Hemd, breites Kreuz, grauer Schnauzbart, einer von hier. „Wir sagen den Politikern: Wir können euch eine sehr unangenehme Amtszeit bescheren. Wir haben Unterstützer in Iowa, in Florida, an der Ost- und Westküste, in Deutschland. Es ist eben ein Weltproblem. Wir haben hier in Texas schon vier der fünf dreckigsten Kraftwerke der USA stehen, wir brauchen nicht noch mehr."
Wir leiden heute unter den Folgen des Kohlendioxids, das unsere Großväter in die Atmosphäre geblasen haben. Der Klimawandel ist nicht mehr zu verhindern, er ist längst da. Wenn unsere Generation es schafft, den CO2-Ausstoß zu senken, dann begrenzen wir damit lediglich die Auswirkungen für unsere Enkel und Urenkel. In der nahen Zukunft können wir nur versuchen, die Folgen des Wandels zu mildern: Dämme bauen, Häuser gegen Hurrikane wappnen und Menschen aus gefährdeten Gebieten umsiedeln.
Fala Haulangi, die Radiomodera-to-rin aus Tuvalu, hat zwar persönlich schon den Schritt getan und den gefährdeten Archipel verlassen, aber eine Zukunft ohne ihre Heimat kann sie sich nicht vorstellen. „Wir können hier in Auckland als Gemeinschaft zusammenkommen und unseren Unabhängigkeitstag feiern, aber das ist etwas anderes. Es wird schwer zu akzeptieren, dass wir nicht mehr auf der Landkarte sind."
Christoph Drösser verfasste den Text in Zusammenarbeit
mit den ARD-Korrespondenten Silke Engel (Berlin-Brandenburg), Martina Buttler (New York), Marc Dugge (Washington), Wim Dohrenbusch (Nairobi), Gottfried Stein (Buenos Aires), Eberhard Nembach (Wien), Bernd Musch-Borowska (Singapur), Angela Ulrich (Paris), Tilman Bünz (Stockholm), Martin Fritz (Tokio) und Anne Hofmann. Weitere Infos zum Thema unter www.inforadio.de

Text: CHRISTOPH DRÖSSER
Foto: PAL HERMANSEN
February 14, 2007 - Wednesday 
TEMPO testet unsere Elite: Wir erfanden eine „Nationalakaemie" und boten Prominenten die Ehrendoktorwürde an. Der Haken an der Sache: Durch Annahme sollten sie sich mit Zielen und Grundsätzen einverstanden erklären, die wir wörtlich aus Hitlers „Mein Kampf" und den NPD-Leitlinien übernommen hatten.



Dieter Bohlen war der Erste. Am ­­16. Oktober 2006 um 11:02 Uhr erreichte uns sein Fax aus Tötensen bei Hamburg, Bohlens Wohnort. In krakeliger Handschrift stand auf dem Fax: „Herr Bohlen wird sehr gern an der Zeremonie in Berlin teilnehmen."
Wir hatten ihm einen Brief geschrieben, mit dem wir ihn testen wollten. Wir hatten diesen Brief noch an hundert weitere Prominente sowie an Größen aus Wirtschaft und Politik, Sport und Kultur geschickt. Wir boten ihnen in dem Brief die Ehrendoktorwürde der Deutschen Nationalakademie an. Diese Akademie war fiktiv, TEMPO hat sie erfunden. Sehr real war aber der Text des Briefes, elitär und nationalistisch im Tonfall – und er enthielt Zitate, die aus dem Programm der NPD stammen oder aus Hitlers „Mein Kampf".
„Eine Weltanschauung, die bestrebt ist, unter Ablehnung des demokratischen Massengedankens, dem besten Volk die Erde zu geben, muss auch innerhalb dieses Volkes wieder dem gleichen aristokratischen Prinzip gehorchen und den besten Köpfen die Führung und den höchsten Einfluss im betreffenden Volk sichern." Dieser Satz aus „Mein Kampf" findet sich wörtlich in dem Brief der Nationalakademie. Wer so etwas unterstützt, ist entweder extrem unaufmerksam. Oder extrem rechts.
Wir wollten wissen, wie die deutsche Elite denkt. Wie anfällig sie 60 Jahre nach Kriegsende für rechtsradikales Gedankengut ist. Wie verführbar sie ist. Wie leichtfertig sie sich von demokratischen Grundprinzipien verabschiedet. Oder wie nachlässig sie die Brisanz des Briefes nicht zur Kenntnis nimmt. Das Ergebnis war erschütternd: 14 Prominente haben zugesagt. Viele haben Sympathie für die Deutsche Nationalakademie geäußert, aber mit guten Wünschen abgesagt. Und nur wenige haben unsere Aktion durchschaut oder sich klar davon distanziert. Rechte Parolen und rechtes Gehabe, das zeigt die TEMPO-Aktion, haben eine große Anziehungskraft. Gerade für die Elite.
Aber die Sehnsucht ist eben groß. „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Däubler, in Beantwortung Ihres an mich gerichteten Schreibens betr. die Verleihung der Ehrendoktorwürde darf ich mich bei Ihnen und dem gesamten Präsidium von ganzem Herzen dafür bedanken, dass Sie mich dieser Ehre für würdig befunden haben." Dieser Brief des Staranwalts Rolf Bossi zeigt, wie tief das Problem sitzt. Und wie sehr Günther Nenning recht hatte, als er 1988 in Tempo schrieb: „Es kommt ein neuer Nationalismus. Erst am Balkan, dann in den Staaten der Sowjetunion, dann bei uns."
Damals wurde Nenning verlacht für Sätze wie: „Der Mensch ist ein nationales Tier. Nichts kann ihn stoppen. Weder Vernunft noch Aufklärung. Weder Wohlstand noch Demokratie." Heute schreibt Rolf Bossi: „Ich will nicht nur durch die Annahme der Ehrendoktorwürde ein Zeichen der Unterstützung für die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie setzen. Es ist mir vielmehr ein persönliches Bedürfnis, die Ziele und Inhalte Ihres Wirkens als ein rettendes Licht zu erleben inmitten der Finsternis unseres nationalen Rückschritts." Und bevor er seinen Brief mit der Beschwörung der „strahlenden Helligkeit" der Akademie beschließt, macht er noch klar: „Es stellt sich als unerlässliches Bedürfnis dar, dass wir uns unserer Wurzeln erinnern und alles daran setzen, die Inhalte einer Wertegemeinschaft zurückzugewinnen."
Deutschland hat sich verändert, das zeigt die TEMPO-Aktion. Im Sommer begeisterte der WM-Patriotismus die Menschen, eine nationale Harmlosigkeitswoge spülte durch das Land. Im September gewann die NPD in Mecklenburg-Vorpommern 7,3 Prozent der Stimmen und sitzt seitdem mit sechs Abgeordneten im Landtag. In Sachsen hat die Partei bei der Wahl 2004 nur geringfügig weniger Stimmen bekommen als die SPD, 9,2 Prozent und zwölf Landtagssitze. Und mehr als die Hälfte der Deutschen, das ergab eine Umfrage der ARD, sind nicht zufrieden mit der Demokratie in Deutschland. Deutsche Werte, deutsche Wurzeln. Was bedeutet also positiver Patriotismus?
„Der Staat ist gegenüber seiner Jugend verpflichtet und muss ihr eine lebenswerte und sichere Zukunft bieten." Dieser Satz klingt erst einmal harmlos, er stammt aus dem Programm der NPD. „Die heutige Massenkultur erzeugt inhaltsleere Individualisten, deren Unzufriedenheit sich immer öfter in sinnloser Gewalt äußert." Dieser NPD-Satz klingt bedrohlicher. „Im ..brigen mag dann die Vernunft unsere Leiterin sein, der Wille unsere Kraft." Dieser Satz aus „Mein Kampf" raunt deutlich totalitär. Alle drei finden sich in den Grundsätzen der Nationalakademie. Und im Brief steht klar: „Es geht darum, dass Sie durch die Annahme der Ehrendoktorwürde ein Zeichen der Unterstützung für die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie setzen." Sind solche Sätze noch hinnehmbar? Im Rahmen des Grundgesetzes?
Die fiktive Deutsche Nationalakademie jedenfalls und ihr ebenso fiktiver Präsident Professor Dr. Wendelin Däubler sind da sehr eindeutig: „Das Ziel der Elite-Ausbildung", hieß es in dem Brief an die Prominenten, „ist die umfassende Bildung einer Jugend und ein Zeichen gegen die allgemeine Bildungskrise. Damit wird ein geistiges Fundament geschaffen, um die Nation zu stärken und dem Nationalgedanken zu neuer Geltung zu verhelfen." In jedem Jahr, so stand es im Brief, werden bis zu 100 „deutsche Studenten" aufgenommen, die in Geschichte, Politik und ..konomie unterrichtet werden, 28 Mitarbeiter forschen an den drei Studienzentren in Berlin, München und Dresden, die dritte Säule ist die „Volksbildung".
Wenn man nun das Programm der Deutschen Nationalakademie einigermaßen genau liest, dann, so dachten wir, muss einem schnell klar werden, mit wem man es zu tun hat. Die NPD geht nicht anders vor, auch das rechtsradikale Denken gibt sich den Anstrich von Bürgerlichkeit, von Biederkeit oder eben als Elitediskurs. In scheinbar hehren Worten lassen sich leicht dubiose Inhalte verpacken.
Viele Prominente gehören zu jener Kategorie Menschen, die von einem Ort aus denken, den man etwas verharmlosend „rechts von der Mitte" nennt. Sie sind Vertreter eines populären PR-Patriotismus. Sie leben von ihrem Image, sie sind eine eigene Marke, und wenn Deutschlands Branding gerade gut läuft, dann sind sie natürlich dabei. Sie sind die, die sich sofort und begeistert melden, aus reiner Eitelkeit oder aus echterrechter Verbundenheit wegen des gekränkten Stolzes einer Prominentenkaste, die sich ihrer eigenen ..berflüssigkeit und Bedeutungslosigkeit bewusst ist. Nationalismus als Kompensation.
Udo Walz, dessen PR-Frau am Telefon erzählt, wie begeistert der Starfriseur über diese Ehre ist, freut sich sehr und nimmt die Auszeichnung gerne an. Michael Hartl, singende Hälfte der Lustigen Musikanten „Marianne und Michael", reagiert erst „erschrocken", dann „stolz und am Ende überglücklich" auf die Ehrendoktorwürde. Der Schauspieler Fritz Wepper brummt mit seinem sympathischen bayerischen Bass ins Telefon, wie überrascht und geehrt er ist, fragt, wann er die Presse unterrichten darf, und betont, er würde für die Ehrendoktorverleihung sogar extra aus der Dominikanischen Republik zurückkommen, wo er zum Zeitpunkt der Ehrendoktorfeier drehen wird. Die schriftliche Zusage kommt ein paar Tage später per Fax vom Tegernsee, „mit besten Empfehlungen an die weiteren Repräsentanten der Akademie".
Das ist der Wahnwitz, das ist die Verführbarkeit unserer Hochglanzgrinser. Aber Rolf Bossi, dessen Vater von den Nazis als Widerstandskämpfer hingerichtet wurde?
So jemand markiert durchaus einen gesellschaftlichen Wandel. So jemand zeigt, dass nationales Denken attraktiv ist – gerade auch für die Menschen, die es sich im postideologischen Vakuum gut eingerichtet haben und sich der politischen Koordinaten nicht mehr ganz so sicher sind. Der weltweit agie­-r­ende Kunstbuch-Verleger Benedikt Taschen etwa antwortet „nach meiner Rückkehr aus Amerika", dass es ihm eine Freude ist, „aus Ihren Händen die mir angetragene Ehrendoktorwürde der Deutschen Nationalakademie entgegenzunehmen und mich mit Historie und Zielsetzung Ihrer Institution vertraut zu machen". Der international renommierte Architekt Meinhard von Gerkan, der gerade in der Nähe von Shanghai eine neue Stadt für 300.000 Menschen baut, ist gern bereit, bei diesem nationalis­tischen deutschen Eliteprojekt mitzumachen. Der Filmregisseur Oskar Roehler sagt am Telefon, dass er das Ganze „cool" findet, und schickt ein paar Tage darauf „mit freundlichen Grüßen" ein handgeschriebenes Fax mit seiner Zusage. Die globale Kaste, das zeigt dieses Experiment auch, ist anfällig für nationale Verlockungen.
Bernd Eichinger, Deutschlands erfolgreichster Film­­­produzent, sagtnach einigen interessierten Anrufen seiner Sekretärin letztlich ab. Eichinger, der das Drehbuch zum Hitler-Film „Der Untergang" schrieb, die gesellschaftliche Ambivalenz zwischen Verstehen und Entschuldigen beförderte und den Deutschen demonstrierte, dass es auch ein Diktator nicht leicht hat.
Jemandem wie Wolfgang Wagner, Intendant der Bayreuther Opernfestspiele und schon deshalb mit den Unwägbarkeiten des deutschen Denkens bekannt, fällt es da leichter, den ideologischen Kern des Briefes der Deutschen Nationalakademie zu benennen. „Wenig anfreunden" mag er sich, so schreibt sein Pressebüro, mit den Grundsätzen und Zielen der Akademie, „das Theater als eine urdemokratische Institution" scheint ihm damit „nicht kompatibel" zu sein – und darüber hinaus „vermag sich Herr Wagner in keiner Weise für nationale Ideen o......, ganz gleich in welchem Gewande, zu erwärmen".
Er ist einer der wenigen, die den Brief genau studiert und
verstanden haben. „Nachdem ich Ihre Grundsätze gelesen habe", schreibt der Schriftsteller Ingo Schulze, „bin ich überzeugt, dass ich für die Würde eines Ehrendoktors an Ihrer Akademie nicht geeignet bin." Und der CDU-Kulturpolitiker Christoph Stölzl antwortet mit steiler Handschrift: „Ich entnehme aber Ihrem dankenswert ausführlichen Brief eine Beschreibung des philosophischen Bodens, auf dem Sie stehen." Er verteidigt dann den Gedanken der Mehrheit in der Demokratie und fährt fort: „Da ich mich aus dem vertrauten Haus unseres Grundgesetzes durchaus nicht fortbegeben möchte, bitte ich Sie, von der angedachten, mir durchaus zweifelhaften Ehre einer Dr...h...c.-Würdigung abzusehen."
Jeder, der den Brief erhielt, hätte also durchaus merken können, um was für eine Vereinigung es sich handelt. Auch Dagmar Berghoff lehnte nach anfänglichem Interesse ab, „mit vielen der Ziele Ihrer Akademie kann ich mich identifizieren", schrieb sie, „ich habe allerdings Probleme mit der Ausschließlichkeit des Friedrich-Engels-Satzes, welchen Sie als Ihr Credo, Ihre Maxime darstellen. Hier kann ich es nicht; was ich aber müsste, um die Deutsche Nationalakademie überzeugend nach außen hin vertreten zu können". Das Engels-Zitat in unserem Brief, das auch die NPD gern verwendet, lautet: „Wir wollen aufhören, die Narren der Fremden zu sein, und zusammenhalten zu einem einigen, unteilbaren, starken freien deutschen Volk."
Um so überraschender ist bei einem solchen Satz, wie beiläufig manche Absagen ausfallen – vor allem von Menschen, die sonst allergisch auf jede Regung des Nationalen reagieren. „Aus persönlicher ..berzeugung nehme ich keinerlei Ehren an, auch keine Orden oder sonstige Auszeichnungen", schreibt etwa die Nobelpreisträgerin und Antifaschis­tin Elfriede Jelinek. Ausführlicher und launiger antwortete der Quizmoderator Günther Jauch: „Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang ein offenes Wort: Ich habe mit Müh und Not ein 3,1-Abitur abgelegt und habe auch meine daran anschließende akademische Karriere nur in einem überschaubaren Rahmen halten können."
Aber Ironie kann eben auch eine Art sein, sich der Wirklichkeit zu entledigen. Georg Reuchlein etwa, der Verleger des Goldmann Verlags, der versucht, seine Bücher „massenweise an die Leser zu bringen", und sich daher „eher der demokratischen Volksbildung als elitärer Selektion verpflichtet" fühlt, Georg Reuchlein also nimmt genüsslich das Schreiben der Nationalakademie auseinander, bevor er sich dem Hitler-Zitat zuwendet: „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe treten sollte, aber hier besteht schon rein semantisch dringend (Auf-)Klärungsbedarf."
Da spielt der Verleger den Lektor des Verbrechers. Und ignoriert erst einmal den politischen Kern des Briefes. Der Fernsehkomiker Jürgen von der Lippe war da schon näher an der Wahrheit: „Liebe Titanic", schreibt er, „oder welcher Scherzkeks auch immer dahintersteckt. Schöner Versuch, hat aber nicht geklappt. Viel Glück fürs nächste Mal." Und auch der ZDF-Nachrichtenmann Peter Hahne ahnt, was für eine Art von Anfrage er hier vor sich hat: „Sollten Sie mir gewährleisten können", schreibt er, dass „Stefan Raab die Laudatio, natürlich in lateinischer Sprache, hält, so werde ich Ihr wichtiges Institut in Plön (oder war es Eiderstedt?) gerne beehren."



Das TEMPO-Experiment entwi­ckelte nun seine eigene Dynamik. Vor dem Gebäude mit der im Brief angegebenen Berliner Anschrift standen immer häufiger Männer in Lodenmänteln herum und dunklen, gescheitelten Haaren, wie es sie eigentlich nur in München oder Hamburg gibt, Männer, die sich nach den Studienangeboten der Nationalakademie erkundigten. Per E-Mail kamen die ersten Jobanfragen, „ich weiß noch nicht so genau, wo ich beruflich hin will", schrieb eine Bewerberin, eine andere wollte nur etwas über Studiengebühren wissen. Und zwischendurch rief immer mal wieder der euphorisierte Chorleiter Gotthilf Fischer an, der vom „lieben Herrn Professor" schwärmte und so schwäbisch und begeistert war, dass er fast ins Singen geriet. „Wie ein Löwe, wissen Sie, wie ein Löwe kämpfe ich in der ganzen Welt für das Deutschtum."
„Ach, Herr Fischer", brummt einer der Redakteure ins Telefon, der gerade Professor Däubler nachmacht, „hätten wir nur mehr Menschen wie Sie in diesem Land."
„Verehrter Professor, ich finde es aber auch ganz großartig, dass Sie sich dagegen wehren, dass unser Land einfach so verkauft wird."
„Herr Fischer!"
„Professor Däubler!"
„Wir sind da ganz auf einer Linie!"
In dem Fax, das von Fischers Büro aus Beilstein geschickt wird, steht dann erneut, wie wichtig es ist und „an der Zeit, dass Menschen mit ihrem Tun um das geistige Leben in unserem Land sich gegenseitig helfen und vor allem auch von öffentlicher Seite unterstützt werden. Hier stehe ich bisher leider immer vor verschlossenen Türen." Unterschrieben hat Gotthilf Fischer mit einem Notenschlüssel. So entsteht aus Eitelkeit, Ungenauigkeit und Volkstümelei ein Nationalismus, der wohl gar nicht so naiv ist, wie er tut.
Die meisten Absagen, die eintrafen, waren eher pragmatischer, nicht ideologischer Art. Michael Schumacher weiß die „große Ehre zu schätzen", muss aus Termingründen aber absagen. Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Rechtsanwalt, freut sich über das „ehrenvolle Angebot" und den „einstimmigen Beschluss Ihres Präsidiums", lehnt aber öffentliche Ehrungen ab. „Grundsätzlich befürwortet Herr Beckenbauer jedes dieser Projekte, kann sich aber aus zeitlichen Gründen nicht persönlich bei allen einbringen", schreibt eine Assistentin unseres Kaisers.
Mit schwungvoller Unterschrift lehnt Karstadt-Chef Thomas Middelhoff ab, wünscht aber „bei Ihrem Vorhaben des weiteren Ausbaus der Deutschen Nationalakademie alles erdenklich Gute". Der Vater von Heidi Klum will aufs nächste Jahr verschieben, schließlich sei seine Tochter gerade schwanger. Die Schriftstellerin Christa Wolf freut sich über die „Wertschätzung durch das Präsidium Ihrer Institution". Nachdem sie „reiflich überlegt" hat, lehnt sie ab. Regisseur Werner Herzog, auf dem Weg in die Antarktis, mailt uns, seine Ablehnung habe „nichts mit der Deutschen Nationalakademie zu tun, sondern mit meinem Selbstverständnis als Künstler an der Randzone unseres Gemeinwesens". Und Theo Müller von Müller Milch will sich nicht mit „fremden Federn" schmücken, versichert aber immerhin seine „Sympathie gegenüber den von der Deutschen Nationalakademie verfolgten gesellschafts- und bildungspolitischen Zielen".
Dann kam die erste Warnung: Die Aktion drohte aufzufliegen. „Sie haben in Ihrem Schreiben die Grundsätze Ihrer Institution in erfreulich klarer Weise niedergelegt", schrieb Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, der diese ..berzeugungen, wie er sagte, respektiere, sich jedoch „weitgehend außerstande" sehe, „sie mit meiner eigenen politischen Grundhaltung in Einklang zu bringen". Leider setzte er sich dann auch noch nachts auf seinem Schloss in Bückeburg an den Computer, recherchierte etwas im Internet – und fand den Hitler in uns.
„Naaa", schrieb er an die Firma, die die Homepage der Deutschen Nationalakademie ins Netz gestellt hatte, „kommt Ihnen das Zitat bekannt vor?" Am Telefon ließ er sich dann doch noch dazu überreden, nicht bei der „B.Z." anzurufen und uns zu enttarnen. So wurde, ausgerechnet, ein adliger Schlossherr zu unserem ersten Helden im Kampf für die kritische Gesinnung.
Aber die Menschen, das zeigte unser Experiment, sind eben so schwer einzuschätzen, so verwirrt, so ratlos, so rechts wie diese Zeit, in der sie leben.
Desir..e Nick etwa, sicher eine Art Leitfigur für die Trash-Welt, in der wir leben, schickte ein wütendes, wirres Fax zurück: „Ein Ehrendoktortitel würde die Früchte meiner Arbeit zunichte machen: den sollen die Arschlöcher annehmen, nicht ich!" Der Grund für ihre Absage war allerdings nicht besonders ideologiekritisch. „Mühsam habe ich mir meinen schlechten Ruf erarbeitet", schrieb sie, „und bin bemüht das miese Image was ich mir aufgebaut habe, zu schützen und zu erhalten". Solide Grammatik jedenfalls sieht anders aus, solide Gesinnung auch.
In einer ersten eitlen Verwirrung hatte die Komikerin Desir..e Nick außerdem die Ehrendoktorwürde be­-reits angenommen. Wie auch „Löwenzahn"-Moderator Peter Lustig, mit seiner Nickelbrille eigentlich die moralische Instanz für eine ganze Generation antiautoritär angestrahlter BRD-Kinder. Der fühlte sich erst „gebauchpinselt" und nahm die Ehrung an, schließlich teilt auch er die Meinung, „dass Bildung, Wissen und ein gesundes Wertebewusstsein heutzutage überaus wichtig ist". Sechs Stunden später schickte er ein Fax von seinem Hof in Niedersachsen, in dem er die Ablehnung des „ehrenvollen Angebots" damit begründete, „dass in weltanschaulicher Hinsicht keine in erforderlichem Umfang notwendige ..bereinstimmung bestehen könnte".
Manchmal, auch das ist ein Fazit dieses Experiments, denkt selbst die Showprominenz nach. Jutta Speidel etwa ist sehr freundlich am Telefon, wundert sich aber doch darüber, dass sie für ihre Fernsehrollen ausgewählt worden ist und nicht für ihr gesellschaftliches Engagement, „das ist doch viel wichtiger". Sie sagt ebenso ab wie Marie-Louise Marjan, die Mutter der Nation. Sie finde die Sache mit der Elite ja auch richtig, aber, fragt sie mit dieser Mutter-Beimer-Stimme, „ich muss auch sicher sein, dass das nichts Nationalistisches ist. Sie verstehen?!" Und der Sänger der Prinzen, Sebastian Krumbiegel, forscht am Telefon nach, „das klingt aber schon, na, fast ein wenig rechtsradikal", überlegt es sich und lehnt ab. Manchmal, so sieht man, ist die Showprominenz klüger als die politische.
„Sehr geehrter Herr Prof. Däubler", so beginnt der Brief, in einendicken Umschlag gepackt, abgeschickt von Julian Nida-Rümelin, „Staatsminister a...D." und Inhaber des
Lehrstuhls für „Politische Theorie und Philosophie" an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Der Beschluss des Präsidiums der Deutschen Nationalakademie, mir die Ehrendoktorwürde 2007 anzutragen, ist für mich eine große Auszeichnung, die ich erfreut und geehrt annehme, da ich die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie ohne jeden Vorbehalt unterstützen kann." Dem Brief beigelegt hat er einen 17-seitigen Essay über die „normativen Bedingungen der Macht".
Einen Monat später schreibt er in einer E-Mail, dass er die Deutsche Nationalakademie mit Helmut Schmidts Deutscher Nationalstiftung verwechselt habe. Er vermutet nun einen „rechten politischen Hintergrund" und lehnt die Ehrendoktorwürde ab.
Mit dem ersten Brief von Nida-Rümelin kommen noch zwei weitere. Der erste ist eine Absage von Peter-Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR und jetzt Anwalt in Stasi-Angelegenheiten. „Ihre inhaltliche Aufgabenstellungen sprechen mir aus dem Herzen", schreibt er, „und ich wünsche Ihnen bei der Realisierung derselben viel Erfolg". Er habe allerdings in seinem „ersten Leben" zum sozialistischen Agrar- und Bodenrecht promoviert, habe somit genug Titel, aber „meine Sympathie für Ihre beachtliche Unternehmung bedarf keiner Ehrenpromotion". Noch ein Ex-Minister, dem man die Demokratie erklären muss?
Dafür wäre dann auch Liane Hesselbarth da, die ein großes D mit viel Schwarz-Rot-Gold im Briefkopf trägt. „Als Vorsitzende der Fraktion der DVU im Landtag Brandenburg", schreibt sie in ihrer Antwort, die zusammen mit den Briefen von Nida-Rümelin und Diestel eintrifft, „kann ich es mit meiner persönlichen Einstellung zur Demokratie einerseits wie auch mit dem national freiheitlichen Gedanken andererseits nicht in ..bereinstimmung bringen, die Ehrendoktorwürde der Deutschen Nationalakademie anzunehmen, in deren Grundsätzen nationalsozialis­tisches Gedankengut verankert ist." Das ist die Geschichtsstunde der Rechten für den Rechtsanwalt und den Politikprofessor.
Das Problem des neuen, frei flottierenden Nationalismus ist, wie man sieht, seine Unberechenbarkeit. Er ist modisch, er klingt gut, er ist angenehm und harmlos – ein Wohlfühl-Nationalismus, der die Grenze verwischt zwischen dem, was politisch geht, und dem, was nicht mehr vom Grundgesetz getragen wird. Dieser neue Nationalismus ist einerseits so oberflächlich, dass man gerne einfach mal Ja sagt; und er ist andererseits so leicht zu instrumentalisieren, dass das oberflächliche Ja in rechten Radikalismus rutschen kann.



„Spiegel Online" meldet, dass sich rechtsradikale Einstellungen in allen Bevölkerungsschichten, Bundesländern und Generationen finden lassen. Neun Prozent der Deutschen halten eine Diktatur durchaus für akzeptabel. Und 26 Prozent wollen von einer Einheitspartei regiert werden, die die „Volksgemeinschaft" verkörpert. Da bekommt es ein besonders Gewicht, wenn Claus Hipp, der sich um Kindernahrung kümmert, der Nationalakademie zusagt: „Danke für Ihr freundliches Schreiben." Wenn sich auch der strahlend blonde Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier über die Ehrung freut und „mit sportlichen Grüßen" unterschreibt. Wenn Udo Jürgens dabei sein will – „bei uns", schreibt sein Büro, „geht's jetzt in erster Linie um den Termin". Und wenn der Südtiroler Reinhold Mess­ner auf der ganzen Welt genug Berge bestiegen hat, um nun bei der Nationalakademie mitzumachen.
Die Antworten auf unseren Brief zeigen: Einige der Ehrendoktoranden reagieren ganz entschieden auf den politischen Ton des Briefes. Einige lassen sich von Eliteversprechen und akademischen Weihen locken, die meisten merken wohl gar nicht mehr, wie antidemokratisches Denken funktioniert, wie leicht sich rechte Gesinnung verpacken lässt, wie weit nationalistische Ideen schon in der Gesellschaft angekommen sind.
Ein paar der von uns Angeschriebenen wenden sich an ihren Rechtsanwalt, und der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, kontaktiert das Bundeskriminalamt. Der BKA-Beamte, der uns daraufhin anruft, findet die Homepage „dilettantisch", ist auch sonst etwas grummelig wegen der zusätzlichen Arbeit und stellt die Ermittlungen rasch ein. Robbe, der weiß, wer hinter der Aktion steckt, gratuliert „von ganzem Herzen": „Aus meiner Sicht beflügeln Sie durch Ihr akzentuiertes Engagement die aktuelle Diskussion um die Einrichtung einer Nationalen Akademie der Wissenschaften mit großem TEMPO." Für das weitere Wirken wünscht er alles Gute, er bittet nur, bei weiteren öffentlichen Verlautbarungen „darauf zu achten, keine Formulierungen zu verwenden, die als Ablehnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und des Demokratieprinzips verstanden werden können".
Natürlich gibt es auch weiterhin viele Absagen: der Unternehmer ­Werner M. Bahlsen, der bayerische Kulturminister Thomas Goppel, Werner Wenning von Bayer, Dieter Thomas Heck, der Theaterregisseur Jürgen Flimm, der FDP-Politiker Wolfgang Gerhardt, die Filmregisseure Volker Schlöndorff und Wim Wenders, die Opernintendantin Kirsten Harms, Wolfgang Grupp von Trigema, der Ex-Politiker Theo Waigel, die Kammersängerin Anneliese Rothenberger, BDI-Präsident Jürgen R. Thumann, Ulrich Wickert, Franziska van Almsick, die Herren von Pierer und Kleinfeld von Siemens, der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Reitzle von Linde – und auch der frühere stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Heinz ­Eggert, der im „Saftblog" der Saftfirma Walther über den „stinkfeinen Umschlag mit Büttenpapier" erzählt und gleich sein Absageschreiben beilegt. „Weil wir uns wegen der demnächst zu erfolgenden Erhöhung der Mehrwertsteuer", so schreibt er, „schon einen angemessenen und zugemessenen Grabstein bestellt haben", auf den das Dr...h...c. nicht mehr passt, deshalb ist Eggert leider nicht dabei.
Das ist die tragikomische Komponente, die diese Geschichte auch ausmacht. Das Model Giulia Siegel steht gerade unter der Dusche, als „Professor Däubler" anruft, sie muss zur Premiere des Mozart-Musicals und verspricht, bislang Unbekanntes aus ihrem Leben zu erzählen, „die Menschen wissen ja gar nicht, wie ich wirklich bin". Aus Mitleid haben wir sie nicht weiter belästigt. Die Volksmusiksängerin Margot Hellwig hat „mit ..berraschung und Freude" diesen „ehrenden Vorschlag vernommen" – „noch dazu von einer Institution, die für ein Anliegen tätig ist, das auch uns sehr am Herzen liegt". Sie sagt dann doch ab, weil „gerade bei den Vertretern der sogenannten echten Volksmusik mit starken Einwänden zu rechnen ist". Wenigstens schickt sie eine Autogrammkarte, auf der sie eine große Kuchenplatte präsentiert. Und der Kunstprofessor Bazon Brock will sich unbedingt mit dem Kollegen Professor treffen, um die Akademie „als Plattform" zu nutzen. „Sagen Sie dem Professor, wir könnten uns beim Leo-Baeck-Preis treffen und im Adlon Palais einen Tee trinken", schlägt er vor und ist dann äußerst enttäuscht, als es nicht zu einer Begegnung kommt. „Der Professor ist zum Leo-Baeck-Preis im Ausland? Das ist ja schade."
Das alles wirkt manchmal wie nationaler Slapstick – und doch ist das Fazit dieser TEMPO-Aktion erschreckend: Fast alle Angeschriebenen sind höflich genug, auf den nationalistischen Elitebrief zu antworten. Frauen und Wirtschaftsbosse lehnen die Ehrendoktorwürde meistens ab. Der Großteil der Showprominenz ist so von sich berauscht, das er neben dem Bambi die akademische Auszeichnung gleich mitkassieren will. Und selbst gefestigte Intellektuelle lassen sich auf rechtes Denken ein. Was wollen diese Leute? Wollen sie unser Land zerstören? Wollen sie es retten? Sind sie dabei, das Geschenk der Bundesrepublik zu verspielen?
Es war ein langer Sommer in Deutschland.
February 7, 2007 - Wednesday 

Vor zehn Tagen kam er plötzlich vorbei. In der Hand hielt er ein Manuskript. Seine Wünsche für die nächsten Jahre. Er hatte sie für uns aufgeschrieben und wollte wissen, ob wir sie noch drucken können. Wir können. Und wir wollen. Denn Rainald Goetz ist nicht mehr und nicht weniger als der einzige wirkliche Schriftsteller unserer Generation.

November 2009

Unverwischte Bilder, in denen der Hass nicht das Zerstörte ist, nicht Präzision. Die Trottelwelt trotzdem nicht widerlegen, in ihr auch nicht mehr nicht mitleben, nicht schreckhaft aufflattern, nicht angstlos und nicht unabgehärtet. Nie vergessen, wie das geht.
Gegen die Firma Debitel Klage nicht einreichen. Kein Handy zurückgeben, den Trottelvertrag nicht anfechten, sich nicht informieren. Nicht schlafen, nicht schlafen. Kein mündiger Kunde werden, kein Grauen, kein Stumpfsinn der Sachen, nicht niedergedrückt, von keinem noch so ungigantischen Müssen, keiner Wahl zwischen Optionen, die man nie wollte, aber auch nicht mehr oktroyiert bekommt vom Antiphantasma des Trottelkollektivs, das der konsumistisch-industrielle Herrschafts- und Unterdrückungsapparat nicht bedient, nicht stimuliert, nicht auspresst bis auf den letzten Tropfen. Nicht mehr unaufgeklärt über den Terror der Waren, wie noch zuletzt über politische Macht. Nicht unendlich angewidert, nicht abgestoßen sein, endlich nur noch ewig angekotzt von allem, wie es nie war und nicht mehr ist, der ganze Dreck, die nirgends unversammelten Idioten, die das alles nicht betreiben, Aussageflucht, Narrationsmüll, Nichtideen, das All und Nichts der Dinge und des Todes: ah, aua, ach.
Bunker der Abscheu. Den nie mehr verlassen und nie mehr hinaustreten ins Freie. Wo bin ich denn hier? Nicht im Gespräch mit Freunden wäre ich vielleicht wie früher nie mehr –
Wiese, Wald, Musik.

Rainald Goetz
February 6, 2007 - Tuesday 
Marc Fischer schrieb 1994 erstmals in TEMPO. Seine Reportage über Douglas Coupland war so brillant, dass er damals sofort als Redakteur eingestellt wurde. Heute arbeitet er als Reporter für Magazine wie „Spiegel", „Monopol" und „Park Avenue". Gemeinsam mit Uwe Kopf rechnet er ab Seite 75 mit den Stars der TEMPO-Jahre ab. Außerdem begleitete er den Fußballer Lukas Podolski bei einem TEMPO-Fotoshooting in London. Was er dabei erlebte, lesen Sie auf Seite 120.

Ulf Poschardt kam Ende der 80er-Jahre gelegentlich nach Hamburg, um seine Freunde Thomas Hüetlin, Olaf Marx und Moritz von Uslar bei TEMPO zu besuchen. Gucken, staunen, auf die Piste gehen, im Porsche zurück nach München. Später schrieb er für TEMPO eine Plattenkritik. Von der Band Transvision Vamp hat man nie wieder etwas gehört, Ulf Poschardt dagegen ist heute Chefredakteur der deutschen „Vanity Fair". Auf Seite 318 fordert er von den Deutschen mehr Alltagsheroismus.

Bryan Adams gehört zu jenen Musikern, die TEMPO früher nicht einmal mit Missachtung strafte. Als Fotograf – seiner neuen, zweiten Berufung – nehmen wir ihn aber gerne ins Blatt. Der König des Softrock fotografierte für TEMPO den Prinzen des deutschen Fußballs. In seinem Londoner Studio fachsimpelte er mit Lukas Podolski über Viererketten und Michael Ballacks Leistung bei Chelsea. Was die beiden sonst noch miteinander getrieben haben, ist ab Seite 120 zu lesen.

Claudius Seidl war TEMPOs Münchener Feuilletonchef und betreute dort Mitarbeiter wie Michael Althen und Wolfgang Höbel. Zu Redaktionssitzungen verschlug es ihn manchmal
nach Hamburg, was für einen eingefleischten Bayern fast schon in Dänemark liegt. Besonders fürchtete er sich vor der Reeperbahn. Huren auf der Straße, Zuhälter in den Häusern, keine Sperrstunde – so etwas kannte er nicht. Erst als er mit dem silberfarbenen Scirocco des damaligen TEMPO-Vizechefs Lucas Koch in die Davidstraße einbog, wusste er: Mit so einem Auto passiert einem in St. Pauli bestimmt nichts. Seidl, inzwischen Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", fragt sich auf Seite 236, warum unsere Politiker aussehen wie verweste Säuglinge.

Niklas Maak ist ein Fan von Jaguar und Maserati. Auch sonst hält er sich an die alte TEMPO-Regel: schnelles Schreiben, schnelles Leben. Der Kunstkritiker der „FAZ" beschäftigt sich auf Seite 327 mit der Zukunft der Architektur.

Peter Glaser verfasste zehn Jahre lang die legendäre TEMPO-Kolumne „Glasers Heile Welt". Heute schreibt er für alle wichtigen Zeitungen und Magazine. Vor allem aber zählt er zu Deutschlands bedeutendsten Schriftstellern, 2002 wurde er mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Auf Seite 170 lässt Glaser seine alte TEMPO-Kolumne noch mal auferstehen. Er sagt heute: „Sie war wie ein guter Popsong, ohne Sinn und Verstand, aber schön."

Cordt Schnibben gehört zu den wenigen Journalisten, die ein Angebot von TEMPO abgelehnt haben. „Unglücklich, griesgrämig, blödgesoffen und ‚Spiegel'-Redakteur kannst Du in fünf Jahren noch werden", schrieb ihm Chefredakteur Markus Peichl und wollte ihn dadurch für sein Blatt gewinnen. Schnibben, zu diesem Zeitpunkt freier TEMPO-Mitarbeiter, ging trotzdem lieber zum „Spiegel", wo er, offenbar glücklich, seit vielen Jahren das Ressort „Gesellschaft" leitet. Auf Seite 318 holt er zum großen Rundumschlag aus und schreibt, wie sich Deutschland verändern muss.

Andrian Kreye war von der ersten bis zur letzten Ausgabe TEMPO-Redakteur, allerdings stets mit starkem Drang in die weite Welt. Seine erste große Reportage recherchierte er in Washington, wo er in den Get-
tos obskuren Hip-Hop-Phänomen nachspürte. 1988 ging er nach New York, wo er seitdem lebt. In den letzten Jahren berichtete er von dort hauptsächlich für die „Süddeutsche Zeitung" – jetzt übernimmt er die Leitung ihres Feuilletons und kehrt deshalb nach Deutschland zurück. Nicht ohne auf Seite 329 noch einmal zu überlegen, wie man den Fall Amerika in den nächsten zehn Jahren behandeln könnte.

Jobst Fiedler war von 1990 bis 1996 Oberstadtdirektor von Hannover, anschließend Partner bei Roland Berger und Berater der Bundesregierung. Als Leiter der Berliner Hertie School of Governance lehrt er heute Pub-lic Management. Auf Seite 320 schreibt er, wie der Staat wieder zu Geld und die Menschen zu Wohlstand kommen.

Matthias Horx hatte schon immer eine Vorliebe für Phänomene und deren Deutung. Er war TEMPO-Redakteur der ersten Stunde und bereitete mit seinen Zeitgeist- und Generationen-Reportagen den Boden für Florian Illies & Co. Horx hat mehrere Bücher über den Wandel gesellschaftlicher Werte geschrieben. Er ist Gründer des Frankfurter Zukunftsinstituts und gehört heute zu den bekanntesten Trendforschern der Republik. Auf Seite 358 will er uns die Angst vor der Zukunft nehmen.

Rainald Goetz, Schriftsteller und Literat, besuchte 1988 zum ersten Mal die Redaktionsräume von TEMPO. Gemeinsam mit Maxim Biller stand er im Chefredakteurszimmer und die beiden diskutierten mit so wilden Gesten, dass sie dabei versehentlich sämtliche Bleistifte und Manuskripte vom Schreibtisch fegten. Nach einer kurzen Schrecksekunde bückten sich Biller und Goetz. Kopf an Kopf krochen sie auf dem Boden herum und sammelten die verstreuten Blätter, was Chefredakteur Markus Peichl mit den Worten kommentierte: „Wenigs-tens einmal kniet dass das deutschen Feuilleton vor uns." Für diese Ausgabe verfasste Rainald Goetz einen wunderbaren literarischen Text, den Sie auf
Seite 184 finden.

Helge Timmerberg ging für TEMPO immer dahin, wo es weh tut – Aids in Uganda, Mädchen in Shanghai, das Dorf, aus dem die Pest kam. Wenn es so etwas ..hnliches wie einen deutschen Hunter S. Thompson gibt, dann ist es Timmerberg. Auf Seite 226 wird seine Leidensfähigkeit auf eine neue Probe gestellt: Timmerberg trifft Thomas Gottschalk.

Wolfgang Joop war TEMPO in den 80er-Jahren so zugetan, dass er der Redaktion seine Tochter Jette als Praktikantin anvertraute. Ob das eine pädagogisch wertvolle Maßnahme war, wissen wir nicht. Auf Seite 356 schreibt der Modeschöpfer jedenfalls, was sich in der Erziehung ändern muss.

Wolfgang Tillmans ist der bekannteste deutsche Fotograf unter 40. Seine zwischen Realismus und Inszenierung changierende ..sthetik wurde stilbildend für die 90er-Jahre. Erste Arbeiten veröffentlichte er in TEMPO, „Tango" und „I-D". Seit 1988 stellt er in Galerien und Museen aus, unter anderem in der Kunsthalle Zürich und im Palais de Tokyo in Paris. Im Jahr 2000 gewann er als ers-ter Fotograf den Turner-Preis, den „Oscar" der Kunstszene. Viele seiner Bilder unterlaufen vorgegebene Schönheitsideale und stellen herkömmliche Werturteile in Frage. In dieser Ausgabe überrascht er auf Seite 172 mit einer Strecke über Blumen.

Gesine Schwan gehört zu Deutschlands führenden Politikwissenschaftlern. Bundesweit bekannt wurde sie 2004 durch ihre Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten, bei der sie Horst Köhler unterlag. Die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder fordert auf Seite 354 eine neue Bildungspolitik.

Matthias Matussek kam schon früh zu TEMPO-Ehren: 1989 schaffte er es neben Sascha Hehn und Michael Kühnen in die Top Ten der „100 größten Nervensägen der Nation". Er ging gestärkt daraus hervor und machte Karriere als Kulturchef des „Spiegel", seit Kurzem auch als Bestsellerautor („Wir Deutschen"). Auf Seite 230 betätigt er sich jetzt als TEMPO-Leserreporter und dokumentiert mit einem Fotohandy sein Leben zwischen Redaktionsalltag und Scrabble-Spiel.

Frank Schirrmacher wurde 1988 von TEMPO zu einem der „20 wichtigsten Deutschen für die 90er-Jahre" erklärt. Die Begründung: „Er ist einfach besser als die anderen. Er wird die intellektuelle Onanie der FAZ beenden und ihr Feuilleton zum Zentralorgan des kritischen Geistes machen." Mit Prophetie ist es ja so eine Sache – Schirrmacher jedenfalls wurde später tatsächlich FAZ-Feuilletonchef und -Herausgeber. Auf Seite 358 widmet er sich dem Thema „Feindschaften".

Feridun Zaimoglu gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Vor allem mit seinem letzten Roman „Leyla" ist er in die Riege der großen Erzähler vorgestoßen. In TEMPO schildert er erstmals, was im August diesen Jahres für Schlagzeilen sorgte: Zaimoglu und seine Mutter überlebten nur durch Zufall einen schweren Busunfall, bei dem 12 Menschen starben und 21 schwer verletzt wurden. Das Drama in der Türkei auf Seite 266.

Terry Richardson fotografierte früher mehrere große Fotostrecken für TEMPO. Eines nachts zog er mit Fotoredakteurin Oda Schäfer durch New York und stellte ihr seinen Vater vor: den Altmeister der Fotografie, Bob Richardson. Ende der 90er-Jahre avancierte Terry Richardson zu einem der spektakulärsten Fotokünstler der Welt. Er arbeitete für „Vogue", „Vice", „The Face", schoss Anzeigenkampagnen für Gucci, Hugo Boss, Levi's und Sisley. Für TEMPO begab er sich jetzt mit Olivier Zahm, Gründer des Magazins „Purple", auf eine Entdeckungsreise in die Welt des Rausches. Der Trip beginnt auf Seite 188.

Thomas Hüetlin verließ mit Freude seine Heimatstadt München, um 1988 TEMPO-Redakteur zu werden. Unter seiner ersten Geschichte „So tanzt Deutschland" stand versehentlich der Autorennname Hüstlin. Inzwischen weiß jeder, wie sein Name richtig geschrieben wird. Hüetlin erhielt den Kisch-Preis und ist heute London-Korres-pondent des „Spiegel". Auf Seite 114 widmet er sich dem Geheimnis um Kate Moss.

Lisa Feldmann kam Anfang der 90er-Jahre vom „Stern" zu TEMPO – und lernte dort einen höchst geräuschempfindlichen Chefredakteur kennen: „Ich erinnere mich, wie Jürgen Fischer versuchte, eine mechanische IBM-Schreibmaschine zu zertrümmern, weil ihn die Tastaturgeräusche störten." Spä-ter wurde Feldmann Chefredakteurin von „Cosmopolitan", heute leitet sie das Schweizer Frauenmagazin „Annabelle". Auf Seite 302 betrachtet sie ein außergewöhnliches Foto jener Frauen, die in der Modebranche die Fäden ziehen.

Michael Jürgs kennt die raue See des Journalismus. Erst steuerte er den „Stern"-Dampfer, 1992 übernahm er als vierter von fünf Chefredakteuren das TEMPO-Schnellboot. Seine Biografien über Romy Schneider und Axel Springer wurden zu verfilmten Bestsellern. Auf Seite 319 schreibt er, was sich in unseren Parteien ändern muss.

Jörg Thadeusz wollte ursprünglich Pfarrer werden. Zum Glück hat er es sich anders überlegt: Der vielleicht talentierteste, jedenfalls schlagfertigste TV-Moderator Deutschlands gewann im Jahr 2000 den Grimme-Preis für seine Beiträge zur Sendung „Zimmer frei". Heute moderiert er auf RBB seine eigene Talkshow „Thadeusz", außerdem schreibt er Romane und Zeitungskolumnen. Auf Seite 334 reformiert er das Fernsehen.

Johanna Adorj..n machte 1994 bei TEMPO ein Praktikum. Sie studierte damals Opern- und Theaterregie, hatte vom Schreiben wenig Ahnung und wurde zu ihrer ..berraschung sofort mit einer Titelgeschichte beauftragt. Das nicht ganz zufällige Thema: „Die nettesten Mädchen Deutschlands". Heute schreibt Adorj..n als Redakteurin bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und auf Seite 351 über die Zukunft der Stars.

Rufus Wainwright wäre ein TEMPO-Held gewesen, wenn es ihn vor 15 Jahren schon gegeben hätte. Weil wir nicht über ihn schreiben konnten, schreibt er jetzt für uns. Der kanadischstämmige Amerikaner tourte schon im Alter von 13 Jahren mit Schwester, Mutter und Tante als Folktruppe „McGarrigle Sisters and Family" durch die USA und zählt heute zu den großartigsten Musikern Amerikas. Er trat außerdem in den Filmen „Aviator" und „Heights" auf und war am Soundtrack von „Brokeback Mountain" betei-ligt. Zurzeit lebt er in Berlin, wo er ein neues Album aufnimmt. Auf Seite 324 hätte er eigentlich gleich über sich selbst schreiben können – die Zukunft des Pops.

Josef Joffe prophezeite1988 in TEMPO für das kommende Jahrzehnt: „Im Zeichen der Neuen Entspannung bröckelt das östliche Imperium an allen Rändern, die westlichen Demokratien lösen sich von ihrem amerikanischen Beschützer." Joffe, damals Außenpolitik-Chef der „Süddeutschen Zeitung", behielt Recht. Auf Seite 330 wirft der heutige Herausgeber der „Zeit" erneut einen Blick nach vorne und schreibt, was uns beim „Kampf der Kulturen" blüht.

Mario Sorrenti zählt zu den wichtigsten Modefotografen der jüngeren Generation. Zu Beginn der 90er-Jahre produzierte der gebürtige Neapolitaner mit Wohnsitz New York seine erste Anzeigenkampagne für Calvin Klein. Besondere Beachtung fanden seine „Model-Nudes" für „Vogue" und „Harper´s Bazaar", die heute im Victoria&Albert Museum in London hängen. Für TEMPO fotografierte er das wichtigste Model der Welt,
Kate Moss. Die außergewöhnlich zeitlosen Aufnahmen sind auf dem Titel zu sehen sowie ab Seite 114.

Gabor Steingart war TEMPO-Leser, ohne allerdings Mitglied der TEMPO-Szene gewesen zu sein. „Dafür war ich zu ernst, zu unkomisch, wahrscheinlich auch zu uncool", erinnert sich der heutige Bestsellerautor und Leiter des „Spiegel"-Hauptstadtbüros. Die Zeitschrift sei sein „Fernglas in eine mir fremde Welt der Feschen und Fröhlichen" gewesen. Bei der Einstellung des Blattes 1996 stellte sich dennoch Abschiedsschmerz ein. „Mit dem TEMPO-Tod war die Welt so ernst wie ich geworden, schade." Für diese Ausgabe verfasst Steingart einen Essay darüber, was sich in der Weltwirtschaft dringend ändern müsse. Sie finden ihn auf
Seite 336.

Klaus Biesenbach zählte als Chef der Berliner Kunstwerke zu den innovativsten Ausstellungsmachern des Landes. Vor Kurzem wurde er vom New Yorker Museum of Modern Art zum Chefkurator des neu eingerichteten Medien-Departments berufen. Auf Seite 327 beschreibt er, wie die Kunst zukunftsfähig werden kann.

Julian Röder ist Fotograf und Mitglied der Agentur Ostkreuz. Bekannt wurde er mit einer Fotostrecke über Globalisierungsgegner, zuletzt erhielt er mehrere Auszeichnungen für eine Reportage über den diesjährigen G8-Gipfel in St. Petersburg. Für die TEMPO-Jubiläumsausgabe fotografierte er die Slums von Europa. Ab Seite 128.

Tariq Ramadan gilt als einer der wichtigsten Vordenker des Islams. Er ist Professor in Oxford und Mitglied der „Gruppe der Weisen für den Dialog der Kulturen" bei der EU-Kommission. In seinen Büchern fordert er eine europäisch-muslimische Identität. Auf Seite 328 sagt er, wie der Islam sich verändern muss.

Andreas Herzau ist einer der besten deutschen Reportagefotografen. Er veröffentlichte gerade den Fotoessay „Deutsch Land" und arbeitet seit Jahren an seinem Projekt „Heureka Europa!" Für TEMPO begleitete er gemeinsam mit unserem Redakteur Benjamin von Stuckrad-Barre Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Ab Seite142.

Uwe Kopf zählte zu den Trademarks von TEMPO. Ab 1992 war er neben Peter Glaser und Maxim Biller der dritte Kolumnist des Blattes – in Fankreisen nannte man sie nur „KGB". Ab Seite 75 widmet sich Kopf mit gebotener Strenge den Idolen der TEMPO-Dekade. Auf Seite 240 knöpft er sich in einer Neuauflage seiner Kolumne die Große Koalition vor.

Daniel Josefsohn fotografierte in den 90er-Jahren für TEMPO und produzierte zwei unserer Werbespots. „Was halten Sie von TEMPO?" wurden rechtsradikale Schlägertypen und aggressive Rentner mit Schäferhund gefragt. Ihre Antwort: „TEMPO? Das ist doch keine Zeitschrift!" Slogan: „Genau!". Für die TEMPO-Jubiläumsausgabe castete Josefsohn über 100 Deutsche von der Straße und fotografierte sie für die „Looks des Augenblicks" (Seite 278).

Inga Humpe fasst die Magazinwelt der 80er-Jahre in drei Titeln zusammen: „Tempo, Sounds, ID – das war die Ruhe vor dem Internet-Info-Müllsturm." Sie gehörte selbst als Sängerin von Neonbabies und D..F zu den stilprägenden Figuren dieser Jahre. Seit sechs Jahren feiert sie mit 2raumwohnung große Erfolge („Sexy Girl"). Auf Seite 344 macht sie den Vorschlag, das „starke Geschlecht" in eine „Männeränderungsschneiderei" zu schicken.
February 6, 2007 - Tuesday 
Espresso, aber mit Milch. Karriere, aber kein Stress. Links, aber egal. Eine Generation von Jeinsagern hat die Kultur der letzten Jahre geprägt. Jetzt wird es Zeit, die Frühvergreisten um die 30 in den Ruhestand zu schicken.



An jedem Nachmittag in den Werbeagenturen und Redaktionskonferenzen, an jedem Abend in den Theatern: Das kollektive Wenn-dann. Ein einziges Würde-könnte. Das dauernde Hätte-sollte. Berlin ist im Zustand des Zauderns, und dieser Zustand hat gesellschaftliche Bedeutung.
Denn Berlin ist die Hauptstadt des ..bergangs und des Provisorischen, des Kompromisses und der Großen Koalition. Berlin ist die Hauptstadt der digitalen Boh..me, die in Caf..s und Hinterhöfen ihre virtuellen Firmen verwaltet, und des Prekariats, das auf dem Arbeitsamt mit ganz realen ..ngsten konfrontiert wird. Berlin ist voll von Menschen im historischen Nirwana und im biografischen Niemandsland. Bis zur Wende war Berlin die eigentliche Hauptstadt. Heute ist Berlin die Hauptstadt der Neuen Eigentlichkeit.
Diese Neue Eigentlichkeit ist die Ideologie der Stunde. Sie suggeriert Freiheit, wo doch nur Abhängigkeit besteht. Sie gaukelt Möglichkeiten vor, wo die Bedingungen für eine abgewogene Entscheidung fehlen. Sie feiert das Vakuum und verdeckt die Ratlosigkeit.
Die Neue Eigentlichkeit ist die Lebensform des flexiblen Kapitalismus. Es gibt ein paar Fibeln der Neuen Eigentlichkeit, Malcolm Gladwells Intuitionsmanifest „Blink" etwa, das davon erzählt, wie leicht und schnell wir Entscheidungen fällen; oder Benjamin Kunkels Unterentwicklungsroman „Unentschlossen", der davon erzählt, wie die Lebenslähmung im Grunde einer ganzen Generation nur durch ein Medikament behoben werden kann. Es gibt Schlagworte aus der Trendforschung wie „Optionismus", bei dem es darum geht, auf alle Veränderungen reagieren zu können; oder den Hybridbegriff von der „Simplexity", bei der es um eine „Balance aus wachsender Alltagskomplexität und persönlicher Zufriedenheit" geht. Es gibt Bands der Neuen Eigentlichkeit wie Tomte oder Kante, es gibt den Ja-aber-Schauspieler Daniel Brühl, es gibt die Allzweckwaffe der Flexibilität, das Apple-Notebook, und natürlich das Einheits- und Entscheidungsvermeidungsgetränk, den Latte Macchiato – viel Milch und trotzdem eigentlich recht starker Espresso.
Die Neue Eigentlichkeit ist eine Ideologie, die zum Lifestyle geworden ist. Und in Berlin führen besonders viele Menschen dieses Leben im Wartestand. Sie sitzen in Prenzlauer Berg in Ladenbüros, die aussehen wie ein Modeladen, der eigentlich eine Galerie ist, die eigentlich ein Architekturbüro ist, das eigentlich ein Restaurant sein soll. Sie teilen sich ihre Jobs und ihre Wohnungen und ihr Leben und verharren bis weit über die 30 hinaus im Stadium einer gemütlichen und etwas behäbigen Jugendlichkeit. Sie sind Popstars, die Kellner sind, oder Praktikanten, die noch eine zweite Karriere suchen. Sie sind die Kinder dieser zwei so uneigentlichen Staaten BRD und DDR, die so vorübergehend waren und auf Zeit gebaut, dass so etwas wie Dauer erst einmal nur eine diffuse Sehnsucht ist. Sie haben in der Postmoderne und der Globalisierung gelernt, dass der flexible Mensch täglich neu an seiner Bastelbiografie arbeitet und seinen Lebenslauf als sein Projekt sieht – und nicht das Leben. Sie bevölkern Zwischenorte, geistig und räumlich, Frühstück ist für sie das neue Mittagessen, das Caf.. ist das neue Wohnzimmer, der Laptop ersetzt das Büro, und im Internet gelten eh keine Uhrzeiten.
Sie sagen sehr oft „eigentlich" und meinen damit das, was sie nicht tun, nicht haben, nicht sind. „Eigentlich sollten wir erwachsen werden", so lautete bis zu diesem Jahr der Slogan, mit dem die Zeitschrift „Neon" für sich warb – es ist immer noch das Zentralorgan jener Gefühligkeit, die diese schwammigen Nullerjahre ausmacht, die uns mehr umgeben, als dass wir in ihnen leben. Und dass „Neon" irgendwann diesen Spruch nicht mehr auf ihr Titelblatt druckte, heißt doch nur, dass sich dieser Gedanke der Neuen Eigentlichkeit längst durchgesetzt hat.
Besonders die Menschen, die heute zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, haben es sich bequem eingerichtet in dieser Blase, hinter der die Wirklichkeit verschwindet. Sie hören Musik, die wabert; sie essen Gerichte, die „fusion" sind; sie leben wie in einer großen Lounge, die nur gelangweilte Wohlstandskinder hinein-
lässt. Manchmal merken sie, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie immer nur indische Naan-Pizza essen oder Tom Ka Gai schlürfen, dann treffen sie sich in Restaurants mit deutschen Namen und rustikalen Holztischen und verschlingen riesige Portionen jener Hausmannskost, wegen der sie doch aus den Dörfern und Kleinstädten ihrer Jugend in die Metropolen gezogen sind. Es gibt diese Menschen in Stuttgart und München, in Hamburg und Köln. In Berlin aber ist aus den einzelnen Menschen eine Lebenshaltung erwachsen.
Alles ist in dieser Stadt Berlin auf Pump, sogar die Gegenwart wirkt wie geliehen, die unbestimmte Zukunft wird stets erneut vertagt. Und die Menschen sind wie ihre Stadt. „Eigentlich bin ich ganz anders", heißt es in ..dön von Horv..ths trauriger Komödie „Zur schönen Aussicht" aus dem Jahr 1926, „aber ich komme so selten dazu." Das ist der Stand dieser Stadt, dieser Menschen und dieses Landes, dessen Hauptstadt Berlin ist. Wobei die Gegenwart auch hier mal wieder ein einziges Missverständnis ist. Denn das kleine Wort „eigentlich", mit dem heute vor allem milchkaffeetrinkende Menschen jeden zweiten Satz beginnen, bedeutet in der umgangssprachlichen Praxis etwas vollkommen anderes als das, was Adorno meinte, als er mit Blick auf das Nachkriegsdeutschland vom „Jargon der Eigentlichkeit" sprach. Adorno entdeckte nach seiner Rückkehr aus Amerika im deutschen Denken, in der „deutschen Ideologie", wie er das nannte, einen Drang nach Echtheit, nach Authentizität, nach „mit sich selbst identisch sein" – die Suche nach dem Eigentlichen war für ihn ein antiintellektueller Reflex, der sich hinter Worten wie „echtes Gespräch", „Bindung", „Begegnung", „Anliegen" oder „Aussage" verbarg. Adorno bezog sich in seiner Kritik auf Martin Heidegger und „den dunklen Drang der Intelligentsia vor 1933": Die „Neue Eigentlichkeit" ist erst einmal eine Spur harmloser – die Menschen aber wollen sich im Grunde genauso existenziell wohlfühlen wie in früheren Zeiten.
„In Deutschland wird ein Jargon der Eigentlichkeit gesprochen, mehr noch geschrieben, Kennmarke vergesellschafteten Erwähltseins, edel und anheimelnd in eins", so beschreibt Adorno die späten 50er-Jahre. Und während dieser Jargon „überfließt von der Prätention tiefen menschlichen Angerührtseins, ist er unterdessen so standardisiert wie die Welt, die er offiziell verneint". Was hier etwas kompliziert klingt, bedeutet in Wahrheit nichts anderes, als dass auch heute nur der „eigentlich" leben kann, der es sich leisten kann; und dass wir auf dem direkten Weg zum Innerlichkeitskult der 50er-Jahre sind.
So betrachtet, und Adorno ist ja kein dummer Mann, wird aus der gesellschaftlichen Avantgarde, als die sich etwa die digitale Boh..me gern sieht, eher so etwas wie die Fußtruppe des Kapitalismus 2.0 – und all die trainingsjackentragenden Slacker, die Mittdreißiger mit vier verschiedenen Karriereoptionen, die Exis-tenzgründer auf Wohnzimmerlevel, die Mädchen mit den schwedischen Röhrenjeans und dem 80er-Jahre-Pony, die müden Fotografen und Freiberufler und mondänen Feingeister: Sie alle werden zu Komparsen in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht selbst bestimmen. Auch wenn sie das denken. Denn die Eigentlichkeit, so wie sie Adorno beschreibt und wie sie noch heute funktioniert, ist eine Ideologie, die natürlich, dafür sind Ideologien ja da, den Herrschenden dient.
Die Neue Eigentlichkeit ist auf ganz andere und doch ähnliche Weise geprägt von der Suche nach Unmittelbarkeit und Authentizität. Sie überhöht den Alltag auf eine fast neoromantische Art und Weise, sie gibt dem Banalen den Anstrich des Edlen und Erwählten, sie kuschelt sich in Worthülsen, die die Wirklichkeit verbergen. Sie ist eine konservative Ideologie, die die Vorstellung von der Veränderbarkeit der Welt im Ungefähren hält oder gleich ignoriert – und damit linkem Denken die Grundlage entzieht. Was so heiter und entspannt wirkt, wenn man in Prenzlauer Berg in die großen Glasfenster der Caf..s schaut und dort die Web-Existenzen vor ihren Computern sieht, ist in Wahrheit so etwas wie der Blick in ein Aquarium voll von toten Fischen.
Die Neue Eigentlichkeit ist das Denkgebäude eines Landes, das zwar von Geschichte durchzuckt wird, aber im politischen Stillstand verharrt. Sie ist das geistige Pendant zu einer Gro-ßen Koalition, die ihre Perspektiven im Nebel verschwinden lässt. Sie hält eine ganze Generation in selbst verschuldeter Abhängigkeit.
Selbst Dwight Wilmerding, der Held in Benjamin Kunkels Roman „Unentschlossen", schafft es am Ende, seinem Leben eine Richtung, eine Perspektive zu geben. Für ihn heißt es Widerstand, Weltveränderung und sogar Weltverbesserung.
Er ist ein hoffnungsloser Idealist. Aber von der Sorte, die auch Adorno gefallen hätte.

GEORG DIEZ
February 6, 2007 - Tuesday 
Unser Verhältnis zum Rausch war noch nie so nüchtern wie heute, aber es ist noch nicht nüchtern genug. Wenn die Gesellschaft endlich eine wirklich entspannte Einstellung zu Drogen fände, wäre uns allen geholfen.



Glaubt man dem Briten David Pearce, so stehen der Menschheit glückliche Zeiten bevor, wenn sie sich nur durchringen kann, ausreichend Drogen zu konsumieren. Pearce neigt zum Ausufern, doch in groben Zügen argumentiert er so: Seit Jahrtausenden leben wir im Spannungsverhältnis von Glück und Schmerz, Euphorie und Depression. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Nur durchlittener Schmerz lässt das Glück als solches erkennbar werden. Und auch: ohne Kater kein Rausch.
Das muss nicht sein, verkündet Pearce in seinem Manifest „Hedonistic Imperative" (www.hedweb.com) und damit auch das Ende dessen, was er das „darwinistische Zeitalter" nennt: Der Dualismus von positiven und negativen Empfindungen sei evolutionär notwendig gewesen, könne nun aber überwunden werden. Pearce hat nicht weniger im Sinn, als die Menschheit in einen Zustand permanenten Glücks zu versetzen. Drei Maßnahmen seien dafür zu erwägen: Erstens die Verkabelung von möglichst vielen Individuen zum Stimulieren der Gehirnströme und Belohnungszentren. Das findet er als Vision ein wenig beängstigend. Zweitens nanotechnologische und zugleich flächendeckende Eingriffe ins Erbgut. Das scheint ihm eine endgültige, wenngleich noch ferne Lösung zu sein. Als dritte Maßnahme, zeitnah und Erfolg versprechend zugleich, plädiert er für den Einsatz von Drogen.
Pearce selbst ist ein hemmungsloser, wenn auch wählerischer Konsument verschiedener Euphorika. Für das Mittel Amineptine, das in den vergangenen Jahren vom Hersteller Survector sukzessive auf der ganzen Welt vom Markt genommen wurde, reiste er eigens nach Brasilien, um dort noch erhältliche Rationen auf Vorrat zu kaufen. Es ist ein milder Stimmungsaufheller, aber im Gegensatz etwa zu Prozac ohne dämpfende Wirkung auf Aktivität oder Sexualtrieb. Pearce ist klar, dass weder die zahlreichen illegalen, geschweige denn die frei gehandelten Drogen die Präzision haben, die für seine Zwecke notwendig sind – die empathogene Wirkung von Ecstasy etwa werde mit Nervenschäden bezahlt. Aber er ist sicher: Wäre die Forschung erst mal frei, dann könnte man die Menschheit auf ein völlig neues Niveau der Zufriedenheit heben.
Was aber geschieht, bis sich Politik und Biochemie grundlegend gewandelt haben? Solange also Drogen zwar überall und preisgünstig erhältlich sind, aber eben oft von höchst zweifelhafter Qualität sind? In den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis zu Drogen stark verändert. Wurde ihre Einnahme früher verbunden mit Avantgardegedanken, Rebellentum oder der Hoffnung auf wirklichkeitsverschiebende Wahrnehmungsdehnungen, so ist man heute seltsam unaufgeregt. Die Nutzung von Drogen ist zur gesellschaftlichen Norm geworden. Zeit also, das Thema Rausch nüchtern zu betrachten.
Natürlich kann man die Bilder abstoßend finden, die der amerikanische Fotograf Terry Richardson für Tempo gemacht hat. Ein Mann nimmt große Mengen Alkohol – die beliebteste Kontrollverlustdroge – zu sich, bis er Scham, Balance und Kleidung (nicht jedoch die Sonnenbrille) verliert, und lässt sich fotografieren. Man sieht seine Gesichtzüge sinnlos glücklich werden, man sieht ihn am Boden kriechen, und seinen weichen Bauch. Der Mann heißt Olivier Zahm, der in der Modebranche hoch angesehene Herausgeber des Magazins „Purple"; der Fotograf selbst hat eine lange Geschichte multitoxischer Ex-zesse hinter sich und ist seit zwei Jahren clean.
Was diese Bilder auszeichnet, ist das Einverständnis des Berauschten, denn Rauschfotografie ist traditionell Reportage- oder Paparazzi-Fotografie, bei der es darum geht, den Moment zu erhaschen, in dem den Menschen die Kontrolle entgleitet. Die Fotografin Roxanne Lowit etwa oder der Künstler Andy Wahrhol verstanden es, diese Momente zu finden und als Glamour zu verkaufen. Aber das spielte sich in Jahren und Mili-eus ab, in denen Kokain als harmlose Sexdroge galt.
Heute hat sich das Wesen von Prominenz verändert. Da jeder bekannte Mensch mit mindestens einem Großkonzern geschäftlich verbunden ist, dessen Produkte auch Provinzlern, Großfamilien und religiösen Eiferern verkauft werden müssen, nehmen die Stars ihre Drogen heimlicher, abgeschirmt von PR-Leuten. Bis ihre berühmten Schützlinge dann mal wieder auf Heroin die erste Klasse eines Linienfluges terrorisieren, im Alkoholrausch antisemitische Sprüche grölen oder auf GHB in ihrem SUV einschlafen. Die danach öffentlich gezeigte Reue ist nicht etwa ermüdend, weil sie eine Doppelmoral verrät – die könnte rührend oder sogar sexuell stimulierend sein –, sondern weil die Inszenierung von Sünde und Vergebung so altmodisch ist.



Jahrelang wusste jeder, dass das Fotomodell Kate Moss abgesehen von ihrem Alkoholismus auch ziemlich viel Kokain nahm. Erst als sie mit einer Handykamera dabei fotogra-fiert wurde, wie sie ein paar Lines schnupfte, war das ein weltweiter Skandal, der sie kurzfristig ein paar Werbeverträge kostete. Schon wenig später waren die Kunden zurück und die Einnahmen von Kate Moss noch höher als vor der Affäre. Was nur eines beweist: Menschen, die Drogen nehmen, sind interessanter, schöner, wertvoller.
So haben ihre Drogengeständnisse weder Jack Nicholson noch Xavier Naidoo geschadet und auch Whitney Houston würde man ihre dramatischen Crack-Eskapaden sofort verzeihen, wenn sie nur wieder zu Verstand und Stimme käme, ein tränenreiches Geständnis und ein sauberes Comeback-Album hinlegen würde. Denn anders als Politiker und Drogenbeauftragte weiß das Publikum, was es von seinen Dienstleis-tern zu erwarten hat: ein gutes Produkt, keine saubere Weste. Der eine oder andere drogenbedingte Aussetzer kann dazu gehören, schließlich hat abweichendes Verhalten Unterhaltungswert, wenn auch der Konsum illegaler Drogen sein rebellisches Pathos verloren hat. Die Ideologie des „live fast and die young" jedenfalls scheint überholt: Der letzte große Popstar in der langen Reihe derer, die mit 27 und unter Drogeneinfluss starben, war Kurt Cobain. Und das ist über zwölf Jahre her.
Mit dem Tod Kurt Cobains endete die große Epoche romantischer Drogensucht. Ob Novalis, Lord Byron und Thomas De Quincey – sie wollten nicht mehr an eine Erlösung im Jenseits glauben, sondern suchten sie sofort und mittels Rausch. Baudelaire sprach deshalb auch von den „künstlichen Paradiesen". Dafür eigneten sich ganz besonders das Opium und das Haschisch – Drogen, die die Stimmung heben, die aber auch beruhigen. Mit der Entdeckung des aufputschenden Kokains begann man, den Rausch auch aufs Diesseits einwirken zu lassen.
Ein Vorreiter dieser neuen Drogenpraxis war Sigmund Freud. Die Einnahme von Kokain beflügelte den Wiener Arzt zu besonderen sexuellen und intellektuellen Leistungen und gipfelte in seiner Theorie der Psychoanalyse. Und tatsächlich ist diese ja mit dem Koksrausch verwandt: Das Wühlen in der eigenen Vergangenheit, der Glaube, dass es die Lösung sei, Dinge auszusprechen, die Unermüdlichkeit. Ein dreistündiges Gespräch auf der Toilette eines Clubs, unterbrochen vom „Nachlegen" in immer schnelleren Intervallen, fühlt sich zumindest währenddessen katharsisch und heilsam an wie eine Blitzanalyse.
Nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Grausamkeit Zweifel am Charakter der Zivilisation geweckt hatte, waren Drogen weit verbreitet. Die kreative Avantgarde – von Klaus Mann über die Nackttänzerin Anita Berber bis hin zu den Dada-Künstlern – nahm, was sie kriegen konnte. Toxikologische Befreiung war, wie die sexuelle, ein Gegenmodell zu Kirche und Obrigkeitsstaat.
Im Zweiten Weltkrieg dann waren es vor allem die Herrscher, die sich berauschten. Hitler ließ sich in seinem letzten Jahr bis zu zehn Methamphetaminspritzen am Tag setzen, Winston Churchill betrachtete die Bombardierung Londons auf Opium. Ihren Jungs an der Front schickten sie Amphetamin zum Durchhalten und Morphium gegen die Schmerzen. Wie überhaupt Kriege historisch immer auch Verbreiter von Drogen waren. Von den Kreuzrittern, die das vom Chris-tentum verdrängte Opium zurück nach Europa brachten bis zu den heroinsüchtigen Heimkehrern aus Vietnam. Historisch gesehen sind die effektivsten Dealer Krieg führende Staaten – auch solche, die offiziell den Drogenkrieg erklärt haben.



Aber die wirklich große Zeit der Drogen begann natürlich in den 60ern. Damals entdeckte man Halluzinogene wie LSD und Meskalin als Instrumente einer geistigen Erweckung und versuchte, deren Verbot entgegenzuwirken, indem man sich auf das Recht der Religionsfreiheit berief. Die Menschen hätten schon immer berauschende Pflanzen zu sich genommen, allerdings in einem rituellen, schamanis-tischen Rahmen. Der müsse nur wiederhergestellt werden. Entsprechend unterschied man zwischen bewusstseinserweiternden guten und zudröhnenden schlechten Drogen. Gut, wer sich Zeit mit seinem Rausch ließ und ihn nutzte, um Erleuchtung und Frieden zu finden, schlecht, wer die Drogen schnell und gierig schlang wie Fastfood. So klang zumindest die Rhetorik. Tatsächlich kannte der damalige Harvard-Dozent Timothy
Leary bei seinem Kreuzzug für LSD kaum Grenzen: Er wollte möglichst schon dem Kleinkind die Droge verabreichen und glaubte, damit auch Homosexuelle heilen zu können.
Doch warum sollen ausgerechnet Substanzen, die die Wahrnehmung verzerren, als Instrumente der Erweckung taugen? Weil Religion selbst nichts anderes ist als eine kollektive Halluzination oder, wie Karl Marx meinte, „Opium fürs Volk"? Was das Christentum für ein fernes Jenseits verspricht, das lösen Drogen sofort ein. Deswegen muss jede monotheistische
Religion eifersüchtig den Drogenkonsum unterbinden, wobei sie in der Regel ein bis zwei Schlupflöcher lässt (Alkohol im Christentum, Cannabis in Teilen des Islam). Denn der Rausch ist nicht der billige Abklatsch der religiösen Erlösung, sondern umgekehrt: Erst lernten Menschen das momentane Glück der Drogen kennen, dann erst erschufen sie nach dessen Abbild das Jenseits. Die „künstlichen" sind die wahren Paradiese.
Aus den blumigen Utopien der Hippies wurde in den 70er-Jahren, dem freiesten Jahrzehnt der westlichen Zivilisation, der stellenweise düstere, stellenweise hysterische Lebensstil, den man vage mit den Versprechen des Rock'n'Roll verband. Während Hollywood kollektiv im scheinbar gefahrlosen Kokainrausch schwelgte, schwärmten Teenager wie die als „Christiane F." bekannt gewordene Vera Christiane Felscherinow für den Heroinkult von David Bowie und folgten ihm in die Sucht. Drogen waren, neben dem Terrorismus, die letzte Form des Protests gegen die Gesellschaft.
Noch einmal zu utopischen Höhen schwang sich die bereits 1912 synthetisierte, aber erst in den späten 80er-Jahren von Ibiza aus groß gewordene Substanz MDMA auf. Im Unterschied zu allen anderen Drogen war es die gemeinschaftsstiftende („kuschelige") Wirkung von Ecstasy, die den Nutzern bis dahin nicht gekannte kollektive Glückserlebnisse schenkte. Doch auch der Traum von der „ravenden Gesellschaft" ist folgenlos versickert wie der Urin der Love-Parade-Besucher im Tiergarten.
Drogen erscheinen heute den meisten Benutzern von allem ideologischen Ballast bereinigt. Und auch die, die die Drogen bekämpfen, können sie kaum noch einfach verteufeln. Das Rauchen von Haschisch ist noch nicht einmal mehr ein Kavaliersdelikt, über die Abgabe von Heroin an Süchtige wird diskutiert, Ecstasy wird bei Angstpatienten eingesetzt und an der Johns Hopkins University in Baltimore wurden zum ersten Mal seit Jahrzehnten auch wieder Experimente mit psychedelischen Drogen unternommen – die Probanden empfanden tiefe Ehrfurcht, Freude und Liebe.
In einer globalisierten Welt bahnt sich ohnehin jede Ware ihren Weg. Dass der Drogenkrieg nicht gewonnen werden kann, ist schon lange klar. Dabei haben gerade die USA vorgeführt, wie ein Staat den Rauschgiftkonsum steuern kann: durch beschränkte Verbote und hohe Besteuerung. Die Anzahl der Raucher ist daraufhin deutlich zurückgegangen, das öffentliche Leben ist weitgehend nikotinfrei. Solange die Drogen aber illegal bleiben, kann der Staat auch keine Steuern erheben und sie bleiben relativ billig. Ein ordentlicher Schuss Heroin kostet zehn Euro, ein Gramm Haschisch sogar nur fünf – das kann sich jeder leisten. Und auch wer sich Teureres gönnt, ist darum nicht unbedingt besser dran. Kokain wird wegen seines hohen Preises mit schädlichen Streckmitteln versetzt und macht genauso süchtig wie das zehnmal billigere Speed.
Doch die meisten, die heute illegale Drogen nehmen, werden davon, anders als von Nikotin, nicht süchtig. Sie berauschen sich weder, um zu Gott zu finden, noch, um sich der Gesellschaft, den Eltern oder der eigenen Zukunft zu verweigern. Sie ballern sich gelegentlich weg, um abzuschalten oder, im Gegenteil, endlich mal richtig aufzudrehen. Das Geld, mit dem sie am Freitagabend Drogen kaufen, haben sie sich in der vorangegangenen Woche hart verdient. Noch mehr als mit dem Paradies hat der Rausch für sie mit einer jüngeren zivilisatorischen Errungenschaft gemein: dem Urlaub. Drogen versprechen ihnen einen wenige Stunden langen Abstecher in eine fremde, abwechslungsreiche Welt ... und alle Freunde kommen mit.



Ein Prototyp dieser Extremurlauber ist der britische Musiker Pete Doherty. Zwar scheinen seine notorischen Drogengewohnheiten wie eine Fortsetzung suizidaler Rockkarrieren. Tatsächlich ist er eher ein postmoderner Wiedergänger: Er zitiert die Form der Selbstzerstörung, aber ein Happy End mit Supermodelfamilie scheint am wahrscheinlichsten. Pete Doherty ist ein Freeclimber, der zwar den Absturz riskiert, auf den am Gipfel aber das Trophy Girl wartet.
Im Englischen gibt es die Bezeichnung „recreational drugs", die sehr genau erfasst, worum es letztlich geht: um Erholung. Nicht unbedingt körperliche, aber geistige. Wer am Montag früh stark verkatert zur Arbeit antritt, den lässt das schlechte Gewissen die stumpfen Aufgaben wieder eifrig verrichten. Drogen verheißen den Menschen kein wahrhaftigeres, aber ein aufregenderes, lustigeres Leben. Nicht anders als bei den Katzen, die nach der Katzenminze gieren, oder den Schweinen, die nach Trüffeln stöbern. Der amerikanische Psychopharmakologe Ronald K. Siegel spricht vom Rauschbedürfnis als dem „vierten Trieb" des Menschen – neben dem Verlangen nach Nahrung, Schlaf und Sex.
Die heutige Gesellschaft gestattet beim Streben nach Glück jedmögliche Manipulation am Selbst: Diäten, Schönheitsoperationen, Psychotherapien und die Gentechnik. Wie kann man aber, wenn Brustvergrößerungen erlaubt sind, den Handel mit Rauschgiften noch unter Strafe stellen? Beide verändern Körper und Seele, bergen Risiken und sind unbedingt modern.



Ingo Niermann und Adriano Sack veröffentlichen im Februar ihr Buch „Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer" bei Eichborn.